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Goldener Fonds

Die Ikone der menschlichen Freiheit

28. Dezember 2011
In diesem kurzen, aber gehaltvollen Essay, als Predigt auf dem Mariä-Verkündigungs-Fest im Oriel College (Oxford University) vorgetragen, erklärt der bekannte orthodoxe Hirte und Theologe, Metropolit Kallistos (Ware) von Diokleia, warum die All-Heilige Gottesgebärerin das Vorbild unserer wahren Freiheit ist.

Bin ich nicht frei?
1 Kor 9,1

 Gott überzeugt, anstatt zu zwingen, denn Zwingen ist Gott nicht zu eigen.
Epistel des Mathetesan Diognetus , VII, 4

Was werden wir als Gabe darbringen? 

In dem orthodoxen Choral, der am Heiligen Abend gesungen wird, wird die All-Heilige Jungfrau Maria als die allerhöchste, erhabenste Gabe dargestellt, die die Menschlichkeit dem Schöpfer bringen kann:

Was werden wir dir als Gabe bringen, o Christus
Dafür, dass du um uns willen auf der Erde als Mensch erschienst?
Denn jedes der von dir erschaffenen Geschöpfe bringt dir Dankbarkeit dar
Die Engel – das Lied,
Der Himmel – den Stern,
Die Magier – die Gaben,
Die Hirten – das Erstaunen,
Die Erde – die Höhle,
Die Wüste – die Krippe,
Und wir – die Mutter und Jungfrau.[1]

Indem die Gottesgebärerin die größte Darbringung an Gott ist, ist sie ein Vorbild – das zweite nach Christus selbst und durch die Gnade Gottes – dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Sie ist wie ein Spiegel, in dem wir unser wahres menschlichen Gesichtes wiedergegeben sehen. Und als Vorbild der Persönlichkeit, als eine von uns, ist das wichtigste, was sie ausdrückt, die menschliche Freiheit.  

„Bin ich nicht frei?“, fragt der Apostel. Und Maria – in der Szene der Verkündigung ist es besonders deutlich zu sehen – zeigt uns, was hinter dieser Freiheit steht.

Freiheit als Fähigkeit, sittliche Entscheidungen bewusst, mit dem Verständnis der eigenen unbedingten Verantwortung vor Gott zu treffen, ist genau das, was das menschliche Wesen von den Tieren unterscheidet. Wie Søren Kierkegaard in seinen „Tagebüchern“ schrieb: „Die erstaunlichste Gabe Gottes an die Menschen ist die Wahl, die Freiheit“. Ohne freie Wahl gibt es keine wirkliche menschliche Individualität. Gott wandte sich an Israel mit den Worten: „ Ich nehme heute den Himmel und die Erde zu Zeugen gegen euch: Das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle…“ (Dtn 30,19) Damit legt ER uns eine Gabe vor – eine Gabe, die es uns schwer macht, uns ihrer würdig zu erweisen; die bisweilen bitter, qualvoll, sogar tragisch ist, doch ohne die wir es nie schaffen würden, Menschen im vollen Sinne des Wortes zu sein. Die Freiheit der Wahl ist es, was mehr als alles andere das Bild Gottes in uns manifestiert. So wie Gott frei ist, ist auch der Mensch im Bilde Gottes frei. Wie der Hl. Athanasius der Große behauptet („Über die Beschlüsse der Synode von Nicäa“, XI, 1-2), sind wir Schöpfer in dem Bilde und nach dem Gleichnis Gottes dem Schöpfer – „Sub-Creators“, mit einem Ausdruck Tolkiens; und wenn wir diese schöpferische Freiheit ablehnen, verzichten wir auf unsere Menschlichkeit. Der Apostel Paulus weist darauf hin (1 Kor 3,9), dass wir synergoi, also “Gottes Mitwirker“, “Gottes Mitarbeiter“ sind. Worin diese „Mitarbeit mit Gott“ besteht – das hat am deutlichsten die All-Heilige Jungfrau in Nazareth gezeigt.

