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Begriff des Lebens beim Apostel Paulus 

13. Juni 2012
In diesem Bericht von Sergey Smaglo, der auf der Zweiten Interuniversitären Tagung „Aktuelle Probleme der modernen Theologie“ (1. Mai 2012, Moskauer Geistliche Akademie), dargestellt wurde, werden der Begriff „Leben“ und seine Bedeutungen in den Sendschreiben des Apostels Paulus analysiert.   

Im Neuen Testament gibt es mehrere griechische Wörter, die dem Begriff „Leben“ entsprechen. Wird „Leben“ als biologische Existenz gemeint, wird in der Regel das Wort ψυχή (Mt 2,20; Apg 20,24; Röm 13,1) verwendet. Geht es um eine Lebensweise, ein Verhalten oder manchmal auch einen Aufenthaltszeitraum ( βίωσις, Apg 26,4), wird diese Zeit mit dem Verb διατρίβω bezeichnet (Joh 3,22; Apg 12,19; 14,3; 25,6). Über ein Verhalten, das durch moralische oder religiöse Prinzipien bedingt ist, wird manchmal mithilfe des Verbes ἀναστρέφω  gesprochen (2 Kor 1,12; 1 Tim 3,15).

Das Leben in seiner höchsten Bedeutung wird im Neuen Testament mit dem Wort ζωὴ bezeichnet. Es sind auch Fälle gemischter Verwendungen dieser Begrifft zu finden. Aber in der Regel finden wir in den Fällen, wenn etwas Größeres als das rein organische oder alltägliche Leben gemeint ist, eben den Ausdruck ζωὴ (Mt 7,14; Mk 10,17; Lk 12,15; Joh 5,26; Röm 2,7; 2 Kor 4,10), das Verb ζάω (ζῶ) (Mt 4,4; Lk 10,28; Röm 1,17; 2 Kor 13,4; Gal 2,20) oder συζάω (Röm 6,8; 2 Kor 7,3).

Auch beim Apostel Paulus hat dieser Begriff unterschiedliche Bedeutungen: als Definition des Daseins in der Ewigkeit (Röm 2,7; 5,21; 6,22-23; Gal 6,8), als Dasein, das dem Tod entgegengesetzt ist (Röm 8,38; 1 Kor 3,22; 2 Kor 4,12), als Existenz nach der Wiedererweckung (Röm. 11,15; 2 Kor 5,4), als Definition des irdischen Daseins (1 Kor 15,19; 2 Kor 2,16) und als Benennung Christi (Kol 3,4; Phil 1,21). Diese Begriffsverwendung ist ziemlich relativ, denn in der Regel ist die Semantik des Wortes in jedem Fall mehrdeutig. Zum Beispiel bedeutet Leben in Röm 6,22-23 zugleich das ewige Leben in Christo, Gabe Gottes, Gegensatz von Sünde, Ende und Ziel usw. 

Werke zur paulinischen Theologie widmen in der Regel seiner Verwendung des Begriffs Leben kein besonderes Augenmerk. Der allgemeine theologische Sinn ist bei Paulus dem übrigen neutestamentlichen Korpus tatsächlich ziemlich ähnlich, und manchmal ist diese Ähnlichkeit mehr als offensichtlich, insbesondere im Vergleich mit den Schreiben des Apostels Johannes[1]. Bei Paulus gibt es aber markante Besonderheiten, vor allem der ausgesprochene Christozentrismus des Begriffs Leben und die Zugehörigkeit zu Gott in Christo als dessen notwendige Bedingung.

In diesem Vortrag betrachten wir, in welchen Fällen Paulus das Wort „Leben“ verwendet. Für eine ausführlichere Analyse nehmen wir mehrere angrenzende Aspekte dieses Begriffs. Erstens als Leben für Gott, was bei Paulus am Wichtigsten und grundlegend ist. Die anderen sind damit verbunden: das Leben in der Gegenwart und natürlich das ewige Leben.

