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Goldener Fonds

Das „Petrus-Primat“ im Antiochenischen Patriarchat und im Seleukischen Katholikat des 5. Jahrhunderts

12. Juli 2011
In diesem Artikel kommentiert Dmitry Shabanov einige Punkte des Dokuments „Die Rolle des Bischofs von Rom in der koinonia/communio der Kirche im ersten Jahrtausend”, das durch das Koordinations-Komitee der Gemeinsamen Internationalen Kommission für den theologischen Dialogzwischen der Römisch-Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche auf der Konferenz in Kreta (27. September – 4. Oktober 2008) erarbeitet wurde. Im Mittelpunkt stehen die Vorstellungen über die Autorität und den Dienst von  Patriarchen, die im 5. Jahrhundert im Antiochenischen Patriarchat und im Seleukischen Katholikat existierten. 

Für die Kommentierung des vorläufigen Dokuments „Die Rolle des Bischofs von Rom in der koinonia/communio der Kirche im ersten Jahrtausend”, das durch die Gemeinsame Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Römisch-Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche auf der Konferenz in Kreta (27. September – 4. Oktober 2008) besprochen wurde, sind folgenden Punkte interessant:

„10. Kyprian glaubte, dass die Einheit des Episkopats und der Kirche durch die Persönlichkeit von Petrus, dem der Primat  [primacy] gegeben worden sei, und seine Kathedra symbolisiert worden sei, und dass diese Verantwortung auf allen Bischöfen zusammen („in solidum“) liege ( De ecclesiae catholicae unitate   [Über die Einheit der katholischen Kirche], 4-5). Deshalb könne die Kathedra Petri in jeder Kathedra gefunden werden, insbesondere aber in der Kathedra von Rom. Diejenige, die nach Rom kommen, kommen „zur Kathedra Petri“, zur Primatkirche, zur Quelle der bischöflichen Einheit selbst“ (Sendschreiben 59, 14, 1).

11. Der Primat des Bischofs von Rom äußert sich in verschiedenen Konzepten, so wie cathedra Petri (Kathedra des Petrus), sedes apostolica (apostolische Kathedra), prima sedes (die erste Kathedra). Allerdings ist laut Papst Gelasios „die erste Kathedra keinem kirchlichen Gericht unterworfen“ («Prima sedes a nemine iudicatur»; [cf. Sendschreiben. 4, PL 58, 28B; Sendschreiben. 13, PL 59, 64A], was später ekklesiologisch betrachtet und zum Anlass für Diskussionen zwischen Ost und West wurde, ob der Kaiser den Papst nicht richten dürfe.

13. Kaiser Justinian (527–565) verankerte im Reichsreicht die Ordnung der fünf Kathedrae: Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem (Novellae 131, 2; vgl. 109, Vorwort,; 123, 3). Dadurch legte er das fest, was heute als Pentarchie bekannt ist. Der Bischof von Rom wurde als der Erste dem Rang (taxis) nach angesehen, obwohl die Tradition Petri nicht erwähnt wurde.

20. Im Westen ging die Betonung der Verbindung zwischen dem Bischof von Rom und dem Apostel Petrus, insbesondere seit dem 4. Jahrhundert, mit immer konkreter werdenden Verweisen auf die Rolle Petri im Kreis der Apostel einher. Der Primat des Bischofs von Rom unter den Bischöfen wurde allmählich im Sinne seines Prärogativs als Nachfolger Petri, des ersten unter den Aposteln, interpretiert (s. Hieronymus, Jesaja -Kommentar   14, 53; Leo, Dialogen 94, 2; 95, 3 Leo, Dialogen 94, 2; 95, 3). Die Position des Bischofs von Rom unter den Bischöfen wurde in den Begriffen der herausragenden Position Petri unter den Aposteln verstanden. Im Osten fand eine derartige Entwicklung der Auslegung des Dienstes des Bischofs von Rom nicht statt. Im ersten Jahrtausend wurde eine solche Interpretation im Osten explizit nie verworfen; jedoch neigte der Osten immer eher dazu, jeden Bischof als einen Nachfolger der Apostel, einschließlich Petri, anzusehen (vgl. Kyprian, De ecclesiae catholicae unitate 4-5; Origenes, Matthäuserklärung).

21. Solchermaßen verwarf der Westen die Pentarchie-Idee nicht  (s. § 13. oben), denn im Rahmen dieses Begriffs wurde die Ordnung der fünf Hauptkathedrae (Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem), um die die fünf Patriarchate der Alten Kirche sich entwickelt hatten, streng eingehalten (vgl. das Dokument von Ravenna, § 28.). Dennoch maß der Westen der Pentarchie als einer Kirchenverwaltungsmethode nie solche Bedeutung wie der Osten bei.“

Unserer Meinung nach fehlt diesen Paragraphen ein wichtiger Aspekt der Entwicklung der Primat-Idee in den Ostkirchen: die Lehre über die Sonderrolle der Vorsteher der Hauptkathedrae, die entweder aus der Vorstellung über die vorzügliche Nutzung der Prärogativen des „Petrus-Primats“ hervorging oder anders verstanden wurde, ist ausgelassen. Für dieses Dokument ist diese Auslassung eventuell richtig, denn es ist erst der Entwurf eines Abkommens, in dem nicht unbedingt alle Nuancen ausgeschrieben werden müssen. Dennoch wäre es nützlich, um die Angelegenheit zu klären, einiges zu kommentieren. Bei der  Betrachtung des Problems des Primats des Bischofs von Rom bzw. der Entwicklung und den verschiedenen Auffassungen dieses Begriffs wäre es angemessen, ähnliche Prozesse der Entwicklung der Rechte und der Auffassung des Dienstes der Vorsteher der anderen Patriarchate zu berücksichtigen, denen der Primat in einigen Fällen zugestanden wurde. Die Erforschung dieses Problems kann das Bild der Entwicklung der kirchlichen Institutionen sowohl theologisch als auch kanonisch weitgehend klären.

