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Wer hat Jesus Christus in Wirklichkeit verraten? „Judasevangelium“ vs. Apostel Paulus

26. Mai 2011
2001 strahlte der „Discovery Channel“ den Film „The Real Jesus Christ“ aus, der eine neue Sicht auf das Christentum und Jesus Christus bietet, die sich von der herkömmlichen sehr unterscheidet. Es wird behauptet, dass der Begründer des Christentums kein anderer als der Apostel Paulus sei.  Michael Kovschov unterzieht die wissenschaftliche Begründung der Aussagen im Film einer Kritik und analysiert die Historizität der Geschehnisse, die im „Judasevangelium“ beschrieben sind.

Vor einigen Jahren stieß ich auf den Film „The Real Jesus Christ“.

Obwohl mir der Name auf den ersten Blick viel versprechend erschien, habe ich keine Offenbarungen über den wahren Jesus Christus erwartet. Mit einigen wenigen Ausnahmen ist es das Ziel der meisten solcher Filme, Bücher und Sendungen, zu zeigen, dass der reale Jesus was auch immer gewesen sei – ein jüdischer Rabbiner, ein Mystiker und Apokalyptiker, ein wandernder zynischer Philosoph - aber eben nicht Derjenige, als Der Er in den Evangelien dargestellt wird: der Fleischgewordene Sohn des Gottes Israels. Während des Anschauens hat mich etwas ganz anderes überrascht. Bis dahin kannte ich die meisten Hauptakteure[1], Bibelwissenschaftler der skeptischen Schule, von ihren Büchern oder Artikeln her, in denen sie (immerhin, noblesse oblige) sich immerhin Mühe gaben, für ihre z.T. recht fantastischen Theorien passable Argumente vorzubringen. Deshalb war ich beispiellos überrascht, wie die Professoren der größten Universitäten Nordamerikas und Großbritanniens 200 Jahre alte und längst allgemein verworfene Theorien als das letzte Wort der Bibelwissenschaft ausgaben. Ich gestehe, mir ging sogar durch den Kopf: „Und diese Menschen behaupten, dass sie sich mit Wissenschaft beschäftigen? Und sollten wir uns überhaupt, in unserem Streben nach intellektueller Redlichkeit und wissenschaftlicher Stringenz, ständig mit der Suche nach historischen, archäologischen, textuellen und anderen Nachweisen beschäftigen?“.

Alles in allem hat der Film bei mir also einen eher beklemmenden und deprimierenden Eindruck hinterlassen. Dabei geht es gar nicht darum, dass seine Autoren das „historische Christentum“ als eine durchaus unattraktive Sache dargestellt hatten. Mich hat vielmehr das Niveau ihrer Argumentation erschüttert – keine bewiesenen Fakten, keine seriösen Argumente, dafür aber eine Unmenge an Behauptungen nach dem Motto, „es war genau so und nicht anders“. Aber woher sollten wir es z.B. wissen, dass der reale Jesus Rabbiner gewesen sei, und Apostel Paulus nicht nur kein Pharisäer, sondern nicht einmal jüdischer Herkunft, wie z.B. Hyam  Maccoby behauptet[2]? Wie ist es möglich, aufgrund eines (!) Zitates über das Reich Gottes des Propheten Jesaja zu behaupten, die Lehre der Essener und jene von Johannes dem Täufer seien miteinander verwandt gewesen? Mithilfe solcher Methoden kann man alles Mögliche beweisen: es reicht aus, bei zwei verschiedenen Autoren eine ähnliche Aussage zu finden. Ab und zu fragte ich mich sogar, ob die Autoren vielleicht persönlich bei den beschrieben Ereignissen anwesend gewesen waren, denn wie hätte Maccoby sonst von der Existenz eines „Vertrages“ zwischen den Aposteln Jakob und Paulus wissen können, laut dem sich Letzterer angeblich verpflichtet hatte, sich nicht in die Angelegenheiten der Jerusalemer Kirche einzumischen? Niemand anders als Maccoby war Zeuge dieser Vereinbarung, denn sie ist in keiner uns heute bekannten Quellen erwähnt!

Es gab allerdings eine Sache, die die kühnen Behauptungen des Films immer wieder konterkarierte. Alle seine Behauptungen gründen auf einem hypothetischen Konstrukt, welches der gesprochene Kommentar in unterschiedlichen Variationen wiederholt: „Falls die ersten Nachfolger Jesu seine Biographie geschrieben hätten und diese bis heute erhalten geblieben und von Wissenschaftlern aufgefunden worden wäre, hätten wir daraus folgendes erfahren können…“. Dies ähnelt der Behauptung: „Falls auf dem Weg der Hunnenbewegung ein einziger Maschinengewehrzug gestanden wäre, hätten die Ergebnisse der Großen Völkerwanderung ganz anders ausgesehen.“ Ab und zu war ich doch etwas erstaunt, dass der Sprecher nicht müde wurde, diesen einen Satz so oft zu wiederholen...

Der Inhalt dieser “alternativen Biographie“ in der Nacherzählung der Filmautoren ist in allgemeinen Zügen der folgende: Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung habe ein jüdischer Rabbiner namens Jesus gelebt. Es sei wohl möglich, dass er mit einer Frau namens Maria Magdalena verheiratet gewesen sei, und sie hatten höchstwahrscheinlich Kinder. Er habe sich nicht für den Sohn Gottes und schon gar nicht für Gott Selbst gehalten. Sein Lehre sei nicht über die Grenzen des damaligen Judaismus hinausgegangen, mit einer Ausnahme: er habe gepredigt, dass das Reich des Gottes Israels, dessen Ankunft die Propheten vorausgesagt hatten, bereits angebrochen, und dass er –Schüler einer charismatischen Persönlichkeit, welche die Christen später Johannes den Täufer genannt hätten – dessen Verkünder sei. Allerdings habe diese „Frohe Botschaft“ den Römern gar nicht gefallen. Sie hätten gewusst, dass die Ankunft des messianischen Reiches entsprechend den Glaubensvorstellungen der zeitgenössischen Juden das Ende der römischen Macht bedeutet hätte. Darum sei Jesus einer schändlichen Tortur – der Hinrichtung am Kreuz – unterzogen worden und hätten nach seinem Tod die Nachfolger Jesu eine Sekte innerhalb des Judaismus gebildet. Dann habe sich irgendwann ein Jude namens Saul, später bekannt geworden unter dem Namen „Apostel Paulus“, zum Verkünder dieser Lehre aufgeschwungen. Dieser labile und empfindliche Mensch habe an diversen physischen und psychischen Gebrechen gelitten. Während einer seinen „Visionen“ habe er sich eingebildet, dass ihm Jesus selbst erschienen sei und befohlen habe, eine neue Religion zu gründen, eben das „Christentum“. Paulus habe Jesus dann zu einem fleischgewordenen Gott verklärt, und eben ihm (Paulus) hätten wir das Christentums in seiner heute existierenden Form zu verdanken. Und das Wichtigste: eben in dieser Paulus-Kirche seien die kanonischen Evangelien entstanden, die die Hauptquelle unserer Kenntnisse über Jesus von Nazareth sind. „Vertrauen Sie nicht den Evangelien“ – so könnte die Ausgangsthese der Filmschaffenden formuliert werden.

Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, dass ich all das irgendwo bereits gehört hatte. Dann fiel es mir auf – der Film wieder holt ja bloß die Fabulierereien des Begründers der modernen negativen Bibelkritik, Ferdinand Christian Baur.[3]

Baur war ein Professor für das Neue Testament an der Universität Tübingen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein Einfluss auf die damalige deutsche Bibelwissenschaft war enorm, und die von ihm gegründete wissenschaftliche Schule erhielt den Namen „ Jüngere Tübinger Schule“[4]. Als Baur seine wissenschaftliche Karriere begann, war er Christ; allerdings kam er im Laufe seiner Studien zu dem Schluss, dass das traditionelle Christentum hoffnungslos veraltet und es notwendig sei, es durch die Hegelsche Philosophie zu ersetzen. Ausgehend von seinen Überzeugengen, die nun philosophisch und nicht mehr religiös waren, versuchte Baur, die Geschichte des frühen Christentums durch das Prisma der Hegelschen Dialektik („These-Antithese-Synthese“) zu betrachten. 1831 erschien sein Artikel „Die Christuspartei in  der korinthischen Gemeinde“, in der Baur zum ersten Mal das dialektische Schema Hegels auf das Neue Testament anwendete. „These“ ist in seiner Interpretation das Judäo-Christentum, geleitet vom Apostel Petrus; die Gläubigen dieser Richtung seien der Meinung gewesen, dass es für die Rettung notwendig sei, weiterhin die rituellen Verordnungen des Mosaischen Gesetzes einzuhalten. Die ihnen entgegengesetzte Partei („Antithese“) waren die Christen heidnischer Herkunft. Diese „heidnischen Christen“ seien der Meinung gewesen, dass es sehr wohl möglich sei, ohne den Judaismus gerettet zu werden. Ihr Oberhaupt sei der Apostel Paulus gewesen. Die Auseinandersetzung zwischen den zwei Parteien („These“ und „Antithese“) habe das ganze Jahrhundert der Apostel hindurch angedauert. Baur schreibt dabei dem Apostel Paulus die wenig rühmliche Rolle zu, die ursprüngliche christliche Botschaft in den Kategorien des Hellenismus erläutert und dadurch die ursprüngliche christliche Evangelisation verzerrt zu haben. Spätere deutsche Forscher entwickelten diese Idee weiter, indem sie Paulus zum zweiten (oder sogar wahren) Gründer des historischen Christentums erklärten.[5]

Im Großen und Ganzen wiederholt der Film „The Real Jesus Christ“ diese 200 Jahre alte Theorie. Zwar wurden die Namen verändert und die Betonungen verschoben – das Oberhaupt der Judaisierenden ist nun nicht mehr der Apostel Petrus, sondern Jakob, während Paulus von einem Adepten der hellenistischen Mysterienkulte zu einem Kollaborateur  der Römer befördert wurde. Aber die allgemeine Stoßrichtung ist gleich geblieben: Apostel Paulus sei verantwortlich dafür, dass wir Jesus Christus heute als Gott verehren.

Um der Gerechtigkeit willen sollte angemerkt werden, dass heute praktisch kein angesehener westlicher Bibelwissenschaftler die Extreme dieser Theorie mehr teilt. Die heutige Tendenz ist es, im Apostel Paulus einen strenggläubigen Rabbiner zu sehen, der auch nach seine Bekehrung ein rechtgläubiger Jude geblieben sei und die Thora strikt eingehalten habe.[6] Andererseits gibt es für die Existenz verschiedener, gegeneinander kämpfender Parteien im Frühchristentum keine Beweise. Craig Evans, ein moderner protestantischer Forscher, behauptet: „Ich möchte nochmals betonen: wir haben gar keine Nachweise für signifikante Unterschiede im Verständnis des Wesens der christlichen Lehre. (…) Es gibt nicht den geringsten Nachweis dafür, dass es in der ersten Generation nach der Auferstehung ‚ein anders Christentum‘ mit einer abweichenden Lehre gegeben habe“.[7]

Die Filmautoren wollen uns also etwas glauben machen, was aufgrund der vorhandenen Fakten nicht bewiesen werden kann. Zum Beispiel gibt es keine Nachweise – weder textuelle noch archäologische noch sonst welche – für eine Einwirkung des Apostels Paulus auf die Autoren der kanonischen Evangelien. Es könnte höchstens eine Einwirkung auf den Apostel Lukas vermutet werden, denn dieser war sein Schüler.

Da Fakten fehlen, bleiben zur Begründung der hypothetischen Theorien nur zwei mögliche Wege: Erstens der Versuch, häretische Bewegungen in den nachfolgenden Jahrhunderten künstlich zu „veralten“ und sie als „Frühchristentümer“ auszugeben;[8] dies tut Bart Ehrman in seinem Buch Lost Christianities   und auch die Filmautoren, wenn sie die Ebioniten – eine judäo-christliche Sekte des 2. Jahrhunderts – zu Nachfolgern Jakobs erklären. Allerdings gibt es auch noch einen anderen Weg, der viel „fruchtbarer“ ist. Er besteht im „Lesen zwischen den Zeilen“, denn hier sind jegliche Bemühungen, die Gewissenlosigkeit seiner Betreiber zu entlarven, vergeblich. Nach einer prägnanten Anmerkung von Craig Evans beruht dieses Vorgehen mit biblischen Texten auf „der Vermutung, dass sie alle verschlüsselt seien und Entzifferung erfordern. Dieses bedeute jenes, und jenes dieses – und so weiter; und nur wenige Texte bedeuten lediglich das, was in ihnen geschrieben steht“[9]. So versuchen auch die Filmautoren zu beweisen, dass unter den falschen Aposteln und Feinden des Paulus aus dem ersten Sendschreiben an die Korinther die „Säulen von Jerusalem“ – Petrus, Jakob und andere aus der Zahl der Zwölf – verstanden werden müssten. Bis heute sind die meisten Forscher allerdings der Meinung, dass damit die judaisierenden Häretiker gemeint seien. Aber kein Problem – wir wissen ja, dass der Text verschlüsselt sei; in Wirklichkeit habe Paulus sich im ständigen Konflikt mit den „Säulen von Jerusalem“ befunden, und trotz seiner Bemühungen, dies zu „vertuschen“, seien die Spuren dieses Konflikts über das ganze Neue Testament verstreut. Hören sich solche „Nachweise“ wenig überzeugend an, wird sogar zu „Hypnose“ gegriffen! So hat es z.B. Dolores Cannon gemacht, eine  Hypnotiseurin mit übersinnlichen Fähigkeiten, die während einer Hypnosesitzung entdeckt haben will, dass ihr Patient im ehemaligen Leben ein Essener gewesen sei und Jesus persönlich gekannt habe. Er habe ihr viel Neues und Interessantes über das Leben des Gründers des Christentums erzählt. Das Ergebnis ist Cannons Buch „ Jesus and the Essenes: Fresh Insights into Christ's Ministry and the Dead  Sea  Scrolls” (1992).[10] Solchen Theorien ist wegen ihrer Unbeweisbarkeit nur schwer etwas entgegenzusetzen. Es ist wie beim Kampf mit einem Schatten: kein Schlag kann den Gegner treffen, da er in Wirklichkeit nicht existiert. 

