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Amos und Hosea über die Monarchie, die Priesterschaft und den Kult

3. August 2011
Das Portal „Bogoslov.ru“ präsentiert den Lesern hier die Übersetzung eines Abschnittes aus dem Buch des argentinischen Bibelwissenschaftler Horacio Simian-Yofre, Professors für Exegese und biblische Theologie am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom. Es geht um die Einstellung der Propheten Amos und Hosea zu den zeitgenössischen Institutionen der israelitischen Gesellschaft.

Die Kritik an der Königsmacht durch Amos spiegelt einen historischen Zeitpunkt wieder, der sich von der Zeit [der Predigten des Hosea] unterscheidet, obwohl die [beiden] Propheten Zeitgenossen waren und im selben Gebiet wirkten. Auch wenn Amos König Jerobeam II.  angreift (Am 7,10-17), sind seine übrigen Anschuldigungen gegen die herrschende Dynastie lediglich indirekte Anspielungen, die noch zu entschlüsseln wären. Die in der Biblia Hebraica enthaltenen Informationen lassen vermuten, dass Jerobeam eine starke Persönlichkeit war, mit der ein direkter Konflikt vermieden werden sollte. Offenbar gehört die Predigt des Amos einer Zeit an, zu der Jerobeam noch am Leben war.

In der Entlarvung der Schwäche des Königshofs und der gesetzwidrigen Einmischung der Priester in das Leben der Bevölkerung ist Hosea ausdrucksvoller, ausführlicher und beharrlicher. Die unverhohlene Verachtung gegenüber den Königen, die Hosea an den Tag legt, ist verständlich, falls es sich um jene Marionetten handelt, die nach dem Tod des Jerobeams erschienen und über die das Zweite Buch der Könige berichtet. Ein oder zwei Jahre nach der Predigt des Amos änderte sich die Lage im Nördlichen Reich allerdings dramatisch.

Die Predigten dieser beiden Propheten stellen das Wenige dar, was uns aus dieser Periode bekannt ist. Sie entsprechen auch den chronologischen Angaben in den Büchern Amos und Hosea.

Auch in der Kritik an der Institution der Priesterschaft ist ein Unterschied zu beobachten. Bei Amos äußert sich die Kritik an den Priestern explizit nur in einem Abschnitt, in dem von Amazja , einem Priester von Bethel, die Rede ist (Am 7,10-17).

Die Priesterschaft befand sich anscheinend unter der Obhut der politischen Macht und genoss wirtschaftliche Privilegien. Die ausdrucksvollen Vorwürfe gegen sie wandeln sich in beharrliche Ablehnung und Verspottung von Wallfahrten zu den Heiligtümern in Bethel, Gilgal (Am 4,4-5; 5,5-6) und Beerseba (Am 5,5). Während einige Wörter (Am 4,4-5) vermuten lassen, dass die Kritik sich vor allem gegen die Unreinheit der Kultformen richtet, die Legitimität des Kultes, der einst von dieser Unreinheit frei gewesen war, aber nicht ausschließen, lässt die Gegenüberstellung der Wendungen „das Heiligtum suchen“ (mit allen Bedeutungen des Verben „suchen“) und „den Herrn suchen“ (Am 5,4-6) an der radikalen Entschlossenheit der Kritik an den Kultinstitutionen keinen Zweifel.

Bei Amos sind die Heiligtümerein illegitimer Mischling aus [politischer] Macht und Religion, was beide schwer beschädigt. Seine Anschuldigung gegen das Institut des Kultes, ebenso tiefgreifend wie Hoseas Anschuldigung gegen die Religion, richtet sich hauptsächlich gegen die Heiligtümer. Sie manifestiert sich  in der „fünften Vision“ (Am 9:1-4), in der Amos den Befehl erhält, die Tempel säulenknäufe zu schlagen, damit das ganze Gebäude erzittere und umstürze.

Die Verkündung des Amazja, dass Bethel „ein Heiligtum des Königs“ (Am 7,13) sei, zeigt das Wesen der Kritik der Heiligtümer durch Amos. Dieser einzige Hinweis hätte vernachlässigt werden können, wenn es keine Texte von Hosea gäbe, die mehrfach auf die ständige Präsenz des „Tempels“ und seiner Diener im Leben des Volkes hinweisen. 