Wenn wir sagen, dass die Menschen frei sind, so wie Gott frei ist, bedarf das sicherlich einer näheren Präzisierung. Die göttliche Freiheit ist unbedingt, während unsere menschliche Freiheit in der sündigen und gefallenen Welt verschiedenen Einschränkungen unterliegt. Aber auch wenn sie eingeschränkt ist, wird sie nie ganz vernichtet; im gewissen Sinne ist sie unauslöschlich und nicht entziehbar. Eine markante Illustration dafür liefert der russische orthodoxe Schriftsteller Alexander Solschenizyn in seinem Roman „Der erste Kreis der Hölle “. Dort gibt es  ein Gespräch zwischen dem Häftling Bobynin und Stalins Minister für Staatssicherheit Abakumow (Kapitel 18):

„[Bobynin] kam hinein (…) und setzte sich, ohne zu grüßen. Er setzte sich in einen der bequemen Sessel nicht weit vom Tisch des Ministers und schnäuzte sich gründlich in ein nicht sehr weißes, von ihm selbst im Gemeinschafsbad gewaschenes Taschentuch.

[Der Minister] Abakumow hatte allen Grund, Bobynin höflich zu behandeln: er brauchte ihn für die Erfüllung einer technischen Aufgabe. Also fragte er ihn fast freundlich:

- „Wieso setzen Sie sich ohne Erlaubnis?“

- „Wissen Sie, es gibt da ein chinesisches Sprichwort: Stehen ist besser als Laufen, Sitzen ist besser als Stehen, und Liegen ist am besten.“

- „Sie können sich aber schon denken, wer ich bin, oder?“

Bobynin, der es sich in seinem Sessel bequem gemacht hatte, betrachtete Abakumow und äußerte eine vage Vermutung:

– „Tja, wer wohl? Vielleicht so jemand wie Marschall Göring?“

Abakumov war genervt:

- „Was ist mit Ihnen los? Sehen Sie zwischen uns keinen Unterschied?“

- „Zwischen euch? Oder zwischen uns beiden?“ Bobynins Stimme brummte wie brüchiges Gusseisen. – „Zwischen uns beiden sehe ich ihn genau: ihr braucht mich, aber ich euch nicht!“

- „Hören Sie, Sie sind ein Gefangener. Auch wenn ich nachsichtig mit Ihnen bin, vergreifen Sie sich nicht…“

- „Wären Sie grob zu mir gewesen, hätte ich gar nicht mit Ihnen geredet… Schreit lieber eure Obersten und Generäle an: Die haben im Leben viel zu viel, darum hängen sie zu sehr daran.“

- „So sehr, wie es nötig ist, und wenn nötig, werden wir Sie zwingen.“

-„Sie irren sich!“ Bobynins kräftige Augen leuchteten zornerfüllt auf. „Ich habe nichts, denken Sie daran, überhaupt nichts!  Meine Frau und mein Kind sind für Sie unerreichbar - eine Bombe hat sie zerschlagen. Meine Eltern sind auch schon tot. Mein Eigentum hier auf Erden ist mein Taschentuch;  meine Kombination und die Unterwäsche ohne Knöpfe sind Staatseigentum. Die Freiheit habt ihr mir schon lange genommen. Sie mir zurückzugeben, steht nicht in euren Kräften, weil ihr selbst nicht frei seid. Ich bin zweiundvierzig Jahre alt, ihr habt mir fünfundzwanzig Jahre aufgebrummt, bei der Zwangsarbeit bin ich schon gewesen, mit einer Nummer herumgelaufen, in Handschellen, von Polizeihunden bewacht, und in einer Brigade für verschärfte Zwangsarbeit – womit wollen Sie mir noch drohen? Was können Sie mir noch wegnehmen?“

Dann spricht Bobynin weiter: „Überhaupt, verstehen Sie und geben Sie es dort oben an jene weiter, die es betrifft, dass sie nur so lange mächtig sind, wie sie den Menschen nicht alles weggenommen haben. Denn ein Mensch, dem sie alles weggenommen haben, ist außerhalb ihres Machtbereichs – er ist wieder frei.“

Trotz allen Erniedrigungen, die das totalitäre Regime Bobynin zufügt, bleibt in ihm das, was Solschenizyn an einer anderen Stelle den „verborgenen Kern“ nennt, „etwas gänzlich unzerstörbares und etwas sehr hohes“, und dies ist seine innere Freiheit, die sich durch den Verlust der äußeren Freiheit paradoxerweise nicht verringert, sondern vergrößert hat.

