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Einstellung des modernen westlichen Christentums zum Problem des Homosexualismus

7. Juli 2012
Das Portal „Bogoslov.Ru“ präsentiert seinen Lesern einen Artikel vom Prorektor der Kiewer Geistlichen Akademie, Dozent Volodymir Bureha, der einem der meistdiskutierten Themen im modernen Christentum gewidmet ist. Es geht um das Problem des Homosexualismus, das heute Gegenstand lebhafter Debatten in Westeuropa und Amerika ist. Der Artikel beruht auf einem Vortrag, der am 4. Juli 2012 auf einer Internationalen Konferenz in Krakau gehalten wurde.

Um die Jahrtausendwende wurde das Problem des Homosexualismus  zur ernsthaften Herausforderung für die christliche Theologie. Heute ist es eins der zentralen Diskussionsthemen für die westliche christliche Anthropologie. Der Streit über den Homosexualismus führte zu wesentlichen Meinungsverschiedenheiten in der Interpretation der Schrift und zu einer neuen theologischen Besinnung über das Problem der Geschlechtlichkeit.

Für die Orthodoxen Kirchen Osteuropas schien diese Herausforderung bis vor kurzem nicht besonders aktuell. Doch ändert sich die Situation heute rasch. Die jüngsten Entscheidungen, zum Beispiel die des Geweihten Synods der Russischen Orthodoxen Kirche[1], sowie auch die der des Geweihten Synods der Ukrainischen Orthodoxen Kirche[2], ist dafür markante Bestätigung. Die Orthodoxe Kirche muss auf diese Herausforderung nicht nur eine klare theologische Antwort geben, sondern diese auch in die konkreten Formen der pastoralen Fürsorge für Menschen, die sich zur Gay-Community bekennen, umsetzen. Hier wäre es sicherlich notwendig, die Erfahrung, über die das westliche Christentum bereits verfügt, zu berücksichtigen.

 

Wichtigste Begriffe

Beginnen wir mit den Definitionen. Der Begriff Homosexualismus entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts und besteht aus zwei Wortwurzeln: altgriechisch  ὁμό homo („dasselbe, gleich“) und lateinisch sexus („Geschlecht“). Dieser Begriff bezeichnet erstens die sexuelle Anziehung zu Personen desselben Geschlechts und zweitens sexuelle Beziehungen mit einer Person desselben Geschlechts („homosexuelles Verhalten“). Also (und es ist wichtig, dies zu betonen) umfasst dieser Begriff sowohl die homosexuelle Anziehung als auch die Verwirklichung dieser Anziehung, also die homosexuelle Praxis.

In der letzten Zeit wird auf Russisch anstatt dem vorher verwendeten Begriff Homosexualismus immer häufiger der Begriff Homosexualität verwendet, der dieselbe Bedeutung hat. Das erklärt sich daraus, dass Begriffe mit dem Suffix -ismusin slawischen Sprachen in der Regel negative Konnotation besitzen.  Deshalb führte das Bestreben, homosexuelle Anziehung und homosexuelles Verhalten als normale Erscheinung anzusehen, zur Vermeidung des Begriffs Homosexualismus[3]. Tatsächlich wird er in der russisch- und ukrainischsprachigen Literatur immer seltener verwendet.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich die Bewertung des Homosexualismus in der westlichen Gesellschaft wesentlich verändert. Früher wurde homosexuelles Verhalten meist als Perversion angesehen. Sexuelle Beziehungen mit Personen desselben Geschlechts wurden als bewusste Wahl des Menschen interpretiert. In christlichen Kirchen wurde diese Wahl eindeutig als Sünde und Verzerrung der von Gott bestimmten Ordnung bewertet. Im Zivilrecht wurde Homosexualismus jahrhundertelang entweder als Verbrechen (gerichtet gegen die gesellschaftliche Moral) oder als Krankheit beurteilt. Die Gesetzgebung der meisten Länder der Welt sah harte Maßnahmen gegen Homosexuelle vor. Personen, die homosexuelles Verhalten bewusst und offen praktizierten, wurden entweder einer Gefängnisstrafe oder einer Zwangsbehandlung unterzogen.

Doch änderte sich die Lage im 20. Jahrhundert. Homosexualismus galt vielfach nicht mehr als Perversion. In den letzten Jahrzehnten kam die neue Wendung sexuelle Orientation in Gebrauch. Dabei wird die mehr oder weniger ständige sexuelle Anziehung einer Person zu anderen Personen eines bestimmten Geschlechts verstanden. Dementsprechend wird die Anziehung zu Personen des eigenen Geschlechts als homosexuelle Orientierung definiert. Sie kann sich in homosexuellem Verhalten äußern oder auch nicht.

Heute werden in der Psychologie und im allgemeinen Sprachgebrauch drei Formen der sexuellen Orientierung unterschieden: heterosexuell, homosexuell und bisexuell, von denen keine als Verbrechen oder Pathologie angesehen wird. Zum Beispiel kam die American Psychiatric Association 1973 zu dem Schluss, dass Homosexualität keine psychische Krankheit sei. In der internationalen Klassifikation von Krankheiten wird die Homosexualität nicht erwähnt. Dabei gibt es in vielen (insbesondere muslimischen) Ländern der Welt  nach wie vor Strafverfolgung für homosexuelle Beziehungen.

Also ist bereits die Terminologie, die in Ost-, Zentral- und Westeuropa, sowie auch in Amerika gebräuchlich wurde, eine gewisse Herausforderung für die christliche Anthropologie. Heute wird die  homosexuelle  Orientierung nicht als Abweichung, sondern als Gegebenheit betrachtet, die eben wie die heterosexuelle Orientierung akzeptabel und zulässig anerkannt werden müsse. Ausgehend davon haben viele Länder Europas, sowie auch einige Bundesländer der USA, gleichgeschlechtliche Verbindungen legalisiert (sogenannte „eingetragene Lebenspartnerschaften“ bzw. „Homo-Ehen“).  

 

Biblischer Kontext

Diese radikale Veränderung der Einstellung zur Homosexualität führte dazu, dass im westlichen Christentum (vor allem im Protestantismus) eine heftige Diskussion entbrannte. Die Meinungsverschiedenheiten erwiesen sich als immens.[4] Dabei wurde jenen Stellen der Heiligen Schrift besondere Aufmerksamkeit geschenkt, die entweder vom Homosexualismus sprechen oder generell dem Problem des Geschlechts gewidmet sind.

In Wirklichkeit gibt es in der Bibel nicht allzu viele Stellen, in denen Homosexualismus thematisiert wird. Heute gelten nur sechs Texte im Alten und Neuen Testament als einschlägig. In all diesen Texten ist nur vom homosexuellen Verhalten die Rede. Alle Versuche, in der Bibel etwas über die homosexuelle Orientierung zu finden, müssen als vergeblich angesehen werden. In der Epoche, in der die biblischen Bücher zusammengefasst wurden, existierte dieser Begriff einfach nicht. Nichtsdestotrotz versuchen manche Theologen, die biblischen Texte im Lichte moderner Vorstellungen über die geschlechtliche Orientierung zu interpretieren. Die meisten Forscher betrachten ein solches Vorgehen jedoch für eine bewusste Verzerrung des biblischen Textes.

Betrachten wir nun die biblischen Stellen, in denen von Homosexualität die Rede ist.