Im Rahmen dieses Artikels stellen wir uns die Aufgabe, zu betrachten, welche Vorstellungen über die Autorität und den Dienst der Patriarchen im 5. Jahrhundert im Antiochenischen Patriarchat und im Seleukischen Katholikat existierten. Es sollte erwähnt werden, dass uns keine direkten Daten zu Antiochia vorliegen, weswegen wir einen Umweg nehmen und Antiochia durch die benachbarten Diözesen von Persien betrachten. Nach Meinung der Vertreter des Antiochenischen Patriarchats gehörten die persischen Diözesen dazu, jedoch waren sie völlig unabhängige Landeskirchen, die sich außerhalb des Byzantinischen Reiches befanden. Im Laufe des 5. Jahrhunderts führten die persischen Bischöfe einen Kampf um die formale Ankündigung der Unabhängigkeit vom Antiochenischen Patriarchat. Dieser Kampf machte uns unversehens mit einer interessanten Lehre bekannt, die in Antiochia üblich war, heutzutage aber in keiner direkten Quelle erhalten ist – nämlich die Lehre über eine Sonderrolle des Antiochenischen Patriarchen als Nachfolger des Apostels Petrus. 


1.    Das Seleukische Konzil von 410

Während im byzantinischen Osten nur allgemeine Erwähnungen verschiedener Schriftsteller darüber, dass der „Petrus-Primat“ sich auf alle Bischöfe generell verbreitet, zu finden sind, vergessen die Forscher, warum auch immer, üblicherweise noch eine wichtige Orthodoxe Landeskirche des nicht-byzantinischen, dadurch aber nicht weniger orthodoxen Ostens – nämlich die Kirche im sassanidischen Iran[1]. Bis zum Beginn des nestorianischen Disputs war diese ein vollwertiger Teil der Ökumenischen Kirche mit einer spezifischen Organisation und interessanten Geschichte. Auch nachdem die nestorianischen Wirren ausgebrochen waren und die Kirche von Persien diesbezüglich eine zweideutige Stellung eingenommen hatte, konnte sie noch lange als zum Ökumenischen Patriarchat gehörig angesehen werden. In unserem Falle wollen wir jedoch die disputfreie Periode vor dem Jahre 431 betrachten, in der den persischen Christen dogmatisch nichts vorzuwerfen war und sie eine normale orthodoxe Diözese des Ostens darstellten.

Im Rahmen unseres Themas, also der Frage nach der Sonderrolle des Vorstehers, ist besonders das Persische Konzil von 410 interessant, auf dem unter anderem der Status des Oberhaupts der Persischen Kirche, also des Katholikos von Seleukia-Ktesiphon bestimmt wurde.

In Iran entstanden bischöfliche Gemeinden spontan, häufig aus unterschiedlichen Gruppen von Kriegsgefangenen, deshalb bildeten sich auf dem Territorium von Persien Diözesen, die praktisch voneinander unabhängig waren. So gab es in derselben Stadt manchmal zwei oder sogar noch mehr Bischöfe.[2] In einem gewissen Sinne erinnerte es an die Situation, die heute in Westeuropa oder Amerika herrscht, wo oft mehrere orthodoxe Bischöfe in derselben Stadt anzutreffen sind, die einander anerkennen. Der erste Versuch, die bis dahin unkontrollierten Aktivitäten der persischen Bischöfe dem Bischof von Seleukia-Ktesiphon, Papa bar Aggai , als Ersthierarchen unterzuordnen, datiert vom Anfang des 4. Jahrhunderts und scheiterte. Der Wunsch, eine zentralisierte Verwaltung aufzubauen, war auf heftigen Widerstand seitens der Bischöfe gestoßen, was Papa bar Aggai schließlich dazu zwang, seine Kathedra seinem Hauptkonkurrenten, dem zukünftigen Märtyrer Simon bar Sabbae, zu übergeben und sich nach Antiochia zurückzuziehen. Dort installierte er einerseits eine parallele persische Hierarchie und andererseits die Präzedenz der unmittelbaren Unterordnung der persischen Diözesen an das Antiochenische Patriarchat[3].

Kurz danach kam es zur Christenverfolgung unter Schah Schapur II., die das christliche Leben im persischen Reiche lahmlegte. Der neue Schah Yazdegerd I. erlaubte Bischof Isaak von Seleukia-Ktesiphon, auf Bitte der Gesandten des römischen Kaisers, des Bischofs Mar uthas von Maipheracta und des hl. Erleuchters Bischof Akakios von Amid, im Jahre 410 ein Konzil der Persischen Kirche in der Hauptstadt unter der Leitung königlicher Beamter einzuberufen[4]. Die Teilnehmer bekannten sich zum Nicäischen Glaubensbekenntnis und bestätigten die nicäischen Kanones bezüglich der bischöflichen Disziplin.  Zudem begann das Konzil die Position des Oberhaupts der Persischen Kirche zu bestimmen und tat dies durchaus bemerkenswert. Auch wenn die Frage nach den Prärogativen des Bischofs von Seleukia durch die Ansprüche aus Antiochia oder auch einfach den Wunsch, Ordnung zu schaffen, aufgeworfen wurde, sind diese Beschlüsse des Konzils bemerkenswert.

So erklärte das Konzil den Bischof von Seleukia-Ktesiphon zum „Katholikos, Erzbischof des ganzen Ostens, Höchsten Metropoliten und Oberhaupt aller Bischöfe, die sich  ihm als Christus selbst unterordnen müssen“[5]. Man könnte denken, dass es dabei einfach um die Errichtung eines Metropolitenbezirks um die Hauptstadt mit den Ehrentiteln für den Vorsteher ging; dies war aber nicht der Fall. Weiterhin wurden nämlich all die Bischöfe aufgelistet, deren Oberhaupt der „Katholikos und Höchste Metropolit“ sein sollte, nämlich der Vikarmetropolit von Kaxgar,   der Metropolit von Bet Lapat, der Metropolit von Nisibis, der Metropolit von Karka de Meshan, der Metropolit von Arbela und der Metropolit von Karka de Betselok, jeder mit seinen sorgfältig aufgelisteten Suffraganbischöfen[6]. Mit anderen Wörtern mussten alle Metropoliten und alle Bischöfe der damaligen Persischen Kirche sich dem Katholikos unterordnen.

