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Goldener Fonds

Die Schwachheit des Patriarchen

16. Mai 2012
Borisova, Marina
Das Portal „Bogoslov.Ru“ bietet eine Reflexion zum Heimgang des Heiligen Hierarchen Tichon, des Patriarchen von Moskau und ganz Russland (1925) und zur Hetze gegen die Russische Orthodoxe Kirche und des Patriarchen, die in der Neusten Geschichte schon einmal stattfand.

„Die Zeitungskampagne wird falsch geführt. Es werden lustige satirische Sprüchlein publiziert, die gegen Schwarzröcke im Allgemeinen gerichtet sind. Diese Satire konsolidiert die Geistlichen in ein Ganzes. Im Augenblick ist gar nicht das die politische Aufgabe, sondern das Gegenteil. Wir müssen die Schwarzröcke zerspalten, bzw., genauer gesagt, die existierende Spaltung vertiefen und verschärfen“.

Diese Instruktion des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, veröffentlicht im Frühling 1922, wurde bald mit den konkreten Verordnungen Trotzkis an die Zeitungen „Izwestja“, „Prawda“ und „Rabotschaja Moskwa“ ergänzt, die erklärten, was den Lesern täglich zu suggerieren war:

„Die kirchliche Hierarchie, deren Oberhaupt der Patriarch Tichon ist, hat während der vergangenen Jahre riesige Mengen kirchlicher Wertgegenstände ins Ausland gebracht. Diese kirchlichen Wertgegenstände dienen der Unterstützung des reichen Lebens monarchistischer Priester, der konterrevolutionären Propaganda und der Vorbereitung der Rückkehr der Monarchie.“

Wahrlich hatte Michail Bulgakow, der selbst lange Zeit als Journalist arbeitete, recht mit seiner ehrlichen Vorwarnung: „Lesen Sie vor der Mahlzeit keine sowjetischen Zeitungen!“.

Sicherlich, wenn Menschen für ihren Glauben an Christus den wilden Löwen zum Fraß vorgeworfen oder einfach an die Wand gestellt werden, wenden sich die Schwachen ab oder fliehen. Die Treuen gehen ans Kreuz und werden zu Märtyrern und Glaubensbekennern, die die verbliebene „kleine Herde“ mit ihrem Blut besiegeln und sie in ein unzerstörbares Monolith verwandeln. Wie soll sich aber der Mensch verhalten, der in den Zeiten der größten Versuchungen durch den Willen Gottes zum Oberhaupt der Herde bestellt worden war, wenn ihm angeboten wird, zwischen „zwei Übeln“ zu wählen, und dabei, um die Wahl zu erleichtern, einen Informationskrieg gegen ihn erklärt ist?

Das war eben die Aufgabe, die der Patriarch Tichon zu lösen hatte – der Patriarch, dessen Heiligkeit heute nicht bezweifelt wird, anscheinend nicht mal von Atheisten, der aber zu  Lebenszeiten  besudelt, belogen, verraten, des Amtes und der monastischen Würde enthoben worden war. Und dessen Handlungen und öffentlichen Aussagen von skrupellosen Meinungsbildnern zum Schein des Anstoßes für viele verändert wurden.

Ich konnte lange nicht verstehen, warum der Herr ausgerechnet ihn auserwählt hatte.  Denn 1917 am Landeskonzil hatte bei der Abstimmung der Metropolit Antoni (Hrapowizkij) gesiegt – ein hervorragender, entschlossener, populärer  Mensch, der augenscheinlich über die Eigenschaften eines charismatischen Führers verfügte und zudem der Hauptinspirator der Wiedererrichtung des Patriarchentums war. Er schien das geeignete Oberhaupt für die Kirche in der damaligen schrecklichen Zeit. Doch hatte das Konzil die Entscheidung in die Hand Gottes übergeben und sich auf das Los verlassen. Und diese entschied, dass Tichon zum Patriarchen wurde - der zwar ein guter Missionar und ein würdiger, gutherziger, gebildeter Mensch war, aber den wenigsten bekannt  und schon gar nicht wie ein Führer aussah.

Wenn ich Erinnerungen an die damalige Zeit lese, bin ich überrascht: der Patriarch wurde vielerlei Dinge beschuldigt und gezwungen, alle möglichen Nachsichten gegenüber der menschenfressenden Regierung zu üben. Doch die Ohren des Volkes waren wie mit Wachs versiegelt. 1923, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, fand auf dem Lasarewskoje-Friedhof die Bestattung des bekannten Moskauer Starzen Alexios Metschow statt. Tichon fuhr dorthin, um sich zu verabschieden. So spannten die Menschen das Pferd aus seinem Fuhrwagen aus und fuhren ihn selbst bis zum Donskoj-Kloster, wo er wohnte.  Und das nachdem er die sowjetische Regierung öffentlich anerkannt hatte. Woher dieser Enthusiasmus?

