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Goldener Fonds

Die „Parastaseis“ und moderne Probleme der Topographie Konstantinopels 

26. Juli 2011
Die Topographie des früheren Konstantinopel ist heutzutage nur unzureichend erforscht. Wenn wir das moderne Istanbul besuchen und an irgendwelchen offenbar byzantinischen Ruinen vorbeikommen, haben wir meist keine Möglichkeit, herauszubekommen, welche Architekturobjekte da genau vor uns liegen. Wir können vielleicht das Alter des Denkmals, den Charakter des Mauerwerks und seine allgemeine Struktur ermitteln und uns vorstellen, wie das Objekt ursprünglich aussah, aber nicht bestimmen, was das für ein Bauwerk ist. Wie hieß es? Wer hatte es bauen lassen, zu welchem Zweck, was war seine Bestimmung, und (was das Wichtigste ist) welche Geschichte hat es? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dmitry Shabanov.

Konstantinopel war die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, die Stadt der Kaiser und Patriarchen, und hat eine große Bedeutung in der Geschichte der Christlichen Kirche. Es ist weder möglich, die Chroniken richtig zu verstehen, noch die Geschehnisse auf den Straßen und Plätzen dieser Stadt ausführlich zu beschreiben, noch sich eine Vorstellung über die Schlachten und Belagerungen zu machen, die hier tobten, noch den liturgischen Reichtum zu würdigen, wenn wir nicht wissen, wie diese Stadt genau erbaut und strukturiert war. Es erübrigt sich, über die Leidenschaft der christlichen Pilger zu sprechen, die mit der Tüchtigkeit von Gelehrten die Stelle dieses oder jenes Gotteshauses niederschrieben, wo Reliquien und wunderwirkende Ikonen verwahrt wurden, oder die Lage einer uralten Heilquelle. Die umfangreichen mittelalterlichen Listen solcher Heiligtümer sprechen für sich. Doch kann unsere Zeit trotz der so reichlich auf uns gekommenen Materialien erschreckend wenig über die Topographie Konstantinopels aussagen.Auf Reisen ins moderne Istanbul kommen wir an eindeutig byzantinischen Ruinen vorbei, ohne herausfinden zu können, was genau dort vor uns steht, denn dafür wären topographische Kenntnisse der historischen Orte notwendig. Wir können vielleicht das Alter des Denkmals, den Charakter des Mauerwerks und seine allgemeine Struktur ermitteln und uns vorstellen, wie das Objekt ursprünglich aussah, aber nicht bestimmen, was das für ein Bauwerk ist. Wie hieß es? Wer hatte es bauen lassen, zu welchem Zweck, was war seine Bestimmung, und (was das Wichtigste ist) welche Geschichte hat es? Ist es das unbekannte Haus eines reichen Archonten oder der berühmte Palast der Kaiserfamilie, ein öffentliches Beamtengebäude oder Kasernen derScholaren? Wiederholte Umbauten und Umstrukturierungen verwirren noch mehr. Das ist besonders arg, da uns reichlich beschreibendes Material aus Chroniken, Vitae, Briefen, Dokumenten und Gesetzen vorliegt. Wir kennen Tausende von topographischen Namen in Konstantinopel – die Namen von Straßen, Plätzen, Palästen, Säulenhallen, Ehrenpforten, Statuen und Türmen. Andererseits kennen wir auch Hunderte byzantinischer archäologischer Objekte im modernen Istanbul, die die moderne Wissenschaft erforschte; doch wissen wir nicht, wie wir das miteinander verbinden können.[1] So ist zum Beispiel in dem Buch „Die Zeremonien am Kaiserhof“ von Konstantin VII. („Porphyrogennetos“) und von byzantinischen Historikern der Bau des Großen Kaiserpalastes mit solch unwahrscheinlicher Genauigkeit beschrieben, dass es uns bei der Lektüre vorkommt, als stünde uns jede kleinste Gasse und jeder unbedeutende Winkel dieser grandiosen Anlage aus Gotteshäusern, Kitoi[2], Triclinia[3], Phiolen, Kammern, Pforten, Treppen, Brunnen und Atria direkt vor Augen. Die besten modernen Spezialisten fertigten ihrerseits, meist in Anlehnung an diese schriftlichen Quellen, mehrere wunderschöne Rekonstruktionen all dieser Palastsäle und Übergänge; doch dann zerstörte ein nicht weit von der Sultan-Ahmed-Moschee, genau im Zentrum der vormaligen Palastgebäude, entdeckter feiner Peristyl[4] mit einem erstaunlichen Fußbodenmosaik aus dem 5. Jahrhundert die Annahme der Genauigkeit dieser Aufzeichnungen. Bis jetzt ist es nicht gelungen, diesen faszinierenden Saal in irgendeine der existierenden Rekonstruktionen des Großpalastes einzufügen. All unsere vermeintlichen Kenntnisse über die scheinbar geringsten Details der Palastgebäude zerfielen durch dieses einfache archäologische Objekt zu Staub; wir wissen nicht, wohin damit. Unsere topographischen Kenntnisse reichen dafür nicht aus. Es hat sich ergeben, dass dies einfach ein „unbekannter Saal“ ist, denn in keinem der rekonstruierten Pläne war er enthalten; doch war dies nicht einfach irgendein „Saal“, sondern eine wichtige Stelle im Palast, mit edelsten Kunstwerken geschmückt. Diese Hilfslosigkeit der Archäologie und der Topographie, nach Jahrhunderten minutiöser Studien, erstaunt und entmutigt. Dasselbe kann auch über die „westliche Galerie“ gesagt werden, die neulich bei einer Ausgrabung entdeckt wurde und überhaupt alle Annahmen über den Palast umstieß. Ebenso ungewiss ist, was kürzlich bei der Hagia Sophia ausgegraben wurde – die Reste des Magnaura-Palasts, Bauten der Patriarchie, das Gebäude des alten Senats, das Quaestorium, in dem der berühmte Tribonianus gesessen hatte, Militärkasernenoder noch etwas ganz anderes?[5] 