Also wurde 410 in Persien ein richtiges Patriarchat, ein Netzwerk der Metropolien mit dem übermetropolitanen Amt des „Katholikos und Höchsten Metropoliten von Seleukia-Ktesiphon“ gebildet. Dabei wurde die Autorität des neuen Katholikos, wenn auch etwas poetisch, als maximal bezeichnet – alle Bischöfe waren verpflichtet, „ sich ihm als Christus selbst unterzuordnen“. Der Schah setzte die Beschlüsse des Konzils unverzüglich in Kraft. Die persischen Beamten verkündeten die Konzilbeschlüsse und machten die Androhung ernsthafter säkularer Strafen für alle Zuwiderhandlungen öffentlich bekannt. Mehr noch: das Konzil räumte dem Schah faktisch das Recht ein, den Katholikos zu bestätigen, der somit offizieller Amtsinhaber wurde, allerdings in einem nicht-christlichen Staat. Die offizielle Verkündigung des Schahs lautet wie folgt: „Yazdegerd, der König der Könige, befiehlt nun folgendes: ‚Jeder Mensch, den Ihr [zum Katholikos] wählen werdet, wird euer Oberhaupt. Niemand wird sich von ihm trennen können, und wer sich ihm nicht unterordnet, wird, wie wir vorher sagten und wie wir als König der Könige jetzt sagen, so bestraft, wie er es verdient‘.“[7] Dasselbe Gebot legte das Konzil von 410 in seinem 10. Kanon fest. Desweiteren erhielt der König der Könige vom Konzil das Recht, den Status und die Grenzen der kirchlichen Bezirke zu ändern.[8]

Mit anderen Worten sehen wir, dass im Jahre 410, noch in der Morgenstunde der Entstehung der Patriarchate im byzantinischen Osten, im orthodoxen Persien ein vollständiges Patriarchat entstanden war, in dem die Autorität und die Macht des Patriarchen von der aller anderen Bischöfe abgetrennt war. Da der Katholikos mit Christus und die Bischöfe mit den gehörsamen Jüngern verglichen werden, wird der Katholikos im Rahmen dieses Vergleichs nicht nur zum Verwalter und Vorgesetzten, sondern faktisch auch zur sakramentalen Quelle der priesterlichen Autorität der Metropoliten und anderen Bischöfe. Hier sehen wir die scharfe Unterscheidung zwischen dem Vorsteher und den ihm untergeordneten Bischöfen. Im Ergebnis begegnen wir gleich zu Anfang des 5. Jahrhunderts in den östlichsten Randgebieten der christlichen Welt plötzlich einer Lehre über den Primat des Vorstehers einer Landeskirche, die sich in solch einer stringenten Form äußert, dass die gleichzeitigen zurückhaltenden und vorsichtigen römischen Aussagen über den Papst-Primat dagegen verblassen.

Nicht weniger interessant ist auch die Zuschreibung „des ganzen Ostens“, die im Titel des Katholikos mit eingeschlossen ist. Dies ist eine genaue Kopie des Titels des Antiochenischen Patriarchen, dem die ganze römische Osten-Diözese sich formal unterordnete; allerdings wurde der Begriff „Osten“ in der syrischen Gegend immer gerne weit ausgelegt. Der dem Katholikos untergeordnete „Osten“ ist sicherlich nicht der römische „Osten“, sondern der Osten im Allgemeinen; doch ist eine derartige Entlehnung prägend und diente als zusätzliches Argument für die Annahme, dass die Erhebung des Seleukischen Katholikos mit einem Konfrontationsverhältnis gegenüber dem Antiochenischen Patriarchat einherging und diese Ideologie der Patriarchie von Antiochia nachgeahmt war.

Außerdem sehen wir das eindeutige Bestreben von Schah Yazdegerd,das Muster der Beziehungen zwischen den römischen Bischöfen und der christlichen Kirche zu übernehmen – so wie auch die Durchführung der Ökumenischen Konzile, wie es sich im Römischen Reich konstituierten. In Persien übernahm der Schah die römischen Kaiserrechte in kirchlichen Angelegenheiten, entsandte Beamten, um den bischöflichen Versammlungen vorzusitzen, und bestätigte durch seine Autorität Konzilbeschlüsse. Kirchliche Verordnungen wurden zu staatlichen Gesetzen. Es scheint, als hätten wir es mit einem römischen Kaiser zu tun, der sich nur eben zum Zoroastrismus bekennt.

Durch die Analyse der Dokumente des Konzils von 410 können wir vermuten, dass die Vorstellung über die Sonderstellung des persischen Katholikos, der sich in seiner Position von den anderen Bischöfen scharf abtrennte, aus der Praxis des Antiochenischen Patriarchats übernommen worden war und die Position des Antiochenischen Patriarchats selbst in Bezug auf die ihm untergeordneten Bischöfe nachahmen sollte. Vorab ist dies nur eine Annahme, doch werden diese Vermutungen durch das zeitlich nachfolgende Persische Konzil bestätigt.

 

2. Das Persische Konzil von 424

Haben wir es, wenn vom Seleukischen Katholikos als von Christus gesprochen wird, dem die Metropoliten sich bedingungslos unterordnen müssten, eventuell nur mit der typischen orientalischen Bildhaftigkeit zu tun, dem kein wirkliches administratives Schema entspricht? Das zeitlich nachfolgende Persische Konzil widerlegt diese Vermutung.

