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Glaube und naturwissenschaftliche Kenntnisse

4. September 2012
Gemeinsamer Vortrag des Rektors der Orthodoxen St.-Tichon-Universität für Geisteswissenschaften, Erzpriester Vladimir Vorobyov, und Priester Alexander Chshelkachev, dortselbst Professor, gehalten auf der Festtagung „Ganzheitliche Weltanschauung des christlichen Wissenschaftlers: Herausforderungen der modernen Epoche und Wege zu ihrer Überwindung – zum 300. Geburtstag von Michail Lomonossow“  (1711–1765).

Gelehrtheit darf nicht erniedrigt werden. Statt dessen sollten diejenigen als dumm und unwissend angesehen werden, die sie verächtlich machen, um im allgemeinen Mangel ihre eigene Unzulänglichkeit verbergen und vermeiden wollen, dass ihr Unwissen entlarvt wird.
Hl. Hierarch Gregor der Theologe (Grabrede)

Natur und Glaube sind zwei Schwestern, und es kann nie zu Hader zwischen ihnen kommen. Der Schöpfer gab der Menschheit zwei Bücher – in einem zeigte ER seine Herrlichkeit, im anderen seinen Willen. Das erste Buch ist die sichtbare Welt; dort tun Physiker, Mathematiker, Astronomen und andere Wissenschaftler für die in die Natur hineingegossenen Göttlichen Wirkungen dasselbe wie Propheten, Apostel und Theologen im Buch der Heiligen Schrift. Unvernünftig ist der Mathematiker, wenn er den Göttlichen Willen mit einem Zirkel ausmessen will. Ebenso ist auch der Theologielehrer unvernünftig, wenn er denkt, nach dem Psalter Astronomie oder Chemie erlernen zu können.
Michail Lomonossow

Die moderne Welt bedarf des ernsthaften Dialogs zwischen Wissenschaftlern und Theologen, der mit dem aufrichtigen Wunsch, einander zu verstehen und die Wahrheit zu befördern, betrieben werden sollte. Der Nutzen eines solchen Dialogs ist offensichtlich. Möge die Bezeugung laut und deutlich erschallen, dass die Kirche keine Verfolgerin der Wissenschaft ist und diese weder erniedrigen noch ihre Bedeutung herabsetzen möchte, sondern im Gegenteil ihre Errungenschaften hochschätzt und über den gottähnlichen menschlichen Genius begeistert ist, der in die Geheimnisse des Universums eindringt. Andererseits sollte die Welt hören, dass die säkulare Wissenschaft der Wertorientierung bedarf, die sie in letzter Zeit eher verloren hat, weil sie die Verbindung mit ihren historischen, religiösen und metaphysischen Wurzeln zerbricht. Die Geschichte zeigt, dass der wissenschaftliche Fortschritt unglaubliche Macht entfaltet und fähig ist, das Leben auf der ganzen Erde zu verändern und das Menschenleben und die Menschen selbst in vielerlei Hinsicht zu verändern. Die Kirche, die besser als viele andere gesellschaftlichen Institutionen den Einfluss der Wissenschaft und der Ausbildung in der modernen Welt einschätzt, sollte danach streben, die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und intellektuellen Berufen im gemeinsamen Dienst für das Gute und die Wahrheit weiterzuentwickeln. Bei der Unterstützung alles Guten in der Wissenschaft bleibt es aber wichtig, vor bestimmten Richtungen in der Entwicklung der wissenschaftlichen Forschung, die für die Menschheit verhängnisvolle Folgen haben könnten, zu warnen.

 