Versuchen wir zusammen die Natur dieser für unsere menschliche Individualität so wichtigen Freiheit zu erforschen, die die gnadenvolle Jungfrau Maria bei der Verkündigung mit solcher Fülle äußerte.

 

Freie Antwort

Nach der Meinung von Karl Barth wäre es ganz falsch, zu denken, dass Maria während der Verkündigung die Entscheidung annimmt, von der die Rettung der Welt abhängt. In Maria ein menschliches Wesen zu sehen, das dienend bei der eigenen Rettung unter Wirkung der vorausgehenden Gnade mitarbeitet,wäre nach der „Kirchlichen Dogmatik“ von Barth eine Häresie, die erbarmungslos verworfen werden müsste. Er sieht Maria während der Verkündigung lediglich in der Rolle eines Menschen, der weder Wille, noch Streben, noch Schöpfungsprozess, noch Selbstständigkeit zeigt und nur dazu fähig ist, zu empfangen, bereit zu sein, mit sich etwas verrichten zu lassen. (Band 1, Kap.2)

Das Ostchristentum hat da eine völlig andere Sicht. So schreibt der Hl. Nikolaus Cabasilas, ein byzantinischer Theologe des 14. Jahrhunderts:

Also war die Fleischwerdung des Wortes nicht nur die Tat des Vaters, seiner Kraft und seines Geistes – des Wohlwollens des Vaters, der Niederkunft des Geistes und der Erscheinung der Kraft, sondern auch [das Werk] des Willens und des Glaubens der Jungfrau. Denn so wie die Entscheidung über die Fleischwerdung (des Wortes) ohne Teilnahme (der Drei Göttlichen Hypostasen) nicht getroffen werden konnte, so wäre auch der (Vor-Ewige) Rat ohne Einverständnis der Makellosesten und ohne Mitwirkung ihres Glaubens nicht verwirklicht werden können . Gott macht Sie, nachdem ER Sie auf diese Weise belehrt und überzeugt hat, zu seiner Mutter. ER entnimmt sein Fleisch von derjenigen, die davon weiß und das wünscht.“ (Homilie zur Verkündigung, IV-V).

Cabasilas ist vom Pelagianismus weit entfernt, denn er behauptet, dass die Erstrangigkeit der Göttlichen Gnade „ohne Teilnahme der Drei Göttlichen Hypostasen (…) nicht erreicht werden konnte“; aber zugleich ist er sich voll bewusst, welch wichtige Rolle die Freiheit des erschaffenen Menschen – der All-Heiligen Jungfrau – für die Fleischwerdung [Gottes] spielt. „ Gott überzeugt, anstatt zu zwingen“ – dieser Satz aus der Epistel an Diognetus passt bestens zum Ereignis der Verkündigung. Gott klopft an, anstatt die Tür aufzubrechen – jawohl! ER wählt Maria; aber Maria trifft auch ihre Wahl. Sie ist nicht einfach bereit, etwas hinzunehmen, und dabei „ weder Wille, noch Streben, noch Schöpfungsprozess“ zu äußern – nein, sie antwortet, lebendig und frei. Der Hl. Irenäus formulierte das so: „Maria wirkt bei der Errichtung mit“ (Gegen die Häresien, 3.21.7); und nach den Worten des Apostels Paulus ist sie ein synergos, also eine Mitarbeiterin Gottes – nicht einfach ein gehorsames Werkzeug, sondern aktive Teilnehmerin am Mysterium. Hier sehen wir keine Passivität, sondern Verantwortlichkeit; keine Unterordnung, sondern Kameradschaft; keinen blinden Gehorsam, sondern eine Interaktion.