 

1. Gen 19,1-26

In der Erzählung über den Niedergang von Sodom und Gomorra wird erzählt, wie Lot, der in der Stadt Sodom wohnte, in seinem Haus zwei geheimnisvolle Wanderer empfing. Nachdem sie davor erfahren hatten, umringten die Männer der Stadt, die Männer von Sodom, das Haus, vom Jüngling bis zum Greise, das ganze Volk insgesamt. Und sie riefen Lot und sprachen zu ihm: Wo sind die Männer, die diese Nacht zu dir gekommen sind? Führe sie zu uns heraus, dass wir sie erkennen! Doch schlugen die Wanderer die Sodomiter mit Blindheit und führten Lot aus Sodom. Und Jahwe ließ auf Sodom und auf Gomorra Schwefel und Feuer regnen von Jahwe aus dem Himmel; und er kehrte diese Städte um und die ganze Ebene und alle Bewohner der Städte und das Gewächs des Erdbodens. Dabei teilten die geheimnisvollen Wanderer Lot mit, dass dies die Strafe für ihre Ungerechtigkeitist.

Traditionell wird davon ausgegangen, dass der Niedergang von Sodom Folge der großen Verdorbenheit seiner Bewohner gewesen war, welche sich unter anderem auch als Homosexualismus  äußerte. Das Wort „Sodomie“ war bekanntermaßen lange Zeit die Hauptbezeichnung für  homosexuelles Verhalten. Allerdings wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die traditionelle Auslegung dieser Stelle in protestantischen Kreisen revidiert. So behauptete Derrick Sherwin Bailey in seiner Monographie „Homosexualität und westliche christliche Tradition“ (1955 )[5], dass im 19. Kapitel des Buches Genesis nicht geschrieben stehe, dass Sodom ausgerechnet für Homosexualismus bestraft worden sei. Seiner Meinung nach war die Ungerechtigkeit, für die Sodom bestraft wurde, nicht gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen, sondern die Verletzung des  Gastfreundschaftsgebotes und sexuelle Gewalt. Übrigens führten die Publikationen Baileys zur Entkriminalisierung homosexueller Beziehungen in England.

Es sollte angemerkt werden, dass auch Bibelwissenschaftler, die eine traditionell rigide Einstellung gegen Homosexualismus vertreten, zugeben, dass der erwähnte Abschnitt aus dem Buch Genesis keine explizite Verurteilung des Homosexualismus bedeute.[6] Nichtsdestoweniger finden wir im Neuen Testament, im Sendschreibung Judas, eine parallele Stelle: Wie Sodom und Gomorra und die umliegenden Städte, die sich, gleicherweise wie jene, der Hurerei ergaben und anderem Fleische nachgingen , als ein Beispiel vorliegen, indem sie des ewigen Feuers Strafe leiden (Jud 1,7). Hier sind Hurerei und Verlangen nach anderem Fleische Ursache der Strafe für Sodom und Gomorra, also sexuelle Verbrechen. Allerdings gibt es für diese Stellen in der modernen Bibelwissenschaft keine eindeutige Interpretation.

2. Lev 18,22 : Und bei einem Manne sollst du nicht liegen, wie man bei einem Weibe liegt: es ist ein Greuel.

3. Lev 20,13 : Und wenn ein Mann bei einem Manne liegt, wie man bei einem Weibe liegt, so haben beide einen Greuel verübt; sie sollen gewisslich getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.

Beide Texte befinden sich im Buch Leviticus im sogenannten „Heiligkeitskodex“. Hier werden männliche homosexuelle Beziehungen als schwere Verbrechen eingestuft, worauf die Todesstrafe stand.

4. Röm 1,26-27  : Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn sowohl ihre Weiber haben den natürlichen Gebrauch in den unnatürlichen verwandelt, als auch gleicherweise die Männer, den natürlichen Gebrauch des Weibes verlassend, in ihrer Wollust zueinander entbrannt sind, indem sie Männer mit Männern Schande trieben und den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst empfingen.

Diese Stelle sollte im Kontext des ganzen ersten Kapitels des Sendschreibens an die Römer verstanden werden. Hier spricht der Apostel Paulus davon, dass die heidnische Welt die Möglichkeit hatte, den Wahren Gott und Schöpfer durch Erforschung der von IHM erschaffenen Welt zu erkennen: weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen geoffenbart, denn das Unsichtbare von ihm, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, die von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen werden . Doch verherrlichten die Heiden, nachdem sie Gott kennengelernt hatten, ihn nicht als Gott. Im Ergebnis führte das zur Verehrung des Geschöpfes anstatt des Schöpfers. Eben diese Weigerung, sich vor Gott zu verbeugen, führte dazu, dass Gott sie in den Gelüsten ihrer Herzen in Unreinigkeit dahingegeben hat, ihre Leiber untereinander zu schänden; Gott hat sie in schändliche Leidenschaften dahingegeben.Unter diesen schändlichen Leidenschaften nennt der Apostel Paulus auch den Homosexualismus. Und weiter finden wir bei ihm noch eine wichtige Anmerkung: Und gleichwie sie es nicht für gut fanden, Gott in Erkenntnis zu haben, hat Gott sie dahingegeben in einen verworfenen Sinn, zu tun, was sich nicht geziemt.

Das erste Kapitel des Sendschreibens an die Römer ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Es ist die einzige Stelle in der Heiligen Schrift, in der nicht nur von männlichem, sondern auch weiblichem Homosexualismus die Rede ist. Außerdem ist es die einzige Stelle in der Bibel, in der nicht nur eine negative Bewertung des Homosexualismus, sondern auch eine theologische Begründung dafür zu finden ist. Deshalb ist es für uns sehr wichtig, den Gedanken des Paulus genau zu rekonstruieren. Erstens qualifiziert er sowohl männliche als auch weibliche homosexuelle Praktiken als das, was sich nicht geziemt, Unreinigkeit und Schande. Zweitens werden diese Praktiken unnatürlich genannt, die also gegen die Natur sind. Drittens, und das ist das Wichtigste, wird die Entstehung des Homosexualismus selbst als Folge des Abfalls des Menschen von Gott ausgelegt. Paulus sagt direkt, dass Homosexualismus eine Strafe Gottes sei für die Weigerung des Menschen, sich vor seinem Schöpfer zu verbeugen.

Paulus betont, dass der Abfall des Menschen von Gott zur Verzerrung der wahren Ordnung der Dinge führe. Quelle dieser Verzerrung ist der verzerrte Verstand (gr.  ἀδόκιμοςνούς , ungeschickter Verstand). Weil der Mensch Gott verlassen hat, beginnt in ihm ein Vorgang der inneren spirituellen Verwesung, da er aufgehört hat, sich des natürlichen sittlichen Gesetzes bewusst zu sein. Von dieser Sichtweise ist die naturwidrige Sexualität eine Verzerrung der von Gott errichteten Ordnung der Dinge und erfordert als solche  eine eindeutige Verurteilung. Also sieht der Apostel Paulus die Ursache der Entstehung des Homosexualismus in der Verderbnis der menschlichen Natur durch den Sündenfall. Der Abfall des Menschen von Gott führt zur Sünde und Krankheit der ganzen materiellen Welt. Auch der menschliche Verstand ist krank. Er verliert die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, und hört auf, das Natürliche vom Unnatürlichen zu trennen. Im Ergebnis beginnt der Mensch, zu treiben , was sich nicht geziemt.

5. 1 Kor 6, 9-10 :  Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

6. 1 Tim 1,9-11 :  ...dem Gerechten kein Gesetz gegeben ist, sondern den Ungerechten und Ungehorsamen, den Gottlosen und Sündern, den Unheiligen und Ungeistlichen, den Vatermördern und Muttermördern, den Totschlägern, den Unzüchtigen, den Knabenschändern, den Menschenhändlern, den Lügnern, den Meineidigen und wenn noch etwas anderes der heilsamen Lehre zuwider ist, nach dem Evangelium von der Herrlichkeit des seligen Gottes, das mir anvertraut ist.

