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Goldener Fonds

Lasset die Kindlein zu mir kommen… Teil 2: von 7 bis 17 (Beichte und Kommunion)

21. März 2012
Die häufigsten Fragen von Eltern an einen Priester sind Fragen, wie man dem Kind beibringen kann, zu beichten und zu beten, wie häufig es zum Gottesdienst gebracht und auf die Kommunion vorbereitet werden soll. All diese Fragen können nicht einfach kurz und prägnant beantwortet werden. Nach der Meinung des Autors des vorliegenden Artikels spielt im Lösungsprozess der Probleme einer religiösen Kindererziehung eben die moderne Beziehungsrealität innerhalb der Familie die Schlüsselrolle. Dem Verständnis dieser Realität hilft die hier von Erzpriester Georgy Krylov angebotene Typologie der orthodoxen Familien. 

Die erste Frage, die bei der Erwähnung der Überschrift und des Alters der Kinder entsteht, ist die Frage nach der Kinderbeichte. Die Anzahl der Fragen, die dem Priester zu diesem Thema gestellt werden, übersteigt die Anzahl zu anderen Themen, die Eltern stellen. Mir selbst geht es noch gut dabei, denn ich gehe auf einen bereits breit ausgetretenen Pfad.Der hervorragende Artikel des Erzpriesters Maxim Kozlov[1] ermöglicht mir das, was darin schon gesagt wurde, nicht zu wiederholen (da es gewiss richtig ist), sondern dies mit meiner eigenen Priestererfahrung lediglich etwas zu ergänzen.

Anfangs sollte gesagt werden, dass auch die Praxis der Beichte von Erwachsenen uns vor eine Menge Fragen stellt. Es gibt mehrere Positionen und Herangehensweisen an die Beichte, einige widerlegen sich gegenseitig. Das wichtigste dabei ist, dass es in allen Fällen das gleiche Problem wie bei den Kindern gibt, das des Formalismus und der Eingewöhnung. Das bedeutet, dass wir den Kindern die Beichte nur mit sehr großem Vorbehalten beibringen können. Trotz der Eingewöhnung von Kindern an die Beichte und ihres Formalismus geben sie uns, den Erwachsenen, häufig das Vorbild dessen, wie man beichten soll. Nicht selten seufzt der Priester, während er eine Kinderbeichte hört, in der Tiefe seines Herzens: „So soll man es machen! Und wir statt dessen …“. Manche Kinder  und ihre Beichten prägen sich im Gedächtnis des Priesters ein Leben lang ein. Der Beichtende ist bereits groß gewachsen, ist ein junger und dann ein erwachsener Mann geworden, aber ich schaue ihn an und erinnere mich an die Aufrichtigkeit und die Fülle seiner Kinderbeichten. Es muss gesagt werden, dass in der Regel, falls der Mensch als Kind so beichtete, er sicherlich als ein ungeheuchelter Christ groß werden wird. Man schaut ihn mit einer Erwartung an: „Ein derartiger Start zielt auf einen außerordentlichen Weg…“ Interessanterweise stammen die kleinen derartig Beichtenden fast immer aus Familien mit den „traditionellen“ Erziehungsfehlern und beginnen von den auswendig gelernten Worten seiner Mama über seine Sünden… Wie paradox das auch immer ist.

Womit fängt das Ganze an? Kinder spielen die Beichte, wobei sie ihre Eltern nachahmen. (Nicht alle, aber die meisten). Ich sehe keine Notwendigkeit, ihnen dieses Spiel zu verbieten. Aber sicherlich, während der Priester die Beichte eines Kindes in diesem Alter abnimmt und mit ihm kommuniziert, ist es notwendig, das Besondere seines Alters zu berücksichtigen. Der Priester darf der Beichte eines Kindes im solchen Alter nicht so wie der Beichte eines Erwachsenen gegenüber stehen. Das Wichtigste ist, dass das Kind sich nicht „verspielt“. Noch wichtiger ist, dass der Erwachsene, während er mit dem Kind über die Beichte spricht, nicht spielt.