Mit den erhaltenen Gotteshäusern verhält es sich ähnlich. Wir wissen zwar, wo sich die Hagia Sophia, die Hagia Irene, die Sergios-und-Bakchos-Kirche, die Pammakaristos-Kirche, das Studion-Kloster sowie die Klöster Pantokratoros  und Chora sich befinden; doch wurden von den vierzig byzantinischen Gotteshäusern, die in dieser oder jener Form bis heute erhalten sind, durch die moderne Wissenschaft erst zwölf (!) identifiziert; und viele dieser Identifizierungen sind auch noch umstritten und ändern sich.[6] Für die anderen achtundzwanzig byzantinischen Gotteshäuser gibt es unter den Wissenschaftlern überhaupt keine Identifikation, nicht einmal eine, die umstritten wäre. Diese Gotteshäuser haben ihre byzantinischen Namen und ihre byzantinische Geschichte also völlig verloren. Manchmal werden sie als moderne griechische Kirchen benutzt, doch bleibt ihre historische Vergangenheit bis heute ein Rätsel. So zeigt sich uns das moderne Istanbul in historischer Perspektiveals einige wenige prachtvolle Denkmäler und ein ganzes Feld mysteriöser Ruinen. Aber merkwürdigerweise war es auch bei den Byzantinern so, dass sie ihre Stadt genau auf diese Art und Weise wahrgenommen haben. Wegen Kriegen, Aufständen, Erdbeben und anderen Kalamitäten kam Konstantinopel häufig  zum Erliegen, und dieses teilweise ruinierte Stadtbild beschreiben die Patriographen, die für uns die wichtigsten Quellen für die Stadttopographie darstellen.[7]