Diese zwei Texte werden normalerweise zusammen betrachtet. In ihnen listet Paulus die Laster auf, die der heilsamen Lehre zuwider sind. Es heißt, dass die Menschen, die von ihnen umfangen sind, das Reich Gottes nicht ererben werden. Es ist durchaus offensichtig, dass diese beiden Stellen die alttestamentliche Tradition fortfahren. Sie sind vom „Heiligkeitskodex“  inspiriert, wie er im Buch Leviticus festgeschrieben ist. Hier werden zwei Begriffe erwähnt, die sich auf das homosexuelle Verhalten beziehen: Knabenschänder ( ἀρσενοκοῖται ) und Lustknaben (μαλακοὶ).

Was den ersten Begriff (Knabenschänder, ἀρσενοκοῖται) betrifft,  ist er in früheren griechischen Texten nicht zu finden; er wurde höchstwahrscheinlich vom Apostel Paulus selbst erfunden. Er verbindet zwei griechische Wörter: ἄρρην Mann  und  κοίτ   η   Unzucht, und kann also wortwörtlich als Unzucht zwischen zwei Männern übersetzt werden. In der modernen Bibelwissenschaft hat sich die Ansicht verbreitet, dass dieser Begriff ursprünglich die griechische Lehnübersetzung einer hebräischen Redewendung war, die in Lev 20,13 benutzt worden war. Bemerkenswert ist, dass in der Septuaginta an dieser Stelle eben diese zwei griechischen Wörter benutzt werden (καὶ ὃς ἂν κοιμηθῇ μετὰ ἄρσενος κοίτην γυναικός). Also betont Paulus nur, dass die strenge Verurteilung des Homosexualismus im Alten Testament auch für Christen aktuell bleibt.

Der Begriff  μαλακοί ist unter den Forschern umstritten. Das griechische Wort μαλακία bedeutet Weichlichkeit, Schlaffheit, Weichheit, Willenlosigkeit. Doch konnte dieser Begriff in der griechischen Koinē wohl auch den passiven Partner in  homosexuellen Beziehungen bezeichnen. In späteren byzantinischen Texten bedeutete er Masturbation. Deshalb bestehen einige moderne Bibelwissenschaftler darauf, dass der semantische Inhalt dieses Wortes bei Paulus nicht eindeutig sei.

Damit sind die direkten Erwähnungen des Homosexualismus in der Heiligen Schrift eigentlich erschöpft. Außer dass es nur ganz wenige sind, beinhalten sie nur eine Verurteilung für homosexuelles Verhalten. Nur im ersten Kapitel des Sendschreibens an die Römer finden wir eine theologische Begründung dieser Erscheinung.

 

Kanonisches Recht

In der kanonischen Überlieferung der Ostkirche gibt es eine Reihe von Regeln, die direkt von dem Homosexualismus sprechen. Hier, wie auch in den erwähnten Stellen der Schrift, geht es fast ausschließlich um homosexuelles Verhalten. Dabei werden Gründe und Umstände in den Kanones gelegentlich ausführlich betrachtet.  Es ist auch wichtig zu betonen, dass in der griechischsprachigen kirchlichen Literatur die allgemeingültige Bezeichnung für Homosexualismus ἀρσενοκοίτης (Unzucht zwischen Männern) lautet, der ursprünglich wie dargelegt von Paulus stammt.

So  bezeichnet der Heilige Basilios der Große in seinem siebten Kanon[7] die Unzucht zwischen Männern als schwere Sünde, die Verurteilung verdiene. Diejenigen, die dieser Sünde schuldig geworden sind, müssten aus der kirchlichen Gemeinschaft exkommuniziert werden und Buße tun. Falls diese Sünde aber aus Unwissenheit oder vor vielen Jahren begangen wurde, könnten die Sünder mit Nachsicht behandelt werden: „Denn sowohl die Unwissenheit als auch die freiwillige Beichte und das Vergangensein (…) langer Zeit macht sie der Nachtsicht würdig … Deshalb erteile, so schnell wie möglich, einen Befehl, sie unverzüglich aufzunehmen, vor allem, wenn sie Tränen haben, wenn sie dich zur Barmherzigkeit bewegen und ein Leben führen, das der Gnade würdig ist“.

Vom Homosexualismus spricht auch der Heilige Gregor von Nyssa in seinen kanonischen Empfehlungen. In seinem vierten Kanon wird die Unzucht zwischen Männern mit dem Ehebruch verglichen. Für homosexuelle Beziehungen schreibt er eine langjährige Exkommunizierung vor. Doch könnte die Dauer der Buße „für diejenigen, die eifrig Buße tun und durch ihre Lebensführung die Rückkehr zum Guten beweisen“, verkürzt werden.

Besonders ausführlich spricht Patriarch Johannes der Faster von Konstantinopel (6. Jahrhundert) über die Unzucht zwischen Männern. Er vergleicht sie mit dem Ehebruch und bestimmt dafür eine fünfzehnjährige Buße. Wenn der Sünder aber, „ohne in dieser Sache zu trotzen, zur aufrichtigen Reue kommt und seine Sünden beichtet, sollte der Bann für die Kommunion nur drei oder vier Jahre währen“. Falls der Mensch diese Sünde aber nur einmal aus Unwissenheit oder Ignoranz begangen habe, oder wenn er dabei jünger als dreißig Jahre alt war, sei „eine Buße von einem oder zwei Jahren ausreichend. Ist er aber älter als dreißig Jahre und hat andere natürliche oder unnatürliche Sünden mehrmals begangen, wird der Kanon mit der Dauer von drei Jahren auferlegt“. Wichtig ist auch die Begründung dieser Norm: „Sünden, die vor dem Alter von 30 Jahren begangen wurden, wiegen weniger schwer, auch wenn die Sünden zu den schwereren zählen, da vor diesem Alter die Unvernunft und die Erregung der Leidenschaften den Menschen stark mitreißen; daher wird in solchen Fällen nur der leichtere Kanon aufgelegt. Dagegen obliegt jede Sünde, die in einem Alter von über 30 Jahren begangen wird, wenn sie auch geringer ist, dem größeren Kanon.“

Interessant sind auch die Empfehlungen von Patriarch Johannes: „Derjenige, der einem Sünder die Beichte abnimmt, sollte das geringe bzw. hohe Alter, die Stärke bzw. Kraftlosigkeit, lokale Unterschiede und die Art, wie das Böse begangen wurde, berücksichtigen; denn all dies kann unterschiedlich ausgeprägt sein: ob   Einer aus eigenem Antriebsündigte oder von Anderen angestiftet wurde , und ob es absichtlich und vorsätzlich oder zufällig, oder im Rausch, oder auf Befehl, oder aus Angst, oder aus Armut, oder aus einer anderen Notlage heraus passierte – all das muss der Beichtvater aufmerksam und bedachtvoll berücksichtigen, und dann je nach Alter und Zeit und Ort und Umständen die angemessene Kirchenstrafe auferlegen.“

Johannes der Faster   hielt es also für notwendig, alle Umstände zu berücksichtigen, die den Menschen zur Sünde getrieben haben. Dabei nennt er auch auf die natürliche Neigung zur Unzucht („die natürliche Heißblütigkeit“). Einen Menschen, der lange Zeit  homosexuelle Beziehungen praktiziert hat, will er allerdings nicht zur Priesterschaft zuzulassen, auch wenn er in Unwissenheit geschändet wurde. Wer aber im Jugendalter sittlich heruntergebracht wurde, „im Alter aber ein anständiger Mensch wird und in keine andere Sünde verfällt, sollte nur vorübergehend unter den Kirchenbann fallen, wie es sein Beichtvater bestimmt, und dann aber in die Priesterschaft aufgenommen werden können.“

Homosexuelle Praktiken wurden in der kanonischen Tradition der Ostkirche immer schon als schwere Sünde qualifiziert. Dabei sehen wir eine differenzierte Vorgehensweise zu den Umständen der Begehung dieser Sünde. Strafmildernd wirken das natürliche „heiße Blut“ und „die Unvernünftigkeit und Aufregung der Leidenschaften“, also eine starke Anziehung, die den Menschen quasi zur Sünde zwingt. Dennoch halten die Autoren der Kanones es für möglich und notwendig, dieser Anziehung zu widerstehen und sie im Kampf gegen das Fleisch zu überwinden. 