Der Priester und das Kind während der Beichte… Wie soll man sein, um keinen Schaden zuzufügen, nicht abzuschrecken, nichts zu zerstören? Das wichtigste Problem ist der Zeitmangel. Wie soll man das winzige Wesen ohne Eile zu Herzen nehmen, wenn hinter ihm eine Schlange aus riesigen Tanten und Kerlen steht, die einander in den Hinterkopf schauen? Ist es vielleicht wirklich notwendig, dass ein Priester separat für Kinder da ist? Etwa in einem Kinderzimmer am Gotteshaus? Aber wirklich separat, damit seine sich drängenden Gleichaltrigen es nicht stören, nicht belauschen, nicht auslachen… Denn es gibt Hirten, die für die Kinderherde wie geschaffen sind – normalerweise werden sie auch von Kindern geliebt, die ihnen zulaufen (wobei ihre Eltern diese Liebe nicht immer teilen)[2]. Es gibt verschiedene Priester, die verschiedene Vorgehensweisen haben. So hörte ich Empfehlungen, überhaupt nichts zu sagen, nur dem Kind zuzuhören. Doch denke ich, dass der Priester mit dem kleinen Beichtenden sprechen muss. Das kann die Entwicklung des  Formalismus eindeutig verschieben, obwohl die Vertrauensbeziehungen sich auch bei Kindern in eine allzu sehr menschliche weiterentwickeln und damit manchmal  auch die Offenheit und die Aufrichtigkeit vor dem Pult. Liebevolle Worte des Priesters können vor allem denjenigen Kindern helfen, die als Kleinkinder keine Beichte gespielt haben und vor den ersten Beichten Angst haben.

Es ist notwendig, dass das Beichte-Spielen, wenn es beim Kind vorlag, sich allmählich in eine Beichtfertigkeit verwandelt. Damit das entsteht, was bei der Beichte das Wichtigste ist, nämlich das Bewusstsein des All-Wissens Gottes und die aus diesem Bewusstsein stammende Aufrichtigkeit. Damit wird die Beichte zum Bedürfnis der Seele. Leider ist es unmöglich, bei Frauen, die zum Spielen disponiert sind (insbesondere bei Großmüttern – sie sind nämlich diejenigen, die mit den Enkeln zusammen ins Gotteshaus gehen), die ständige Gewohnheit zu bremsen, ein Kind zu bemuttern, das gar kein Säugling mehr ist. So spielen Kinder in ziemlich hohem Alter die Beichte weiter, indem sie äußerlich das nachahmen, was die Erwachsenen wünschen, in ihnen zu sehen. 

Die meisten (und das ist eine riesige Menge) Fragen der Eltern an den Priester sind Fragen danach, wie man dem Kind beibringen kann, zu beichten und zu beten, wie häufig man es zum Gottesdienst bringen und auf die Kommunion vorbereiten muss. All diese Fragen können weder kurz und knapp, noch bis ins letzte Detail beantwortet werden, da sie sehr kompliziert sind. Letztendlich geht es einfach nicht, ein virtuelles Handbuch der Antworten zu erschaffen, aus dem man in jedem konkreten Fall nach der Eingabe der Umstände den Algorithmus der elterlichen Handlungen erhalten könnte. Weil es nämlich das Leben ist, und das ist unglaublich schwer. Es geht nicht nur um das innerliche und aufrichtige, ungeheuchelte Christentum der Eltern. Erziehung ist Schöpfung. Schöpfung der Eltern und Mitschöpfung mit Gott. Wir ziehen einen lebendigen Spross groß, und jegliche ideologische Abrichtung und Einpaukerei wird sich früher oder später als Tötung dieses Lebens erweisen, da dem Kind die äußerliche Nachahmung, zu der seine Eltern es nötigen (wie es schnell begreift), immer leichter fällt. In jedem Fall soll man bei jedem Problem wagen, eine Antwort von Gott zu erhalten – durch einen Priester oder wie auch immer.