Als Machträuber brauchten die Bolschewisten dringend ein Verfahren gegen den einzigen (nach der gewaltsamen Auflösung der Verfassungsgebenden Versammlung) legitim gewählten Volksführer – in der Wahl der Abgeordneten des Landeskonzils hatte ja die Mehrheit der Landesbevölkerung teilgenommen. So musste er auch im „Namen des Volkes“ hingerichtet werden. Deshalb wurde das Volk mit Hochdruck bearbeitet: im ganzen Land liefen die propagandistischen Kampagnen, es wurden antireligiöse Prozessionen veranstaltet, hemmungslose Komsomolzen beraubten und schändeten Gotteshäuser, veranstalteten Narrengottesdienste und „Gerichte an Gott“. Wie aus dem Füllhorn prasselten auf ungebildete, durcheinandergebrachte Menschen immer neue antireligiöse Broschüren nieder.

Auf der anderen Seite berichtete Tscheka-Mitarbeiter Tutschkow, der die „Kirchlichen“ überwachte, über die allgemeine Stimmung: „Im Volk wird ein starker Anstieg des religiösen Glaubens beobachtet. Gotteshäuser sind überfüllt wie nie. Tichon wird schon als Märtyrer angesehen“. Diese Berichte schafften es, das Oberhaupt der GPU zu zwingen, die Gerichtsfarce zu verschieben. Dserschinski  hegte die Befürchtung, dass die Hinrichtung des Patriarchen, der in den Augen des Volkes bereits ein Märtyrer war, einen starken religiösen Anstieg hervorrufen würde. Sogar unter den Fabrikarbeitern, dieser Stütze der sowjetischen Regierung, nahm die Anzahl der Sympathisanten des Patriarchen immer mehr zu.

Wie aber konnte das geschehen? Es schien doch alles nach dem geplanten Szenario zu laufen – der oberste Hirte war zuerst unter Hausarrest gesetzt und dann im Gefängnis von der Außenwelt abgeschnitten worden. Die „Erneuerer“ wurden zwischenzeitlich unterstützt und offensichtlich zog es auch die „Tichon’schen Geistlichen“ zu ihnen hin – manche aus Angst, andere, nachdem sie zu viele sowjetische Zeitungen gelesen hatten und wieder andere waren von einem vorteilhaften Posten verführt worden. Auf diese Weise waren innerhalb eines Jahres zwei Drittel der orthodoxen Gemeinden Russlands zu „erneuererischen“ geworden. Doch kaum wurde der Patriarch freigelassen, strömten die Abtrünnigen in seine Klosterzelle um Buße zu tun. Dabei hatte er aber kein einziges Werkzeug des Einflusses auf die öffentliche Meinung. Er konnte noch nicht einmal die ihm angehängten Lügen widerlegen. Er diente nur und hielt Gottesdienste. In Moskau und St.Petersburg empfing er in Gotteshäusern - und manchenorts auch im Kirchenhof, wenn die Kirche geschlossen war - den endlosen Strom von Besuchern und löste die qualvolle Frage: wo ist diese Grenze der Nachsichtigkeit gegenüber der Regierung, hinter der es nicht mehr möglich sein wird, Christus treu zu bleiben.

Bis zum Ende seines Lebens balancierte er über einen Abgrund, ohne zu riskieren, den Kirchenbann über die gegen Gott kämpfenden Regierung zu wiederholen. Mit seinen Nächsten besprach er immer wieder die Möglichkeit des Abgangs der Kirche in die Katakomben, doch berief er sie nie, dorthin zu gehen. Er wurde gejagt, man versuchte, seinen Kopf mit einer Keule zu zerschlagen, ihm beim Herauskommen aus einem Gotteshaus ein Messer in die Seite zu stechen - doch irrigerweise wurde statt ihm sein geliebter Sekretär und Zellenwart Jakow Polosow  erschossen.

Die Kirche wurde öffentlich beschuldigt, dass sie dadurch, dass sie sich angeblich weigerte, ihre Wertgegenstände zugunsten der Rettung der Verhungernden abzugeben, sich völlig diskreditiert habe. Sie wurde angeschrien: „Wenn die Canones verbieten, den Hungrigen Essen zu geben – weg mit den Canones!“. Und dieser Aufruf kam eben so christlich vor.