Diese Beschreibungen verbinden die Quellen immer mit verschiedenen historischen, legendären, mythischen und anekdotischen Kommentaren. Topographie-Kenntnisse würden es uns ermöglichen, uns die Stadt in ihrer Gesamtheit vorzustellen und  uns in ihren wirklichen Geist, ihre Träume, Ängste und Erinnerungen einzufühlen, die manchmal aus den dunklen heidnischen Tiefen weit entfernter Vergangenheit hervorkriechen. Gerade in den Perioden des Niedergangs von Byzanz, als die Stadt zum Teil in Ruinen lag, begannen die topographischen Beschreibungen sich plötzlich zu vermehren und außerordentlich populär zu werden. Die Menschen versuchten, vergessene Fakten durch Legenden zu ersetzen, um nicht spurlos in Trümmer gehen zu lassen, was ihnen in der herrlichen Geschichte ihrer Hauptstadt wichtig und wesentlich war.[8]

Die Beschreibungen der Patriographen sind ein sehr spezifisches Genre.  Sie wurden nicht von Beamten zusammengefasst, sondern sind Werke von einfachen Menschen, genauer gesagt: Kleinbürgern, die die eigene Stadt nicht für die Statistik und nicht für Ausländer, sondern für sich selbst beschrieben. Nach den furchtbaren Erschütterungen durch die arabische Invasion im 7. Jahrhundert  änderte sich die Mentalität der Einwohner von Konstantinopel,[9] und auch das allgemeine Aussehen der Stadt änderte sich. Die Bevölkerung wurde um das Zehnfache vermindert. Von kostenlosen Brotausgaben für Bürger war nicht mehr die Rede[10], die Säulenhallen waren bald mit Bäumen und Unkraut überwuchert, die Aquädukte zerschlagen, die Zisternen leer; Friedhöfe befanden sich nun mitten in der Stadt, Gewürz und Vieh wurde auf dem festlichen Marmorforum verkauft, und byzantinische Archonten versteckten in ihren Höfen Schweine und anderes Vieh für den illegalen Verkauf. Die grandiosen Dampfbadehäuser  verwahrlosten völlig – es gab weder Mittel für ihren Unterhalt noch, was das Wichtigste ist, Wasser, das in Konstantinopel stets rar und wertvoll war. Sogar die obersten Hofbeamten betteln im Palast um „zusätzliches Wasser“ für ihre sehr bescheidenen Häuser, die auf den Ruinen uralter Gebäude erbaut wurden. Furchtbare hygienische Zustände und scheußliche Verwüstung – das war es, was Konstantinopel bis zur makedonischen Dynastie, wenn nicht sogar bis zur Zeit der Komnenen prägte.[11]

Die Bürger der Stadt waren gezwungen, inmitten zerfallender Senatoren- und  Patriziervillen und schwarz gewordenen Statuen heidnischer Götter und vergessener Helden, ägyptischen Obelisken mit unverständlichen Niederschriften und geheimnisvollen Zeichen östlicher Stelen herumzuirren. In dieser Zeit triumphierte die byzantinische Astrologie, deren Adepten in jedem geheimnisvollen Zeichen ein Glücks- oder Unglücksvorzeichen ansahen. Sie lasen Prophezeiungen aus der Lage der Statuen auf dem Hippodrom oder deuteten Hieroglyphen an öffentlichen Gebäuden, wobei sie mittelalterliche Philologie mit phantasievoller Astronomie und ausschweifender Phantasie mischten. Die Sehnsucht nach der verlorenen großen Vergangenheit vermischte sich hier mit der fragwürdigen Hoffnung  auf eine große Zukunft, und die Apokalypse schwenkte immer drohender ihr Haupt.

All diese gemischten, durcheinandergeworfenen, manchmal wilden, äußerst reichlichen und daher wahnsinnig interessanten Angaben bieten uns die Werke der „Patriographen“, darunter die „Parastaseis“. Es ist nicht möglich, die Geisteshaltung eines normalen Byzantiner des 7. bis 10. Jahrhunderts zu verstehen, ohne „Patria“ oder die „Parastaseis“ zu lesen. Nach der Lektüre dagegen fällt es sehr viel leichter, sich die historischen Ereignisse vorzustellen, die in den Chroniken beschrieben werden – die Aufstände der Zirkus-Parteien, unerwartete Rebellionen und ihre ebenso unerwarteten Beendigungen, die besinnungslose Ergebenheit des Volkes und die plötzliche akute Abneigung ihr gegenüber einer Dynastie wegen eines wenig bedeutenden Ereignisses. Vor allem helfen uns solche Werke wie die „Beschreibungen der Patriographen“, die byzantinische Mentalität zu verstehen. Und das ist für jeden Byzanz-Forscher viel wert.