1. Die Verantwortung der Wissenschaft

Je mehr wir über die Welt erfahren, desto offensichtlicher wird die Grenzenlosigkeit des Unbekannten, während wir die Welt immer mehr als grandioses, herrliches Mysterium begreifen. Doch entstehen dort, wo die demütigen und vorsichtige Einstellung gegenüber diesem Mysterium verloren geht, ernsthafte ethische Meinungsverschiedenheiten zwischen nicht-religiösen Wissenschaftlern und Trägern religiöser Weltanschauungen. Grund sind die Widersprüche zwischen den sittlichen Normen, zu denen sich die Religion bekennt, und den Herangehensweisen, die von vielen nicht-religiösen Vertretern der modernen Wissenschaft und den politischen Gemeinschaften akzeptiert werden. Die Kirche, die zu der ihr von Gott auferlegten Mission verpflichtet ist, die Wahrheit zu bezeugen, kann nicht schweigen, wenn sie in der Entwicklung dieses oder jenes Zweigs der Wissenschaft eine ernsthafte Gefahr für die geistig-spirituelle und sittliche Ganzheitlichkeit, für das Leben und die Gesundheit des Menschen erkennt. Wissenschaftler, die ohne den Glauben an Gott in Bezug auf die Folgen ihrer wissenschaftlichen Forschung relativistisch eingestellt sind, verlieren ihr Verantwortungsgefühl. Sie entwickeln Technologien, die das Leben des Menschen als Persönlichkeit, die menschliche Familie und gar die ganze Menschheit bedrohen. Am offensichtlichsten sind die Risiken biomedizinischer Verfahren, die aus purem Machbarkeitswahn in die tiefsten Geheimnisse menschlichen Lebens eingreifen. Die sogenannten neuesten „reproduktiven Technologien“ (Gentechnik usw.) verführen die sich immer weiter von Gott entfernende Menschheit auf einen Weg, der globale tragische Folgen haben könnte. So wie legale Abtreibung und Verhütung zu Hunderten Millionen Morden an ungeborenen, aber bereits lebenden Kindern, zu massenhafter Verbreitung von verantwortungslosem Sex, zum Zerfall der Familie und zu demographischen Krisen führten, könnten Leihmutterschaft und Experimente mit dem Menschengenom zu massenhaftem Kinderhandel, zur Verkümmerung des mütterlichen Instinkts, zur Entstehung vieler „Reagenzglasmonstrositäten“ ohne Heimat und Verwandte führen, die ohne Liebe, ohne Glauben und ohne Traditionen gezeugt, geboren und großgezogen und deswegen unfähig sind, zu glauben und zu lieben. „Der Versuch der Menschen, durch eine nach Belieben vorgenommene Änderung und ‚Verbesserung‘ der Schöpfung Gott gleich zu werden, birgt die Gefahr, der Menschheit neue Bürden und neues Leid zu bescheren. Die Entwicklung der biomedizinischen Technologien drängt zusehends jedwede kritische Beurteilung der möglichen geistig-ethischen und sozialen Konsequenzen ihrer unkontrollierten Anwendung an den Rand, was bei der Kirche unweigerlich tiefe pastorale Sorge auslösen muss. Bei der Formulierung ihrer Position hinsichtlich den gegenwärtig weltweit diskutierten Fragen der Bioethik, allen voran denjenigen, die mit einer konkreten Einwirkung auf den Menschen verbunden sind, geht die Kirche von der auf der Göttlichen Offenbarung beruhenden Vorstellung vom Leben als einer unschätzbaren Gabe Gottes aus; ebenso geht sie von der unaufhebbaren Freiheit sowie gottebenbildlichen Würde der menschlichen Person aus.“[1] Bei der Betrachtung dieser Probleme gab es immer die Frage (die sich heute noch dringlicher stellt) nach dem Verhältnis zwischen Glauben und wissenschaftlicher Erkenntnis, und ob gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit zwischen Kirche und wissenschaftlicher Welt prinzipiell möglich ist. Die in der Epoche der Aufklärung wurzelnde Überzeugung, dass religiöse und naturwissenschaftliche Weltanschauung einander entgegengesetzt seien, wurde zu einem Vehikel der Verdrängung des christlichen Glaubens und der Sittlichkeit aus dem Leben der christlichen Völker. In Wirklichkeit ist diese Gegenüberstellung falsch. Ihr Erfolg gründet auf Desinformation und Unwissenheit der Irregeführten. Deshalb ist es allgemeine Tagesaufgabe, die Vorstellung über einen „Widerspruch zwischen Wissenschaft und Religion“ zu überwinden, wie sie sich im Bewusstsein der Menschen im Laufe vieler Jahrhunderte der Herrschaft des staatlichen Atheismus festsetzte.

 

