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Die „vergessenen“ Christen

18. November 2011
Im Rahmen der Forschungsarbeiten für eine Dissertation zum Thema „Geschichte der orthodoxen Mission in Indien“ gab es am 14. Februar 2011 in New-Delhi (Indien) ein Treffen von Kyrill Malevich, eines Studenten des 3. Jahres der theologischen Abteilung der Moskauer Staatlichen Akademie, mit Seiner Eminenz Yuhanon Mar Demetrius, Metropolit von Delhi der Syrisch-Orthodoxen Malankara-Kirche in der Residenz Seiner Eminenz.

Kyrill Malevich:  Guten Tag, Hochwürden! Mit dem Segen Seiner Eminenz, Erzbischof Ewgenij von Wereja, Rektor der Moskauer Geistlichen Akademie, unternehme ich eine Forschungsreise durch Indien. Den Bericht über meine Bekanntschaft mit der Geschichte der Orthodoxie in Indien möchte ich beim ältesten Zweig des Christentums in diesem Lande beginnen, der  Syrisch-Orthodoxen Malankara-Kirche.

Metropoliten Yuhanon:  Während des Besuchs Seiner Heiligkeit Alexij II. in Indien hatte ich das Glück, Seine Heiligkeit hier, in der Stadt New-Delhi zu begrüßen. Mir wurde die besondere Ehre gewährt, beim Festmahl mit dem orthodoxen Patriarchen teilzunehmen. Da ich Professor für Theologie des Seminars der Syrisch-Orthodoxen Malankara-Kirche in Kottayam bin, ist es für mich auch eine Ehre und besondere Freude, Ihre Fragen zu beantworten, Es gibt vieles, was unsere Kirchen vereint, und deshalb werde ich mich bemühen, alles möglich zu machen, um Ihnen bei Ihrer Forschungsarbeit zu helfen.

 

K.M.:  Berichten Sie bitte über die Geschichte und die jüngste Vergangenheit der Malankara-Kirche.

M.Y.: Die Malankara-Kirche wurde durch den Heiligen Apostel Thomas im Jahre 52 auf dem Gebiet des heutigen indischen Bundesstaates Kerala gegründet. Heute ist sie nicht nur in Indien, sondern in aller Welt verbreitet. Es gibt Gemeinden in Australien, Neuseeland, Amerika, den arabischen Ländern, auf dem afrikanischen Kontinent und auch in vielen Ländern Europas. Am 2. November 2010 wurde Paulose II. (H.H. Baselius Mar Thoma Paulose II.) zum neuen Katholikos der Malankara-Kirche gewählt

 

K.M. : Wie sind die Kontakte der Malankara -Kirchezur Russischen Orthodoxen Kirche?

M.Y.: Wir haben sehr enge Beziehungen mit der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK). Viele Metropoliten der Malankara-Kirche besuchten mehrmals die Russische Orthodoxe Kirche. Viele unserer Geistlichen studierten in Moskau, und es gab Zeiten, in denen vielen von Ihnen die hohe Ehre gewährt wurde, auch an geistlichen Schulen der ROK zu studieren. Seine Heiligkeit Patriarch Kyrill besuchte wiederum das Seminar der  Malankara-Kirche. Es ist nicht lange her, dass der letzte Besuch des Metropoliten der Malankara-Kirche bei der ROK stattfand – am Tag der Inthronisierung des Patriarchen Kyrill. All das spricht für die langwierigen, engen und freundlichen Beziehungen zwischen der Malankara-Kirche und der ROK. Herr Cheriyan, ein hervorragender Forscher der Geschichte der Malankara-Kirche, arbeitet seit Jahren an der Übersetzung und Veröffentlichung russischer theologischer und klassischer Literatur in Malayalam, Liturgie- und Umgangssprache der Malankara-Christen. Sein letztes Werk ist die Übersetzung der Philokalie vom Russischen in Malayalam. Um ihre Frage zu beantworten, möchte ich nochmals betonen: unsere Beziehungen mit der ROK sind sehr eng, und wir werden sie weiter pflegen.

 

K.M.: Gibt es Pläne zur Ausweitung der Beziehungen?

M.Y.: Wie ich vorher bereits erwähnte, besuchte Seine Heiligkeit Patriarch Kyrill das Seminar der  Syrisch-Orthodoxen Malankara-Kirche, als er noch Metropolit war. Im Laufe der Begegnungen mit der obersten Kirchenleitung der Malankara-Kirche besprach Patriarch Kyrill auch die Erarbeitung eines Studentenaustauschprogramms zwischen den geistlichen Schulen unserer beiden Kirchen. Heute beten, erhoffen und glauben wir, dass es irgendwann dazu kommen möge und so unsere Beziehungen noch stärken werden. Wir wünschen uns, dass unsere Studenten nicht nur die Standardstudienprogramme der geistlichen Schulen des Moskauer Patriarchats, sondern auch die traditionelle russische ikonographische Kunst studieren sowie auch Ausbildungen in traditioneller russischer Theologie erhalten können.