Außerdem ist es bemerkenswert, dass die heutzutage nach Istanbul kommenden Touristen sich zum Teil in derselben Lage wie die byzantinischen Bürger der Zeiten der „Patriographen“ befinden. In einem gewissen Sinne erleben wir wiederum eine Periode der byzantinischen Krise. Byzanz ist nicht einfach nur ein Bild aus der Vergangenheit, sondern es verschwindet buchstäblich vor unseren Augen. Heute sind uns nur die monumentalsten Denkmäler der byzantinischen Architektur unmittelbar zugänglich. Diese Denkmäler des Altertums, von einer Wand aus Minaretten umgeben, von grandiosen, wenn auch erstaunlich einförmigen Moscheen, die den Hintergrund dieser nun islamischen Stadt bilden, geben zwar noch einen Abglanz des ganzen unglaublichen Reichtums der ehemaligen Hauptstadt von Byzanz, aber nur unter der metertiefen kulturellen Schicht der neuen türkischen Siedlung, unter der die Zeugnisse der Herrlichkeit der oströmischen Welt hervorscheinen. Die Ruinen von Konstantinopel unterlagern das moderne Istanbul. Sie sind bereits so alltäglich geworden, dass die Einwohner sich sie nicht einmal mehr bemerken, da sie einen natürlichen Teil der jetzigen Stadtlandschaft bilden. Es scheint fast, wenn diese Ruinen plötzlich verschwänden, würden an ihrer Stelle sofort neue, nicht weniger imposante Trümmer entstehen. Aber in Wirklichkeit verschwinden die Spuren des alten Konstantinopel planmäßig bzw. werden erbarmungslos beseitigt. Jedes Jahr werden sie weniger. Die voranschreitende Urbanisierung löscht byzantinische Denkmäler für immer aus. Der am Ende des 18. Jahrhunderts begonnene Bau der Eisenbahn vernichtete die ohnehin spärlichen Reste des Großpalastes und den ältesten Teil der Stadtmauer.[12] Der Bau von Wasserleitungen und Kanalisation im 20. Jahrhundert  vernichtete die Reste der byzantinischen Marmorstraßen, zerstörte die Fundamente der tragenden Säulen und verschüttete kleine byzantinische Zisternen. DieModernisierung der Stadt seit Mitte des 20. Jahrhunderts kostete ebenfalls viele Denkmäler.[13] Am schlimmsten aber wüten die türkischen Denkmalschützer, die nur die äußeren Formen erhalten, welche für Touristen attraktiv sind, doch kaum einen archäologischen Wert haben[14]

Doch auch diese zugrundegehenden byzantinische Stadt zehrt weiterhin von den romantischen Mythen. Jedem Pilger bzw. Touristen wird man in der Hagia Sophia „die Stelle der Kaiserin“, „die Säule von Gregor dem Wunderwirker“, „die Abbildung von Kaiser Alexander mit dem Schädel“ sowie „die Pforte der Hölle und des Paradieses“ zeigen. Die Touristenroute umschließt den obligatorischen Besuch des mit allerlei hanebüchenen Fabeln umwölkten Bukoleon-Palasts, der in Wirklichkeit einfach irgendein unbekanntes Gebäude des 5. Jahrhunderts ist; ebenso die Blachernae, die Halkoprathis, die Kirche zu Ehren der Lebensspendenden Quelle und das Mirilayon.[15] Die Gegenwart erschafft eigene „patriographischen“ Beschreibungen, eigene Mythen und Legenden, von denen viele mit nicht weniger imposanten Einzelheiten aufwarten wie die „Parastaseis“. Deswegen sind auch die „Parastaseis“ eine Art Reiseführer in das Konstantinopel des Mittelalters;[16] der einzige Unterschied zu den modernen Istanbul-Reiseführern, die ebenfalls von Mythen und Legenden berichten, besteht darin, dass die „Parastaseis“ nicht für Touristen bestimmt waren, sondern vor allem zur Lektüre durch die Einwohner von Konstantinopel selbst, als Antologie der „geheimnisvollen“ Orte ihrer heiligen Stadt; eine Sammlung „mysteriöser“ Geschichten, die von Generation zu Generation als geheimes Wissen an diejenigen weitergeben wurde, die in der einen, wirklichen Stadt, dem „Auge der Welt“ lebten. Nach dieser sozusagen kulturologischen Beschreibung der „Parastaseis“ wollen wir deren rein topographische Bedeutung  betonen.