Doch gab es in der Theorie der Filmmacher ein wichtiges Detail, das ihr Konzept von dem Baurs unterschied. Das ist die Frage nach der Rolle, die Judas bei der Auslieferung Jesu gespielt hatte. Die Logik der Autoren war folgende: Paulus, ein römischer Bürger, der seine römischen Patrone mit Ehrfurcht verehrt habe, habe keinesfalls gewollt, dass auf sie auch nur ein Schatten der Schuld am Tode Jesu falle. Daher habe er die Verantwortung für die Hinrichtung Christi den Juden auferlegt, und unter ihnen gar einen auserkoren, dem es seitdem beschieden sei, als Symbol des Verrats zu gelten: Judas Ischariot. „Warum ausgerechnet Judas?“, würde ein besonnener Leser jetzt fragen. Einfach darum, weil sein Name - Jehudah – die Selbstbezeichnung des jüdischen Volkes gewesen sei, und Paulus es für nötig befunden habe, die Verantwortung für den Tod Jesu den Juden zuzuschreiben. Einen besseren Kandidaten als Judas habe Paulus nicht finden können.

Faktisch ist das das einzige reale Argument im ganzen Film. Allerdings ist es eher nicht historisch, sondern ideologisch: die christlichen Evangelien geben die Schuld für den Tod Jesu den Juden, und das bedeute, dass die Christen für den Antisemitismus, die antijüdischen Pogrome, den Holocaust und all den anderen Horror verantwortlich seien, die Juden im Laufe des 20. Jahrhunderts ertragen haben. In der „politisch korrekten“ westlichen Gesellschaft ist das eine so schwere Beschuldigung, dass sie einem Todesurteil gleichkommt; doch sind im Kampf gegen das Christentum bekanntlich alle Mittel recht.[11]  Dennoch gelang es den Filmautoren nicht, diese ihre Hauptthese zu beweisen – dass die Christen die Juden abgrundtief gehasst hätten und daher all das Unheil der Letzteren ihren Ursprung habe. Wenn es also an Fakten mangelumsom so schlimmer für die Fakten, wie Hegel sagte.[12] Man kann auch ohne Fakten eine hübsche Theorie aufbauen.

Ehrlich gesagt, in diesem Augenblick dachte ich, historische Quellen, die diesen „ignoranten Quatsch“ bestätigten, würden nie gefunden. Später stellte sich heraus, dass ich mich geirrt hatte. Die Quelle wurde bald gefunden; ihr Name ist „Judasevangelium“.

Am 6. April 2006, einige Tage vor Ostern, hielt die National Geographic Society (NGS) der USA in ihrem Hauptquartier in Washington eine imposante Tagung ab. Geladen waren Vertreter von ca. 120 führenden amerikanischen Massenmedien. Ziel der Tagung war es, die Entdeckung eines rätselhaften alten Textes in koptischer Sprache zu verkünden – das „Judasevangelium“. Es stelle nicht nur die Beziehungen Jesu Christ mit seinem Jünger und Verräter in einem vollkommen neuen Licht dar, sondern auch die neutestamentarische Geschichte über den jüdischen Wanderprediger und seine zwölf Jünger. Die Rechnung der NGS ging auf: am selben Abend liefen in mehreren amerikanischen Fernsehkanälen Sendungen, die diesem rätselhaften Dokument gewidmet waren. Etwas später veröffentlichte die NGS selbst einen Film und den vollen Text des „Evangeliums“, in prächtiger Aufmachung und versehen mit Kommentaren bekannter Wissenschafter. Und weltweit berichteten die Massenmedien über die Entdeckung dieses Dokuments, das die Grundfesten des traditionellen Christentums sprengen würde.

Allerdings, wie es in solchen Fällen immer ist, erwies sich die Freude als voreilig. Erstens stellte sich heraus, dass der Text relativ „jung“ ist.[13] Verzweifelte Bemühungen, ihn „älter“ zu machen, datierten ihn schließlich auf frühestens die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts, also 100 Jahre, nachdem die im Neuen Testament beschriebenen Ereignisse geschehen waren. Diese „späte“ Datierung hängt mit dem Inhalt des „Evangeliums“ zusammen, welches die Kernaussagen des Gnostizismus des zweiten Jahrhunderts, enthält; darauf kommen wir später noch zurück. Zweitens wurde deutlich, dass der Autor die kanonischen Evangelien gut gekannt haben musste und seine Erzählung in Anlehnung daran geschrieben hatte. Im Allgemeinen ergab dieses „Evangelium“, so James Robinson, keine neuen Erkenntnisse über den historischen Jesus Christus oder Judas; in diesem Buch „geht es nur darum, was die Gnostiker einhundert Jahre später mit der Geschichte machten, die sie aus den kanonischen Evangelien kannten“.[14] Allerdings stellt sich in diesem Fall eine berechtigte Frage: warum klammern sich all diejenigen, die den Judas rehabilitieren wollen, so enthusiastisch an diese neu entdeckte Quelle? Es geht darum, dass das „Judasevangelium“ den Ischariot  tatsächlich auf seine Art rehabilitiert. Allerdings findet diese Rehabilitation im Rahmen einer ganz besonderen Kultur und Weltanschauung, nämlich des spätantiken Gnostizismus statt.

Der Begriff „Gnostizismus“ bezeichnet eine ziemlich heterogene Gruppe religiöser Lehren, denen eines gemeinsam ist: die Überzeugung, es sei möglich, das Heil bzw. die Erlösung mithilfe mystischen Wissens zu erreichen (von gr. γν ῶ σις gnōsis – „(Er-)Kenntnis“), das nur Eingeweihten zugänglich sei. Dieses Wissen war zwar elitär, seinem Wesen nach aber ziemlich einfach und entsprang dem antiken Dualismus mit seiner Verachtung des Fleisches und allem Materiellen. „Der Leib ist das Grab (der Seele)“, hatten die antiken Griechen gesagt, und die Gnostiker hätten ihnen darin völlig zustimmen können; sie waren der Meinung, dass die Welt, in der wie leben, von einer dummen, lasterhaften und bösen Gottheit (dem „Demiurgen“) erschaffen sei. Das beste Ding, was es auf Erden gebe, sei der Tod, mithilfe dessen es möglich sei, diese widerliche Welt zu verlassen. Aber irgendwo weit entfernt, hinter den himmlischen Sphären, gebe es ein Gebiet, wo eine andere, gute und reine Gottheit wohne – ein eigenschaftsloses Wesen, zu dem der wahre Gnostiker eben streben müsse. Das Schicksal aller Anderen ist es, Spielzeug in den Händen des launischen, lügnerischen und boshaften Demiurgen zu sein. 

