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Goldener Fonds

Das Bild von Johannes dem Täufer in der patristischen Literatur als Vorbild geistlich-sittlicher Vollkommenheit

8. März 2012
Vortrag von Hegumen Dionisy (Shlyonov), gehalten am 19. November 2011 im Kirchlich-Archäologischen Kabinett bei der Moskauer Geistlichen Akademie anlässlich der Ausstellungseröffnung „Der Weg des Täufers – Geschichte der Statue von Johannes dem Täufer aus der Kirche Cristo Re in Fezzano“, über die Ausprägungen des Bildes von Johannes dem Täufer in der christlichen und patristischen Literatur.

Johannes der Täufer – der Heilige, der zwischen den zwei Testamenten steht – ist einer der verehrtesten Heiligen der Orthodoxen Kirche. Der Hl. Erleuchter Kyrill von Jerusalem schrieb: „Johannes der Täufer ist der größte unter den Propheten, der Einleiter in das Neue Testament, der in sich gewissermaßen beide Testamente vereint, das Alte und das Neue.“[1] Zu seinen Ehren wurden seit alters her Feste zelebriert, Kapellen, Gotteshäuser und Klöster errichtet sowie Ikonen gemalt.

Im apokryphen „Evangelium von Nikodemus“ wird er nicht nur als der Größte unten den Patriarchen und Propheten bezeichnet, sondern auch als ihr Lehrer, der berufen ist, ihnen die Ankunft des Einziggezeugten Sohnes Gottes „in der Welt und in der Hölle“ zu verkünden.[2]

In der christlichen und patristischen Literatur wird das Bild von Johannes dem Täufer vielseitig gezeichnet, in der Regel aber ohne Maßlosigkeiten. Der Hl. Mönch Damaskinos Stouditis nennt Johannes den Täufer        „Engel und Märtyrer, geistlicher Vorkämpfer“[3], und der Hl. Mönch Johannes von Damaskus gibt ihm, neben den traditionellen Epitheta, den Titel „Apostel“.[4]          


1. Die Hl. Propheten Johannes und Elija

Johannes der Täufer wird mehrfach, neben dem Propheten Elija, als Lehrer des asketischen Lebens erwähnt. „Sie zeigen den Weg der Askese für diejenigen, die ihn fröhlich beschreiten möchten.“[5] „Ich bitte dich, das Leben eines Eremiten“ zu führen; oh, wenn du schaffen könntest, Johannes dem Täufer oder Elija von Karmel nachzufolgen“, ruft der Hl. Erleuchter Gregor der Theologe in einer seiner Episteln aus.[6] Sie beginnen mit einer „Liste zahlloser Glaubensvorkämpfer, die sich den überhimmlischen Engelsrängen trotz der Schwäche des menschlichen Fleisches ähnlich machten“.[7] So wie durch Elija „die Ehre Karmels der wüstenähnlichen Seele“ gegeben wird, so wird durch Johannes das Wasser des Jordans geheiligt. Nicht nur heiligt das Gewässer des Jordans die Wüste, sondern wird sie auch von der Wüste „im Geiste Elijas“ geheiligt.[8] Die beiden werden Vorläufer und Lichtträger genannt.[9]

 

2. Stammvater des Mönchstums

Später, in der byzantinischen Literatur, galt Johannes als klassisches Vorbild und Begründer des Mönchstums. Beim Hl. Hierarchen German von Konstantinopel (7./8. Jahrhundert) finden wir: „Das monastische Schema ist eine Nachahmung des Wüstenbewohners und Täufer Johannes, da seine Bekleidung aus Kamelhaaren bestand und er an seiner Lende einen Ledergürtel trug; ferner gehört dazu auch aufgrund seines Gemüts, das sich durch Weinen, Zerknirschtheit, gesenkten Blick, Fleiß, Sanftmut und Demut auszeichnete und denjenigen kennzeichnet, der das einsame Leben gewählt hat. Wie alle Trauernden kleiden sie sich schwarz und hoffen dabei, das göttliche weiße Gewand der Herrlichkeit und des Trostes in Jesu Christo, unserem Herrn, zu erhalten[10].

