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Goldener Fonds

Die Rolle der Russischen Orthodoxen Kirche bei der Bildung der Anti-Hitler-Koalition

4. November 2011
Am Anfang des Zweiten Weltkriegs sah sich die russische Regierung vor die Aufgabe gestellt, die Regierungen und die Öffentlichkeit der alliierten Länder der Anti-Hitler-Koalition davon zu überzeugen, dass es in der UdSSR keine Verfolgungen von Gläubigen gab, sondern eine freie Ausübung der Religionen. Dazu wurde beschlossen, die Moskauer Patriarchie mir einzubeziehen, die so eine wenig bekannte, aber deswegen nicht weniger wichtige Rolle im Prozess der Aufnahme der UdSSR in die Anti-Hitler-Koalition spielte. Darüber berichtet Dr. Sergej Bolotov ausführlich im folgenden Artikel.

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs, der die Kraft der deutschen Armee gezeigt hatte, und die Vorbereitung auf den unvermeidlichen militärischen Konflikt mit dem „Dritten Reich“, die für Josef Stalin zur wichtigsten Aufgabe wurde, zwang diesen zur Nutzung aller zugänglichen Mittel zur Verzögerung des Kriegsbeginns und zur Suche nach Verbündeten. Auf diesem Wege war die Reputation der UdSSR, wo repressive Maßnahmen gegen religiöse Aktivisten und die Beschneidung der Gewissensfreiheit als alltäglich galten, ein offensichtliches Hindernis. Ein einfaches Dementi war für die Entkräftung dieser Anschuldigungen nicht ausreichend. Stalin stand vor der Notwendigkeit, die religiösen Organisationen in die Verbesserung des negativen Bildes des sowjetischen Staats, das sich gegen Ende der 1930er Jahre in der westlichen Welt verfestigt hatte, mit einzubeziehen.[1]

Es ist notwendig, einiges über den schlechten internationalen Ruf der UdSSR generell zu sagen. Die Hauptpunkte der antisowjetischen Rhetorik in diesem Zeitraum sind wohl bekannt. Es ging meist um den Hitler-Stalin-Pakt und die allgemeine Annäherung der UdSSR an Hilter-Deutschland in den Jahren 1939 und 1940, die Sowjetische Besetzung Ostpolens (1939) und die nachfolgende Teilung Polens, sowie auch den sowjetisch-finnischen Krieg („Winterkrieg“) von 1939/1940. Im Zusammenhang mit diesen Vorwürfen wurden in der anti-sowjetischen Propaganda auch frühere historische Ereignisse beleuchtet: der sowjetisch-polnische Krieg (1919-1921), der sowjetisch-georgische Krieg (1921), zwei sowjetisch-finnische Militärkonflikte in den Zeiten des Bürgerkriegs sowie andere ähnliche Geschehnisse, die es erlaubten, die sowjetische Regierung in einem schlechten Licht – nämlich als Aggressor – darzustellen.

Es ist angesichts dieser Aufstellung nicht erstaunlich, dass die aktivsten Zentren der antisowjetischen Propaganda in Frankreich, England und den USA lagen, da auch die polnische Regierung im Exil zunächst in Angers (Frankreich) und dann in London amtierte. In der englischen und französischen Presse war die Glut des Antisowjetismus bereits vor Anfang des Zweiten Weltkriegs auf ein schwindelerregendes Maß gestiegen. Das äußerte sich besonders deutlich, als das Scheitern der politischen Verhandlungen der UdSSR mit England und Frankreich über die Errichtung eines Systems der kollektiven Sicherheit in Europa und die sowjetische Annäherung an Deutschland offensichtlich geworden waren.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erreichte die Intensität der antisowjetischen Propaganda und Agitation ein solches Ausmaß, dass sie sich nicht nur in Zeitungen, die ohnehin gegenüber der Sowjetunion feindselig eingestellt waren, sondern sogar in Zeitungen eigentlich prosowjetischer, kommunistischer Tendenz fanden. Während das antisowjetische Pathos der englischen und französischen Presse von ihren Regierungen noch angeheizt wurde, indem diese Erklärungen gegen die außenpolitischen Aktionen der Sowjetunion abgaben, wurden Journalisten und Schriftsteller polnischer Herkunft von einer breiten Gefühlspalette bewegt – von der durchaus verständlichen Verbitterung über den Verlust des eigenen Landes bis hin zu blindwütigem Russenhass. In dieser Hinsicht ist die polnische Literatur sehr aufschlussreich, die 1942 von London nach Kuibyschew  an die polnische Botschaft in der UdSSR geschickt und von der sowjetischen Zensur zur Prüfung beschlagnahmt wurde. Hauptmann Sokolowskij, Mitarbeiter der Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Literatur und der Verlage (Главное управление по делам литературы и издательств, Glawnoje uprawlenije po delam literatury i isdatelstw; im folgenden kurz "Glawlit") und Zensor für Veröffentlichungen in polnischer Sprache sichtete 72 Buch- und Zeitschriftentitel verschiedener Jahre und berichtete seinem Vorgesetzten Sadtschikow, dass „darin eine feindselige Sicht auf die UdSSR, die Parteiführer und die sowjetische Regierung deutlich wird“, was er in seinem Vortrag durch folgende Beispiele belegte:[2]

