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Wissenschaft und Glaube

30. November 2011
Folgender Vortrag wurde am 25. November im Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften auf einer Sitzung des Katechon-Klubs, gegründet von Arkadij Maler und Jelena Maler-Matjasowa, von dem orthodoxen Journalisten, ständigem Autor der Zeitschrift „Foma“ und Programmchef der Radiostationen  „Radonesch“ und „Theos“ Sergey Khudiyev gehalten. Thema des Treffens war die Frage nach dem Verhältnis bzw. dem Konflikt zwischen Wissenschaft und Glaube. Wie tief und unvereinbar sind die etwaigen Widersprüche? Wie können biblische Angaben über die Welt mit modernen wissenschaftlichen Daten vereinbart werden? Wir bieten hier den Lesern des Portals „Bogoslov.Ru“ die Vorlesung von Sergey Khudiyev in einer verkürzten Zusammenfassung. 

Ein Physik-Lehrbuch mit Lücken

In unser modernen Welt genießt die Wissenschaft wahrscheinlich die größte Autorität, und für viele Menschen bedeuten die Worte „die Wissenschaft hat festgestellt“ wahrscheinlich dasselbe wie früher „die Heiligen Väter sagten“ oder „in der Bibel steht“.nser

Wir sind in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der es hieß, dass die Wissenschaft dem christlichen Glauben entgegenstehe, und dass die Wissenschaft bewiesen habe, dass es keinen Gott gebe; dass ein gelehrter Mensch nicht gläubig sein dürfe, und dass die Pfaffen früher die Wissenschaftler wegen ihren progressiven Ansichten verbrannt hätten. Dieses sowjetische Erbe verbindet sich heute mit der modernen westlichen Bewegung des „Modernen Atheismus“, wo sich dieselbe Rhetorik von der Inkompatibilität der wissenschaftlichen Weltanschauung und des Glaubens findet, nur ohne kommunistische Stoßrichtung. Da aber im Namen der Wissenschaft der Glaube angegriffen wird, löst dies seitens eines Teils der Gläubigen großes Misstrauen aus. 

Gibt es einen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion? Zwecks eines Experimentes können wir ein Lehrbuch für Physik oder Chemie nehmen und von dort alle Seiten entfernen, die den gläubigen Christen gewidmet sind. Was wird übrigbleiben? Wenn wir uns die biographischen Daten von Robert Boyle, Newton und Pascal anschauen, werden wir entdecken, dass sie nicht nur der christlichen Kultur angehörten und nicht nur stillschweigende bzw. nominelle Christen waren, sondern Menschen von tiefen persönlichen religiösen Überzeugungen. So wurde beispielsweise Boyle von niemandem gezwungen, die Bibel ins Englische zu übersetzen und niederzuschreiben und die Mission in Indien zu finanzieren – das war eine Äußerung seiner persönlichen religiösen Überzeugung. Newton war ein gläubiger Mensch; dabei galt er zu seiner Zeit als „Häretiker“, denn er war kein Anglikaner, und das bereitete ihm gewisse Probleme im Leben; aber er glaubte so stark an Gott, dass er trotz solcher Einschränkungen nicht auf seinen Glauben verzichtete. Und er widmete sehr viel Zeit der Auslegung der Heiligen Schrift – sein Nachlass beinhaltet mehr Auslegungen der Schrift als eigentlich physikalische Werke. Pascal war nicht nur ein gläubiger Mensch, sondern von außerordentlichen Religiosität. Wir können uns auch an Faraday erinnern, der als Mitglied einer non-konformistischen christlichen Gemeinde in der Kirche predigte. Maxwell und Pasteur waren ebenfalls gläubige Menschen. Die europäische Wissenschaft wurde von Christen erschaffen – das ist eine historische Tatsache.

Und was kam danach? Die Theorie des sich erweiternden Universums wurde von einem katholischen Priester Georges Lemaître – vorgeschlagen. Einstein war der Meinung, dass das Universum stabil sei und sich nicht ausweite, doch Lemaître bewies ihm, dass aus einer von Einsteins eigenen Gleichungen folgt, dass es sich erweitern muss und nicht stabil sein kann. Auch der hervorragende moderne Genetiker Francis Collins, federführend bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und heute Direktor der International Institutes of Health, ist bekennender Christ.

