Функционирует при финансовой поддержке Федерального агентства по печати и массовым коммуникациям
Goldener Fonds
Leserkommentare rss

Die theologische Sicht auf Menschenrechte, politische Traditionen und Gegebenheiten

12. Dezember 2011
Vom 9. bis 11. Dezember 2011 fand in der Evangelischen Akademie Bad Boll die internationale Konferenz „Christliches Verständnis der Menschenrechte: schwierige Fragen“, die von dem Kirchlichem Außenamt des Moskauer Patriarchats (KAMP), der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, der Konferenz Europäischer Kirchen und der Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert worden ist.

Erzpriester Wsewolod Tschaplin, der Vorsitzende der Abteilung für die Wechselbeziehung zwischen Kirche und Gesellschaft, hielt einen Vortrag zum Thema „Die theologische Sicht auf Menschenrechte, politische Traditionen und Gegebenheiten“.

[Die Redaktion Bogoslov.Ru/De veröffentlicht im Folgenden die Übersetzung seines Vortrags.]

Es ist nicht wenig erfreulich, dass sowohl im Osten, als auch im Westen Europas sich erneut Diskussionen über philosophische und theologische Grundlagen der Menschenrechte und ihre Grenzen aufkommen, wovon auch das gegenwärtige Treffen zeugt. Diese Treffen mögen nicht ihr Ende in dieser Konferenz finden, sondern als ein Anfang dienen. Zweifelhaft ist die Behauptung, dass das Verständnis von Recht, Freiheit und Menschenwürde, wie es sich seit einigen Jahrzehnten in einer der politischen Traditionen und in einem der politischen Systeme verankert hat, endgültig, allgemeingültig sei, und zur keiner weiteren Reflexion bestimmt. Je mannigfaltiger sich die Entwicklung der Welt gestaltet, desto mehr Grundlage gibt es für Diskussionen wie der unsrigen und für Schlussfolgerungen daraus.

Die Diskussion behandelt die Fragen des gesellschaftlichen Aufbaus

In der orthodoxen Vorstellung gab es immer die Vorstellung, dass der Mensch, welcher nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde, sehr wertvoll ist. Im Übrigen schafft der ontologische Wert des Menschen nicht den realistischen Aspekt ab, dass die Welt in der Sünde versunken liegt, und dass die Persönlichkeit an der Sünde leidet und auf ihr Heil hofft. Die Orthodoxie teilt nicht die „aufklärerische“ Lehre vom Menschen als einem Wesen, das in Freiheit von sich aus nach dem Guten strebe, oder dass die Gesellschaft, wieder unter der Bedingung der Freiheit, von sich aus auf den „Fortschritt“ ausgerichtet sei. Orthodoxe Christen sind keine sozialen Optimisten. Sie nehmen die Prophetie der Apokalypse im Bezug auf die Menschheit sehr ernst, einer Menschheit, die sich immer weiter von Gott entfernt und dann sich selbst überlassen wird, einer Menschheit, in welcher sich das Böse vermehrt, das Böse, das an seine ultimativen Grenzen stößt, worauf der Armageddon und die Wiederkunft Christi folgen.