2. Einstellung der Kirche zur Wissenschaft am Anfang der christlichen Ära und in der Neuzeit

Die größten Lehrer der christlichen Kirche hielten sich in vielerlei Hinsicht für Schüler der großen griechischen Denker. Sie, die sich für Wissenschaft  interessierten, entwickelten selbst Ideen, von denen einige für jene Epoche völlig unerwartet waren. Zum Beispiel sagte Basilios der Große, dass das Licht vor der Entstehung der Gestirne existieren kann,[2] und der Selige Augustinus äußerte Gedanken über die Entstehung der Zeit mitsamt dem Universum.[3] Oft ergänzten und berichtigten die Werke christlicher Autoren die antike Naturphilosophie. Das christliche Gymnasium, das in der Zeit des Heiligen Patriarchen Photios in Konstantinopel errichtet wurde, diente als Vorbild für europäische Universitäten, die später zu Zitadellen der neuen Wissenschaft  wurden. Im Laufe von etwa anderthalbtausend Jahren bildete sich in Europa die große europäische Zivilisation, entwickelte sich die unübertreffliche geisteswissenschaftliche Kultur und das christliche geistliche Erbe, das danach strebt, eine menschliche Sicht auf die ewigen Werte zu lenken. Gleichzeitig erschienen die antiken naturphilosophischen Errungenschaften damals als ausreichend, und naturwissenschaftliche Forschung war viel weniger aktuell als der Kampf für die Reinheit der christlichen Welt und für den Sieg der christlichen Staatlichkeit. Der große westliche Scholastiker Thomas von Aquin legte die christliche Theologie noch in der Sprache der aristotelischen Metaphysik dar. Doch war die Epoche der Scholastik der Übergang zu einer rasanten Entwicklung der Naturwissenschaft in der Neuzeit, die im Kontext der christlichen Kultur möglich wurde.

Die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts beginnt im Hintergrund der grandiosen religiösen Krise, der Reformationskriege und Schismata. In der modernen atheistischen Umgebung wird gewöhnlich angenommen, die ersten Wissenschaftler –  Galilei, Descartes, Newton u. a. – hätten im Kampf gegen die kirchliche Lehre die epochale Umorientierung der intellektuellen und spirituellen Suche von der ideell-göttlichen hin zur materiellen Welt erschaffen. Deshalb sei die moderne Wissenschaft im Prinzip atheistisch, und die materialistische Weltanschauung sei Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnis, auch wenn dies den Wissenschaftlern zuweilen selbst nicht bewusst sei. In Wirklichkeit entsprangen die ersten Schritte der Wissenschaft der Neuzeit der Auseinandersetzung der wissenschaftlichen Ideen von Galilei, Descartes und ihrer Nachfolger mit den Sätzen der aristotelischen Physik, und nicht etwa mit der christlichen Lehre, die ihrer Überzeugung nach der Wissenschaft keineswegs widersprach. Als aufrichtiger Christ fand Galilei in den Gedanken der frühen Kirchenväter die Grundlagen für seine wissenschaftlichen Ideen. Der Heilige Augustinus sprach von den mathematischen Grundlagen der Welt und erinnerte daran, dass es „eine Stelle der Schrift gibt, an der steht, dass Gott alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ habe (Weisheit 11,21)[4], und dass es „die Zahl ohne Zahl gibt, nach der alles gebildet wird“.[5] Galilei, von dem das Bild von den „zwei Büchern“ – das Buch der göttlichen Offenbarung und das Buch der göttlichen Schöpfung – stammt, folgte Augustinus, indem er behauptete, dass „das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist“. Es gibt zahlreiche Beispiele für die zutiefst christliche Einstellung großer Wissenschaftler zu ihrer wissenschaftlichen Forschung. Andererseits werden sich kaum Beispiele finden, dass Wissenschaftler dieser Periode die Wissenschaft dem christlichen Glauben entgegengestellt hätten. Ist es also statthaft, zu behaupten, in der Epoche der Aufklärung habe es einen Konflikt zwischen religiöser Weltanschauung und wissenschaftlicher Herangehensweise gegeben, zwischen Kirche und wissenschaftlicher Gemeinschaft, die für die Freiheit der wissenschaftlichen Suche und für die Autonomie der naturwissenschaftlichen Kenntnisse kämpfte? Offensichtlich müsste eine gewissenhafte Studie diese Frage mit „Nein“ beantworten. Doch müssen wir die eigentliche Naturwissenschaft und ihre wahren Schöpfer von den gesellschaftlich-politischen Bestrebungen aller möglichen „Aufklärer“, „Enzyklopädisten“, Reformisten, Revolutionäre und anderer Freiheitsliebhaber und  Freidenker unterscheiden, die immer bereit sind, gegen die existierende Ordnung, die Regierung und die Kirche mit allen möglichen Mitteln zu kämpfen. In ihrem unaufhaltbaren Streben nach „Fortschritt“ wollen sie alles verändern, alles revidieren und die existierenden Institutionen (die sicherlich ihre Mängel haben) für allen Sünden und Desaster verantwortlich erklären. Die dadurch entstehende Destabilisierung des gesellschaftlichen, nationalen und staatlichen Lebens löst Selbstschutzreaktionen sowohl seitens der Kirche als auch des Staates aus. Wenn die „Freidenker“ sich als Wissenschaftler gerieren und versuchen, wissenschaftliche Errungenschaften im Kampf gegen die Kirche oder gar gegen die Religion einzusetzen, ist eine Gegenwirkung seitens der kirchlichen Instanzen nur natürlich. Aber eigentlich hat all das zur Frage über die Gegensätzlichkeit von Glauben und Vernunft, von Religion und Wissenschaft  keinen direkten Bezug. Sicherlich kann auch ein Wissenschaftler Atheist sein, und im 20. Jahrhundert gab es viele solche. Aber auch dieser traurige Umstand ist kein ausreichender Beweis für die These, dass Wissenschaft und religiöser Glaube in ihrem Wesen einander entgegengesetzt seien.