 

3. Lehrer der Buße

In der Ordnung des Johannistages wird gesungen: „die Gnade sah dich als Vorbereiter der Buße vor – dich, der aus dem Mutterleib unseren Gott vorankündigte“.[11]

Seit dem tiefsten Altertum her war die Predigt der Buße, die Johannes der Täufer verkündete, auch unter Nicht-Christen nicht nur als Aufruf, sondern als prophetischer Appell, Schule der Heiligkeit und Forderung der Reinheit der Seele und des Leibes angesehen worden, die für die Wahrnehmung und die Erfüllung des prophetischen Worte zu erbringen sei. Wie Joseph Flavius bezeugte, rief der Prophet dazu auf, die Taufe unbedingt in Reinheit des Leibes und Aufrichtigkeit der Seele anzutreten.[12]

Die prophetischen Worte des Propheten Jesaja über die Predigt des Täufers werden als an die menschliche Seele gerichtet verstanden: „Stimme eines Rufenden in der Wüste: bereitet den Weg Jahwes; ebnet eine Straße für unseren Gott.“ Laut Auslegung des Proclus von Konstantinopel seien der Weg und die Straße das menschliche Herz, das rein und auf das Säen des Göttlichen Wortes vorbereitet sein und die 30fache, die 60fache oder gar die 100fache Ernte einbringen müsse.[13]

Laut der Lehre des Hl. Erleuchters Gregor Palamas bestand die Predigt von Johannes dem Täufer aus mehreren Etappen. Um die Buße zu erreichen, sei es notwendig, zuerst die Predigt über Gott zu hören und wahrzunehmen und Gott durch das „Bekenntnis“ zu erkennen. Die Taufe sei nicht nur „Bekenntnis“, sondern „Versprechen“ der „Rückkehr und gottgefälliger Werke“ an Gott. „Deshalb brachte der Vorläufer und der Täufer Christi nicht nur zur Anerkennung Christi, sondern predigte auch Buße und forderte deren Ergebnisse, Gerechtigkeit und Gnade, ein“[14] usw.

Die „Himmelsleiter“ spricht, mit Verweis auf die Predigt des Johannes, von der Buße und der Notwendigkeit der Beichte vor der Taufe. Diese Beichte bräuchten die Täuflinge selbst, um des Heiles willen.[15]

Dabei erweist sich Johannes der Täufer selbst als heiliger Mensch und Vorläufer der gesamten nachfolgenden Beichtpraxis in ihrer idealen Form, in der ein sündiger Mensch vor seinem Beichtvater wahre Buße tut.[16]

 

4. Vorbild der Enthaltsamkeit und der Demut

Der Heilige Johannes der Täufer befasste sich nicht nur mit der Predigt der Buße. Seine Buße war äußerst überzeugend kraft des erstaunlichen Zusammenfalls von Wort und Tat, der wahren Berufung zum Heil und des eigenen Vorbilds zweifelsfreier Selbstlosigkeit. Er, der in der Wüste wohnte, verfügte über all die Tugenden, die später die besten Vertreter des Mönchstums prägten: absolute Uneigennützigkeit, unablässiges Gebet usw. Der Heilige Basilios der Große schreibt in seinem Werk „Über das Fasten“: „Das Leben des Johannes war Askese. Er hatte weder Bett noch Essen, noch Ackerboden, noch Vieh, noch Korn, noch Ofen, noch etwas anders, was für das Leben erforderlich ist. Deshalb ist unter den von Weibern Geborenen kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer.“

Jedes Wort von Johannes dem Täufer, das im Evangelium geschrieben steht, wurde in der patristischen Literatur als Berufung zur Askese interpretiert. So erweisen sich seine Einstellung gegenüber dem Heiland und die Selbstherabsetzung vor IHM als Vorbild tiefster Demut. „Wenn auch wir es wie der Heilige Johannes der Täufer schaffen und uns dabei unablässig über die Herrlichkeit Gottes freuen, mögen wir sagen: ‚ Er muss wachsen, wir aber abnehmen‘ (vgl. Joh 3,30).“[17] Diese Worte aus den „Hundert Kapiteln“ vom HeiligenDiadochus von Photice können als unablässiges Gebet verstanden werden. Ihre klassische Form (zum ersten Mal in diesem literarischen Denkmal niedergelegt) zeugte später auch mehrere selbsterniedrigende Varianten („Erbarme dich meiner des Sünders“ u.ä.).

Das Thema der Demut wird im 211. Brief der heiligen Mönche Barsanuphius und Johannes von Gaza aufgegriffen, wo die Antwort auf die Frage „wie die Schweigsamkeit zu beginnen ist“ mit einem Aufruf zur Demut beginnt. „Die Antwort des Johannes. Johannes der Täufer sagte unserem Herrn Christus: ‚ Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?‘ Doch hat deine Liebe, die uns durch Demut erzieht, es gut erschaffen, damit wir wenigstens auf diese Weise beginnen, uns zu schämen, und unsere Leidenschaften benennen. Ohne allen Widerspruch aber wird das Geringere von dem Besseren gesegnet‘.“

 

5. Der Hohe im Geringen bzw. der Größere im Kleineren

Doch die Worte, die am schwersten zu erklären sind und eventuell das größte Bedeutungsspektrum haben, ist die berühmte evangelische Ankündigung: „ der Kleinste aber im Reiche der Himmel ist größer als er“ (Mt 11,11). Diese erstaunlichen Worte unterstreichen die außerordentliche Demut des Propheten; so legte jedenfalls Didymus der Blinde diese Stelle aus und merkte an: „Gott kümmert sich um den Größeren nicht mehr als um den Kleineren.“[18] Es ist die vieldeutigste von allen sich auf Johannes beziehenden Stellen der Heiligen Schrift in der christlichen Exegese.

