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„Die Zukunft der Orthodoxie hängt von der Treue an die kirchliche Überlieferung ab“. Ein Interview mit dem Metropoliten Ilarion (Alfejew). 

13. Februar 2012
In seinem Interview an das Portal „Bogoslov.Ru“ spricht der Vorsitzende des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats und das Oberhaupt des Synodalen Bibelwissenschaftlichen und Theologischen Ausschusses Metropolit Ilarion (Alfejew) in seinen Antworten auf die Fragen des Hauptredakteurs des Portals. Dabei geht er auf seine Vision der Rolle und des Stellenwerts des von ihm geleiteten Ausschusses zu theologischen Problemen der Kirche im modernen Leben und auf andere Sachverhalte ein, vor denen die Orthodoxe Kirche heute steht. 

Erzpriester Pavel Velikanov: Eure Eminenz, am 5. Oktober 2011 wurden Sie auf den Posten des Vorsitzenden des Synodalen Bibelwissenschaftlichen und Theologischen Ausschusses ordiniert. Sie waren derjenige, der von der Russischen Orthodoxen Kirche nominiert und mit einer sehr feinen und vielseitigen Aufgabe beauftragt wurde - nämlich die Aktivitäten der Kirche im Bereich Theologie zu leiten. Wir möchten gerne Ihre Sicht  auf die Rolle und den Stellenwert des Ausschusses im modernen Leben der Kirche erfahren. Ist es geplant, den Ausschuss zu einer Art „leitenden Forschungsinstituts“ bzw. eines „Expertenrates“ zu entwickeln, oder werden seine Funktionen unverändert bleiben?

Metropolit Ilarion (Alfejew):  Vor allem möchte ich betonen, dass vor dem Synodalen Theologischen Ausschusses und, entsprechend, vor seinem Vorsitzenden nie die Aufgabe gestellt wurde, „die Aktivitäten der Kirche im Bereich Theologie zu leiten“. Im Gegensatz, beispielsweise, zum Bischofsdienst, der vor allem ein Leitungsdienst ist (1 Kor 12, 26-27), aber auch der Aufbewahrung der Überlieferung in puncto Glaubenslehre und kanonisches Recht dient, ist der theologische Dienst eine besondere Berufung. Seine Erfüllung bedarf, neben der Treue der Kirche gegenüber, weitere entsprechende Kompetenzen und Fähigkeiten zum theologischen Denken. Vor uns steht heute nicht die Aufgabe, „die Theologie zu verwalten“, sondern  solche Bedingungen zu erschaffen, damit diese Eigenschaften sich in der neuen Generation orthodoxer Theologen entwickeln können.

Ein Ausschuss ist per Definition keine wissenschaftlich-theologische Einrichtung, sondern erfüllt die Funktionen eines Expertenrates, der beauftragt vom Seiner Heiligkeit des Patriarchen und des Geweihten Synods, an konkreten Themen arbeitet, indem er Antworten auf die gestellten Fragen kollegial formuliert. Darin besteht ihre Hauptaufgabe.

Was aber andere Formen und Richtungen der Tätigkeit des Ausschusses betrifft, beabsichtigen wir, sie auf der vorstehenden Plenarsitzung zu besprechen.


Erzpriester Pavel Velikanov: Gebieter, Sie sind als Theologe sowohl von der heimischen als auch von der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft zurecht anerkannt. Welche theologischen Probleme stellen sich Ihrer Meinung nach heute der Orthodoxen Kirche im Allgemeinen besonders scharf? Gibt es Fragen, von dessen Entscheidung die Zukunft der Orthodoxie tatsächlich abhängt?

Metropolit Ilarion (Alfejew):  Die moderne Orthodoxe Kirche bewahrt die Sukzession von der apostolischen christlichen Gemeinde auf, und in diesem Sinne ist sie vor allem die Kirche der Überlieferung. Die Zukunft der Orthodoxie hängt von der Treue zur kirchlichen Überlieferung ab – der Treue, welche die Kirche bei unterschiedlichsten historischen Bedingungen im Laufe von Jahrhunderten aufbewahrte.

Im Gegensatz zu einigen liberal eingestellten christlichen Gemeinden, bedarf die Orthodoxe Kirche keinerlei Umdenken oder Um Auslegung ihres Glaubens- und sittlicher Lehre. Und wenn kirchliche Wissenschaftler – Patrologen, Historiker, Liturgisten und Vertreter anderer Disziplinen –im Laufe ihrer Forschung mit gewissen Problemen auf andere Probleme stoßen, gehen Sie nicht an die Glaubenslehre als solche, sondern auf partielle, spezielle Fragen ein, welche in jeder seriösen Wissenschaft entstehen.

