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Die patristische Auslegung des Evangeliums nach Matthäus 16:18

25. November 2010
Die Frage nach dem Primat des Papstes ist in der Geschichte der Römischen Kirche zentral und behindert schon über ein Jahrtausend lang den aktiven Dialog zwischen Ost- und Westkirche. Bei der Besprechung dieses Themas verweist die katholische Seite auf die Worte des Heilandes, in denen die Theorie des Papsttums angeblich begründet wird.  Der Autor des folgenden Artikels, Diakon Anton Odaysky (Cannes, ROKA), zieht die Heiligen Väter zu Rate, die eine eindeutige Antwort auf die Frage geben, ob das Evangelium das Primat des Römischen Bischofs wirklich begründet.

 

Aber auch ich sage dir, daß du bist Petrus; und auf diesen Felsen
will ich meine Versammlung bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen.

Matthäus 16:18

Hier im postchristlichen Westen[1] landen Gespräche mit Katholiken häufig bei der Frage nach dem römischen Papst und der Rolle des Apostels Petrus für die Kirche, wobei die katholische Seite zur Begründung des Papsttums reflexhaft Mt. 16:18 zitiert. Doch spricht das Evangelium wirklich von einer Sonderstelle und -rolle des Apostels Petrus unter den Aposteln als von den Fundamenten des Papismus? Das ist eine große Frage, die in der patristischen exegetischen Tradition eine klare Antwort findet.

Der evangelische Text von Mt. 16:18 ist einer der wichtigsten für den Ausdruck der Unverbrüchlichkeit der Kirche und ihrer Unüberwindbarkeit durch die Kräfte des Bösen. Diese Eigenschaften sind ihr festes unerschütterliches Fundament. Das richtige Verständnis dieses evangelischen Verses ist heute für die dringend notwendige orthodoxe Verkündigung im christlichen Westen, der schwer unter der Säkularisierung des Glaubens und des Vergessens der evangelischen Werte leidet, besonders wichtig. Eine bestimmte Auslegung der Worte Jesu Christi in diesem evangelischen Abschnitt vermag ein günstiges Fundament zur Bildung einer besonderen konfessionellen Meinung  zu errichten – nämlich der Theorie des Papsttums, die ein ernsthaftes Hindernis auf dem Weg zur Einheit der Christen darstellt.[2]

Diese Arbeit hat das Ziel, die patristische Auffassung des Evangeliums nach Mt. 16:18 aufzuklären und ihre konfessionellen Interpretationen sowie auch deren Quellen und Folgen zu erörtern.

Der Hauptunterschied in der Interpretation, der die konfessionelle Aufsplitterung und Trennung der christlichen Gemeinden von der katholischen Einheit der Kirche befördert, liegt in den unterschiedlichen Auffassungen des Fundaments, eben dieses unverbrüchlichen „Felsens“, auf dem die Kirche errichtet werden sollte, sowie auch der Rolle des Apostels Simon, dem Fels (Petrus) unter den Aposteln und für die Kirche insgesamt. Wenn wir die Umstände betrachten, unter denen Jesus sich mit den erwähnten Worten an den Apostel wandte und ihn Petrus nannte (gr. Petroz, maskulin), sehen wir, dass der Anlass das feste Bekenntnis der Göttlichkeit Jesu durch den Apostel (Mt. 16:13-16)[3] war. Sie, die Göttlichkeit Christi, ist eben der Fels (gr. petra „Fels“, feminin) des Glaubens, auf dem Christus seine Kirche baut (auf diese deutliche Unterscheidung zwischen Apostel Simon-Petroz in den Evangelien und Fels-petra in der Paronomasie Mt. 16:18, wies bereits der Hl. Augustinus hin). Nichtsdestotrotz beruft sich die Katholische Kirche auf eine eigenartige Auslegung von Mt. 16:18, um die außerordentliche (einst absolute) Macht der römischen Päpste zu begründen, indem sie dem Apostel Petrus eine einzigartige, grundlegende Rolle in der Kirche sowie außerordentliche Macht und Befugnisse zuschreibt, die von ihm auf die römischen Päpste übertragen werde. Zum Beispiel nannte Papst Stefan sich bereits zur Zeit der Verfolgung unter Kaiser Decius „der Bischof der Bischöfe“ und äußerte damit eine damals schon in Rom zu beobachtende Auffassung (dabei versuchte er seine Brüder, die anderen Bischöfe, zu exkommunizieren, weswegen er letztendlich auf deren Abwehr stieß: „Indem du denkst, dass alle von dir exkommuniziert werden könnten, hast du allein dich selbst exkommuniziert“). Des Weiteren verkündigte Papst Innocentius im 5. Jahrhundert, dass „ohne den Verkehr mit der römischen Kathedra nichts entschieden werden“ könne und „insbesondere in den Angelegenheiten des Glaubens alle Bischöfe sich an den Apostel Petrus wenden“ müssten – also an den Römischen Bischof. Im 7. Jahrhundert tat Papst Agatho kund, dass der Römische Bischof nie gesündigt hätte und gar nicht sündigen könnte[4]. Doch inwiefern sind diese Ideen des aufkommenden Papismus in der Heiligen Schrift begründet? Waren solche päpstliche Anschauungen durch die Heiligen Väter der „ungeteilten“ Kirche in ihren Auslegungen von Mt. 16:18 wirklich gedeckt?

