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Zum Fest der Orthodoxie

3. März 2012
„Und da wir hineingenommen sind in dieses Wunder, die Erfahrung „Gott“ zu machen, dank Seiner Menschwerdung in Jesus Christus, durch die Gabe des Heiligen Geistes, durch unseren bescheidenen Glauben, unser Vertrauen zu Gott, unsere Sehnsucht nach Ihm, können wir heute auch wirklich feiern und uns darüber freuen, dass Gott in Seiner Liebe, in Seiner Barmherzigkeit, in Seiner Zärtlichkeit sich uns zu erkennen gibt – nicht nur verstandesgemäß, sondern in einer Art und Weise, die die verborgensten Tiefen unserer Seele erfasst. Er gibt sich uns zu erkennen. Er zeigt uns, Wer Er ist, wer Gott ist, und lässt uns diese Erfahrung miteinander teilen.“ – aus einer Predigt zum Sonntag der Orthodoxie von Metropolit Antonij von Sourozh

28.2.1999

 Wir begehen heute das Fest der Orthodoxie. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass wir damit Gottes Sieg feiern: den Sieg der Wahrheit, den Sieg Christi über alle Schwächen der menschlichen Unvernunft. Dieser Sieg ist nicht unser Verdienst. Es ist nicht ein Sieg der Orthodoxen über andere Konfessionen oder andere Menschen. Es ist der Sieg Gottes über uns. Aber auch durch uns - wie viel Licht es in uns auch geben mag  - und über andere. Wer von uns kann von sich behaupten, dass er solch einen Glauben hat, wie ihn die Heilige Schrift beschreibt? Am Ende des Markus-Evangeliums heißt es, dass der, der wirklich glaubt, alle Wunder tun kann, dass sich alles vor ihm auftut, dass er in neuen Sprachen sprechen und Krankheiten heilen kann, Tote auferstehen lässt und es ihm nichts anhaben kann, wenn er irgendein Gift trinkt. Wer von uns kann von sich behaupten, dass er so einen Glauben hat?

Auf uns passt vielmehr das, was der Apostel Paulus einmal ausgedrückt hat: Wir tragen den Keim der Heiligkeit in irdenen Gefäßen. Wir sind wie irdene Gefäße, die dessen nicht würdig sind, womit der Herr sie füllt. Und so ist es wirklich! Die Kirche erfasst uns, doch wir erfassen sie nicht. Wir können sie nicht erfassen. Wir sind zu klein dazu. Die Kirche ist nicht nur eine Gemeinschaft der Menschen, die an Christus glauben. Die Kirche ist ein Wunder. Sie ist die Gegenwart des Mysteriums der Heiligen Dreifaltigkeit unter uns Menschen und zugleich auch unsere Teilhabe an diesem Wunder, die Gott uns in Seiner Barmherzigkeit und Gnade gewährt. Das erste Glied der Kirche ist Christus, der Heiland. In Ihm lebt die ganze Fülle der Gottheit in einem Leibe. Er ist in Seinem Leib Gott. Er ist in Seiner Gottheit gleichzeitig auch Mensch. Und gemeinsam mit Ihm ergießt sich Seine Gabe, der Heilige Geist, auf die gesamte Schöpfung. Nicht nur auf die Gläubigen, sondern auf die ganze Welt, denn Er hat die Pforten geöffnet, durch die sich die Mysterien der Ewigkeit in die Zeit hinein ergießen. „Ich bin die Pforte für die Schafe. Wer durch diese Pforte geht, geht ein in ein neues Leben und wird Weide finden.“

An einer anderen Stelle spricht der Apostel Paulus, dass sich die Kraft Gottes in der Schwäche beweist. Ja, wir alle sind des Reichtums, den der Herr uns gegeben hat und den Er uns weiterhin Tag für Tag, Stunde für Stunde im Verlaufe unseres gesamten Lebens schenkt, nicht würdig. Ja, wir sind kraftlos, aber die Kraft Gottes wirkt durch uns. Genau das feiern wir heute. Das Wesen dieses Festes besteht nicht darin, dass einige orthodoxe Menschen einst durch ihr Leben für und ihre Kenntnis von Gott so heilig waren, dass sie so eine neue Welt nach den Geboten Gottes Wirklichkeit werden ließen. Wir feiern heute, dass der Herr aus seiner Barmherzigkeit heraus, uns in unserer Schwachheit Dinge zu verstehen gibt, die wir anders nicht verstehen würden. Wir wissen vieles. Doch wir begreifen nicht wirklich, wozu wir eigentlich berufen sind.

Einer der alten Kirchenväter meint, dass Glauben Leben nach dem Heiligen Geist bedeutet, der uns in uns alle Geheimnisse Gottes offenbart. Wer von uns kann das von sich sagen? Und da wir hineingenommen sind in dieses Wunder, die Erfahrung „Gott“ zu machen, dank Seiner Menschwerdung in Jesus Christus, durch die Gabe des Heiligen Geistes, durch unseren bescheidenen Glauben, unser Vertrauen zu Gott, unsere Sehnsucht nach Ihm, können wir heute auch wirklich feiern und uns darüber freuen, dass Gott in Seiner Liebe, in Seiner Barmherzigkeit, in Seiner Zärtlichkeit sich uns zu erkennen gibt – nicht nur verstandesgemäß, sondern in einer Art und Weise, die die verborgensten Tiefen unserer Seele erfasst. Er gibt sich uns zu erkennen. Er zeigt uns, Wer Er ist, wer Gott ist, und lässt uns diese Erfahrung miteinander teilen, auch wenn wir wenig von Ihm wissen. Manchmal jedoch berührt das Wenige, was wir wissen, einen anderen Menschen tiefer als uns. So streuen wir Samen, die wir selbst vielleicht nur in der Hand halten, der aber bei einem anderen Menschen in gute Erde fällt, der so eine solche Frucht bringen kann, die wir uns nicht träumen lassen haben.

