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Eugene Nida: Die Geburt der Theorie der biblischen Übersetzung

15. März 2011
Die von dem bekannten Sprachwissenschaftler und Übersetzungstheoretiker Eugene Nida erarbeitete Methode der Bibelübersetzung wurde Ende der 1960er Jahre zur Grundlage der Bibelübersetzungswissenschaft und wirkt bis heute nach. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Andrei Desnitsky, Autor dieses Artikels, ist Nidas Monographie „Theorie und Praxis der Übersetzung“, geschrieben zusammen mit Charles Taber. Darin wurde zum ersten Mal eine ausführliche und wissenschaftlich fundierte Theorie der Bibelübersetzung vorgeschlagen.
Bereits den Übersetzern des Altertums war eines klar: man kann auf verschiedene Weisen übersetzen. Die Ersten, die begannen, davon einigermaßen detailliert zu sprechen, waren die Römer, die sich einerseits das kulturelle Erbe der Griechen aneigneten, und andererseits Verbindungen mit den unterschiedlichsten Völkern, die zu ihrem riesigen Staat zählten, aufbauen  mussten. Vor allen sollten Cicero und Horaz[1] erwähnt werden, die sich in Einem einig waren: Meister übersetzen den Sinn des Textes, ungeschickte Handwerker dagegen nur die Buchstaben. Später bestimmte der große römische Bibelübersetzer Hieronymus diese zwei Vorgehensweisen entsprechend als verbum e verbo  (Wort nach Wort) und  sensum de senso (Sinn von Sinn)[2]. Die erste Vorgehensweise war für Texte angemessen, in denen, so Hieronymus, et verborum ordo mysterium est („die Wortordnung selbst ein Mysterium ist“), also bei heiligen und juristischen Texten, die wortwörtliche Genauigkeit erfordern, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Zugleich wurde für literarische Texte die zweite Vorgehensweise als die Bessere angesehen; sie bezeuge vor allem die Geschicklichkeit des Übersetzers selbst und seine tiefe Durchdringung des Sinnes des Originals.

Seit damals und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts folgten diejenigen, die über Übersetzung schrieben, im Allgemeinen den Ideen Ciceros und Hieronymus. Auch heute wird die Situation so beschrieben: man kann entweder buchstäblich (wortwörtlich, interlinear) oder literarisch (idiomatisch, frei) übersetzen. Die zweite Methode sei die bessere, doch wähle der Übersetzer bei besonders angesehenen und insbesondere sakralen Texten häufig die erste. Aber gegen Mitte des 20. Jahrhunderts wurden solch allgemeine Worte als unbefriedigend empfunden, und man bemühte sich um eine harmonische und logische Theorie, die den Unterschied zwischen diesen zwei Vorgehensweisen erklären und eine Lösung, für die Praxis des Übersetzens bieten könnte. Solch eine Theorie entwickelte Eugene Nida (geb. 1914) ein Mensch, der für die Entwicklung der Übersetzungstheorie wahrscheinlich mehr als irgendjemand sonst in der Weltgeschichte, eingeschlossen Cicero und Hieronymus, geleistet hat.

Seit 1943 beschäftigte er sich aktiv mit Übersetzungsprojekten verschiedener Bibelgesellschaften. 1964 veröffentlichte er ein Buch namens „Toward a Science of Translating”[3], das grundlegende Annahmen zur Schaffung einer allgemeinen Übersetzungstheorie, basierend auf den Erkenntnissen der Geisteswissenschaften der Mitte des 20. Jahrhunderts enthielt – in erster Linie Linguistik, Semiotik und Anthropologie. Ganz im Geiste von Cicero und anderen Theoretikern des Altertums sprach Nida über zwei Arten der Übersetzung, die er formal und dynamisch nannte[4], wobei seine Sympathien ganz auf Seiten des Letzteren waren.