Im Vorwort der Broschüre „Für die christlichen Grundlagen des staatlichen Lebens“, die vom katholischen Kardinal August Hlond  (Begründer einer besonderen Mönchskongregation für die Arbeit mit polnischen Aussiedlern)geschrieben und Ende 1941 in London veröffentlicht  wurde, steht geschrieben: „Zwei materialistische Systeme, die auf der Lehre von Marx, einer Lehre des Hasses, beruhen, versetzten Polen einen tödlichen Schlag.“ Auf die Frage nach dem Untergang einer ganzen Reihe von Staaten antwortete Kardinal August wie folgt: „In die Völkerpolitik mischte sich der Satan ein.  Er beschmierte den göttlichen Gedanken. Er verspottete die Ethik. Er fegte das politische Gewissen hinweg. In die lebendigen Organismen der Staaten trug er Missstimmung hinein. Sein Ideal der Dämonenrepublik verwirklichte er im Bolschewismus. Das betrogene und ideologisch entkleidete Volk führt er über religiöses Gespött zur Katastrophe.“[3] Die Mehrtausenderauflage dieser Broschüre wurde durch die sowjetische Zensur beschlagnahmt und vernichtet.

Auf dem Titelblatt des „Kleinen Gebetsbuches“, erschienen in London im November 1941, stand eine Anzeige über die Tätigkeit des „Katholischen Ausschusses für Polen“, der seine Aufgabe folgendermaßen definierte:„ Datensammlung über die gegenwärtige Lage in Polen, insbesondere über religiöse Verfolgungen, die sowohl unter der deutschen als auch unter der sowjetischen Besatzung stattfanden.“ Das Titelblatt der Broschüre wurde durch Glawlit-Mitarbeiter beschlagnahmt und vernichtet. Die polnische Zeitschrift „Skarbrodziny“, die in den USA veröffentlicht wurde, publizierte antisowjetische Artikel und Materialien über die Verfolgung von Polen und Katholiken in der UdSSR und führte diese Praktik auch noch nach Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Freundschaftsvertrages fort.[4]

In der „Skarbrodziny“-Ausgabe  Nr. 1 /1940 wurde in dem Artikel „Warum die Religion in Russland sich entwickelt“ behauptet, dass in der UdSSR alle Religionen verfolgt würden, junge Menschen Anschläge auf Häuser verübten, in denen vermutlich Andachten verrichtet wurden, und auch die Geschichte, dass das sowjetische Gericht einen Katholiken zu drei Jahren Haft verurteilt hatte, weil er einer Andacht am Radio zugehört hatte. Weiterhin wurde behauptet, dass bereits das geflüsterte Gebet „Vater unser“ Stalin aus dem Gleichgewicht brächte. In einer Ausgabe der in den USA veröffentlichen Zeitschrift „The Apostle“ wurde der antireligiösen Verfolgung in der UdSSR besondere Aufmerksamkeit gewidmet. So wurde im Artikel unter dem Titel „Primas Hlond über den Kampf der Bolschewiki gegen die Religion und Polentum“ behauptet, dass in den östlichen Regionen Polens, die sich „unter sowjetischer Besatzung“ befinden, das Ziel der sowjetischen Behörde die Vernichtung des Katholizismus sei. Über die bolschewistische antireligiöse Propaganda wurde geschrieben: „Die Kraft der sowjetischen Propaganda ist gering, da die Bevölkerung das Elend der Bolschewiki und ihre kulturelle Zurückgebliebenheit als Ergebnisse des Systems, dessen Bestandteil der Atheismus ist, erkennt.“[5] Hauptmann Sokolowskij berichtete seinem Glawlit-Vorgesetzten Sadtschikow von der Beschlagnahme und Vernichtung antisowjetischer Literatur aus der Lieferung an die polnische Botschaft.