Während wir das Kind erziehen, erziehen wir uns auch selbst, nicht umsonst ist Erziehung ein Weg zumHeil. Deshalb ist die Grundlage der Erziehung immer die Selbstopferung, die aber vernünftig ist (so vernünftige Selbstopferung überhaupt möglich ist). Es gibt kein solches irdisches Ziel bzw. Wert, das vor den Werten des Geistes, vor dem Hauptziel nicht zurücktreten soll: dem Aufziehen des spirituellen Sprosses, der sich im Herzen des Kindes durchbricht.  Deshalb darf es wohl empfohlen werden, Kinder vor der äußerlichen Unbequemlichkeit und äußerlichen Kümmernisse nicht abzuschirmen.  Es macht auch keinen Sinn, sie vor den Verführungen mit einer undurchbrechbaren Wand abzuschirmen, da die Verführungen sich sowieso einschleichen werden. Man soll ihnen beibringen, von Fall zu Fall gegen Verführungen zu kämpfen und die Kommunion soll in diesem Kampf die Hauptwaffe werden. Abschirmen, und zwar vernünftiges, macht nur gegen zu gefährliche Verführungen Sinn. Generell kann man Sophie Koulomzin zustimmen, die schrieb, dass Kindererziehung der Kampf der Eltern gegen die Leidenschaften sei, die beginnen, in ihren Kindern zu wachsen, und gegen die die Kinder noch nicht selbst kämpfen können“[3]. Es kann wohl gesagt, dass es notwendig ist, dass die Erziehungsziele über den Ausbildungszielen den Vorrang bekommen (letztendlich ist Ausbildung nur ein Erziehungsmittel).

Der Charakter der Kindererziehung hängt sicherlich vom Charakter des Kindes selbst ab. Und auch von der Art der Beziehungen in der Familie, vom Typ der Familienausrichtung (wenn es so ausgedruckt werden kann). Und auch noch von der Stelle des Kindes in der Gesellschaft, davon, wo und wie es lernt, mit wem und wie es in der außerschulische Zeit kommuniziert u.a. Deshalb, wenn wir über Kindererziehung sprechen, ist es keinesfalls möglich, die Frage nach den Typen von orthodoxen Familien, über die moderne Realität der Beziehungen innerhalb der Familie auszulassen. Entschuldigen Sie, dass ich vermeide, in diesem Bereich Ideale zu skizzieren - das wären ja unerreichbare Luftschlösser, die nur desorientieren könnten. Dadurch würde die praktisch-pragmatische Darstellung des Themas leiden, an dem ich mich auszurichten  versuche.

Der erste Typ der Familie, den ich in der Zeit meines jugendlichen Wachstums kennenlernen konnte, ist die Familie des „mittelalterlichen“ Typus, oder - wie moderne Liberale sie nennen könnten - „totalitäre“ bzw. „autoritäre“ Familie. Dieser Typ wird an den Stellen der Heiligen Schrift gemeint, wo es um Familienleben geht (zum Beispiel, an der notorischen  Stelle  aus der Epistel, die bei der Krönung verlesen wird (Eph 5,33): „… Das Weib aber, dass sie den Mann fürchte!“ ).

Derartige Familien sind im modernen Leben eine Seltenheit, da die Gesellschaft nun Menschen hervorbringt, die unfähig sind, ihre Familie auf diese Weise zu errichten und in solche Beziehungen zu treten. Dennoch hatte ich die Möglichkeit, diese „richtige“ Ordnung in einigen Priesterfamilien zu beobachten, die, per definitionem eher konservativ sein sollen. In diesen Familien ist es möglich, die reichen Traditionen der „klerikalen“ Erziehung fortzuführen, die in der vergangenen Zeit reichliche Früchte ergab und ein Vorbild für die Laien war. 

