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Goldener Fonds

„Abschaffung der Theologie“

6. April 2012
Hier wird den Lesern von Bogoslov.Ru eine dialogische Reflexion über Theologie vorgestellt. Im Gegensatz zu den vorigen Dialogen der ständigen Autoren des Portals stellt dieser Text eine offene Diskussion ohne den Versuch eines Konsenses dar, deswegen  ist er in keine thematischen Untertitel eingeteilt. Der Dialog befasst sich mit der Osterzeit, in der wir leben.

Mönchpriester Iosif (Pavlinchuk):   In der modernen Welt hören wir immer häufiger von theologischen Disziplinen, von Lehrstühlen für Theologie, von theologischer Ausbildung und anderen ähnlichen Sachverhalten. Viele angesehene Universitäten bilden Spezialisten für Theologie aus, und manche Hochschulen bieten sogar an, Doktor- und Habilitationsarbeiten zu schreiben und zu verteidigen. Während es noch vor fünfzehn- zwanzig Jahren in den sowjetischen akademischen Kreisen seltsam gewesen wäre, von Theologie zu sprechen, verstehen heute aber viele, dass es in der wissenschaftlichen Welt ohne Theologie ungemütlich wird. Aber was ist die Theologie? Was ist der Stellenwert der Theologie unter den anderen modernen Wissenschaften? Warum ist das so, dass ernsthafte theologische Diskussionen immer häufiger ohne Teilnahme von Theologen stattfinden? Was ist der Zusammenhang zwischen dem Glauben und der Theologie? Wer kann zum Theologen werden, und braucht man dafür besondere Berufung?

Der technische Fortschritt, PC-Technologien, riesige Errungenschaften in den Bereichen Genetik, sowie Mikro- und Makroelemente der Zelle, die Eroberung des Weltalls und Forschung des Erdkerns bringen den Menschen weit über die Grenzen der zu vorstellbaren Realien hinaus. Es scheint, dass alles durch einen einfachen Druck auf Knöpfe und Tasten geschieht. Nichtsdestoweniger kann der Mensch seine Bedürfnisse und Wünsche in diesem ganzen Spektrum der technischen Innovationen nicht befriedigen. Die Suche nach der spirituellen Welt und des obersten Sinnes des Seins hat den Menschen nie verlassen. Ist die moderne Theologie nach der Psychoanalyse Freuds, der Anthropologie Nitzsches und der Evolution Darwins fähig, auf die verborgenen und offenen Fragen eine Antwort zu geben, und zwar in unserer Epoche, die häufig die Zeit der Postmoderne genannt wird?

Diakon Augustin Sokolovski :  Die moderne Theologie hat es im Grunde geschafft, das Erbe der drei eben erwähnten Denker – Darwin, Nitzsche und Freud, die im neutralen Sinne häufig „Propheten der modernen Zivilisation“ genannt werden  – zu rezipieren. Mehr noch, die Gedanken eines jedes von ihnen wurde für die Theologie zur Quelle eines mächtigen begeisternden Impulsesauf dem Wege eines weiteren Sinnens über den Sinn der Welt in der Perspektive der Welt Christi, was der Hauptzweck des theologischen Werks ist. 

Die Entwicklung des Zivilisationsprozesses führt zur Stellung der gesetzmäßigen Frage nach dem Wechsel der Hauptparadigmata des Denkens, der sich eben an der Umformung der eigentlichen Definition der Gegenwart, die nun Postmoderne genannt wird. Hier eröffnen sich für die Theologie neue Horizonte von Fragen und Antworten, die vom Wissenschaftler in puncto Weltanschauung maximale Konzentration der theologischen, philosophischen und allgemeinen Gelehrsamkeit erfordert, die für die adäquate Kontextualisierung der beleuchteten Probleme notwendig sind. Es gibt auch Wege der Flucht vor der unmittelbaren Konfrontation mit derartigen Herausforderungen, einer von denen ist diejenige Theologie, die aus dem ursprünglichen Kontext die Behauptung „Theologe ist derjenige, der viel betet“ als Grundlage nimmt, und damit dieNotwendigkeit qualitativer Formulierung des Denkens des Denkens abschafft.