Trotz den strengen Strafen, die der Schah für den geringsten Ungehorsam gegenüber dem Katholikos von Seleukia angedroht hatte, fanden sich in Persien auch Oppositionelle. Erstens machten sich die Verfechter des vorherigen Status Quo (bei dem die Metropoliten faktisch autonom gewesen waren) bemerkbar. Denn bei weitem nicht Allen gefiel die neue Machtvertikale. Nach damaligen christlichen Maßstäben war Seleukia-Ktesiphon als Stadt säkular und in religiöser Hinsicht völlig unbedeutend. Welche großen religiösen Ereignisse hatten denn im heidnischen Ktesiphon schon stattgefunden? Welche Heiligen wurden in dieser zoroastrischen Stadt verherrlicht? War es nicht eine Stadt von Tyrannen, Barbaren und Götzendienern? Das große Drama der endlosen persischen Martyrien spielte nicht dort, sondern in solchen uralten Zentren wie Bet Lapat oder Nisibis. Das waren die ältesten christlichen Zentren in Persien, wo den Legenden nach die Apostel gepredigt und Christen für ihren Glauben das Martyrium erlitten hatten und starke, durch die Not zusammengeschweißte christliche Gemeinden mit unerschütterlichen Traditionen existierten. Eine wichtige Rolle in der Konfrontation zwischen Seleukia-Ktesiphon einerseits und Bet Lapat bzw. Nisibis andererseits spielte auch das völlig unterschiedliche kulturelle Niveau dieser Städte. Während Bet Lapat und Nisibis den westlichen syrischen Ausbildungsquellen zuneigten und es dort auch Zentren mit örtlichen theologischen Schulen und rhetorischen Lehranstalten gab, existierte nichts dergleichen im völlig persischen Seleukia, wo die Christen, wie privilegiert sie auch gewesen sein mochten, gezwungenermaßen lediglich eine kleine Außenseitergruppe neben den triumphalen Manifestationen der staatlichen persischen Kultur darstellten. Aus Nisibis und Bet Lapat kamen Anrufe zur Vereinigung mit dem Antiochenischen Patriarchat, dem Persien am nächsten liegenden großen orthodoxen Zentrum, oder auch die Einschätzung der Kirche Persiens als untrennbaren Teil der syro-antiochenischen christlichen Gemeinde. Doch für die persische Gewalt waren solche Verfechter der Vereinigung mit Antiochia Kollaborateure, dich nach dem feindlichen römischen Westen strebten. Zur der Absicherung der Persischen Kirche vor der Verschmelzung mit der römischen christlichen Kultur unterstützten die Schahs das Streben der persischen Bischöfe nach einer eigenständigen und völlig unabhängigen persischen Landeskirche.

Die 424 aufgebrochenen Schwierigkeiten zwischen dem Metropoliten und dem Katholikos wurden teilweise durch den Schah hervorgerufen. So wie auch im Römischen Reich ergab es sich, dass das Recht des Kaisers, den Patriarchen persönlich zu bestätigen, natürlicherweise einherging mit dem Recht, den Patriarchen abzusetzen. Die Schahs bemerkten das sehr schnell, denn seit 410 war der Katholikos offizieller Amtsinhaber des Persischen Reiches, weshalb er genauso behandelt wurde wie alle anderen Beamten. So wie der Kaiser im Römischen Reich verstand der Schah, dass er letzten Endes den Katholikos ggf. selbst ernennen konnte. Zwei Nachfolger Isaaks, die Katholikoi Mana und Farabokht, wurden durch Entscheidung des Schahs Bahram V. abgesetzt. Deshalb weigerten sich viele Bischöfe, sich dem neuen, durch den Schah ernannten Katholikos Dadisho unterzuordnen, der zuvor auch schon einmal abgesetzt worden war und im Gefängnis gesessen hatte. Es gab auch alte Erinnerungen an die vergangenen Freiheiten der Metropoliten, die hohe Kultur der westlichen Diözesen und an Notwendigkeit  der Hinwendung ans kirchliche Antiochia. Elf Hierarchen der Persischen Kirche beanspruchten die Kathedra des „höchsten Metropoliten des Ostens“. Um diese Aufregung in der Persischen Kirche zu besänftigen, wurde ein neues Konzil einberufen, das sich 424 in einem kleinen Dorf neben Seleukia-Ktesiphon versammelte[9].

Das vom Schah und dem römischen Kaiser Theodosius II. unterstützte Konzil von 424 erwies sich als Triumph für Katholikos Dadisho, der eigentlich ein demütiger Mensch war und von Herzen wünschte, sich von diesem endlosen bischöflichen Hader ins Kloster zurückzuziehen. Jedoch machte die Partei, die für eine starke Persische Kirche auftrat, Dadisho zu ihrer Symbolfigur. Dadischos Konkurrenten, einschließlich der elf Anwärter auf seine Kathedra, wurden unverzüglich und gnadenlos verurteilt. Wir interessieren uns aber nicht für die spannenden Peripetien des Konzilsverlaufs, sondern für die Interpretation der Rolle des „Katholikos“ als Vorsteher der Persischen Kirche, die das Konzil von 424 in seinen Canones darlegte. Das Konzil ging von den Ideen seiner Opponenten, der Gegner von Dadischo und der Verfechter der Vereinigung mit Antiochia aus, zu denen Metropolit Agapitos von Bet Lapat gehörte. Auf dem Konzil forderte der Metropolit, dass alle persischen Bischöfe sich der „Großkathedra von Antiochia“  unterordnen sollten. Dafür gab es zwei Gründe. Erstens erinnerte Agapitos auf den fast vergessenen alten Konflikt, der Anfang des 4. Jahrhunderts zwischen Papa bar Aggai und dem hl. Simon bar Sabbae bestanden hatte . Laut Agapitos hatte Papa bar Aggai sich nach Antiochia zurückgezogen und dort eine legitime Hierarchie der Persischen Kirche errichtet. Die Bischöfe Persiens müssten sich also endlich mit der Kirche von Antiochia vereinigen und dadurch die Gerechtigkeit wiederherstellen. Zweitens – und das ist für uns interessanter – sei die Kathedra von Antiochia , nach Agapitos, die „Kathedra Petri“, welche den „Primat“ von Christus erhalten habe, und deshalb dürfe niemand sich von dieser Kathedra trennen oder sie verurteilen. Nachdem die Väter des Persischen Konzils sich von Antiochia getrennt hatten, brachen sie die Verbindung mit dessen Vater und der Quelle ihres Priestertums.

Was wir anhand der Daten des Konzils von 410 nur vermuten konnten, bestätigt sich hier im vollen Ausmaß. Metropolit Agapitos, ein Verfechter der antiochenischen Partei, erläuterte die Lehre über den Primat des Antiochenischen Patriarchats buchstäblich und in denselben Begriffen, di  e das Konzil von 410 auf das Seleukische Katholikat angewendet hatte. Während sich das Konzil von 410 aber nur auf geringfügige Nachahmung beschränkt hatte, wurde 424 die Theorie des Primats des Antiochenischen Patriarchats in ihrer ganzen Größe offengelegt.

