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PC-Technologie und spirituelles Leben

1. Dezember 2011
Ein Vortrag des Igumens Dr. rer.nat. und Dr. theol. Adrian (Paschin), Sekretär des Wissenschaftlichen Rates der Moskauer Geistlichen Akademie, gehalten auf der Konferenz „Wissenschaft – Philosophie – Religion“, die vom 10. bis 11. November 2011 in Dubna stattfand. Der Autor beschäftigt sich mit dem Problem des Einflusses der Computertechnologien auf das geistliche Leben des modernen Menschen, auf seine Wahrnehmung der Wirklichkeit und seine Einstellung zum Glauben.

Der Computer ist eine relative junge Entwicklung des menschlichen Erfindergeistes. Allerdings haben die PC-Technologien innerhalb der wenigen Jahrzehnte ihrer Existenz unser Leben bereits so wesentlich verändert, dass wir es uns ohne sie schon kaum mehr vorstellen können. Dieser Prozess kann nicht mehr rückgängig gemacht werden ob wir dies wollten oder nicht. Und die Veränderungsprozesse sowie die Wege der Technologieentwicklung sind schwer vorherzusagen. Tatsächlich wächst die Geschwindigkeit, mit der Computer arbeiten, exponentiell. Dieses rasende Wachstum der Arbeitsgeschwindigkeit garantiert die Entwicklung und Realisierung von Projekten, über deren Fortgang wir nur spekulieren können.

Eine dieser Anwendungen der ist die „gewöhnliche“ Technik, die bereits fast überall „intelligent“ geworden ist – Prozessoren und eingebaute PCs gibt es sowohl in der Haushaltstechnik als auch in Verkehrsmitteln, Militärtechnik, energetischen Objekten usw. Durch diese Computerisierung wird die menschliche Arbeit sehr erleichtert, ihre Effizienz vergrößert sich um ein vielfaches, und die Sicherheit der Technik selbst erhöht sich ebenfalls. Wir wollen uns hier diesen Fragen nach der Einstellung zur Technik als solcher nicht weiter widmen, da ihr ohnehin unsere ganze Tagung gewidmet ist.

Eventuell lohnt es sich aber, einige Worte zur Anwendung von PC-Technologie in der Medizin zu sagen. Auf unserer letzten Tagung wurde diese Frage nämlich nicht erschöpfend behandelt.

Hier sind die Perspektiven auch beeindruckend. So haben japanische Wissenschaftler es geschafft, ein Mikroimplantat zu entwickeln, das ins menschliche Gehirn eingepflanzt wird und es ermöglicht, spezielle Robotertechnik zu steuern. Die Grundlage dieser Entwicklungen ist die Technologie der Arbeit mit Gehirnwellen über ein Sensorennetz. In naher Zukunft wird diese Forschung, die in Japan mit staatlicher Hilfe betrieben wird, partiell oder vollständig gelähmten Menschen, deren Gehirnarbeit aber noch intakt ist,   die Möglichkeit geben,  bestimmte Tätigkeiten durchzuführen. Beispielsweise würde ein mit solch einem Chip ausgestatteter Mensch sich mithilfe einer Cyber-Hand selbst ein Glas Wasser eingießen oder im Rollstuhl bewegen können.

Diese Perspektiven scheinen großartig zu sein. Doch zeigt der neue amerikanische Film „Surrogates“, das solche Erfindungen missbraucht werden können. Es ist eine Sache, wenn man versucht, Kranken zu helfen, die diese oder jene Störung innerhalb der menschlichen Natur haben. Aber eine ganz andere Sache ist es, in die menschliche Natur, die Gott erschaffen hat, einzugreifen und sie zu ändern.

Es kann mit ganz harmlosen Dingen anfangen. So vermuten die japanischen Wissenschaftler, die das oben beschriebene Implantat entwickelt haben, dass der freie Handel mit Systemen, die „menschliche Gedanken lesen“ können, bereits in einigen Jahren Realität sein wird. Mit ihrer Hilfe könnte man Fernseher, Handys, PCs und jede Menge Haushaltsgeräte steuern. Eine mögliche Anwendung in Verbindung mit der Satellitennavigation wäre etwa, dass ein Fahrer nur ans Essen denken bräuchte, damit der Navigator das nächstgelegene Restaurant ansteuert. Klimaanlagen könnten auch ohne Worte verstehen, wie komfortabel es für den Menschen im Zimmer ist und ob sie die Temperatur beibehalten oder verändern sollen. 