 

Vater Iosif :  Einer der schwachen Stellen der modernen Theologie ist die Ausprägung einer gewisser Lauheit, Abkapselung bzw. Flucht vor der Konfrontation mit der Welt der Kunst, mit den philosophischen Systemen und der Kultur. Davon warnte noch der Apostel Johannes der Theologe in der Offenbarung: „ Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Also, weil du lau bist und weder kalt noch warm, so werde ich dich ausspeien aus meinem Munde“ (Offb 3,15 -16).

Also stellt die „Lauheit“ das Fehlen der natürlichen Reaktion des Verstandes und des Herzens bzw. die flache Gleichgültigkeit gegenüber der Umgebung dar. Die Aussage von Euagrios Pontikos „falls du Theologe ist, wirst du wahr beten, und falls du wahr betest, bist du Theologe“ ist nicht das Motto derartiger Denkweise, sondern eher seine Entlarvung. Der Aufruf zum „wahren“ bzw. „richtigen“ Gebet ist der Aufruf zur Besinnung seines Glaubens, zum argumentierten Beweis der theologischen Erfahrung, der Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott. Die Pflicht des Theologen und der Theologie beinhaltet im Allgemeinen die Kombination der Teilnahme am kirchlichen Leben durch die Erfahrung des Gebets und die theologische Reflexion. Also wird der Theologe quasi zum Leiter und Reformatoren (Transformatoren): einerseits erhält er die inspirierende Gnade des Heiligen Geistes, und andererseits ist er gegenüber dem Dialog mit der Umgebung geöffnet und teilt seine Gaben und die gesammelten Erfahrungen leicht mit.

Vater Augustin :  Die Behauptung, die für ihre Bestätigung eine virtuose Auslegung braucht, ist an sich kaum bestandsfähig. Für die richtige Verständnis der Definition der Theologie als Gebet ist eine entsprechende Herausnahme aus dem heutigen Kontext notwendig, die es ermöglicht, die ursprüngliche Akzentuierung zu verstehen und die Ursache der Verschiebung in der Auslegung zu bestimmen, die uns zum modernen Verständnis dieses patristischen Axioms über den Theologen fuhrt.

Die Definition „Theologe ist derjenige, der viel betet“, geht auf Gregor von Nazianz (+389) zurück. In seinem Denksystem steht sie mit der Notwendigkeit zusammen, sich von unüberlegten theologischen Spekulationen zu enthalten, falls  keine ausreichenden Qualifikationen da sind. Eigentlich ist die diese Definition Gregors der Wahrnehmung der eigenen Person im modernen Kontext direkt entgegengesetzt, indem die Kombination von Theologie und Gebet dem quasi notorisch minderwertigen und von vornherein defizitären Werk des Theologen entgegengestellt wird.

Eine derartige Definition der Theologie finden wir auch bei Gregor von Nyssa (+394). Er spricht offen davon, dass die Theologie und das theologische Urteil zum Beutestück der Menschen wurden, die intellektuell nicht ausreichend entwickelt sind und zum Opfer der Mode wurden. Deshalb fordert er die Theologie dorthin zurückzubringen, wo sie ihren ursprünglichen Impuls hat. Das geschehe durch Selbstarbeit, intellektuelle Reflexion und philosophische Kreativität. Gregor von Nyssa nahm die monastische charismatische Spiritualität, die damals eine ungewöhnliche Blüte erlebte, mit tiefem Enthusiasmus auf. Deshalb könnten wir bei ihm wirklich eine Tendenz zum Ersatz der Theologie durch das kontemplative Gebet finden

Euagrios Pontikos (+399) ist der einzige Autor der Philokalie, der Abba genannt, aber nicht als Heiliger  bezeichnet wird – aufgrund seiner formalen Verurteilung durch die Kirche. Bei Euagrios finden wir eine Tendenz zur elitären Absonderung der Asketen, die ein hohes Stadium der Vollkommenheit erreicht haben, das sie zu einer besonderen Denkweise fähig machen: Die Wahrnehmung der Realität als Gesamtheit der Schlüssel, die die Absichten Gottes über die Welt und den Menschen verbergen – für die Geweihten aber aufdecken. Das Heil wird in vielen Hinsichten mit dem Wissen gleichgesetzt und folglic-h erhält die Theologie eine neue asketische Kontextualisierung.