Eusebius von Caesarea  (†340), Vater der kirchlichen Geschichtsschreibung, der diesen evangelischen Abschnitt in seinen Kommentaren zu den Psalmen erwähnt, hält Christus selbst für das Fundament der Kirche (H petra de hn o Cristoz)[5]. Damit folgt er den bekannten Texten der apostolischen Sendeschreiben  (1 Kor. 10:14 und 1 Kor. 3:11) und dem Apostel Paulus (Eph. 2:20), nach denen neben dem Heiland auch die Predigt der Propheten und der Apostel (eita met¢ auton qemelioi thz Ekklhsiaz projhtikoi kai apostolikoi logoi) als Fundament der Kirche angesehen werden kann, wobei „Jesus Christus selbst der Grundstein“ ist. Der besondere Wert dieser Behauptung besteht darin, dass Eusebius von Caesarea,  bei allen religiösen Umwegen und dogmatischen Unsicherheiten, die er auf dem Ersten Ökumenischen Konzil an den Tag gelegt hatte, Jesus Christus und den Glauben an seine Göttlichkeit als Fundament der Kirche bezeichnete, womit er wahrscheinlich die allgemeine Meinung der Frühen Kirche äußerte.

Der Hl. Mönch Hilarius von Poitiers (†367), der dank seiner aktiven Tätigkeit zum Schutz der Orthodoxie gegen die Arianer in Gallien „Athanasius des Westens“ genannt wurde, sieht den Fels, auf dem die Kirche errichtet ist (super hanc igitur confessionis petram Ecclesiae aedificatio est)[6], im festen Bekenntnis aus dem Munde des glückseligen Simon Bar Jona. Das unbewegliche Fundament (immobile fundamentum) ist der Fels des glückseligen Glaubens Petri, zu dem er sich bekannte (una haec felix fidei petra Petri ore confessa)[7].

Der Hl. Hierarch Gregor von Nyssa (†394), einer der drei großen „Kappadokier“, erteilte Simon kein besonders warmes Lob, denn dieser sei „nur ein Fischer“ gewesen, sondern nennt den festen Glauben (alla proz thn ekeinou pistin thn sterean) das Fundament der gesamten Kirche[8].

Auch der Hl. Hierarch Ambrosius von Mailand (†397), einer der größten lateinischen Kirchenlehrer, der den Seligen Augustinus zum Christentum bekehrte und Einfluss auf den Kaiser Theodosius den Großen ausübte, sieht den Glauben als das Fundament der Kirche an (Fides ergo est Ecclesiæ fundamentum), da nicht vom Leib Petri, sondern vom Glauben gesagt worden sei, dass des Hades Pforten ihn nicht überwältigen würden (non enim de carne Petri, sed de fide dictum est, quia portæ mortis ei non prævalebunt)[9]. Im Weiteren nennt dieser Hl. Hierarch Christus den Fels; dabei folgt er dem Gedanken des Apostels Paulus im Sendschreiben an die Korinther (1 Kor. 10:4). Der Hl. Ambrosius von Mailand ruft jeden Christen dazu auf, sich Mühe zu geben und zum Fels werden. Der Christ solle sich nicht einen äußeren Fels suchen, sondern in sich selbst. Sein Fels seien die guten Werke und Gedanken, und auf diesem Felsen sei das Haus gebaut. Sein Fels sei sein Glauben und dieser das Fundament der Kirche[10]. Solche allegorische Auslegung der asketischen Richtung ermöglichen es ebenfalls nicht, den Apostel Petrus als das Fundament der Kirche anzusehen. Die wichtige Aussage des Hl. Hierarchen Ambrosius (Ubi Petrus, ibi Ecclesia; „wo Petrus, da Kirche“)[11] sollte im Zusammenhang mit den patristischen ekklesiologischen Positionen verstanden werden, nach denen das Bischofsamt sich in jedem Bischof voll verkörpert und jeder Bischof über Petri Gabe der Bildung der Kirche verfügt, wie wir im Weiteren ausführlicher erörtern werden.