Diese Worte zeugten im Weiteren eine ganze Reihe von Interpretationen:

1) Sie betonen die Größe der christlichen Taufe, deren Vorläufer Johannes war, dem aber keine Taufe zuteil geworden war (Hl. Kyrill von Alexandrien).[19]

2) Der Kleinere sei derjenige, der der Gnade gewürdigt wurde, die in den Zeiten des Gesetzes unmöglich zu bekommen war.[20]

3) Selbst die geringste Zeit (= Ewigkeit) in den Heimstätten Gottes sei besser als die menschliche Vollkommenheit.[21] Ähnlich denkt auch der Hl. Erleuchter Kyrill von Alexandrien, der mit folgenden Worten quasi das Fazit seiner Überlegungen zieht: „Das bedeutet also, dass der Größere unter den von Weibern Geborenen derjenige ist, der der Wiederbelebung durch den [Heiligen] Geist gewürdigt ist.“[22] Doch weiter erkennt er an, dass Johannes diese Gabe völlig beherrschte, sonst wäre er nicht der Täufer Jesu geworden.[23] Auch beim Hl. Mönch Maximus dem Bekenner heißt es, dass das zukünftige Wissen größer als das hiesige sei.[24]

4) Der Kleinere sei der Apostel Johannes: „Er sprach vom Apostel Johannes, der von seinem Alter her kleiner als der Täufer, an Apostelwürde aber größer war“ (Didymus der Blinde).[25] Im Corpus Macarianum werden als „die Kleineren“ generell alle Apostel verstanden.[26]

5) Es gibt auch die sittlich-asketische Auslegung, laut der der Kleinste der geringfügigste und aller Diener sei. Doch erweisen sich Demut und Selbstherabsetzung als Unterpfand außerordentlicher Größe. Ein Beispiel dafür ist Apostel Paulus, der einerseits, kraft der Besonderheiten seines apostolischen Dienstes, kleiner nicht nur als Johannes der Täufer, sondern auch als alle Heiligen war, jedoch andererseits der Apostelfürst wurde.[27]

6) Schließlich ist nach manchen Auslegungen der „Kleinere“ Christus (nach Zeugnis des Hl. Erleuchters Photios I. in den   Amphilochia).[28] Obwohl der Hl. Erleuchter Photios den Autoren dieser Auslegung nicht nannte, ist es nicht schwer herauszufinden, dass eine der ersten Auslegungen dieses Typs von Origenes stammte.[29] Der Hl. ErleuchterEpiphanius von Salamis gibt im Panárion eine viel ausführlichere Erklärung, laut der Christus der Kleinere sei – eben nach der Zeit seiner Geburt, als einer, der sechs Monate nach Johannes geboren war.[30] Der Hl. Erleuchter Johannes von Chrysostomos bringt die Auslegung ins Spiel, dass der Kleinere Christus sei, der dabei mit Johannes aber nicht verglichen werde, und wenn, dann nur hinsichtlich der Heilsordnung.[31] Pseudo -Kaisarios impliziert eine viel detailliertere dogmatische Auslegung: „der Kleinere als sichtbar Sterblicher [gemeint ist die menschliche Natur Jesu Christi – Heg. D.], der Größere als verständlicher Christus Gott“.

Zweifellos nahm der Hl. Johannes der Täufer mit der Zeit im kirchlichen Bewusstsein und auch in den Ikonen die zweite Stelle nach Christus ein. Das findet eine gewisse Bestätigung in der kirchlichen Literatur, wo er sich als Vorläufer des Heilands nicht nur im irdischen Leben, sondern auch in der Hölle erweist[32], was ihn Christus noch mehr ähnlich macht.

Also wurde das Bild von Johannes dem Täufer in der kirchlichen Auslieferung historisch und typologisch ausgelegt. Historisch war er der Vorläufer des Heilands; ein nicht vollwertiger Christ, einer, der nicht den Aposteln gleich war – vor allem, weil er das mystische Pfingsten nicht miterlebte. Doch erweist er sich als Stifter der Quintessenz des Christentums – der monastischen Tradition. Als Täufer Christi war er der größte Heilige, der während seines Lebens maximale Reinheit und Heiligkeit erreicht hatte. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf durch die Vielfältigkeit der Interpretationen, deren wichtigste Aufgabe es ist, ohne auf historische und dogmatische Genauigkeit zu verzichten, höchste Erbauung darzubieten und einen Weg christlichen Lebens zu skizzieren, der nicht nur für Mönche, sondern auch für gemeine Christen, welche christliche Vollkommenheit anstreben, gangbar ist.[33]

 


[1]Кирилл Иерусалимский, свт.  Поучение 10, 19.