 

K.M.: Während ich an meiner Doktorarbeit arbeitete, fand ich in der Weltpresse viele Berichte über die Unterdrückung der Christen in Indien. Wie würden Sie diese Angaben kommentieren?

M.Y.: Bei diesem Problem sollte jede Konfession und jede Richtung des Christentums separat betrachtet werden. So sind die Beziehungen der Malankara-Kirche zum Staat und zu den politischen und religiösen Gruppen Indiens sehr gut. Die ostkirchliche Malankara-Richtung der Orthodoxie unterscheidet sich von den anderen Gruppen in Indien. Viele christliche Missionare kommen nach Indien und versuchen, die Menschen zu bekehren, häufig ohne die örtlichen Regeln, Mentalitäten, Sitten und Gebräuche zu verstehen. Die Folgen solch mangelhaften Verständnisses sind offensichtlich und sehr verderblich. Doch begegnen die Inder den verschiedenen Weltreligionen meist sehr freundlich und verständnisvoll gegenüber .

 

K.M.: Was meinen Sie kann es sein, dass diese offene Einstellung die Glaubenslehre der Malankara -Kirche beeinflusst hat?

M.Y.: Indien respektiert seine Religion (den Hinduismus) und ist vor alters her gegenüber allen anderen Religionen freundlich. Die Kultur und die Traditionen Indiens stehen allen offen. Viele Weltreligionen haben ihren Ursprung hier in Indien. Jeder Mensch soll die spirituelle Richtung seines Lebens frei entdecken und wählen. Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes und vor IHM für seine religiöse Wahl verantwortlich. Die Kultur und die Traditionen Indiens sind deswegen so schön, da sie es dem Menschen erlauben, seinen Weg im Leben zu wählen. Dank der freundlichen Einstellung Indiens gegenüber anderen Religionen hatte das Christentum die Möglichkeit , sich hier zu entwickeln. Im 5. und 6. Jahrhundert verbreitete sich das Christentum von Persien nach Indien und weiterhin bis China; diese Zeit war das „Goldene Zeitalter“ in der Entwicklung des Christentums auf diesen Territorien. Doch später gab es aus verschiedenen Gründen einen Abschwung des Christentums in dieser Region. Erfreulich ist aber, dass das Christentum in Indien sich ohne Druck von außen entwickeln konnte. Die Kirche entwickelt sich in jederlei Hinsicht am besten, wenn sie durch den Staat und die Gesellschaft bzw. deren spirituelle Bestrebungen unterstützt wird. Wenn in der Kirche Probleme entstehen, ist es notwendig, sie zu lösen, aber ohne Druck von außen.

 

K.M.: Kann also gesagt werden, dass in Indien oberstes Gebot der Politik sowohl des Staates als auch der Kirche das Toleranzprinzip ist?

M.Y.: Ja, sicherlich. Indien ist ein säkularer Staat, und darum muss es religiöse Vielfalt geben. Doch sind in Indien Religion und Gesellschaft untrennbar verbunden; also ist in der Politik auch Religion, und in der Religion ist auch Politik.

 

K.M.: Bekehren sich auch Vertreter traditioneller indischer Glaubenslehren und Kulte zum Christentum der Malankara-Richtung?

M.Y.: Zum Christentum bekennen sich Vertreter verschiedener hinduistischer Lehren, aber meist zur römisch-katholischen Richtung. Die Malankara-Kirche hat, was diese Angelegenheit betrifft,  andere Ideen und Prinzipien.

K.M.: Wächst die Anzahl der Mitglieder der Malankara-Kirche? Wenn ja, wie schnell?

M.Y.: In unserer Kirche wächst die Anzahl der Gläubigen allmählich, aber parallel findet auch eine Verminderung statt, die allerdings geringer als der Zuwachs ist. Die Zeit, als Europäer nach Indien ankamen, war sehr schlecht: viele Orthodoxe bekehrten sich zum Katholizismus und Protestantismus. Jetzt sind diese Zeiten vorbei, und unsere Kirche wächst allmählich – Vertreter der Malankara-Kirche gibt es in allen Teilen der Welt.

 

K.M.: Ist die Malankara-Kirche von innerkirchlichen Schismata bedroht?