 

Moderne theologische Bewertung

Heute bewerten die verschiedenen christlichen Konfessionen die Homosexualität und die pastorale Arbeit mit Personen, die sich als homosexuell identifizieren, unterschiedlich. Der US-amerikanische Forscher Larry Holben nennt in seinem Buch „What Christians think about homosexuality: Six representative viewpoints“[8] sechs Varianten der Antworten auf diese Frage, die unterschiedliche Konfessionen geben. Dabei schwanken die Positionen von strenger Nicht-Akzeptanz in fundamentalistischen Denominationen bis hin zur konsequenten Apologie im Rahmen der sogenannten Queer-Theologie[9]. Wir wollen im Folgenden die wichtigsten Varianten von verschiedenen christlichen Konfessionen skizzieren.

 

A) Position der Römisch-Katholischen Kirche

Angefangen seit den 1970er Jahren formulierte die Römisch-Katholische Kirche in mehreren offiziellen Aussagen und Dokumenten im Bereich Glaubenslehre eine ziemlich deutliche Position zum Problem des Homosexualismus.

Zum Beispiel ist im Katechismus der Römisch-Katholischen Kirche (veröffentlicht 1992) diesem Problem der Teil „Keuschheit und Homosexualität“ (§§ 2357-2359) gewidmet. Hier wird vor allem festgehalten, dass sowohl die Heilige Schrift als auch die Überlieferung der Kirche homosexuelle Handlungen als schwere Form der Unzucht qualifizieren und „stets erklärt, dass sie   in sich nicht in Ordnung sind" und gegen  das natürliche Gesetz verstoßen. Entsprechend der Absicht Gottes ist die geschlechtliche Nähe durch zwei Zwecke bedingt: Vermehrung und gegenseitige Ergänzung von zwei Personen unterschiedlicher Geschlechter. Im  homosexuellen Akt kann keiner dieser Zwecke erreicht werden; deshalb wiederspricht er der natürlichen Ordnung der Dinge, die von Gott errichtet wurde.

Dabei konstatiert der Katechismus, dass „eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen  homosexuell veranlagt sind. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar“. Dabei sei die psychische Herkunft der Homosexualität „noch weitgehend ungeklärt“.

Ausgehend von den klaren Anweisungen sowohl der Schrift als auch der Überlieferung hält die Römisch-Katholische Kirche homosexuelles Verhalten eindeutig für sündhaft; doch qualifiziert sie die  homosexuelle Anziehung selbst nicht als Sünde. Für sie sind „homosexuelle Menschen  zur Keuschheit berufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich - vielleicht auch mit Hilfe einer selbstlosen Freundschaft‚ durch das Gebet und die sakramentale Gnade - Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern“.

Auch wenn im Katechismus der Begriff „ homosexuelle Orientierung“ nicht verwendet wird, wird hier faktisch zwischen homosexueller Anziehung und homosexuellem Verhalten klar unterschieden. Das Dokument spricht hier vorsichtig über die „angeborene Veranlagung“ und „Neigung“ zum Homosexualismus und konstatiert, dass die Frage nach deren Ursachen ungeklärt bleibt. Der Katechismus sagt auch nichts darüber, ob diese Neigung korrigiert werden könnte, bzw., einfacher gesagt, ob ein Mensch mit nachhaltig  homosexueller Identität heterosexuell werden könne. Eindeutig ist nur eins: wenn ein Mensch eine nachhaltige  homosexuelle Beziehung hat und deshalb unfähig ist, eine heterosexuelle Familie zu gründen, beruft ihn die Römisch-Katholische Kirche zur vollen Keuschheit, also zur vollen Enthaltung vom sexuellen Leben. „ Diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen“.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte die Römisch-Katholische Kirche dem Problem der Zulassung von Homosexuellen zum pastoralen Dienst. Am 4. November 2005 veröffentlichte die Kongregation für das Katholische Bildungswesen ihre „ Instruktion über Kriterien zur Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen im Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesteramt   und zu den heiligen Weihen“.[10] Dort wurde unmissverständlich festgeschrieben, dass Personen, die „Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte   homosexuelle Kultur   unterstützen“, nicht für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zulassen werden sollen. Es wird betont, dass homosexuelle Neigungen die würdige Ausübung des pastoralen Dienstes ausschließen. Zur Weihe dürften höchstens Männer zugelassen werden, deren homosexuelle Verhaltenstendenzen nur vorübergehend gewesen waren und wenigstens seit drei Jahren überwunden sind.

Die Römisch-Katholische Kirche beschränkt sich nicht auf die Verurteilung homosexuellen Verhaltens. Schon seit Jahrzehnten fördert sie aktiv die wissenschaftliche Erforschung der Homosexualität und der Ursachen homosexueller Orientierung. Römisch-katholische Forscher behaupten heute, dass es keine Hinweise dafür gibt, dass Homosexualität angeboren sei. Deshalb ist in der katholischen Literatur die Meinung weit verbreitet, dass Homosexualität beim Menschen erst nach der Geburt durch diverse soziale und psychologische Faktoren entsteht. Die Römisch-Katholische Kirche unterstützt mit allen Mitteln die Reparativtherapie  (auch bekannt als „ Konversionstherapie“, „Reorientierungstherapie“ oder „differenzierende Therapie“); diese beinhaltet Methoden, die die homosexuelle Orientierung in eine heterosexuelle erreichen sollen. Unter anderem stützt sich die Catholic Health Association (aktiv in den USA und Kanada) konsequent auf diese Reparativtherapie, die aber von den meisten medizinischen Vereinigungen weltweit kritisch angesehen wird.

Dabei erkennen auch die römisch-katholischen Forscher an, dass die „Konversion“ von Homosexuellen ein durchaus komplizierter und langwieriger Prozess ist, der nur bei einem nachhaltigen Wunsch des Betroffenen, seine geschlechtliche Orientierung zu ändern, gelingen kann. Doch auch in diesen Fällen beträgt die Erfolgsquote nur etwa 30 Prozent.[11]

Die Position der Römisch-Katholischen Kirche ruft sowohl die Kritik seitens der säkularen Gesellschaft als auch seitens liberalerer Denominationen hervor. Der wichtigste Vorwurf, der gegen die römisch-katholische Position geäußert wird, besteht hauptsächlich darin, dass sie die Zulässigkeit homosexuellen Verhaltens generell bestreitet und keine Alternative bietet. Sie ruft Menschen, die sich als homosexuell wahrnehmen, dazu auf, jegliche sexuelle Aktivität zu vermeiden. Aber zu völliger sexueller Enthaltsamkeit ist kaum ein Mensch fähig.