Historisch gesehen entspricht die Behauptung, dass die christliche Kirche die Wissenschaft unterdrückt habe und die Wissenschaft sich irgendwie und irgendwann davon habe freimachen können, nicht den Fakten. Die Wissenschaft ist vielmehr von Christen erschaffen worden. Einen Konflikt zwischen Wissenschaftlern und Gläubigen konnte es zum Zeitpunkt der Ausformung der Wissenschaften schon deswegen nicht geben, da man seinerzeit, um gebildet und  belesen zu sein und Zeit für die Beschäftigung mit Wissenschaften zu haben, Kleriker sein musste. In mehreren mittelalterlichen europäischen Sprachen bedeutete das Wort „Kleriker“ einfach „Gebildeter“. Und in einem Text heißt es sogar, dass ein gewisser Bischof kein Kleriker gewesen sei, was damals bedeutete, dass er ungebildet war und nicht lesen konnte. Die Wissenschaft wurde in der kirchlichen Umgebung auf natürliche Weise geboren.

Sergej Awerinzew sagte, dass es keinen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion gebe, sondern nur einen Konflikt zwischen einzelnen Wissenschaftlern und einzelnen Gläubigen. Es gibt Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftler, die die Wissenschaft für Angriffe auf den christlichen Glauben nutzen, und es gibt gläubige Menschen, die der Wissenschaft mit einem gewissen Misstrauen begegnen.  So kann man zum Beispiel, wenn man die englischsprachige Presse liest, auf Meinungen frommer Protestanten stoßen, die sich darüber empören, dass die schrecklichen Atheisten sich vor den Augen der Schüler dem Darwinismus hingeben.

Deshalb lohnt es sich für uns, zu untersuchen, wie die Beziehung zwischen Wissenschaft und christlichem Glauben ist und worin der Boden für Konflikte besteht, bzw. ob es diesen Konflikt überhaupt in Wirklichkeit gibt oder ob es sich nicht eher um Missverständnisse handelt. Bevor wir beginnen, müssen wir die Termini bestimmen. Wir müssen verstehen, was wir unter Wissenschaft und Religion verstehen, und was unter einem Konflikt.

 

Die anekdotischen Daten und der metaphysische Naturalismus

Wissenschaft ist eine Form der Erkenntnis, die durch ihre Methode charakterisiert ist. Diese Methode ist der Empirismus (wir meinen hier v.a. die Naturwissenschaften). Die Wissenschaft beruht auf den Erfahrungen, die wir mithilfe der fünf Sinnesorgane erhalten, welche eventuell durch Geräte verstärkt werden – also empirischen Erfahrungen. Wenn ich beispielsweise davon spreche, dass mein Gewissen mich belastet, weil ich schwer gesündigt und die Gebote Gottes gebrochen habe, mir aber dennoch die Hoffnung auf den Heiland bleibt, der mich liebt und sich für mich geopfert hat, kann das eine Erfahrung sein, die für mich zutiefst überzeugend, jedoch nicht wissenschaftlich ist, da nicht empirisch belegbar und nicht durch (ggf. geräteverstärkte) Sinnesorgane vermittelt. Obwohl ich diese Erfahrung als zweifellos glaubwürdig erlebe und sie mit anderen Menschen teile, ist sie nicht wissenschaftlich. Das besagt nichts über ihre Wahr- oder Falschheit  – sie ist einfach nicht wissenschaftlich.

Ein anderes Kriterium der Wissenschaftlichkeit ist die Verifizierbarkeit. Daten, die die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis bilden, müssen wiederholbar sein: das sind Daten, die wir mithilfe kontrollierbarer Experimente oder sich wiederholender Beobachtungen erhalten. Wissenschaftlich heißen Daten, die nicht anekdotisch sind. Anekdotisch heißen sie nicht, weil sie zum Lachen bringen, sondern weil das Wort „Anekdote“ in erster Linie eine Erzählung über irgendein singuläres Ereignis meint; so wie „ich ging durch den Wald und sah ein Wunder“, wobei es unmöglich ist, nochmals hinzugehen und es sich anzuschauen.