Der Mensch und die Gesellschaft können von sich aus das moralische Ideal nicht erreichen. Dafür benötigen sie die Gnade Gottes, die von der wahren Kirche gespendet wird. Die Persönlichkeit und die Gesellschaft können ohne die Erziehung und Bildung nicht moralisch sein; auch nicht ohne dass die Gesellschaft das Gute unterstützt, das Böse aber einschränkt; das Böse, das von der Kirche als solches erachtet, von dem modernen Rechtssystem jedoch als „normale Erscheinung“ deklariert wird, mit eingeschlossen. Nicht umsonst besteht kein geringer Streit zwischen den orthodoxen Christen und jenen, die aus Gefälligkeit gegenüber der Politkorrektheit den Christen das Recht nehmen wollen, solche Erscheinungen, wie Homosexualität, Abtreibung, außereheliches Sexualverhältnis, Sakrileg, Gottesabtrünnigkeit, Entweihung der Heiligtümer und der Gleichen als Sünde und Bosheit zu bezeichnen. Für den wahren Christen, im Vergleich zum säkularen Anthropozentriker, beschränkt sich das Quantum ungerechter, sündiger Handlungen in der Tat nicht nur auf die Verbrechen gegen eine Person oder Gesellschaft. Für uns ist Sünde das Übertreten der Gebote Gottes, die unveränderlich sind wie Gott Selbst. Auch wenn diese Gebote sich in gar keiner Wiese im weltlichen Rechtssystem oder in den gemeinschaftlichen Sitten widerspiegeln, bestehen die orthodoxen Christen auf der Notwendigkeit der Wahrung derselben sowohl durch den Menschen, als auch durch die Gesellschaft. Gewiss, wäre es merkwürdig, viele der Sünden durch einen legislativen Eingriff und Weisung des Staates einzugrenzen. Doch sie können und müssen innerhalb der Familie der kirchlichen und bürgerlichen Gemeinschaft geheilt werden. Die Kirche ist berufen das Sündhafte zu entlarven, indem sie die Menschen zu Buße und Verbesserung anleitet.

Menschrechte sind unzertrennlich verbunden mit Pflichten und bürgerlicher Verantwortung, ohne welche die Selbstverwirklichung der Persönlichkeit zu einer egoistischen und konsumorientierten Beziehung zum Nächsten, zu durch vergangene Generationen Geschaffenem und zu den Lebensinteressen zukünftiger Generationen zu werden droht. Nicht umsonst ist die Wechselbeziehung der Rechte und Pflichten so deutlich in der russischen politischen Tradition betont worden.

Der größte Teil der Menschenrechte, den wir im modernen Rechtssystem kennen, wirtschaftliches, soziales und kulturelles Recht mit eingeschlossen, stimmen im Großen und Ganzen überein mit der orthodoxen Vorstellung über die Bedingungen, die für das freie Leben einer Persönlichkeit notwendig sind. Viele könnten auf den Gedanken kommen, dass, indem die gleichen Rechte anerkannt werden, die Orthodoxen und Menschen anderer Weltanschauungen fähig sind, sich unter „allgemeinmenschlichen“ Werten zu vereinigen. Jedoch muss ganz genau die Hierarchie der Werte betrachtet werden, in welcher, im Vergleich zu säkularen Humanisten, für orthodoxe Christen gerade nicht das irdische Leben des Menschen und alles, was damit verbunden ist, an erster Stelle steht.

Die Werte des Glaubens, der Heiligtümer, des Vaterlandes stehen für die meisten orthodoxen Christen höher, als die Rechte des Menschen, sogar höher als das Recht auf Leben. Eben aus diesem Grunde appellierten sowohl die Bischöfe, als auch die Starzen-Einsiedler zu Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen an das Volk, damit sich jenes in voller Waffenrüstung dem Fremden, besonders aber dem andersgläubigen Angreifer widersetzte. Zu Zeiten der gottesabtrünnigen Verfolgung übergab die Kirche ohne großen Widerstand die Güter, die keine liturgische Funktion besaßen, doch sie berief die Menschen bis zum bitteren Tod Widerstand zu leisten, wenn es um Sakrileg ging, wenn es sich um liturgische Utensilien handelte, die von keinem gewöhnlichen Menschen, also Laien, angefasst werden dürfen.