Doch es gibt ein wirklich scharfes, aktuelles Problem, das völlig theologisch ist, nämlich die moderne kirchliche Mission. In diesem Fall geht es nicht um den Inhalt der kirchlichen Guten Botschaft, und nicht darum, was die Kirche predigt, sondern darum, was gemacht werden soll, damit die kirchliche Predigt in den modernen Bedingungen verständlich und wirksam ist. Denn Theologie ist nicht nur Vertiefung in den Sinn der dogmatischen und sittlichen Lehren der Kirche, sie ist auch Verkündigung, ein besonderer Weg der Verbreitung des Evangeliums in der Welt und der Vermittlung der Wahrheiten des Glaubens an die Menschen mit allen möglichen Mitteln. Nicht umsonst prägte Patriarch Nicephorus von Konstantinopel, bekannter Beschützer der Ikonenverehrung, die Wendung „Melodie der Theologie“.

Vor uns steht heute die Aufgabe, solche Mittel des Ausdrucks der kirchlichen Lehre zu finden, die es ermöglichen, in unserer Zuversicht unseren Mitmenschen eine Antwort zu geben, die noch weit von der Kirche sind oder den Weg zu ihr suchen.

Der Erfüllung dieser Aufgabe dient unter anderem dazu, die Arbeit an dem Katechismus, die heute im Rahmen der Tätigkeit des Synodalen Bibelwissenschaftlichen und Theologischen Ausschusses geleistet wird, zu verwirklichen.

 

Erzpriester Pavel Velikanov: Neulich wird die Frage nach der Vorbereitung und der Einberufung des All-Orthodoxen Konzils aktiv diskutiert. Wie aktiv verläuft der Prozess der Vorbereitung? Wie sehen Sie die Rolle des Bibelwissenschaftlichen und Theologischen Ausschusses an der Vorbereitung dieses für alle Landeskirchen bedeutenden Konzils an? Da es ja eine ganze Reihe von Fragen gibt, unter anderem, das Problem des Primats, das eben aufgrund des Auseinandergehens „der Wege der Theologie“ nicht eindeutig gelöst werden.

Metropolit Ilarion (Alfejew):  Ich musste schon mehrmals auf Fragen, die mit der Vorbereitung des All-Orthodoxen Konzils verbunden sind, eingehen. Solche Vorbereitung wird schon ein halbes Jahrhundert geführt, mal aktiver, mal stiller. Zu mehreren Tagesordnungspunkten wurden die Positionen der Orthodoxen Landeskirchen übereingestimmt. Heute kehrten wir im Verlauf des interorthodoxen Dialogs zur Besprechung dessen wieder zurück, wie das Konzil sein müsste. Und es sollte gesagt werden, dass diese Besprechung ein Teil des katholischen Prozesses ist, der das Konzil selbst krönen könnte.

Eventuell sollten einige Streitpunkte, bei denen noch kein Konsens erschafft worden ist, auf das Konzil nicht herausgetragen werden, sondern in der Zukunft besprochen werden. Das betrifft auch die Frage nach dem Primaten in der Orthodoxen Kirche, so wie auch die damit verbundenen Fragen über die Zubilligung der Autokephalie und über die Diptycha.

Was die Frage nach dem Primat betrifft, wird im Rahmen der Tätigkeit des Synodalen Bibelwissenschaftlichen und Theologischen Ausschusses zu diesem Thema ernsthafte Forschungsarbeit geführt. Aufgrund der historischen, kanonischen und theologischen Analyse wird ein Dokument zusammengefasst, in dem, nach seiner Bewilligung durch die Oberste Kirchenleitung, die Position unserer Kirche sich widerspiegeln würde.

 

Erzpriester Pavel Velikanov: Der Bibelwissenschaftliche und Theologische Ausschuss ist in Bezug auf die russischen theologischen Schulen eigentlich ein „Besteller“ der Arbeitskraft und der Projekte. In welchen Bereichen der theologischen Wissenschaften ist Ihrer Ansicht nach heute das Defizit der Spezialisten besonders spürbar?

Metropolit Ilarion (Alfejew):  Zu den Mitgliedern des Bibelwissenschaftlichen und Theologischen Ausschusses zählen angesehene und kompetente Theologen und Kirchenwissenschaftler, aber, wenn nötig, beziehen wir Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen ein, einschließlich Vertreter der jungen Generation

Unter den Forschern und Spezialisten haben wir genug Menschen, die sich mit Patristik, - sowohl der östlichen als auch der westlichen – beschäftigen. Es ist notwendig, diese Richtung zu entwickeln, da das Stützen auf das patristische Erbe die wichtigste und die stärke Seite der modernen orthodoxen Theologie ist. Doch reicht das nicht aus.

Wir haben immer noch zu wenig hochqualifizierte Spezialisten im Bereich kanonisches Recht – des Bereiches, in dem die russische kirchliche Wissenschaft in der Periode vor der Revolution hochentwickelt gewesen war.

Besser ist die Lage in der Bibelwissenschaft. Im Rahmen des Ausschusses wurde eine bibelwissenschaftliche Gruppe erschaffen, die sowohl die Mitglieder des Ausschusses als auch die einbezogenen Experten ausmachen. Die orthodoxe Bibelwissenschaft verlangt aber nach Entwicklung, für die nicht nur Kräfte konsolidiert werden müssen, sondern auch die neue Generation der Wissenschaftler erzogen werden muss.