 

1. Leben für Gott und den Herrn Jesus Christus

Laut Apostel Paulus unterteilt sich die ganze Menschheit in jene, die spirituell tot sind (Röm 7,11; Eph. 2,1), und Christen, die durch die Aufnahme Christi (Röm. 6, 11) und die Teilhabe am Leben des Gottessohnes spirituell lebendig wurden[2]. Der Gedanke über das Leben, das Jesus Christus selbst ist, und darüber, dass nur ER uns das wahre Leben gibt, ist Leitlinie aller Predigten des Apostels. 

Im Römerbrief (Röm 6,11) ruft er die Gläubigen auf, sich als tot für die Sünde und nun lebendig für Gott in Jesu Christo anzusehen (νεκροὺς μὲν εἶναι τῇ ἁμαρτίᾳ,  ζῶντας  δὲ τῷ θεῷ ἐν χριστῷ Ἰησου). Die Sünde werde durch die Sterblichkeit überwunden: der Gläubige, der wisse, was der Tod ist, müsse ihn auf die Sünde beziehen und für sie tot werden[3]. Ebenso werde das Leben für diejenigen, die in Christo leben, vollkommen auf Gott bezogen. Es findet eine deutliche Trennung statt: Tod und Sünde werden aus allen Lebensbereichen herausgedrängt, da sie dem Leben, seinem Inhalt und seiner Richtung zu Gott in Christo widersprechen

Alles, was in unserem Leben geschieht, ist mit dem heiligen Pathos erfüllt, das in Röm 14,6-9 überdeutlich wird . Hier geht der Apostel nach Überlegungen über den Empfang der Speise zu globaleren und ontologisch tieferen, existentiellen Begriffen über, nämlich Leben und Tod (14,7-8). Die Christen leben nicht für sich und sterben nicht für sich, sondern alles geschieht für den Herrn (τῷ κυρίῳ), da sie IHM gehören. Seitdem Christus die Gläubigen in Gottes Herrlichkeit aufgenommen hat ( Röm 15, 7), sind sie Sein (1 Kor 3,23; 2 Kor 10,7; Gal 3,29; 5,24), des Herrn (τοῦ κυρίου ἐσμέν).

Οὐδεὶς γὰρ ἡμῶν ἑαυτῷ ζῇ, καὶ οὐδεὶς ἑαυτῷ ἀποθνῄσκει. Ἐάν τε γὰρ ζῶμεν, τῷ κυρίῳ ζῶμεν· ἐάν τε ἀποθνῄσκωμεν, τῷ κυρίῳ ἀποθνῄσκομεν· ἐάν τε οὖν ζῶμεν, ἐάν τε ἀποθνῄσκωμεν, τοῦ κυρίου ἐσμέν.

„Wir sind weder Schöpfer von uns selbst noch unsere Eigentümer – wir stehen uns selbst nicht zur Verfügung“[4]. Wir, die wir der Sünde gestorben sind, wie sollen wir noch in derselben leben? (Röm 6,2). „Existenz für sich selbst ist die Existenz für die Sünde und für den Tod“[5].

Das Leben für Christus ist weder eine Aufforderung an die Gläubigen noch Bedingung für den Aufenthalt in der Gemeinschaft mit dem Herrn.  Wir sind einfach „nicht in der Lage, für uns selbst zu existieren“[6], denn unser wahres Leben ist Christus, der in uns lebt. Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20).

All das wurde möglich dank der Auferstehung Christi. Denn hierzu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, auf dass er herrsche sowohl über Tote als über Lebendige (Röm 14,9). Um die Möglichkeit zu haben, alles „für den Herrn“ zu machen, reiche es nicht aus, der Schöpfung Gottes teilhaftig zu sein – das wichtigste sei, IHM zu gehören  und nicht für sich, sondern für IHN zu leben. Das bedurfte der ganzen Geschichte Christi, Seines Todes und Seiner Auferstehung.

Im Zweiten Sendschreiben an die Korinther formuliert Paulus diese Verbindung zwischen Tod und Auferstehung Christi mit dem Leben der Gläubigen für den Herrn folgendermaßen: Christus ist für alle gestorben, auf dass die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und ist auferweckt worden (2 Kor 5,15).