Wegen der Notwendigkeit, Beziehungen mit den Alliierten der Anti-Hitler-Koalition einzuleiten, zogen die sowjetische Regierung und Stalin persönlich einige Schlussfolgerungen aus diesen und anderen antisowjetischen Auftritten in der ausländischen Presse. Dies betraf vor allem Anschuldigungen wegen den antikirchlichen Verfolgungen und der Einengung der Gewissensfreiheit. Die Erschaffung des Bildes der Sowjetunion als eines freien zivilisierten Landes, das verzweifelt gegen die faschistischen Eroberer kämpft, wurde für die sowjetische Regierung um so bedeutsamer, desto stärker die UdSSR die Hilfe der Alliierten benötigte. Der amerikanische Präsident Roosevelt, der als besonders religiöser Mensch galt, informierte sich über William Harriman, seinen Botschafter in Moskau, lebhaft für die Zivilfreiheiten in der UdSSR und war über die Lage der Russischen Kirche besonders besorgt. Kaum geringeres Interesse an diesen Problemen äußerte auch Großbritannien. 

Im September 1942 gab es in Kuibyschew, wohin die diplomatischen Vertretungen evakuiert worden waren und wo sich der Patriarchenstatthalter mit seinen engsten Vertrauten aufhielt, ein Treffen von Metropolit Nikolai (Jaruschewitsch)  und Mr. Baggaley, einem Berater der englischen Botschaft. Dort wurden Wege zur Erreichung eines „besseren Verständnisses zwischen der englischen und der russischen Kirche“ diskutiert[6] und eine Vereinbarung über den Austausch von Delegationen der Russischen und der Anglikanischen Kirchen erzielt. In die Vorbereitung auf diese Besuche schaltete sich  der Botschafter Großbritanniens in der UdSSR Mr. Kerr aktiv ein.[7] Der sowjetischen Regierung war es wichtig, die Regierungen und die Öffentlichkeit der alliierten Länder der Anti-Hitler-Koalition davon zu überzeugen, dass es in der UdSSR nicht nur keine Verfolgungen von Gläubigen gab, sondern auch ein vollwertiges religiöses Leben stattfand. Es wurde beschlossen, in diese Aufgabe die Moskauer Patriarchie einzubeziehen, die im Prozess der Einbeziehung der UdSSR in die Anti-Hitler-Koalition also eine wenig bekannte, aber deswegen nicht weniger wichtiger Rolle spielte.

Diese Aufgabe wurde dadurch erleichtert, dass die Russische Orthodoxe Kirche, trotz ihrer unter der sowjetischen Macht schwierigen Lage, bei der Verteidigung des Vaterlands nach Beginn des Krieges nicht abseits blieb. Am ersten Tag des Kriegs, am 22. Juni 1941, sandte das faktische Kirchenoberhaupt Metropolit Sergius (Stragorodski)  an alle aktiven Gotteshäuser einen Appell, im dem er dazu aufrief, zum Schutz der Grenzen des Vaterlandes aufzustehen und mit der Kirche am Schicksal des Volkes teilzuhaben.

Die sowjetische Regierung mit Stalin als Oberhaupt machte sich, trotz Verfolgungen gegen die Gläubigen, die auch in den ersten Kriegsjahren nicht beendet wurden[8], die Wichtigkeit der kirchlichen Politik, nicht nur unter Soldaten und Arbeitern hinter der Front, sondern auch in der internationalen Arena, sehr schnell bewusst. Wie oben zu sehen ist, stellten die Ideen der Nutzung der Kirche durch die Regierung als solche nichts Neues dar. Prinzipiell neu dagegen war die  Bereitschaft zur Zusammenarbeit sowohl seitens der Kirche als auch seitens der obersten sowjetischen Regierung. So wurde in den ersten Kriegsjahren die Doktrin einer neuen Religionspolitik geboren, deren Hauptidee die Zusammenarbeit mit den religiösen Einrichtungen im Interesse der Außenpolitik der UdSSR war.