Über die Familien ist bei den Heiligen Vätern generell sehr wenig geschrieben, denn in ihrer Zeit waren derartige Familienbeziehungen eine Selbstverständlichkeit, und eine Selbstverständlichkeit wird von Zeitgenossen bekannterweise nicht beschrieben. (Normalerweise wird nicht über so etwas, sondern über eine neue Perspektive geschrieben.) In der mittelalterlichen Familie wurden die Beziehungen so gebildet, wie in einem Kloster, in einer mittelalterlichen Zunft und in vielen anderen mittelalterlichen geschlossenen Gesellschaften. Die Familie stellte eine Hierarchie dar, indem sie das hierarchische Bild der Organisation der Umgebung kopierte („ein kleiner Staat“). Das Haupt war der Ehemann, der Vater (der die maximale Verantwortung trug). Die Ehefrau befand sich in Bezug auf den Mann im Gehorsam (fast wie in einem Kloster). Nach der patristischen Lehre erhielt sie eben durch diesen Gehorsam Heil. Es ist bemerkenswert, dass der „mittelalterliche“ Typ der Familie Kinder voraussetzt, und zwar viele (nicht eins oder zwei). Das ist für die Erschaffung einer geschlossenen Gesellschaft notwendig, die zum mehr oder weniger autonomen Dasein fähig ist. Es geht dabei um die spirituelle Autonomie, die für die Familie in diesem Zeitraum eben impliziert wurde.  Die Beziehungen zwischen den Kindern und den Eltern wurde auch mit dem Begriff „Gehorsam“ bestimmt, auch wenn die Grundlage dieser Hierarchie auf Liebe und Respekt beruht (im gewissen Sinne kann man hier den Begriff „Autorität“ verwenden, aber unter Berücksichtigung der zahlreichen Bedeutungen, die darin hineingelegt werden). Zu bemerken ist, dass dieses Schema nur für das religiöse Bewusstsein taugt und auf der Hauptvertikale – der Liebe an Gott – ruht (ausführlicher kann es hier nicht beschrieben werden).

Jedenfalls, wenn man einer solchen Familie begegnet, kann von ihrem „Anderssein“ in Bezug auf die moderne Welt gesprochen werden. Dementsprechend ist die Familie am häufigsten von der Welt abgeschirmt und in die moderne  Wirklichkeit nicht ganz „inkorporiert“  (was sowohl den Bekanntenkreis des Kindes als auch vieles anders beeinflusst). In einer solchen Familie verläuft die Erziehung von Kindern, insbesondere ihre religiöse Erziehung,  normalerweise nach anderen Gesetzen. Vieles von dem, das im Artikel in Bezug auf die Zöglinge nicht empfohlen wird zu machen, legt sich organisch ins Gewebe des Familiendaseins und führt zu Ergebnissen, die den normalen Ergebnissen entgegengesetzt sind. So wird Gewalt, einschließlich religiöse, vom Kind, das unter solchen Bedingungen wächst, völlig anders wahrgenommen und ist nicht nur möglich, sondern manchmal ein notwendiger Erziehungsfaktor. In so einer Familie sind die Erziehungsempfehlungen wohl anwendbar, die die Heiligen Väter uns hinterlassen haben, einschließlich davon, wie Kinder fasten und das Gotteshaus besuchen sollten, sowie auch über die Vorbereitung der Kinder auf die Kommunion im gleichen Maße wie die Erwachsenen, über die Kinderbestrafung usw. In so einer Familie formalisiert das Fließbandprinzip der Vorbereitung auf die Beichte (erst die älteren Kinder, dann die jüngeren) die eigentliche Einstellung gegenüber der Beichte nicht – das ist eben ein natürlicher und gesunder Vorgang, der durch die Authentizität der Tradition bestimmt wird. Leider adaptieren sich Kinder, die in solchen Familien erzogen sind, nur sehr schwer an die moderne Welt, am häufigsten haben sie Angst vor der nicht-christlichen Umgebung und ziehen vor, in kirchlicher Gesellschaft zu bleiben.