Das nächste Kriterium ist die Objektivität. Das bedeutet, dass die wissenschaftliche Erkenntnis nicht von persönlichen Überzeugungen und der Weltanschauung des Wissenschaftlers abhängt. Unter Wissenschaftlern gibt es Atheisten, Christen, Juden, Muslime, Buddhisten usw.; also Menschen, die die unterschiedlichsten religiösen Überzeugungen oder auch gar keine haben. Und die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen, zu denen sie kommen, indem sie die materielle Welt erforschen, müssen übereinstimmen, da sie ein und dieselbe materielle Welt erforschen. Manchmal sagt man, dass es nur atheistische Wissenschaft oder Wissenschaftler geben könne – aber in Wirklichkeit gibt es einfach nur die Wissenschaft, es kann nicht sein, dass sie konfuzianisch oder orthodox oder sonstwie konfessionell wäre. Die Wissenschaft erforscht ein und dieselbe Welt mit ein und dieselben Methode, und diese Methode muss unabhängig von persönlichen Überzeugungen funktionieren. D.h., ein buddhistischer Wissenschaftler, der ein Experiment durchführt, und ein christlicher Wissenschaftler, der ein Experiment durchführt, müssen ein und dasselbe Ergebnis erhalten. Falls das Ergebnis durch die religiösen Ansichten eines konkreten Menschen bestimmt ist, bedeutet das, dass etwas nicht funktioniert hat. Wissenschaftliche Daten müssen verifizierbar sein.

Die nächste Besonderheit der Wissenschaft ist der methodologische Naturalismus. Die Wissenschaft betrachtet die Welt als ein geschlossenes System kausaler Zusammenhänge, das durch unveränderliche Gesetze (also von keiner Person)  gesteuert wird. Damit ist eine Reihe von Missverständnissen verbunden, da die Naturwissenschaft im Rahmen des methodologischen Naturalismus agiert. Es gibt zwei Arten von Naturalismus: den methodologischen Naturalismus – das ist, wenn wir sagen, dass wir im Rahmen der wissenschaftlichen Methode mit der Wirklichkeit als mit einem System von durch unpersönliche Gesetze gesteuerten kausalen Zusammenhänge umgehen; und den metaphysischen Naturalismus – wenn wir glauben, dass die ganze Wirklichkeit sich auf ein geschlossenes System reduziert, das durch unveränderlichen Gesetze gesteuert wird. Im Rahmen seiner professionellen Tätigkeit ist jeder Wissenschaftler ein methodologischer Naturalist, doch sind bei weitem nicht alle auch metaphysische Naturalisten.

Die moderne Kritik an der Religion und die modernen Angriffe auf das Christentum gehen meist vom Standpunkt des metaphysischen Naturalismus aus: alles, was existiert, sei die Natur, und es gebe nichts „Übernatürliches“: weder Seele noch Engel noch Gott. Die ganze Realität wird auf die Natur als Materie reduziert, die sich nach ihren eigenen Gesetzen bewegt.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass diese Weltanschauung eigentlich nicht wissenschaftlich ist. Wir müssen zwei Dinge streng voneinander abgrenzen: ich habe ein gewisses Instrument zur Erkenntnis der Wirklichkeit, eine wissenschaftliche Methode, und diese zeigt mir nur bestimmte Momente der Wirklichkeit. Christen und Atheisten sind sich darin einig, dass die materielle Welt wirklich existiere und mit der wissenschaftlichen Methode erforscht werden könne. Atheisten behaupten, dass die ganze Wirklichkeit sich auf diese materielle Welt reduzieren lasse. Die Wissenschaft beschäftigt sich selbst mit der Erforschung dieser materiellen Welt. Und hier ist es wichtig, das Missverständnis zu vermeiden, den methodologischen Naturalismus einfach zu Metaphysik zu erklären. Denn wenn ich durch mein Fernglas keine Radiowellen erkennen kann, so bedeutet das noch nicht, dass es keine Radiowellen gäbe – es bedeutet lediglich, dass ein Fernglas hier als Instrument der Erkenntnis nicht funktioniert.

Ebenso funktioniert die wissenschaftliche Methode nur bei der Erforschung der Natur als geschlossenes System. Das bedeutet nicht, dass es nichts anderes gäbe, sondern nur, dass die wissenschaftliche Methode nichts anderes erkennen kann. Deshalb wird die Wissenschaft manchmal als atheistisch bezeichnet. Das ist das Ergebnis eines Missverständnisses. Jeder Wissenschaftler versteht, dass die wissenschaftliche Methode bei übernatürlichen Phänomenen nicht funktionieren kann; sie funktioniert nur für Materie und deren Gesetze, mit denen sie sich beschäftigt. Übernatürliche Kräfte kann die wissenschaftliche Methode einfach nicht erfassen.

 

Die Kategorienfehler und Herr Meier

Werde ich gefragt, was das Polarlicht ist und woher es kommt, kann ich zweierlei Antwort geben. Ich kann sagen: „Gott entzündet das Polarlicht, damit wir über die Wunder seiner Schöpfung staunen.“ Oder ich kann sagen: „Das ist die Ionisierung der oberen Schichten der Atmosphäre unter dem Einfluss der Sonnenstrahlung, denn ionisiertes Gas leuchtet.“ Das sind zwei Antworten, die sich nicht gegenseitig ausschließen.