Die Bedeutung topographischer Dokumente (auch solcher spezifischen wie die „Parastaseis“) ist natürlich fundamental bei der Bestimmung der Lage von Objekten. Die topographische Beschreibung lokalisiert jedes Objekt genau an seiner eigenen Stelle, die möglichst prägnant beschrieben wird. Seit Pierre Gilles († 1555), dem ersten gelehrten Europäer, der Konstantinopel mehr oder weniger wissenschaftlich erforschte, bis zu den „Patriarchen“ der „Konstantinopel-Wissenschaft“ des 20. Jahrhunderts, Vater Raymond   Janin († 1972) und Rodolphe   Guilland(† 1981), waren Studien über die byzantinische Hauptstadt vor allem auf die Topographie gerichtet. Mehrere Generationen von Spezialisten, insbesondere im Laufe des letzten Jahrhunderts, beschäftigten sich mit denselben Problemen und studierten dieselben Texte, um auf der Karte ein bestimmtes Denkmal, eine Straße oder ein Stadtviertel zu orten und zu beschreiben. Um eine Stadt kennenzulernen, ist unzweifelhaft vor allem ein genauer Plan davon notwendig; ohne einen solchen ist das Studien einer Stadt schlicht nicht möglich. Doch steht vor dieser grundlegenden Aufgabe bis jetzt eine Mauer ungelöster Fragen.

Die Hauptursachen der bisherigen Misserfolge können in fünf Punkte unterteilt werden:

1. Fehlen von streng topographischen Quellen

Die Byzantiner selbst sorgten sich nicht darum, uns eine detaillierte und systematische Beschreibung ihrer Hauptstadt zu hinterlassen. In diesem Bereich hinterließen sie uns nur die vermischte und ungeordnete Sammlung der sogenannten „Patriographien“.[17] Lassen wir den Anaplus Bosphori des Dionysios von Byzanz (ein rhetorisches Werk, das etwa im 2. Jahrhundert v.C.[18] geschrieben wurde und damit viel älter ist als die byzantinische Periode) beiseite, dann ist das einzige offizielle Dokument, das uns zur Verfügung steht, die Notitia Urbis Constantinopolitanae (um 425[19]) – ein lateinischer Text, der etwa 15 Seiten umfasst und zur westlichen Manuskripttradition gehört, die den Byzantinern unbekannt war. Ansonsten steht uns keine streng topographische Beschreibung zur Verfügung.

2. Fehlen von genauen topographischen Angaben in der Literatur

Die byzantinische Literatur, angefangen vom 7. Jahrhundert, wenn nicht sogar früher, wurde größtenteils in Konstantinopel geschrieben und war auch zur Lektüre in Konstantinopel bestimmt. Sie ist voller Anspielungen auf verschiedene Stadtviertel und Denkmäler der Stadt, die aber praktisch nie näher präzisiert werden, da die ursprünglichen Adressaten diese Orte natürlich nur allzu gut kannten. Falls also eine historische Studie auf Kommentaren zu diesen Texten basiert, ist es immer wichtig, die Situation mit den dort erwähnten Toponymen näher zu präzisieren.