Doch scheint es, dass wir im Problem der Definition der Theologie einer besonders folgereichen Zweideutigkeit in der Geschichte begegnen. Da die uns heute gewohnte Benennung „Theologe“ und „Theologie“ in Bezug auf die zu studierende, gelehrte und wiedergebende Disziplinim altkirchlichen Vokabular fehlt, wurde erst in der Moderne endgültig eingeführt. In vielerlei Hinsicht ist sie das Ergebnis der Polemik gegen die Reformation und der Polemik der Reformation mit ihren inneren und äußeren Opponenten. Die für die Spätantike und das klassische Mittelalter übliche Benennung des kirchlichen Wissens finden wir unter anderem im Titel des wichtigsten Werkes der patristischen theologischen Hermeneutik: „De Doctrina Christiana“, des Augustinus von Hippo. In der patristischen Epoche war mit „Theologie“ die Erzählung über die heidnischen Götter gemeint. Was aber Theologie im modernen Sinne meint, wurde „Die Heilige Lehre“ genannt.

In der neusten Zeit finden wir die Definition der Theologie als Gebet beim Heiligen Mönch Siluan von Athos (+1938). Es ist nicht schwer festzustellen, dass trotz der buchstäblichen Wiedergabe dieser Formel, die Einordnung ihrer Verwendung nicht wie bisher bleiben kann, zumindest aufgrund der zeitlichen Distanz zwischen Siluan und den eben erwähnten Denkern. Möglicherweise werden die Worte Siluans von den seinen Kommentatoren für das Bringen der orthodoxen Theologie über den Rahmen der formalen theologischen Anforderungen hinaus verwendet, was im Kontext ihrer theologischen Denkens notwendig ist.

 

Vater Iosif : Theologie als Lebensart. Während wir die Theologie als Gebet definieren, können wir die andere Definition „Theologie als Lebensart“ aber auch nicht weglassen. Eigentlich widersprechen diese Definitionen einander nicht, sondern ergänzen sich und decken gegenseitig ihren Sinn auf.

Das griechische Wort „θεολογία“ (theo-logía) ist wahrscheinlich nur in der slawischen Sprache als Lehnübersetzung übertragen worden, nämlich als „Wort über Gott“  (russ: богословие / bogo-slovie ) Eine derartige wortwörtliche Übersetzung bringt kein tieferes Verständnis des Begriffes. Denn für die griechische Sprache ist das Wort „Theologie“ praktisch ein Synonym des Wortes „Theorie“ (θεωρία), Kontemplation, was das Verständnis der Theologie sowohl als Lehre als auch das Stehen vor Gott impliziert. Die unmittelbare Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott macht die Theologie zu einer sehr verborgenen, mystischen und zugleich einer jeder Person zugänglichen Wissenschaft.

In seinem Buch „ Sacrement de l'Amour“ schreibt Paul Evdokimov: „Unter den Katakombenmalereien ist am häufigsten die Figur einer betenden Frau zu finden – der Orante. Das ist die einzige wahre Disposition der menschlichen Seele. Es reicht nicht aus, Gebete vorzusprechen - wir sind berufen, ein Gebet im Leib zu werden. Es reicht nicht aus, manchmal die „Augenblicke der Lobpreisung“ zu erleben – unser ganzes Leben, jede Handlung, jeder Geste, jedes Lächeln soll zum Lied der Verherrlichung, zum Opfer, zum Gebet zu werden. Du solltest nicht das, was man hat, abgeben, sondern das, was du bist. Obwohl der Autor in diesem Fragment den Begriff „Theologie“ nicht erwähnt, aber „die Theologie als Lebensart“ sollte eben derartig verstanden werden, d.h., unser ganzes Leben soll Theologie werden.

Vater Augustin :  Theologie als Lebensart ist alltägliche Mühe, fusselige Arbeit, alltägliche Wiederholung der Bemühung zum Studieren und  Lesen, das Bewusstsein dessen, dass das theologische Können nicht während einer kurzen Frist zu erhalten sein wird, sondern ein Kapital ist, das jahrzehntelang gesammelt wird. Die theologische Arbeit ist das Können zuzuhören, die Bereitschaft, neu zu lernen und jeden Tag die Basis seiner Gelehrsamkeit zu erneuern. Die Theologie ist die Willenskraft.

