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Goldener Fonds

Die Pentarchie und das Moskauer Patriarchat

10. August 2011
Die Mitteilung über die Einberufung des Synods der Ostpatriarchen, darunter der Erzbischof von Zypern, durch Patriarch Bartholomäus   am 1. September 2011 nach Istanbul  weckte unterschiedliche Vermutungen über dieses Ereignis, das als Versuch angesehen wird, die Pentarchie wiederzuerrichten. Im Lichte dieser Ereignisse hält es Albert Bondach für an der Zeit, die Geschichte und die potentielle aktuelle Bedeutung der Institution der Pentarchie sowie die Stellung des Moskauer Patriarchats darin zu analysieren.

Die Mitteilung über die Einberufung des Synods der Ostpatriarchen durch Patriarch Bartholomäus   am 1. September 2011 in Istanbul, bei dem auch der Erzbischof von Zypern eingeladen ist, erweckte unterschiedliche Vermutungen über dieses Ereignis als einen Versuch der „Wiederherstellung der Pentarchie“, deren fünftes Mitglied (neben den Patriarchen von Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem) sich etwas unerwartet der Vorsteher der Zypriotischen Kirche herausstellt, der nach den Diptycha der Orthodoxen Kirchen erst die zehnte Stelle innehat. Derartige Beurteilungen sind sowohl in russischen als auch in griechischen Nachrichtenmagazinen erschienen. Die ukrainischen Schismatiker haben sich sogar beeilt, die Hoffnungen zu artikulieren, dass [dieses] neue kirchliche Organ endlich ihre „Rechte“ anerkenne und der langjährigen Isolierung ihrer nicht-kanonischen Vereinigung ein Ende mache, indem es die Schismatiker in die Familie der Orthodoxen Landeskirchen aufnehme.

Unabhängig von derartigen Gerüchen halten wir es für angebracht, die Geschichte und eventuelle aktuelle Bedeutung der Institution der Pentarchie und die Stellung des Moskauer Patriarchats darin zu analysieren.

 

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Betrachten wir zunächst, ob die Pentarchie (so wie sie heute verstanden wird) in Byzanz existierte. Zwar verwendeten byzantinische Theologien und Kanonisten den Begriff nicht[1], aber das bedeutet sicherlich nicht, dass ihnen die Erscheinung unbekannt gewesen sein musste, die wir jetzt als Pentarchie bezeichnen.

Die Existenz eines aus fünf Patriarchen bestehenden Organs der Kirchenverwaltung wird in keinem der konziliaren bzw. patristischen Canones, die von der gesamten Orthodoxen Kirche anerkannt sind, erwähnt. Die Canones, die den Status der wichtigsten Bischofsstühle regeln (6. d. 1. Ökum., 3 d. 2. Ökum., 28. d- 4. Ökum., 36. d. Trull. u.a.), enthalten entweder Normen über die Machtbefugnisse dieser oder jener Bischöfe im Einzelnen, oder über das „Primat der Ehre“, aufgrund dessen die Beziehungen zwischen diesen Bischöfen geordnet sind. So wird in der 6. Regel des 1. Ökumenischen Konzils die Existenz von drei vorrangigen Kirchen erwähnt: die von Alexandria (Ägypten, Libyen und Pentapolis), die von Rom und die von Antiochia; jede von ihnen hatte Metropoliten mit ihnen unterordneten Bischöfen. Die 3. Regel des 2. Ökumenischen Konzils und die 28. Regel des 4. Ökumenischen Konzils weisen der Kirche von Konstantinopel die zweite Stelle (nach der Römischen) im Diptychon zu und legen die Grenzen ihrer Jurisdiktion fest. In der 36. Regel des Trullianischen Konzils sind alle fünf Patriarchen entsprechend dem „Primat der Ehre“ aufgelistet (Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia, Jerusalem). Dabei gibt es in den Canones keine Norm, die vorsähe, dass die Bischöfe zu Tagungen einberufen werden oder legislative, exekutive oder gesetzgebende Macht nach den Maßstäben der Ökumenischen Orthodoxen Kirche gemeinsam vollziehen sollten.[2]

Die kirchliche Praxis entsprach diesen kanonischen Normen völlig. Obwohl die Namen der fünf Patriarchen (bzw. ihrer Vertreter) immer am Anfang der Unterzeichnerliste der Väter der Ökumenischen Konzile stehen, ist aus den Konzilakten zu ersehen, dass diese Patriarchen im Laufe der Konzile weder gegenüber den anderen Bischöfen über Vorteile verfügten (außer des Primats der Ehre) noch über irgendwelche Fragen „im engen Kreis“ entschieden. Die Patriarchen nahmen gar nicht immer an der Arbeit der Konzile selbst teil. Zum Beispiel weigerte sich Papst Vigilius, auch wenn er sich während des 5. Ökumenischen Konzils in Konstantinopel befand, wegen seiner Meinungsverschiedenheiten mit dem Kaiser daran teilzunehmen oder seine Legaten dorthin zu entsenden, weswegen sich unter den Akten des Konzils auch nicht seine Unterschrift findet.[3] Der Patriarch von Jerusalem wurde auf diesem Konzil durch seine Legaten vertreten. Am 6. Ökumenischen Konzil nahmen zwei Patriarchen teil – der von Konstantinopel und der von Antiochia; die anderen wurden durch ihre Legaten vertreten. Auf dem 7. Ökumenischen Konzil war nur der Patriarch von Konstantinopel anwesend, während die drei Ostpatriarchen durch zwei Legaten vertreten wurden (Rom hatte ebenfalls Legaten geschickt). Dabei machte der Teilnahme der Vertreter aller fünf Patriarchien an einem Konzil es noch nicht per se ökumenisch. Der reale Status und die Bedeutung eines Konzils hingen eher ab: a) vom Willen des Kaisers (so wurde das 5. Ökumenische Konzil als ökumenisch anerkannt, obwohl die Römische Kirche dort nicht vertreten gewesen war und die Kathedra von Rom erst nachträglich die Konzilakten anerkannte); b) vom Willen des Römischen Papstes (Letzteres ist am Beispiel des Trullianischen Konzils zu ersehen – obwohl dort alle vier Ostpatriarchen und auch päpstliche Legaten anwesend gewesen waren, hatte Papst Sergius sich geweigert, die Canones dieses  Konzils zu billigen, und obwohl Kaiser Justinian sich viel Mühe gegeben hatte, die Kathedra des Papstes zu überzeugen oder zu erzwingen, die Beschlüsse des Konzils zu akzeptieren, hatte er dabei keinen Erfolg – während die Regeln dieses Konzils im Osten später als Regeln des 6. Ökumenischen Konzils betrachtet wurden, wurden sie im Westen nie akzeptiert); und c) von der nachfolgenden Rezeption der Konzilbeschlüsse durch die Gesamtheit der Ökumenischen Kirche.

