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Exkommunizieren oder verherrlichen? Teil 4: Ersatz des Christentums oder Übergangschwierigkeiten? 

20. Mai 2011
Nachdem die Byzantiner die Erfahrung gemacht hatten, dass auch das Vorhandensein der verehrtesten Reliquien und Ikonen beim Heer die Möglichkeit der Niederlage im Kampf nicht ausschloss, suchten sie nach wie vor nach einem idealen Mittel, sich des Wohlwollens des Himmels und folglich auch des Sieges zu vergewissern. Deswegen etablierten sich in der orthodoxen Armee Praktiken, die bei weitem nicht christlich waren. Über Loswerferei, Wahrsagerei an heiligen Texten und Astrologie in der byzantinischen Militärgeschichte schreibt Igor Petrovsky im vierten Teil dieser Artikelserie, die dem Thema des religiösen Lebens in der Armee gewidmet ist. 

„Gott ist nicht in der Kraft, sondern in der Wahrheit.“ Diese These, die im 13. Jahrhundert vom heiligen Alexander Newski aufgestellt wurde, war den byzantinischen Strategen auch bekannt. Der moralische Geist der Soldaten war immer ein Sorgenkind der Feldherren gewesen. Laut den Bücher über Militärtaktik, die in Byzanz sehr populär waren, war es nicht gestattet, sich mit bloßer Kampfausbildung zu begnügen und auf einen günstigen Fall für den Angriff zu hoffen. Krieger mussten auch strikt den Vorschriften der Militärdisziplin folgen, einschließlich der Vorschriften zur moralischen Erscheinung und spirituellen Lebensordnung.

Für Feldherren des Byzantinischen Reiches wurde die „Wahrheit“, auf deren Seite Gott ist, sicherlich nicht in Kategorien wie „wer als Erster begonnen hat, hat Schuld“ bestimmt, sondern in der strikten Einhaltung der sittlichen christlichen Normen und in der persönlichen Moral der Soldaten und Offiziere. Dies ist auch durchaus verständlich. Im Krieg hat jede Seite „ihre“ Wahrheit. Auch in der Geschichte von  Byzanz gab es viele Kriege, in denen die rechtliche Position der Rhomäer durchaus zweifelhaft war. Aber die Pflicht eines Legionärs ist es, nicht über Politik zu philosophieren, sondern für das „Werk des Reiches“ zu fechten und „die Seinen“ zu verteidigen.

Dennoch war das Philosophieren über das Problem des „erzwungenen Bösen“ unter Eid im Namen staatlicher Interessen oder gar kultureller und religiöser Ideen unvermeidlich und geriet nie aus dem kirchlichen Disput. In den vorigen Essays haben wir die komplizierte Position der frühchristlichen Väter zum Militärdienst und zur damit verbundenen Gewalt erörtert. Die Christianisierung der römischen Armee war langwierig, blutig und widersprüchlich. Auch nachdem das Blut der Märtyrer, die Mission der Kirche und der Wille des Kaisers eine Plattform für die Verkündigung des Christentums geschaffen hatten, verloren die alten Antithesen nichts von ihrer Sprengkraft.

Dieses Dilemma zeigte sich dem christlichen Bewusstsein erneut während der bulgarischen Kampagnen von Byzanz zu Anfang des 11. Jahrhunderts. In der Schlacht am Struma-Ufer wurden die Bulgaren von den Byzantinern zerschmettert. Etwa 15.000 Menschen wurden gefangengenommen. Kaiser  Basileios II. der Bulgarentöter (958-1025), im Privatleben Asket und geistlicher Vorkämpfer (der bei der Taufe Russlands mitgewirkt hatte), befahl, alle Gefangenen zu blenden und sie danach freizulassen, mit einem einäugigen Blindenführer pro Hundert. Man kann sich das Bild vorstellen, das sich den Augen byzantinischer Soldaten darbot: eine riesige Masse erschöpfter verzweifelter Menschen mit ausgestochenen Augen, die, einander an den Schultern haltend,   stolpernd, taumelnd, strauchelnd und flüchtend sich in die Richtung Heimat schleppten. . Diese langen Kolonnen verkrüppelter Glaubensgenossen (die meisten Bulgaren waren bereits orthodoxe Christen) waren zu einem langsamen Tod verdammt worden, nur weil sie für die Unabhängigkeit ihrer Länder von den finanziellen Intrigen Konstantinopels gestritten hatten.