Den römisch-katholischen Hierarchen ist dieses Problem bewusst. Deshalb beschäftigt sich die Römisch-Katholische Kirche seit den 1970er Jahren mit der Erarbeitung eines Konzepts zur pastoralen Fürsorge bei Homosexuellen. Sowohl die oberste Kirchenleitung als auch diverse römisch-katholische Bischöfe in verschiedenen Ländern veröffentlichten eine große Menge an Richtlinien, die diesem Problem gewidmet sind. Zum Beispiel veröffentlichte die Kongregation für die Glaubenslehre am 1. Oktober 1986 ein „Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Seelsorge für homosexuelle Personen“[12]. Auch die katholischen Bischöfe der USA veröffentlichten bereits mehrere programmatische Dokumente zu diesem Thema (u.a.: To Live in Christ Jesus, 1978; Human Sexuality,1991; Always Our Children, 1998). All diese Schriften basieren auf demselben Fundament wie der Katechismus. Die Homosexualität selbst wird dabei nicht als Sünde angesehen, doch gilt ihr Ausleben als eindeutig unzulässig. Die Publikationen rufen die Kirchenmitglieder dazu auf, sich gegenüber Homosexuellen tolerant zu verhalten und sie weder zu verspotten noch zu beleidigen. Jegliche Diskriminierung Homosexueller wird als Sünde gegen das Gebot der Barmherzigkeit angesehen. Homosexuelle sollten in den kirchlichen Gemeinden nicht ausgeschlossen sein.

Heute fördert die Römisch-Katholische Kirche mit allen Mitteln die Gründung spezieller Missionen zur pastoralen Fürsorge für Homosexueller. Eins der erfolgreichsten Beispiel für solch eine Mission ist die katholische Bewegung Courage („Mut“). Sie wurde 1980 in den USA vom Salesianermönch John Harvey (1918-2010) gegründet. Heute ist diese Bewegung nicht nur in den USA, sondern auch in Kanada, Großbritannien, Irland, Australien und anderen Ländern verbreitet.[13] John Harvey versuchte, Prinzipien des spirituellen Lebens für Menschen mit homosexueller Orientierung zu erarbeiten.[14] Hauptziel der „Courage“-Bewegung ist es, solchen Menschen einen Weg durch die besonderen, durch die Homosexualität bedingten Versuchungen und Herausforderungen zu zeigen. Die Bewegung beschäftigt sich nicht mit der Konversionstherapie, da sie der Meinung ist, dass der Beginn einer solchen Therapie eine persönliche Entscheidung sein sollte. „Courage“ legt den Akzent dagegen auf das spirituelle Leben in Christo als Quelle der Keuschheit und auf die brüderliche Gemeinschaft, die helfen soll, die Versuchungen der Homosexualität zu überwinden und sich dem Ideal der Keuschheit anzunähern. Faktisch ist die „Courage“-Bewegung der Versuch, Menschen, die von der Homosexualität betroffen sind, ein besonderes asketisches Programm anzubieten.

Es sollte auch angemerkt werden, dass im Umkreis der römisch-katholischen Theologie mehrmals Meinungen geäußert wurden, die die offizielle Position der Römisch-Katholischen Kirche bestreiten. So veröffentliche der Jesuitenpriester John J. McNeill 1976 das Buch „The Church and the Homosexual“[15], in dem er dafür eintrat, dass die Römisch-Katholische Kirche ihre traditionell negative Sicht der Homosexualität überwinden müsse, dass der Mensch seine sexuelle Orientierung nicht frei wählen könne. Seiner Meinung nach ist jede sexuelle Orientierung eine Gabe Gottes und müsse mit Dankbarkeit akzeptiert werden.

Sein Buch wurde allerdings durch die Kongregation für die Glaubenslehre verurteilt und McNeill 1987 aus der Gesellschaft Jesu ausgeschlossen. Heute ist er eine der auffälligsten Figuren in der sogenannten Queer Theology[16].

Ein anderes derartiges Beispiel ist Priester Charles Curran; in den 1970er und 1980er Jahren kritisierte er in mehreren Veröffentlichungen die offizielle katholische Lehre im Bereich der sexuellen Moral, auch hinsichtlich der Homosexualität. 1986 entzog ihm die Kongregation für die Glaubenslehre unter dem heutigen Papst Benedikt, Kardinal Josef Ratzinger, die Lehrbefugnis an der Katholischen Universität Amerikas. Curran äußert sich dahingehend, er bleibe Katholik und verteidige nach wie vor die Richtigkeit seiner Ansichten.[17]

Es gibt noch zahlreiche andere Beispiele für Unstimmigkeiten unter römisch-katholischen Theologen hinsichtlich der offiziellen Position der Kirche in puncto Homosexualität. Im Großen und Ganzen existiert in der Römisch-Katholischen Kirche in Bezug auf dieses Problem allerdings ein breiter Konsens.

 

B) Diskussion in der protestantischen Theologie

In der protestantischen Welt ist die Lage weit weniger eindeutig; hier gibt es eine breite Palette von Meinungen von Pastoren und Theologen zum Homosexualismus.

Die konservativsten, fundamentalistischen Kreise bestehen darauf, dass es notwendig sei, ausschließlich die biblische Terminologie zu benutzen. Aus diesem Grund lehnen sie den Begriff „homosexuelle Orientierung“ ab (da es diesen Begriff in der Bibel nicht gibt) und halten es für möglich, nur über das homosexuelle Verhalten zu sprechen, das in der Schrift eindeutig verurteilt wird. Nach Meinung der Fundamentalisten ist Homosexualismus das Ergebnis einer bewussten Wahl der Menschen, von reiner Fleischlust motiviert, weswegen Homosexualismus als Sünde qualifiziert werden soll. Alle Bemühungen, diese strenge Position zu mildern, werden von Fundamentalisten als Abweichung von der Reinheit der christlichen Moral und unzulässiger Kompromiss mit der modernen Welt ausgelegt.[18]

Die Southern Baptist Convention (USA), die über 15 Millionen Gläubige vereint und nach wie vor die weltweit größte nationale Baptistenorganisation ist, verurteilt Homosexualismust prinzipiell. Noch im Juni 1988 verabschiedeten Vertreter der Southern Baptist Convention, die sich in San Antonio (Texas) versammelt hatten, die „Resolution on Homosexuality“[19], die Homosexualismus als „Manifestation der verdorbenen Natur“ (a manifestation of a depraved nature), „Verdrehung der göttlichen Normen“ (a perversion of divine standards) und „Bruch der Natur und natürlichen Bindungen“ (a violation of nature and natural affections) bezeichnet. In dieser Resolution heißt es: „obwohl Gott Homosexuelle liebt und ihnen Erlösung anbietet, ist Homosexualität trotzdem keine normale Art des Lebens, sondern ein Greuel in den Augen Gottes (Lev 18,22; Rom 1,24-28, 1 Tim 1,8-10)“. Der Begriff „homosexuelle Orientierung“ wird dort nicht erwähnt; es geht ausschließlich um homosexuelle Praktiken, die prinzipiell verurteilt werden.

Immerhin geht eine beeindruckende Anzahl protestantischer Pastoren und Theologen, so wie auch die Römisch-Katholische Kirche, davon aus, dass homosexuelle Anziehung (im Gegensatz zum Verhalten) kein Ergebnis der freien Wahl des Menschen sei und darum nicht als persönliche Sünde qualifiziert werden könne. Dabei müsse aber das homosexuelle Verhalten als solches, da es in der Bibel verurteilt wird, auch in der Kirche konsequent verurteilt werden. Deshalb wird Personen, die bei sich nachhaltige homosexuelle Impulse verspüren, absolute sexuelle Enthaltsamkeit empfohlen. Diese Position ist zum Beispiel unter Methodisten weit verbreitet.[20]

Nichtsdestotrotz hat ein Großteil der protestantischen Gesellschaft seine Einstellung zur Homosexualität wesentlich liberalisiert. Ein Teil der Pastoren, die davon ausgehen, dass die meisten Homosexuellen zu absoluter sexueller Enthaltsamkeit unfähig sind, propagieren eine tolerante Einstellung zum Homosexualismus. Diese Pastoren sind der Meinung, man solle Homosexuelle zum Verzicht auf häufig wechselnden Geschlechtsverkehr aufrufen und ihnen eine feste gleichgeschlechtliche Partnerschaft empfehlen. Die Kirche müsse diese Position als Nachsicht gegenüber dem menschlichen Unvermögen verstehen, deshalb sei die kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Bündnisse unzulässig. In der Regel wird diese Meinung, da sie eher eine pastorale Position als offizielle Lehre ist, auf der Ebene der Kirchenleitung nicht behauptet, sondern lediglich als inoffizielle Praxis geduldet.

