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Das christliche Verständnis von Kultur

7. November 2008
Was ist Kultur? Kann man von „Subkulturen" sprechen? Gibt es eine Wechselbeziehung zwischen Kultur, Zivilisationsprozessen und Geistigkeit? Indem der Autor Dimitrij Kirijanov, Priester und Lehrer des Geistlichen Seminars von Tobolsk, auf diese Fragen antwortet, beschreibt er das Zerfallsmodell der modernen Kultur und macht Vorschläge, wie diese Kulturkrise zu überwinden ist.

Die Antwort darauf, was Kultur ist, erscheint ganz offensichtlich. Und doch ist diese Frage immer noch nicht bis ins Letzte geklärt und strittig. Sogar bei der Definition des Begriffs „Kultur" bestehen Meinungsverschiedenheiten. Dieser Begriff wird auf alles angewandt, womit der Mensch die unterschiedlichen Eigenschaften der Seele und des Leibes entfaltet und vervollkommnet, auf sein Bemühen, durch Wissen und Arbeit das Universum zu erfassen, auf all das, was das soziale, familiäre und auch das bürgerliche Leben in seiner Gesamtheit humaner macht, durch eine Hebung der Moral und eine bessere Organisation. Schließlich vermittelt und bewahrt Kultur die Größe der geistlichen Erfahrung und das innere Bestreben des Menschen im Laufe der Zeit, damit sie der ganzen Menschheit dienen. Der französische Philosoph Emmanuel Mounier sagt: „Kultur ist kein Zweig, sondern die Hauptfunktion des menschlichen Lebens. Für denjenigen, der sich entwickelt, ist alles Kultur... Kultur ist der Mensch... Sie ist Wachstum und Überwindung"[1].

Weit verbreitet ist ein enges Verständnis der Kultur, das sich nur auf das künstlerische Schaffen bezieht. Beide Versuche der Begriffsbestimmung von „Kultur" spiegeln den wahren Sinn dieses Begriffs nicht ganz so wider, wie er sich in der Sprache verfestigt hat. Das Wort „Kultur" ist untrennbar mit dem Wort „kulturell" verbunden: Wenn wir von Kultur sprechen, dann meinen wir vor allem die Kultur des Menschen, seine geistliche Welt. Das lateinische Wort „cultura", das „Bearbeitung", „Erziehung", „Bildung", „Entwicklung" bedeutet, kommt vom Wort „cultus" - „Verehrung", „Anbetung", „Kult". Das weist auf die religiösen Wurzeln der Kultur hin. Nachdem Gott den Menschen geschaffen hatte, gab er ihm seinen Platz im Paradies und befahl ihm, die Schöpfung zu bearbeiten und zu bewahren (Gen. 2,15).

Man kann Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew zustimmen, der sagt, dass man als Zivilisation einen kollektiv-sozialen Prozess bezeichnet, als Kultur aber einen eher individuellen Prozess, der mit dem Inneren des Menschen zu tun hat. Wir können z. B. sagen, dass ein Mensch eine hohe Kultur hat, aber nicht, dass er eine hohe Zivilisation besitzt. Wir sprechen von geistiger Kultur, aber nicht von geistiger Zivilisation"[2]. Iwan Alexandrowitsch Iljin nimmt diesen Gedanken gewissermassen auf: „Ein Volk kann eine alte und verfeinerte Kultur besitzen, aber in den Fragen der äußeren Zivilisation ein Bild der Rückständigkeit bieten. Und umgekehrt: Ein Volk kann auf der höchsten Stufe der Technik und Zivilisation stehen, aber in seiner geistigen Kultur eine Phase des Verfalls erleben"[3].

Kultur ist in erster Linie mit der Persönlichkeit des Menschen verbunden, sie ist ein Abbild seiner inneren Welt. Dagegen spiegelt Zivilisation eher den sozialen Aspekt wider und hat mit den zwischenmenschlichen Beziehungen und den Beziehungen des Menschen zur Natur zu tun. Kultur ist anthropozentrisch. Wie Jean Lacroix sagte, „das Ziel der Kultur ist die Verwirklichung aller menschlichen Fähigkeiten"[4]. Die Verwirklichung der Fähigkeiten setzt jedoch vor allem eine integrale Sicht der Welt und des Menschen in ihr, eine integrale Weltanschauung voraus. Deswegen ist der Begriff „Kultur" im weiteren Sinne als all das, was der Mensch erschaffen hat, ein Synonym für „Zivilisation", und spiegelt nicht den essentiellen Bestandteil der Kultur wider. Unsere Aufgabe ist es, diesen wertvollen Kern in der Kultur aufzuzeigen, der seinen eigentlichen Sinn ausmacht. Von diesem Gesichtspunkt aus steht der Begriff „Kultur" dem Begriff „Geistigkeit" nahe.