[2]Das apokryphe „Evangelium nach Nikodemus“ 18, 3.

[3]Дамаскин  Студит, митр. Сокровищница.

[4]Иоанн  Дамаскин, пр. Изложение веры 88:64.

[5]Евстратий, пресв . Житие Евтихия, патриарха Константинопольского.

[6]Григорий  Богослов, свт . Послание 99, 1.

[7][Hl. Erleuchter Gregor von Nyssa] Григорий Нисский, свт.  Толкование на Екклезиаст 3, 26.

[8][Hl. Erleuchter Gregor von Nyssa] Свт. Григорий Нисский. На день светов (Vol. 9. P. 237. TLG 2017/14).

[9][Hl. Erleuchter Andreas von Caesarea] Андрей Кесарийский, свт . Толкование на Апокалипсис 2, 6, 2,28b-29.

[10]Герман  Константинопольский, свт. Тайная история Вселенской Церкви 19.

[11]Analecta Hymnica Graeca Canones Junii . (Varia) День 24, канон 16.2 песнь 3.

[12]Иосиф  Флавий. Иудейские древности 18, 117.

[13]Прокл Константинопольский, свт.  Гомилия на Богоявление 8, 57.

[14]Григорий  Палама, свт. Гомилия 60, 2.

[15]Иоанн Лествичник, прп. Лествица 4, 709.

[16][Basilos der Große] Василий   Великий. Пространные правила. PG 31, 1283-1285.

[17][Diadochos von Photiki] Диадох  Финикийский, св. Сто глав о духовном совершенстве 12.

[18]Vgl.: Дидим Слепец. О Троице (кн. 3)   [Sp.] . PG 39, 885:46-47.

[19]Кирилл  Александрийский, свт. Комментарии на Матфея (в катенах) Фрагмент 137.

[20][Photios I.] Фотий  Великий, свт., патриарх Константинопольский. Амфилохии 309.

[21][Didymus der Blinde]. Дидим   Слепец . Фрагменты на Псалмы. Фрагмент 848.

[22]Кирилл   Александрийский, свт.  Сокровищница о единосущной Троице PG 75, 16 Μείζων οὖν ἄρα παντὸς γεννητοῦ γυναικὸς ὁ τῇ τοῦ Πνεύματος ἀναγεννήσει τετιμημένος .

[23]Кирилл   Александрийский, свт.  Сокровищница о единосущной Троице. PG 75, 16.

[24]Максим  Исповедник ,прп . Вопросы и затруднения 36.

[25]Дидим  Слепец. О Троице  (кн. 3) [Sp.] . PG 39, 885. Cр.: Иоанн Златоуст, свт. На Иоанна Богослова    [Sp.] . PG 59, 611-612 ὥσπερ οὗτος ὁ μακάριος ἀπόστολος ὁ μικρότερος Ἰωάννης, καὶ μείζων τοῦ μεγάλου ἁγίου Ἰωάννου; Пс.-Кесарий. Вопросоответы 197.

[26]Макариевский корпус. Духовные гомилии  50 (собрание H). 28.

[27][Johannes Chrysostomos] Иоанн  Златоуст, свт . На святого апостола Павла (отрывок) P. 428.

[28]Фотий  Великий, свт., патриарх Константинопольский. Амфилохии 309.

[29]Ориген. Схолии на Матфея. PG 17, 293.

[30]Епифаний  Кипрский, свт .Панарион (Vol. 1. P. 284. TLG 2021/2).

[31]Иоанн  Златоуст , свт. Гомилии на Матфея. PG 57, 421.

[32] Anastasios von Sinai versteht die Frage „Bist du der Kommende?“, die Johannes der Täufer aus dem Gefängnis stellte, im Sinne der Vorahnung der Höllenfahrt Christi, die Johannes selbst früher antreten musste – nach der Enthauptung auf Befehl des Herodes (Анастасий   Синаит, свт . Слово 3 об устроении человека по образу Божию (против монофелитов) 5:40-45).

[33] Dieser Vortrag beruht auf ca. 30 Stellen über die Exegese von Mt 11,11 (ὁ δὲ μικρότερος ἐν τῇ βασιλείᾳ τῶν οὐρανῶν μείζων αὐτοῦ ἐστιν).

 

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