Die Moderne gibt uns eine Möglichkeit, die Geschichte biographisch zu lesen. Das macht uns fähig zu sehen, wovon der Lebensrhythmus der großen Theologen der letzten Jahrhunderte gebildet wurde. So liest Cornelius Jansen (1585–1638) wieder die Gesamtausgabe der Werke des großen Augustinus von Hippo  (+430), für deren einmalige Lektüre kaum das Leben ausreichen würde, so sein Biograph Possidius.

Bringen wir uns in eine andere Zeit. Karl Rahner (1904–1984) hatte dutzende Bände theologischer Werke hinterlassen, sein Leben war von der intensiven wissenschaftlichen Arbeit und Lehre geprägt. Über Edward Schillebeeckx (1914–2009) sagen seine Zeitgenossen, die ihn kannten: „Er hat sehr viel gelesen“.

Um ein Theologe zu werden, ist es notwendig, sehr viel zu arbeiten und sehr viel nachzudenken. Jeder Wunsch, die Arbeit durch die Einführung von subgnostischen Konstrukten, um die schlichte Geübtheit und die Arbeitsamkeit zu ersetzen, schafft dagegen die Theologie ab. Der Begriff „subgnostisch“ ersetzt in diesem Fall die formal-orthodoxe Konstruktion, die allerdings in sich Elemente theologischer Weltanschauungskonstrukte enthält, die es ermöglichen, das Heil dem Wissen gleichzusetzen, sowie auch die prinzipielle Ungleichheit von Menschen zu fundieren, die sich auf den unterschiedlichen Niveaus der spirituellen Entwicklung befinden, die horizontal-statisch verstanden werden.

 

Vater Iosif :  Durch Gebet und tägliche schöpferische Arbeit bringt der Theologe das Wort der Wahrheit zu den Volksmassen, bzw. ist er in der Sprache des Evangeliums „ ein Licht zur Offenbarung der Nationen“ (Lk 2,32)[1]. Das ist ein besonders scharfes Thema, wenn wir uns daran erinnern, dass viele hervorragende Philosophen und Denker die Menschenmasse als solche verachteten.

Der Philosoph Montaigne (+1592) schrieb: „Der Masse sind Dummheit und Leichtsinnigkeit zu eigen, wegen denen sie - im Banne nektarischer Klänge schöner Worte - unfähig sind, das wahre Wesen von Dingen durch den Verstand zu überprüfen und zu erkennen, die zulassen, dass sie sich, wo auch immer möglich, führen lässt“. Im 20. Jahrhundert schrieb Freud, dass die Menschenmasse eine gehorsame Herde sei, die keine Kraft habe, ohne Herrn zu leben. Sie habe eine derartige Begierde nach Unterordnung, dass sie sich jedem, der sich sein Herrscher nennt, unterordne.

Fast zugleich sprach Nikolai Berdjajew davon, dass die große Idee des Christentums immer noch nicht zum Erben der Massen geworden ist. Aber auch betonte er, dass das Christentum, obwohl es, nachdem es durch die Massen durchgegangen ist, eine „Degradierung“ erlitten hatte und  „ins Gemeine“ gefallen war, doch ist sein göttlicher Kern immerhin in die Seelen der Massen hineintrat und in ihnen bereits einigermaßen wirkt. Diese helle Note bzw., wie er das definierte, „die Revolution des Geistes“ ist ein besonderer Ruf an die Massen. Leider hatten viele seine Zeitgenossen diesen Appell immer noch nicht verstanden: Einige verurteilten diesen Philosophen, die Anderen lächelten, doch waren auch solche, die sich bewusst waren, dass nur die tiefe allseitige Neugeburt der Gesellschaft bzw. ihr radikaler Umbau die Menschheit von allen möglichen Krisen erretten würde. In diesem Marsch ist der Theologie eine besondere Rolle zugeteilt. Sie soll in der Avantgarde gehen.

Vater Augustin :  Der Theologie in die Massen – das ist der Weg des Fundamentalismus. Eine derartige Zielsetzung ist die Folge der falschen Gleichsetzung der Theologie mit der Mission und der Predigt, was im Ergebnis das Niveau der theologischen Wissenschaft untertreibt, die Amplitude der Ideenbewegung reduziert, die Theologie zum einem Werkzeug verwandelt und vulgarisiert, indem es sie unvermeidlich vereinfacht. Seinerseits führt die Vulgarisierung der Theologie dazu, dass die wahrlich theologischen Ideen ohne Aufmerksamkeit bleiben und zum Objekt des außerkontextuellen Verweises auf die Anathemata und die Verurteilungen werden, die in der Geschichte stattfanden.