Agapitos, der die Regelungen der Verhältnisse zwischen dem Antiochenischen Patriarchat und den persischen Bischöfen betrachtete, sprach wie folgt:

„Und laut unserer Regelung haben Jünger es nicht in ihrer Gewalt, sich gegen ihre Lehrer zu wenden und diese zu verwalten. Sie haben kein solches Recht von Christus, ihrem Herrn, erhalten, und zwar laut den gerechten Gesetzen, die Gott der Schöpfer in der menschlichen Natur niedergeschrieben hatte. Deshalb haben Kinder es nicht in ihrer Gewalt, die Eltern aus ihrem Erbe auszustoßen, sondern die Eltern haben ihre Kinder in der Gewalt. Auch Knechte dürfen ihren Herren nicht die Freiheit nehmen, sondern die Herren haben ihre Knechte in ihrer Gewalt. Ebenso haben Frauen es nicht in ihrer Gewalt, ihre Männer zu beherrschen, sondern wurden diesen untergeordnet, diese sie beherrschen. Frauen ist befohlen, ihre Männer zu lieben, sich ihnen zu unterwerfen und Gehorsam zu leisten, während es Männern geboten ist, sie lediglich zu lieben, ohne sich ihnen unterzuordnen; und da, wo Männer nachgeben, indem sie sich ihren Frauen unterwerfen, ziehen sie eine Strafe auf sich, da sie die gesetzliche Bestimmung nicht erfüllten, die Gott in der Natur niedergeschrieben hatte. Vor allem ist das gerecht, was in der Hl. Kirche vollständig zur Erfüllung gebracht wurde; so wie es den einen Vater der Wahrheit und den einen Sohn Christus den Heiland und den einen Hl. Geist den Tröster gibt, und eben so wie es einen treuen Schatzmeister Simon bar Jonah gab, der den Namen Kephas erhalten hatte und dem ER versprochen hatte: ‚und auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen‘, und auch noch: ‚ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben‘. Christus sagte nicht allen Jüngern: ‚auf euch will ich bauen‘ oder ‚ich werden euch geben‘. Und obwohl der Segen des Priestertums sich bei allen Aposteln befindet, gibt es nur einen Primat, der die spirituelle Vaterschaft ist. Er wurde nicht allen zugestanden, sondern so wie dem einen wahren Gott eben so auch dem einen treuen Verwalter, damit der das Oberhaupt ist, das für seine Mitbrüder leitend und verantwortlich ist. Diese Gesetze und Verordnungen wurden in unserer Kirche aufbewahrt.“[10]

So sehen wir, dass der Metropolit Agapitos von Bet Lapat eine Theorie formulierte, in der er den Katholikos als „Christus, dem sich alle unterordnen müssen“ bezeichnete und die anscheinend die Väter des vorigen Konzils von 410 inspiriert hatte. Das war die Ideologie von Antiochia, der Kathedra Petri. Die Dezenz der Aussagen von 410 sollte uns nicht verwundern, denn der Katholikos von Seleukia war im Gegenteil zum Antiochenischen Patriarch kein Nachfolger des Apostels Petrus im buchstäblichen Sinne. Aber 424 wurde diese Ideologie von den Verfechtern der Vereinigung mit Antiochia in ihrer ganzen Kraft verwendet, um die abweichenden persischen Bischöfe zu unterwerfen. Laut Agapitos von Bet Lapat musste das Persische Konzil sich dem Antiochenischen Patriarch unterordnen, da Christus ihm und nur ihm den „Primat“ über alle Bischöfe mittels des Apostels Petrus, als dessen Nachfolger schon immer der Bischof von Antiochia angesehen wurde, zugestanden hatte.

Setzen wir uns nun also mit diesem Antiochenischen Primat näher auseinander. Der Primat des Patriarchen von Antiochia sei, so Agapitos, das grundlegende Gesetz Gottes, so eben wie die Autorität und die Macht der Väter über die Kinder, der Herren über ihre Knechte und der Ehemänner über ihre Ehefrauen. Es geht also um die fundamentale Organisation der menschlichen Gesellschaft. Der Patriarch sei der Lehrer und alle anderen Bischöfe seine Jünger, die verpflichtet seien, ihm gegenüber Fügsamkeit und Gehorsam zu leisten. Agapitos betont, dass der „Nachfolger Petri“ ein besonderer eigenständiger kirchlicher Dienst sei - so sehr, dass man denken könnte, es sei ein eigenständiger kirchlicher Rang. Dieses stringente hierarchische Prinzip folge aus dem allgemeinen Weltenbau – der Eine Gott impliziere den einen „Schatzmeister“ Petrus, der der einzige sei, dem der Primat über alle Apostel anvertraut sei. Doch geht der Autor nicht wo weit, dass er ein „Überaposteltum“ Petri behauptet. Petrus, der den Primat habe, sei auch Apostel und habe, wie alle Apostel,  denselben Segen der Priesterschaft erhalten. Laut Agapitos ist der Primat Petri und seiner Nachfolger auf der Kathedra von Antiochia eine „spirituelle Vaterschaft“, kein eigenständiger sakraler Rang, sondern eher die Quelle der für alle Bischöfe gemeinsamen Priesterschaft.

Damit liegt uns ein vollendetes ekklesiologisches Bild vor: Gott verwalte seine Kirche durch den Apostel Petrus und seine Nachfolger, welche für alles, was in der Kirche geschieht, verantwortlich und die Quelle der Priesterschaft für alle Bischöfe seien.

Es war erst das Jahr 424, aber die Lehre über den bedingungslosen Primat des Vorstehers über alle Bischöfe wurde damals so ausformuliert, wie es im päpstlichen Westen noch nie  geschehen war. Bei der Lektüre der Argumente in diesen persischen Streitfragen ist es kaum zu glauben, dass sie von abgelegenen orientalischen Autoren stammen und nicht Predigten des Papstes bzw. Werke westlicher Verfechter der Investitur sind.