Doch werde ich einem jungen Paar, das sich auf die Familiengründung vorbereitet, nicht empfehlen, von der „mittelalterlichen“ Familie besonders zu träumen. Heute ist es sehr schwer, solche Familien zu gründen, es ist fast unmöglich, insbesondere ohne eine Grundlage. Doch ist es sehr leicht, die Gründung einer „mittelalterlichen“ Familie zu profanisieren, was in den meisten Fällen auch der Fall ist. Die Ergebnisse sind immer elend. Das Spiel „Familie“  ist so wie „Krieg-Spielen“, nur mit den richtigen Waffen – fast sicherlich würde sich jemand verwunden, und auch ein tödlicher Ausgang ist möglich. Leider werden die mittelalterlichen Prinzipien der Kindererziehung in den Familien „stumm“  verwendet, die eine ganz andere Ordnung der Organisation und der innerlichen Beziehungen haben. Das führt automatisch zu der Verzerrung und Hässlichkeit im Bereich der religiösen Erziehung (und oft auch in den anderen Bereichen), was sich am häufigsten als Verlust des Glaubens erweist, während das Kind zum Jugendlichen heranwächst, manchmal auch früher. Ganz zu schweigen, dass das Spiel „Zurück ins Mittelalter“ sehr häufig gar zur Familienzerrüttung führt.

Nun reden wir von der Familienorganisation, die in der modernen Welt am häufigsten zu finden ist. Ein spirituell nüchterner Anblick entblößt die Unvergleichbarkeit des heiligen Altertums mit der Gegenwart. Bei der Systematisierung der Haupttypen der orthodoxen Familie (In diesem Artikel werden wir  das nicht tun und sagen nur allgemeine Worte), müssen wir zugeben, dass an Systematik Mangel herrscht. Umfassen wir das ganze Spektrum der Beziehungen innerhalb der Familie, haben wir verschiedene Grade der Liberalität und/oder Demokratie (so wie auch in der modernen Gesellschaft). Wir haben es mit der eigenen Unvollkommenheit, mit der Verarmung der Spiritualität und mit dem lasterhaften, aber unvermeidlichen Zusammenhang unseres Daseins, mit den vergänglichen Begierden der Welt und dem Listenreichtum der Zeit zu tun. Die Familie ahmt die Prinzipien der Organisation der säkularen Gesellschaft unwillkürlich nach und wir haben lediglich auf die Möglichkeit einer christlichen Rezeption und der Sublimation dieser Prinzipien zu hoffen.

Also setzt die Familie, die auf der Gleichheit ihrer Mitglieder (d.h. eine „nicht-hierarchische“ Familie) ein größeres Ausmaß der Unabhängigkeit des Kindes voraus, das durch das Ausmaß der Unabhängigkeit der Eheleute bestimmt wird und letztendlich der säkularen Umgebung entnommen wird. Die Erziehung eines Kindes unter den Bedingungen seiner Unabhängigkeit setzt immer ein größeres Feingefühl und die Notwendigkeit  der Mittelbarkeit der meisten Handlungen des Erziehers, insbesondere im religiösen Bereich, voraus. In diesem Bereich ist die Gewalt generell unmöglich, da im modernen Bewusstsein jegliche Gewalt eindeutig als negativ gekennzeichnet wird und ebenso beginnt auch das Kind sie wahrzunehmen. In dieser Situation kann als das Positive die Integration dieser Familie in die moderne Gesellschaft genannt werden. Falls die Erziehung unter solchen Bedingungen gelingt, dann fällt es dem Kind danach sehr leicht, sich sozial einzufügen. Bei der christlichen Erziehung wird in diesem Falle im Kind unbedingt eine Bekenner-Botschaft großgezogen (ich würde sie auch „apologetische“ nennen), auf die ich im Weiteren eingehen werde.  