All das ist in der Antwort Mariä an den Engel enthalten: „ Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es geschehe mir nach deinem Worte“ (Lk 1,38) . Diese Antwort war nicht vorherbestimmt: Maria hatte die Möglichkeit gehabt, sich zu verweigern. Zwang ist nicht Gottes Werk; bevor ER Fleisch wird, möchte er die freiwillige Zustimmung derjenigen, die ER zu seiner Mutter erwählt hat. In seinem bedeutenden Apostolischen Sendschreiben Marialis Cultus (2. Februar 1974) weist Papst Paul VI. darauf hin, dass Maria „zum Dialog mit Gott zugelassen ist“ und „ihre Zustimmung tatkräftig und freiwillig gibt“; dass sie also keine „sich passiv unterordnende Frau“ war, sondern eine, die ihre „tapfere Wahl“ getroffen hatte (§37). Sie selbst trifft die Entscheidung. Es ist erstaunlich (und darüber ließe sich unendlich Gedanken machen): während die Erschaffung der Welt ausschließlich die Verwirklichung von Gottes Wille war, verlangte die Wiederherstellung der Welt die Mitarbeit einer jungen bäuerlichen Frau, die mit einem Zimmermann verlobt war.

 

Mit-Teilung, Schweigen, Leiden

Während vor der Gottesgebärerin im Augenblick der Verkündigung die Ikone der wahren menschlichen Freiheit und Befreiung erscheint, eröffnen ihre Worte und Taten, die diesem Ereignis unmittelbar folgen, wie sie im Evangelium beschrieben sind, die drei Hauptkonsequenzen der Freiheit: Mit-Teilung, Schweigen und Leiden.

Freiheit impliziert Mit-Teilung mit anderen Menschen. Direkt nach dem Ereignis der Verkündigung will Maria die frohe Botschaft jemandem mitteilen und macht sich auf den Weg zum Gebirge, in eine Stadt Judas, ins Haus des Zacharias, und begrüßt ihre Verwandte Elisabeth (Lk 38,49). Hier erkennen wir das wichtigste Element der Freiheit: der Mensch vermag es nicht, im Alleingang frei zu sein. Freiheit ist nicht individualistisch, sondern sozial. Sie impliziert Kommunikation und Gemeinschaft, nicht nur ein „Ich“, sondern auch ein „Du“. Ein egozentrischer Mensch, der jegliche Verantwortung in Bezug auf Andere ablehnt, verfügt nur über einen Anschein der Freiheit; in Wirklichkeit ist er elend in seiner Unfreiheit. Frei zu sein bedeutet, die eigene Individualität mit anderen Menschen zu teilen, mit ihren Augen zu sehen, mit ihren Sinnen zu fühlen: „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ (1 Kor 12,26). Frei bin ich nur, wenn ich prosopon   bin – dieses griechische Wort, das als „Persönlichkeit“ übersetzt wird, bedeutet buchstäblich „Gesicht“ – nur wenn ich mich an andere Menschen wende, ihnen in die Augen schaue und ihnen meine Augen offen darbiete. Sich abzuwenden und die Mit-Teilung zu verweigern bedeutet, die Freiheit zu verwerfen.

Hier schließt sich unser Verständnis der Freiheit der christlichen Doktrin Gottes an. Wir Christen glauben an Gott, DER nicht nur der Eine ist, sondern in Drei Personen der Eine ist. Das Göttliche Bild in uns ist das Bild des Trinitären Gottes. Gott, unser Schöpfer und Urbild, ist nicht einfach eine Persönlichkeit, die selbstgenügend und nur sich selbst liebt. ER ist koinonia bzw. die Gemeinschaft der Drei Personen, die ineinander mittels der ewigen gegenseitigen Liebe wohnen. Daraus folgt, dass das Göttliche Bild in uns, das unerschaffene Bild unserer Freiheit, ein „relationistisches“ Bild ist, das sich durch Gemeinschaft, durch gegenseitige Durchdringung äußert. Zu sagen „ich bin frei, da ich nach dem Bild Gottes erschaffen bin“ ist dasselbe, wie zu sagen „ich brauche dich, um ich selbst zu sein“. Die wahre Persönlichkeit manifestiert sich nur in gegenseitiger Gemeinschaft bzw. Kommunikation von wenigstens zwei Personen, und wirkliche Freiheit existiert nur, wenn wenigstens zwei an dieser Freiheit teilhaben.