…καὶ ὑπὲρ πάντων ἀπέθανεν ἵνα οἱ ζῶντες μηκέτι ἑαυτοῖς ζῶσιν, ἀλλὰ τῷ ὑπὲρ αὐτῶν ἀποθανόντι καὶ ἐγερθέντι.

Die beiden Verse (Röm 6,22-23), die das Kapitel Röm 6 abschließen und in denen Paulus über den Tod, der die Sünde ist, und über das Leben, das Christus ist, nachsinnt, sind eine sehr aufschlussreiche Gegenüberstellung zu sehen, dessen Gegenstände die Begriffe Leben und Tod sind.

Jetzt aber, von der Sünde freigemacht und Gottes Sklaven geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit, als das Ende aber ewiges Leben. Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christo Jesu, unserem Herrn.

Νυνὶ δὲ ἐλευθερωθέντες ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας, δουλωθέντες δὲ τῷ θεῷ,
χετε τὸν καρπὸν ὑμῶν εἰς ἁγιασμόν, τὸ δὲ τέλος ζωὴν αἰώνιον.
Τὰ γὰρ ὀψώνια τῆς ἁμαρτίας θάνατος,
τὸ δὲ χάρισμα τοῦ θεοῦ ζωὴ αἰώνιος ἐν χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν. 

Die Befreiung von der Sünde (ἐλευθερωθέντες ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας) führt in die Herrschaft Gottes ein, dessen Ergebnis die Heiligkeit (ἁγιασμόν) und, „letztendlich“[7], das ewige Leben (ζωὴν αἰώνιον) sind. Genauer gesagt, steht die Vergeltung der Sünde (τὰ ὀψώνια τῆς ἁμαρτίας) der Gabe Gottes (τὸ χάρισμα τοῦ θεοῦ) entgegen. In diesem Vers wird es noch konkreter: auf der einer Seite ist Gott, auf der anderen die Sünde. Neigt man sich zur Sünde hin, erhält man notwendigerweise sowohl die Vergeltung dafür als auch ihr ewiges Attribut, den Tod (θάνατος). Begibt man sich dagegen in die Herrschaft Gottes und bezieht seine Existenz auf IHN, so erhält man Seine Gabe (τὸ χάρισμα), das, was IHM zu eigen ist, nämlich das Leben (ζωή).

Die Gläubigen werden aufgerufen, zusammen mit Christus und IHM ähnlich (6,10) für die Sünde zu sterben und anzufangen, für Gott zu leben (6,11). Diese Polarisierung findet statt, weil die Sünde den Tod für die Welt offenbar machte (Röm 5,12) und nun beide untrennbar miteinander verbunden sind (Röm 6,23; 1 Kor 15,56). Das Leben für die Sünde ist der Tod. Das Verbleiben im Gesetz des Todes ergibt das, was der hl. Erleuchter Theophan der Klausner als „Sterben ohne Tod“[8] bezeichnete und was in Christo überwunden wird. So und nur so wird dem Menschen das Leben gegeben (Röm 8,10).

Somit impliziert der Begriff Leben an und für sich, ohne jegliche weitere Definition, das Leben für Gott. Die höchste Bestimmung des Lebens, sein wichtiger Zweck werden nur durch das Leben für IHN möglich. In Christo eröffnet sich diese Möglichkeit in ihrem vollen Ausmaß.

 

2. Das ewige Leben

Das Leben des Christen ist auf die kommende Welt gerichtet, und w enn wir allein in diesem Leben auf Christum Hoffnung haben, so sind wir die elendesten von allen Menschen (1 Kor 15,19).[