Derartige Episoden lassen vermuten, dass nicht nur Verlierer, sondern auch Sieger ein schweres sittliches Trauma erleiden konnten. In der Armee war das Risiko von moralischer Zersetzung, Zynismus und Erbitterung tatsächlich sehr hoch. Dies veranlasste Basilios den Großen, den durch die Schule des Krieges hindurchgegangenen Soldaten zu verschreiben, sich drei Jahre lang der Heiligen Eucharistie zu enthalten. Den Menschen müsse Zeit für Stille und Nüchternheit gegeben werden, damit sie, wenn sie zum  blutlosen Opfer schritten, den Preis ihrer eigenen „Siege“ verstünden.

Aber auch im Krieg, mitten unter all den Brutalitäten auf Befehl und im Namen der Pflicht, musste der Christ das Gefühl der spirituellen Realität bewahren. Manchmal reduzierte sich dieses Gefühl lediglich auf die Fürsorge um das innere Leben der Seele, was eventuell der letzte Versuch war, es aufzubewahren. Bei starker emotionaler Erregung, Stress und körperlicher Überlastung befand sich der Krieger kurz vor dem psychischen Kollaps und professionellem Zynismus. Unter solchen Bedingungen konnte ihm nur der Glaube helfen, nicht endgültig wahnsinnig zu werden und  Mensch zu bleiben. Deshalb wurde in der byzantinischen Armee so viel Aufmerksamkeit auf die Verrichtung religiöser Rituale gerichtet und strenge Strafen für sittenwidriges Verhalten verhängt.[1]

Jedoch konnten weder hohe Religiosität noch strenge Disziplinarstrafen den Sieg auf dem Feld der Ehre garantieren, auch wenn manche Strategen daran glaubten. Die Unvorhersagbarkeit des Kampfausganges kannten die Byzantiner aus eigener Erfahrung. Auch wenn das Heer die verehrtesten Reliquien und Ikonen mitführte, schloss das die Möglichkeit einer Niederlage nicht aus. Doch suchten die Griechen auch weiterhin mit der Beharrlichkeit mittelalterlicher Alchimisten nach dem Allheilmittel, das den Wohlwollen des Himmels und damit auch den Sieg garantieren würde. In vorherigen Publikationen haben wir bereits von solchen „Experimenten“ der byzantinischen Feldherren berichtet. Das Spektrum war dabei sehr breit und reichte von der Indienststellung aller möglichen Heiligtümer bis hin zur Anwerbung heiliger Mönchen für die Armee und der Einführung einer Pflicht zur Teilnahme am Gottesdienst.[2] Einerseits war der fromme Drang der Seele nicht nur eine religiöse Profanierung. Andererseits sehen wir hier ein Missverständnis und manchmal auch eine deutliche Verfälschung der inneren religiösen Inhalte. Die Einstellung zu den heiligen Gegenständen wurde häufig verzerrt, so dass sie schließlich oftmals zu einer bloßen Ansammlung nützlicher Talismane verkamen, die den Sieg garantieren sollten. So war das „Schwert Attilas“, dieses ideale Artefakt, welches Unbesiegbarkeit gewähren sollte, zu Ende des ersten Millenniums immer noch nicht gefunden, aber die Suche danach ging unverdrossen weiter.

Um die Jahrtausendwende gab es in der byzantinischen Armee noch ein weiteres pseudo-christliches Phänomen. Es geht um Wahrsagerei an heiligen Texten und Astrologie. Byzantinische Strategen glaubten fest daran, dass der Verlauf einer Schlacht und ihr Ergebnis durch göttlichen Willen vorgezeichnet seien. Daraus wurde geschlossen, dass der Ausgang einer Schlacht mit geeigneten Mitteln vorhergesehen werden könne. Man begann, Astrologen in der Rolle einen „Melampus“ (ein Seher in der griechischen Mythologie) hinzuzuziehen, und es wurde sogar Wahrsagerei an biblischen Büchern betrieben.