Und das ist das erste, was wir über die Freiheit am Vorbild Mariä erfahren. Gemeinschaft, Offenheit gegenüber anderer Menschen und Verletzlichkeit sind notwendig. Ohne Risiko, ohne gefahrvolles Erlebnis der gegenseitigen Liebe ist es nicht möglich, frei zu sein

Da die Freiheit Mit-Teilung, Gemeinschaft impliziert, impliziert sie auch Schweigen und Zuhören. „ Es geschehe mir nach deinem Worte“, antwortet Maria während der Verkündigung. Nur dadurch, dass sie dem Wort Gottes zuhörte und dadurch in ihr Herz aufnahm, vermochte sie in ihrem Schoß das Wort Gottes empfangen und austragen. Lukas betont dieses charakteristisches Merkmal der Gottesgebärerin – die Fähigkeit zum Zuhören. So heißt es, nachdem die Hirten zum neugeborenen Christus gekommen waren: „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ (Lk 2,19). Fast genauso endet die Erzählung über den 12jährigen Jesus im Tempel: „Und seine Mutter bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen“ (Lk 2,19). Die Notwendigkeit des Zuhörens wird auch in der Szene der Hochzeit in Kana deutlich: „Was irgend er euch sagen mag, tut“ (Joh 2,5). Das sind ihre letzten Worte in allen vier Evangelien. Ihr spirituelles Testament an die Kirche ist: „Höret, empfanget, antwortet“. Im Evangelium nach Lukas gibt es eine Stelle, an der eine Frau aus der Volksmenge die Mutter Christi segnet, und ER antwortet: „glückselig, die das Wort Gottes hören und bewahren“ (Lk, 11,27-28). Diese Antwort Jesu ist keine Respektlosigkeit gegenüber der, die IHN geboren hatte – es ist vielmehr ein Hinweis darauf, worin ihre wahre Herrlichkeit besteht. Die Verehrung der Gottesgebärerin ergibt sich nicht nur aus dem Fakt ihrer physischen Mutterschaft, sondern daraus, dass sie innerlich, mit ihrem ganzen Willen, mit der ganzen Fülle und Ganzheitlichkeit ihrer persönlichen Freiheit das Wort Gottes hörte, es aufbewahrte und ihm folgte.

Also ist Schweigen die zweite Eigenschaft, in der die Gottesgebärerin sich als Ikone der menschlichen Freiheit äußert. Für Gregor Palamas und für die ganze orthodoxe mystische Tradition trägt das Bild der Gottesgebärerin auf sich das Siegel des Hesychasmus. Sie befiehlt sich dem Heiligen Geist im Schweigen ihres Herzens. Ein derartiges Schweigen bedeutet weder Ablehnung noch einfaches Stillschweigen oder Gesprächspause – nein, es ist beredt und lebendig, es ist eine der tiefsten Quellen unseres Seins und der wichtigste Teil unserer menschlichen Individualität. Ohne Schweigen können wir keine Menschen im vollen Sinne dieses Wortes sein; ohne Schweigen können wir nicht wirklich frei sein. Endloses Gerede versklavt, und Freiheit ist ohne Zuhören unmöglich. Die Gottesgebärerin ist frei, weil sie zuhört. Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, wenn wir über diese Fähigkeit nicht wenigstens zum Teil verfügen, haben wir auch keine wirkliche Freiheit. Nur derjenige, der schweigen kann, kann Andere anhören und ist fähig, Entscheidungen aufgrund der wahren Freiheit der Wahl zu treffen.