In Gal 6,8 lesen wir, dass derjenige, der ein niedriges Leben führt, für sein eigenes Fleisch sät und keine Teilhabe hat an dem Höchsten, was Unverweslichkeit verleiht. Dementsprechend erntet solch ein Mensch das Verwesliche und das Verderbende (Gal 6,8). Der Weg zur Unverweslichkeit ist das Leben für den Geist, das „Säen für den Geist“, dessen Ergebnis das ewige Leben sein wird (Gal 6,8). Diese Aussage wird besonders deutlich durch die Gegenüberstellung. Erstens wird hier das Wesen des Begriffs Leben durch die Beschreibung des Gegenteils erklärt und verstärkt. In diesem Falle wird die Verwesung dem ewigen Leben gegenübergestellt, und es enthält eine Definition: das ewige Leben ist Unverweslichkeit. Zweitens wird diese Definition verdeutlicht durch den Hinweis auf die Wege, die zu diesem oder jenem Ergebnis führen: einerseits sehen wir das Leben für das Fleisch, dessen Ergebnis die Verwesung ist, und andererseits das Leben für den Geist mit dem Ergebnis des ewigen Lebens.

Hier entsteht die Frage: was ist das Leben „für den Geist“, und wer ist „derjenige, der für den Geist säet“? Die Antwort finden wir in einem diesbezüglich umfassenderen Ausdruck in Röm 8,2, wo es heißt, dass das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu ihn vom Gesetz der Sünde und des Todes befreit hat (ὁ νόμος τοῦ πνεύματος τῆς ζωῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ). Es ist also nicht irgendein abstraktes Gesetz des Geistes, durch das der Mensch, der nach ihm lebt, die Unverweslichkeit (das ewige Leben) gewinnt, sondern der explizite Geist Gottes, der Geist Christi (Röm 8,9). Die Kraftlosigkeit des Gesetzes erforderte das Opfer Jesu (Röm 8,3). Jetzt wird den Menschen die Möglichkeit des Lebens offenbart, dessen Ergebnis das Leben „nach dem Geist“ ist. Es setzt voraus, dass im Menschen der Geist Gottes lebt und er den Geist Christi in sich hat (Röm 8,9). Weiterhin beendet der Apostel diese Passage mit den deutlichen Worten: Wenn aber der Geist dessen, der Jesum aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christum aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes (Röm 8,11). Das heißt, dem ewigen Leben geht notwendigerweise das Leben im Geiste voraus, es ist untrennbar verbunden mit Christus und mit Seinen ganzen Wohltaten – seinem Tod, seiner Auferstehung und seinem Leben in den Gläubigen – sowie auch dem Leben der Gläubigen in IHM (Röm 8,1).

Das ewige Leben als zukünftiges Dasein erweist sich als Erfüllung all dessen, was das Leben der Christen bereits seit dem Augenblick der Aufnahme Christi teilweise ausmacht. Es bringt Gerechtigkeit, Frieden und Freude (Röm 14,17) und das Sehen von Angesicht zu Angesicht (1 Kor. 13,12), vollkommenes Wissen und das Einssein mit Christus in festem Glauben, Hoffnung und Liebe[9].

 

3. Das Leben in der Gegenwart

Es wäre falsch, den Begriff des wahren Lebens auf das Leben im Jenseits zu reduzieren. Christen führen das erneuerte Leben (καινότης ζωή) bereits hier auf Erden, nämlich dadurch, dass sie in der Taufe mit Christus begraben und auferstanden sind (Röm 6,4). Diese Einsicht ist bei verschiedenen Autoren des Neuen Testamens zu finden, so auch beim Apostel Paulus: das Leben ist nicht nur das, worauf wir unsere Hoffnung in der Zukunft setzen, sondern auch was jetzt bereits geschehen ist[10].

Diejenigen, die an Christus glauben und auf Christum getauft sind (Gal 3,27) – also „mit IHM (…) durch die Taufe auf den Tod“ (Röm 6,4)  - haben die Möglichkeit, sich Gott a ls Lebende aus den Totendarzustellen (Röm 6,13). Derjenige, Der dem Menschen einst das Leben gab, gibt die Möglichkeit, seine wahre Wirksamkeit wiederherzustellen.