Der Hl. Hierarch Epiphanius von Salamis (†403), tatkräftiger Entlarver der Häresien, bringt den Apostel Petrus und seinen Glauben etwas näher zusammen. Einerseits sei der Apostel Petrus der erste unten den Aposteln (ton prwton twn apostolwn) und der feste Fels (thn petran thn sterean), auf dem die Kirche Gottes gegründet sei (ef’ hn h Ekklhsia tou Qeou wkodomhtai)[12]. Aber andererseits „ist der Heilige Petrus, der unten den Aposteln dominiert (korujaiotatoz twn apostolwn), für uns wahrhaft ein fester Fels (sterea petra), auf dem der Glaube an den Herrn befestigt worden und auf dem die Kirche in allem aufgebaut ist“.[13] Im Weiteren zitiert der Hl. Hierarch Epiphanius Mt. 16:18 und erklärt die Worte des Herrn nach dem Bekenntnis des Petrus: „Auf diesen Felsen des unerschütterlichen Glaubens will ich meine Versammlung bauen“  (Epi th petra tauth thz asjalhz pistewz oikodomhsw mou thn Ekklhsian)[14]. Den höchsten Ausdruck der apostolischen Überlieferung sieht der Hl. Hierarch Epiphanius im Glaubensbekenntnis (jedoch nicht in der Person des Apostels Paulus) nach den Vätern des Nizäischen Konzils: „Dieser Glauben wurde von den heiligen Aposteln überliefert und in der Kirche in der heiligen Stadt (en Ekklhsia th agia polei) einstimmig von allen damals gegebenen heiligen Bischöfen, in Anzahl über dreihundertzehn [befestigt]“ [15].

Der Hl. Hierarch Johannes Chrysostomos (†407), der Autor der Liturgie, die in den orthodoxen Kirchen unveränderlich immer und überall zelebriert wird, sieht als Fels, auf dem die Kirche erschaffen ist, das Bekenntnis (th pistei thz omologiaz) zur Göttlichkeit Jesu Christi des Apostels Petrus. Nachdem der Apostel Petrus sich zu IHM, Christus, den Sohn Gottes, bekannt hatte, nannte Christus den Sohn des Jona “Petrus“, um zu zeigen, dass er eines Wesens mit dem ihn Zeugenden ist, und danach fügte Jesus Christus die Worte über die Errichtung der Kirche auf diesem Glaubensbekenntnis (epi thz omologiaz) zu Seiner Göttlichkeit an[16]. Die Tatsache, dass der Hl. Hierarch die allegorische Auslegung dieses evangelischen Textes für den Ausdruck des fundamentalen theologischen Postulates über die Wesensgleichheit des Vaters und des Sohnes benutzte, lässt keine Möglichkeit zu einer „geradlinigen“ Auslegung, also zu der Vorstellung, dass der Apostel Petrus ausschließliches Fundament der Kirche sei, aus dem die Päpste ihre Ansprüche ableiten.

Der Hl. Hieronymus von Stridon (†419), Übersetzer der Heiligen Schrift ins Lateinische und Erschaffer der Vulgata, sieht als Fels die Gründung der Kirche (Super hanc petram Dominus fundavit Ecclesiam), wobei der Apostel Petrus seinen Namen von diesem Felsen erlangt haben soll (ab hac petra apostolus Petrus sortitus est nomen). Das eine Fundament, das der apostolische Baumeister (1 Kor. 3) legte, ist selbst unser Herr Jesus Christus (Fundamentum quod Apostolus architectus posuit, unus/unum est Dominus noster Jesus Christus), und auf diesem unerschütterlichen und festen Fundament baute Jesus die Kirche auf (Super hoc fundamentum stabile et firmum … aedificatur Christi Ecclesia)[17]. Die ehrenvolle Einstellung, die der Hl. Hieronymus gegenüber Papst Damasus an den Tag legte, entsprang nicht der Glaubenslehre, da er über ein (einziges) geistliches Zentrum in Rom nichts schrieb.

