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Goldener Fonds

Mitleid mit Liebe

19. Juni 2012
Das Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris ist in den Höfen einer ziemlich langweiligen Straße, der Rue de Crimée, verborgen. Doch sobald man durch die Pforten tritt, hinter denen das Saint-Serge sich befindet, scheint die große und laute Stadt nicht mehr zu existieren: erstaunliche Ruhe und fast überirdische Stille; altehrwürdige Gebäude; ausgetretene Treppenstufen; doppelköpfige Adler an den Türen des Gotteshauses; aber keinerlei Eindruck von Dumpfheit oder altersbedingter Schwermut – statt dessen ein lebendiges, warmes Gefühl wahren, nicht verlorenen, fröhlichen Glaubens. Lesen Sie im Folgenden ein Interview mit Institutsprofessor Nicolas Cernokrak

Vater Nicolas, erzählen Sie bitte ein wenig davon, wie die geistliche Ausbildung in Frankreich aufgebaut ist.

In Frankreich herrscht seit Anfang des 20. Jahrhunderts Laizismus. Daher sind auch alle geistlichen Schulen vom Staat getrennt. Heute haben kirchliche Schulen und Lehranstalten den Status von Privatschulen. Doch gibt es einige Ausbildungseinrichtungen, die mit Staat und Ausbildungsministerium zusammenarbeiten und daher staatlichen Status erhielten. Zum Beispiel ist unser Institut Saint-Serge vom Ausbildungsministerium als freie Hochschule anerkannt. Das Ministerium hilft uns auch finanziell. Dabei sind wir aber eine vollkommen freie Schule und können unser Lehrprogramm selbstständig entwickeln.

Also wird Ihnen nicht vorgeschrieben, wie und was Sie lehren müssen?

Nein. Aber es ist schon drei Jahre her, als wir einen Vertrag mit dem Ministerium unterzeichneten und gebeten wurden, mitzuteilen, wie viele Studenten wir haben, aus welchen Ländern sie stammen und welches Ausbildungsniveau sie haben. Das ist notwendig, da alle Privatschulen in eine Art nationales Staatsregister eingetragen sind. Unsere theologische Schule ist aber die einzige geistliche Schule mit staatlichem Status.

Erzählen Sie bitte ein wenig über das Institut selbst.

Das Institut Saint-Serge   wurde im Jahre 1925 eröffnet und erhielt bereits nach zwei Jahren das staatliche Zertifikat einer theologischen Hochschule in Frankreich.

In der Geschichte des Instituts gibt es drei Perioden. Die erste dauerte von 1925 bis in die 1950er Jahre. In dieser Zeit arbeitete hier die Elite der russischen orthodoxen Theologen, Philosophen und religiösen Aktivisten, und es studierten Studenten aus der ersten Welle der Aussiedlung. Sie entwickelten das orthodoxe religiöse Denken und die Tradition der alten russischen Akademien – von Moskau, Kasan und Kiew – weiter. Ebenso war das Lehrprogramm aufgebaut. Eigentlich war es eine kirchliche Schule, doch hieß sie weder Seminar noch Akademie. Die alten Professoren bevorzugten den Namen „Institut“ – eventuell als Erinnerung an das orthodoxe Institut, das Anfang der 1920er Jahre in St. Petersburg eröffnet worden war, aber bald wieder geschlossen wurde. In der Zeit, als alle geistlichen Schulen in Russland geschlossen gewesen waren, war unser Institut geöffnet worden. Hier wurde also die schöpferische theologische Arbeit fortgesetzt. Nach den 1950er Jahren kam die zweite Generation von Professoren.

  Wo kam diese Generation her?

In der damaligen Zeit war die russische Diaspora sehr stark. Zum Beispiel absolvierte Vater Alexis Kniazeff, der als zehnjähriger Junge nach Frankreich gekommen war, die juristische und dann die theologische Fakultät und wurde dann bei uns Lehrer und später Rektor. Das war die zweite Generation. Wir lebten mit den Erinnerungen und der Überlieferung dessen, wie die alten Professoren gewesen waren. Auch wenn wir sie nicht mehr selbst erlebt hatten, erkannten wir sie sofort auf Fotos; wir wussten viel über sie und ihre Charaktere. Es gab also eine große Kontinuität. Indem das Institut das orthodoxe theologische Denken weiterentwickelte, begann es einen Dialog mit anderen christlichen Konfessionen. Zunächst mit Protestanten, da sie am aufgeschlossensten waren, dann mit Anglikanern und Katholiken. Damals hatte das Institut eine Mission – den Westen mit der orthodoxen Lehre, der orthodoxen Theologie und der orthodoxen Kultur vertraut zu machen.