Doch gehen in den letzten Jahren einige protestantische Denominationen noch weiter und treten für die völlige Rehabilitation des Homosexualismus ein. Faktisch akzeptieren sie die in der säkularen Wissenschaft etablierte Ansicht über die Gleichwertigkeit von drei sexuellen Orientierungen (heterosexuell, homosexuell und bisexuell). Die homosexuelle Orientierung wird von ihnen als angeboren, also faktisch gottgegeben angesehen. Versuche, Homosexualität zu bekämpfen, und mehr noch Versuche, Homosexuelle zu „bekehren“, gelten aus dieser Perspektive als unzulässig.

Die radikale Revision der traditionellen Einstellung gegenüber der Homosexualität in den 1990er und 2000er Jahren erweckte in der protestantischen Umgebung heftige Debatten über zwei kirchenpraktische Fragen: ob die Kirche gleichgeschlechtliche Bündnisse segnen dürfe und ob es möglich sei, Personen, die offen homosexuell leben, zum pastoralen Dienst zuzulassen.

Während der ersten zehn Jahren des dritten Jahrtausends verlutbarte ein Großteil der protestantischen Kirchen offiziell, dass sie monogame gleichgeschlechtliche Bündnisse nicht als sündhalft ansehen. In vielen Konfessionen ist heute die kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Bündnisse zugelassen, wofür spezielle gottesdienstliche Ordnungen entwickelt werden. Das ist charakteristisch für einen großen Teil der lutheranischen und reformierten Kirchen. Unter anderem betreiben heute die Evangelische Kirche in Deutschland, die Schwedische Kirche, die Dänische Volkskirche, die Isländische Staatskirche, die United Church of Canada,  die Episkopalkirche der Vereinigten Staaten von Amerika, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kanada, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien, die Altkatholischen Kirchen verschiedener Länder und andere Denominationen die Segnung gleichgeschlechtlicher Bündnisse . Doch bezeichnen Theologen dieser Kirchen in der Regel das Zusammenleben zweier gleichgeschlechtlicher Individuen nicht als Ehe und ziehen es vor, von „Partnerschaft“ oder „Bündnis“ zu sprechen.

Trotz der offiziellen Anerkennung der Möglichkeit der Schließung gleichgeschlechtlicher Bündnisse seitens dieser Kirchen gibt es z.B. innerhalb der Anglikanischen Gemeinschaft prinzipielle Gegner der Legalisierung des Homosexualismus. So protestieren, zum Beispiel, die Missouri Synod und die Wisconsin Synod[21] offen gegen die Zulassung der Segnung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften. Ebenso führte die liberale Einstellung zum Homosexualismus seitens der Episkopalkirchen der USA und Kanada zu einer Krise in der Anglikanischen Gemeinschaft, die beinahe zur Spaltung geführt hätte.

Einige protestantische Konfessionen traten mit einer direkten Verurteilung gleichgeschlechtlicher Vereine auf. Zum Beispiel verabschiedete die Versammlung der Abgeordneten der Southern Baptist Convention im Juni 2003 in Phoenix (Arizona) eine offizielle Erklärung über das Problem der „gleichgeschlechtlichen Ehen“.[22] Darin wird betont, dass vom christlichen Standpunkt die Ehe eine nachhaltige, lebenslange Gemeinschaft eines Mannes und einer Frau sei (Mt 19,4-6). Deshalb bedeute die Legalisierung „gleichgeschlechtlicher Ehen“ faktisch die Akzeptanz der homosexuellen Lebensart, die von der Bibel aber verurteilt werde und eine Gefahr sowohl für einzelne Personen, die von dieser Sünde betroffen sind, als auch für die Gesellschaft insgesamt darstelle. Deshalb erklärte die Southern Baptist Convention, dass sie gegen jegliche Versuche, „gleichgeschlechtliche Ehen oder andere ähnliche Vereine“ zu legalisieren, konsequent auftreten wird. Auch berief sie alle Richter und Staatsbeamten, „der Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen entgegenzuwirken“. Die Southern Baptist Convention tritt auch gegen die Propaganda gleichgeschlechtlicher Gemeinschaft in  Massenmedien und gegen Versuche, Schulbücher, die solche Vereine bewilligen, in Schulen einzuführen konsequent auf.

Große Debatten erregte in der protestantischen Szene auch die Frage nach der Möglichkeit der Zulassung offen homosexueller Männer und Frauen zum pastoralen Dienst. Ein Teil der protestantischen Konfessionen kündigte an, dass sie Kandidaten für das Amt des Pastors keine Frage nach ihrer sexuellen Orientierung stellen werden. Im Ergebnis wuchs unter protestantischer Pastoren die Anzahl bekennender Homosexueller (sowohl Männer als auch Frauen), was Proteste von Fundamentalisten hervorrief.

Besonders schmerzhaft wurde diese Diskussion für Konfessionen, die das historische Bischofsamt bewahren. Die erste dieser Konfessionen, die eine Bischofsweihe bekennender Homosexueller zuließ, war die Episkopalkirche der USA; 2003 wurde dort der bekennende Homosexuelle Vicky   Gene  Robinson zum Bischof von New Hampshire gekürt. Das führte zu heftigen Protesten vieler anderen Konfessionen (darunter auch der Russischen Orthodoxen Kirche) und brachte die Anglikanische Gemeinschaft beinahe zur Spaltung.Rowan Williams, der Bischof von Canterbury, versuchte, diese Krise zu überwinden, indem er die Kirchen der Anglikanischen Gemeinschaft (deren Mitglied auch die Episkopalkirche ist) dazu aufrief, ein Moratorium für die Weihe bekennender Homosexuellen zu verabschieden, da diese die Entwicklung des ökumenischen Dialogs bedrohe.[23] Trotzdem nominierte die Bischofskathedra der Episkopalkirche der USA 2010 in Los Angeles die bekennende Homosexuelle M ary   Glasspool. Daraufhin schloss die Leitung der Anglikanischen Gemeinschaft Vertreter der Episkopalkirche Vertreter von der Teilnahme an ökumenischen Kontakten vorübergehend aus.[24]

Ähnliche Prozesse ließen sich auch in anderen protestantischen Kirchen beobachten.  So wurde, zum Beispiel, am 8. November 2009 in der Schwedischen Kirche die bekennende Homosexuelle Eva Brunne Bischöfin von Stockholm. Die Tendenz, bekennende Homosexuelle (Männer und Frauen) zum pastoralen Dienst zuzulassen, ist also mittlerweile im Protestantismus weit verbreitet.