Doch würde das menschliche Streben nach Komfort dort nicht haltmachen. Und es ist nicht weit bis zu den Realitäten, die im Film „Surrogates“ beschrieben sind, wo Menschen in Sesseln liegen und ihre Surrogate fernsteuern, die für ihre „Operatoren“ das reale Leben führen – arbeiten, sich unterhalten, trinken, essen, reisen, sich in Kurorten erholen…

Wenden wir uns nun dem Thema zu, das in erster Linie mit dem Begriff „PC-Technologie“ assoziiert wird: das Internet.

Noch von einigen Jahren wurde das Internet lediglich als eine große Bibliothek und Informationsquelle wahrgenommen. Diese Rolle ist zwar auch weiterhin äußerst wichtig und wird auch wichtig bleiben. Wie steht die Kirche dazu? Die Kirche nimmt den Internet-Raum als momentan wichtigstes Instrument für die Verbreitung des Evangeliums wahr. Und dies ist keine Überraschung, sondern wurzelt im kirchlichen Leben.

Der Übergang von Schriftrollen als Datenträgern zu Codices (also zu Büchern) ist dem Christentum zu verdanken. Die schnelle Verbreitung der christlichen Predigt im Römischen Reich war damit verbunden, dass die Frühchristen begannen, das für ihre Zeit neue, preisgünstigere und bequemere Kommunikationsmittel – den Codex – zu benutzen. Die Entdeckung des Buchdruckes durch Gutenberg im 15. Jahrhundert förderte die Entwicklung der Reformation und die Verbreitung der Bibel in den Volkssprachen. Das erste gedruckte Buch in Russland war der gottesdienstliche Apostolos. Der Buchdruck ermöglichte es, im 17. Jahrhundert die Frage über die „Buchberichtigung“ in Russland  aufzuwerfen. Im 20. Jahrhundert nutzten die Christen im Westen Radio und Fernsehen aktiv für die Zwecke der Evangelisation.

Für die Kirche ist es durchaus natürlich, zur Mission und sittlichen Erleuchtung alle verfügbaren Mittel zu nutzen, natürlich auch ein derart mächtiges wie das Internet. Bestimmt gibt es nur noch wenige Gotteshäuser, die keine eigene Webseite haben. Auch christliche Internetbibliotheken gibt es.

Doch ist es für die Nutzer kein Geheimnis, dass das Internet auch schädliche Informationen bereithält. So besteht etwa ein Drittel des gesamten Internet-Traffics aus Pornographie. Vermutlich lohnt  sich die Überlegung, im Internet einen Bereich abzusondern, der nur für registrierte erwachsene Nutzer zugänglich ist. Das würde es ermöglichen, Kindern und Jugendlichen den Zugang zu schädlichem Content zu verwehren, und auch viele Erwachsene, die im Internet nicht anonym arbeiten, würden dann keine Lust mehr haben, gewisse Webseiten zu besuchen.

Die Heiligen Väter sprechen von mehreren Stadien der Entwicklung der Sünde. Zunächst kommt eine Eingebung  („Einschmeichelung, Suggestion“, russ. прилог, griech. logismos); dies kann sowohl ein äußerer Reiz als auch Gedanke sein. Dann kommt die Verbindung („Annahme“, russ. сочетание), dann die Zustimmung (russ. сложение) und danach die Gefangenschaft (russ. пленение); und, schließlich und endlich, die Leidenschaft (russ. страсть) selbst. Ein grelles Bildchen ermöglicht es, die drei Anfangsstadien leichter zu überwinden, und im Internet sind solche Bildchen allzu leicht zugänglich.

Neulich ist das Internet mehr als einfach eine riesige Bibliothek geworden. Sein Medienwesen ist interaktiv geworden. Bekannterweise entwickelte Mark Zuckerberg das soziale Netzwerk „Facebook“, um sein eigenes Kommunikationsbedürfnis zu befriedigen. Es war also nicht Facebook, welches soziale Verbindungen erschuf, sondern diese erschufen erst das Facebook. Tatsächlich sind soziale Netzwerke, Blogs, Chats, LiveJournals, Twitterund die anderen „Neuen Medien“ weitverbreitete Wege menschlicher Kommunikation geworden. Sie bauen Barrieren ab, überwinden riesige Distanzen, ermöglichen es, private Beziehungen und Vertrauen zwischen Menschen aufzubauen und den kulturellen Austausch zu harmonisieren oder sich als Teil einer Gemeinschaft (auch einer religiösen) zu fühlen. Deshalb können und müssen wir die sozialen Netzwerke für die Predigt des Evangeliums nutzen.