Diese etwa finstere Kosmologie findet sich auch im „Judasevangelium“. Dort stellt sich „Jesus“ als Bote dieser weit entfernten und guten Gottheit dar. Er erwähle sich die zwölf Jünger, um ihnen die Wahrheit über sie selbst und über die Welt um sie herum zu eröffnen; allerdings erweisen diese sich fast alle als unfähig, diese „Frohe Botschaft“ zu empfangen – alle außer Einem. Nur Judas Ischariot sei das wahre Wesen Jesu bekannt: „Ich weiß, wer DU bist und woher DU gekommen bist. DU bist aus dem unsterblichen Barbelo-Äon. Und ich bin unwürdig, den Namen Dessen, Der Dich gesandt hat, auszusprechen“[15]. Danach beginne „Jesus“, Judas die Geheimnisse des Weltbaus zu eröffnen, die, laut Text des Apokryphs, in unendlichen kosmologischen Spekulationen mit himmlischen Sphären, engelhaften Wesen, Äonen und ähnlichen Dingen bestehen. Höhepunkt der ganzen Geschichte ist der Augenblick des Verrats des Judas. Sein Zweck und Sinn werden aus den Worten „Jesu“ selbst verständlich: „Aber du wirst sie alle übertreffen. Denn du würdest den Mann aufopfern, der Mich bekleidet.“[16] Mit anderen Worten stellt sich der Tod in diesem „Evangelium“ als Augenblick der Befreiung „der inneren geistigen Persönlichkeit“[17] von den Fesseln des sie bindenden Fleisches dar. Für den „Jesus“ aus dem „Judasevangelium“ sei das lediglich der Weg, in dieses „Äon“ zurückzugelangen, aus dem er gekommen sei, und damit auch den wenigen Auserwählten den Weg der Befreiung von der verächtlichen Materie zu zeigen.

Den Lesern ist sicherlich schon aufgefallen, dass ich diesen „Jesus“ in Anführungszeichen setze. Der Ursache liegt in dem Portrait Christi, das uns das „Judasevangelium“ malt. Dass dieser „Jesus“ sich von dem „kanonischen“ sehr unterscheidet, springt sofort ins Auge. Faktisch geht es um zwei völlig verschiedene Personen. Nur ein Beispiel: trotz der Bemühungen einiger Wissenschaftler, den „Jesus“ aus dem „Judasevangelium“ als lebensfrohen und wohlwollenden Lehrer mit Sinn für Humor darzustellen,[18] ist es unmöglich, nicht zu bemerken, dass dieser „Jesus“ nie lacht, sondern immer nur jemanden auslacht –meistens die Apostel, da sie nicht die Gottheit anbeten, die sie anbeten sollten. Dieses bissige und verletzende Lachen zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze „Evangelium“. Ist es möglich, sich den Jesus des Neuen Testaments vorzustellen, wie ER in derartigen Situationen lacht? Die Antwort kann nur sein: niemals! Der Christus im Neuen Testament lacht tatsächlich nicht. ER lacht aber auch niemanden aus; ER wird ja selber ausgelacht, und dieses Verb erscheint besonders häufig in der Erzählung über sein Leiden (vgl. Mt 27,29,31,41; Mk 15,20,31; Lk 23,11,35). Jesus aber erbarmt sich der Menschen unablässig, ER bemitleidet und heilt sie. Und ER weint. ER weint über Jerusalem, das zerstört wird (Lk 19,41). ER leidet mit, wenn er die Trauer der Verwandten und der Nächsten des gestorbenen Lazarus sieht (Joh 11,33). Der gnostische „Jesus“ aus dem „Judasevangelium“ aber tut nichts desgleichen. Schmerz und Leid der ihn umgebenden Menschen berühren ihn nicht, denn schließlich würden die meisten von ihnen nie das wahre Wissen begreifen und auf immer Spielzeuge in den Händen Yaldabaoths oder Saklas bleiben.Sollten denn dann für diesen „menschlichen Müll“ Zeit und Kräfte verschwendet werden?

Das spöttische Lachen Jesu aus dem „Judasevangelium“ erinnert lebhaft an das Ende eines anderen Apokryphs namens „ Der zweite Logos des großen Seth“. In dessen Finale betrügt „Jesus“, der zur Hinrichtung geführt wird, seine Henker, und diese kreuzigen in Verblendung anstatt seiner den Simon von Cyrene (laut den kanonischen Evangelien trug dieser das Kreuz Christi zur Hinrichtungsstelle, s. Mt 27,32; Mk 15,21; Lk 23,26), und „Jesus“ habe daneben gestanden und gelacht… Im Zusammenhang mit diesem boshaften Lachen gibt es übrigens noch eine Parallele. Allerdings bezieht sie sich eher nicht auf die Bibel, sondern auf die Heiligenvitae und die patristische Literatur. Darin gibt es auch einen weiteren Charakter, der gerne über die Menschen lacht. Im Neuen Testament ist sein Name Teufel oder Satan. Die Schlussfolgerungen kann jeder selber ziehen…

Streng gesagt, hat dieses Portrait mit dem Neuen Testament und dem realen, „historischen“ Jesus Christus nichts zu tun (streng gesagt, kann dasselbe auch über Judas Ischariot gesagt werden). Warum aber wurden so viele Kräfte, Energien und Gelder für die Verbreitung dieses Zerrbildes aufgewendet? Dafür kann es viele Gründe geben. Verleger sind zum Beispiel an der Erhöhung ihrer Auflagen interessiert, und da hat ein Buch, das mit dem schrillen Werbemotto „endlich die Wahrheit“[19] daherkommt, sehr viel höhere Chancen, in die Bestsellerlisten zu gelangen, als eine wissenschaftliche Monographie.

Was die Wissenschaftler betrifft, die an diesem Filmprojekt beteiligt waren, wage ich zu vermuten, dass für sie die Rehabilitation des Judas der Versuch ist, die eigene Apostasie zu rechtfertigen. So hat beispielsweise Geza Vermes, ein Professor der Oxford-Universität, öffentlich dem Christentum abgeschworen und ist zum Judaismus übergetreten. Ein anderes Beispiel ist Bart Ehrman, der einen Kommentar zum „Evangelium“ verfasst hat. Seine Bücher sind im Westen sehr populär und werden seit einiger Zeit auch auf Russisch veröffentlicht. Ehrman hatte sich als Teenager zum Christentum bekannt und fundamentalistischen Protestanten angeschlossen. Das Ende seines Glaubens kam in der Zeit seines Studiums am Theologischen Seminar zu Princeton, als er unter der Leitung von Bruce Metzger abweichende Lesarten der Manuskripte des Neuen Testaments studierte. Bis dahin war Ehrman wie alle seine Kameraden aus dem Moody Сollege in Chicagо davon überzeugt, dass die Tatsache, dass die  Bibel von Gott inspiriert ist, ihre hundertprozentige Fehlerfreiheit und Widerspruchslosigkeit bedeute. Als er aber verstanden habe, dass in Wirklichkeit alles viel komplizierter sei, sei die Bibel für ihn ein allzu menschliches Buch geworden, in dem es nichts Göttliches gebe.[20]