Was die angebliche Verfolgung der Wissenschaft im 16./17. Jahrhundert durch die Kirche betrifft, führen Atheisten immer nur die Beispiele Giordano Bruno und Galileo Galilei an. Doch diese Beispiele sind wenig geeignet. Giordano Bruno war ein dominikanischer Mönch, der das Mönchsgelübde brach. Er begann nicht nur, die christliche Lehre zu verneinen, sondern auch Okkultismus zu predigen und sich mit Magie zu beschäftigen. In seinen Vorlesungen hatte er unter anderem naturphilosophische Hypothesen und Phantasien entwickelt, die mit dem kopernikanischen Modell zusammenhingen, aber wie seine okkulten Traktate keinen wissenschaftlichen Wert hatten. Etwas später erlebte Galileo Galilei, damals schon ein berühmter Wissenschaftler, die Zurückdrängung für die Unterstützung des kopernikanischen Systems. Er wurde gezwungen, „Buße zu tun“, und ins Exil geschickt.  In dieser Zeit führte die Trennung der westlich-christlichen Welt, die durch die offensichtliche Unvollkommenheit der Christen selbst und ihrer kirchlichen Institutionen ausgelöst worden war, zu politischen Leidenschaften, Kriegen, Neuaufteilungen der Staatsgebiete und vor allem zum Verlust der Einheit in Christo, eine der Haupteigenschaften der Kirche. Die Orthodoxen hätten sagen können: „All das geschah, weil die westlichen Christen sich von der Orthodoxen Ostkirche getrennt hatten.“ Doch später musste auch die Russische Kirche das altritualistische Schisma erleben. Damals stürzte die alte christliche Welt, die 1.500 Jahre überdauert hatte, nieder. Die religiösen Unstimmigkeiten wurden sofort zur Waffe politischer Kräfte, Könige, Bischöfe und aller möglichen Führer verschiedener menschlicher Gemeinden, die die Möglichkeit erkannten und nutzten, auf dem Kamm der Religionskriege auf der Leiter der irdischen Macht und des Ruhms noch höher zu steigen. Der eben erwähnte Giordano Bruno, der mit seinen okkulten Vorlesungen durch Europa reiste, nutzte das kopernikanische heliozentrische Modell nicht um der Wissenschaft willen, sondern als Propaganda seiner unchristlichen Ansichten. Ähnlich handelten die Protestanten. In dieser Situation kam es zu dem bedauerlichen Fall Galilei, da die konterreformatorische Politik des Römischen Stuhls das heliozentrische Modell des Kopernikus mit reformatorischen Bestrebungen assoziierte. Das kann aber nicht als direkte Verfolgung der Wissenschaft bezeichnet werden, insbesondere wenn wir berücksichtigen, dass seine wissenschaftlichen Errungenschaften Galilei nicht nur großen Ruhm und Respekt in der Gesellschaft, sondern auch in der Umgebung der kirchlichen und säkularen Vertreter der Regierung eingebracht hatten.