In 2 Kor 5,4 beschreibt der Apostel die irdische Existenz des Menschen, in der er wenn er beschwert seufzt, da er wünscht,   die Vollkommenheit des unverweslichen Lebens zu betreten: Denn wir freilich, die in der Hütte sind, seufzen beschwert, wiewohl wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben (2 Kor 5,4). Dieser Satz ist Teil des Fragments, in dem Paulus auf die Beziehung zwischen der irdischen Existenz und dem kommenden Leben eingeht. Zunächst vergleicht er unsere menschlichen Körper mit irdenen Gefäßen (2 Kor 4,7), in denen wir diesen Schatz, das Licht der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi(2 Kor 4,6) bewahren. In der Übersetzung von Bischof Kassian wird verständlicher, welchen Schatz der Apostel meint: „ Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi[11].  Der Schatz ist Gott, der in unseren Herzen aufgeleuchtet[12]. Der nächste Vers erklärt, warum trotz „dieses Schatzes“ der in den Herzen der Gläubigen aufgeleuchtet ist, diese immer noch irdene Gefäße (4,7) und der Verwesung ausgesetzt sind (4,16): dies spreche dafür, dass hier nicht etwas Menschliches, sondern die Kraft Gottes wirke (die   in Schwachheit aufscheint ), und die Verweslichkeit uns ständig daran erinnert. Und indem die Gläubigen Bedrückung und Verfolgung ausgesetzt sind und um Jesu willen allezeit dem Tode überliefert werdenkönnen(2 Kor 4,11), ist an ihren Leiben das Sterben Jesu (2 Kor 4,10), das den sterblichen Leib des Lebens teilhaftig macht.

Das Sterben zusammen mit Christus in der Taufe führt zum Leben mit IHM (Röm 6,8) und bedeutet ewiges Leben nicht nur in seiner zukünftigen Vollkommenheit (1 Kor 15,28), sondern auch in der derzeitigen Teilhabe an der Erneuerung (Röm 6,4; 2 Kor 4,16). Noch vor der kommenden Auferstehung, der „Überkleidung mit dem Himmlischen“, dem vollkommenen Verschlingen des Sterblichen durch das Leben, wird unser innerer Mensch (ὁ ἔσωθεν), trotz der Verweslichkeit des äußeren Menschen (ὁ ἔξω ἡμῶν ἄνθρωπος), Tag für Tag erneuert (ἀνακαινοῦται ἡμέρᾳ καὶ ἡμέρᾳ; 2 Kor 4,16).

Teilhabe am wahren Leben, „Seufzen“ über „das himmlische Daheim“ und Verschlingen des Sterblichen durch das Leben ist es eben, wozu Gott, nach den Worten des Apostels, uns erschaffen und uns das Unterpfand des Geistes gegeben hat (2 Kor 5,5). Insofern ist das Leben in der Gegenwart kein dazwischenliegendes Fragment des menschlichen Daseins, sondern die Manifestation seines Wesens selbst und die Erfüllung seiner Bestimmung. Eben dafür verleiht Gott den Gläubigen den Heiligen Geist.

Im Zeitraum vom Beginn des Lebens in Christo bis zur Erreichung der Vollkommenheit der Güter in der zukünftigen Welt ist der Mensch berufen, im Geistezu leben (Röm 8,9). Die Wiederherstellung der bisherigen Kraft und Herrschaft des Geistes „vollbringt eben die Heilsordnung im Herrn Jesu Christo“[13]. Darin verbirgt sich der Umschwung, der im Menschen geschieht. „Der Segen des Heiligen Geistes steigt auf den Menschen herab und, indem er seinen Geist wiederbelebt, setzt ihn in seine natürlichen Rechte wieder ein. Seit diesem Augenblick beginnt beim gefallenen Menschen das neue Leben bzw. wird sein ursprüngliches Leben wiederhergestellt, in dem die Macht, die seine Werke bestimmt, von der leidenschaftlichen seelischen Leiblichkeit entnommen wird und in die Hände des Geistes übergeht – damit wird das Leben des Menschen spirituell.“[14] 

Die Präsenz Christi und des Geistes in den Gläubigen macht das Leben bereits hier und jetzt zu einer besonderen Wirklichkeit. „Somit ist ζωὴ sowohl das wahre Leben als auch der zukünftige Segen.“[15]

In seinem Schreiben an die Römer (6,13) ruft Paulus jene dazu auf, sich der Sünde nicht mehr zu unterwerfen, sondern sich Gott darzustellen als bereits (!) Lebende aus den Toten : παραστήσατε ἑαυτοὺς τῷ θεῷ ὡς ἐκ νεκρῶν ζῶντας.