Ursachen für Apostasien moderner Menschen können viele aufgezählt werden; wir müssen aber den Mut haben, uns ehrlich einzugestehen, dass eine der wichtigsten im Christentum selbst liegt. Und dabei geht es weder um die langweilige Moralisierung, mit der sie von vielen  amerikanischen Protestanten assoziiert wird, noch um den Klerikalismus oder den Sergianismus[21], für den die russische Orthodoxie so häufig kritisiert wird. Es ist einfach so, dass das Christentum tatsächlich eine sehr unbequeme Religion ist. Es beruft zu ständiger Arbeit an sich selbst, zum quälenden Kampf mit den eigenen Lastern, Schwächen und Nachteilen; die eigenen Feinde zu lieben und noch viele andere gar nicht angenehme Dinge zu tun; und, was das Wichtigste ist: das Christentum sagt, dass wir in Wirklichkeit gar nicht so rein, sanft und   flauschig sind, wie wir uns gerne zeigen würden. All das entspricht nicht den Anforderungen der postmodernen Welt und der modernen Konsumkultur. Vor diesem Hintergrund sind religiöse Lehren anziehender, die einen auffordern, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Und wenn die neue Religion auch noch behauptet, „das Sternenlicht leuchtet in einem selbst“,[22] und dass es das Hauptziel sei, dem inneren Stern zu folgen, anstatt sich mit der Selbstgeißelung und Selbstzerfleischung zu beschäftigen, ist ihr großer Erfolg gewiss. Dies ist eventuell die Hauptursache für die Popularität des „Judasevangeliums“. 

Es stellt sich auch die Frage, ob eine der Ursachen der Popularität des „Judasevangeliums“ darin besteht, dass es den Anhängern des Judaismus die Verantwortung für den Tod Jesu abnimmt. Hier erwartet uns jedoch eine Enttäuschung – seiner Weltanschauung nach ist das „Judasevangelium“ dem Judaismus diametral entgegengesetzt. Über die Angehörigkeit des Judas zum jüdischen Volk steht darin nichts geschrieben, und die Juden selbst werden als Leute dargestellt, die jeder Kritik würdig seien, da sie in Wirklichkeit nicht dem wahren Gotte, sondern dem boshaften Demiurgen dienen[23]. Daher bietet uns das "Judasevangelium", in den Worten von Guy Strumsa, einem führenden Theologen des Judaismus, eine Art „metaphysischen Antisemitismus“.[24]  Die führende jüdische Forscherin zur Entstehung des Christentums, Amy-Jill Levine, schreibt dazu: „Diese neue revidierte Version Jesu wird nicht nur die Beziehungen zwischen Judaismus und Christentum in keiner Weise beeinflussen, sondern das Judasevangelium enthält im Allgemeinen eine theologische Theorie, aus der weder Juden noch Christen etwas Gutes schöpfen werden (…) Ich würde es vorziehen, den Gott Israels als Held beizubehalten, anstatt Judas zum Helden zu machen. Ich würde es vorziehen, das Gesetz und die Propheten beizubehalten, anstatt irgendetwas über erleuchtete Äonen zu erfahren, und ich würde es vorziehen, den menschlichen Leib zu respektieren, anstatt ihn zu verleugnen.“[25]

Aber kann es sein, dass das Evangelium doch eine „authentische Tradition“ widerspiegelt – nämlich die Erinnerung daran, dass Judas Jesus nah gewesen wäre, und Jesus ihm besondere Aufträge erteilt hätte, wie Craig Evans vermutet?[26] Diesbezüglich ist es notwendig, folgendes zu sagen: Wenn vom „historischen Jesus“ die Rede ist, gilt für alle Wissenschaftler die erste und unerschütterliche Regel, „die ältesten greifbaren Texte zu benutzen“.[27] In diesem Sinne verliert das "Judasevangelium" gegen das Neue Testament hundertprozentig. Ich erinnere nochmals daran: keiner der modernen Forscher datiert die Zeit der Niederschrift dieses „Evangeliums“ früher als in die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts, wobei das wahrscheinlichste Datum eben diese zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts ist.[28] Keiner der alten Christen zitiert das "Judasevangelium" als kanonisch, obwohl ihre Werke voller Verweise, Zitate und Anspielungen auf die neutestamentarischen Evangelien sind. Andererseits bestätigt selbst dieses „Evangelium“ indirekt wenn nicht die Historizität des Neuen Testaments, dann jedenfalls die Tatsache, dass es seinem Autor gut bekannt war.[29] Aber dies beweist keinesfalls, dass es irgendeine „authentische Situation“ widerspiegele. Eher umgekehrt: „Die Logik der modernen Verfechter des Judas ist in der Regel folgende: wenn es keinen Judas gegeben hätte, hätte es auch keine Kreuzigung gegeben, und damit auch kein Christentum. Der Autor des Apokryphs meint dies aber nicht: für ihn wäre es besser gewesen, wenn es die den Gnostikern feindschaftliche Kirche überhaupt nicht gegeben hätte.“[30] Mit anderen Worten: für den Autoren des „Evangeliums“ hat die Auseinandersetzung mit dem „kirchlichen Christentum“ eine viel größere Bedeutung als die Wiederherstellung der „authentischen Situation“ zwischen Jesus und Judas. Es kann zwar alles mögliche vermutet werden; aber aufgrund des Textes des „Evangeliums“ kann man keinen anderen Schluss ziehen.  

Aber kann es sein, dass das "Judasevangelium" wenigstens die Motive des Verrats ausdeutet? Nach Meinung führender protestantischer Bibelwissenschaftler wie Nicholas Thomas Wright, Bischof von Durham, und Craig Evans, sind diese Motive bis jetzt nicht ganz geklärt. Zumindest kann aufgrund des Neuen Testaments kein klarer Schluss gezogen werden. War es Geldgier (nach Matthäus und Johannes) oder eher satanische Besessenheit (nach Lukas und Johannes)? Oder waren solche Faktoren nur sekundär?[31] Wie N.T. Wright schreibt: „Wir wissen nicht, was Judas bewegt hat, und wir werden es wahrscheinlich nie erfahren.“[32]

Hier gibt es zwei Hauptfragen; erstens: haben wir glaubwürdige Angaben über die Motive des Verrats des Judas; und zweitens: war sein Verrat von Gott selbst vorherbestimmt?

Was können wir also über Judas’ Motive  sagen? Unsere Hauptquelle ist das Neue Testament. Tatsachlich benennen die Evangelien die Ursachen des Verrats nicht eindeutig. Dennoch geben sie uns klar zu verstehen, warum Judas seinen Lehrer verraten habe. Dafür brauchen wir nur die Kapitel, die das Ereignis beschreiben, aufmerksam wieder zu lesen. Hier – wie in jeder Exegese des biblischen Textes – ist es entscheidend, keine Zitate aus dem Kontext herauszureißen. Wenn wir nur die Stellen lesen, in denen es um den Verrat selbst geht, werden wir wahrscheinlich nichts verstehen. Deshalb müssen wir die vorhergehenden und die nachfolgenden Ereignisse betrachten, die uns helfen werden, die Frage zu beantworten, warum Judas Jesus verriet.