Oder werde ich auch gefragt, warum ein Auto fährt. Ich kann sagen: „Herr Meier fährt seine Familie aufs Land.“ Oder ich erkläre, wie ein funktioniert. Und diese zwei Antworten schließen sich wiederum nicht gegenseitig aus. Also kann ich die Antwort in den Kategorien des persönlichen Willens von Herrn Meier geben, oder auch in den Kategorien der Prozesse, die im Motor ablaufen. 

Häufig gibt es Missverständnisse, wenn ein munterer Atheist sagt, die Chemie habe die Prozesse, die im Verbrennungsmotor stattfinden, völlig beschrieben, und da gäbe es für einen mythischen Herrn Meier, der seine Familie liebt und will, dass sie sich auf dem Lande erholt, einfach keinen Platz! Ein anderer Menschen, dem Herr Meier sehr am Herzen liegt, könnte entgegnen: „Nein, dieser gottlosen Chemie glauben wir nicht“; in Wirklichkeit wirke Herr Meiner dort persönlich, er treibe die Kolben an, und die gemeinen Chemiker würden alle lügen. Beide Aussagen sind falsch. Denn jeglicher Prozess, den wir in unpersönlichen Kategorien beschreiben können – als Vorgang der Verbrennung des Brennstoffes – dient als Ausdruck eines bestimmten persönlichen Willen; in diesem Beispiel jenes des Herrn Meier.

Die Wissenschaft betrachtet das Geschehe vom Standpunkt der unpersönlichen Prozesse – wie Materie entsprechend bestimmter Gesetzmäßigkeiten von Zustand A in Zustand B übergeht. Die Wissenschaft kann uns nichts über den Zweck und den persönlichen Plan sagen, der hinter diesen Prozessen existiert oder auch nicht. Denn dies befindet sich außerhalb ihrer Methode.

 

Zeus und die Elektrizität

Beide Seiten sagen: Wenn die Wissenschaft alles beschreiben könnte, wo sei dann der Platz für Gott? Der Psalmist, der sagte: „Denn du wobest mich in meiner Mutter Leibe“, hatte dieses Problem nicht. Es gibt also einen natürlichen Vorgang, der ständig stattfindet – nämlich eine Schwangerschaft; aber der Psalmist ist überzeugt, dass sich in diesem Prozess der schöpferische Plan Gottes verwirklicht.

Wir wissen, dass der Herr über Gerechte und Ungerechte die Sonne aufgehen und es regnen lässt, und dieses Wissen wird von den Angaben der modernen Meteorologie keinesfalls widerlegt. Sehr häufig basiert die atheistische Kritik des christlichen Glaubens auf einem naiven Fehler: man geht davon aus, dass die Menschen früher glaubten, dass der Blitz deswegen einschlage, weil Zeus schlechte Laune habe, und dass auch der Regen von Gott geschickt werde;  aber nun hätten wir es ja geklärt und wüssten, dass es sich um Meteorologie, Elektrizität usw. handele.

Eine derartige Argumentation wird auf der Vermischung von zwei Typen Antworten aufgebaut – wie ein Prozess stattfindet, und ob er den persönlichen Willen von jemandem widerspiegelt. Die Wissenschaft kann darüber, ob etwas, was geschieht, den persönlichen Willen von jemandem widerspiegelt oder nicht, nichts aussagen, da dies außerhalb ihres Instrumentariums liegt. Wir können wir einen Prozess, hinter dem ein Plan steht, von einem Prozess, hinter dem es keinen Plan gibt, unterscheiden?

Ja, psychologisch ist es verständlich, dass Gottes Wirkung in der Welt wie Magie aussehen muss: etwas geschieht auf wundersame Weise aus dem Nichts. Wird ein Mensch im Ergebnis einer Schwangerschaft auf natürliche Weise geboren, scheint es, dass Gott damit nichts zu tun habe. Die Schrift besagt aber, dass ER damit sehr wohl zu tun habe, und dass sich in allen natürlichen Prozessen Gottes Vorsehung äußere und keine natürlichen Prozesse existierten, die von Gott völlig unabhängig wären. Selbst die Gegenüberstellung von natürlichen und göttlichen Phänomenen ist halb atheistisch – nach dem Motto, es gebe ein Weltgebäude, in dem Gott anwesend sei, in dem er sich aber nur ab und zu in den Ablauf der Ereignisse einmische. In Wirklichkeit aber ist Gott immer und überall aktiv.