Westliche Theologen vergleichen die modernen sozialen Netzwerke sogar mit der Tätigkeit, die der Apostel Paulus begonnen hatte – seine Sendschreiben, Missionarbesuche und Predigten hatten die schnelle Verbreitung des Christentums über das Territorium des Römischen Reiches gefördert. Und deshalb nennen sie auch die Kirche ein soziales Netzwerk, das ein Mittel zur Verfügung stellt, die Gläubigen einander näherzubringen, und damit, der Ansicht westlicher Theologen nach, näher zu Gott.

Doch diesem Vergleich können wir nicht zuzustimmen. Dieses Bild – die Kirche als soziales Netzwerk – ist praktisch dasselbe wie die Lutherische Vorstellung über die „unsichtbare Kirche“. Es ist erstaunlich, dass im modernen Protestantismus ausgerechnet die sozialen Netzwerke die Art des Glaubens verändern, indem sie die Lutherische Lehre über die unsichtbare Kirche bestätigen. Es gibt z.B. die Möglichkeit, am Sonntagsgottesdienst per Online-Videoübertragung teilzunehmen – z.B. über Skype. Auf diese Weise verkörpert sich die Vorstellung Luthers über die Kirche – genauer gesagt, es findet eine „Entkörperung“ der Kirche statt, die Ablösung der Christen vom Leib Christi, von der Eucharistie.

Leider bahnen soziale Netzwerke auch neue Wege für Aggression und anderen Schaden. Vermutlich sind sie teilweise mitverantwortlich für die Zerstörung des Instituts der Ehe in der modernen Gesellschaft. Virtueller Sex über Netzwerke und Mobilfunk führt, mitsamt der Zugänglichkeit und „Sicherheit“ des nicht an die Ehe gebundenen Sexes, dazu, dass das Alter der Eheschließung sich immer weiter erhöht und die Notwendigkeit der Ehe generell in Frage gestellt wird.

Ich möchte noch auf ein sehr spezifisches Problem eingehen, nämlich die Teilnahme von Mönchen an sozialen Netzwerken. Die Heiligen Väter und Asketen riefen die Mönche dazu auf, in ihren Zellen „wie Fische im Wasser“ zu sein (so der Hl. Mönch Antonius der Große). Auch wenn sie das Kloster in dringenden Angelegenheiten verlassen mussten, bemühten sie sich, der sie umgebenden Natur, der Umgebung und der Stadt keine Aufmerksamkeit zu schenken und sich nicht von ihren Aufgaben ablenken zu lassen. Stellen wir nun die Frage, inwiefern ein moderner Mönch, der sein Kloster nicht verlässt, diesem Geist der geistlichen Vorkämpfer des Altertums noch treu bleibt, wenn er Hunderte oder Tausende „Facebook-Freunde“ hat, sein „LiveJournal“ aktiv pflegt und an kontroversen Blog-Diskussionen teilnimmt?

Doch ist dieses Problem nicht spezifisch für Mönche. Die asketischen Regeln sind im gewissen Maße auf jeden Christen anwendbar. Wir alle sind berufen, in unseren Gedanken  dem einen[1], was not ist, zuzustreben, vor unseren Augen Gott zu haben, uns nicht abzulenken. Indem der Mensch aber in die sozialen Netzwerke hinausgeht, stellt er entweder seine innerliche Welt zur Schau (eine Art von Narzissmus, Eitelkeit und Stolz) oder gibt sich für jemanden anderen aus – hier paart sich also Heuchelei mit Verantwortungslosigkeit.

Ein anderes Problem, das mit der Teilnahme von Christen und Geistlichen in Blogs einhergeht, nennt Wladimir Wigilansky, Leiter der Pressestelle der Moskauer Patriarchie, in einem seinen Interview für das Portal  Bogoslov.Ru: „Wortklauberei, Schikane, Spötterei – das sind kennzeichnenden Merkmale der ‚Blogosphäre‘. Anstatt Vorbilder in zivilisierten, wohlwollenden Debatten zu sein, übernehmen Geistliche von ihren Gesprächspartnern die teilweise obszöne Sprache der ‚LiveJournals‘…Wie jedes andere Kommunikationsmittel ist das Internet neutral, und von uns allein – den Nutzern –  hängt es ab, ob dort die Sprache der Mission, des Bekenntnisses zur Wahrheit, der christlichen Freiheit und Liebe ertönt, oder ob es sich in eine Mülldeponie von kleinlichen Eigenlieben, Geschwafel und bösen Wünschen umwandelt… Bei einigen LiveJournal-Autoren ist das Gefühl der korporativen Solidarität komplett verloren gegangen; sie kritisieren und verurteilen hemmungslos die Handlungen ihrer Mitbrüder in aller Öffentlichkeit, verbreiten Klatsch und schädliche Verallgemeinerungen über negative Seiten des kirchlichen Lebens.“