Folglich gibt es noch in der christlichen Tradition Dinge, die bei weitem wichtiger sind als das irdische Leben – zuerst das eigene, dann das des anderen (besonders, wenn es sich um einen Aggressor handelt). Das ist der Glaube – denn es ist besser zu sterben, als ihn zu verlieren. Das sind Heiligtümer – denn unter keinen Umständen darf ein Christ sie der Schändung ausliefern. Das ist das Leben und das Wohl des Nächsten – der Familie, der Gemeinschaft, des Volkes, überhaupt jedes Menschen, der Not leidet.  Ein anthropozentrisches politisch-rechtliches System, das lediglich die irdischen Interessen des Menschen und der Gesellschaft verteidigt, wird sehr unwahrscheinlich in vollem Umfang vom wahren Christentum akzeptiert werden, - gerade deswegen, weil in diesem die Werte des Glaubens und des Vaterlandes, wofür ein Christ zu sterben bereit ist, weit unter den Werten des Überlebens des Menschen in dieser Welt gestellt werden, und ganz offensichtlich unter solche Werte wie Komfort, Wohlstand, Gesundheit und Erfolg. Es ist nicht verwunderlich, wenn es im Laufe unserer Polemik mit den säkularen Rechtsverteidigern die Hierarchien der Werte kollidieren: wir behaupten, dass die Verteidigung gegen Blasphemie weitaus wichtiger sei als Redefreiheit und Freiheit künstlerischer Betätigung, und in dieser Hinsicht wird uns widersprochen. Man stellt uns vor die These, dass um des Lebens der Soldaten und Krieger in Tschetschenien willen die Spaltung Russlands sinnvoll wäre – doch wir sind damit nicht einverstanden.

Wir wollen hoffen, dass der moderne Mensch verschiedene Wertehierarchien mindestens auf gleiche Weise zu respektieren und in Einklang zu bringen lernt, indem er darauf verzichtet, das Gesetz und die gesellschaftlichen Einrichtungen dem Monopol des Anthropozentrismus zu unterwerfen.

 

Wie soll sich Westen entwickeln?

Meiner Ansicht nach hat der westliche theologische und philosophische Gedanke bereits vor vielen Jahrzehnten den falschen Weg eingeschlagen, indem er den religiösen und „weltlichen“ Bereich voneinander trennte. Die Worte des seligen Augustinus über die „Civitas Dei“ und „Civitas terrena“ wurden von den westlichen Theologen überspitzt interpretiert. Die Doktrin der „zwei Schwerter“, von welcher aus es nicht mehr weit bis zu einer Auseinandersetzung zwischen religiösen und weltlichen Einrichtungen ist, brachte mit der Zeit die Vorstellung von einen unausweichlichen Konflikt zwischen dem religiösem Leben und dem Leben des Staates und der Gesellschaft hervor. Zu ihrer Zeit hat die Römisch-Katholische Kirche versucht, diesen scheinbaren Konflikt mittels Unterwerfung des weltlichen Bereichs unter den religiösen zu lösen. Als eine Ablösung dieses Ansatzes, der sich unter das Prinzip „cuius regio, eius religio“ einordnen lässt, kam das Bestreben, die Bereiche Religion und Weltliches, religiöse und weltliche Einrichtungen, radikal zu trennen, wobei der religiöse Bereich jegliches Recht verlor, auch nur im geringsten Maße über Gegebenheiten gesellschaftlicher Einrichtungen zu bestimmen.

Im Übrigen befindet sich diese Tradition heute vor dem Angesicht neuer Herausforderungen. Das ist besonders die Herausforderung gegenseitiger Missverständnisse mit einem bedeutenden Teil Europas, der zur orthodoxen Welt gehört, aber auch mit vielen Gläubigen der Katholischen Kirche und einer Reihe von evangelischen Bewegungen (in erster Linie amerikanische), die nicht dazu neigen, Religion und gesellschaftliches Leben voneinander zu trennen. Zweitens ist es die Herausforderung des Islam, für den die Trennung zwischen der Religion, dem Gesetz und dem Staates genau so absurd klingt, als wolle man das Licht von der Sonne trennen. Drittens ist es die Herausforderung, dass einer Reihe von Völkern die Lebenskräfte fehlen, die für die Verwirklichung der eigenen Zukunft unter den allgemein schwierigen Bedingungen der weltweiten Prozesse heutzutage notwendig sind. Eine geringe Geburtenrate, die Orientierung auf Konsum, persönlichen Komfort und die eigene Gesundheit – heute eingeschränkt durch die Wirtschaftskrise -, das Fehlen eines religiös-moralischen Imperativs können die Völker, welche vormals Ritter auf Kreuzzüge geschickt hatten, sehr schnell in stimmlose Opfer der äußeren Expansion verwandeln.