Nach Archivstudien des Historikers Michail Odinzow begann die praktische Zusammenarbeit bereits im ersten Jahr des  Großen Vaterländischen Kriegs. Unter anderem fand sich eine Kopie der Urkunde über die Lage der Amerikanischen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche, die Metropolit Sergius (Stragorodski) für den Rat der Volkskommissare der Sowjetunion ausgestellt hatte. Anhand des Inhalts datiert Odinzow sie auf den Herbst 1941, als die Sowjetunion wegen der Aggression seitens des faschistischen Deutschlands in der außenpolitischen Arena aktiv nach Verbündeten suchte und so an der Gründung und Konsolidierung der Anti-Hitler-Koalition teilnahm.[9]

Wie bereits erwähnt, brachte die Notwendigkeit der Suche nach Unterstützung im Krieg gegen Deutschland und seine Alliierten in der Weltöffentlichkeit die sowjetische Führung dazu, alle zugänglichen Ressourcen zu nutzen – einschließlich der Möglichkeiten der Russischen Kirchen und ihrer Gemeinden auf dem Territorium der USA, welche für die UdSSR zu jenem Zeitpunkt die wichtigsten Verbündeten waren. Allerdings verfügten laut Odinzow die Organe des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten der UdSSR (NRWD), die sich seit den 1930er Jahren mit der sowjetischen Kirchenpolitik beschäftigt hatten, nicht über ausreichende objektive Informationen über die Lage und die Aktivitäten der orthodoxen Diaspora. Das zwang sie dazu, den Metropoliten Sergius zu konsultieren.

In seiner Auskunft beurteilte Metropolit Sergius unter anderem die Lage der durch Metropolit Platon ( Rozhdestvensky ) geleitetenAmerikanischen Diözese als „blühend“; dort gab es 600 Gemeinden mit bis zu einer Millionen Gläubigen. Die Einstellung des Metropoliten Platon, der nicht gewillt war, seine antisowjetischen Ansichten offen zu äußern, zum Kurs der Moskauer Patriarchie hinsichtlich der Anerkennung der sowjetischen Macht nannte Metropolit Sergius „Verzögerungstaktik“. Er berichtete auch über die elenden Ergebnisse, zu denen die ultimative Anforderung, die eigene Loyalität anzukündigen, die 1933 vor dem Metropoliten Platon durch den in die USA angetroffenen Erzbischof Benjamin (Fedchenkov) gestellt worden war. 

Der nächste Teil dieses Dokuments war für die sowjetische Regierung von größtem Interesse, da Metropolit Sergius gute Kenntnisse des kirchlichen Lebens in den USA hatte. Unter anderem beschreibt er den Konflikt zwischen der Kirchenleitung der Amerikanischen Diözese, die sich Moskau  nicht unterordnen wollte und unter Metropolit Feofil (Paschkowskij) in einem Zustand der „provisorischen Autonomie“ verblieb, und der Synode von Karlowitz, die Erzbischöfe in die USA schickte, mit dem Auftrag, „die Herde der Feofiliten zurückzuerobern. Mit den Worten des Metropoliten Sergius: „Über die Gemeinden sind, wie ein Orkan, große Bestürzung, gegenseitige Hetze in den Zeitungen, Gerichtsverfahren zwischen den unterschiedlichen Gruppen der Gemeindemitglieder wegen der Verwaltung des kirchlichen Eigentums, Angriffe auf die besten Gotteshäuser und weiteres hinweggebraust.“[10] Unter Berücksichtigung der nachfolgenden Versöhnung zwischen „Feofiliten“ und „Karlowitzern“, sowie der Stärkung der gegenüber Moskau feindselig eingestellten Amerikanischen Diözese stellten die Informationen über Widersprüche innerhalb der Diözese für die sowjetische Diplomatie, die im Herbst 1941 an der Festigung des Bündnisses zwischen der UdSSR und den USA arbeitete, zweifellos einen Wert dar. 