In diesem Bild wundert besonders, dass dieser absolute Primat dem Patriarchen von Antiochia und nicht dem Römischen Papst zugestanden wurde. Es ergibt sich also, dass die Kathedra von Rom nicht die einzige war, welche die absolute Autorität in der Ökumenischen Kirche beanspruchte. Wie sind diese Ansprüche des Patriarchen von Antiochia, die uns durch die Streitigkeiten der persischen Bischöfe zufällig erreicht haben, zu erklären? Im Römischen Reich beobachten wir keine besonderen kirchlichen Ansprüche seitens Antiochia – im Gegenteil nahm dessen Bedeutung im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr ab. Ohne die seleukischen Konzile hätten wir von den grandiosen Ansprüchen der Patriarchen von Antiochia betreffend ihre eigene Bedeutsamkeit eventuell nie erfahren. Am wahrscheinlichsten ist, dass diese Vorstellungen über die „besondere Rolle“ des Patriarchats von Antiochia in der Ökumenischen Kirche von rein lokaler Bedeutung waren und bald vergessen wurden. Doch wenden wir uns wieder dem Konzil von 424 zu.

Nach den Worten der Väter des Konzils von 424 vertritt der „Katholikos, der Patriarch des Ostens“ die Autorität des Apostels Petrus und könnte deshalb Niemandem unter seinen Untergebenen unterworfen sein. Die Canones des Konzils präzisieren diese Präambel äußerst klar: „Die Bischöfe dürfen kein Konzil ohne den Katholikos, ihr Oberhaupt, einberufen“, „die östlichen [d.h. persischen] Bischöfe dürfen ihren Patriarchen vor den westlichen Patriarchen [d.h. dem von Antiochia und den anderen] nicht beschuldigen“, „der Katholikos des Osten darf weder von denen, die unter ihm stehen, noch von Patriarchen wie ihm selbst gerichtet werden“, „der Katholikos darf alle, der unter ihm sind, richten, und sein Urteil wird durch Christus selbst bestätigt, der ihn [den Katholikos] gewählt, erhoben und als Oberhaupt seiner Kirche eingesetzt habe.“[11]

So liegen uns nicht nur bildhafte Beschreibungen vor. Im Rahmen solcher Vorstellung war der Katholikos absolutes Oberhaupt und Verwalter aller kirchlichen Angelegenheiten, die Bischöfe dagegen seine Gesandeten und Vollzieher seines Willens. Bei einer solchen hierarchischen Ordnung darf an Opposition bzw. Unstimmigkeiten nicht einmal gedacht werden. Wie könnten die Apostel auch gegen Christus, den Retter der Welt, aufstehen? Wie könnten Metropoliten bzw. Bischöfe mit einem Katholikos nicht einverstanden sein?

Und tatsachlich: das Konzil von 424, das die Rechte der Katholikoi formal auflistet, präzisiert näher, dass nur der Katholikos berechtigt ist, Konzile einzuberufen und  Metropoliten und Bischöfe zu sich zu beordern, die verpflichtet sind, sich ihm zu unterordnen, aber weder die Hauptstadt in Abwesenheit des Katholikos betreten noch sich seinen Anordnungen widersetzen dürfen. Der Katholikos kann Rechtsmittel gegen alle Gerichte einlegen, er ordiniert selbstständig Metropoliten auf vakante Kathedrae, bestätigt die Wahl einfacher Bischöfe aus anderen Metropolien, die dafür persönlich bei ihm in der Hauptstadt erscheinen müssen, setzt Geistliche aller Ränge selbstständig ab, bildet neue Diözesen und verwaltet Klöster.[12] Ein Bild größeren kirchlichen Absolutismus ist kaum vorstellbar!

In Wirklichkeit wurden, wie es immer der Fall ist, die Rechte des Katholikos unterschiedlich ausgeübt, und in der Geschichte der Persischen Kirche erschien der Katholikos beileibe nicht immer als derartig allmächtiger Monarch. Uns interessiert jetzt aber lediglich das Konzept – das Konzept, das aus der Feder der Verfasser der Canones der Konzile von 410 und 424 stammte.

Prinzipiell wichtig ist, dass die persische Lehre vom Katholikos als Träger eines besonderen sakralen Dienstes zwar von Antiochia übernommen worden war, doch in Persien durch eine durchaus wesentliche Eigenschaft ergänzt wurde, nämlich, dass es mehrere Vorsteher, die über den „Primat“ verfügen, geben dürfe, und diese gleichberechtigt seien. Im oben zitierten Abschnitt aus den Canones von 424 steht geschrieben, dass dem Katholikos, obwohl er „Nachfolger Petri“ sei, mehrere „ihm gleiche“ Patriarchen an der Seite stehen, die ihn dennoch nicht richten dürften. Offensichtlich ist, dass die Behauptung über die „Mehrzahl“ der Nachfolger Petri, welche sich über den ihnen untergeordneten Bischöfe absolut erheben, eine Bezeugung des wesentlichen Fortschritts in Bezug auf die einfache antiochenische Behauptung des einzigen „Primats Petri“ in Antiochia war. Mit einem solchen Konzept konnte Antiochia in der Arena der weltweiten Kirchenpolitik, wo Ansprüche von Rom und Konstantinopel herrschten, nicht antreten. Wir haben bereits gesehen, dass die ambitionierten Ansprüche von Antiochia im Römischen Reich in Wirklichkeit gar nicht erwähnt wurden, da sie in die Struktur der Patriarchate, von denen das wichtigste nicht in Antiochia, sondern in Rom lag, nicht hineinpassten. In Byzanz zog Antiochia es vor, über seinen heimischen „Primat Petri“ und andere exklusive Prärogativen Stillschweigen zu bewahren. Die Väter des Konzils von 424 fanden aber eine leichte Lösung für dieses Problem: ihrer Version nach hatten alle Oberhäupter der Patriarchate diesen Primat Petri. Der Primat Petri  habe sich auf alle Patriarchen vererbt; deswegen seien sie alle gleich. Zwar widersprach dieser Universalismus der Auffassung des Agapitos von Bet Lapat, aber dafür implizierte sowohl die absolute Autorität „bei sich zu Hause“ als auch die Freundschaft mit den benachbarten Kirchen.