Der Selige Augustinus (†430), der Gründer der westlich-christlichen Theologie, der die Konzile von Karthago gegen die römische Zentralisierung inspirierte[18], behauptete, dass die Kirche auf dem Felsen gegründet ist, von welchem der Apostel Petrus seinen Namen erhalten habe (fundata est super petram, unde Petrus nomen accepit), ähnlich wie das Wort „Christ“ vom Namen „Christus“ stamme (christianus a Chisto vocatur). Dieser Fels sei Christus selbst; die Kirche sei in Christo begründet (Petra enim erat Christus ICor.X,4; …fundatur in Christo ICor.III,11)[19]: „und alle denselben geistlichen Trank tranken; denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der sie begleitete; der Fels aber war der Christus“ (1 Kor.10:4); „Denn einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1 Kor. 3:11). In seinen anderen Texten sieht der Hl. Augustinus als Fels das Glaubensbekenntnis des Apostels Petrus an, und die Kirche sei von Christus nicht auf einem Menschen, sondern auf diesem Bekenntnis begründet worden[20]. Der Apostel Petrus habe die Kirche personifiziert, als er sich zur Göttlichkeit  Jesu Christi bekannte, obwohl laut Augustinus die Schlüssel zum Himmlischen Reich nicht  homo unus, sed unitas ecclesiae (nicht „ein Mensch, sondern die Einheit der Kirche“) bekommen habe.[21] Laut Meinung von Professor Wassilij Bolotow sah Augustinus im Apostel Petrus weder das Haupt noch den Obersten der Kirche, wenn auch immerhin die höchste Konzentration der Vollmachten der Kirche; doch über die Sukzession der hohen Stellung des Apostels Petrus habe sich Augustinus keine Gedanken gemacht.[22]

Der Hl. Hierarch Akakios von Melitene († ca. 438) schloss nach seinem ausführlichen Bekenntnis des kirchlichen Glaubens auf dem 3. Ökumenischen Konzil in Ephesus, dass auf diesem unseren Glauben die Kirche fest aufgebaut sei (auth hmwn h pistiz× epi toutw tw qemeliw wkodomhqh h Ekklhsia).[23] Dieser offensichtliche Verweis des Hierarchen auf die evangelische Erzählung belegt die Allgemeingültigkeit des Verständnisses, dass der feste, unveränderliche apostolische Glaube das Fundament der Kirche darstellt.

Der Hl. Hierarch Kyrill von Alexandrien (†444), bekannter ägyptischer Exeget und Polemiker und Verteidiger der Orthodoxie gegen den Nestorianismus, der diesen evangelischen Text zitiert, sieht im Fels den unerschütterlichen Glauben des Jüngers (petran, oimai, legwn to akradantoneiz pistin tou maqhtou)[24], dessen Name selbst nichts anderes bedeute als sein unerschütterlicher und fester Glaube, auf dem die Kirche Christi befestigt sei (thn akataseiston kai edraiotathn tou maqhtou pistin)[25].

Der Bischof Paulus Emesenus (†444), der an der Versöhnung der Bistümer von Alexandrien und Antiochien nach dem 3. Ökumenischen Konzil teilhatte, führt die Bekenntnisse der Apostelkoryphäe Petrus aus dem Munde seiner Jünger an (o korujioz twn apostolwn... to stoma twn maqhtwn)[26]: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ – und auf diesem Glauben, also auf diesem Fels (pi tauth th pistei... epi tauthz thz petraz)[27] sei die Kirche Gottes gegründet. Auch wenn Bischof Paulus sich durch diplomatische Fähigkeiten ausgezeichnet habe, formulierte er eindeutige Glaubensbestimmungen, was sich in seinen in Anwesenheit des Hl. Hierarchen gehaltenen Predigten geäußert habe.

Der Selige Theodoret von Kyrrhos (†457), einer der hervorragenden Vertreter der Antiochenischen Schule, ruft dazu auf, die Worte des Bekenntnisses der Göttlichkeit Jesu Christi durch den großen Petrus und die Bestätigung dieser Worte Petri durch Christus und seine Aussage über die Erschaffung der Kirche auf diesem Felsen zu beachten. Daher lege auch der weiseste der Apostel, Paulus, der größte Erbauer der Kirche, kein anderes Fundament: „Denn einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus (1 Kor. 3:11) – dieser göttliche Literat und der selige Theodoret hielten Christus allein für das Fundament der Kirche (s. Epistola 146, ad Joannem œconomum)[28].

Laut Basilios von Seleucia (†458) nennt Christos das Bekenntnis den Fels (tauthn thn omologian Petran kalesaz o Cristoz) und nennt denjenigen, der sich dazu bekannt habe, „Petrus“ (Fels), da er diese Bezeichnung für angemessen für denjenigen hielt, der sich als Erster zum Glauben bekannt habe (Petron onomazei ton prwtwz tauthn omologhsanta × gnwrisma thz omologiaz thn proshgorian dwroumenoz). Das sei der wahre Fels der Frömmigkeit, das Fundament der Erlösung, die Mauer des Glaubens, die Basis der Wahrheit:  Denn einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus (Auth gar alhqwz thz eusebeiaz h  petra, auth thz swthriaz h krhpiz, touto thz pistewz to teicoz, outoz o thz alhqeiaz qemelioz × Qemelion gar allon oudeiz dunatai qeinai para ton keimenon, oz estin Ihsouz Cristoz)[29].