Der Mensch erhält die Heiligkeit (ἁγιασμός) als Ergebnis der Befreiung von der Sünde bereits in diesem Leben (Röm 6,22): Jetzt aber, von der Sünde freigemacht und Gottes Sklaven geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit, als das Ende aber ewiges Leben . Offensichtlich ist hier die Heiligkeit in ihrer tiefsten biblischen Bedeutung gemeint – Zugehörigkeit zu und ausschließliche Widmung an Gott.

Wir sehen, dass das Leben der Gläubigen in Christo deutlich eschatologisch geprägt ist: sie wurden Sein, aber erwarten zugleich Seine Rückkehr für die Erfüllung all dessen, was zunächst nur vorweggenommen wird[16]. Versöhnung mit Gott (Röm 5,10), Rechtfertigung (Röm 5,9), Erlösung (Röm 3,24) – all das ist bereits geschehen. Über das vollkommene Heil wird aber gesprochen als über etwas, was mit der Rückkehr des Herrn erfolgen wird[17](Röm 2,13; 3,30; 5,10; 8,19). Wir wissen, was es bedeutet, die Kinder Gottes, die ‘Abba‘ rufen, jetzt zu sein, die Herrlichkeit der Sohnschaft liegt aber in der Zukunft.[18] (Röm 8,14-18). Diese Dualität ist keinesfalls mit einem Missverständnis verbunden. Sie widerspiegelt die Paulinische „Verfassung dessen, dass das Heil in der Gegenwart bereits angekommen ist, in seiner Vollkommenheit aber noch erfolgen muss.“[19]

Damit ist die ganze irdische Existenz des Gläubigen in Christo einerseits Sehnsucht nach der künftigen Vollkommenheit des Lebens (2 Kor 5), Verbleiben in irdenen Gefäßen, Unterdrückung und äußere Verwesung (2 Kor 4). Andererseits ist es Teilhabe am erneuerten Leben (Röm 6,4; 2 Kor 5,17) unter der Wirkung des Heiligen Geistes, Tragen des Schatzes, also des in den Herzen aufgeleuchteten Gottes, wenn auch in denselben irdenen Gefäßen, sowie auchHeiligkeit durch die Zugehörigkeit zu Gott (Röm 6,22). In ihrem Wesen ist sie die Teilhabe am ewigen Leben. Ihre Wirksamkeit darf nicht ganz auf das jenseitige Leben verschoben werden, da die Gabe Gottes – Sein Segen und Seine Gnadenfülle (ἡ χάρις) – bereits anstelle der Sünde herrscht (Röm 5,21). Eben diese Gabe erfüllt unsere irdische Existenz mit der Gerichtetheit auf das ewige Leben (Röm 5,21).

Nachdem wir also nun einige Hauptaspekte der Auffassung von Leben beim Apostel Paulus erörtert haben, könnte folgendes Fazit gezogen werden:

  • Leben in seiner höchsten Definition ist das Leben für Gott in Christo. Mehr noch: Leben ist nur in Zugehörigkeit zu Gott möglich, denn es gehört Gott und ist IHM zu eigen, so wie der Tod der Sünde zu eigen ist.
  • Obwohl die Erfüllung aller Güter in der zukünftigen Welt erfolgt, wird sie von denjenigen, die in Christo leben, bereits im gegenwärtigen Leben vorweggenommen.


Literatur

1. The New Testament in the Original Greek: Byzantine Text Form. Compiled and arranged by Maurice A. Robinson and William G. Pierpont. // Bible Works Program. [Elektronische Ressource]. – Electronic program. – Version 8.0.013z.1. 2009.

2. Библия: Книги Священного Писания Ветхого и Нового Завета. – М.: РБО, 2006. – 1296 с.