 

Der Freudianismus und die Außerirdischen

Noch eine weitere nennenswerte Besonderheit der wissenschaftlichen Methode ist das Kriterium der Falsifizierbarkeit, das in den 1930er Jahren vom Philosophen der Wissenschaft Karl Popper vorgeschlagen wurde. Dieses Kriterium ermöglicht es, wissenschaftliche Behauptungen von solchen zu unterscheiden, die zwar nicht-wissenschaftlich, aber nicht unbedingt falsch sind. Hier ist ein ziemlich lustiges Beispiel: vor einigen Tagen sah ich einen Dokumentarfilm über Außerirdische – dass sie überall in der Welt buchstäblich in Scharen herumgelaufen wären und Spuren hinterlassen hätten. Sie hätten die die Pyramiden in Ägypten und Südamerika und alles, wozu wir keine ausführliche Baudokumentation haben, erbaut, und auf allen möglichen antiken Bildnissen – auch orthodoxen Ikonen und in katholischen Gotteshäusern – gebe es Abbildungen von außerirdischen Raumschiffen. Wir könnten nun die Frage stellen: Ist die Theorie, dass die Erde von Außerirdischen besucht wurde, belegbar? Aber natürlich sei sie belegbar, wird man uns sagen. Aber wie könnten wir diese Theorie als wissenschaftlich identifizieren?

Popper nannte als Beispiele für Theorien, deren Wissenschaftlichkeit er bestritt, Marxismus und Freudianismus. Er machte auf interessante Besonderheiten aufmerksam: im Rahmen des Freudianismus z.B. könne man alles Mögliche erklären. Heute kann man auch im Rahmen der Evolutionspsychologie alles Mögliche erklären. Ich habe Bücher von Evolutionspsychologen gelesen, die besagen, dass die Religion ein Ergebnis der Evolution sei, und dass unsere affenähnlichen Vorfahren, die mit einem Gebet auf Mammutjagd gingen, ihre Handlungen besser koordiniert hätten, als diejenigen, die unfromm gewesen seien und ihre Handlungen nicht organisieren und somit auch kein Mammut hätten erschlagen können und deswegen ausgestorben seien.

Worin liegt die Schwäche derartiger Erklärungen? Gibt es evolutionstheoretische Erklärungen dafür, dass Hans ein treuer und fürsorglicher Ehemann ist? Ja, sicher – diejenigen Männchen, die sich um ihre Nachkommen gekümmert und aufgepasst  hätten, dass deren Kinder wiederum ihre Nachkommen großziehen, hätten ihre Gene erfolgreich vorangetrieben. Aber da haben wir Peter – er ist ein Schürzenjäger und wechselt Frauen wie Unterhemden. Gibt es eine evolutionstheoretische Erklärung dafür? Aber selbstverständlich – er wolle doch sein genetisches Material verbreiten, und diese Evolutionsstrategie sei ja auch nicht schlecht. Und hier haben wir Herrmann; er ist sanftmütig, friedlich und kommt mit allen gut aus. Gibt es eine evolutionstheoretische Erklärung dafür?  Aber sicher – das sei das Ergebnis dessen, dass Menschen früher in eingespielten Teams gelebt und sich gegenseitige Hilfe geleistet hätten, weshalb sich die Fähigkeit, mit allen gut auszukommen, entwickelt habe. Und hier ist Toni, ein Psychopath, der sich mit allen prügelt und mit niemanden auskommt, ein aggressiver Typ – gibt es eine evolutionstheoretische Erklärung dafür? Auch das – denn die Evolution bestehe ja darin, um Ressourcen und Weibchen zu konkurrieren.

Wenn wir aber jedwedes Ereignis in eine Theorie einordnen können, wäre das nach Ansicht Poppers eine Schwäche und keine Stärke, da eine wissenschaftliche Theorie prinzipiell widerlegbar sein müsse. Ich müsste also unseren Freund mit den Außerirdischen fragen: „Könnten Sie denn theoretisch irgendwelche Daten erheben, die beweisen würden, dass Sie sich irrten und die Außerirdischen damit nichts zu tun hätten, sondern es Menschen waren, die diese Bauten errichteten?“ Wenn er solche Daten nicht nennen kann, haben wir es mit einem Glauben dieser oder jener Art zu tun. Der muss nicht unbedingt falsch sein, aber er ist nicht wissenschaftlich. Es gibt wissenschaftliche Theorien, dich sich als falsch, und nicht-wissenschaftliche Ansichten, dich sich als wahr erwiesen haben.