Als Schlüsselpunkt der dynamischen Übersetzung sah er die Transformation bzw. den Transfer, d.h. die mehrschichtige Umstrukturierung des Textes entsprechend den Bedürfnissen der Übersetzungssprache. Je mehr der Text der Übersetzung von einer buchstäblichen Interlinearübersetzung abweicht, desto tiefer ist die Transformation, und falls sie der echten Übertragung des Sinnes diente, umso besser. Der Übersetzungsvorgang selbst wird bei Nida generell als adäquate Übertragung der Bedeutung (meaning) durch Mittel einer anderen Sprache verstanden, was ganz im Geiste Ciceros ist. Dabei wird diese Bedeutung auf die faktische Information reduziert. Nida merkt an, dass ein Text auch eine emotionale Bedeutung haben kann, welcher bei einer adäquaten Übersetzung mit übertragen werden muss.

Außerdem enthielt das Buch von 1964 einiger konkrete Übersetzungsaufgaben und Wege zu ihrer Lösung. Das Buch betraf auch die Standardprozeduren von Übersetzungsprojekten, und sein Schlusskapitel war den Problemen der maschinellen Übersetzung gewidmet, die damals gerade ihre ersten Schritte machte. Nida glaubte nicht, dass die Maschine in greifbarer Zukunft den Menschen aus diesem Bereich herausdrängen würde, und so könnte man sagen - weshalb sollte den Maschinen dann überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt werden? Allerdings strebte Nida selbst gewissermaßen nach Automatisierung: eigentlich suchte er nach einem Algorithmus der richtigsten Übersetzung. Obwohl die Maschine offensichtlich nicht in der Lage war, diese Aufgabe zu bewältigen, müsste ein Mensch, der sich mit Übersetzung beschäftigt, seine Tätigkeit einigermaßen formalisieren und streng wissenschaftlich analysieren können, was in den schöpferischen Prozess ein Element der Mechanik einbrächte. Nida selbst verkündigte aber, dass im Übersetzungswerk unvermeidlich eine ästhetische Komponente verbleibe, welche Maschinen prinzipiell nicht zu leisten imstande seien.

Was die Algorithmen betrifft, waren einige davon in dem Buch „The Theory and Practice of Translation“ enthalten, das Nida 1969 zusammen mit Charles Taber veröffentlichte. Es beginnt mit folgender Feststellung: „Ein Spezialist für mündliche und schriftliche Übersetzung im Bereich Flugzeugbau schrieb uns, dass er es in seiner Arbeit nicht wage, die Prinzipien anzuwenden, denen Bibelübersetzer häufig folgen. ‚Bei uns‘, sagte er, ‚ist hundertprozentiges Verständnis eine Frage von Leben und Tod.’ Leider verspüren Übersetzer von religiöser Literatur solches Streben nach Klarheit der Wendungen oftmals nicht.“[5]

Das allgemeine Prinzip scheint ja leicht verständlich zu sein: Bibelübersetzung sollte genau so eindeutig und zugänglich sein wie eine technische Übersetzung (etwa im Bereich Flugzeugbau). In Wirklichkeit ist alles aber etwa komplizierter. Auf der oben erwähnten ersten Seite ihres Buches schreiben Nida und Taber, dass es keinen Sinn habe, von der Richtigkeit einer Übersetzung zu sprechen, ohne sich mit der Frage zu befassen, für wen diese Übersetzung gedacht sei. Bereits dies führt uns aber von der Eindeutigkeit technischer Dokumente weg.

Weiterhin werden wir die Vorschläge der Autoren betrachten, biblische Texte zu übersetzen, wobei aber das Wort „Text“ selbst sich eventuell als nicht ganz angemessen erweisen könnte. Nida und Taber ziehen es vor, über die message  – „Mitteilung, Botschaft, Nachricht“ – zu sprechen, die die Jünger Christi den Völkern nahe bringen. Gelegentlich sprechen sie nicht einmal über die Übertragung eines Sinnes, sondern über die Reaktion, die eine Botschaft beim Publikum hervorruft – sie solle der Reaktion ähneln, die der Originaltext beim Originalpublikum hervorgerufen habe. Das ist für ein Buch, das vor allem der christlichen Mission dienen soll, zwar ganz natürlich, und diese Einstellung wird bereits auf der allerersten Seite expliziert– aber das Buch selbst handelt weniger von der Evangelisierung und den Reaktionen des Publikums, sondern von der Übersetzung des biblischen Textes. Es ist ganz verständlich, dass die erwünschte Reaktion beim Publikum nicht nur durch die Übersetzung, sondern auch durch Abbildungen oder Filme zu biblischen Themen, eine wörtliche Predigt, oder auch einfach durch das persönliche Vorbild des Missionars hervorgerufen werden könnten – aber all das liegt bereits jenseits der Möglichkeiten der Übersetzung.