3. Новый Завет на греческом и русском языках в переводе под редакцией еп. Кассиана. – М.: РБО, 2002. – 797 с.

4. Новый Завет на греческом языке с подстрочным переводом на русский язык. – СПб, 2011. – 1405 с.

5. Радостная Весть: Новый Завет в переводе с древнегреческого. Учебное издание. – М.: РБО, 2009. – 560 с.

6. Игнатий Богоносец. Послания. // Писание мужей апостольских. – М.: Издательский Совет Русской Церкви, 2003. - 672 с.

7. Макарий Великий, преп. Духовные беседы, послание и слова. – СТСЛ, 1994. – 467 с.

8. Феофан Затворник, свт. Толкование первых восьми глав послания св. апостола Павла к Римлянам. – М., 1890. – 412 с.

9. Bultmann, R. Life. //The Theological Dictionary of the New Testament. / Kittel G., ed. [Elektronische Ressource] Grand Rapids, 2000. CD ROM Edition.

10. Lincoln, Andrew T. Paradise Now and Not Yet: Studies in the role of the heavenly dimension in Paul’s thought with special reference to his eschatology. – Cambridge, London, New York, New Rochelle, Melbourne, Sydney: Cambridge University Press, 1981. – 277 p.

11. Mattthew Henry Commentary. Grand Rapids, 2000. // Bible Works Program. [Elektronische Ressource]. - Electronic program. Version 8.0.013z.1. 2009.

12. Wenham, David. Paul: Follower of Jesus or Founder of Christianity? - Grand Rapids: Eerdmans, 1995. – 452 p.

 


[1] Beispielsweise wird die Bedeutung als Leben in Christo bei diesen beiden Aposteln am deutlichsten. S . Day, Colin. Сollins Thesaurus of the Bible. // Logos Boble Software. [Elektronische Ressource]. – Electronic program. – 2012.

[2] Bultmann, R . Life. //The Theological Dictionary of the New Testament. / Kittel G., ed. [Elektronische Ressource] Grand Rapids, 2000. CD ROM Edition.

[3] [Theophan der Klausner] Феофан (Говоров), свт. Толкование первых восьми глав послания св. апостола Павла к Римлянам. М., 1890. С. 453

[4] Mattthew Henry Commentary. Grand Rapids, 2000. // Bible Works Program. [Elektronische Ressource]. - Electronic program. Version 8.0.013z.1. 2009.

[5] Bultmann, R. Life.

[6] Ebenda.

[7] Радостная Весть: Новый Завет в переводе с древнегреческого. Учебное издание – М.: Рос. Библейское о-во, 2009. С. 319

[8] Феофан (Говоров), свт. Толкование первых восьми глав послания св. апостола Павла к Римлянам. М., 1890. С. 453

[9] Bultmann, R. Life.

[10] Ebenda.

[11] Новый Завет на греческом и русском языках в переводе под редакцией епископа Кассиана. – М.: РБО, 2002. – С. 555.

[12] Hier ist die Verbindung der Theologie des Ignatios dem Gottesträger, der über das Tragen Gottes in sich durch die Christen gelehrt hatte, mit dieser des Apostels Paulus deutlich. S. Игнатий Богоносец, св. Послания. // Писание мужей апостольских. - М.: Издательский Совет Русской Церкви, 2003. – С. 273. Auch der hl. Mönch Makarios von Ägypten hatte über den Schatz in Christen als über den Herrn selbst, „den ihn ihnen seienden“ Christus gesprochen. S. Макарий Великий, преп. Духовные беседы, послание и слова. – СТСЛ, 1994. – С. 157.

[13] [Hl. Erleuchter Theophan der Klausner] Феофан Затворник, свт. Толкование первых восьми глав послания св. апостола Павла к Римлянам. - М., 1890. – C. 450.

[14] Ebenda . S. 451.

[15] Bultmann, R. Life.

[16] Lincoln, Andrew T. Paradise Now and Not Yet.

[17] Wenham, David. Paul: Follower of Jesus or Founder of Christianity? P. 96.

[18] Ebenda.

[19] Ebenda.

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