Im Jahre 1071 fand unweit der armenischen Stadt Manzikert eine blutige Schlacht statt, in der die Seldschuken Byzanz eine bittere Niederlage zufügten. Im Ergebnis verlor Byzanz Kappadokien, den Osten Kleinasiens und Armenien, und Kaiser Romanos IV. Diogenes (1032-1072)  wurde gefangengenommen. Das byzantinische Heer war der gegnerischen Armee zahlenmäßig weit überlegen: 10.000 professionelle byzantinische Soldaten, die aus den westlichen und östlichen Gebieten des Reiches zusammengezogen worden waren, 500 fränkische und normannische Söldner unter der Leitung des Ursel von Bailleul, Mietlingsscharen von Oghusen, Petschenegen, Bulgaren, Georgiern und Armeniern sowie auch eine Garde Waräger. Insgesamt zählte diese gigantische Armee etwa einhunderttausend Soldaten (!). Doch wurde diese wichtige historische Schlacht von den Rhomäern verloren.

Die Schlacht von Manzikert wurde zum Wendepunkt der byzantinischen Geschichte, zur Stunde des „Todes der großen Byzantinischen Reiches“[3] Es gibt viele Vermutungen, warum die vieltausendköpfige Reichsarmee besiegt wurde. Für uns ist die Episode interessant, die am Vorabend der Schlacht geschehen sein soll. Am Abend vor der entscheidenden Schlacht wurden alle Oberoffiziere in der Feldkirche für einen besonderen Bittgottesdienst versammelt. Nach den üblichen Hymnen nahm ein Kaplan einen gewichtigen Bibelband zur Hand, schlug eine zufällige Seite auf und begann, einen Abschnitt daraus laut vorzulesen. Worum es darin ging, ist unbekannt, aber auch unwichtig. Interessant ist, wie die Zuhörer darauf reagierten. Nach den Bezeugungen der Historiker nahmen alle Anwesenden diesen zufälligen Abschnitt als Omen bzw. schlechtes Zeichen wahr. Seine Interpretation war unerfreulich – in dem bevorstehenden Kampf würden sich Gott, das Glück und der Sieg von der byzantinischen Armee abwenden. Es ist unbekannt, wie ernst Roman Diogenes selbst und seine Strategen diese „Offenbarung“ genommen hatten; es kann aber vermutet werden, dass sie die Einstellungen der Menschen im Allgemeinen beeinflussten. Vor der entscheidenden Schlacht sollen viele Soldaten und Offiziere desertiert sein. Unter Berücksichtigung der deutlichen militärischen und zahlenmäßigen Überlegenheit ist dieser Sachverhalt seltsam.

Außer „gottesdienstlichen“ Manipulationen an der Bibel gab es in der byzantinischen Armee noch eine weitere Methode, den Himmelswillen vorherzusehen – das Loseziehen.

Im Jahre 1117, während der letzten Kriegskampagne gegen die Seldschuken, stand Kaiser Alexios I., Gründer der Komnenos-Dynastie (1056-1118), vor einem Dilemma: entweder Ikonien, die Hauptstadt der Türken, anzugreifen oder eine Schlacht in der Nähe von Philomelion (heute A kşehir Gölü in der Provinz Konya in der Türkei)  zu schlagen.

Eine Zeugin dieser Geschehnisse war die erste Historikerin, die purpurgeborene Anna Komnene. Sie verfasste die Alexiade, eines der bekanntesten Werke zur byzantinischen Geschichte Anfang des zweiten Jahrtausends. Prinzessin Anna widmete dieses Werk ihrem Vater, Kaiser Alexios Komnenos. Geschrieben wurde es, nachdem sie sich vom Hof distanziert und ins Kloster zurückgezogen hatte. Palastintrigen ließen sie aber auch hinter den heiligen Wänden nicht zur Ruhe kommen. Die Alexiade ist eine Art Apologie der Taten von Kaiser Alexios.