So ging es bis 1974 oder 1975. Meine Generation war die letzte, die noch alle Vorlesungen auf Russisch hörte. Nur Professor Olivier Clément (Schüler von Vladimir Lossky ), der Russisch zwar verstehen und lesen, aber nicht sprechen konnte, hielt seine Vorlesungen auf Französisch.

Jetzt schließt sich bereits die dritte bzw. schon die vierte Generation an. Das ist eine neue Situation, denn in vielen ehemaligen GUS-Ländern wurden orthodoxe Schulen eröffnet, und dort findet heute die eigentliche geistliche Ausbildung statt. Heute hat unser Institut nicht nur Studenten aus Russland, sondern aus vielen verschiedenen Ländern, aus Afrika (z.B. aus Äthiopien, und vor kurzem kam eine Nonne aus Ägypten), dem Nahen Osten, Syrienund natürlich aus Osteuropa.

Wie ist das Lehrprogramm aufgebaut?

Es ist schon über zehn Jahren her, dass wir uns der Bologna-Konvention angeschlossen haben. Deshalb haben wir drei Zyklen – Bakkalaureat, Magistratur und Doktorantur. Wenn wir das in die Begriffe des russischen Systems „übersetzen“, klingt es für mich fast wie vor der Revolution. Es gibt auch nicht mehr nur die Lehre ех catedra , sondern auch den Versuch, den Studenten beizubringen, selbstständig zu arbeiten.

Wir bieten Direkt- und Fernstudium an; letzteres wird auf Russisch und auf Französisch angeboten. Zur Zeit haben wir etwa 200 Direktstudenten.

Heute sprechen viele Professoren am Institut kein Russisch mehr; sie kommen z.B. aus Griechenland, Holland, Jugoslawien und Amerika.

Welche Disziplinen werden am Institut gelehrt?

Die klassischen; das sind: Altes und Neues Testament, Geschichte der Kirche, Lehren der Kirchenväter, Geschichte der Westkirche, Alte Sprachen (Hebräisch und Griechisch), Pastorale Theologie, Ikonologie, Geschichte der Russischen Kirche, Geschichte der Russischen Philosophie, Asketische und Dogmatische Theologie, Kanonisches Recht, Methodologie, Moraltheologie. Seinerzeit unterrichtete Vater Alexis Kniazeff noch ein besonderes Fach: Mariologie. Seit kurzem gibt es auch die Disziplin Kirchlichen Gesang, die mit der Besinnung und dem Verständnis des Kirchengesangs zusammenhängt.

Gibt es Fächer, die Sie bevorzugen?

Unsere Gründungsprofessoren nahmen von Anfang an intensiv an der Entwicklung der sogenannten „neopatristischen Synthese“ teil; deswegen ist unsere Schule sehr den Kirchenvätern verbunden. Man könnte sagen, dass die Kirchenväter und die liturgische Theologie im Zentrum unseres Programms stehen, welches die ersten Professoren, vor allem Vater Kiprian Kern , Vater Nikolaj Afanasjew und Vater Alexander Schmemann, entwickelt hatten. Nun haben wir einen jungen Professor, der sich mit diesem Thema beschäftigt – Andre Lossky. Vater Nikolai Osolin entwickelte die neue Lehre über die Ikonologie, die nicht mehr bloß Geschichte der Kunstwissenschaft ist, sondern sich auch damit beschäftigt, welche Bedeutung den Ikonen in der Entwicklung des orthodoxen theologischen Denkens zukommt. Für sehr wichtig halten wir auch die Dogmatische Theologie. Hinsichtlich dieser Disziplinen haben wir unsere eigenen Ansichten. Wir bestehen auch darauf, dass die Studenten fleißig Griechisch lernen, da es ihnen sonst schwerfiele, sich mit der Theologie zu beschäftigen.

Und wo wohnen die Studenten?

Wir haben ein kleines Wohnheim, in dem etwa 20 junge Männer Platz haben. Die anderen – sowohl Studentinnen als auch Studenten – müssen sich eigene Unterkünfte suchen.

Welche Aufgaben müssen die Studenten im Wohnheim übernehmen?

Wir sind nicht sehr streng; deshalb gibt es keine besonderen Dienste, außer den Tisch zu decken oder in den Zimmern Ordnung zu halten.

Ist die Ausbildung kostenpflichtig?

Ja. Wir sind eine Privatschule und haben weder eine reiche Kirche noch Sponsoren im Rücken. Wir leben eher ideell als materiell. Und dass es uns überhaupt gibt, ist schon ein permanentes Wunder.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um bei Ihnen eingeschrieben zu werden?

Die erste Voraussetzung ist  Intelligenz. Nun ja, und es ist natürlich notwendig, sich mit Theologie beschäftigen zu wollen und, leider, Französisch zu beherrschen, da dies die Unterrichtssprache ist. Und  wie Sie sicher wissen, ist Paris ein teures Pflaster. Deshalb braucht man ein finanzielles Polster. Manchmal können wir Studenten unterstützen, doch unsere Mittel sind sehr begrenzt.