Wie es aus dem Text der Auskunft folgt, war das wohl auch Metropolit Sergius selbst klar, der die Hoffnung äußerte, dass in den neuen Bedingungen „das kirchliche Bewusstsein im Klerus der Aussiedler früher oder später erwachen wird, auch wenn es wegen der politischen Veränderungen der internationalen Lage geschieht“, und dass die von Metropolit Benjamin   (Fechenkov) geleitete „Diözese der Moskauer Patriarchie ihren Dienst leisten wird, indem sie die Aussiedlerbewegung auf ihrem Weg leiten und zur Versöhnung der amerikanischen Schismatiker mit der Russischen Kirche verhelfen wird.“[11] Am Ende des Dokuments bietet Metropolit Sergius dem Adressat der Auskunft an, angesichts der gefährlichen Krankheit des Metropoliten Benjamin den Posten des Erzbischofs – Stellvertreter des Diözesanbischofs – einzurichten , wobei nach Meinung von Sergius ein Bischof aus der UdSSR in die USA geschickt werden sollte.

Aus diesem Vorschlag folgt, dass Metropolit Sergius hinsichtlich des Rates der Volkskommissare der Sowjetunion nicht als passiver Informant, sondern als aktiver Verbündeter tätig war, wobei er die eigenen kirchlichen Interessen nicht vergaß. Wie aus einem Memo von Wsewolod Merkulow an Stalin vom 25. Februar 1944 hervorgeht, folgte der Führer dem Ratschlag desMetropoliten Sergius und erlaubte die Entsendung eines russischen Bischofs in die USA. Dies sollte Erzbischof Nikolai (Jaruschewitsch)  sein, doch stellte die amerikanische Botschaft in Moskau ihm kein Visum aus[12]. Die Auskunft desMetropoliten Sergius ist anscheinend das früheste bekannte Dokument  der vollwertigen Zusammenarbeit zwischen der sowjetischen Regierung und der Russischen Kirche.

Um die UdSSR der Unterstützung seitens der Christen der ganzen Welt zu versichern, wandten sich die Hierarchen der Russischen Kirche mit Sendschreiben an die Laien und Geistlichen Rumäniens, Jugoslawiens, der Tscheschoslowakei, Bulgariens, Englands und anderer Länder, in denen die Kirche sehr stark war. Trotz der schwierigen Kriegslage nahm die Moskauer Patriarchie ihre Verlagstätigkeit wieder auf. Auch in den staatlichen Druckereien wurden Sendschreiben des Metropoliten Sergius und anderer Bischöfe gedruckt. Die Zusammenarbeit mit dem All-Slawischen Ausschuss ermöglichte es ihnen, sowohl in der Sowjetunion als auch im Ausland direkt, über Radio und Presse, das Volk anzusprechen.[13]

Inzwischen sandte der Volkskommissar für Äußere Angelegenheiten der Sowjetunion, Molotow, am 27. April 1942 an die Botschafter aller Länder, mit denen die UdSSR diplomatische Beziehungen unterhielt, eine  lange Note „Über die grausamen Gewalttaten und Brutalitäten der faschistischen deutschen Eroberer“, in der es unter anderem um die durch die Hitler-Soldateska zugefügten Demütigung „des gläubigen Teils der sowjetischen Bevölkerung“ ging. Dabei beschränkte er sich nicht auf allgemeine Phrasen, sondern verwies auf die ihm zum damaligen Zeitpunkt bekannte Anzahl der durch die Faschisten  ausgeraubten und vernichteten Kirchen (42 Gotteshäuser in 13  Gebieten des Bezirks Moskau, darunter einmalige Denkmäler der russischen Architektur) und führte auch Zeugnisse über die Untaten von einem Augenzeugen auf, der Priester war.[14] Also widerlegte dieses internationale Dokument in diesem Teil nicht nur die faschistische Propaganda über die UdSSR als einen gottlosen Staat, sondern signalisierte den Alliierten der Anti-Hitler-Koalition auch, dass die sowjetische Regierung den Gläubigen ihres Staates gegenüber aufmerksam war.