Es gibt einige Wege aus dieser Situation, außer natürlich dem einen: Alles so belassen, wie es ist, weil der Status quo bereits zur Eigenschaft der Vergangenheit geworden ist.

Die erste Möglichkeit - der Säkularismus expandiert weiter mittels militärischer, politischer, propagandistischer und Bildungsmaßnahmen realisiert wird. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt kann diese Expansion Erfolg haben, doch es ist offensichtlich, dass immer mehr Menschen und Gemeinschaften ihr widerstreben werden. Solche Expansion wird immer mehr der Dominanz einer Minderheit über die Mehrheit gleichen, das bedeutet einen liberalen Totalitarismus, der sich sein Recht durch Nötigung zur Toleranz und Politkorrektheit verschafft, mit Mitteln der elektronischen Kontrolle der Persönlichkeit, aber auch durch Geld und Waffen, an welchen die westliche Welt reich ist. Doch die Logik der Geschichte zeigt: die wirtschaftliche und militärische Vorrangstellung ist niemals ewig, und es wechseln periodisch jene, die sie innehaben. Sowohl Waffen und Geld als auch der Propagandaapparat verlieren genau dann ihren Sinn, wenn der Westen seine menschlichen Ressourcen einbüßt, indem er sie dem Egoismus, dem Komfort und dem Konsum opfert.

Die zweite Möglichkeit ist die Entfaltung des westlichen politischen Systems unter Berücksichtigung der Traditionen, die nicht dazu neigen, das religiöse und gesellschftliche Leben voneinander zu trennen. Die Rede ist nicht nur von islamischen Prinzipien, sondern auch von orthodoxer Lehre über die Symphonie der Kirche, des Staates und des Volkes. Trotz der heftigen Reaktion der Ultrasäkularen erwägen viele Menschen im heutigen Westen, dass die Anhänger genannter Ansichten auf die Rolle der Religion in der Gesellschaft (d.h. Orthodoxe, Katholiken, evangelischen Bewegungen usw.) das Leben ihrer Gemeinschaften entsprechend ihrem Willen und ihren Regeln einrichten können, - indem sie ihre Subkulturen in den westlichen Ländern gründen. Im Übrigen könnte sich der Westen früher oder später fragen: könnte es vielleicht von Nutzen sein, funktionierende gesellschaftliche Modelle etwas genauer zu analysieren, nämlich solche, die nicht auf einem ständigen Konkurrenzkampf gründen, sondern auf einer harmonischen Koexistenz zwischen der staatlichen Macht, dem Volk und einigen Religionsgemeinschaften? Das wichtigste aber ist: die heutige westliche Welthat noch immer die Möglichkeit, sich ihrer eigenen stolzen christlichen Tradition in ihren besten Erscheinungsformen zu besinnen. Dies hilft nicht nur in der Vergangenheit den Weg in die Zukunft zu finden, sondern die Gemeinsamkeit und ein gegenseitiges Verständnis mit den Hütern der ältesten kirchlichen Tradition – den orthodoxen Christen – zu erreichen.

patriarchia.ru

Weitere Nachrichten der Rubrik Soziologie
Andere Nachrichten
декабрь 2011
Пн Вт Ср Чт Пт Сб Вс  
1 2 3 4  
5 6 7 8 9 10 11  
12 13 14 15 16 17 18  
19 20 21 22 23 24 25  
26 27 28 29 30 31  
добавить на Яндекс добавить на Яндекс