Der Heilige Hierarch Leo der Große (†461), der berühmte römische Papst, der seine Zeitgenossen durch die Stärke seines Charakters , seine sittliche Reinheit und besondere Treue zur Kirche entzückte, nutzte in seinen Predigen das Wort „Fels“ mit einer deutlichen Anspielung auf den zu betrachtenden evangelischen Text, wenn auch schon mit anderen Bedeutungen und unter dem Einfluss der Ideen des römischen Patriotismus, der nach neuen Fundamenten für die Aufbewahrung der romanitas und die Befestigung der Größe Roms nach dem Verlust seiner Bedeutsamkeit als Hauptstadt des Imperiums. Laut Protopresbyter John Meyendorff glaubte Leo fest an die vorsehende Mission des Römischen Reiches bei der Verwaltung der Christenheit[30]; deshalb müsse das Zentrum der ewigen Einheit der Christen sogar im Falle  des Zerfalls des Reiches, der Überführung seiner Hauptstadt nach Konstantinopel und trotz der Beutezüge der Barbaren  als unerschütterlicher „Fels“, verkörpert im globalen Hirtentum „des Erbes“ des Heiligen Petrus in Rom, bestehen bleiben: „Über die heilige Kathedra des Seligen Petrus hast du (Rom) mittels der Verehrung Gottes die weitere  Macht als mittels der irdischen Macht erreicht“ (per sacram beati Petri sedem caput orbis effecta, latius præsideres religione divina quam dominatione terrena)[31]. Die Prüfungen, die die ewige Stadt befallen würden, sollten lediglich der Entfaltung des Göttlichen Planes – der Anerkennung Roms als der unerschütterlichen Kathedra des Heiligen Petrus – dienen: „Es verbleibt das, was die Wahrheit selbst geboten hat, und daher gibt der Selige Petrus, der die von IHM erhaltene Kraft des Felses behält, die ihm anvertraute Leitung  der Kirche nicht preis“ (Manet ergo dispositio veritatis, et beatus Petrus in accepta fortitudine petræ perseverans, suscepta Ecclesiæ gubernacula non reliquit)[32].

Ein solch wesentlicher Unterschied in der Auffassung und praktischen Nutzung des zu betrachtenden evangelischen Textes, insbesondere des Begriffes „Fels“, war ungewöhnlich und stimmte nicht mit der allgemeinen Tradition der patristischen Auslegung überein, weswegen seine Interpretation durch Leo als dessen private theologische Meinung betrachtet wurde. Sicherlich ist es für Katholiken erfreulich, im patristischen Erbe eine respektvolle Einstellung zum Apostel Petrus zu entdecken. Zum Beispiel verweisen sie gerne auf den Begriff „cathedra Petri“, der vom großen lateinischen Theologen und Hl. Hierarchen Cyprian von Karthago (†258) eingeführt worden war, dessen Hauptwerke der Besinnung der Fragen nach der Einheit der Kirche, den Schismata und der Apostasie gewidmet sind. Doch auch in seinen Werken findet der Papismus kein Fundament, denn für den Hl. Cyprian verkörpert sich die Einheit  des Episkopats, die der Apostel Petrus darstellt und vertritt, auch in jedem seiner Teile; also erlangt jeder Bischof sie in ihrer vollen Fülle (Episcopatus unus est, cujus a singulis in solidum pars tenetur)[33], was ausschließt, dass über dem Bischofsamt eine zusätzliche übergeordnete Instanz in Form eines „Bischofs der Bischöfe“ auf der Römischen Kathedra bestünde. Auch wenn also vom historischen Standpunkt aus die Römische Apostolische Kathedra eine cathedra Petri war, da der Apostel Petrus vorher die Antiochenische Kirche leitete, ist vom ekklesiologischen Standpunkt aus und in der Fortführung des Gedanken des Hl. Cyprian jede Kathedra eine cathedra Petri.