Warum geschieht dies? Teilweise ist es der Leichtigkeit geschuldet, eigene unbedachte Meinungen ohne sichtbare Anwesenheit eines Gesprächspartners zu äußern. Einem Menschen, der real mit uns spricht, kann man nicht alles ins Gesicht sagen und auch nicht immer ironisch sprechen. Auch ein Brief wird normalerweise nochmals durchgelesen, bevor er (per Post oder E-Mail) abgeschickt wird. Aber in Blog, LiveJournal, Chat oder SMS gibt man das erstbeste, was einem durch den Kopf geht, ein und verschickt es per Knopfdruck. Sicherlich betreiben viele dieses sogenannte „Trolling“ im Internet, oft sogar mit voller Absicht.

Unter den PC-Technologien sind die PC-Spiele wahrscheinlich die schärfste Herausforderung an das spirituelle Leben und die psychische Gesundheit. In „Web Feeds“ finden sich Meldungen über exzessive Gamer, die zu Mördern wurden – weil ein Mitspieler ihre virtuellen Waffen verkaufte, der eigene Vater die PC-Tastatur wegnahm usw.

Spielsucht ist mit Drogensucht vergleichbar – ein Desaster, das schwer zu bekämpfen ist. Manche Psychiater behaupten, dass die Therapie von Spielsüchtigen spezieller Vorgehensweisen bedarf, die anders als die für Alkoholiker und Drogenabhängige sein müssten. Dabei wird die Drogensucht staatlicherseits bekämpft, während alle möglichen PC-Spiele praktisch allgemein zugänglich sind.

Viele dieser Spiele für Teenager basieren auf Aggression und Mord, und oft kommen darin dämonische Charakteren vor. Dabei kann der Spieler je nach Wunsch oft entweder die Seite des Kämpfers gegen die Dämonen als auch die der Dämonen selbst einnehmen. Solche Spiele erziehen Teenager zur Sympathie für den Satanismus.

Sicherlich sind nicht alle Anwendungen gleich schädlich. Zum Beispiel wird in der modernen Medizin die Methode des biologischen Feedbacks mit großem Erfolg genutzt, die auf speziellen Computerprogrammen basiert. Das kann unter anderem die Reaktionsfähigkeit von Patienten, die unter bestimmten Krankheiten leiden, verbessern und ihre Herz-, Kreislauf-, Nerven- und Muskelsysteme trainieren.

Es gibt auch spezielle Entwicklungsspiele, die sogar von Psychologen und Pädagogen empfohlen werden. Es gibt auch Spiele mit christlichen Strategien und Quests. Solche Versuche sind zwar zu begrüßen, doch es ist offensichtlich, dass es durchaus kompliziert und schwierig ist, bei der Entwicklung solcher Spiele sowohl Blasphemie als auch Bigotterie zu meiden.

Doch würden all diese Projekte sich als nutzlos erweisen, wenn wir versuchen würden, unsere Ziele nur durch Entwicklungsspiele zu erreichen, ohne eine ganzheitliche Vorgehensweise anzuwenden, da wahre Entwicklung durch die Erkenntnis der realen und nicht der künstlichen, virtuellen Welt erfolgt und ein elektronisches Spielzeug – so perfekt es auch immer sein mag – nicht als Instrument der Erkenntnis dienen kann. Sogar die sogenannten „intelligenten“ Spiele entwickeln den Intellekt nicht so sehr, als dass sie ihn versklaven. Sie entwickeln lediglich solche Seiten des Intellekts, die sich im Leben als nutzlos erweisen, da sie uns immer in eine stark vereinfachte Welt versetzen, die durch wenige klar formulierte Regeln definiert wird, während die uns umgebende wirkliche Welt in keinen endlichen Regelsatz hineingequetscht werden kann. Diese Spiele entwickeln keine schöpferische Intuition, sondern lehren nur, technologisch zu denken: es gibt eine Aufgabe, ein Ziel und eine endliche Menge an Lösungswegen.