Einen Hinweis darauf, dass die Orthodoxe Kirche von fünf Bischöfen – von Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem – geleitet und in fünf entsprechende Patriarchate unterteilt werde, finden wir in den säkularen Gesetzen von Byzanz, nämlich in den Novellen von Kaiser Justinian I. Dort findet sich unter anderem folgende Formulierung: „An die Heilige Katholische und Apostolische Kirche Gottes, in der alle Ihre Heiligkeiten die Patriarchen der ganzen Ökumene (auch der Patriarch von Westrom, und der dieser kaiserlichen Stadt, und der von Alexandria, und der von Antiochia, und der von Jerusalem), und alle von ihnen ordinierten ehrwürdigsten Bischöfe einstimmig den apostolischen Glauben und die Überlieferung predigen“ (Nov. J. 109 pr.; vgl. Nov. J. 131, 2). Doch gab es auch in den staatlichen Gesetzen keine Normen über ein kollegiales Sonderorgan aus fünf Patriarchen. Bemerkenswert ist auch, dass die Vorstellungen des säkularen Gesetzgebers über den Status der  Patriarchen sich ständig änderten. Bereits in der Verfassung von Justinian wurde die privilegierte Lage des  Patriarchen von Konstantinopel festgelegt. In der Isagoge (in den Jahren zwischen 880 und 890) wurde der Patriarch von Konstantinopel bereits über alle anderen Ostpatriarchen gestellt und mit der Befugnis ausgestattet, bereits verabschiedete Beschlüsse zu revidieren (Isag. III, 1 sq.)[4].

Vom 7. Jahrhundert an ist die Lehre von den fünf orthodoxen Patriarchen in patristischen Quellen zu finden. Wichtige Aussagen diesbezüglich gibt es in den Werken der Heiligen Mönche Maxumus dem Bekenner[5] († 662) und Theodor Studites (†826), der Heiligen Erleuchter und Patriarchen von Konstantinopel Nikephoros († 828) und Photios († 896) und auch Anderer. In der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Häresien galt die Einheit im Glauben der fünf vorrangigen Kathedren als sichtbares Bild der Fülle der Ökumenischen Orthodoxie und der Einheit der Katholischen Kirche.

Was die patristischen Schriftwerke betrifft, ist die Lehre von den fünf Patriarchen und ihrer Rolle in der Ökumenischen Kirche am konsequentesten und vollständigsten in den Briefen des Hl. Mönches Theodor Studites dargestellt.[6]  Laut dem Hl. Theodor ist die Kirche der mystische Leib Christi, und sein unsichtbares Oberhaupt ist Christus selbst (s. z.B.: Ep. 469.23–24[7]; vgl.: PG. Vol. 99. Col. 1397A); dabei sind ihre sichtbaren Häupter auf Erden die fünf Patriarchen. Ausgehend davon spricht der Hl. Theodor vom „fünfhäuptigen kirchlichen Leib“ (πεντακόρυϕον   κκλησιαστικν σμα— Ep. 406.27-28, 407.20-21; vgl.: PG. Vol. 99. Col. 1280B, 1281B) und von der „fünfhäuptigen Macht der Kirche“ (πεντακόρυϕον κράτος τς   κκλησίας — Ep. 478.63–64; vgl.: PG. Vol. 99. Col. 1417C). In seinem Brief an Leon Sakellarios   behauptete der Hl. Theodor, dass die fünf Patriarchen zusammen die Macht  besäßen, die zum Erlass dogmatischer Urteile notwendig sei, und dass ohne Wissen und Willen der fünf Patriarchen kein legitimes Ökumenisches Konzil einberufen werden könne.[8] Bei seiner Bestimmung der fünf vorrangigen Kathedren ließ der Hl. Theodor zu, dass deren Vorsteher und ihre Gemeinden von der Orthodoxie zwar abweichen könnten, war aber der Meinung, dass nach der Vorsehung Gottes der orthodoxe Glauben immer in irgendeiner Kirche aufbewahrt werde.[9] Ist einer der Patriarchen vom wahren Glauben abgewichen, müsste er, so der Hl. Theodor, „die Berichtigung annehmen“ von den anderen Patriarchen und sich mit dem Leib der Kirche wiedervereinigen. Also sprach der Hl. Theodor bei seinen Spekulationen über die „fünf Patriarchen“ vor allem als über die Wortführer des Glaubens jener Kirchen, derer Oberhäupter sie sind. Er behauptete nicht, dass die „Spaltung“ der einen Kirche in fünf Teile etwas sei, was Gott festgelegt habe und bis zum Ende des Zeitalters existieren solle. Eher beschrieb er die Lage der zeitgenössischen Ökumenischen Kirche und betonte dabei, dass alle ihre Teile (die „fünf Häupter“) den einen wahren Glauben haben sollten, der sich auf den Ökumenischen Konzilen seit alters her bestätigt hatte und weiter bestätigen sollte.

In klassischer Form wurde die Lehre von der Pentarchie durch den Patriarchen Peter III. von Antiochia (1052-1056) formuliert, und zwar in seinem Sendschreiben an Dominik, den Patriarchen von Aquileia  (PG. Vol. 120. Col. 756–781; Acta et scripta quae de controversiis Ecclesiae Graecae et Latinae s. XI composita extant / Ed. C. Will. Lipsiae; Marpurgi, 1861. P. 208–228). Die göttliche Gnade habe in der Welt fünf Patriarchen ernannt, und diese Zahl dürfe nicht erhöht werden. Die Kirche – der Leib Christi – habe ein Oberhaupt, nämlich Christus selbst; was aber die fünf Patriarchen betrifft, entsprechen sie angeblich den fünf menschlichen Sinnen. In diesem Zeitraum setzten viele byzantinische Autoren einen besonderen Akzent darauf, dass in der Pentarchie die fünf Patriarchen einander gleich sind. Kraft dessen wurde die Lehre von der Pentarchie für die Polemik gegen die westliche Lehre über den päpstlichen Primat benutzt: laut der Pentarchie-Theorie ist der Patriarch (der Papst) von Rom lediglich der Vorsteher der Römischen Kirche, also weder aller Kirchen zusammen noch der Ökumenischen Kirche insgesamt.

Die Zahl „fünf“ als Symbol der Einheit der Patriarchen — der Vertreter der Ökumenischen Orthodoxie — die der Pentarchie-Theorie entspricht, spiegelt die historische Situation wider, die sich in einem bestimmten Zeitraum der Existenz der Kirche bildete. In der Heiligen Schrift und der patristischen Überlieferung wurde die Zahl „fünf“ nie mit irgendwelcher Symbolik verbunden; weder wies sie auf einen verborgenen mystischen Sinn hin (anders als etwa die Zahl „sieben“, die traditionell auf Fülle hinwies: die sieben Gaben des Heiligen Geistes als Fülle der Gnade Gottes; die sieben Tage als Schöpfungsgeschichte der Welt, bei der der achte Tag bereits die Ewigkeit ist; die sieben Ökumenischen Konzile als volle Entfaltung der Dogmata der Orthodoxie; usw.). Das bedeutet, dass die Anzahl der Patriarchen, die Mitglieder der Pentarchie sind, in beide Richtungen verändert werden kann, je nach den konkreten historischen Umständen.