Derartige ekklesiologische Ansichten, die in der Frühen Kirche verbreitet waren, äußert auch der Hl. Maximus der Bekenner (†662), einer der größten byzantinischen Theologen und Philosophen, der lange in Rom wohnte. Seine „Opuscula theologica et polemica XX” endet mit einem Lob des zypriotischen Erzbischofs Arkadios, der „,entsprechend der hierarchischen Ordnung das Haupt unseres makellosen und orthodoxen Glaubens (tw ierarcinwz prokaqhmenw thz amwmhtou hmwn kai orqodoxou pistewz) und zudem Haupt (Quelle) unserer Rettung nach DEM, DER nach Seiner Natur der Erste (Christus) ist (proz auton wz archgon thz swthriaz hmwn, meta ton jusei kai prwton, aposkopountez)“[34]. Jean-Claude Larchet schreibt dazu:[35] im Kontext dessen, wozu die spätere Stelle des römischen Papstes im christlichen Westen geworden ist, sei es undenkbar, dass solches Lob an jemand Anderen als den Papst gerichtet gewesen sein konnte. Doch ist dieses Lob nicht an Papst Honorius gerichtet, dem der Hl. Maximus ebenfalls eine lange Passage gewidmet hat, sondern an einen Bischof, der nicht einmal Patriarch war.

Als der Hl. Maximus die Mönche von Cagliari in Sardinien aufrief, nach Rom aufzubrechen und die Römische Kirche vor den Herausforderungen wegen eines neuen Angriffs der monothelitischen Häresie zu warnen, flehte er sie an, diese Missverhältnisse schnell zu überwinden „nahend den  Männern des Alten Roms, die fromm und fest als Fels sind“ (ad senioris Romae pios et firmos, ut petram, viros)[36]. Hier meinte der Autor des Schreibens nicht nur den Papst, seine Persönlichkeit und Tätigkeit, sondern glaubte, dass die Kirche auch durch ihren gesamten Klerus und ihre Anhängerschaft (das Volk Gottes) dargestellt und vertreten wird. 

Die darauffolgenden Ereignisse zeigten, dass vor dem Gesicht des schwankenden Papstes das Volk Gottes in seinem Glauben fester war als er selbst. Diese Bedeutsamkeit, die dem Volk Gottes im Werk der Dogmatik verliehen wurde, charakterisiert die Alte Kirche und ist heute noch in der Orthodoxen Kirche präsent. Auch der Ausdruck „fromm und als Fels fest“, der einen offensichtlichen Hinweis auf Mt. 16:18 enthält, zeigt, dass das Wort „Fels“ sich nicht nur auf die Persönlichkeit des Apostels Petrus bezieht und noch weniger auf das Ansehen des römischen Papstes als seines Nachfolgers, sondern Alle bezeichnet , die sich zum orthodoxen Glauben bekennen.

Besonders bedeutsam ist die Meinung von Papst Gregor dem Großen (†604), der an der geistlichen Primat seiner Kirche in der damaligen Epoche nicht gezweifelt und die Autorität der römischen Kathedra verfochten, aber keine Vorstellung über eine rigide kirchliche Hierarchie mit dem römischen Bischof als Oberhaupt hatte. Dieser demütige Papst hatte die ihm vom alexandrinischen Patriarchen Eulogios angebotene hochmütige Wendung „der ökumenische [37] Papst“ (superbæ appellationis verbum universalem, me papam dicentes )[38] abgelehnt und darauf bestanden: „Ich bitte Dich, wenn du mit mir kommunizierst, nicht zu einem derartigen Wort zu greifen, da ich weiß, wer ich bin, und wer Du bist. Nach dem Rang bist Du mir ein Bruder; was aber die moralische Autorität betrifft, bist du mir Vater“ (Loco enim mihi fratres estis, moribus patres)[39].

Papst Gregor dachte über die hohe päpstliche Würde ganz und gar nicht vatikanisch. In seinem Schreiben an Kaiser Maurikios überzeugte ihn Gregor von der Gefährlichkeit der Verwendung eines solchen „dummen und stolzen Wörtchens“ (stulto ас superbo vocabulo)[40];  und wenn jemand in der Kirche sich mit so einem Titel versehe und damit die oberste Position besetze und sich zum Richter über alle mache, dann würde die zur Folge haben, dass die gesamte Kirche zusammenstürze, sofort nachdem derjenige, der sich „ökumenisch“ nenne, gefallen sei.  Wie der römisch-katholische Theologe Johannes Modesto schrieb, „rückt dieses vom ökumenischen Standpunkt überraschende Argument von Papst Gregor dem Großen die spätere Entwicklung in Richtung zu den Dogmata der Unfehlbarkeit und des Jurisdiktionsprimats in ein seltsames Licht.“[41] Ein Kommentar zu dieser Aussage des namhaften Doktors für Theologie erübrigt sich. Was Papst Gregor selbst betrifft, beendete er seinen Brief mit einer eindeutigen Feststellung: „Ich sage mit Sicherheit, dass jeder, der sich ‚ökumenischer Hohepriester‘ nennt oder sich so nennen lassen will, den Antichrist im Stolz überholt hat“ (Ego autem fidenter dico quia quisquis se universalem sacerdotem, vel vocari desiderat, in elatione sua Antichristum præcurrit)[42].