In der gleichen hermeneutischen Perspektive polemisierten auch die Großen Kappadokier – Gregor der Theologe und Gregor von Nyssa – gegen das Prinzip „Theologie in die Massen“: als Gegenüberstellung der Entwertung des theologischen Wissens zugunsten der Meinung der Mehrheit. Diese Väter formulierten die These über die Theologie als Gebet. Das Gebet als Fähigkeit der koordinierten Wendungan die Wahrheit verbindet sich mit der Kunst, richtig und wahrlich zu denken, und wird der qualitativen Verminderung des theologischen Wissens, seiner Einpflanzung in die Massen entgegengesetzt, hinter der, wie es sich fast immer herausstellt, die Ideologie und das Bestreben stehen, die Theologie zu instrumentalisieren.

 

Vater Iosif :  Sprechen wir von der Postmoderne: Sie löst immer neue Fragen aus, die der Welt vorher unbekannt waren, nämlich in den Bereichen Philosophie und Kultur. Wolfgang Welsch, deutscher Theoretiker der Postmoderne und der Autor des Buches „ Unsere postmoderne Moderne“ (1987), definiert diese neue Erscheinung kurz wie folgt  - die Postmoderne beginne da, wo das Ganze endet. Er tritt resolut gegen die neuen Versuche der Totalisierung auf. So tritt er beispielsweise in der Architektur gegen das Monopol des internationalen Stils, beziehungsweise in der Wissenschaftstheorie  gegen den rigiden Szientismus, oder in der Politik kämpft er gegen die äußeren und die inneren Herrschaftsansprüche. Außerdem nutzt die Postmoderne das Ende des Einen und Ganzen im positiven Sinne, wenn er versucht, das in Kraft tretende Mehrerlei in seiner Legitimität und Einzigartigkeit zu stärken und zu entfalten. Hier sei das Kern der Postmoderne. Aufgrund des Bewusstwerdens des unvergänglichen Wertes der sich unterscheidenden Konzepte und Projekte – und nicht wegen seiner Oberflächlichkeit oder der Gleichgültigkeit – sei der Postmodernismus radikal pluralistisch. Seine Vision sei eine Vision des Pluralismus.

Der französische Philosoph und Postmodernist Jean-François Lyotard, der Welsch quasi ergänzt, betont, dass die Postmoderne eine spezifische paradigmatische Einstellung auf die Wahrnehmung der Welt als Chaos, die „postmodernistische Empfindlichkeit“ ist. Also stellt die Einstellung der Postmoderne, die einen technisch-wissenschaftlichen Charakter hat und der anscheinend die spirituelle Komponente fehlt, die wichtigsten Fragen der Gegenwart: Wie kann die Einheit in der Vielfalt bewahrt werden? Was ist die technische Wissenschaft? Wer sind wir in ihr? Gibt es im technischen Raum, in der Welt des Chaos und der Unordnung einen Platz für Gott?

Vater Augustin :   Eine der interessantesten Auslegungen des Christentums in der Perspektive des Postmodernismus finden wir in der Philosophie von Gianni Vattimo (geb. 1936). „Lange Zeit stand ich früh auf, um vor der Schule, vor der Arbeit, vor den Universitätskursen zu Messe zu gehen“[2]. So war es in seiner Jugend. Danach aber, nach Nitzsche und Heidegger, stellt sich der Philosoph dem Glauben lange Zeit entgegen, doch in den 1990ger Jahren kehrt er plötzlich wieder zurück. Er kündigt den Beginn des unreligiösen Christentums an, in dem alles, sogar die vorher unakzeptabelsten Dogmata, akzeptiert und unbestritten sind. Vattimo betet nach dem lateinischen Brevier, spricht von der Abschaffung der Moral, verkündet das „schwache Denken“ und spricht in überfüllten Aulen. Vattimo – das ist poppiges Denken. In seiner Philosophie wird das Kreuz Christi zum Apogäum der Säkularisierung, wenn Gott als Gewalt wie eine Illusion aufgedeckt ist, und die Geschichte des Christentums zur konsequenten Offenbarung dieses Geheimnisses wird. Vattimo spricht von keiner Auferstehung.