 

Eigene Anathemata

Wir müssen noch einen Begriff – den Szientismus   einführen. Er stammt ebenfalls von Popper. Es handelt sich dabei um eine philosophische Position, die postuliert, dass der einzige legitime Weg der Erkenntnis der Wahrheit in der Welt die wissenschaftliche Methode sei. Jede Wahrheit, die erkennbar ist, sei also nur durch die wissenschaftliche Methode erkennbar. Alles, was bekannt sein kann, könne nur durch die wissenschaftliche Methode bekannt  sein, und alles, was nicht wissenschaftlich festgestellt werden kann, könne nicht bekannt werden. Dementsprechend liegt der Szientismus  als wissenschaftliche Position dem ganzen wissenschaftlichen und neuen Atheismus zugrunde.

Der Szientismus  ist für viele Menschen die Position, die sie stillschweigend einnehmen. Das Wort „wissenschaftlich“ wird als Synonym des Wortes „wahrhaft“ angesehen. Wir wissen, dass   in der Umgangssprache  „nicht-wissenschaftlich“ bedeutet, dass etwas falsch ist. Doch lohnt es sich für uns, uns über die Fundiertheit einer solchen philosophischen Position wie dem Szientismus Gedanken zu machen? Ist es wirklich so, dass die wissenschaftliche Methode die einzige Quelle der Kenntnisse über die Welt wäre? Worin besteht das Problem des Szientismus ?

All diese Ansichten wie die oben erwähnte leiden unter demselben, oben beschriebenen interessanten Problem – sie fallen unter ein eigenes Anathema. Die für den Szientismus   grundlegende These – dass wir alles, was wir wissen können, nur durch die wissenschaftliche Methode wissen können – kann durch die wissenschaftliche Methode selbst nicht fundiert werden. Wir können kein wissenschaftliches Experiment durchführen und als Ergebnis erhalten, dass die einzige Quelle der Erkenntnis über der Wirklichkeit die wissenschaftliche Methode wäre.

 

Die Humesche Guillotine

Die anderen Probleme, die beim Szientismus   entstehen, werden deutlich, wenn wir die atheistische Literatur lesen: der Szientismus  erklärt alle Werte für irreal. Es gibt ein sogenanntes Humesche Gesetz, das auch„Humesche  Guillotine“ genannt wird – es besagt, dass zwischen Fakten und Werten ein undurchlässiger Unterschied besteht. Aus Fakten folgen keine Werte. Aus dem Fakt, dass ich mir letzte Woche hundert Euro von Ihnen geliehen habe, folgt, dass ich sie zurückgeben müsse, nur in dem Fall, wenn wir beide glauben, dass Ehrlichkeit ein Wert sei. Durch ein wissenschaftliches Experiment ließe sich das aber nicht beweisen.

Könnten wir ein wissenschaftliches Experiment durchführen und klären, ob man Kleinkinder töten oder Menschenfleisch essen darf? Vor einhundert Jahren glaubte die Wissenschaft, dass die Schwarzafrikaner eine minderwertige Rasse darstellen würden; das war kein Minderheitenstandpunkt, sondern Mainstream. Es wurde auch geglaubt, dass die ausgebildeten Klassen der Londoner Gesellschaft und die Cockney-Unterschicht zu unterschiedlichen Rassen gehören würden. Da ist ein Angelsachse, sauber und in einem gebügelten Anzug, und da ist ein Irrer, vielleicht auch im Anzug, aber betrunken und mit Prügelspuren; und da ist ein Neger, er läuft ja sogar nackt herum. Und die Migrationspolitik der USA wurde anhand dieser Rassenkriterien bestimmt. Das alles wurde als wissenschaftlich angesehen. Stellen Sie sich einmal vor, die Wissenschaft hätte bewiesen, dass die Schwarzafrikaner eine minderwertige Rasse seien. Würden Sie diese Ansicht dann akzeptieren?

Wir sehen, dass es Werte gibt, und dass sie zu einer anderen Kategorie als Fakten gehören. Dennoch existieren sie real. Sicherlich ist der konsequente Atheismus gezwungen, zu sagen, dass es keine objektiven Werte gebe, dass sie bloß Ergebnis unserer Einverständnisse seien. Doch schlagen sie ein Buch jedes beliebigen atheistischen Publizisten auf – dort gibt es sehr viel sittliche Empörung gegen „das Böse“, sehr viel sittliche Urteile, sittlichen Tadel an religiösen Menschen und sittlichen  Lobpreis für die tapferen Wissenschaftler, die gegen den religiösen Wahn auftreten, als verkündeten sie objektive Werte; es scheint also doch so etwas wie das Gute und das Schlechte zu geben.