Was aber die Reaktion betrifft, die das Original beim ursprünglichen Publikum hervorrufen soll, so ist sie uns offensichtlich unbekannt, und darauf machen praktisch alle Kritiker aufmerksam (darauf gehen wir im Weiteren ein). Selbst wenn uns hundertprozentig bekannt wäre, was für eine Reaktion das Sendschreiben an die Römer bei den römischen Christen hervorrief, würden es uns kaum gelingen, sie in heutigen Gemeinden, die unter völlig anderen Bedingungen leben und mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, wieder heraufzubeschwören. Aber in diesem Falle gehen die zu Anfang des Buches angekündigten Ziele viel weiter als das, wovon das Buch selbst spricht. Es beschränkt sich eben auf die Übersetzung.

Die Autoren schreiben, ihre Vorgehensweise sei durch prinzipielle Neuartigkeit gekennzeichnet, und zählen folgende Hauptprinzipien auf[6]:

  • „Jede Sprache hat ihren eigenen Genius“. Im Mittelpunkt stünden die charakteristischen Besonderheiten, die es auf allen Ebenen jeder Sprache gibt und welche sie von allen anderen, sogar nah verwandten, Sprachen unterscheidet.
  • „Für erfolgreiche Kommunikation ist es notwendig, den Genius jeder Sprache zu respektieren“. Es geht darum, dass es beim Übersetzen nicht ausreicht, Konstruktionen der Originalsprache durch Lehnübersetzungen wiederzugeben.
  • „Alles, was in einer Sprache gesagt wird, kann auch in einer anderen Sprache gesagt werden, außer in Fällen, in denen die Form ein wesentliches Element des Textes ist“. Als konkretes Beispiel solch einer Situation werden Metaphern angeführt: ihre Bedeutung ist in verschiedenen Sprachen nicht identisch, und die Übertragung des Sinnes bedeutet manchmal einen prinzipiellen Verzicht auf die Übertragung der Form.
  • „Um den Inhalt des Textes beizubehalten, muss seine Form geändert werden“. Wie wir sehen, basiert diese Theorie auf der konsequenten Trennung von Form und Inhalt, wobei der Inhalt unbedingte Priorität hat.
  • „Die biblischen Sprachen sind denselben Einschränkungen unterworfen wie jede andere natürliche Sprache“. Dies bedeutet den Verzicht auf die Vorstellung von einer „Heiligen Sprache“, die allen anderen wesenhaft überlegen wäre (vgl. „die dreisprachige Häresie“[7] zu Zeiten der Hl. Erleuchter Kyrill und Method). 
  • „Die Autoren der biblischen Bücher wollten verstanden werden“. Hiermit wird die häufig anzutreffende Einstellung gegenüber “Heiligen Texten“ verworfen, dass es nur darauf ankäme, die Worte richtig zu lesen, ohne ihre Bedeutung verstehen zu müssen.
  • „Der Übersetzer muss sich bemühen, die Bedeutung eines Abschnitts so wiederzugeben, wie der Autor sie verstand“. Hier werden unterschwellig drei Dinge behauptet: der biblische Autor soll jedem Abschnitt eine konkrete Bedeutung verliehen haben; diese Bedeutung sei die einzige wahre; und der moderne Übersetzer müsse in der Lage sein, diese zu begreifen.

Die Autoren erkennen an, dass es unmöglich ist, bei einer Übersetzung „Identität“ zu erreichen, und benutzen daher den Begriff „Äquivalenz“ – ideal sei eine Übersetzung, die den genauen Sinn des Originals in der Übersetzungssprache möglichst natürlich wiedergebe, so, als sei es gar keine Übersetzung[8]. Eben diese Äquivalenz könne als dynamisch gelten, während die sture Befolgung der Buchstaben des Originals formal genannt werden müsse[9].