Faktisch geschah solch eine Änderung bei der Abspaltung der Westkirche von der Ostkirche, als die Pentarchie sich eigentlich in eine Tetrarchie umwandelte.[10] Dementsprechend ersetzt sich die Symbolik der „fünf Sinne“ bei einigen Autoren ad hoc durch die Symbolik von den „vier Säulen“, die den mystischen Leib der Ökumenischen Kirche stützen. So nennt Patriarch Dositheos in seinem „ Tomos agapes“ das Glaubensbekenntnis der Konstantinopeler Gegner der Union mit Rom (1452), in dem geschrieben steht, dass die „Ostkirche durch die vier Säulen, also die vier Patriarchenthrone, befestigt ist“ (   νατολικ   κκλησία, τέτρασι στύλοις τος πατριαρχικος θρόνοις   ρειδομήνη – Τόμος   γάπης κατὰ λατίνων / Συλλεγες κα   τυποθες παρ   πατρ.  εροσολύμων Δοσίθεον. [Γιάσσι], 1698. Σ. 331; s. auch:  Jugie M.  Theologia Dogmatica christianorum orientalium. P., 1931. T. 4. P. 462).

Eben in diesem Sinne (als vier „Ostpatriarchate“) wurde die Pentarchie von den Griechen im postbyzantinischen Zeitraum verstanden – also bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, als ein neues Patriarchat – das von „Moskau und ganz Russland und den nördlichen Ländern“[11] – errichtet wurde.

Im Gründungsbrief über die Errichtung des Patriarchenamtes von 1589 findet sich die Aussage des Zaren Fjodor I., nach der für die Stiftung des Patriarchats in Moskau die Zustimmung sowohl „des Erzbischofs von Konstantinopel und des Neuen Rom und des Ökumenischen Patriarchen“ als auch der „anderen ökumenischen Patriarchen – von Alexandria, Antiochia und Jerusalem – und des ganzen griechischen  Konzils“ notwendig sei (Собрание государственных грамот и договоров. М., 1819. Ч. 2. № 59). Da in Moskau damals lediglich der Patriarch Jeremia II. von Konstantinopel anwesend war, war es erforderlich, die Wahl des Metropoliten Hiob auf die Patriarchenkathedra auf einem Sonderkonzil in Kraft zu setzen.

Solch ein Konzil fand 1590 in Konstantinopel statt. Die Konzilsurkunde (Analecta Byzantino-Russica / Ed. W. Regel. Petropoli, 1891. P. 85-92) wurde von den Patriarchen von Konstantinopel, Antiochia und Jerusalem sowie einigen Bischöfen, die ihnen untergeordnet waren, unterschrieben (die Alexandrinische Kathedra war während der Arbeit des Konzils verwaist). Am Anfang der Urkunde sind die Erklärungen des Jeremias angeführt. Zar Fjodor bat ihn, „dem Erzbischof von Moskau“ den Titel des Patriarchen zu geben, den auch „die anderen (…) orthodoxen Patriarchen“ haben (καθς κα ο λοιπο ὶἐκλήθησαν κα νομάσθησαν; Jeremia zählte dann die ersten vier Kathedren laut dem Diptychon auf). Unter Berücksichtigung der politischen Bedeutung des Moskauer Zarentums stimmte Jeremia dem Zaren zu und „weihte den Gebieter Hiob zum Patriarchen von Moskau“. Er händigte diesem auch die Patriarchenurkunde (Chrysobullon) aus, in der er bestimmte, „dass (…) der Erzbischof von Moskau Gebieter Hiob der fünfte Patriarch ist und die Patriarchenwürde und -ehre hat, und während des ganzen nachfolgenden Zeitalters den anderen Patriarchen hinzugezählt und mitzugemessen wird“ (να  ατς ρχιεπίσκοπος Μοσκοβίου κρ Ἰὼβ πάρχη πέμπτος πατριάρχης, κα χ τν πατριαρχικν ξίαν τ  κα τιμήν, κα συναριθμται κα μετρται μετ τν λοιν πατριαρχν, ες τν μετ τατα αἰῶνα τν παντα — Analecta Byzantino-Russica. P. 86). Nachdem er (Jeremia) nach Konstantinopel zurückgekehrt war, berief er ein Konzil ein, an dem die anderen drei Patriarchen teilnahmen. Das Konzil (in der Urkunde als „Ökumenisch“ bezeichnet) bewilligte einstimmig die Aktionen des Jeremias in Moskau (die Verleihung des Patriarchenstatus an Hiob nach vorherige Weihe), bestätigte die Patriarchenbulle (Chrysobullos logos) und bestimmte, dass Hiob in „Ehre und Gedenken“ gleich nach dem Patriarchen von Jerusalem stehen und ihn als „sein Haupt und Erstling“ ansehen sollte, wie es auch die anderen Patriarchen täten. Dabei sollte nicht nur Hiob Patriarchenstatus und Titel haben, sondern auch seine Nachfolger auf der Moskauer Kathedra, die vom „Moskauer Konzil“ ordiniert werden würden.

1591 wendete sich die russische Regierung, die der Meinung war, dass das Moskauer Patriarchat nicht die fünfte, sondern die dritte Stelle im Diptychon verdiene, an alle vier Ostpatriarchen (Patriarch von Alexandria war zu diesem Zeitpunkt Meletios Pegas) mit der Bitte um Revision des Beschlusses von 1590. Im Zusammenhang damit wurde 1593 in Konstantinopel ein neues Konzil einberufen. Die dort verabschiedete Urkunde wurde von den Patriarchen von Konstantinopel, Alexandria (der auch die Kathedra von Antiochia vertrat) und von Jerusalem sowie auch den ihnen untergeordneten Bischöfen unterzeichnet. Die Urkunde beruht auf dem Vortrag des Meletios Pegas auf dem Konzil. Meletios tat kund, dass „die herrschende und orthodoxeste Stadt Moskau“ sich zurecht „in kirchlichen Angelegenheiten erhob“ und zitierte in diesem Zusammenhang einige Canones  (den 28. des 4. Ökumen., den 3. des 4. Ökumen. sowie die 3. des 2. Ökumen., 6. des 1. Ökumen. und 36. des Trull.), die den Status der Kathedren entsprechend der politischen Bedeutung der Städte bestimmt hatten. Meletios schlug vor, die Errichtung des Moskauer Patriarchats zu bestätigen, „da Gott dieses Land gewürdigt hat, ein Zarenreich zu sein“, „und dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland und der nördlichen Länder sowohl in den heiligen Dyptichen als auch auf kirchlichen Versammlungen die Stelle nach Seiner All-Heiligkeit von Jerusalem zu geben (χειν τν τόπον ατο   μετ   τν παναγιώτατον   εροσολύμων   ν τε τος   ερος διπτύχοις κα   ν τας κκλησιαστικας συνελεύσεσιν), damit wir die obigen Regeln der Heiligen Väter unerschüttert aufbewahren, und er über Bischöfen, Metropoliten und Erzbischöfen in der ganzen katholischen orthodoxen Kirche Christi steht (περέχειν τε   πισκόπων, μητροπολιτν,  ρχιεπισκόπων   ν   λ   τ   καθολικ   τν  ρθοδόξων το   Χριστο   κκλησία) (…) auch möge er Bruder der orthodoxen Patriarchen sein und genannt werden, und, kraft dieses Titels, die gleiche Würde und Thronhöhe und Rang und Ehre haben (δελφόν τε εναι κα   λέγεσθαι τν   ρθοδόξων πατριαρχν μετ   ταύτης τς   πωνυμίας, μοταγ   κα   σύνθρονον,  σον τ   τ   τάξει κα      τ   ξί)…“. Jeremia merkte an, dass „wir das bereits errichtet haben“. Sophronios von Jerusalem verkündete: „Das ist auch mein Wille.“ Danach „beschloss das heilige Konzil einstimmig“: „wir alle wünschen das“ (перевод еп. Порфирия (Успенского), сверенный нами по изданию оригинала:  Фонкич Б. Л.  Греческие рукописи и документы в России. С. 395).