Deshalb lasst uns heute jubeln, dass Gott auch in uns den Sieg davon trägt und so auch uns die Wahrheit eröffnet und das Leben, die Liebe und uns mit Freude erfüllt und uns so zu einer neuen Schöpfung macht. Doch lasst uns nicht dabei auf nichts etwas einbilden, dass wir anderen etwa anderen etwas voraus hätten. In der Alten Kirche wurden sehr strenge Regeln aufgestellt, die es untersagten, mit Häretikern Umgang zu haben. Diese Häretiker waren jedoch nicht einfach nur Andersdenkende. Sie lehnten es ab, anzuerkennen, dass Christus der Mensch gewordene Gott ist. Sie verwarfen die Tatsache, dass Gott in unsere Welt gekommen ist und Fleisch angenommen hat. Sie behaupteten, dass Er nur scheinbar die Form eines Menschen angenommen hatte. So zertraten sie unseren Glauben an die Menschwerdung und an das Heil, an das Kreuz und die Auferstehung. Ja, mit ihnen war es den Orthodoxen nicht möglich gemeinsam zu beten, gemeinsam zu glauben und gemeinsam zu hoffen.

Doch diese Zeiten sind vorbei und einer der aufs Strengste traditionsbewussten Theologen unserer Zeit, Metropolit Antonij Chrapovitsjkij, schreibt in einem Artikel, dass wir darüber nachdenken sollten, warum die Kirche, was den Umgang mit Häretikern betrifft, in der alten Zeit so streng war, und warum sie heute, in unserer Zeit, ihr Herz immer weiter öffnet, um die Andersdenkenden zu umarmen! Er stellt die Frage: Hat etwa die Kirche das richtige Gespür verloren? Kann die Kirche nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden? Er antwortet: Nein, natürlich ist es nicht so. Wenn dem so wäre, dann würde sie aufhören als Kirche, als der Ort, an dem die Fülle der Gottheit zu Hause ist, zu existieren. Es erklärt sich vielmehr daher, dass durch die Zeiten hindurch die Andersdenkenden aus dem Schoße der Kirche immer größere Reichtümer davongetragen haben und die Irrtümer immer kleiner wurden. Deshalb gibt es zwischen ihnen und uns eine breite gemeinsame Grundlage des Glaubens, eine gemeinsame Erfahrung, ein gemeinsames Leben, was es so in früheren Zeiten, zu Zeiten der Häresien der ersten Jahrhunderte, nicht gegeben hat. Deshalb können wir uns heute in unserem Jubel auch an die Andersdenkenden wenden, an die Menschen, die anderen Glaubens sind, und uns gemeinsam mit ihnen freuen, dass auch sie in irdenen Gefäßen wahre Heiligtümer tragen, ebenso wie wir diese in unseren irdenen Gefäßen, in unseren Herzen und Köpfen in uns haben.

Deshalb sollten wir unsere Herzen für alle öffnen. Der Apostel Jakobus meint: Zeig mir deinen Glauben ohne deine Werke, ich zeige dir meinen durch meine Werke. Lasst uns deshalb den Menschen unseren Glauben durch unsere Werke präsentieren und lasst uns schauen, was die Andersdenkenden, die unseren Orthodoxen Glauben nicht teilen, für Werke vorweisen können!  Wir werden sehen, dass viele von ihnen reichere, vollkommenere Frucht als viele von uns darbringen. Viele leben ein christlicheres Leben als wir, obwohl der Glauben, den sie bekennen, weniger von  Fülle bestimmt ist. Als ich als junger Mann in den Krieg zog, war ich voller Ablehnung  Andersdenkenden gegenüber. Als ich jedoch unter ihnen auf Menschen stieß, die bereit waren, ihr Leben zu lassen für einen anderen, der nicht ihres Glaubens war, habe ich begonnen, anders auf diesen Menschen zu schauen. Deshalb sage ich auch heute, dass wir darüber jubeln sollten, dass Gott Sich uns offenbart, dass Er in die Seelen aller Menschen Funken von Wissen um Ihn gießt. Wenn wir jedoch den Orthodoxen Glauben bekennen, wenn uns unser Glaube in einer solchen Reinheit und Fülle gegeben ist, dann sollten wir ihn voller Ehrfurcht in uns tragen und nach ihm leben, denn nur dann können wir im vollen Sinne davon sprechen, dass wir die Schüler Christi sind.

Auf die anderen sollten wir schauen und uns darüber freuen, wie sie aus so wenig Wissen, auf so großartige Weise leben können und gleichzeitig darüber traurig sein, dass wir aus der Fülle des Orthodoxen Glaubens es oft nicht schaffen, eine richtige Gemeinde zu sein oder eine Welt, bzw. Gesellschaft zu bauen, die Christi würdig ist und würdig ist jenes Glaubens, den wir bekennen.

Amen

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