Daraus folgt auch das System der Prioritäten, an die der Übersetzer sich halten soll:

  • die kontextuelle Bedeutung überwiegt die wortwörtliche Genauigkeit;
  • das dynamische Äquivalent überwiegt das formale;
  • die Normen der mündlichen Sprache überwiegen die Normen der Schriftsprache;
  • die Bedürfnisse des Publikums überwiegen die Formen der Sprache.

Weiter analysieren die Autoren ausführlich, wie die Arbeit des Übersetzers auf den verschiedenen Ebenen der Sprache – der grammatikalischen, der lexikalischen und sogar der diskursiven Ebene – vonstatten geht. Die Autoren folgen dabei der Transformationsgrammatik von Chomsky, die damals eine der modernsten wissenschaftlichen Theorien war (wobei viele ihre Sätze für spätere Generationen von Linguisten bis heute noch bedeutsam sind). Tatsächlich entspricht die Vorstellung einer gemeinsamen „Tiefenstruktur“, die in verschiedenen Sprachen auf unterschiedliche Weise realisiert wird, ihrer Vorgehensweise im größten Maße. Grob gesagt, ist es für die Übersetzung eines Textes in eine andere Sprache notwendig, die Tiefenstruktur der Behauptung zu bestimmen (sie quasi in die Sprache der universellen logischen Urteile zu übersetzen) und dann entsprechend den Regeln der Zielsprache zu transformieren.

Was die Lexik betrifft, merken die Autoren folgendes an: Wörter haben nicht nur eine referentielle Bedeutung (bilden also nicht nur auf Gegenstände und Sachverhalte der Umwelt ab), sondern auch eine konnotativeBedeutung (sie rufen gewisse Assoziationen und Emotionen hervor). Eine adäquate Übersetzung muss beides berücksichtigen.

Auch dabei ist der Schlüsselbegriff die mehrstufige Übertragung bzw. Transformation nach Chomsky. Eine gute Übersetzung ist, vom Standpunkt der Theorie des dynamischen Äquivalents, eine Übersetzung, in der „die Form umstrukturiert ist (die Syntax und die Lexik verändert sind), um die genaue Bedeutung zu vermitteln“[10]. Was hindert dem Übersetzer also daran, dies sachgemäß zu erreichen, was zwingt ihn, zu plumpen buchstäblichen Konstruktionen zu greifen? Nida und Taber nennen eine ganze Liste möglicher Ursachen[11]:

  • zu große Anhänglichkeit gegenüber dem Original;
  • eine Vorliebe für einen besonderen „Übersetzungsdialekt“;
  • Unsicherheit bezüglich der Fähigkeit der Muttersprache, alle Nuancen eines Sinnes auszudrücken;
  • der Wunsch, die sprachliche Mysteriösität des sakralen Textes beizubehalten;
  • die falsche theologische Vorstellungen, dass die Bibel in einer besonderen, sakralen Sprache diktiert worden wäre;
  • fehlendes Verständnis der Natur der Übersetzung.

Wie wir sehen, gehen die Autoren ziemlich polemisch vor und erkennen praktisch keine ernsthaften Gegenargumente an. Doch wäre es falsch, zu glauben, sie verföchten eine streng mechanistische Vorgehensweise. Sie erkennen sehr wohl die Komplexität und Vielschichtigkeit des literarischen Textes an; aber weiter als diese Tatsache der Anerkennung gehen sie nicht. Zum Beispiel: „Bei der Übertragung eines Textes von einer Sprache in eine andere ist die Bedeutung das, was auf jeden Preis erhalten bleiben soll; die Form ist dabei, außer in Sonderfällen wie Poesie, gänzlich zweitrangig (largely secondary)“.[12] Was in solchen Sonderfällen zu tun wäre, steht nicht in diesem Buch.