Die Tatsache, dass es zu Hoseas Zeiten an einem starken König fehlte, erwies sich als günstig für verschiedene Gruppen von Priestern und anderen Funktionären und ermöglichte ihnen, ihre Macht zu stärken. Solch eine Situation ist im Buch Amos aber nicht zu ersehen.

Die Prophezeiung des Hosea richtet sich gegen jahwistische Priester, die von der einen oder anderen Form des Baalismus (möglicherweise dem Fruchtbarkeitskult) verseucht sind (Hos 4), und gegen diejenigen, die zum Gebet anstiften, das eher prätentiös als vertrauensvoll ist (Hos 6,1-3). In ihrer Vorstellung ähnele Jahwe sehr den Naturgöttern, bei denen Perioden der Bestrafung und der Vergebung entsprechend der natürlichen Regelmäßigkeit der Jahreszeiten rhythmisch abwechseln. Diese Götter gibt es auch im Buch Hosea, zumindest implizit (Hos 7:3-7).

Im achten Kapitel des Buches Hosea wird die Kritik an den machthabenden Gruppen (unter anderem den Priestern), die den Staat manipulieren, sehr deutlich. Das goldene Kalb von Bethel, das eine konkrete Repräsentanz des Kultes und der Religion des nördlichen Reiches ist, ist unfähig, jemanden zu erlösen. „ Er hat dein Kalb verworfen, Samaria!“ (Hos 8,5) Die Heiligtümer könnten sich noch so sehr vermehren – es sei nicht mehr wichtig, ob sie Jahwe oder Baal gewidmet seien; die Religion, die ein Instrument der politischen Herrschaft geworden sei, vermöge weder den zerrissenen Bund wieder zusammenzunähen noch die Gunst des Herrn zurückzubringen (Hos 8,1).

Für Hosea ist das Kalb Bild und Symbol des gesamten Kultes. Illegitim sei das Bemühen um Erlösung (auf privater und gesellschaftlicher Ebene) mittels einer Einrichtung, die ihre Funktionalität bereits verloren habe. Solch ein Kalb sei unfähig, dem Volk zu helfen. (Bei Amos gibt es dieses Bild nicht.)

Wenn schon die Priesterschaft, der Tempel und alles, was sie darstellen, von Amos und Hosea kritisiert werden, ist die Kritik an einem Kult, der Gott nicht angenehm und daher nutzlos sei, erst recht zu erwarten.

Hosea verurteilt die Vermehrung von Altären und Opfergaben (Hos 8,11), geht aber nicht auf Einzelheiten des Kultes ein. Die Zeilen des neunten Kapitels (Hos 9,1-9) sprechen nicht nur über die physikalische Unmöglichkeit der wirklichen Praktizierung des Kultes im Zustand der Gefangenschaft im fremden Lande, sondern verwerfen auch den Kult als solchen radikal. Der Prophet fordert, die Ausnutzung des Kultes zur Meidung der verdienten Austreibung zu unterbinden, da solch ein Kult kaum und weniger noch im fremden Lande Nutzen bringen könne. Der Text bietet keinen [anderen] Ausweg aus dieser Lage (Kult und Prophezeiung als Mittel der [Gewinnung der] Unterstützung durch den Herrn seien disqualifiziert)  als die Akzeptierung der Gefangenschaft und der Bestrafung. „ Israel wird es erfahren“. „Erfahren“ bedeutet hier folgendes anzuerkennen: „gekommen sind die Tage der Heimsuchung, gekommen die Tage der Vergeltung“ (Hos 9,7).

Amos ist, was seine Kultkritik betrifft, ausführlicher und konkreter als Hosea. Außer Hinweisen auf „Tempel“ und Heiligtümer (Am 3,14; 4,4-5; 5,5) sowie auf Kultfeste, die sich in Trauer umwandeln werden (Am 8,10) und gesetzwidrige Beschwörungen (Am 8,14) konstatiert der Prophet bildhaft, dass der Herr [einige] konkrete Kultformen zurückweise (Am 5,21-25). Diese Zurückweisung hänge mit der Ankündigung des „Tages des Herrn“ als des Tages der Bestrafung eng zusammen, und – mehr noch – mit der Wiedererrichtung jener göttlichen Ordnung, die verletzt worden sei. Hosea verwendet nicht den Begriff „Tages des Herrn“, spricht aber von „Tagen der Heimsuchung/der Vergeltung/der Strafe“.