Einige finden in diesem Text verborgene Kritik an der Regierung von Alexios‘ Neffen Manuel Komnenos. Dieser war ein sehr aktiver und erfolgreicher Herrscher. Direkt nach seiner Thronbesteigung unternahm er mehrere Feldzüge zum Schutz seiner Länder im Kleinasien. Er machte eine für Byzanz günstige Politik in Bezug auf die Kreuzfahrer, die er gegeneinander aufhetzte, unterwarf den Südosten Italiens und schaffte es sogar, Papst Alexander III. wieder auf die  römischen Kathedra zu setzen. Die gloriose Regierung von Kaiser Manuel warf auf die vorherigen Regierungen einige Schatten. Anna konzipierte ihr Werk als Rechtfertigung der Werke ihres Vaters. Interessanterweise führte Anna unter den Argumenten, die erklären sollten, warum Kaiser Alexios so und nicht anders gehandelt hatte, einen übernatürlichen Imperativ an: „Der Himmel wollte es so.“ Aber noch interessanter ist, wie sie den Prozess der Einhaltung dieses Imperativs durch ihren Vater beschrieb.

Alexios hätte vor der Wahl gestanden, welche Taktik und welchen Weg er wählen sollte – Ikonien oder Philomelion. Er hatte sich, laut Anna, entschieden, etwas „Weises und Originelles“ zu tun, d.h. Gott direkt zu Rate zu ziehen: „Er schrieb die beiden Antworten auf zwei Zettel, die im Altarraum auf den heiligen Altartisch gelegt wurden. Die ganze Nacht hindurch wurden Hymnen und Gebete dargebracht. Mit den ersten Sonnenstrahlen trat ein Priester in den Altarraum und nahm einen von den Zetteln vom Altartisch. In Anwesenheit aller, die sich da versammelt hatten, entfaltete er ihn und gab bekannt, dass der Himmel dem Kaiser befehle, den Weg nach Philomelion zu wählen.“[4] Diese Wahl führte zum Erfolg. Die Schlacht von Philomelion wurde zur Revanche für die Niederlage bei Manzikert. Aufschlussreich ist, welchen mystischen Inhalt Prinzessin Anna der Entscheidung ihres Vaters beimaß. Hier sehen wir nicht nur ein Beispiel für Wahrsagerei an der Bibel, sondern hören einen gewissen Vorwurf an Kaiser Manuel, der den Kampf gegen die Türken weiterführte, aber hinter den Wällen Ikoniens.

Selbst die Suche nach göttlichem Rat durch das Los ist ein sehr umfangreiches und kompliziertes Thema. Die Methode „entscheide Du, Herr“ wurde schon von den Jüngern Christi verwendet, um einen neuen zwölften Apostel anstatt Judas dem Verräter zu wählen. „Und sie stellten zwei dar: Joseph, genannt Barsabas, der Justus zubenamt war, und Matthias. Und sie beteten und sprachen: Du, Herr, Herzenskündiger aller, zeige von diesen beiden den einen an, den du auserwählt hast, um das Los dieses Dienstes und Apostelamtes zu empfangen, von welchem Judas abgewichen ist, um an seinen eigenen Ort zu gehen. Und sie gaben Lose über sie; und das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugezählt“ (Apg 1,23-26).

Dies zeigt, dass die Apostel die Worte des Heilands „Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt und euch gesetzt, auf dass ihr hingehet und Frucht bringet“ (Joh 15,16) behalten hatten. Sie wollten diese Frage nicht durch eine Abstimmung lösen. Außerdem ist dies der einzige Fall eines Losentscheids im Neuen Testament, und er geschah, bevor der Heilige Geist über die Apostel kam, also vor Pfingsten.

Die Auslosung ist keine rein evangelische Novation, und um so weniger kann sie als ausschließlich heiliger Brauch gelten. Die Athener wählten per Los aus roten und weißen Bohnen einen speziellen Priester, der für die Opferdarbringung zuständig war. Auch brutale Gladiatorenkämpfe verliefen nach der Losphilosophie: die Götter mussten entscheiden, wer leben und wer sterben sollte. Die Krieger, die die Gewänder Christi vor seinem Kreuz teilten, warfen ebenfalls Lose. 