Iwan Alexandrowitsch Iljin schreibt, dass Kultur dort beginnt, wo der geistige Inhalt sich die richtige und vollkommene Form sucht. Geistigkeit aber, wie W. Lega bemerkt, „ist das Aufscheinen der umfassenden Einheit der wesentlichen Züge der menschlichen Natur - Verstand, Freiheit, Schaffen, Schönheit"[5]. Geistigkeit ist gleichzeitig das beständige Streben des Menschen zu den höchsten, absoluten, geistigen Werten. Diese Werte sind Wahrheit, Güte und Schönheit. Geistligkeit hat drei Bestandteile - Sittlichkeit, Schönheit und Wissen. Ein geistig hochstehender Mensch zu sein, bedeutet, zu diesen höchsten Werten zu streben, und folglich ihre Existenz anzuerkennen: zu glauben, dass es eine Wahrheit gibt, die vom Menschen erkannt werden kann, dass es das Gute gibt, das man beflissen tun muß. Darin besteht die Schönheit. Also ist das konstituierende Prinzip der Geistigkeit der Glaube an die objektive Existenz der Wahrheit, der Güte, der Schönheit; mit anderen Worten - der Glaube an Gott. Geistigkeit aus der materiellen Komponente der Natur ableiten zu wollen, ist ebenso sinnlos wie der Versuch, angereicherten Atomen freien Willen und Verstand zu verleihen.

Geistigkeit und Kultur sind zwei Aspekte eines wesentlichen Vorgangs: Geistigkeit ist die Tatsache der subjektiven Wahrnehmung des Menschen, und Kultur ist die Erscheinungsform der Geistigkeit für andere. In diesem Zusammenhang wird die untrennbare Beziehung zwischen Kultur und Religion offenbar. Kultur entwickelt sich unter dem unmittelbaren Einfluss religiöser Inspiration, d.h. sie ist „sakral"; sie kommt als religiöse Kunst, Theologie und besondere „geistige" Lebensweise im gesellschaftlichen Dasein zum Ausdruck. Kultur entsteht nur als Folge des Glaubens des Menschen an die Objektivität der Wahrheit, Güte und Schönheit, denn sie ist die Frucht des menschlichen Handelns. Für den Christen ist es verständlich, dass hier nur die Rede von Gott sein kann, der die Wahrheit und Liebe ist, und deswegen ist Kultur das Ergebnis des Glaubens an Gott, seiner Anbetung, des Dienstes an ihm und der Gotteserkenntnis.

Das Christentum war und bleibt die Grundlage und der Motor der Kultur. Wir dürfen auch die Rolle des Christentums in der Kunst, Philosophie, und in der praktischen Organisation des menschlichen Verhaltens, die wir Moral nennen, nicht außer Acht lassen. Die Kirche heiligt und kreiert die wahre Kultur. „Die Kirche ermöglicht es, den Menschen, seine innere Welt und den Sinn seines Daseins neu zu sehen. Als Folge davon kehrt das menschliche Schaffen, wenn es kirchlich wird, zu seinen anfänglichen religiösen Wurzeln zurück. Die Kirche hilft der Kultur, die Grenze des rein irdischen Tuns zu überschreiten, indem sie einen Weg der Herzensläuterung und der Vereinigung mit dem Schöpfer eröffnet. Die Kirche öffnet die Kultur dafür, dass der Mensch mit Gott mitwirken kann»[6].