Doch hat die Freiheit auch noch eine dritte Seite, und Lukas betont sie, als er die Worte des Simeon anführt, mit denen er Mariam anspricht, als sie ihren Erstling in den Tempel bringt: „aber auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen“ (Lk 2,35). Die Freiheit impliziert Leiden. Sie bedeutet Kenosis; Tragen des Kreuzes; Bereitschaft, das eigene Leben für Andere zu opfern. Die freiwillige Wahl Mariä nach der Verkündigung bringt ihr nicht nur Freude, sondern auch Herzeleid. Der russische Philosoph Nikolai Berdjajew (1874-1948) – „der Gefangene der Freiheit“, wie man ihn nannte, und dieser Spitzname war ihm besonders lieb – war sich dieses Preises der Wahrheit besonders deutlich bewusst. „Ich habe schon immer gewusst,“ schreibt er in seinen autobiographischen Notizen, „dass die Freiheit Leiden gebärt, während der Verzicht auf die Freiheit das Leiden vermindert. Die Freiheit ist nicht leicht, wie ihre Feinde denken, die sie verleumden; sondern ist sie eine schwere Last. Und die Menschen verzichten gern auf die Freiheit, um es sich leichter zu machen“. Diese Schwere und Opferbereitschaft wird auch in der „Parabel über den Großinquisitor“ in Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ sehr deutlich. Der Inquisitor wirft Christus vor, dass er die Menschheit befreit und ihnen dadurch großen Schmerz zugefügt habe, den sie nicht in der Lage seien zu ertragen. Er behauptet, er habe mit seinen Mitstreitern das Leiden der Menschen gesehen und ihnen daraufhin diese grausame Gabe wieder genommen. „Wir haben deine Ruhmestat berichtigt“, sagt er zu Christus. Der Inquisitor hat recht: die Freiheit ist wirklich eine schwere Last, und Maria erlebte das im vollen Maße, als sie am Fuß des Kreuzes stand. Aber ohne Freiheit gibt es weder wahre Individualität noch gegenseitige Liebe. Indem wir darauf verzichten, die Gabe der Freiheit zu nutzen, begeben wir uns unter das menschliche Niveau; indem wir anderen Menschen die Freiheit wegnehmen, entmenschlichen wir sie.

Das sind einige Aspekte dessen, warum die Gottesgebärerin, die für uns Spiegel und Bild ist, auch eine  Ikone menschlicher Freiheit darstellt. „Bin ich nicht frei?“ Ja, sicherlich ist der Mensch frei – jeder von uns ist frei erschaffen. Aber die Freiheit ist nicht nur eine Gabe, sondern auch Prüfung und Arbeit – und das sehen wir am Vorbild der Gottesgebärerin. Es reicht nicht, die Freiheit einfach vorzufinden, sie zu erkennen, zu nutzen, zu schützen – und sie letztendlich zu opfern. Hier möchte ich das Ende des Zitats von Kierkegaard anführen, das ich am Anfang erwähnte: „Die erstaunlichste Gabe Gottes an die Menschen ist die Wahl, die Freiheit. Ohne freie Wahl gibt es keine wirkliche menschliche Individualität. Und wenn du deine Freiheit retten und sie behalten möchtest, gibt es nur einen Weg: sie im selben Augenblick Gott zurückzugeben, und dich selbst dazu.“ Nur indem wir unsere Freiheit Gott – durch Teilnahme, Schweigen und Leiden – darbringen, kann jeder von uns eine wirklich freie Persönlichkeit nach dem Bild der Heiligen Dreiheit  werden – nach dem Bilde der Gesegneten Jungfrau Maria.



[1] Kirchenslawisch: „Что Тебе принесем, Христе, яко явился еси на земли яко человек нас ради? Каяждобо от Тебе бывших тварей благодарение Тебе приносит: ангели пение, небеса звезду, волсви дары, пастырие чудо, земля вертеп, пустыня ясли; мы же Матерь Деву“.

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