3. Später Beginn der topographischen Studien Konstantinopel

Als die wissenschaftliche Erforschung von Konstantinopel begann, waren dort nur noch wenige identifizierte und erkennbare Denkmäler vorhanden. Zudem hatten die Bewohner, selbst die Griechen, die alten Namen vergessen – abgesehen von einigen Ausnahmen, wie Blachernae, Psamathia , Phanarion.

Während für alle europäischen Großstädte ausführliche topographische Karten seit dem 15. oder spätestens 16. Jahrhundert überliefert sind, wurde die erste Karte von Konstantinopel, auf der die Hauptstraßen mehr oder weniger genau eingezeichnet waren, erst 1776 dank den Bemühungen von GrafChoiseul-Gouffier erstellt und 1800 publiziert. Eine erste genaue Karte von ganz Konstantinopel erschien erst 1842. Von der byzantinistischen Periode blieb nur eine Abbildung Konstantinopels, nämlich die Skizze von Buondelmonti , die etwa auf 1422 datiert wird. Das Original der Skizze ging verloren, und sie blieb in zwanzig Kopien erhalten, die sich jedoch voneinander unterscheiden[20]. Alle anderen Bilder von Konstantinopel stammen aus türkischer Zeit. Für Europäer war es damals gefährlich, die türkische Hauptstadt genau abzubilden, und alle Bilder haben deshalb mehr oder weniger phantastischen Charakter. Eines der Besten ist das Panorama, das nach dem Graveur Valvassore benannt ist; es ist dies ein Stich venezianischer Herkunft, datiert auf das Ende des 15. Jahrhunderts (zwischen 1478 bzw.1479, als die Wände des auf dem Panorama abgebildeten Topkapi-Palasts entstanden,  und 1490, falls die Identifikation der St.-Lukas-Kirche, die auf dem Panorama nicht weit weg vom Hippodrom abgebildet ist (anscheinend identisch mit der „Nea Ecclesia“ bei Basilios dem Mazedonier) mit der Güngörmez Kilisesi, die als Pulverlager diente und 1490 nach Blitzeinschlag verbrannte, stimmt. Das Original des Bildes, das Gentile Bellini  zugeschrieben wird, ging verloren. Doch auch auf diesem Panorama hat die Stadt einen deutlich fiktionalen Charakter, da sie von oben abgebildet ist. Das Bild des Hippodroms, das von Onufrio Panvinio publiziert wurde und ohne Erklärung auf 1450 datiert wird, ist nichts anderes als ein Fragment des Valvassore-Panoramas.[21] Erwähnenswert sind auch das große Panorama des dänischen Malers Melchior   Lorck von 1559, obwohl die Stadt dort nur im Profil und daher wenig übersichtlich dargestellt ist, sowie auch zwei türkische Bilder aus dem 16. Jahrhundert, die interessante Details zeigen, auch wenn sie die Perspektivgesetze völlig missachten. Im letzten Fall geht es um Zeichnungen aus der Zeit von Bāyezīd II. und Süleyman I., in der auch der erste wissenschaftliche Gewährsmann der Topographie von Konstantinopel, Pierre Gilles, wirkte.

4. Fehlen von stratographischen Methoden

Archäologische Bulletins, die Ernest Mamboury in der Zeitschrift „Byzantion“ publizierte und die auch noch nach seinem Tod für eine Weile weiterpubliziert wurden, beschreiben Ausgrabungen in Konstantinopel im 20. Jahrhundert (1936-1960). Allerdings ist es erwähnenswert, dass die Ausgrabungen, die mit öffentlichen Bauarbeiten zusammenhingen, immer in Eile und ohne ausreichende wissenschaftliche Akribie durchgeführt wurden. Die Rede ist hier vor allem vom Bau der Eisenbahn im Jahre 1871; dem Bau der Kanalisation, als lediglich Alexandre G. Paspati uns eine allgemeine Beschreibung über die Ausgrabungen zwischen 1920 und 1930 hinterließ, sowieum den Bau der Universität in den 1940er Jahren, deren Beschreibungen durchMamboury immer noch nicht veröffentlicht sind, den Bau der großen Wasserleitung durch eine japanische Gesellschaft (1983), als durch Zufall Reste byzantinischer Bauten am Rande des Serails aufgefunden wurden, Dabei beschränkt man sich auf die Forschung dieses oder jenes einzelnes Denkmals.[22] Die stratographische Forschungsmethode kam erst in jüngster Zeit auf. Im Allgemeinen entsprechen die archäologischen Forschungen inKonstantinopel keinesfalls den modernen Standards der Erforschung großer Stadträume.[23]