Erzbischof Rowan Williams tritt für die Reform der Anglikanischen Gemeinschaft ein. Er bietet den Kirchen an, in ein „Covenant“ (Abkommen) einzutreten. Kirchen, die die Bedingungen dieses Abkommens nicht annehmen, würden einen „assoziierten Status“ erhalten können, die ihnen helfen würde, die historische Verbindung mit den anderen anglikanischen Provinzen zu bewahren, dabei aber größere Entscheidungsfreiheiten zu haben[25]. Eine solche Form der Reorganisation der Gemeinschaft muss die Gefahr eines Schismas vermeiden, da die Widersprüche zwischen Liberalen und Konservatoren in der anglikanischen Umgebung den äußersten Spannungspunkt erreicht haben. Doch im März 2012 verkündete Rowan Williams, dass er beabsichtige,  im Dezember 2012 zu emeritieren. Diese Entscheidung interpretierten viele als Eingeständnis der Unfähigkeit des Erzbischofs von Canterbury, die zentrifugalen Prozesse innerhalb der Anglikanischen Gemeinschaft zu überwinden.

 

C) Position der Orthodoxe Kirche

Was die Orthodoxe Kirche betrifft, gibt es nach unserer Kenntnis zurzeit keine allgemeingültigen orthodoxen Verlautbarungen über das Problem des Homosexualismus. Deshalb werden wir hier nur Dokumente erwähnen, die von der Russischen Orthodoxen Kirche in letzter Zeit verabschiedet wurden.

Unter anderem wird Homosexualismus im zwölften Kapitel der Grundlagen der Sozialdoktrin erwähnt, die vom Erzbischofskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche im August 2000 verabschiedet wurden. Hier wird konstatiert: „die Heilige Schrift und die Lehre der Kirche verurteilen eindeutig homosexuelle Beziehungen, in denen sie eine lasterhafte Verkehrung der gottgegebenen Natur des Menschen erblicken“. Weiterhin wird erwähnt, dass Menschen, die in homosexuellen Beziehungen leben, „die Priesterweihe nicht empfangen dürfen“.

Dort heißt es auch, nur „die von Gott gestiftete Ehegemeinschaft zwischen Mann und Frau“, aber keinesfalls eine Gemeinschaft zweier gleichgeschlechtlicher Individuen dürfe anerkannt werden. Vom theologischen Standpunkt gilt als Richtlinie, Homosexualismus sei „eine sündhafte Entstellung der menschlichen Natur, die durch geistig-spirituelle Anstrengungen, welche eine Heilung sowie persönliches Wachstum des Menschen hervorbringen, bezwungen wird“. Obwohl das Dokument den Begriff „sexuelle Orientierung“ faktisch ablehnt, ist hier doch von „homosexuellen Neigungen“ die Rede, als eine der Leidenschaften, die den gefallenen Menschen quälen können. So wie andere solche Leidenschaften „ist sie zu überwinden durch die Sakramente, durch Gebet, Fasten und Buße, durch das Lesen der Heiligen Schrift und der Werke der Heiligen Väter wie auch durch die christliche Gemeinschaft mit gläubigen Menschen, die geistige Hilfe zu leisten bereit sind“.

Also gehört  die eindeutige Verurteilung homosexuellen Verhaltens zu den Grundlagen der Sozialdoktrin. Im Dokument wird die für das Ostchristentum traditionelle asketische Terminologie verwendet. Homosexualismus wird als Leidenschaften genannt, die in der Kirche geheilt werden kann.            

Diese Position der Russischen Orthodoxen Kirche findet sich auch in anderen offiziellen Dokumenten. So verabschiedete der Geweihte Synod am 7. Juni 2012 eine Erklärung im Zusammenhang mit dem „Gesetz über die Versicherung der Gleichheit“ in der Republik Moldawien.[26] Sie enthält eine Reihe prinzipieller Sätze; beispielsweise unterstützt es die Forderung der Metropolie von Kischinau und anderer Konfessionen Moldawiens, aus dem Gesetzesentwurf den Begriff „sexuelle Orientierung“ herauszustreichen. In der Erklärung wird auch betont: „Die geistig-spirituelle und pastorale Erfahrung bezeugen, dass homosexuelles Verhalten in den meisten Fällen Folge einer persönlichen Wahl des Menschen ist. Deshalb ist es nicht korrekt, sogenannte sexuelle Minderheiten mit nationalen, rassebezogenen oder sozialen Minderheiten gleichzustellen.“

Also besteht die Russische Orthodoxe Kirche darauf, dass homosexuelles Verhalten Ergebnis einer persönlichen Wahl ist. „Homosexuelle Neigungen“ werden als Leidenschaft angesehen, die einer geistig-spirituellen Heilung bedürfen. Obwohl die Kirche sich hier des Begriffs „sexuelle Orientierung“ enthält, ist dieser in anderen offiziellen Dokumenten des Moskauer Patriarchats zu finden. Zum Beispiel steht in der Erklärung des kirchlichen Außenamtes vom 18. November 2003, dass die Einführung eines Ritus der kirchlichen Segnung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften durch protestantische Konfessionen zu gefährlichen Folgen führen könnte: „So wird Menschen mit normaler sexueller Orientierung  Homosexualismus nahegebracht.“[27] Dieser Satz enthält offensichtlich auch die These von normalen (also heterosexuellen) und nicht-normalen (also homosexuellen) Orientierungen.

Bemerkenswert ist, dass ungeachtet der in den Grundlagen der Sozialdoktrin festgelegten Berufung zur „pastoralen Verantwortung für Menschen mit homosexueller Neigung“ bislang im Moskauer Patriarchat noch keine klare Methodik pastoraler Arbeit mit Homosexuellen existiert.

Die strenge Position der Russischen Orthodoxen Kirche in Bezug auf den Homosexualismus äußerte sich auch in der Reaktion auf den Abbruch der Beziehungen mit den Konfessionen, bei denen die Segnung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften offiziell erlaubt ist oder bekennende Homosexuelle zum pastoralen Dienst zugelassen werden. So verkündete das kirchliche Außenamt im November 2003 nach der Bischofsweihe von Vicky   Gene  Robinson, alle Kontakte mit der Episkopalkirche der USA abzubrechen.[28] Am 27. Dezember 2005 verkündete der Geweihte Synod (Journal № 100) auch den Abbruch der Beziehungen mit der Schwedischen Kirche, nachdem diese sich für die Segnung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften entschieden und dafür einen spezielle Ritus entwickelte hatte.[29]

Doch bleibt das Problem der konsequent theologischen Besinnung des Problems des Homosexualismus trotz dieser offiziellen Dokumente nach wie vor ungelöst. Bei russischen orthodoxen Theologen findet man nur einzelne Gedanken zu diesem Thema. Obwohl diese Gedanken nicht systematisch sind, können sie doch als Orientier zur weiteren Entwicklung dieses Thema dienen.