Fassen wir die Hauptideen zusammen, welche die Ideologen der erwähnten Persischen Konzile (bei deren Einberufung nicht nur der Schah, sondern auch die römischen Kaiser direkte Patronanz und Unterstützung geleistet hatten) äußerten, sind folgende Behauptungen am wichtigsten:

1.   Es gebe ein besonderes Amt des Vorstehers, des Nachfolger des Apostels Petri. Der Vorsteher sei die absolute Quelle der Autorität und der Macht aller anderen Bischöfe. Der Vorsteher kontrolliere die Rechte der ihm Untergeordneten, einschließlich der Bischöfe, die er völlig selbstständig ordinieren und absetzen kann. Bischöfe sind verpflichtet, sich dem Vorsteher wie Christus selber absolut unterzuordnen. Der Vorsteher falle in die Zuständigkeit keines Gerichtes und keiner Person außer Gott.

2.   Dabei sei das Amt des Vorstehers aber nicht einzigartig. Es gebe auch andere Vorsteher. Die Seleukischen Konzile erkennen die „westlichen Patriarchen“ ebenfalls an, und es wird darauf hingewiesen, dass diese Patriarchen dem Seleukischen Katholikos gleich seien. Doch beschränke die absolute Autorität jedes Vorstehers sich stringent auf seinen Bezirk. Andere Vorsteher dürften sich nicht in die Bezirke gleichrangiger „Brüder“ einmischen.

Sehen wir vom zweiten Punkt ab, erhalten wir die Version des Antiochenischen Patriarchats in der Darlegung des Agapitos von Bet Lapat, der es allerdings nie vergönnt war, unter den neuen kirchlichen Bedingungen des christianisierten Römischen Reiches ihren Platz einzunehmen.

 

3. Das Antiochenische Patriarchat und die Lehre über den Primat Roms

So sehen wir, dass im 5. Jahrhundert in Persien eine Lehre existierte über Patriarchen als Nachfolger Petri, die über die Bischöfe ihrer Patriarchate regieren, und in Antiochia eine Lehre über den Patriarchen von Antiochia als einzigen Nachfolger Petri, der logischerweise Hauptpatriarch in der ganzen Ökumene sein müsste. Jetzt wäre es interessant zu verfolgen, wie diese Lehren sich im Weiteren transformierten. Dafür aber sollten wir uns der „Sammlung der 73 Canones vom Nicäischen Konzil“ zuwenden. Diese Apokryphe ist in einer uralten Kompilation des Elias al-Gauhari, eines Autors des 9. Jahrhunderts, zu finden[13]. Später wurde sie von zahlreichen nestorianischen und monophysitischen Autoren zitiert. Nach der allgemein angesehen Meinung des Michel van Esbroeck gehen die 73 Canones des Pseudo-Nicäischen Konzils unmittelbar auf das 5. Jahrhundert zurück und stehen im direkten Bezug zu den oben beschriebenen Ereignissen um den Antiochenischen Patriarch und das Seleukische Katholikat[14]. Mit anderen Worten entstand die „Sammlung der 73 Canones vom Nicäischen Konzil“ im Ergebnis der Konfrontation zwischen den Vorstellungen über den „Primat Petri“ und deren Transformation, die im 5. Jahrhundert im Osten stattgefunden hatten. Hier sind einige dieser Canones zitiert:

„Der Wille des Ökumenischen Konzils ist, dass es in der Ökumene nur vier Patriarchen geben solle, so wie vier Evangelien, vier Flüsse im Paradies, vier Himmelsrichtungen, und, wie die Weisen sagen, vier Weltelemente, die älter seien als das Universum. Das Oberhaupt von ihnen möge Rom sein, nach der Ordnung der Apostel, die in ihren Canones bestimmt ist. Nach ihm sollte die Kathedra von Alexandria stehen, dann die von Ephesos, dann die von Antiochia. Alle Bischöfe sollten sich unter der Autorität dieser vier sammeln. Bischöfe aller Großstädte, die als Metropolien bezeichnet werden, sollen, dem Namen ihrer Stadt nach, als Metropoliten bezeichnet werden, und sie haben die Autorität und die Macht über die Bischöfe von Kleinstädten, die ihrer Autorität untergeordnet sind; sie werden durch Handauflegung geweint. Metropoliten dürfen von niemandem, der unter ihnen ist, geweiht bzw. ordiniert werden oder sich ihm unterordnen. Derjenige, der nicht über ein doppeltes, sondern um ein einfaches Amt verfügt, hat keine Macht, jemanden über sich zu stellen. Denn da er selbst diese Macht nicht hat, wie könnte er denn diese einem Anderen anvertrauen? Jeder Metropolit möge von seinem Patriarchen geweiht werden, und ein einfacher Bischof durch seinen Metropoliten. Jeder muss in seinem Rang dienen, und niemand darf einen Rang beanspruchen, der ihm nicht anvertraut ist. Zuwiderhandelnde werden durch das Ökumenischen Konzil exkommuniziert.“[15]

 „Der Wille des Ökumenischen Konzils ist es, dass die Patriarchenkathedra von Ephesos in die Reichsstadt übergeht, damit Priestertum und Kaiserreich gleichermaßen gewürdigt sind, und dass der Bischof verehrt und nicht erniedrigt wird, wenn eine andere Kathedra höher ist als er. Der Bischof von Jerusalem möge sich [dem Bischof von] Caesarea nicht unterordnen, sondern sei ihm in seiner Ehre gleich, um der heiligen Örter willen. Die Kathedra von Thessaloniki möge gleich geehrt werden, so wie wir es in den folgenden Canones bestimmt haben. Auf die gleiche Weise möge die Kathedra von Seleukia im Osten als eine Patriarchie des Osten ab jetzt und für die Zukunft das Recht erhalten, Metropoliten zu ordinieren,  damit die Heiden den dortigen Christen, unsere Brüdern, nicht vorwerfen, dass sie sich auf das Patriarchat im Osten, also die Syrischen Antiochia, die sich auf römischem Territorium befindet, beziehen oder sich von ihr trennen“[16].