Um ein moralisches Urteil auszusprechen, muss man irgendeinen moralischen Standard benennen, und dieser Standard kann nicht szientistisch sein. Wir können mit wissenschaftlichen Mitteln nichts darüber aussagen. Sittlich-ethische Debatten sind durch die Methoden der Wissenschaft nicht lösbar. Alles, was die Wissenschaft kann, ist, gewisse Fakten offenzulegen.

Wenn wir sagen, dass etwas über einen ästhetischen Wert verfügt, meinen wir damit, dass es real ist, sich aber nicht im Gesichtsfeld der Wissenschaft befindet. Ein anderes Phänomen, das sich nicht im Gesichtsfeld der Wissenschaft befindet, sind Privatbeziehungen. Kann die wissenschaftliche Methode erklären, warum sich welche Menschen verehelichen? Behauptungen wie „Hans liebt Maria“ bzw. „Peter ist ein alter Freund“ können völlig wahrhaftig sein, sind aber nicht wissenschaftlich. Der Szientismus  funktioniert eben nicht immer.

Der Szientismus  ist innerlich widersprüchlich und deckt einen bedeutenden Bereich der Wissenschaft nicht ab. Und es gibt eine Reihe von Fragen, die die Wissenschaft nicht beantwortet. Es heißt oft, dass die Wissenschaft alles erklären könne; dabei kann sie nicht einmal ihre eigenen Grundlagen erklären, da es für die Existenz der Wissenschaft notwendig wäre, dass die Welt geordnet sei. Sie sucht nach dieser Ordnung, beantwortet aber nicht die Frage, woher diese stammt. Und während dies einem Christen offenbart ist, hat der Atheist dazu keine Antwort; er verfährt nach dem Motto: „Das Leben ist, wie es ist, und nichts anderes.“ So wie der Christ Gott als gegeben hinnimmt, so sagt der Atheist, dass es die Welt und ihre Gesetze einfach gegeben seien.

 

Legen Sie Gott als Fakt vor und Bill Gates als Dienstprogramm

Die ganze Kritik am Christentum seitens der Atheisten ist szientistisch und erfolgt nach der Devise: „Legen Sie uns Gott als wissenschaftlichen Fakt vor! Können Sie uns die Existenz Gottes wissenschaftlich beweisen?“ Im Rahmen der wissenschaftlichen Methode – nein. Es gibt eine Menge Dinge, die im Rahmen der wissenschaftlichen Methode nicht bewiesen werden können, zum Beispiel, dass das Universum älter als fünf Minuten sei – vielleicht ist das Universum ja auch erst vor fünf Minuten zusammen mit dem Abendessen in meinem Magen aus dem Nichts entstanden, zusammen mit den Erinnerungen an mein vorheriges Leben und allem anderen? Kann ich das beweisen oder widerlegen? Das kann ich nicht. Ich kann nur glauben, dass meine Erinnerungen mich nicht täuschen.

Wir können im Rahmen der wissenschaftlichen Methode die Existenz Gottes nicht beweisen. Die Mittel der Wissenschaft ermöglichen es uns, bestimmte materielle Objekte oder Prozesse zu entdecken und zu erforschen. Gott ist kein materielles Objekt und auch kein solcher Prozess. Folglich können wir IHN so nicht entdecken und erforschen. Hier möchte ich folgendes Beispiel anführen: PC-Nutzer unterteilen sich in zwei Glaubensgruppen – Billisten und Abillisten. Billisten glauben, dass das Betriebssystem Microsoft Windows von Bill Gates und seinen Kollegen erschaffen wurde und dass deren Geschicklichkeit enorm sei. Deswegen halten die Billisten es für ihre sittliche Pflicht, an Microsoft Lizenzgebühren abzuführen. Und dann es die Abillisten, die glauben, dass dieser Glaube unsinnig und dumm sei, dass Windows eine Art Evolution durchlaufen habe und wir davon ausgehen könnten, es sei als  Ergebnis von „Bugs“ (Programmierfehlern) im ursprünglichen DOS (Betriebssystem) entstanden und habe sich selbständig weiterentwickelt, wobei nutzerfreundlichsten Versionen zurückgehalten und nur  die weniger erfolgreichen veröffentlicht worden seien. So habe Windows sich allmählich entwickelt, und so habe sich Windows bis zur Version 7 revolutioniert, und die Mythen über Bill Gates, der an der Spitze von Microsoft sitze und von dort unlizenzierte Nutzer mit Donner und Blitz schlage, seien Spinnereien, eines modernen Menschen unwürdig. Und wenn die Abillisten sagen würden: zeigt uns doch einmal diesen Bill Gates im Betriebssystem, könnten wir sagen, dass Bill Gates, im Rahmen unserer billistischen Vorstellungen, weder ein Dienstprogramm noch ein Interface-Element noch der Kern des Betriebssystem ist, sondern sein Schöpfer. Er befindet sich außerhalb des Betriebssystems. Interessanterweise können Abillisten ihre Arbeit am PC genauso gut meistern wie die Billisten.