Der Konzilbeschluss wird auch in einigen Sendschreiben von Meletios, die er nach Russland sandte, erwähnt. So nennt er im Brief 30 (1593), der an Patriarch Hiob adressiert war, diesen „all-heiligster Herr, Bruder und Mitdiener unserer Mäßigkeit“ (Παναγιώτατε δέσποτα,  δελφ   κα   συλλειτουργ   τς   μν μετριότητος – Analecta Byzantino-Russica. P. 96). Danach teilt Meletios mit, dass das in Konstantinopel kurz zuvor stattgefundene Konzil die Errichtung des Patriarchats in Moskau bewilligt hatte, dem die gleiche Würde (   μοταγ   ) mit den anderen orthodoxen Patriarchensitzen zugestanden wird (Analecta Byzantino-Russica. P. 97).

Nach der Zeit der Wirren wurde Philaret (Romanow) neuer Patriarch von Moskau. Um ihn in die Patriarchenwürde zu erheben, wurde Patriarch Theophan von Jerusalem (1606–1644) nach Moskau eingeladen. 1619 stellte Theophan in Moskau die Urkunde über die Ordinierung Philarets in die Patriarchenwürde aus. Eine offizielle Kopie wurde 1629 in Jassy (Iași)  auf Anweisung von Theopan erstellt  (griechisches Original und russische Übersetzung publ. in: Собрание государственных грамот и договоров. М., 1822. Ч. 3. № 46, а также:  Фонкич Б. Л.  Грамота иерусалимского патриарха Феофана об утверждении московским патриархом Филарета Никитича // Греческие рукописи и документы в России. С. 403-409). In der Urkunde wird angemerkt, dass der neue Patriarch  denselben Status wie Hiob habe, es wird auf die Urkunde des Jeremias über die Ordinierung Hiobs verwiesen und betont, dass Philaret auch „Bruder und Mitdiener unserer Mäßigkeit und anderer Patriarchen ist“.

In diesen Urkunden und Korrespondenzen ist von keinerlei Einschränkungen der Macht der Patriarchen von Moskau die Rede – im Gegenteil, ihre Gleichstellung mit den „anderen Patriarchen“, die die Häupter der vier alten autokephalen Kirchen sind, wird immer wieder betont. Insofern ist die Meinung berechtigt, dass die Ernennung des Patriarchen von Moskau, die Anerkennung seiner Gleichwertigkeit durch die orthodoxen Ostpatriarchen und seine Einordnung an die fünfte Stelle in der Liste der Oberhäupter der Orthodoxen Kirchen sich als Wiederherstellung der ursprünglichen Zahl der Pentarchie-Mitglieder nach dem Abfall der Kathedra von Rom von der Orthodoxie dargestellt hatte.

Dafür spricht auch die Tatsache, dass dem Patriarchen Hiob angeboten wurde, einen offiziellen Vertreter nach Konstantinopel zu schicken, der in seinem Namen an den Besprechungen mit den anderen Patriarchen teilnehmen könnte. Metropolit Dionysios von Tarnowo, der zwecks Weitergabe der Beschlüsse des Konstantinopeler Konzils von 1590 nach Russland gesandt wurde, tat in Moskau dem Hiob kund: „Ihr möchtet im Weiteren über alle geistlichen Angelegenheiten beraten, nachdem ihr [diese] mit Seiner Heiligkeit dem Patriarchen Jeremia besprochen habt (…) ebenso wie auch die anderen Patriarchen. Und für den Fall, dass Ihr, Eure Heiligkeit, Euch auf einen weiten Weg macht, möget Ihr einen der griechischen Metropoliten und Bischöfe an deiner Statt aussuchen, der dazu taugt, und ihm befehlen, anstatt Eurer Heiligkeit mit den ökumenischen Patriarchen an Konzilen und geistlichen Angelegenheit teilzunehmen (…) so wie (…) in Konstantinopel auch die Vertrauten der anderen Patriarchen (d.h. Vertreter bzw. Apokrisiare der Ostpatriarchen – A.B.) wohnen (Посольская книга по связям России с Грецией / Изд. подгот. М. П. Лукичев, Н. М. Рогожин. 1588-1594 гг. М., 1988. С. 97). Daraufhin sagte Patriarch Hiob, dass er diese Angelegenheit mit den Zaren und dem Konzil besprechen würde (anscheinend wurde in Moskau diesbezüglich keine Entscheidung getroffen).

Im Zeitraum vom 17. bis zum 19. Jahrhundert fanden mehrere Konzile mit Teilnahme aller oder einiger Ostpatriarchen statt, bei denen keine Vertreter der Russischen Kirche anwesend waren. Die Beschlüsse dieser Konzile hatten meist theologische Inhalte; Fragen administrativen oder juristischen Charakters wurden nicht berührt (wenigstens nicht solche, die über den Rahmen der entsprechenden Patriarchate hinausgingen). Deshalb ist die Abwesenheit von Vertretern des Moskauer Patriarchen (und späterhin des Heiligsten Synods) auf diesen Konzilen nicht als faktische Ausschließung des Vorstehers der Kirche Russlands aus der Pentarchie als Organ der kirchlichen Verwaltung zu verstehen.