Auslosungen und heilige Wahrsagereien sind dem christlichen Bewusstsein nicht eigen. „Extremer Theismus“ schließt die Geschichte als solche aus und nimmt dem Menschen die Freiheit. Sicherlich fanden Auslosungen in möglichst christianisierter Form auch in der Geschichte der Kirche statt, aber das Los war eher letztes Mittel als fromme Regel. So wurde in Byzanz keiner der legitimen Patriarchen durch Los gewählt.[5] Diese Form religiöser Entscheidungsfindung wurde noch im Jahre 578 durch das Bischofskonzil der Westkirche zu Auxerre verurteilt. Aber im späteren Byzanz galt diese Praxis als „weise und originelle“ Entscheidung.

Diese von der byzantinischen Prinzessin beschriebene Episode war nicht die einzige. Sie ist nur eine Bezeugung der neuen religiösen Taktik. Während die Byzantiner zuvor nach Möglichkeiten garantierten Schutzes durch Heiligtümer und Heilige gesucht hatten, verschob sich nun der Akzent auf die mystische Erkenntnis des „richtigen Wegs“. Der byzantinische Ritter steht nun quasi an der Wegkreuzung und versucht zu erraten, auf welchem Weg der Sieg ihn erwartet. Die Logik dieses Phänomens erinnert an das Hütchenspiel, bei dem das Bällchen bereits unter dem Becher ist; man muss nur wählen, unter welchen.

Wahrsagerei und Glaube an das Schicksal sind eng verwandt und dem Christentum gleichermaßen fremd. Glaubt man an Wahrsagerei, muss man anerkennen, dass es das Schicksal gibt, und wo an das Schicksal geglaubt wird, wird bald jemand auftauchen, der bereit ist, es gegen geringes Entgelt ein wenig aufzudecken. Die berühmte „Taktik“ von Kaiser Leo VI. dem Philosoph (866-912) schrieb der Armee sogar vor, stets einen Astrologen dabeizuhaben(!).

Um Jahre 1187 konsultierte der byzantinische Feldherr Konstantin Stethatos, der  damals den Flottenführer Alexios Branas verfolgte, welcher sich gegen Kaiser Isaak II. Angelos (1156-1204) erhoben hatte, einen damals bekannten Astrologen, um von ihm beraten zu werden. Dieser sagte voraus, dass Branas einen ruhmvollen Sieg erringen und sogar in Konstantinopel einmarschieren würde. Man kann sich die Gemütsverfassung des Stethatos nach dieser Nachricht vorstellen. Diesmal kamen die Byzantiner aber mit dem Schrecken durch die Prophezeiung des Astrologen davon. Die Armee von Alexios Branas wurde niedergeschlagen, er selbst hingerichtet. Aber auch der nach Offenbarungen gierende Konstantin Stethatos hatte sein Leben in dieser Schlacht verspielt. Der byzantinische Chronist Niketas Choniates, der diesen Fall beschrieb, bemerkte voller Ironie: Die Voraussagen des Astrologen verwirklichten sich, aber genau als Gegenteil.[6] Man kann sich nur wundern, wieso die Byzantiner nicht eine neue Art der Wahrsagerei nach dem Prinzip „ Umgekehrt wird ein Schuh draus“ entwickelten.

In der Geschichte der Byzanz existierten unterschiedliche Formen der in seinem Wesen heidnischen Praktik der Wendung an „Divinae Sortes“ (lat. Göttliche Prophezeiungen). Das Ende diesen Experimenten und ominösen Ritualen wurde erst im 15. Jahrhundert durch dieNomokanon-Regeln gesetzt.  Bei den Byzantinern war es in  Bezug auf Aberglauben und neue spirituelle Experimente aber so, dass es anstatt eines abgehackten Kopf zwei neue wuchsen.