Die „Kulmination“ dieser Periode im Leben des Kindes ist die Pubertät, die bei Jungen etwa mit 14 Jahren, und bei Mädchen noch früher beginnt, und die ganze nachfolgende Zeit andauert. Das wichtigste Charakteristikum dieser Periode ist die Tatsache, dass das Kind sich die eigene Unabhängigkeit bewusst macht und seine Eigenständigkeit und Individualität spürt. Das ist aber auf dem innerlichen Niveau. Auf dem äußerlichen Niveau ist das (mehr oder weniger) der „Exodus“ des Kindes aus der Familie, die Orientierung auf äußere Autoritäten und die Suche nach diesen Autoritäten.

Erziehungsschwierigkeiten beginnen normalerweise in der „Schulzeit“. Das Kind geht in die Schule.  Sein Bekanntenkreis ändert sich prinzipiell, es entstehen ganz neue Pflichten, Verantwortungen u.a. Das Kind „kostet“ die Freiheit, beginnt, um sie zu kämpfen, löst sich von der Familie ab. Die Meinung des Kollektivs und die Stellung, die es in der Gesellschaft einnehmen will, werden wichtiger. Es beginnt der Kampf um diese Stellung. Das Kind wird von der Gesellschaft betört, manchmal reproduziert es in sich blind das Weltanschauungs- und Wertesystem der Gesellschaft, in der es sich aufhält. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Umgebung, in die das Kind gerät, wenigstens am Anfang „die Seine“ ist. Aus diesem Grund unterstütze ich immer den Wunsch der Eltern, ihre Kinder in orthodox-orientierten Lehranstalten lernen zu lassen, obwohl das Ausbildungsniveau dort durchaus niedrig ist. Doch garantiert dies aber an für sich nichts, und man darf die Erziehung des Kindes nicht dem guten Glück überlassen, da erstens auch in orthodoxen Schulen die Umgebung nicht ideal ist. Zweitens wird die Kollision des Kindes mit der nicht-christlichen Welt, der Welt der Verführungen, doch stattfinden – sie wird damit bloß hinausgezögert. Dabei soll es auf diese Kollision bzw. Kollisionen vorbereitet, ihm „Freiheit beigebracht“, ihm selbstständiges Laufen beigebracht werden.

Wie soll dem Kind aber beigebracht werden, sein Christentum in der nichtchristlichen Gesellschaft zu bewahren? (Früher oder später wird es unvermeidlich in ihr angekommen sein.) Normalerweise wird empfohlen, das Kind zu einem Individualisten zu erziehen – im positiven Sinne. Also zu einen Menschen, der dem Einfluss des Kollektivs widerstehen, und sich dem Kollektiv gelegentlich sogar entgegenstellen kann. Jedenfalls  weder ein Knecht der Gesellschaft zu sein noch sich ihr zurechtzubiegen. Also,  in unserer Sprache gesagt, sollen wir anstreben, einen Bekenner – wenigstens in einigen Angelegenheiten - zu erziehen. Ansonsten  kann man sich von seinem Kind verabschieden! Berücksichtigen Sie aber, dass zur Schule derartigen Glaubensbekenntnis bzw. zu seinem Trainingsfeld unvermeidlich die Familie werden muss. Deshalb müssen alle Gedanken über den „friedlichen“ Erziehungsprozess in der Familie gelassen werden. Es ist notwendig, das Leben der Familie in ein Rollenspiel umzuwandeln (natürlich nicht direkt und für das Kind unbemerkt), in der das Kind das Verhalten der Gesellschaft üben, das Eigene ausfechten und zu kämpfen lernen könnte. Deshalb sollte das Kind manchmal zu einem Wettbewerb gerufen werden, man sollte es einmal selbst verlieren, und einmal gewinnen lassen. Erinnern wir uns an die schöne These von Paulo   Coelho, dass ein weiser Lehrer dem Kind das Kämpfen am Vorbild des Kampfes mit sich selbst beibringt  und ihm die Möglichkeit gibt, gegen den Lehrer zu kämpfen[4].