Die Kultur drückt „Werte" aus, d.h. die Ideale des Lebens und des Denkens, die in den Normen der Urteile und der Handlungen zum Ausdruck kommen. Wenn der Suche und Festigung der „Werte" nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet wird, kann sie in Konflikt mit dem Christentum geraten und ihm den positiven Wert des Wissens, den humanistischen Wert des Fortschritts und der Selbstbehauptung, den Wert des Erfolgs, und folglich den Stolz und das menschliche Vertrauen auf die eigenen Kräfte entgegenstellen. Dies alles ist charakteristisch für die moderne Welt. Für viele Menschen ist die Welt nicht mehr die Schöpfung Gottes, sie ist der Bauplatz des Menschen geworden, und letzterer behauptet sich mehr in seinen eigenen Zukunftsplänen als in seinen Erinnerungen. Kultur wird nun als das Relikt der Vergangenheit wahrgenommen, als etwas, was sich selbst ändern muß infolge der Veränderungen, die der Fortschritt der Menschheit mit sich bringt. Der Mensch legt schon keinen Wert mehr darauf, in derjenigen Kultur verwurzelt zu sein, die ihn erzogen hat und die Wertmaßstäbe der Gesellschaft geformt hat. Der Mensch strebt danach, diese Maßstäbe zu ändern, was unausweichlich zur Zerstörung der Kultur führt. Margaret Mead erklärt die Ursache für die Loslösung des modernen Menschen von der traditionellen Kultur damit, dass der Mensch von einer postfigurativen Kultur, die sich an Modellen der Vergangenheit orientiert, zu einer konfigurativen Kultur überging, für die das soziale Modell überwiegt - das Verhalten der Mitmenschen, und schließlich zu einer prefigurativen Kultur, einer ganz neuen Phase der kulturellen Entwicklung, der die Überzeugung zueigen ist, dass nichts in der Vergangenheit der Menschheit einen Sinn hat, und deswegen für die Zukunft irrelevant ist"[7].

Eine solche Haltung zur traditionellen Kultur führt letztlich zum Verlust der wahren Kultur, zur Veränderung des Begriffs „Kultur" selbst. Heute wird als Kultur nicht mehr nur das bezeichnet, was mit den höchsten Werten des Menschen zu tun hat. Die Begriffe Massenkultur, „Underground-Kultur", Subkultur sind entstanden. Auf einer Konferenz in Tjumen [Stadt in Westsibirien, Anm. D. Übers.], die dem „Tag der slawischen Kultur und Dichtung" gewidmet war, sprach ein angesehener Professor über die Graffiti-Kultur (Aufschriften auf den Zäunen, auf den Schulheften der Schüler). Man nennt auch das heute Kultur. Jedoch widerspricht diese Auffassung der Etymologie des Wortes Kultur. Kultur bedeutet Bewirtschaftung. „Ein Feld umzubrechen, - sagt der französische Philosoph Jacques Maritain, bedeutet menschliche Mühe anzuwenden, um die Natur dazu zu zwingen, solche Früchte hervorzubringen, die sie von sich aus nicht bringen kann. Denn das, was sie selbst hervorbringt, ist nur „wildes" Unkraut"[8].

Der ausgezeichnete russische Religionsphilosoph I. A. Iljin hat zu seiner Zeit angedeutet, dass „man in den ersten Jahrhunderten oft dachte, man müsse Christus annehmen und die Welt ablehnen. Die „zivilisierte" Menschheit unserer Tage nimmt die Welt an und verschmäht Christus... Der richtige Weg aber ist der, dass man infolge der Annahme Christi die Welt annimmt und darauf die christliche Kultur aufbaut, damit wir vom Geist Christi geleitet die Welt segnen, begreifen, und schöpferisch verwandeln..."[9]

Die Aufgabe der Schöpfung einer christlichen Kultur aber fordert den verantwortungsvollen Eintritt in die Welt und „frohes Schaffen" in ihr zur Ehre Gottes, während die moderne säkularisierte und nichtchristliche Kultur nach I. A. Iljin «kreativ überdacht und im christlichen Geist erneuert werden muß»[10].


[1] Zitiert nach: Poupard P., Kirche und Kultur. Mailand-Moskau 1993, S. 10.

[2] Berdjajew N.А., Über die Knechtschaft und Freiheit des Menschen. Paris 1939, S. 108.

[3] Iljin I.A., Grundlagen der christlichen Kultur/ Iljin I.A., Gesammelte Werke in zehn Bdd., Moskau 1993, 1. Bd. S. 300.

[4] Zitiert nach: Poupard P., Kirche und Kultur. Mailand-Moskau 1993, S. 11.

[5] Lega W.A., Über die christlichen Grundlagen der Kultur/ Orthodoxe Kultur: Konzepte, Lehrprogramme, Bibliographie. Moskau 2003, S. 22.

[6] Grundlagen der Sozialkonzeption der Russisch-Orthodoxen Kirche, Moskau 2001, S. 111.

[7] Zitiert nach: Poupar P., Kirche und Kultur. Mailand-Moskau 1993, S. 19

[8] Maritain J., Religion und Kultur/ Maritain J., Wissen und Weisheit, Moskau 1999, S. 39.

[9] Iljin I.A., Grundlagen der christlichen Kultur/ Iljin I.A., Der einsame Künstler. Aufsätze, Reden, Vorlesungen. Moskau 1993, s. 320.

[10] Ibid. S. 323.

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