Diese Übersicht über die patristischen Auslegungen aus der ungeteilten kirchlichen Überlieferung des ersten Jahrtausends beenden wir mit dem Letzten der größten Väter – dem Heiligen Johannes von Damaskus (†ca.780). Der Heilige Johannes, Ordner der griechischen Patristik, schreibt vom flammenden Eifer des Apostels Petrus und seiner Weisung durch den Heiligen Geist bei seinem Bekenntnis, dass Christus der Sohn des Lebendigen Gottes sei - eben diese Theologie (qeologia) sei der feste und unerschütterliche Glaube, auf dem wie auf einem Fels die Kirche befestigt sei (auth h pistiz h aklinhz kai aklonhtoz, ej hn wz h Ekklhsia esthriktai)[43]. Der Aufenthalt des Heiligen im Kalifat befreite ihn a priori vom Einfluss jeglicher dubioser Neueinführung und nicht-traditioneller Doktrin, was seiner Meinung besondere Bedeutung verleiht.

Also kann über die Auslegung von Mt. 16:18 durch die Kirchenväter folgendes Fazit gezogen werden:

  1. Apostel Petrus (Petroz) und der Fels (petra), auf dem Christus seine Kirche gegründet hat, sind zwei unterschiedliche Erscheinungen.
  2. Das Fundament der Kirche (petra) ist, laut übereinstimmender Meinung der (nicht-römischen) Väter, Christus selbst und/oder der Glaube an Seine Göttlichkeit, der klar und fest zum ersten Mal vom Apostel Petrus bekannt worden ist, was auch für den Herrn als Anlass diente, diesen evangelischen Satz auszusprechen.
  3. In der Heiligen Schrift und in ihrer übereinstimmenden Auslegung durch die Kirchenväter des ersten Jahrtausends gibt es keine Gründe für die Institution des Papsttums[44]; daher sollten die Katholiken darauf verzichten, um der Erreichung der gebotenen Einheit der Christen willen, die laut Evangelium die wirksamste missionarische Kraft sei (Joh. 17:21)[45], was bei der katastrophalen Dechristianisierung Europas heute besonders aktuell ist.

Es ist erfreulich, dass im modernen Katholizismus nach wie vor eine Auffassung dieses evangelischen Textes und der Rolle des Apostel Petrus in der Kirche existiert, die den Heiligen Vätern adäquat ist. Sie ist vom kürzlich entschlafenen Papst Johannes Paul II. geäußert worden: „Die Kirche ist auf dem Glauben und der Treue des Apostels Petrus gebaut“[46] – und das gibt Hoffnung auf die Möglichkeit der Rückkehr der heterodoxen Christen und der nicht-orthodoxen Gemeinden zum Bekenntnis des wahren apostolischen Glaubens.

 



[1] Am 2. Juli 2010 sprach „Radio Vaticana“ von der Gründung eines Rates zur Förderung der Neuevangelisierung zur Belebung des Christentums (des Katholizismus) in den Ländern,in denen die erste Verkündigung des Glaubens bereits erklungen“ sei, die jedoch eine fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft und eine Art „Verfinsterung des Sinnes für Gott“’ erleben würden.

[2] Архимандрит Владимир (Гетте). Папство как причина разделения церквей, или Рим в своих сношениях с Восточной Церковью. - M., Фонд ИВ, 2007. Original - La papauté schismatique, ou Rome dans ses rapports avec l`Eglise orientale, Paris, 1863.

[3] Mt. 16:13-16: „ Als aber Jesus in die Gegenden von Cäsarea Philippi gekommen war, fragte er seine Jünger und sprach: Wer sagen die Menschen, daß ich, der Sohn des Menschen, sei? Sie aber sagten: Etliche: Johannes der Täufer; andere aber: Elias; und andere wieder: Jeremias, oder einer der Propheten. Er spricht zu ihnen: Ihr aber, wer saget ihr, daß ich sei? Simon Petrus aber antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“.

[4] Протоиерей Митрофан Зноско-Боровский. Православие, римо-католичество, протестантизм и сектантство, глава «Притязания римских епископов на главенство в Церкви. Причины, вызвавшие возвышение римской кафедры».