M.Y.: Leider gibt es innerhalb unserer Kirche viele Probleme und Kontroversen. Am schärfsten ist das Problem der Kontroversen in den Beziehungen mit dem Antiochenischen Patriarchat der Syrischen Orthodoxen Kirche. Nach dem historisch schweren Werdegang der Malankara-Kirche ergab es sich, dass sie als Teil der Syrischen Orthodoxen Kirche in zwei Fraktionen geteilt ist. Eine davon pflegt die Beziehungen mit dem syrischen Patriarchat, während die andere schon lange Zeit halb-autonom existiert und den Syrischen Patriarchen zwar als ihren Vorsteher ansieht, sich aber dem Malankara-Katholikos unterordnet. Ich gehöre der zweiten Fraktion an, und gemeinsam mit unserem Katholikos begegnen wir den Gläubigen aus der ersten Fraktion immer mit Freude. Leider behandeln diese uns ziemlich unfreundlich. Aber wir beten und hoffen auf die baldige Beendigung dieser Kontroversen, die den Weg zur Wiedervereinigung mit der Ökumenischen Orthodoxie erschweren. 

 

K.M.: Während eines Konflikts um den Bau eines Krishna-Tempels in Moskau hieß es in internationalen Massenmedien, dass dieser Bau von Job Mar Philoxenos, dem Metropoliten von Delhi, inspiriert worden sein soll. Was sagen Sie dazu?

M.Y.: Ich darf Ihnen versichern, dass diese Information nicht der Wirklichkeit entspricht. Ihr Auftauchen ist aber teilweise erklärbar. Es geht darum, dass manche Vertreter der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein noch vor diesem Konflikt den Metropoliten Job Mar Philoxenos von Delhi getroffen und über die Unterstützung ihrer sozialen karitativen Programme verhandelt hatten. Ihnen wurde Unterstützung für manche diese Programme versprochen. Von Unterstützung beim Bau des Krishna-Tempels in Moskau war aber keine Rede.

 

K.M.: I st Ihnen etwas von der Mission der Russischen Orthodoxen Kirche in Indien und vom Bau eines ROK-Gotteshauses in Neu-Delhi bekannt?

M.Y.: Ich kann nicht genau sagen, was die Mission der Russischen Orthodoxen Kirche in Indien ist, aber die Errichtung eines orthodoxen Gotteshauses wäre ein natürliches Zeugnis ihrer Stärke und Erweiterung. Ich verfolge die Mitteilungen über die Grundsteinlegung des russischen orthodoxen Gotteshauses in Neu-Delhi; für mich waren es erfreuliche Nachrichten. Es wäre noch schöner, wenn es gelungen wäre, das Gotteshaus außerhalb der Russischen Botschaft zu errichten, denn dann stünden seine Türen Allen offen. Ich bin überzeugt, dass es die Entwicklung der Gesellschaft und der Kirche positiv beeinflussen würde und problemlos möglich wäre, die ganze Schönheit des russischen orthodoxen Gottesdienstes anschaulich zu zeigen.

 

K.M.: Erzählen Sie bitte von der Geschichte der Verhandlungen über die Wiedervereinigung der Malankara-Kirche mit der Ökumenischen Orthodoxie.

M.Y.: Die Altorientalischen Kirchen haben sich längst über die Notwendigkeit der Wiedervereinigung verständigt, denn in vielen Punkten widersprechen sich die Theologien der orthodoxen Ostkirchen und der Altorientalischen Kirchen einander gar nicht. In diesen Punkten sind wir bereit, zusammenzuarbeiten und unsere Beziehungen zu stärken; das verlangt aber die Wahl und die Entscheidung dieser Kirchen selbst. Meiner Meinung nach besteht ein großes Problem darin, wie Gläubige der beiden Richtung der Orthodoxie einander sehen, da die Kirche die Gläubigen zum gemeinsamen Dialog ohne Beeinflussung ihrer Weltanschauung anregen sollte. Wir hoffen, dass die Russische Orthodoxe Kirche in dieser Frage eine leitende Position einnimmt. So habe ich gehört, dass bald ein Ökumenisches Konzil der Orthodoxen Kirche stattfinden soll, auf dem auch diese Frage besprochen wird. Ich bin froh, dass die Russische Orthodoxe Kirche, die uns gegenüber immer freundlich war und uns in jeder möglichen Weise unterstützt hat, an diesem Konzil aktiv teilnimmt. Es bleibt zu hoffen, dass unsere warmen Beziehungen in der Zukunft noch stärker werden.

 

K.M.: Wie notwendig ist die Entwicklung der Mission der Orthodoxen Kirche in Indien?

M.Y.: Im Kontext des modernen Lebens Indiens und ihrer Geschehnisse ist die Entwicklung und die Erweiterung der orthodoxen Mission heute durchaus notwendig. Dank ihrer reinsten theologischen Erfahrung kann die Orthodoxe Kirche die Gesellschaft in der besten Weise aufbauen, denn es gibt keine andere Kirche außer der Orthodoxen, die die besten Mittel zum Heil jedes Menschen anbietet und dabei an dem Menschen mehr als die anderen Kirchen glaubt. Die Entwicklung der orthodoxen Mission ist heute auch im Kontext der Erweiterung der Kirche sehr wichtig.

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