Es ist nicht erstaunlich, dass das Christentum in seinen Ersatzformen ausgerechnet in der Armee besonders breit und üppig gedieh. Damals war die Armee ein konzentrierter Ausschnitt der Gesellschaft. Der Baliseus war der nicht nur nominell der Oberste Befehlshaber, er führte seine Staatsbürger auch persönlich in den Kampf. Viele byzantinische Kaiser stammten aus dem militärischen Milieu. In der Armee sammelte sich die ganze Energie der byzantinischen Gesellschaft. Darin waren alle Schichten und Stände zu finden, alle Krankheiten, Probleme und sicherlich auch aller Aberglaube dieser Zeit. Die Beispiele pseudo-christlicher Glaubensvorstellungen in der byzantinischen Armee sind nur das Spiegelbild einer weitverbreiteten religiösen Krankheit, einer Art Infektion, die sich durch den ganzen Organismus der sich als christlich verstehenden Gesellschaft zog. So ist die Geschichte des Christentums in der Armee eng mit der Kirchengeschichte verwoben.

Im Laufe der Zeit mutiert jede religiöse Mimikry in der Regel immer mehr. Nachdem sie als frommer Wunsch, „ein Heiligtum auf dem Feld der Ehre zu haben“, begonnen hatte, artete diese gut gesinnte Initiative ohne entsprechende Aufmerksamkeit seitens des kirchlichen Bewusstseins in einen Ersatz des Christentums aus. Bald wurde die christliche Frömmigkeit durch reine heidnische Magie ersetzt. Für die Magie ist es aber unwichtig, von wem sie praktiziert wird. Das sie beherrschende Subjekt ist ihr egal. Sie wirkt bei allen. Wichtig sind der Symbolismus der Handlung selbst sowie die Genauigkeit der Formel und der Besitz eines heiligen Gegenstandes. Sinkt  die Einstellung zur christlichen Reliquie auf die Ebene alltäglicher Zauberei, wird auch das Heiligtum selbst zu einem bloßen „Zauberstäbchen“. Derjenige, der es besaß, wurde als sein „Herr“ angesehen. Dies illustriert die folgende Geschichte.

Gegen Anfang des zweiten Jahrtausends herrschte in der byzantinischen Armee zusammen mit der Überzeugung, dass eine Reliquie über die Kraft verfüge, den günstigen Ausgang einer Schlacht zu bewirken, bereits der Aberglaube vor, dass diese Kraft jedem beliebigen Menschen dienen könne.

Der oben erwähnte Kaiser Romanos IV. Diogenes verbrachte viel Zeit mit Feldzügen gegen die Türken. Manche davon waren erfolgreich, andere endeten mit einer Niederlage. Eine interessante Episode, die auch mit der bekannten Schlacht von Manzikert verbunden ist, wurde vom Chronisten Michael Attaliates beschrieben, der während der Regierung der Komnenos-Dynastie ein hochrangiger Amtsträger war. Vor der entscheidenden Schlacht gegen das Heer von Alp Arslan führte der Kaiser schwierige Verhandlungen mit den Gesandten des Sultans. Aber der Versuch, den Streit um die armenischen Länder diplomatisch zu lösen, scheiterte. Romanos entließ die Unterhändler nach Hause. Auf dem Weg mussten sie aber noch durch die Stellungen und Vorwachen der Byzantiner hindurch. Damit die Botschafter unverletzt nach Hause kommen konnten, soll ihnen der Kaiser, so Attaliates, „ein Zeichen, das wir verehren“[7] mitgegeben haben. Anscheinend ging es um ein Kreuz, das zur einfachen Freund-Feind-Erkennung diente. Sein Vorhandensein bei den türkischen Abgesandten konnte also das Risiko von zufälligen Auseinandersetzungen auf dem Rückweg mindern. Doch wird eben diese wohlgemeinte Geste von Attaliates als größter Fehler des Kaisers und Hauptgrund für die Niederlage der Byzantiner angesehen. Sobald der Basileus das Kreuz, Vorzeichen des Sieges Christi, an die Türken übergeben hatte, soll der irdische Sieg ihn verlassen haben.[8] Nach Meinung des Attaliates hätte eine solch mächtige Waffe vor einer unvermeidlichen Schlacht nicht an den Feind übergegeben werden dürfen.[9] Am 19. August 1071 siegte der „tapfere Löwe“ Alp Arslan über Romanos Diogenes und fügte dem Besitz des Seldchukischen Sultanats neue Länder hinzu. Es ist wohl möglich, dass die allgemeine Irritation anlässlich „der Übergabe des Kreuzes“ an die Türken einer der Gründe des Verrats von Andronikos Dukas und einiger Offiziere gewesen war, welcher die ganze byzantische Kampagne bei Manzikert zugrunde richtete. Der seltsame Aberglaube wurde zu einer der Ursachen für diese große Niederlage der hundertausendköpfigen Armee.