[5] Commentaria in Psalmos, PG 23, col.173,176.

[6] De Trinitate, Buch VI, 36-37, PL 10, col.186.

[7] De Trinitate, Buch II, 23, PL 10, col.66.

[8] Encomium in sanctum Stephanum protomartyre, PG 46, col.733.

[9] De Incarnationis Dominicae Sacramento, V:34, PL 16, col.827

[10] Expositio Evangelii Secundum Lucam, Kap.6; PL 15, col.1694.

[11] In Psalmum David CXVIII Expositio, 40:30, PL 14, col.1082A.

[12] Ancoratus, PG 43, col.233.

[13] Panárion, PG 41, col.1029

[14] Ebenda.

[15] Ancoratus; PG 43, col.233.

[16] PG 54, col.534, PG 61, col.611.

[17] Commentariorum In Evangelium Matthaei, 7:26, PL 26, col.50.

[18] Болотов В.В. Собрание церковно-исторических трудов. Т.4: Лекции по истории древней церкви – М.: Мартис, 2002, стр.286.

[19] Tractatus 124, PL 35, col.1975.

[20] John Rotelle. Works of St Augustine, Sermons, Vol. 6, Sermon 229P.1 - New Rochelle: New City Press, 1993, p.327.

[21] Болотов В.В. Собрание церковно-исторических трудов. Т.4: Лекции по истории древней церкви – М.: Мартис, 2002, стр.285.

[22] Ebenda, стр.285-286.

[23] PG 77, col.1472.

[24] Commentarius in Isaiam prophetam IV,2, PG 70, col.940.

[25] De sancta trinitate dialogi; Buch.IV, PG 75, col.866.

[26] Hom. de Nativit, PG 77, col.1437A.

[27] Ebenda , col.1436D

[28] Die Migne Patrologia enthält nicht selbst den Brief des Sel. Thedoret, sondern nur seine Beschreibung (PG 84, col.305). S. http://www.ccel.org/ccel/schaff/npnf203.iv.x.cxlvii.html

[29] Oratio XXV:4, PG 85, col.297.

[30] Протопресвитер Иоанн Мейендорф. История Церкви и восточно-христианская мистика - М.: Институт ДИ-ДИК, Православный Свято-Тихоновский Богословский институт, 2003.

[31] Homilie 82.I, PL 54, сol.423A.

[32] Homilie 3.III, PL 54, col.146B.

[33] Liber de unitate ecclesiae, I,5, PL 4, col.501.

[34] Ebenda.

[35] Ларше Ж.-К. Преподобный Максим исповедник – посредник между Востоком и Западом. – М.: Изд. Сретенского монастыря, 2004, стр.171.

[36] PG 90, col.136B.

[37] Laut Anton Kartaschow («Вселенские Соборы». Глава: «V-й Вселенский собор») wurde im lateinischen Westen der Titel „ökumenischer Patriarch“ anders als im griechischen Osten wahrgenommen. Die Byzantiner bezogen es nämlich auf den Patriarchen der Ökumene, des Reiches, von Byzanz, wohingegen die Römer es eher als „Patriarchen des Universums“ verstanden, wogegen sie dann protestierten. Um so kontrastreicher wirken die Einwände von Papst Gregor.

[38] PL 77, col.933.

[39] Ebenda

[40] PL 77, col.891B.

[41] Russische Übersetzung von Johannes Modesto. „Primatund Ökumene“: ЙоханнесМодесто, "Примат и экумена. Конкретные предложения, призванные очертить надлежащее положение Папы внутри надконфессиональной Вселенской Церкви".

[42] PL 77, col.891D.

[43] PG 96, col.556.

[44] Die religiös-politischen Prämissen des Papismus sollten in dem uralten heidnischen Erbe Roms gesucht werden, nämlich im Kult der göttlichen Kaiser. Aber die Begründung und die Entwicklung dieser Idee geht über den Rahmen dieses Artikels hinaus.

[45] auf daß sie alle eins seien, gleich wie du, Vater, in mir und ich in dir, auf daß auch sie in uns eins seien, auf daß der Weltglaube, daß du mich gesandt hast“. Die wahre Einheit der Christen zeigt der Welt, die von der totalen Aufteilung, dem entropischen Untergang und  dem Tod umfangen ist, eine ganz andere Realität, die den Gesetzen der gefallenen Welt nicht unterordnet ist, nämlich die der Kirche, „wo die Ordnung der Natur besiegt wird“ [Zitat aus dem liturgischen Gesang – Anm.d.Ü].

[46] “The Church of Christ is built on Peter's faith and fidelity”, www.CatholicCulture.org

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