Wahrscheinlich die interessanteste Abweichung von der rein „transformatorischen“ Vorgehensweise ist die Überlegung über unterschiedliche Schichten, Ebenen bzw. Register einer Sprache (varieties, levels)[13]. Es existiere nicht nur eine englische, deutsche oder russische Sprache, da jede von ihnen

  • mündlich und schriftlich,
  • modern und archaisch,
  • hoch- und umgangssprachlich,
  • offiziell und nicht-offiziell

ausdifferenziert sei.

Dabei seien diese Oppositionen keineswegs alle identisch: mündliche Sprache könne offiziell (z.B. auf einer Tagung), schriftliche dagegen umgangssprachlich (auf einem Notizzettel) usw. sein. Also müsse der Übersetzer für seine Übersetzung die jeweils entsprechende Ebene finden – und bei der Übersetzung verschiedener Abschnitte ggf. unterschiedliche Register benutzen. Sicherlich kann dies auch in den Begriffen der Transformationsgrammatik beschrieben werden: der Text wird bei der Überführung aus einem Register in ein anderes diversen formalisierbaren Transformationen unterzogen; aber selbst die Frage nach der Auswahl eines bestimmten Registers im Rahmen der grammatikalische möglichen Angebote einer einzelnen Sprache führt den Übersetzer aus dem Bereich der reinen Linguistik heraus und zwingt ihn, sich anderen Bereiche des Geisteswissenschaft zuzuwenden.

In den abschließenden Kapiteln des Buches werden praktischen Empfehlungen zur Beurteilung von Bibelübersetzungen gegeben und ein Schema zur Organisation eines Übersetzungsprojekts angeboten. In der Kombination mit zahlreichen Beispielen und einigen praktischen Übungen zeigt dies, dass das Buch von Nida und Taber tatsächlich nicht nur die Theorie, sondern auch die Praxis der Bibelübersetzung behandelt. Ihre Veröffentlichung wurde Ende der 1960er als Grundlagenwerk aufgenommen und blieb führend in der Praxis der Bibelgesellschaften (wobei dieses Buch selbst eine Art Programmdokument und zugleich ein methodisches Hilfsbuch darstellt). Auch heute wirkt es nach wie vor weiter, obwohl es in reiner Form kaum noch jemand anwendet.

Aber das größte Lob, das diesem Buch zu Recht ausgesprochen werden soll, ist, dass es das erste war, das unter anderem eine ausführliche, tief fundierte und durchdachte Theorie der Bibelübersetzung und generell dieser der Übersetzung von einer Sprache auf eine andere vorschlug und dabei diese Theorie mit einer Reihe wertvoller und verständlicher methodischer Anweisungen ergänzte. Es gründete auf langjähriger praktischer Erfahrung und war für die nächsten Generationen der Übersetzer der Leitfaden, an dem sie lernten, die Bibel zu übersetzen.

Das Erbe von Nida beschränkt sich aber nicht auf diese zwei Arbeiten. Er veröffentlichte auch eine Reihe von Büchern und Artikeln zu verschiedenen Einzelfragen der Bibelübersetzung, Anthropologie, Linguistik und der Missionstätigkeit[14]. Mehr noch: er war der Begründer einer ganzen Schule von Bibelübersetzern. Ihre Hauptzeitschrift ist “The Bible Translator”, seit 1950 herausgeben von den United Bible Societies (UBS). In den 1970er und 1980er Jahren publizierten dort nicht nur Nida selbst, sondern auch viele seine Schüler und Nachfolger.

Das von Nida und Taber vorgeschlagene Übersetzungsmodell liegt in diversen praxisorientierten Büchern inzwischen auch auf Russisch vor und wird in der Übersetzerausbildung verwendet[15]. Außerdem veröffentlichten die USB kontinuierlich umfangreiche Referenzliteratur für Übersetzer. Hier ist vor allem die Serie „Handbooks“ zu erwähnen – detaillierte und auf Übersetzer zugeschnittene Kommentarsammlungen zu allen biblischen Büchern und praktische Empfehlungen, die fast ausschließlich dem vorgestellten Modell folgen. 