Nur Wenige wussten, dass der Patriarch Tichon die Kirche zu jenem Augenblick wortwörtlich zwischen Szylla und Charybdis führte. Einerseits provozierte die Regierung, die die Kampagne der zwanghaften Konfiszierung kirchlicher Wertgegenstände erklärt hatte, die Gläubigen extra zu Konfrontationen – so wurde in Schuja eine unbewaffnete Menschenmenge, die die Blasphemie verhindern wollte, einfach erschossen. Andererseits schrieb Lenin zum Politischen Büro: „Eben jetzt, wenn in hungernden Orten hunderte, wenn nicht tausende Leichen auf Straßen herumliegen, können wir die Konfiszierung kirchlicher Wertgegenstände möglichst rabiat durchführen (…) wir müssen ihren Widerstand [den der Geistlichen] derartig brutal niederdrücken, dass sie das mehrere Jahrzehnte lang nicht vergessen (…) je mehr Vertreter der reaktionären Geistlichen und der Bürgerschaft  wir schaffen, aus diesem Anlass zu erschießen, desto besser“. 

Dabei bezeugten ausländische Diplomaten 1920, dass in Russland „Religion sogar äußerlich immer noch sehr stark ist. In Gotteshäusern sieht man hungrige Priester in prachtvollen Gewändern und eifrig fromme Gemeindemitglieder. Mehr als die Hälfte der Gemeindemitglieder sind Männer, unter denen es viele Soldaten gibt… In Moskau begegnet man auf den Straßen ständig betenden Menschen.“

Moment mal, aber vor drei Jahren, 1917, hatte das Konzil mit Bedauern konstatiert: „In vielen Gemeinden führten die Bauer die kirchlichen Bodenstücke für sich ab, pflügten das Klerusfeld, fällten das Kleruswald ab. Dem gleichen Schicksal wurden auch manche Klöster ausgesetzt… Anfang September wurde in einem Dorf neben Orjol der angesehene Priester Grigorij Roschdestwenskij mit seinem jungen Neffen vor den Augen seiner Frau brutal ermordet. Die Räuber liefen, nachdem sie das Geld geraubt hatten, weg und die angesammelten Gemeindemitglieder, nachdem sie den im Blut schwimmenden Hirten gesehen hatten, begannen, das übrig gebliebene Eigentum vor den Augen der Witwe auseinanderzurauben. Daher ist sichtbar, dass nicht nur einzelne Abtrünnige, sondern auch fast  ganze Dörfer zu Missetätern werden können.“

Über das ganze Land rollte eine Welle von Priestermorden, Ausplünderungen von Gotteshäusern und Sakrilegen, dabei wurde das nicht von kämpferischen Atheisten, sondern von den von der eigenen Straflosigkeit betrunkenen Hooligans, die durch die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet wurden. So organisierten die Einheimischen am 10. Dezember 1917, am Tag vor der von der sowjetischen Regierung vorankündigten Konfiszierung des Eigentums der Belgorod-Einsiedelei des Kursk-Bezirkes eine freiwillige Wache, damit die Mönche die Wertgegenstände nicht gemach wegführen konnten.

Was geschah aber innerhalb von drei Jahren, dass dieselben Menschen begannen, unbewaffnet vor den Gewehren der Rotarmisten herauszutreten, um dasselbe Eigentum zu schützen?

Es ist eigentlich alles ganz einfach. Die Kirche ist der gottmenschliche Organismus, und „ des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen“, auch wenn es nutzlos ist, das denjenigen, die daran nicht glauben, zu erklären. Auch wenn das Volk sich von ihr abkehrte, kehrte die Kirche sich von ihren verlaufenen Kindern nicht ab. Was die wahrhaft gläubigen Menschen betrifft, gelang es nie, sie durch Propaganda von Gott abzubringen – weder in Russland noch sonst irgendwo. Höchstens schaffte man es, die Schwachsinnigen zu zwingen, ihren Glauben „aus Furcht vor den Juden“ zu verheimlichen.

Ja, viele nominale Christen wandten sich von der Kirche ab. Aber unter ihnen gab es so gut wie keine Priester. Und keinen einzigen Bischof! Sogar vor der Todesgefahr kehrten sich die Geistlichen Christus nicht ab, trotz aller ihrer Mängel und Unvollkommenheiten.

…Ich schaue ein Foto des Heiligen Hierarchen Tichons an – ein erschöpfter grauhaariger Greis mit dem Schmerzen in den Augen. Dabei war er, als er verstarb, gerade einmal sechzig – nach den heutigen Zeiten schaffte er es gerade mal bis zum Rentenalter, so viel Zeit noch zum Leben – doch sieht er wie ein schwacher Senior aus. Wir wissen aber, dass „die Kraft Gottes in Schwachheit vollbracht wird“.

Quelle: http://www.foma.ru/article/index.php?news=7286

 

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