Zur weiteren Erklärung des patriotischen Kurses  der Patriarchie wurde, veranlasst durch Berija und Stalin, nach einem nicht-öffentlichen Beschluss des Politbüros (Resolution des ZK der KPdSU vom 10. März 1942,Nr. P 36/259[15]) und unter Beistand der Leitung des NKWD der UdSSR[16] das bebilderte Buch „Die Wahrheit über die Religion in Russland“ («Правда о религии в России», 1942) und im Jahr danach die Sammlung „Die Russische Orthodoxe Kirche und der Große Vaterländische Krieg“ («Русская Православная Церковь и Великая Отечественная война», 1943) herausgegeben. Diese prachtvollen, reich illustrierten Ausgaben, die überzeugend eine Illusion kirchlichen Wohlstandes in der UdSSR schufen, wurden in Auflagen von zehntausenden Exemplaren publiziert und waren in erster Linie für das Ausland bestimmt, weshalb sie in verschiedene Sprachen übersetzt und in Europa, den USA, im Nahen Osten und hinter der Front verbreitet und auch bei öffentlichen Treffen an Geistliche und Diplomaten der verbündeten Staaten verschenkt wurden.

Außerdem wurde im Winter 1942/1943 im Lenkinochronika-Studio ein Dokumentarfilm mit Nikolai (Jaruschewitsch)  über die Sammlung von Mitteln für die Dimitri-Donskoi-Panzerkolonne und die Alexander-Newski-Fliegerstaffel durch die Gläubigen von Leningrad verfilmt, der auch fürs Ausland bestimmt war.[17] Die Wichtigkeit des damaligen Einflusses des Kinos auf die Öffentlichkeit ist schwer zu überschätzen. Dieses Werk diente der Unterstützung der Politik Roosevelts, der sich damals bemühte,  in der amerikanischen Öffentlichkeit ein positives Bild seines Verbündeten zu zeichnen.

In den USA selbst wurde nach dem Eintritt der UdSSR in die Anti-Hitler-Koalition auf Initiative von Präsident Roosevelt ein Propagandafilm gedreht, der die Sowjetunion, seine Führer und den Heldkampf des sowjetischen Volkes gegen den Faschismus besang („Mission to Moscow“; Regie: Michael Curtiz, Warner Brothers Pictures, 1943). Der Film wurde während des Jahres 1942 gedreht und kam im Herbst 1942 in die Kinos, wobei der ehemalige amerikanische Botschafter in der UdSSR Joseph Davies am Drehbuch beteiligt war, der auch ein gleichnamiges Buch geschrieben hatte.

Diese Episode der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen blieb nicht einmalig. Im November 1942 wurde kam der 83minütige Film „The Battle of Russia“ auf die amerikanischen Leinwände – die fünfte Episode des insgesamt siebenteiligen propagandistischen Dokumentarfilms „Why We Fight“ des oskarprämierten Regisseurs Frank Capra (War Activities Committee of the Motion Pictures Industry, 1943). Diese Folge war die längste der ganzen Serie. Der erste Teil des Films beginnt mit einer Chronik der Kriege Russlands gegen verschiedene Angreifer: die Aggression des Deutschen Ordens im Jahre 1242 (gezeigt werden Bilder aus dem Film „Alexander Newski“ von Sergei Eisenstein, 1938), der Einfall der schwedischen Armee unter der Führung von Karl XII. 1704 (gezeigt werden Bilder aus dem Film „Peter der Große“ von Wladimir Petrow, 1937), der Zug von Napoleon 1812 und der Angriff Deutschlands von 1914. Der erste Teil endet mit der Beschreibung des Fehlschlags der Hitlertruppen im Kampf um Moskau. Der zweite Teil ist der Belagerung Leningrads und dem Kampf um Stalingrad gewidmet. Am Anfang des zweiten Teils sehen Zuschauer Aufnahmen eines bischöflichen Gottesdienstes, geleitet von Metropolit Nikolai (Jaruschewitsch),  und hören die Worte des Gebets um den Sieg über den Faschismus, gesprochen durch den Ansager nach MetropolitSergius (Stragorodski).

Um die Allianz der westlichen Verbündeten mit der UdSSR zu rechtfertigen, verschwiegen sowohl diese Episode als auch die ganze Filmserie „Why We Fight“ viele Fakten, die das Bild, welches die Sowjetunion positiv darstellen sollte, in Frage hätten stellen können: den Hitler-Stalin-Pakt, die sowjetische Teilnahme an der Teilung Polens und den Winterkrieg gegen Finnland, obwohl die vorherige antisowjetische Propaganda genau diese Sujets betont hatte. Der Film wurde nicht nur in den USA, sondern auch in der UdSSR selbst hoch geschätzt.