Nida und Taber und ihre Epigonen entwickelten also nicht nur eine Theorie, die ihrem Wesen nach revolutionär war, sondern ein ganzes System, das sowohl aus theoretischen Sätzen als auch aus methodischen Anweisungen besteht, die detailliert ausgearbeitet und an unterschiedlichsten Materialien erprobt sind. Am bekanntesten wurde die englische Übersetzung  Good News . 1966 wurde zunächst unter dem Namen  Good News for Modern Man das Neue Testament veröffentlicht; zehn Jahre später erschien dann die komplette Bibel unter dem Namen  Good News Bible: The Bible in Today’s English Version.  Seitdem werden für diese Übersetzung diese beiden Namen -   Good News Bible/Translation  und  Today’s English Version  breit verwendet, ohne dass es zwischen ihnen unterschieden wird.

Danach wurden auch in anderen Sprachen ähnliche Übersetzungen veröffentlicht: die Gute   Nachricht, die Bible   en Français   courant, die Groot   Nieuws  auf Niederländisch und schließlich, 2001, die russische  РадостнаяВесть, eine Übersetzung des Neuen Testaments (von Valentina Kusnetsowa im Auftrag der Russischen Bibelgesellschaft). Sie alle entsprechen ziemlich konsequent der Theorie des dynamischen Äquivalents. Dieses Modell diente auch als Vorbild für die Übersetzung in viele neuschriftliche Sprachen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien, auch wenn die Übersetzer das Konzept nicht immer ganz genau umsetzten. So gab es auch Fälle von buchstäblichen Übersetzungen in lokale Sprachen, was der Idee des dynamischen Äquivalents diametral widerspricht; da kam es durch mangelhaftes Verständnis zu offensichtlichen Verzerrungen.

Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass die Theorie von Nida und Taber Kritik hervorgerufen hat. Diese folgte direkt nach Erscheinen des Buches, und mit der Zeit revidierte Nida einen Teil seiner theoretischen Sätze. Außerdem entstanden auch prinzipiell andere Vorgehensweisen der Bibelübersetzung; darauf wollen wir dann im nächsten Artikel eingehen.



[1] Cicero – De finibus, 3.15; Horaz – Ars Poetica, 133.

[2] Das 57. Sendschreiben an Pammachius, s. auch. Sebastian Brock. Aspects of the Translation Technique in Antiquity // Greek, Roman and Byzantine Studies 20 (1979): 69-87. 

[3] Eugene Nida,  Toward a Science of Translating  (Leiden: Brill, 1964). 

[4] Ibid. P.159.

[5] Eugene Nida / Charles R. Taber: The Theory and Practice of Translation. Leiden: Brill 1969, S. 1.

[6] Ibid. Pp. 3-8.

[7] Die Behauptung, dass der Gottesdienst nur in den drei Sprachen der Pilatus-Inschrift auf dem Kreuz Christi (Latein, Griechisch und Hebräisch) abgehalten werden dürfe. (A.d.Ü.)

[8] Ibid., S. 12f. Einer ihrer Vorläufer sei, wie sie selbst konzedieren, Martin Luther gewesen, der an seine eigene Übersetzung dieselbe Forderung gestellt hatte. Allerdings ging Luther in der Praxis etwas anders vor, als Nida und Taber annehmen. 

[9] Ibid., S. 14-32. 

[10] Ibid. P. 173. 

[11] Ibid. Pp. 99-102. 

[12] Ibid. P. 105 . 

[13] Ibid. Pp. 120-124

[14] Unter den Bedeutsamen nennen wir: Eugene Nida: Customs and Cultures, Anthropology for Christian Missions. New York: Harper, 1954; Eugene Nida. Language Structure and Translation. Stanford: Stanford University Press, 1975.

[15] Кэтрин Барнуэлл. Перевод Библии: Введение в принципы перевода. Билефельд: SIL, 1990. 
Джон Бикман, Джон Келлоу. Не искажая слова Божия: Принципы перевода и семантического анализа Библии. С.-Петербург: Ноах, 1994.
Милдред Л. Ларсон. Смысловой перевод: Руководство по теории межъязыковой эквивалентности и ее практическому применению. С.-Петербург: Северо-западная библейская комиссия, 1993.

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