Gedanken über Phänomen der Homosexualität finden sich in den Gesprächen des Metropoliten Anthony von Sourozh. Er glaubte, dass „ Homosexualismus keine physiologische Grundlage hat“ und deshalb als „psychologische Störung“ angesehen werden sollte, die vor allem durch falsche häusliche Erziehung bedingt ist. Der Mensch solle homosexuellen Anziehungen widerstehen. Wenn „diese Anziehung zur Handlung wird, droht eine kirchliche Strafe und Exkommunikation“. Dabei erklärte der Metropolit Anthony, dass dies „nicht wegen einer Anziehung, sondern wegen einer Handlung“ erfolge; „Sünde ist nicht die Anziehung, solange du gegen sie kämpfst, sondern erst, wenn du ihr nachgibst.“[30]

Den Versuch einer theologischen Antwort darauf finden wir in den Tagebüchern des Protopresbyters Alexander Schmemann. Vater Alexander besteht darauf, dass es vom theologischen Standpunkt keinen Sinn ergebe, sich darüber zu streiten, ob Homosexualismus „natürlich“ oder „unnatürlich“ sei. „Diese Frage ist eventuell auf eine ‘gefallene Kreatur’ gar nicht anzuwenden, in der ja alles verzerrt und in einem gewissen Sinne ‘naturwidrig’ geworden ist“.  Homosexualismus sei „lediglich eine besonders tragische Manifestation dieses „Dornes für das Fleisch", der jeden Menschen quält, wenn auch auf unterschiedliche Weise. In der gefallenen Welt gibt es nichts, was ‚normalisiert‘ werden kann, doch kann alles gerettet werden“. Was aber die Frage nach den Ursachen der Homosexualität betrifft, schrieb Vater Alexander: „Mir (…) kommt es so vor, dass die Wurzel hier doch geistig-spirituell ist: da wäre die grundlegende Zweideutigkeit von allem in der gefallenen Schöpfung, ‚Prädisposition’. In dieser Welt der Zerrspiegel gebiert die eine ‘Nicht-Normalität’ eine andere. In diesem Falle ist das die Nicht-Normalität und das Gefallensein der Familie, das Gefallensein der eigenen Form des Geschlechts, also der Beziehungen zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen. Weiter ist es das Gefallensein der Mutterschaft, schließlich das Gefallensein der Liebe selbst in der leiblichen und, folglich, ihrer geschlechtlichen Manifestation. Auf einer Ebene ist Homosexualismus eine Mischung aus Angst und Hochmut, und auf einer anderen eine Mischung aus Eros und Autoerotik. Nicht zufällig ist bei allen Homosexuellen das Gemeinsame die Egozentriertheit (nicht unbedingt der Egoismus), die übertriebene Beschäftigung mit sich selbst, auch wenn diese Egozentriertheit mit extremer ‘Neugier‘ und äußerer Offenheit gegenüber dem Leben kombiniert ist.“[31]


*  *  *

Die Veränderungen, die wir heute im westlichen Christentum beobachten, mahnen uns dazu, das Phänomen des  Homosexualismus aufmerksamer zu betrachten. Die Beschäftigung damit, in der westlichen Gesellschaft inzwischen allgemein verbreitet, zeigt sich allmählich auch im postsowjetischen Raum. Heute findet man sowohl in der wissenschaftlichen Literatur (zum Beispiel in Russland und in der Ukraine) als auch in Hochschullehrbüchern und sogar manchmal in Schulbüchern den Gedanken von der Gleichwertigkeit homo- und heterosexueller Orientierungen. Noch ist in den postsowjetischen Gesellschaften eine negative Einstellung gegenüber dem  Homosexualismus weit verbreitet, aber offensichtlich wird der Einfluss der westlichen Kultur diese Situation ändern, und die Kirche muss darauf vorbereitet sein.

Meiner Ansicht nach muss die Orthodoxe Kirche heute erstens dem Phänomen der Homosexualität im Lichte neuester wissenschaftlicher Studien eine theologische Bewertung geben und zweitens ein Konzept der pastoralen Fürsorge für Menschen erarbeiten, die zum Homosexualismus neigen. In dieser Hinsicht können uns die Vorarbeiten römisch-katholischer Wissenschaftler helfen. Aber natürlich müssen wir auf der Suche nach einem orthodoxen theologischen Standpunkt zum Phänomen der Homosexualität aufmerksam das östliche patristische Erbe studieren, welches reichlich Material für die weitere Entwicklung der christlichen Anthropologie enthält.

 


[1] S. Deklaration des Heiligen Synods der Russischen Orthodoxen Kirche im Zusammenhang mit der Verabschiedung des „Gesetzes über die Versicherung der Gleichheit“ in der Republik Moldau. URL: http://www.patriarchia.ru/db/text/2270817.html.

[2] S. Журнал № 29 заседания Священного Синода Украинской Православной Церкви от 8.05.2012. URL:http://orthodox.org.ua/article/zhurnali-zas%D1%96dannya-svyashchennogo-sinodu-upts-v%D1%96d-8-travnya-2012-roku.

[3] S. z. B.: Клейн Л. С. Другая любовь: Природа человека и гомосексуальность. СПб ., 2000 .

[4] Eine kurze Übersicht dieser Diskussionen s. in: The Encyclopedia of Protestantism / Editor Hans J. Hillerbrand. Vol. 2. New York — London: Routledge, 2004. P. 705-709.

[5] S.: Bailey, Derrick Sherwin. Homosexuality and Western Christian Tradition. Hamden, CT. Archon Books, 1975, S. 1-28.

[6] S., zum Beispiel:  ХейзР . Этика Нового Завета. М., 2005; S. 507.

[7] Alle kanonischen Regeln zitiert nach Правила Православной Церкви с толкованиями Никодима, епископа Далматинско-Истрийского. М., 1996.

[8] Holben L. R. What Christians think about homosexuality: Six representative viewpoints. Bibal Press, 1999.

[9] Die „Queer-Theologie“ (engl. queer theology) ist eine theologische Bewegung, die die Theologie aus der Sichtweise der „Queer-Gemeinschaft“ betrachtet, also der Gemeinschaft von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern.

[11] Ausführlicher s. in: The New Catholic Encyclopedia: Second Edition. Vol. VII. Washington: Gale, 2003. P. 66-73.

[13] S. die offizielle Seite der Bewegung: http://couragerc.net.

[14] S. seine Bücher: John F. Harvey, O.S.F.S. The Homosexual Person: New Thinking in Pastoral Care. San Francisco: Ignatius Press, 1987; John F. Harvey, O.S.F.S. The Truth about Homosexuality: The Cry of the Faithful. San Francisco: Ignatius Press, 1996.

[15] McNeil John J . The Church and the Homosexual. Boston: Beacon Press, 1976.

[16] S. die McNeill gewidmete Webseite http://www.johnjmcneill.com/.

[17] S. das Buch seiner Erinnerungen: Curran Charles E. Loyal Dissent: Memoir of a Catholic Theologian. Georgetown University Press, 2006.

[18] Die Übersicht der wichtigsten konservativen so wie auch der Pro-Gay-Literatur s., zum Beispiel, hier: http://www.apocalipsis.org/difficulties/gaybooks.htm.

[19] Das Dokument ist auf der offiziellen Webseite der Southern Baptist Convention veröffentlicht: http://www.sbc.net/resolutions/amResolution.asp?ID=610.

[20] Sie wird beispielsweise von Richard Hays, Dekan der Duke Divinity School, die der Evangelisch-methodistischen Kirche angehört. S. [Hays R. The Moral Vision of the New Testament] ХейзР. Этика Нового Завета. С. 538-544.

[21] Die Missouri Synod und die Wisconsin Synod sind zwei eher konservative lutherische Vereinigungen, die in diesen beiden Bundesstaaten der USA ihre administrativen Zentren haben.

[22] Das Dokument ist auf der offiziellen Seite der Southern Baptist Convention veröffentlicht: http://www.sbc.net/resolutions/amresolution.asp?id=1128.

[26] Das Dokument ist auf der offiziellen Seite der Southern Baptist Convention veröffentlicht: http://www.patriarchia.ru/db/text/2270817.html.

[27] Das Dokument ist hier veröffentlicht:: http://www.mospat.ru/archive/nr311176.htm.

[28] S. die entsprechende Aussage vom kirchlichen Außenamt: http://www.mospat.ru/archive/nr311176.htm.

[29] S. Журналы заседания Св. Синода: http://www.patriarchia.ru/db/text/1501491.html.

[30] Антоний, митрополит Сурожский. Труды. М., 2002. С. 118-120.

[31] Шмеман А., прот. Дневники. 1973-1983. М., 2005. С. 391-395.

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