Bemerkenswert ist, dass die oben erwähnten neuen Bischofsweihen und Vertretungen von leeren Kathedrae, die beiden Bischofssitzungen der Russischen Kirchen und der Filmdreh noch vor dem berühmten „Kreml-Abendmahl“ stattgefunden hatten. Das persönliche Treffen der Kirchenleitung mit Stalin am 4. September 1942 wird in der russischen und ausländischen[18] Literatur für die Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche häufig als Ausgangspunkt der Zusammenarbeit der Patriarchie mit der sowjetischen Regierung interpretiert – als ein etwas unerwartetes und spontanes Ereignis, nicht nur für die kirchliche Seite, sondern auch für die sowjetische Führung, obwohl dies wie es beschrieben nicht so war. Vor dem „Kreml-Abendmahl“ waren auch die internationalen Aktivitäten der Moskauer Patriarchie wiederhergestellt worden, die sich in den ersten Jahren des Großen Vaterländischen Krieges auf die Herausgabe antifaschistischer Appelle an die slawischen Völker und die Wiederaufnahme der Kontakte mit den anderen Orthodoxen Landeskirchen beschränkt hatte.

Eigentlich änderte sich nach dem 4. September 1943 nur, dass die Hierarchen der Russischen Kirche ihre internationale Tätigkeit drastisch aktivierten und begannen, sie auf dem Wege persönlicher Treffen und Besuche im Ausland und nicht mehr nur mittels moderner Kommunikationsmittel zu verwirklichen. Doch war die Aktivierung der Moskauer Patriarchie die notwendige Voraussetzung für die vollwertige Einschließung der Russischen Kirche in die Außenpolitik der UdSSR als ausdrücklich selbstständiges Subjekt. Darin bestand eben der Plan Stalins, für dessen Verwirklichung er im September 1943 die Repressionen gegen die Kirche minimierte und ihr statt dessen großzügige organisatorische und materielle Hilfe gewährte.

Nachdem die Anti-Hitler-Koalition gebildet worden war, führte die Moskauer Patriarchie ihre Arbeit als besonderes Subjekt der Koalition weiter.

 


[1] Болотов С.В. Русская Православная Церковь и международная политика СССР в 1930-е – 1950-е годы. М., 2011. С. 46.

[2] Болотов С.В. Антисоветская агитация и пропаганда в зарубежной печати накануне Великой Отечественной войны // Преподавание истории в школе. 2010. № 8. С. 20–25.

[3] ГАРФ. Ф. 9425. Оп. 1. Д. 110. Л. 136–137.

[4] ГАРФ. Ф. 9425. Оп. 1. Д. 110. Л. 138–139.

[5] ГАРФ. Ф. 9425. Оп. 1. Д. 110. Л. 140–142.

[6] Васильева О.Ю. Русская Православная Церковь в политике Советского государства в 1943–1948 гг. М., 1999. Автореф. дис. ... докт. истор. наук. С. 32–33.

[7] Шкаровский М.В. Русская Православная Церковь при Сталине и Хрущеве. М., 2005. Указ.соч. С. 284.

[8] Курляндский И.А. О мнимом повороте Сталина к православной церкви // Вопросы истории. 2008. № 9. С. 12.

[9] Одинцов М.И. Неизвестный документ митрополита Сергия (Страгородского) // Церковно­исторический вестник. 1999. № 4–5. С. 152.

[10] ГАРФ. Ф. 6991. Оп. 1. Д. 3. Л. 85–86. Цит. по: Церковно­исторический вестник. 1999. № 4–5. С. 156.

[11] Ebenda.

[12] Курляндский И.А. Сталин, власть, религия. М., 2011. С. 544.

[13] Якунин В.Н. Внешние связи Московской Патриархии и расширение ее юрисдикции в годы Великой Отечественной войны 1941–1945 гг. Самара, 2001. С. 183.

[14] РГАСПИ. Ф. 82. Оп. 2. Д. 1028. Л. 174.

[15] РГАСПИ. Ф. 82. Оп. 2. Д. 1028. Л. 174.

[16] Власть и церковь в Восточной Европе. 1944–1953 гг. М., 2009. Т. 1: 1944–1948. С. 26.

[17] Шкаровский М.В. Вклад Ленинградской епархии в победу над фашизмом. По новым документальным источникам. / Единство фронта и тыла в Великой Отечественной войне (1941–1945). М., 2007.

[18] Buss G. The Bear’s Hug: Religious Belief and the Soviet State. London, 1987. P. 33, 35.

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