Die Geschichte von Byzanz zeigt, wie erstaunlich hoch das Kampfpotential und die spirituelle Kraft seiner Armee und wie wild deren religiöser Aberglaube war, der ihre Schwäche und ihre Niederlagen verursachte. Auf der Suche nach einer „religiösen Form“, die den Sieg garantieren sollte, griffen die Kaiser manchmal zu Praktiken, die alles andere als christlich waren. Auf ihre Beharrlichkeit und ihren „Erfindergeist“ wären selbst die Jäger des Heiligen Grals und mittelalterliche Alchimisten neidisch gewesen. Unter diesen Bedingungen musste die Kirche viel Mühe aufwenden, um das Gleichgewicht zwischen Frömmigkeit und Aberglaube zu bewahren. Der aufrichtige Wunsch der Armee nach heiligen Reliquien ist menschlich verständlich und psychologische erklärlich. Aber nachdem er sich von seinen Wurzeln abgerissen hatte und ein „Ding an sich“ geworden war, verwandelte er sich immer mehr in einen neuen heidnischen Kult. Den Wildwuchs auszumerzen erwies sich bald als schwieriger. als ein neues Beet anzulegen. Damalige kirchliche Autoren versuchten, diese Missverhältnisse geradezurücken. Ihre frommen Aufrufe stießen aber auf aufrichtiges Kopfschütteln, denn die äußere Seite des Lebens in der byzantinischen Armee war vollständig christlich. In ihrem ideologischen und alltäglichen Raum hatte Christus längst obsiegt. Der Schriftzug „IC XC NIKA“ – „Jesus Christus Sieger“ – prangte auf Fahnen, Feldzeichen und Schilden. Doch wurde es mit der Zeit immer schwieriger, den wahren Sinn dieser Abkürzung zu erkennen. Die religiöse Rhetorik stieß auf einen gefährlichen Feind – das tiefliegende Heidentum. Die Worte „Gott ist nicht in der Kraft, sondern in der Wahrheit“ wurden entscheidend für die Aufmunterung und Tröstung der Soldaten. Die byzantinischen Kaplane stießen aber noch lange Zeit auf mannigfaltige „ Übergangschwierigkeiten “.

 


[1] S. IGOR PETROVSKY. Exkommunizieren oder verherrlichen? Teil 3. Zwischen Nike und Christus. Neue Front für Kaplane// http://de.bogoslov.ru/text/1557920.html

[2] S. HOWARTH PATRICK, Attila, King of the Huns. New York: Barnes & Noble Publishing. 1995.

[3] H. GELZER. Abriss der byzantinischen Kaisergeschichte. München, 1897, S. 1010.

[4] Übersetzt nach : ANNE COMNÈNE, Alexiade, éd. B. LEIB, Paris, 1967, III, pp. 200-201.

[5] БОЛОТОВ В.В. Лекции по истории древней Церкви. Москва, 1994, т. 3, с. 184

[6] Nicetae Choniatae Historia  ed. I.A. VAN DIETEN, CFHB IX, Series Berolinensis. Berlin-New York, 1975, p. 387.

[7] Miguel Ataliates, Historia , introd., éd., trad. et comm. Im. PÉREZ MARTIN, Madrid, 2002, p. 118.

[8] Ibid.

[9] Ibid. p. 119.

Schlüsselwörter:
Siehe auch:
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