In den Evangelien beginnt der Akt des abschließenden Dramas einige Tage vor dem jüdischen Passah (s. Mt 26,2; Mk 14,1; Lk 22,1; Joh 11,55). Der Heiland selbst kündigt seinen Jüngern die Kreuzigung an, und die Pharisäer, die Hohepriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten des Volkes beginnen, nach einer günstigen Gelegenheit zu suchen, ihn zu fangen. Sie haben Angst, Jesus vor aller Augen zu verhaften, da sie seine Popularität als Prophet fürchten (Mt 26,3-5; Mk 14,1-2; Lk 22,2; Joh 11,57). Unter den Ereignissen, die der Verhaftung vorangehen, wiederholt sich eine wichtige Episode bei allen Evangelisten außer Lukas immer wieder. Das ist die Szene mit der Frau, die das Haupt des Heilands mit kostbarem Salböl übergießt (s. Mt 26,6-13; Mk 14,3-9; Joh 12,2-8). Matthäus und Markus weisen nur darauf hin, dass dies während des Abendmahls geschieht, in Bethanien im Hause Simons, der früher einmal leprakrank gewesen war (Mt 26,6; Mk 14,3). Der Evangelist Johannes fügt hinzu, dass beim Abendmahl auch Lazarus anwesend war, den der Heiland kurz zuvor von den Toten wieder erweckt hatte (Joh 11); und die Frau war niemand andere als dessen Schwester Maria. Johannes gibt an, dass sie das kostbare Salböl nicht auf das Haupt Jesu, sondern über seine Füße gießt und diese dann mit ihren Haaren trocknet (Joh 12,3). Diese Handlung, zugleich von tiefster Liebe und größter Demut voll, hat seitens einiger Jünger eine merkwürdige Reaktion zur Folge: sie beginnen sich darüber zu erzürnen, dass solch ein Schatz wie Salböl so verschwendet wird, denn es hätte statt dessen verkauft und das erhaltene Geld den Armen gegeben werden können (Mt 26,8-9; Mk 14,4-5). Diese nicht ganz klare Reaktion „einiger Jünger“ klärt Johannes der Theologe auf: es ist Judas Ischariot, der sich erzürnt, und zwar nicht aus Liebe zu den Unvermögenden. Judas war ein Dieb – er trug mit sich die Kasse, in die man die Spende hineingelegt hatte (Joh 12,6). Anscheinend war es bei ihm nicht das erste Mal, dass er auf solche Weise erhaltenes Geld nach eigenem Ermessen nutzte. Johannes präzisiert weiter: Judas hatte bereits geplant, Jesus dem Tode auszuliefern (Joh 12,4). Es kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass auch andere Jünger außer Ischariot über Maria erzürnt waren; aber auch wenn es so gewesen sein sollte, kann Eines mit Sicherheit behauptet werden: sie müssen ganz andere Motive als Judas gehabt haben. Offenbar waren sie tatsächlich von der Liebe zu den Armen bewegt worden, und nicht von dem Wunsch, sich selbst zu bereichern. Der Heiland entlarvt die Eiferer, indem ER darauf hinweist, dass Maria dadurch seinen Leib zur Bestattung vorbereitet habe (s. Mt 26,12; Mk 14,8; Joh 12,7). Bei Lukas gibt es diese Erzählung nicht; aber er ist eben derjenige, der eine wichtige Behauptung aufstellt: „ Aber Satan fuhr in Judas, der Iskariot zubenamt ist, welcher aus der Zahl der Zwölfe war“ (Lk 22,3). Der Evangelist Johannes präzisiert es näher: der Teufel fährt in Judas während des Heiligen Abendmahls hinein, nachdem der Heiland ihm ein Stück Brot gegeben und dadurch auf ihn als den Verräter hingewiesen hatte. Danach sagt der Heiland den bekannten Satz: „ Was du tust, tue schnell“ (Joh 13,26-27). Sicherlich kann diese Geste unterschiedlich interpretiert werden, ebenso wie die Worte des Heilands im Evangelium nach Matthäus: „ Judas aber, der ihn überlieferte, antwortete und sprach: Ich bin es doch nicht, Rabbi? Er spricht zu ihm: Du hast es gesagt“ (Mt 26,25). Die Befürworter der Theorie der Vorbestimmung des Judas versuchen zu beweisen, dass Jesus Judas dadurch quasi zum Verräter bestimmt habe. Doch bieten die angeführten Texte für solche Schlussfolgerung keine Anhaltspunkte.

Hatte der Heiland Judas wirklich zum Verrat vorherbestimmt? Aufgrund des Textes des Neuen Testaments kann dieser Schluss nicht gezogen werden. Das einzige, was aus den Evangelien wirklich folgt, ist, dass Christus von dem bevorstehenden Verrat wusste. Darauf weisen alle vier Evangelisten hin, und Matthäus und Johannes fügen hinzu, dass ihm sogar der Name des Verräters bekannt war. Bemerkenswert ist, dass Christus nicht nur selbst von dem Verrat weiß, sondern dies auch seinen Jüngern mitteilt und dadurch zeigt, dass ihm alles bekannt ist. Er liefert sich dem Tode aus, „ wie über ihn geschrieben steht“ – nämlich von den Propheten des Alten Testaments (Mk 14,21; Mt 26,24). Lukas schreibt: „ Und der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie es beschlossen ist“ (Lk 22,22). Im griechischen Text entspricht den letzten Worten die Wendung κατὰ τò ω ̔ ρισμένον, die wortwörtlich „nach der Bestimmung“ übersetzt werden kann. Wenn es beim Ereignis des Verrats möglich ist, über die Vorbestimmung zu reden, dann nur in Bezug auf den Sohn Gottes.

Der Herr zeigt Judas mehrmals, dass ihm alles bekannt ist. Zum Beispiel gibt der Herr während des Letzten Abendmahls, als die Jünger fragen, wer genau ihn verraten würde, Judas zweimal zu verstehen, dass ER von dem geplanten Verrat weiß (Mt 26,25; Joh 13,27). Auffällig ist auch, wie der Heiland sich im eigentlichen Augenblick des Verrats gegenüber Judas verhält. Auch dann redet ER ihm ins Gewissen, indem ER ihn seinen Freund nennt und fragt, wofür er gekommen ist (Mt 26,50), und sanftmütig fragt: „ Judas, überlieferst du den Sohn des Menschen mit einem Kuss?“ (Lk 22,48)

In der Überschrift dieses Artikels ist das "Judasevangelium" dem „Apostel Paulus“ entgegengestellt, deshalb wollen wir zum Abschluss versuchen, die letzte wichtige Frage zu antworten: welche Bezeugungen „überwiegen“? Zunächst möchten wir bis ins kleinste Detail hinein genau sein. Erstens gibt es, wie ausgeführt, keinerlei Hinweise für die Einmischung des Apostel Paulus in den Prozess des Niederschrift der kanonischen Evangelien; zweitens gibt es keinerlei Nachweise, die die Historizität der Ereignisse, die im "Judasevangelium" beschrieben sind, bestätigen würden; und drittens, auch wenn man annimmt, dass dieses „Evangelium“ irgendeine authentische Situation widerspiegele, sagt es uns nichts über die Rolle des Apostel Paulus bei der Entstehung des Christentums. Damit hätte man es beenden lassen können, doch bleibt ein Problem ungelöst – ob es im Text des Neuen Testaments selbst irgendwelche Bezeugungen über die Auseinandersetzung der Parteien innerhalb des frühen Christentums gibt.