1666 bis 1667 nahmen die Patriarchen von Alexandria und Antiochia am Moskauer Konzil teil, das „die Angelegenheit des Patriarchen Nikon“ erörterte. Um ihre Rolle bei der Arbeit des Konzils richtig zu verstehen, sollte berücksichtigt werden, dass die Ostpatriarchen  im Dezember 1662 durch Zar Alexei Michailowitsch zum Konzil eingeladen wurden, also nicht aus eigener Initiative nach Moskau gekommen waren. Das Konzil bestand vor allem aus Bischöfen der Russischen Kirche und stand unter starkem zaristischem Einfluss. Nachdem aber im Februar 1667 Ioasaphus zum neuen Patriarch von Moskau gewählt worden war, wurden die Konzilbeschlüsse folgendermaßen unterschrieben: „Wir, die orthodoxen ökumenische Patriarchen von Gottes Gnaden Kyros Paisios, Papst und Patriarch der großen Stadt Alexandria und Richter der Ökumene, und Kyros Makarios, Patriarch der Gottesstadt Antiochia und des ganzen Ostens zusammen mit unserem Bruder und Mitdiener Seiner Heiligkeit Kyros Ioasaphus, Patriarch von Moskau und ganz Russland, und Ihre Eminenzen, die Metropoliten, Erzbischöfen und Bischöfen Russlands, und die sich hier befindenden griechischen Erzbischöfe und alle anderen, und das ganze Geweihte Konzil des Staates Großrussland“ (Деяния Московских Соборов 1666 и 1667 гг. М., 1893. Л. 4 об. – 5, фолиация 2-я); „Wir, die orthodoxen Patriarchen: Kyros Paisios, Papst und Patriarch von Alexandria und Richter der Ökumene, und Kyros Makarios von Antiochia, und Kyros Ioasaphus, Patriarch von Moskau und ganz Russland, und das ganze geweihte Konzil“ (Там же. Л. 7 об. и др.). Also betrachteten die Ostpatriarchen auch damals den Patriarchen von Moskau als einen, der ihnen gleich war.

Es gibt ein Nachweis vom Anfang des 18. Jahrhunderts, das dieses Prinzip der Gleichwertigkeit offensichtlich verletzt wurde. In der „Antwort an die Anglikaner“ vom 18. April 1718, im Namen der drei Patriarchen (Jeremia von Konstantinopel, Samuel von Alexandria und Chrysanthos von Jerusalem) verfasst, steht geschrieben: „Unsere heilige Kirche Christi wird nun durch vier Säulen befestigt, das heißt, durch vier Patriarchen, und bleibt unbeweglich und unerschütterlich. Erster der Ordnung nach ist der Patriarch von Konstantinopel, zweiter der Papst von Alexandria, dritter der [Patriarch] von Antiochia, und vierter den [Patriarch] von Jerusalem. Zusammen mit diesen [Patriarchen] wird sie ergänzt und komplettiert von den autokephalen Erzbischöfen, nämlich dem Erzbischof von Moskau, der auch Patriarch von ganz Russland ist, und den zwei Erzbischöfen des asiatischen Iberiens; (…) außerdem dem [Erzbischof] von Ohrid, der auch [Erzbischof] der Alten Justiniana genannt wird, und dem Erzbischof von Zypern, der auch [Erzbischof] der Neuen Justiniana genannt wird, und auch die ihnen unterordneten zahllosen Bischöfe und Metropoliten“ (s:  Mansi.  T. 37. Col. 407–408). Obwohl in diesem Dokument der Patriarch von Moskau nicht in einer Reihe mit den alten Ostpatriarchen steht[12], wird die Autokephalie der Russischen Kirche und die Patriarchenwürde ihres Vorstehers bestätigt. In der Liste der Vorsteher der neu errichteten autokephalen Kirchen steht der Patriarch von Moskau als erster und damit vor den Vorstehern der Georgischen, der Bulgarischen und der Zypriotischen Kirche.

1721 wurde das Patriarchentum in der Russischen Kirche nach der Entscheidung von Peter dem Großen abgeschafft und zur Verwaltung der Kirche der Heiligste Synod errichtet. Um der neuen kirchlichen Verwaltung die größere Autorität zu verleihen, wandte sich Peter der Große am 30. September 1721 an den Patriarchen Jeremia III. von Konstantinopel mit dem Bescheid über die Errichtung des Synods und der Bitte, dass der Patriarch von Konstantinopel nach der Besprechung mit den anderen Patriarchen, „die Errichtung des geistlichen Synods als gute Sache anerkennen möge“. In seinem Sendschreiben äußerte der Zar den Wunsch, dass der Patriarch von Konstantinopel weiterhin mit dem Synod „Verkehr und Korrespondenz über alle geistlichen Angelegenheiten haben wird (…), so wie er dies vorher mit dem Patriarchen von Ganz Russland gehalten hatte“. (грамота Петра с параллельным греческим переводом опубл.:   Бенешевич В. Н.   Сборник памятников по истории церковного права… Пг., 1915. Вып. 2. С. 206-212). Die eigentliche Antwort erfolgte anderthalb Jahre später, am 23. September 1723. Der Urkunde des Patriarchen Jeremia von Konstantinopel wurde die beinahe identische Urkunde des Patriarchen Athanasios von Antiochia beigefügt (die Kathedra von Alexandria war damals vakant und der Patriarch von Jerusalem krank) (s.: ПСЗ РИ. 1-е собрание. Т. 7. № 4310).

In seiner Urkunde unterrichtete Patriarch Jeremia den Zaren, dass er den Heiligsten Synod als „Bruder in Christo“ anerkenne. „Nach Gnade und Macht des All-Heiligen, Lebensspendenden und die Kirche heilig Leitenden Geistes bestätigt, konstatiert und verkündet unsere Mäßigkeit, dass der durch den frommsten Autokraten, den heiligen Zar von ganz Moskowien, Klein- und Weißrussland und aller nördlichen, östlichen, westlichen und vieler anderen Länder, Monarch und Herrscher Peter Alexejewitsch, der Kaiser, unser im Heiligen Geiste geliebter und über alles begehrter Bruder der Synod im Großen Heiligen Russischen Staat ist und unser Bruder in Christo, der Heilige und Geweihte Synod von allen frommen und orthodoxen Christen – den Geistlichen und den Laien, den Vorgesetzten und den Unerordneten und von jeder Amtsperson – genannt wird. Er ist ebenso berechtigt, all das zu vollziehen und einzurichten, was auch die vier apostolischen heiligsten Patriarchensitze dürfen. Wir empfehlen, regen an und schreiben vor, die Sitten und Regeln der Sieben Heiligen Ökumenischen Geweihten Konzile und alles Andere, was die heilige Kirche beinhaltet, unveränderlich aufzubewahren und zu halten; und möge er ewiglich unerschütterlich bleiben“ (Полное собрание постановлений по Ведомству Православного исповедания. Т. III. № 1115;  БенешевичВ. Н.   Сборник памятников. Вып. 2. С. 249-250). So wurde der Heiligste Synod durch den  Patriarchen von Konstantinopel als ständiges Konzil, das der Macht nach den Ostpatriarchen gleich ist, anerkannt.