Und, sicherlich, besteht noch ein Bedarf – an Systemtheologien. Es ist nicht einfach, den Bedarf zu stillen, denn dafür brauchen wir nicht nur Spezialisten mit riesiger Gelehrtheit (nicht nur theologischer, sondern auch philosophischer und gesamtkultureller), sondern auch mit wirklich systemischer Denkweise, die dazu auch über gewisse literarische Gabe verfügen. Heutzutage steht es uns noch vor, das Niveau solcher russischer Dogmatisten wie Metropolit Makarij (Bulgakow) zu erreichen. Hoffentlich wird die allmähliche Entwicklung der verschiedenen theologischen Disziplinen dem Auftreten von Menschen dienen, die fähig wären, systematische theologische Werke  vorzulegen.

 

Erzpriester Pavel Velikanov: Die geistlichen Akademien und die theologischen Kathedren der säkularen Universitäten – wie sehen Sie jeweils die Berufung jeder dieser wissenschaftlichen Schulen, die sich voneinander strukturell und administrativ stark unterscheiden, an?

Metropolit Ilarion (Alfejew):  Die akademische geistliche Tradition ist ein unersetzbarer Teil der russischen theologischen Hochschulbildung. Er macht seinen Kern und seine feste Basis aus. Die wichtigste Aufgabe der geistlichen Akademie stellt die Erziehung von hoch ausgebildeten Geistlichen, Hierarchen und Hirten dar. Und hier haben wir das vorrevolutionäre Niveau auch noch nicht erreicht, da damals die akademische Ausbildung einen starken allgemein-wissenschaftlichen und –geisteswissenschaftlichen Bestandteil hatte.

Die theologische Abteilungen – Institute, Lehrstühle und Fakultäten in den säkularen Hochschulen – ist eine neue Erfahrung. Ihre Entstehung wird aber vor allem durch geistlich-aufklärerische und missionarische Aufgaben diktiert, die heute vor der Kirche stehen. Diese Abteilungen müssen entwickelt werden, und dabei sollte der Vorteil, über den sie ihrem Status nach verfügen – nämlich ihre Integrierung in die Universität – benutzt werden. Diese Integrierung ermöglicht es nicht nur die Theologie als legitimen und unersetzbaren Bestandteil der Ausbildung und der Kultur wiederherzustellen und zu behaupten, sondern ermöglicht es der Theologie außerdem, ein Dialog mit säkularen Wissenschaften anzufangen und mit ihnen zu interagieren. Daswürde unsere Theologie und ihre Fähigkeit, mit der Welt zu sprechen, fördern und bereichern. Dabei ist es sicherlich notwendig, dass die sogenannte „säkulare Theologie“ ihre lebendige Verbindung zum Leben der Kirche nicht verliert. Solche Gefahr existiert, und wir müssen sie immer im Auge behalten. Denn außerhalb des Gottesdienstes und des geistlichen Lebens ist die orthodoxe Theologie zur Aushöhung verdammt.

 

Erzpriester Pavel Velikanov: Der Synodale Bibelwissenschaftliche und Theologische Ausschusses wurde dank der Organisation der theologischen Tagungen der Russischen Orthodoxen Kirche bekannt, die die besten Theologiewissenschaftler der ganzen Welt sammelten. Wird die Tradition der Durchführung solcher Tagungen fortgesetzt, oder wird das Format dieser Tagungen sich ändern?

Metropolit Ilarion (Alfejew):  Die Tradition der Durchführung von internationalen allgemein-kirchlichen theologischen Tagungen wird unbedingt fortgeführt. Die Materialien der vorigen Tagungen sind wichtige Beiträge in unsere Theologie und spiegeln die Dynamik ihrer Entwicklung wider. Heute ist eine Sammlung der Materialien der letzten Tagung „Das Leben in Christo: die christliche Sittlichkeit, die asketische Überlieferung der Kirche und die Herausforderungen der modernen Epoche“ im Druck, die im November 2010 stattfand.

Was aber das Format der Tagungen und ihrer thematischer Struktur betrifft, sind heute auch Änderungen möglich. Diese Frage werden wir ebenfalls auf einer Plenarsitzung unseres Ausschusses besprechen.

 

Erzpriester Pavel Velikanov: Und abschließend, erlauben Sie, Gebieter, von Ihnen einen Wunsch an die Redaktion, die Autoren und die Leser des Portals „Bogoslov.Ru“ zu hören – eben als vom Vorsitzenden des Kirchlichen Außenamtes des Synodalen Bibelwissenschaftlichen und Theologischen Ausschusses.

Metropolit Ilarion (Alfejew):   Ich würde gerne die Redaktion und die Autoren des Portals „Bogoslov.Ru“ immer an die Verantwortung erinnern, die auf denjenigen liegt, die sich mit dem theologischen Wort an solch ein breites Publikum wenden, und wünsche Ihnen, das wissenschaftlich-theologische Niveau der zu publizierenden Materialien unentwegt zu erhöhen. Und den Lesern wünsche ich, dass ihre Bekanntheit mit den Materialien nicht nur der Erweiterung ihres theologischen Horizonts, sondern auch der Befestigung im orthodoxen Glauben dient. 

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