In der Apostelgeschichte und den Sendschreiben können wir tatsächlich Meinungsverschiedenheiten zu den Punkten konstatieren, die mit der Aktualität und Anwendbarkeit des mosaischen Gesetzes sowohl für Juden als auch für die Heiden zusammenhängen.[33] Diese Meinungsverschiedenheiten haben Baur und andere Anhänger der kritischen Schule Anlass gegeben, zu behaupten, die Kirche sei in der Anfangsperiode ihrer Geschichte ein brausender Kessel widersprüchlicher Lehren gewesen. Ist aber eine Meinungsverschiedenheit in einer umstrittenen Frage wirklich ein ausreichender Grund für derartige Behauptungen? Denn in der Hauptsache sind sich alle neutestamentarischen Autoren einig: „Der christliche Glaube beginnt mit der Auferstehung Jesu, dessen Tod (nach jüdischen Begriffen) als erlösend, rettend und die Prophezeiungen erfüllend interpretiert wurde. In diesem Punkt gab es keine Meinungsverschiedenheiten. Alle, die an Jesus glaubten und ihm nachfolgten, waren in dieser Frage miteinander einverstanden. Es gab kein ‚anderes Christentum‘, das etwas anderes geglaubt hätte… Die Auferstehung Jesu und seine errettende Kraft wurden zum zentralen Thema der christlichen Predigt und Mission, was die Sendschreiben des Petrus und des Paulus vorbehaltlos bestätigen.“[34] Die Auferstehung des fleischgewordenen Gottes wird zum zentralen Motiv der Predigt sowohl bei Apostel Paulus als auch bei allen anderen Christen, darunter Apostel Petrus. Dabei entsprach, nach den Schriftzeugnissen des Apostel Paulus selbst sein Verständnis der christlichen Frohen Botschaft dem Verständnis der ursprünglichen Jünger und Apostel Jesu („ die als Säulen angesehen wurden“[35]), einschließlich Petrus. Paulus hatte gar keine neue Version des Christentums erschaffen, die mit der alten konkurriert hätte, dem Judaismus näher gewesen wäre und zu der die Kirchenleiter in Jerusalem sich bekannt hätten. Die einzige Anweisung, die „die Säulen“ Paulus gegeben hatten, war, „dass wir der Armen eingedenk seien“[36], was Paulus, wie er selber sagt, sich bemühte, genau zu erfüllen. „Also war das Paulinische Verständnis des Wesens des Christentums und seine apostolische Autorität von den Führern der Jerusalemer Kirche bestätigt“.[37] Vergleichen wir das, was Petrus und Paulus über das Wesen des Christentums sagen, sehen wir, dass sie sich im Wesentlichen einig sind (vgl. 1 Kor 15,1-5; Röm 1,1-4, 16; 10,9-10 und Apg 2,22-24, 32, 38)[38].

Also scheint in der Frage nach den Beziehungen zwischen Petrus und Paulus alles klar zu sein. Was fangen wir aber mit dem Apostel Jakob an? Im Neuen Testament ist sein Sendschreiben enthalten, in dem er eine Sichtweise zur Frage nach dem Glauben und den Werken äußert, die dem Hl. Paulus direkt entgegengesetzt ist. Es gab aber zwischen Paulus und Jakob in den anderen Punkten keine Meinungsverschiedenheiten; wenigstens kann dieser Schluss nach dem Vergleich der Lehre des Jakob in seinem Sendschreiben und der Apostelgeschichte mit den Sendschreiben des Paulus  gezogen werden.[39] Was die Frage nach dem Glauben und den Werken betrifft, sprechen hier die Apostel, auch wenn sie sich auf ein und dieselbe Passage aus der Genesis beziehen (Gen 15,6), in Wirklichkeit über zwei verschiedene Probleme. Apostel Jakob beweist, dass der Glaube an Gott notwendigerweise Werke der Barmherzigkeit in Bezug auf die Nächsten nach sich zieht. Ohne gute Werke sei der Glaube tot (Jak 2,20,26). Aber auch Apostel Paulus beruft zu denselben: „ lasst uns das Gute wirken gegen alle, am meisten aber gegen die Hausgenossen des Glaubens“. Der christliche Glauben ist keine statische Überzeugtheit. Er ist dynamisch und äußert sich in konkreten Werken, die auf die Menschenhilfe gerichtet sind. Das ist es eben, was die Wendung Paulus meint mit „der Glaube, der durch die Liebe wirkt“ (Gal 5,6). In demselben Sendschreiben (an die Galater), aus dem diese Worte stammen, polemisiert Paulus gegen die Idee der Rechtfertigung nicht durch den Glauben, sondern durch die Werke (Gal 2-3). Das ist aber ein ganz anderes Problem! Schauen wir einmal auf die Terminologie: im Sendschreiben Jakobs geht es um die „guten Werke“, während im Sendschreiben an die Galater bereits die „Werke des Gesetzes“ figurieren. In Wirklichkeit „bestreitet Paulus die Idee, dass ein Heide, um ein ‚vollwertiger‘ Christ zu werden, das Gesetz Moses’ erfüllen müsse. Das ist aber gar nicht die Lehre Jakobs. Die Unterschiede, die wir in ihren Schriften sehen, hängt mit der Verschiedenheit der Probleme, von denen sie schreiben, zusammen.“[40]

Zum Schluss möchte ich anmerken, dass die Bemühungen einiger Autoren, das traditionelle Christentum als lediglich eine von einer Menge einander widersprechender Bewegungen darzustellen, wieder einmal gescheitert sind. Das "Judasevangelium" ist nicht jener alte Text, der die Feste des traditionellen Christentums hätte erschüttern oder seinen Ursprung und die frühe Geschichte in einem anderen Lichte erscheinen lassen können. Ich persönlich denke, dass solch eine Quelle kaum jemals gefunden werden könnte. Meine Überzeugung rührt in erster Linie daher, dass die beharrlichen Bemühungen, sie zu finden und dem breiten Publikum als wahre Bezeugung des wahren Christentums zu präsentieren, eher eine gewisse Einstellung bezeugen als reale Fakten. Was aber den Hauptpunkt der Orthodoxie – das Wunder der Auferstehung Christi – betrifft, so bleibt er nach wie vor unwandelbare Grundlage des christlichen Glaubens.