Die Verleihung der Selbstständigkeit an einige Landeskirchen im 19. Jahrhundert (Griechenland, Bulgarien, Serbien u.a.), die durch Konstantinopel vollzogen und von den anderen Patriarchaten und der Russischen Kirche bewilligt wurde, kann faktisch bedeuten, dass Konstantinopel damals auf die Pentarchie verzichtete zugunsten einer „Polyarchie“ (einer Föderation vieler verschiedener Landeskirchen, die gleichen Status haben, unabhängig vom Alter oder der „apostolischen Abstammung“).

Hierbei ist ein Bezirkssendschreiben vom 30. Juni 1902 von Interesse, das vom Ökumenischen Patriarchen Ioakim III. an die Vorsteher aller Landeskirchen gesendet wurde. Darin wurde vorgeschlagen, die Beziehungen zu den Katholiken und Protestanten, den Kirchenkalender u.a. zu besprechen. Weder in diesem Schreiben noch in der Antwort des Hl. Synods der Orthodoxen Kirche Russlands (Церковные ведомости. 1903. № 23. С. 240-244; № 24. С. 250–257) gibt es den geringsten Hinweis auf die Pentarchie; die Texte sind im Sinne der Anerkennung aller „autokephalen Kirchen“ („Schwestern“) gehalten.

 

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Das dargelegte Material ermöglicht es, folgende Schlüsse zu ziehen:

1. In Byzanz existierte die Pentarchie nie im Sinne eines Organs der Verwaltung über die Ökumenische Kirche oder einer „Tagung von Vertretern der fünf Patriarchen“. Mehr noch, im Laufe der ganzen Zeit der Existenz der nicht-geteilten Kirche ist kein Fall von gemeinsamen Versammlungen oder Tagungen bekannt, auf denen alle fünf Patriarchen anwesend gewesen wären. In der kirchlichen Literatur der damaligen Zeit stellt sich die Pentarchie als eine ideale Kraft dar, die die Aufbewahrung der Reinheit der Ökumenischen Orthodoxie garantiert; von den realen Mechanismen ihrer Wirkung steht aber nichts geschrieben.

2. Als Produkt der historischen Entwicklung der Alten Kirche kann die Pentarchie sich in den weiteren Transformationen des kirchlichen Lebens verändern und sogar verschwinden. Zugunsten der Bewahrung sowohl der Pentarchie generell als auch der konkreten Zahl von Patriarchen, die sie ausmachen, existieren keinerlei seriöse theologische Argumente (eine Analogie der Zahl der Patriarchen zu den fünf menschlichen Sinnen kann wohl kaum als solches gelten)     

3. Der kirchlich-rechtliche Status der Pentarchie scheint ziemlich unbestimmt. Es gibt keinerlei Gründe zu behaupten, dass die Existenz dieses „Kollegiums“ von irgendwelchen kirchlichen Canones vorgesehen gewesen sei. Die Befugnisse der Pentarchie sind völlig unklar.

4. Das Moskauer Patriarchat wurde nach einer Entscheidung des Patriarchen von Konstantinopel errichtet, die auf Konzilen mit Teilnehmern anderer Ostpatriarchien zweimal bestätigt wurde. Diese Konzile (1590 und 1593) glichen den Patriarch von Moskau den vier anderen Patriarchen an und wiesen ihm für das ganze nachfolgende Zeitalter die fünfte Stelle im gesamtkirchlichen Diptychon zu, womit sie ihn faktisch zum fünften Glied der Pentarchie machten. Wichtig ist dabei, dass die Beschlüsse der Konzile von 1590 und 1593 nie einer Revision auf anderen Konzilen unterzogen wurden.

 


[1] Das griechische Wort πενταρχία („Fünfer-Herrschaft“) findet sich zum ersten Mal bei Aristoteles (  Arist.  Polit. 1273a), der darüber in Hinsicht auf die Staatsverwaltung schreibt. Die Volltextsuche in TLG-online zeigt, dass dieses Wort in der byzantinischen kirchlichen Literatur kein einziges Mal vorkommt. Folglich ist „Pentarchie“ als kirchlicher Terminus erst in der postbyzantinischen Periode entstanden. 

[2] Es muss auch erwähnt werden, dass in der Periode, in der diese Canones herausgegeben wurden (von 4. bis zum 7. Jahrhundert), die Ökumenische Kirche nicht nur aus den aufgelisteten fünf Landeskirchen (Patriarchaten) bestand. Es existierten mehrere Kirchen (in Karthago, auf Zypern u. a.), die selbstständig blieben und zu keinem Patriarchat gehörten. Auf diese Kirchen konnte sich dementspechend weder die Macht eines Patriarchen noch die einer hypothetischen Versammlung aller fünf Patriarchen erstrecken.

[3] Bekanntlich waren die Römischen Päpste auf keinem der Konzile anwesend, die die Orthodoxe Kirche als ökumenisch anerkennt.

[4] Sicherlich sind diese Normen in ihrem historischen Kontext (Verschlechterung der Beziehungen zwischen Byzanz und Rom und Niedergang der drei Ostpatriarchien nach der arabischen Eroberung) zu verstehen. Sie können keinesfalls zur Begründung einer herausgehobenen Stellung von Konstantinopel in der modernen Orthodoxen Kirche verstanden werden. 

[5] Auch wenn auf den Maximus den Bekenner traditionell als einen der Gründer der theologischen Fundierung der Pentarchie verwiesen wird, spricht er in Wirklichkeit lediglich im „Disputatio cum Pyrrho“ von den „orthodoxen  Patriarchen“, und zwar bei seiner Beurteilung des Konzils, das 639von Pyrrhos in Konstantinopel einberufen worden war: „Ich bin erstaunt, wie Du als Konzil etwas bezeichnest, das nicht nach den Gesetzen und Konzilcanones und -regeln geschehen ist, denn es gab weder ein Sendeschreiben mit Zustimmung der Patriarchen, noch einen bestimmten Zusammenkunftstag oder -ort… Diejenigen, die sich versammelten, hatten keine Begleitbriefe – weder die Bischofe von den Metropoliten noch die Metropoliten von den  Patriarchen. Von den anderen Patriarchen wurden weder Sendschreiben noch Statthalter geschickt. Also wer, der noch bei Sinnen ist, würde das als Konzil bezeichnen, was die ganze Erde mit Verführungen und Zwietracht erfüllt hat?“ (Maximus Confessor.  Disputatio cum Pyrrho // PG. Vol. 91. Col. 352D; hier und weiter sind die kursiven Hervorhebungen in den Zitaten von uns). Also wird fehlende Übereinstimmung unter den Patriarchen bei der Einberufung eines Konzils als einer der Gründe für dessen Gesetzwidrigkeit angesehen; doch spricht der Hl. Maxumus nicht direkt davon, dass es unbedingt der Übereinstimmung der fünf Patriarchen bedürfe. Nicht die Anzahl der Patriarchenkathedren ist wichtig, sondern der Hinweis darauf, dass es kein legitimes Ökumenisches Konzil geben könne, ohne dass alle Orthodoxen Kirchen in dieser oder jener Form dabei vertreten wären.