5.  Mangel an und schlechte Zugänglichkeit von statistischen Daten

Was statistische Quellen betrifft, gibt es aus der byzantinischen Periode nur Notitia aus dem  5. Jahrhundert und für spätere Zeiten türkische Census; doch sind diese meist nicht veröffentlicht oder nur auf Türkisch zugänglich.

Auch vom Janins Buch „Constantinople byzantine“ ist keine komplette Beschreibung zu erwarten; es ist zwar unersetzlich, muss aber mit Bedacht benutzt werden. Janin kannte nicht alle Quellen, und einiges zitiert er nach veralteten Ausgaben und ungenauen Übersetzungen (insbesondere denen von russischen Pilgern), auch in Bezug auf die Daten einiger Texte ist er nachlässig (insbesondere zu den Patria, wo er häufig unterschiedliche Schichten vermengt).

In dieser Hinsicht sind die Studienangaben zu den Patriographen besonders wichtig. Zumindest beschreiben sie Orte, die sie mit eigenen Augen gesehen hatten. Zumindest beschreiben sie Orte, die sie mit eigenen Augen gesehen hatten, ihre Erhaltungszustände und Lage zueinander. Die „patriographischen“ Daten stehen zu Recht in der ersten Reihe der Materialien zum Studium der Konstantinopelschen Topographie.

Die Parastaseis oder „Kurzen historischen Notizen“ sind nur in einem Manuskript des 9. Jahrhunderts erhalten, nämlich in Parisinus gr. 1336.[24] Einige Autoren (Cameron,  Herrin[25]) datieren sie auf Anfang, andere auf Mitte des 8. Jahrhunderts (Dagron[26]).

Die Parastaseis ist die wichtigste und bedeutendste Quelle der historischen Topographie Konstantinopels. Sie beschreiben verschiedene Sehenswürdigkeiten der byzantinischen Hauptstadt im 8. Jahrhundert, wie sie von den Byzantinern selbst gesehen wurden, und berichtet entsprechende historische Legenden. Später wurden sie ergänzt und in ein anderes Werk (Patria Constantinopoleos) aufgenommen. Einige Ergänzungen aus den Patria aus dem 10. Jahrhundert sind ebenfalls in die Übersetzung miteingeflossen.

Die Übersetzung erfolgte nach Constantinople in the Early Eighth Century, hrsg. von A. Cameron, J. Herrin: Leyden 1984.

Zur besseren Verständlichkeit wurden einige Stellen mit Kommentaren von Cameron versehen.



[1] Constantinople and its Hinterland/ Ed. C. Mango and G. Dagron. Aldershot, 1995.

[2] Kiton: Schlafzimmer, in dem auch die Kaiserkleider aufbewahrt wurden. (Anm. d. Ü.)

[3] Triclinium: Speisesaal. (Anm. d. Ü.)

[4] Peristyl: Säulenhalle. (Anm. d. Ü.)

[5] Byzantine Constantinople: Monuments, Topography and Everyday Life/ Ed. N. Necipoğlu. Leyde, 2001.

[6] K. Dark F. Özgümüş New Evidence for Byzantine Church of the Holy Apostles// Oxford Journal of Аrchaeology 21, 2002, p. 393-413.

[7] P. Magdalino Constantinople medieval. 1996.

[8] C. Barsanti. Note archeologiche su Bisanzio romana// Milion 2, 1990, p. 11-50.

[9] A. Berger. Tauros e Sigma. Duepiazza di Constantinipoli// Bisanzio e l’Occidente. Studi in onore di Fernanda de’ Maffei/ Ed. C. Barsani…Rome, 1996, p. 17-28.