Sprechen wir über den ersten Familientyp, ist in der schwierigsten Erziehungsperiode, nämlich der Erziehung von Söhnen in ihrer Pubertät, die Methode des „gesteuerten Konflikts“ wohl angebracht. Das geschieht wenn der Vater (normalerweise der Vater, nicht die Mutter) mit dem Kind einen Konflikt bewusst initiiert, und danach diesen Konflikt steuert, damit das Kind im Ergebnis die Frucht, ein Ergebnis erhält, das es durch andere, „nicht kämpfende“ Wege nicht gewinnen kann. Hier sind elterlicher Freimut und Angstlosigkeit wichtig. Normalerweise streben Kinder in dieser Periode nach Konflikten mit den Eltern – das ist ein Merkmal ihres Wachstums und ihrer Unabhängigkeit. Eltern, die ihre eigene Bequemlichkeit schützen (die sie völlig falsch als „Frieden“ bezeichnen), haben vor diesem Streiten Angst. Wird der Konflikt aber von einem Elternteil initiiert, brauchen Sie keine Angst zu haben – der Sohn strebt in der Regel die entgegengesetzte Position an, also wird das Feuer der Meinungsverschiedenheiten nicht über den Rahmen der Zweckmäßigkeit hinübergehen. Die elterliche Autorität wird in derartigen Familien normalerweise aufrechterhalten, doch empfehle ich, es eben „e contrario“  aufrechtzuerhalten – d.h., durch die bewusste Entfernung der Eltern vom Kind. Die Autorität aktualisiert sich immer bei der „unvollständigen Zugänglichkeit“ des Autoritanten. Doch kann ich diese Methode für die anderen Familientypen nicht empfehlen.

Jedenfalls verwandelt sich der Erziehungsprozess für das Kind teilweise in den „Kampf um die Autoritäten“. Gut ist, wenn das Kind die Autoritäten in der orthodoxen Welt, untern den „Seinen“ findet. Noch besser ist, wenn zur Autorität der Beichtvater bzw. ein Priester wird. Oder jemand aus der orthodoxen Umgebung: Trainer, Lehrer, Jugendarbeiter. Der erwähnte Individualismus (das Können, selbstständig zu „stehen“) wird allerdings nur bei Wenigen erzogen, die Mehrheit der Zöglinge bedarf des „Stützens“. Deshalb ist man nur durch das Erlangen einer richtigen Autorität fähig, das Kind vor dem „bösen Kollektivismus“ vorzuwarnen, d.h. vor der Selbstversklavung durch die negative Gesellschaft mit allen daraus folgenden Konsequenzen. 

Nach so einem ausführlichen Exkurs kehren wir nun zurück zur Beichte Kommunion von Kindern. Sicherlich sollte die Teilnahme an diesen Mysterien für das Kind auf dieser Etappe ein Akt seiner eigenen Wahl und ein Ergebnis seiner Freiheit werden. Das ist sehr wichtig, da - falls es diese nicht gibt - die Gewalt sich früher oder später zur Ablehnung und Unwilligkeit des Kindes erweisen wird, an diesen Mysterien teilzunehmen. Man soll nicht erklären (auf dieser Etappe werden keine Erklärungen wahrgenommen), sondern eben demonstrieren, dass das die Waffen des Kampfes, die Waffen der Freiheit sind, und die Freiheit  eben dank ihrer zu erlangen ist. Diese Demonstration sollte indirekt und unaufdringlich sein. Das Kind müsste diesen Schluss für sich selbst ziehen und die eigene nicht erzwungene Erfahrung gewinnen. – Der herwachsende Mensch wird auf dieser Etappe keine fertigen Entscheidungen annehmen.