Wenn Atheisten fordern, Gott durch eine wissenschaftliche Methode nachzuweisen, ist dies dasselbe, wie zu verlangen, Bill Gates im Microsoft-Betriebssystem nachzuweisen. Wir können erkennen, dass ein Wille und ein Verstand dahinterstecken; aber wir können Bill selbst nicht darin aufspüren.

 

Am Anfang schuf Gott die vier Grundkräfte und sprach:
„Es werde die Ausdehnung
des Universums“

Es stellt sich die Frage, inwiefern die Bibel (nicht nur der Glaube an Gott) mit den Angaben der Wissenschaft übereinstimmt. Ich kann sagen: sie stimmt wunderbar damit überein. Das stellt für viele Menschen ein Problem dar. Man sagt mir häufig: hier in der Bibel steht geschrieben, dass der Himmel ein hartes Gewölbe sei; aber Gagarin ist hindurchgeflogen, ohne sich zu stoßen. Oder es kommt die beliebte Frage nach dem Hasen als Wiederkäuer oder dem paarigen Huf. Dabei helfe ich den Fragenden weiter: hier in der Bibel steht geschrieben, dass Abraham Isaak geboren habe; und die moderne Frauenheilkunde besagt, dass Männer nicht gebären. Es bestehen Tendenzen, die Wissenschaft um der szientistischen Beziehung zur Heiligen Schrift willen abzulehnen.

Ich glaube, wir werden alle irritiert, wen wir fehlerhafte Behauptungen über das Christentum  lesen. Diese Reaktion kommt oft vor bei Biologen, wenn ein gut gesinnter Christ, nachdem er ein Buch von Henry Morris gelesen hat, zu erklären versucht, dass die gesamte moderne Biologie Unfug und Ketzerei sei.

Ich bin der Meinung, dass wir die Wahrheit anstreben sollten. Wir sollten das, was sich auf den Glauben und das Heil bezieht, trennen von dem, was sich auf die Naturwissenschaften bezieht. Wissenschaftliche Irrtümer sind für sich noch kein Beweis für die Existenz Gottes. Wenn morgen bewiesen würde, dass die gesamte Theorie der Evolution fehlerhaft sei, wäre das dann ein Beweis dafür, dass Gott existiert? Nein; da diese Theorie selbst die Existenz Gottes keinesfalls widerlegt.

Wir glauben, dass Christus der Sohn Gottes ist, dank dem Zeugnis der Kirche, nicht dank dem Zeugnis der Naturwissenschaften. Die Bibel ist generell kein Buch über Naturwissenschaften.

Die Bibel ist dazu bestimmt, dass die Menschen „glauben, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und dass jene, die dies glauben, das ewige Leben haben in seinem Namen“. Das heißt, das Ziel der Bibel ist es, die Menschen zum Heiland und in Beziehung zu Gott zu bringen. Das Ziel der Bibel besteht nicht darin, Menschen früherer oder heutiger Tage über den Bau des Weltgebäudes zu informieren. Der Heilige Geist wurde nicht dazu herabgesandt, um zu bezeugen, dass Gott in Wirklichkeit die vier physikalischen Grundkräfte – Gravitation, Elektromagnetismus, die starke und die schwache Wechselwirkung – geschaffen und gesprochen habe: “Es werde die Ausdehnung des Universums, und es werde Materie, und Gott schied die Materie vom Licht, und sah, dass es gut war. Und sprach Gott: es werden Supernovae und schwere Elemente“ usw.

Die Interpretation des biblischen Textes nach wissenschaftlichen Aspekten ist ein grober Fehler. Die Heilige Schrift wurde und wird den Menschen in einer konkreten historischen Situation zuteil. Der Heilige Geist hat nicht die Aufgabe, die Adressaten der Botschaft über die Naturwissenschaften zu belehren. Vermeiden wir das logische Durcheinander; es existieren keine Widersprüche zwischen der Wissenschaft und der christlichen Offenbarung.

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