 

Vater Iosif :   Die Lehre von der Auferstehung Christi ist eben das, was das grundlegende Prinzip der christlichen Theologie ist. „ Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist also auch unsere Predigt vergeblich, aber auch euer Glaube vergeblich“ (1 Kor 15,14). Der Apostel Petrus wendet diese Worte an die Korinther ganz entschlossen, ohne „ja-nein“ Diskussionen. Die Auferstehung Christi ist der Kern des Evangeliums und das Wesen des Glaubens. Die Kirche empfing diesen Glauben von den Aposteln, um das von Generation zur Generation zu bezeugen.

Viele philosophische Systeme und religiöse Doktrinen waren bereit, christliche Moral und christliche Ethik zu empfangen – und empfingen sie auch – konnten aber die Auferstehung Christi nicht aufnehmen. Die Apostel stießen an viele Zweifel und ratlose Fragen. Auch erste Christen und Heilige Väter begegneten Einwände und Gegenwirkungen. Auf dem Fundament des Glaubens an die Auferstehung Christi sind die orthodoxe Dogmatik, Christologie, Soteriologie und Eschatologie aufgebaut. Wird die Auferstehung beseitigt, wird die ganze restliche theologische Lehre von der Dreiheit, die Ekklesiologie und die Anthropologie zu Asche und Staub werden.

Vater Augustin :  Für die frühe Patristik ist die Auferstehung des menschlichen Körpers ein so offensichtlicher Teil der christlichen Anthropologie, dass die Spekulation über den Menschen eben damit beginnt. Später ändert sich aber die Perspektive. Frühere Glaubensbekenntnisse sprechen von der „Auferweckung des Leibes“, während die späteren, zu denen auch das Nicäno-Konstantinopolitanum zählt, sich zur Auferweckung von Toten bekennen.

In diesen Details zeigt sich der Weg, den unsere Zivilisation in ihrer Besinnung auf die Grenze, die  diese Abschaffung bezeichnet, durchgehen musste. Die Auferstehung als Idee, Vorstellung, Überzeugung, die auf keinem historischen Glauben an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten durch die Kraft Gottes des Vaters ist unfähig zu bestehen. Hier zeigt sich, meiner Ansicht nach, der prinzipielle Unterschied zwischen der Philosophie und der Theologie.

Die Philosophie als Teil der chronologischen Tradition der Denk- und Verstehkunst, schafft es nicht, sich von der Notwendigkeit der ständigen Bindung  an die kausalen Gesetze, der Richtung der vorhergegangenen Zeitlinie, dem Folgen der Logik und der Vernunft zu befreien, die sich jedes Mal je nach der unüberwindbaren Abhängigkeit vom zeitlich-räumlichen Kontext bildet. Das ist der charakteristische Unterschied zur Theologie: In den sich dort befindenden Orten, Topoi und Koordinaten, sind derartige Entsprechungen nicht notwendig und sogar unmöglich. Sie befreien das Denken und eröffnen es eben in Richtung des sakramentalen Raumes des Mysteriums. Die Objektivität und die Wahrheit des Mysteriums ist in der Realität der Gegenwart, im Hier und Jetzt, dessen, der jegliche Zeit überwindet und sie zur wahren Gegenwart macht. Die Tradition bezeichnete diesen Ort der Freiheit als Dogma. Hier gibt es keine Notwendigkeit der kausalen Abhängigkeit mehr. Als Beginn dieses Mysteriums wurde die historische Auferstehung Jesu von Nazareth, die in der Geschichte in einem sie durchdringenden österlichen Triumph anhält und sich unablässig gegen die Geschichte ihrer Abschaffung bewegt. In dem eschatologischen Pascha wird sich auch die Theologie abschaffen, doch in der Geschichte wird sie nie abgeschafft werden.
 


[1]   Der deutsche Sprachraum kennt diesen Vers in der Fassung „ein Licht zu Erleuchtung der Heiden“. Die oben angegebene Übersetzung ist wortgetreuer.

[2] Gianni Vattimo, Credere di credere, Garzanti 1996, 7.

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