Die Kritik an den Hauptinstitutionen (königliche Herrschaft, Priesterschaft und Kult) wurde dadurch hervorgerufen, dass diese unfähig waren, die gesellschaftlichen Probleme jener Zeit zu lösen. Die Verurteilung der religiösen Situation in Israel beinhaltet die Anschuldigung, Normen der sozialen Gerechtigkeit verletzt zu haben, deren Einhaltung, bereits ihrer Natur nach, durch die Vertreter der Regierung, darunter auch die Priester, gewahrt werden müsse.

Die ersten Anschuldigungen, die Amos in diesem Zusammenhang erhebt, betreffen die Beziehungen zwischen den sozialen und religiösen Aspekten des Lebens. So hänge „Verführung“ mit der „Verwerfung des Gesetzes“ zusammen, schließe aber auch das Streben nach falschen religiösen Werten, vertreten durch Götzenbilder, nicht aus (Am 2,4). Die Verletzung des Gesetzes über die Strafgelder (Am 2,8) sei ein Angriff auf die Gesetze über die Bruderschaft, wandele aber auch den Platz des Kultes ins „Haus ihres Gottes[1]“, womit die Abgötter (also nicht Jahwe) bezeichnet werden. In diesem Buch sind die Frevler, die ihre Nächsten betrügen und ausnutzen (Am 8,4-5), dieselben Menschen, die die Neumondfeste feiern und den Sabbat halten.

Die anderen Anschuldigungen beziehen sich auf die Inkompetenz und Geschäftsunfähigkeit der Regierung, welche Ausschreitungen, etwa Gewalttaten und Zerstörung (Am 3:10), Bedrückung der Armen (4:1), Nötigung der Bedürftigen zur Abgabe ihres Eigentums (5,11-12), juristische Ausschreitungen in den Gerichten (Am 5,7; 5,10; 5,15; 5,24) und Hortung ungerechten Reichtums (Am 6:4-6; 8:4-6) nicht zu unterbinden vermöchte. Diese Anschuldigungen stehen weit fern von den paradigmatischen Anschuldigungen, die an Tyrus und Edom  gerichtet sind und darin bestehen, dass diese „ des Bruderbundes nicht gedacht haben“ und erbarmungslos „seinen Bruder mit dem Schwerte verfolgt“   (Am 1:9-11). Darüber, dass [diese] Anschuldigungen sich auf die Regierung beziehen, gibt es bei Amos eine geheimnisvolle Anspielung, die so übersetzt werden kann: „damit das Haus Josephs keinen Erfolg hat“[2] (Am 5:6), sowie auch eine Erwähnung von militärischen Auseinandersetzungen (Am 5,3). Das seien die Bestrafungen für etwas, das größer sei als einzelne Rechtsverletzungen normaler Personen.

Während zu den Zeiten Hoseas unter den Bedingungen der institutionellen Krise die Anschuldigungen wegen der sozialen Rechtswidrigkeiten in den Hintergrund treten, und zwar so lange, wie die Gesellschaft nicht als einheitliches Ganzes wiederhergestellt sein würde, ist zu den Zeiten Amos’ das Gegenteil zu konstatieren – die Stabilität der Herrschaft Jerobeams II. begünstigte die sozialen  Rechtswidrigkeiten und die Ausbeutung, die durch diesen Propheten ja angeprangert wurden.[3]

 


[1] In der russischen synodalen Übersetzung „ihrer Götter“. (Anm.d.Ü.)

[2] In der russischen synodalen Übersetzung „damit er nicht in das Haus Josephs eindringe“.(Anm.d.Ü.)

[3] Aus dem Buch:  Simian-Yofre H.  Amos: nuova versione, introduzione e commento. Milano, 2002.

 

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