[10] J. Durliat, Le ravitaillement des villes protobizantines (IV-VII siècle), E.H.E.S.S., 1985. A. J. B. Sirks The Size of the Crain Distribution in Imperial Rome and Constantinople// Athenaeum 79 1001, p. 215-237.

[11] Constantinople: Les sanctuaire et l’organisation de la vie religieuse// Actes du XI Congrès intern. d’archéologie chrétienne. Rome, 1989, рр. 1069-1085.  

[12] W.D. Lebek. Die Landmauer von Konstantinopel und ein neues Bauepigram//Epigraphica Anatolika, 25, 1995, р. 107-153.

[13] U. Peschlow: Eine wiedergewonnene byzantinische Ehrensäule// Mélanges Deichmann, I, S. 21-33.L. Stella Cinque poeti dell’ Antologia Palatina, Bologna 1949, S. 381.

[14] Mango C. Le dévelоppement urbain de Constantinople, Р. 2004, p.14. La sculpture byzantine figurée au Musée archéologique d‘ Istanbul Ed. C. Metzger, A. Pralong, J.-P. Sodini. Paris, 1990.

[15] N. Atzemoglou Τ’ αγιασματατηςΠολις, Athenes, 1990, p. 17-19. Paribeni, Il quartiere delle Blacherne a Constantinopoli//Milion: Studie ricerche d’arte bizantina, Rome 1988, p. 215-224.

[16] A. Berger Die Altstadt von Byzanz in vorjustinianischer Zeit// Varia II = Ποκιλαβυζαντινα, 6 (1987), р. 9-30. Berger A. Untersuchungen zu den Patria Konstantinupoleos = Ποικιλαβυζαντινα 8 (Bonn 1988).

[17] Zum Inhalt s. Th. Preger. Beiträge zur Textgeschichte der Πάτρια Κωνσταντινουπλεως. München 1985 und zwei Vorwörter in Scriptores originum. Bei der Nutzung von Patriographien ist es immer wichtig, die Parastaseis syntomoi chronikai (Mitte des 8. Jahrhunderts) und die Patria in vier Büchern (um 995) nicht zu verwechseln. Diese letzte Text geben die Parastaseis entweder unmittelbar oder häufiger mittels Anonyma wider, S. M. Treu. Excepta anonymi byzantini. Ohlau 1880, nach einem Manuskript aus dem 10. Jahrhunderts; Paris. Suppl. gr. 607A.
Zu Patriographien generell s. Dagron J.: Constantinople imaginaire. Paris 1984. Constantinople in the Early Eighth Century/ ed. A. Cameron, J. Herrin. Leyde,

[18] Bezüglich dieses Datums s. Güngerich, р. XLIII-IV.

[19] Bezüglich dieses Datums s. Speck P.: Studien zur Frühgeschichte Konstantinopels; ed. H.-G. Beck=Misc. Byz. Monacensia, 14, 1973, S. 144-150.

[20] C. Barsanti. Constantinopoli e l Egeo nei primi decceni del XV secolo: La testimonianza di Cristoforo Buondelmonti// Riv. dell‘Ist. Naz. D‘Archeol. E Storiadell‘ Arte, 56. 2001, p. 83-253.

[21] A. Berger. Zur sogenannten Stadtansicht des Vavassore/ IstMitt, 44. 1994, p. 329-355.

[22] A. Berger. Die Häfen von Byzanz und Konstantinopel// Griechenland und das Meer/ Ed. E. Chrysos, D. Letsios… Mannheim, 1999, p. 111-118.

[23] W. Müller-Wiener. Die Häfen von Byzantion, Konstantinuplis, Istanbul. Tübingen, 1994.

[24] Dagron J. Constantinople imaginaire. Paris, 1984, р. 22.

[25] Constantinople in the Early Eighth Century/ ed. A. Cameron, J. Herrin. Leyden.1984.

[26] Dagron J. Constantinople imaginaire. Paris, 1984, р. 29-48.

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