 „Der Wille des Ökumenischen Konzils ist es, dass in allen Angelegenheiten, in denen Metropoliten oder andere Bischöfe ein ungerechtes Urteil gefällt haben, der Patriarch die Macht habe, [über die Angelegenheit] durch seine eigene Macht zu entscheiden. Denn er befindet sich über allen, und alle Bischöfe sind Söhne seines Erbes. Die Metropolitenehre ist wie die Ehre des älteren Bruders unter seinen Geschwistern. Die Patriarchenehre ist wie die Ehre des Vaters, der die Macht über seine Kinder innehat. So wie der Patriarch die Macht hat, alles, was er im Bereich seiner Autorität tun will, zu tun, so wird der Patriarch von Rom die Macht über alle Patriarchen haben, so wie einst der selige Petrus über die ganze Gemeinde. Denn diese Position hatte Petrus in der gesamten Römischen Kirche. Zuwiderhandelnde werden vom Ökumenischen Konzil exkommuniziert.“[17]

In diesen Canones sehen wir, dass der Patriarchendienst vom Dienst anderer Bischöfe getrennt und der „Primat Petri“ ausschließlich auf Rom übertragen wurde. Der Papst von Rom wird ausdrücklich „Patriarch der Patriarchen“ genannt. Erinnern wir uns, dass wir es nicht mit einem westlichen, sondern einem östlichen Dokument zu tun haben, das unter Nestorianern und Monophysiten weit verbreitet war. Wie konnte in dieser Umgebung eine Lehre über den Primat des Bischofs von Rom entstehen? Halten wir die Datierung von van Esbroeck für wahr und gehen davon aus, dass die „Sammlung der 73 Canones vom Nicäischen Konzil“ ein Werk des 5. Jahrhunderts ist, könnte vermutet werden, dass das Konzept des Rom-Primats eine natürliche Weiterentwicklung der Lehren über den „Primat Petri“ ist, wie wir sie in den Dokumenten der Persischen Konzile von 410 und 424 kennengelernt haben. Da aus der Rede des Agapitos von Bet Lapat deutlich folgt, der „Primat Petri“ könne nur einer sein, war es nötig, dieses Amt jemandem zu übertragen, und das weit entfernte Rom passte dafür ideal. Da in den 73 Canones geschrieben steht, dass die Ökumene zwischen vier Kathedrae aufgeteilt sein solle, von denen eine Antiochia sei, könnten diese Canones im Antiochenischen Patriarchat entstanden sein. In der Tat entspricht die niedrige Stellung des Seleukischen Katholikats, wie sie in diesen apokryphen Canones beschrieben ist, keinesfalls der Lehre des Persischen Konzils von 424 über den Katholikos, der allen Patriarchen übergeordnet sei und in die Zuständigkeit keines Gerichtes und keiner Person falle. Wahrscheinlich war dies eben die Art und Weise, mit der Antiochia seinen „Primat Petri“ an die „internationalen Realien“ anpasste, indem sie ihn einerseits unten den anderen Patriarchen einreihte, und andererseits dem weit entfernten Patriarchen von Rom exklusiv zurechnete.

Als Fazit, könnten folgende Schlüsse gezogen werden:

  • Die Lehre über den exklusiven „Primat Petri“ war nicht nur für die Römische Kathedra, sondern auch für die von Antiochia charakteristisch, wo sie allerdings schnell transformiert wurde.
  • Die Lehre über den „Primat Petri“ in ihrer Antiochenischen Fassung brachte in der Persischen Kirche die Lehre über die besondere Autorität aller Vorsteher im Allgemeinen sowie auch die Lehre über die ausdrückliche Hervorhebung der Patriarchen im Vergleich zu anderen Bischöfen hervor.
  • In der Antiochenischen Tradition wurde die Lehre über den „Primat Petri“ einerseits, ebenso wie in Persien, auf alle vier Patriarchen übertragen; andererseits in seiner exklusiven Bedeutung der Kathedra von Rom zugestanden.

 


[1] Für eine Übersicht der zu betrachtenden Periode zusammen mit der notwendigen Literaturliste s. Garosian N.: La Perse// Histoire du Christianisme des origins à nos jours/Ed. Mayeur J.-M., Pietri Ch. et L., Vauchez A., Venard M. T. 3. Paris, 1998, pp. 1103-1124.

[2] Labourt J.: Le Christianisme dans l Empire Perse sous la dinastie des Sasanides (224-632), Paris, 1904, pp. 78-79.

[3] Chaumont M.-L. La Christianisation de l Empire iranien des origins au grandes percécution de IV siècle//CSCO 499, Louvain, 1988, pp. 137-147.

[4] Labourt J. Le Christianisme dans l Empire Perse sous la dinastie des Sasanides (224-632), Paris, 1904, p. 93.

[5] Synodicon Orientale/ Ed. et tr. Chabot J.-B. Paris, 1902, pp. 254-255.

[6] Synodicon Orientale/ Ed. et tr. Chabot J.-B. Paris, 1902, pp. 271-273.

[7] Synodicon Orientale/ Ed. et tr. Chabot J.-B. Paris, 1902, pp. 261.

[8] Synodicon Orientale/ Ed. et tr. Chabot J.-B. Paris, 1902, pp. 272.

[9] Labourt J. Le Christianisme dans l Empire Perse sous la dinastie des Sasanides (224-632), Paris, 1904, pp. 119-123.  

[10] Synodicon Orientale/ Ed. et tr. Chabot J.-B. Paris, 1902, pp. 289-292.

[11] Synodicon Orientale/ Ed. et tr. Chabot J.-B. Paris 1902: 294-296..

[12] Garosian N.: La Perse. Histoire du Christianisme des origins à nos jours. Ed. Mayeur J.-M., Pietri Ch. et L., Vauchez A., Venard M. T. 3. Paris 1998: 1110. 

[13] Graf G.: Geschichte der christlichen arabischen Literatur, Bd.2, Vatikanstadt 1947: 173-176.

[14] van Esbroeck/M.Primaute: Patriarcats, Catholicossats, autocephalies en orient// Il primato des Vescovo di Roma nel primo millenio. Ricerche e testimonianze, ed. M. Maccarrone, Vatikanstadt 1991: 493-521.

[15] O. Braun:  De Sancta Nicaena Synodo. Syrische Texte des Maruta von Maipherkat nach einer Н andschrift der Propaganda zu Rom  , Münster 1898: 63.

[16] Ebd., S. 65.

[17]  Ebd., S. 68.

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