Was aber konservative Familien betrifft, kommt es vor, dass ausgerechnet Gewalt bei diesem Anliegen das ist, was das Kind mitreißt. Jedenfalls sind die Anliegen der Beichte und der Eucharistie (Häufigkeit, Vorbereitung usw.), so wie auch die Gebetspraxis (zu Hause und im Gotteshaus) in diesen Familien für Kinder aber nicht aktuell. All das wird „im Strom“ des Alltags – etwa im „Fließband“-Modus wahrgenommen. Das bedeutet aber nicht, dass die Wahrnehmung verstummt ist, und die rein rituell-innerliche Neuheit jedes Mysterium auch fließbandmäßig verläuft. Das Innerliche wird dem Äußerlichen nicht entgegengesetzt (was der übrige Algorithmus des modernen liberalen Bewusstseins ist), sondern ist mit ihm organisch verschmolzen und authentisch, heiter vereint. Das spirituelle Wachstum jedes Mitglieds ist durch die spirituelle Dynamik der Familie als „kleines Universums“, als eigenständigen spirituellen Ganzheitlichkeit – der strukturellen Kopie der Kirche – bestimmt. Allerdings ist derartige Organisation ein Phänomen, und es kommt selten vor.

In allen anderen Fällen ist blinde Gewalt „dem Tode ähnlich“. Leider haben Mütter Angst, dass sich ihre Kinder von der Kirche entfernen. Deshalb halten sie die regelmäßige Kommunion für eine äußerliche „Garantie“ der Verbindung  und bestehen darauf, ohne den Willen ihrer Kinder zu beachten. Aber all das wird vom Kind gespürt und provoziert Widerstand und Ablehnung. Derartige Gewalt führt unvermeidlich zum Protest und zur Entkirchlichung des anwachsenden Kindes. Das ist der Grund, warum jeder Priester von der Notwendigkeit des Mutes spricht und auf die obligatorische Rolle des Vaters weist, der in diesem Bereich zu mehr Kreativität und Risiko fähig ist.

Zum Schluss darf und soll von einem wichtigen Erziehungsfaktor gesprochen werden: In seinen verborgenen Tiefen wird das Kind unvermeidlich ein Abbild der innerlichen Organisation seiner Eltern. Deshalb ist der wichtigste Faktor einer erfolgreichen Erziehung das spirituelle Wohlergehen, das ungeheuchelt innerliche Christentum des Vaters und der Mutter, ihre religiöse Suche und Freimut, ihre christliche Liebe und Einheit. Die Grundlage der Seele wird nicht durch äußerliche Erziehungsmaßnahme gelegt (die sicherlich aber auch wichtig sind), sondern mystisch und unbegreiflich durch die verborgene Kommunikation mit den Menschen, die mit ihm durch die Bande der engsten Verwandtschaft verbunden sind. Wenn wir hier von dieser tiefen spirituellen Ebene sprechen, ist eben hier die manchmal äußerlich unsichtbare gnadenvolle Wirkung der Mysterien der Beichte und der Kommunion prinzipiell wichtig[5]. Die Teilnahme an diesen Mysterien ist eben das, was Eltern mit Kindern innerlich vereint und zur Sicherung ihrer äußerlichen und verborgenen Kommunikation und der christlichen Kontinuität wird.

 


[2] O tempora! O mores! Jegliche Geneigtheit und „Kindlichkeit“ des Priesters nehmen die „einfühlsamen“ Eltern direkt für ein Zeichnen der nicht-traditionelle Orientation. Und dann – Fragen, Briefe, Beschwerden… In der Jagd nach dem künstlich hingebrachten Gespenst des Feindes wird dem Priester das Recht geweigert, Kinder zu lieben. Tja… Die Ernte wird unvermeidlich  dem Gesäten entsprechen.

[3] Куломзина С. Наша Церковь и наши дети. М., 1993.

[4] Пауло Коэльо. Пятая гора. М. 2001.

[5] Meiner Zeit, als ich in meiner Jugend ein Betreuer im Kinderlager (für Pioniere) arbeitet, war ich durch den Unterschied zwischen den Kindern, die getauft waren und wenigstens elementare kirchliche Einbeziehung erhalten hatten, und den Kindern, die das nicht erlebt hatten. Trotz des Fehlens der „richtigen“ kirchlichen Erziehung „wächst“ die Gnade in den Kinderseelen aus, wenn sie dort ursprünglich „gesät“ war. 

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