[6] Bei der Betrachtung der Lehre des Hl. Theodor von der Rolle der fünf vorrangigen Kathedren in der Kirche ist es notwendig, die historischen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen seine Ansichten sich geformt hatten. Während er die orthodoxe Lehre von der Ikonenverehrung verteidigt hatte, musste er gleichzeitig gegen den Kaiser und gegen den Patriarchen von Konstantinopel, die beide den Ikonoklasmus unterstützt hatten, auftreten. Eben deswegen musste er zur Fundierung seiner Position, eine hohe Autorität finden, welche die Einstimmigkeit des Kaisers und des Patriarchen überwiegen könnte. Solche Autorität sah der Hl. Theodor in der Kathedra von Rom, doch konnte er sich wegen der angespannten Beziehungen zwischen Konstantinopel und Rom auf diese Autorität nicht direkt beziehen, da das von einigen als Verrat an Konstantinopel angesehen worden wäre. Deswegen wird Rom vom Hl. Theodor als Autorität der „vorrangigen Kathedra“ in der Pentarchie angeführt. Die Aufgabe dieser Kathedra sieht der Hl. Theodor in der Rückführung (zusammen mit den drei anderen Patriarchensitzen) der in die ikonoklastische Häresie abgeschweiften Kirche von Konstantinopel zur Orthodoxie.

Den Hl. Maximus als Autorität zur Verteidigung der Pentarchie anzuführen, wäre auch unangebracht wegen einer Episode, die dieser selbst im „Brief an den Mönch Anastasios“ wiedergibt und die später in die „Vitae Maximus“ aufgenommen wurde: Die Boten des Patriarchen Peter von Konstantinopel, welcher sich bemühte, den Hl. Maximus zum Monophelitismus zu bekehren, sprachen zu dem Heiligen: „Von welcher Kirche bist du? Der Byzantinischen, der Römischen, der Antiochischen, der Alexandrinischen, der Jerusalemischen? Hier, all diese Kirchen haben sich, mitsamt den ihnen unterordneten Diözesen, untereinander vereinigt. Also, wenn du, wie du sagst, zur katholischen Kirche gehörst, dann vereinige auch du dich [mit ihnen]“. Der Hl. Maximus antwortete darauf: „Gott allein nannte die katholische Kirche als rechtes und erlösendes Bekenntnis des Glaubens an IHN (…) ich möchte die Bedingungen erfahren, unter denen die Vereinigung aller Kirchen vollbracht wurde – und wenn es gut getan sein sollte, werde ich mich nicht entfremden“ (s.: PG. 90. Col. 90, 132A). Also glaubte der Hl. Maximus der Bekenner, dass auch alle fünf Kirchen zusammen sich nicht nur zur einzig wahren, sondern auch zu einer falschen Lehre bekennen könnten; deshalb war er nur bereit, sich erst nach einer Prüfung ihres Glaubens mit ihnen zu vereinigen.

[7] Hier und im Weiteren erfolgen Verweise und Numerierung der Auflage:  Theodori Studitae   Epistulae / Ed. G. Fatouros. Vol. 1–2. B., 1992 (die erste Zahl ist die № des Briefes, die zweite die № der Zeile nach der Auflage von Fatouros).

[8] „Hier ist nicht von säkularen und fleischlichen Angelegenheiten die Rede, über die nur der Kaiser und das säkulare Gericht ein Urteil zu fällen vermögen, sondern von den göttlichen und himmlischen Dogmen, die nicht irgend jemanden anvertraut ist, sondern lediglich denjenigen, denen Gott das Wort selbst sagte: ‚und was irgend du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was irgend du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein‘ (Mt 16,19). Wer sind aber diejenigen, denen es anvertraut ist? Die Apostel und ihre Sukzessoren. Wer sind diese Sukzessoren? Die heutigen  Patriarchen: der von Rom, der von Konstantinopel, der von Alexandria, der von Antiochia und der von Jerusalem. Das ist die fünfhäuptige Macht der Kirche, ihnen gebührt das Recht, über die göttliche Dogmen zu urteilen… Also, oh Herr, ist es unmöglich, das göttliche und das säkulare Gericht miteinander zu vermischen; auch ist es der hiesigen Kirche unmöglich, ein Konzil ohne Einverständnis der fünf  Patriarchen einzuberufen. Wenn aber jemand danach fragt, auf welcher Weise das geschehen kann, dann sage ich: es ist notwendig, dass Andersgläubige sich aus den Kirchen Gottes entfernen, und Seine Heiligkeit der Patriarch Nikephoros seinen Thron zurückerlangt. Dann würde er ein Konzil gemeinsam mit denen abhalten, mit denen er sein geistlichen Werk gemeinsam führte, in Anwesenheit von Vertretern der anderen Patriarchen, vor allem des Patriarchen von Rom, dem auf einem Ökumenischen Konzil die oberste Macht gehört, was möglich wäre, wenn der Kaiser es so will; er würde dann die Versöhnung und Wiedervereinigung der Kirchen mittels seiner Epistel an die Kathedra von Rom vollenden. Wenn das aber dem Kaiser nicht beliebt, und wenn, wie er sagt, der Vorsteher Nikephoros mit uns zusammen von der Wahrheit abgewichen sein sollte, dann sollten die beiden Parteien sich an den Patriarchen von Rom wenden; und möge die Bestätigung des Glaubens, die von dort kommen würde, angenommen werden. Denn so ist die Lage: weicht einer der Patriarchen ab, möge er Berichtigung von den ihm Gleichen annehmen…“ (Ep. 478.56–91).

Obwohl Theodor Studites in diesem Zitat von fünf  Patriarchen spricht, sieht er für den Bischof von Rom eine Sonderrolle in der Kirche vor, wie sie auch in seinen anderen Briefen betont wird: „Wenn sich etwas Zweifelhaftes ergibt, möge Euer herrlicher und von Gott geschützter Arm, der nach dem Göttlichen um dem gemeinsamen Nutzen eifert, befehlen, eine Erklärung vom alten Rom anzunehmen, wie es seit alters her und vom Anfang an nach der Überlieferung der Väter getan wurde. Denn dort ist der Christus ähnliche Kaiser und die höchste von den Kirchen Gottes, auf deren Thron Petrus als erster saß, dem der Herr gesagt hatte: ‚ du bist Petrus; und auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen’“ (Ep. 429.34–42). Also ist bei Theodor Studites die Lehre über die Pentarchie mit der Lehre über den Primat Roms eng verbunden, die durch das hohe Alter und die apostolische Herkunft der Römischen Kirche begründet wird (in voller Übereinstimmung mit den traditionellen westlichen Ansichten). Mehr noch: der Hl. Theodor war anscheinend der Meinung, dass die Römische Kirche immer den echten Glauben bewahre und es nicht vermöge, in Häresie abzuweichen: „Ich bezeuge vor Gott und den Menschen: sie schnitten sich selbst vom Leibe Christi ab, von der obersten Kathedra, auf die Christus die Schlüssel des Glaubens gelegt hatte, welche, nach der Verheißung des Nicht-Betrügenden, die Pforten des Hades, also die Münder von Häretikern, bis zur Vollendung des Zeitalters nimmer überwältigen werden. Möge sich also der seligste und apostolische und seinem Namen entsprechende Paschalis [der Papst von Rom] sich freuen, da er das Werk Petri erfüllt hat“ (Ep. 407.8–15).