Sogar relativ harmlose Spiele können großen Schaden anrichten, wenn man von ihnen total süchtig wird. Und von PC-Spielen werden, laut unterschiedlichen Daten, 10 bis 15 Prozent der Spieler süchtig; nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene. Solche Gamer spielen täglich mehrere Stunden, oft sogar ganze Tage und Nächte hindurch. Oft bildet sich ein bestimmter Rhythmus aus – Spielen nach der Arbeit oder nach der Schule, Spielen in der Mahlzeitpause usw.

Solch abhängiges Verhalten gibt es übrigens nicht nur bei PС-Spielen, sondern auch bei der PC-Nutzung allgemein (als Abhängigkeit vom Internet). Die Ausgiebigkeit und Zugänglichkeit der Information fasziniert manche so dermaßen, dass sie viele Stunden im Netz verbringen und einen Link nach dem anderen anklicken, auf Kosten der Zeit, die sie für Arbeit, Familie, Gebet und Schlaf bräuchten. Und sogar wenn die Zeit für Gebete noch ausreicht, fehlt dazu oft schon die Kraft. Auch die gelesenen Informationen nutzen meist wenig, denn sie werden meist nur überflogen statt gründlich studiert. Daher stammen solche Erscheinungen der modernen Gesellschaft wie die Fragmentarität des Bewusstseins und das Fehlen eines ganzheitlichen Weltbildes.

Übrigens haben Studien in Großbritannien gezeigt, dass die heute 15jährigen Teenager in ihrer intellektuellen Entwicklung den 13jährigen vor 30 Jahren gleichen. Vermutlich trägt das „Zeittoschlagen“ am PC zur dieser Entwicklungsverzögerung bei.

Wir stellen also fest, dass die virtuelle Realität, die sich uns in PC-Spielen oder anderen Anwendungen darbietet, dem Menschen inzwischen oft näher steht als das reale Leben. Die Heiligen Väter schenkten der spirituellen Gefährlichkeit von Phantasien und mentaler Entfernung von der Realität besondere Aufmerksamkeit. In virtuellen Realitäten kann man reale Sünden begehen und sich an Böses, Stolz, Geldgier und Unfreiheit verlieren. Die Frage ist, ob virtuelle gute Werke auch in den Augen Gottes gut sind.

Heute sind es nicht nur Spiele, sondern immer neue Applikationen („Apps“), die den Grad der Involvierung in den virtuellen Raum immer mehr erhöhen und die Grenze zwischen Realität und Virtualität immer mehr verwischen. Während man früher bei der Begegnung den Hut zog, nimmt man heute den Kopfhörer aus dem Ohr. Virtuelle Empfindungen werden dermaßen intensiv, dass es bald schwer fallen wird, sie von realen Empfindungen zu unterscheiden. Das Leben wird, was die Empfindungen betrifft, einfach und „easy“, und das wird auch auf den Glauben übertragen – weder wirken die spirituellen Gefahren besonders erschreckend noch bekümmert das Schicksal nach dem Tod. Erwähnenswert sind dabei solche Phänomene wie „Cappuccino-Christianity“ oder „Orthodoxie Light“. In einem modernen dystopischen Roman wird das nicht so weit entfernte Bild beschrieben, dass Menschen über Nano-Auftragungen an der Augen-Netzhaut mit dem Internet verbunden sind. Neulich habe ich mir selbst überlegt, ob es sich noch lohnt, mühevoll eine Fremdsprache zu lernen, wenn es in einigen Jahren möglich sein wird, mit jedem Ausländer über eine Übersetzungs-„App“ zu kommunizieren.

Zum Schluss möchte ich ein klassisches Bild bemühen. Ein Messer ist an sich sittlich neutral; man kann mit ihm sowohl Brot schneiden als auch einen Menschen umbringen. Dieses Bild ist sicherlich auch auf die PC-Technik anwendbar. An sich ist sie sittlich neutral. Doch ist dieses PC-„Messer“ sehr viel komplizierter – es wirkt direkt auf den Intellekt, die Gefühle, den Willen und die Seele des Menschen. Es ist ein kräftiges Werkzeug, das dem Menschen bei der Erkenntnis der evangelischen Wahrheiten zu helfen vermag, ihn aber auch zur Versklavung durch die Sünde bringen kann.



[1] Lk 19,42 (Anm.d.Ü.)

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