Gibt es Aufnahmeprüfungen?

Ja, es gibt eine formale Prüfung, um die allgemeinen Kenntnisse zu prüfen. Wir schauen uns auch die Lebensläufe der Studenten an, um zu erfahren, was sie studiert und welches Ausbildungsniveau sie haben.

Gibt es Altersbeschränkungen?

Wir haben keine Altersbeschränkungen. Man kann auch noch mit 40 oder 50 Jahren eingeschrieben werden. Sie können sich also ruhig immatrikulieren lassen. (lacht)

Wie viele Studenten absolvieren das Institut bis zum Ende?

Im letzten Jahr hatten wir ca. 20 Absolventen, etwa gleichviele Magister und Bakkalaurei. Das ist nicht viel, für uns aber ausreichend.

Wie sind die Beziehungen zwischen Lehrern und Studenten?

Sehr herzlich, so wie auch mit Ihnen. Die Schule ist klein, und die Beziehungen hängen von den jeweiligen Professoren ab. Es gibt einige, die etwas strenger sind, so wie bei Ihnen in Russland, und es gibt solche, die weniger streng sind. Das Ambiente ist aber sehr familiär.

Sind die Studenten verpflichtet, an Gottesdiensten teilzunehmen?

Wir verlangen, dass die Studenten die Gottesdienste besuchen. In den Gottesdiensten haben wir die kirchenslawische Sprache bewahrt, denn es stellte sich heraus, dass es sich auf Französisch besser unterrichtet als betet. Zu unseren Gottesdiensten kommen also auch die Studenten, die keine slawische Sprache verstehen. Gottesdienste werden bei uns täglich zelebriert – morgens und abends, genauso wie in den russischen geistlichen Schulen.

Gibt es in Frankreich noch weitere geistliche Schulen?

Vor etwa fünf Jahren öffnete in der Nähe von Paris ein russisches geistliches Seminar. Es ist eine Art Zentrum, in dem es Kurse für Studenten gibt, die ihnen helfen, Magister- und Doktorarbeiten in diversen Universitäten zu verteidigen. Mit diesem Seminar haben wir gute Beziehungen; ich unterrichte dort selbst und bin mit allen befreundet.

Römisch-katholische Schulen gibt es in Frankreich sehr viele. Bei der Katholischen Universität gibt es das Ökumenische Institut, an dem unsere Professoren Orthodoxe Theologie unterrichten. Dort studieren Studenten aus vielen Ländern, die von der Orthodoxie manchmal überhaupt nichts wissen. Es ermöglicht uns, sie mit der orthodoxen Theologie vertraut zu machen. Manche Studenten des Ökumenischen Instituts schreiben sogar mit uns zusammen ihre Magisterarbeiten. Manchmal organisieren wir auch Seminare oder Vorlesungen. Im letzten Jahr hatten wir einen Kurs über das Alte Testament, über die Septuaginta, in dem Orthodoxe und Protestanten die Spezifik der Septuaginta im Vergleich mit dem Masoretischen Text studierten.

Alle kennen das Saint Serge als russisches theologisches Institut, als Zentrum des russischen theologischen Denkens, wie es sich während der Kirchenverfolgung in Russland in Frankreich und der ganzen orthodoxen Welt entwickelte.

Wie sind die Beziehungen mit russischen geistlichen Schulen, z.B. den Geistlichen Akademien von Moskau und St. Petersburg?

Während ich im vorigen Jahr die Moskauer Geistliche Akademie besuchte, unterzeichneten wir einen Vertrag über gegenseitige Zusammenarbeit. Einen solchen Vertrag haben wir auch schon lange mit der Orthodoxen St.-Tichon-Universität für Geisteswissenschaften. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, laden wir Professoren aus Russland zu Konferenzen ein, und sie laden uns ein. Fast jedes Jahr besuchen wir Russland.

Wie schätzen Sie die heutige Lage in Russland ein?

Ich kann dazu nicht viel sagen, da ich Russland sehr liebe. Ich sage nur eins: die Russische Kirche fängt gerade erst wieder an zu laufen, wie ein Kleinkind. Um damit das Kleinkind nicht umfällt, muss ihm eine Hand oder wenigstens ein Finger gereicht werden. Wenn wir etwas kritisieren, sollten wir von konkreten Situationen ausgehen. Doch dies ist nicht meine Art; ich würde es nicht wagen, allgemeine Kritik zu äußern, da es zu nichts führen würde. Wissen Sie, ich habe große Sympathien für Russland. Ich meine aber „Sympathie“ im griechischen Ursprungssinn; das heißt: Mitleid. Mitleid mit allem, was in Russland geschieht. Mitleid und Liebe.

Das Interview wurde geführt von Anna Galperina

 

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