Dieser Artikel entstand mit der finanziellen Unterstützung der Russischen Geisteswissenschaftlichen Stiftung (РГНФ),Projekt № 10-04-00133а

Teilweise in der Zeitschrift „Der Newa-Theologe“ (НeвскийБогослов) №7 2011 veröffentlicht.

 


[1] Ich nenne sie Hauptakteure, da die Hauptrolle im Film nicht der reale, historische Jesus Christus, sondern die abstrusen Theorien dieser Wissenschaftler spielen. 

[2] Vgl. H. Maccoby: The mythmaker - Paul and the invention of Christianity. Barnes & Noble, New York 1998: 50-61. 

[3] Nicht nur diese; aber die Baur-Argumentation nimmt eine besonders starke Stellung ein.

[4] Um der Gerechtigkeit willen sollte angemerkt werden, dass sein Einfluss sich nicht nur auf die deutsche Bibelwissenschaft des 19. Jh beschränkt; wie der hier besprochene Film zeigt, liegt der Schatten Baurs immer noch auf den theologischen Fakultäten und bibelwissenschaftlichen Lehrstühlen.

[5] S. [Wrede, W. Paulus] ВредеВ . Павел. – М., 1907

[6] Eine Übersicht der modernen westlichen Richtungen der Studien der Sendschreiben des Apostel Paulus auf Russisch s. in folgenden Büchern: Хейфманн С. Павел и его интерпретаторы. // Словарь Нового Завета. Т.2:Мир Нового Завета. / Эванс К. и др., ред. - М.: ББИ, 2010. - С.532-545. [Wright N.T. What Saint Paul Really Said: Was Paul of Tarsus the Real Founder of Christianity?] Райт Н.Т. Что на самом деле сказал апостол Павел. Был ли Павел из Тарса основателем христианства? – М.: ББИ, 2010; [ McRay  J. Paul: His Life and Teaching] Макрей Д.  Жизнь и учение апостола Павла. – Черкассы: Коллоквиум, 2009; möglicherweise wird in dieser Hinsicht auch unser Artikel Новые взгляды на Павла»: критический анализ современных западных подходов к исследованию посланий апостола язычников. // Христианское чтение. 2011 (imprimatur) von Nutzen sein.

[7] [russische Übersetzung von Fabricating Jesus: How Modern Scholars Distort the Gospels]Эванс К. Сфабрикованный Иисус: Как современные исследователи искажают Евангелия. – М.: Эксмо, 2009. – С. 226, 228.

[8] Ebd., S. 240.

[9] Ebd., S. 246.

[10] Nach: Ebd., S. 247.

[11] So bitter es auch ist, davon zu sprechen, aber gerade die russischen orthodoxen Christen – in erster Linie die Neomärtyrer und Bekenner, die seit Ende des 20. Jh. als Heilige verehrt werden – hätten diese Behauptung bestätigen können.

[12] „Als Hegel seine Philosophie der Geschichte darlegte und sich dabei auf eine bestimmte Reihe der Ereignisse bezog, begann plötzlich einer seiner Hörer, der Geschichte studierte, zu protestieren: ‚Aber, Herr Professor, die Fakten sprechen anders!“ – „Umso schlimmer für die Fakten‘, antwortete Hegel“. БрюсФ . Документы Нового Завета: достоверны ли они? http://www.reformed.org.ua/2/224/3/Bruce

[13] Gemeint ist hier natürlich nicht die Abschrift, die gefunden wurde, sondern das Original selbst.

[14] Zit. nach: [russischer Übersetzung von Wright N.T. Judas and the Gospel of Jesus] РайтТ.  Иуда и Евангелие Иисуса. – М.: Эксмо, 2009. – С. 56.

[15] Евангелие Иуды. Прил. I к: Райт Т. Иуда и Евангелие Иисуса. – С. 145.

[16] Ebd., – С. 153.

[17] [russische Übersetzung von Wright N.T. Judas and the Gospel of Jesus] Райт Т.  Иуда и Евангелие Иисуса. – С. 49.

[18] [russische Übersetzung von Wright N.T. Judas and the Gospel of Jesus] Райт Т.  Иуда и Евангелие Иисуса. – С. 47.

[19] Ebd., S. 95.

[20] Im Rahmen dieses Artikels besteht nicht die Möglichkeit, darauf ausführlicher einzugehen; dennoch ist es bemerkenswert, dass wir in Evans ein drastisches Beispiel dafür sehen, wie der Fundamentalismus den Menschen zur Apostasie führen kann. Über die Apostasie von Ehrman siehe auch: [russische Übersetzung von Fabricating Jesus: How Modern Scholars Distort the Gospels]  Эванс К. Сфабрикованный Иисус. S. 31-38.

[21] Sergianismus (russ. Сергианство) ist ein in der kirchlich-historischen und publizistischen Literatur verwendeter Begriff, der die Politik der kirchlich-politischen Kompromisse bezeichnet, die vom stellvertretenden Statthalter des Patriarchen und Metropoliten (ab 1943 Patriarchen) Sergij (Stragorodskij; 1925-1944) betrieben wurde.

[22] [russische Übersetzung von Wright N.T. Judas and the Gospel of Jesus] Райт Т.  Иуда и Евангелие Иисуса. – С. 51.

[23] Ebd., – С. 103.

[24] Zit. nach: Ebd., – С. 102.

[25] Zit. nach: Ebd., – С. 103. 

[26] [russische Übersetzung von Fabricating Jesus: How Modern Scholars Distort the Gospels] Эванс К  . Сфабрикованный Иисус. – С. 322.

[27] Ястребов Г  . Источники сведений об Иисусе из Назарета. Прил. II к: Райт Т. Иуда и Евангелие Иисуса. – С. 182.

[28] Витковский В  . Евангелие Иуды. Прил. I к: Райт Т. Иуда и Евангелие Иисуса. – С. 140.

[29] [russische Übersetzung von Wright N.T. Judas and the Gospel of Jesus] Райт Т.  Иуда и Евангелие Иисуса. – С. 72.

[30] Витковский В  . Евангелие Иуды. – С. 136.

[31] [russische Übersetzung von Fabricating Jesus: How Modern Scholars Distort the Gospels] Эванс К  . Сфабрикованный Иисус. – С. 322.

[32] [russische Übersetzung von Wright N.T. Judas and the Gospel of Jesus] Райт Т.  Иуда и Евангелие Иисуса. – С. 41.

[33] [russische Übersetzung von Fabricating Jesus: How Modern Scholars Distort the Gospels] Эванс К  . Сфабрикованный Иисус. – С. 230.

[34] Ebd., – С. 227-228.

[35] Gal 2,9. (Anm.d.Ü.)

[36] Gal 2,10. (Anm.d.Ü.)

[37] [russische Übersetzung von Fabricating Jesus: How Modern Scholars Distort the Gospels] Эванс К  . Сфабрикованный Иисус. – С. 225-226.

[38] Ebd., – С. 226-227.

[39] Ebd., – С. 235-237. 

[40] [russische Übersetzung von Fabricating Jesus: How Modern Scholars Distort the Gospels] Эванс К  . Сфабрикованный Иисус. – С. 240.

  

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