Zu berücksichtigen ist, dass, wenn wir der Logik des Hl. Theodor folgen, die Kirche von Konstantinopel die Römische an der ersten Stelle in der Pentarchie nicht ersetzen könne, da sie weder über die apostolische Herkunft noch hohes Alter verfügt.  Deswegen müssen die Verfechter der Theorie der Pentarchie, die versuchen, bei der Verteidigung ihrer Position auf die patristische Autorität der Meinung des Hl. Theodor zu verweisen, verstehen, dass sie in diesem Falle auch seine Lehre über den Primat und die unerschütterte Wahrhaftigkeit der Römischen Kathedra anzuerkennen haben, die aber durch die Geschichte selbst festlegt ist.

[9] Vgl. die Aussagen des Hl. Theodor über die Kirche von Konstantinopel: „Nachdem unsere Kirche jüngst von den übrigen vier Patriarchen abgefallen war, ging sie ohne Erfolg gesetzwidrig vor. Aber jetzt ist die Zeit günstig, oh Gebieter, der Christus über alles liebt, jetzt ist der Tag des Heiles und der Rettung, die Zeit, uns mit deiner Hilfe und nach dem Wohlwollen deiner friedlichen Macht mit Christus zu versöhnen und mit der obersten der Kirchen Gottes – der Römischen – und durch diese auch mit den anderen drei Patriarchen zu vereinigen, um Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi mit dem Sohn und dem Heiligen Geist einstimmig und einträchtig zu verherrlichen“ (Ep. 418.38-47). Dazu, dass der wahre Glauben sich trotz dem Abfall dieser oder jener Kirche bis zum Ende der Welt aufbewahren werde: „Denn seit der Zeit der Apostel und auch später drangen in die Kirche viele Häresie ein; auch entstanden unreine Taten, die gesetzwidrig und durch Regeln verboten waren, so wie auch heute; doch blieb die Kirche auf oben beschriebene Weise ungetrennt und makellos und das wird sie ewig bleiben, während alle Übelmeinenden und -tuenden von ihr abkommen und wie wütende Wellen vom unerschütterlichen Fels abgeworfen werden“  (Ep. 28.128-134).

[10] Allerdings wurde diese Änderung in Byzanz nicht sofort anerkannt. Im 12. Jahrhundert gab Theodore Balsamon in einem kurzen Aufsatz  für den Patriarchen Markus von Alexandria über den Status der Patriarchen die obigen Ideen von Patriarch Peter von Antiochia wieder und merkte dabei an, dass ein Patriarch, der von der Orthodoxie abweiche, durch keinen Bischof, der irgendeine Kathedra bekleide, ersetzt werden sollte im Gegenteil, auf die Rückkehr dieses „Pentarchen“ solle gewartet werden. (Ράλλης Γ., Ποτλς Μ. Σύνταγμα τν θείων κα ερν κανόνων. θναι,   1854. Τ. 4. Σ. 542-555; PG. Vol. 138. Col. 1013-1033).

[11] Dieser Titel des Patriarchen von Moskau (Πατριάρχης Μοσκόβου κα   πάσης   ωσίας κα   τν     περβορείων μερν) wurde durch den Beschluss des Konstantinopoler Konzils von 1593 verliehen (das griechische Original dieses Konzilaktes ist veröffentlicht in Фонкич Б. Л. Акт Koнстантинопольского собора 1593 г. об основании Московского Патриархата // Cyrillomethodianum. Thessaloniki, 1987. Т. XI. Р. 9–31 [Neudruck.:  Он же.  Греческие рукописи и документы в России в XIV – начале XVIII в. М.: Индрик, 2003. С. 385–399]; russische Übersetzung:  Порфирий (Успенский), архим.  Деяние Константинопольского Собора 1593 года, которым утверждено патриаршество в России // Труды Киевской духовной академии. 1865. Т. III. С. 237–248). Im Nachhinein wurde er in vielen Dokumenten der Ostpatriarchen des 16. und des 17. Jahrhunderts erwähnt (z.B. in der Urkunde des Patriarchen Theophan (1619): Фонкич Б. Л. Греческие рукописи и документы в России. С. 404, 405 sowie in den Urkunden des Patriarchen Dositheos:  КаптеревН. Ф.   Сношения Иерусалимского Патриарха Досифея с русским правительством (1669–1707 гг.) // Собр. соч.: В 2 т. М., 2008. Т. 1. С. 863, 865, 882–883). Die  Patriarchen von Moskau selbst benutzten diesen Titel bis auf die Abschaffung des Patriarchenamtes unter Peter dem Großen (s. einige Beispiele in: Бантыш-Каменский Д. Н.   История Малой России со времен присоединения оной к российскому государству при Царе Алексее Михайловиче. М., 1822. Ч. 2. С. 308–313; Каптерев Н. Ф.  Патриарх Никон и царь Алексей Михайлович. Сергиев Посад, 1909. Т. 2. С. 141–142;  Богданов А. П.Русские патриархи (1589–1700): В 2 т. М., 1999. Т. 2. С. 297; Грамота Петра I Патриарху Адриану о взятии Азова // Вестник церковной истории. 2006, № 2. С. 240–242). Leider wurde bei der Wiederherstellung des Patriarchenamtes im Jahre 1917 der Patriarchentitel nicht mit dem Konzilbeschluss von 1593 in Einklang gebracht. Dabei wird dieser Titel durch  den Hinweis auf die Jurisdiktion über die „nördlichen Länder“, und nicht nur über das Territorium eines konkreten Staates mit den Titeln der Ostpatriarchen (der von „ganz Afrika“, oder des „ganzen Ostens“) und dem des Papstes von Rom, der bis zum 2006 „der  Patriarch vom Westen“ genannt wurde, in Einklang gebracht. S. dazu den jüngst erschienenen Artikel: Балашов Н., прот.; Прекуп И., прот.   История эстонского Православия и попытка ее недобросовестной ревизии: О книге архимандрита Григория Папатомаса «Несчастье быть маленькой церковью в маленькой стране» // Вестник церковной истории. М., 2011. № 1–2 (21–22). С. 282–284, 306–307. 

[12] Zu diesem Zeitpunkt blieb die Moskauer Kathedra fast 20 Jahre lang vakant; nur diese Tatsache konnte die Bewertung der Rolle des Moskauer Patriarchats durch die Ostpatriarchen beeinflussen.

 

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