Vergleichen wir die beschriebenen Episoden mit der wirklichen Verfolgung von gläubigen Wissenschaftlern durch Atheisten und gegen Gott kämpfenden Regierungen, ist es einfach, den Unterschied zu sehen und die Natur dieser Konflikte zu verstehen. E rinnern wir nur an das Schicksal des Gründers der Moskauer mathematischen Schule Dmitri Jegorow, der unter den atheistischen Sowjets wegen seines Glaubens im Gefängniskrankenhaus ums Leben kam, und an Nikolai Lusin, der durch Atheisten buchstäblich zu Tode gehetzt wurde; an Nikolai Wawilow, der verhaftet und in der Haft zu Tode gebracht wurde, und viele andere Wissenschaftler, die von den Bolschewiki verfolgt wurden, oder an das Verbot der Relativitätstheorie in Nazideutschland und in der Sowjetunion, an die Erklärung von Genetik und Kybernetik als „bürgerliche Pseudowissenschaften“ im sowjetischen „Kurzen philosophischen Wörterbuch“ usw. Es sollte zwischen dem ständigen Streben verschiedener politischer Kräfte, die Wissenschaft auszunutzen bzw. zu unterdrücken und dabei von den eigenen beschränkten Ideen und Interessen auszu8gehen, und der Frage nach der Natur des Verhältnisses zwischen Wissenschaft  und Glauben unterschieden werden.

 

3. Kausalität und Naturgesetze

Modernen Wissenschaftlern, die nicht an Gott glauben, gelingt es nicht, viele für die Existenz der Wissenschaft  notwendige Voraussetzungen zu fundieren – etwa eine Theorie über die kausale Verbindung von Erscheinungen und die Existenz der Naturgesetze. Einer der größten theoretischen Physiker des 20. Jahrhunderts, Richard   Feynman, schreibt: „Warum lässt uns die Natur anhand von Beobachtungen an einem ihrer Teile erraten, was überall geschieht? Dies ist sicherlich keine wissenschaftliche Frage, und ich weiß nicht, wie sie richtig zu beantworten wäre.“[6] Nur der Glaube an die göttliche Herkunft der Naturgesetze gibt die Antwort auf diese Frage. Für die religiöse Weltanschauung gibt es nichts verwunderliches daran, dass Gott, welcher der Welt seine Gesetze gab, in Einzelfällen auch gegen diese agieren bzw. sie korrigieren kann. Für einen Menschen, der an Gott glaubt, sind Wunder eine markante Illustration der ständigen Präsenz der göttlichen schöpferischen Energie in dieser Welt.

Der Glaube an Gott – als Urheber alles Seienden – macht die Welt vernünftig und denkbar. Die materielle Welt erweist sich dabei gegenüber der spirituellen Welt als sekundär. Der Wille Gottes als Person, die von IHM ausgehende Energie erschafft die materielle, „körperliche“ Welt, bewegt sie, gibt ihr die Existenzgesetze, gebiert das Leben und macht sie so lebendig. Jede Wirkung Gottes hat ihre Ursache in IHM selbst und wird von einem geistig-spirituell blinden Menschen, der gewöhnt ist, kausale Verbindungen nur in seiner materiellen Umgebung wahrzunehmen,  als Wunder angesehen.

 

4. Bibel und Wissenschaft

Das Buch Genesis, das etwa tausend Jahre vor der Geburt Christi zusammengefasst wurde, beschreibt die Entstehung der Welt „nach den Tagen der Schöpfung“ in der Reihenfolge, die im Allgemeinen mit den Schlussfolgerungen der modernen Wissenschaft übereinstimmt.

Nichtsdestoweniger glauben viele, dass die biblische Erzählung über die Erschaffung der Welt modernen naturwissenschaftlichen Theorien widerspräche. Die wenigen Seiten, die vor dreitausend Jahren von der Erschaffung der Welt berichteten, verwendeten freilich eine andere Sprache, als es Kosmologie, Geologie, Archäologie, Paläologie und Biologie des 20. und 21. Jahrhunderts tun. Die Sprache der Naturwissenschaften verlangt nach Stringenz und Genauigkeit. Aber je genauer und wissenschaftlicher Sprache ist, desto kurzlebiger ist sie und desto enger der Kreis der sie verstehenden Menschen – im Gegensatz zur Bildsprache. Erinnern wir uns ihrer: „Baum des Lebens“, „ Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, „seine Früchte, lieblich anzusehen“; die sprechende Schlange, die „listiger als alles Getier des Felde war“; usw. Diese Bilder bleiben jahrtausendelang für ganz unterschiedliche Menschen verständlich. Sogar bei der Beschreibung von historischen Geschehnissen zielt die Bibel hauptsächlich auf die Wiedervereinigung des Menschen mit Gott. Ihr Hauptgegenstand ist die geistig-spirituelle Welt. Und je tiefer wir in die innere geistig-spirituelle Welt einzudringen versuchen, desto schwerer fällt es uns, sie zu beschreiben und diese Beschreibung zu formalisieren. Während die Naturwissenschaften Forschungserkenntnisse sammeln und systematisieren, verallgemeinert das religiöse Wissen die Erfahrung des Lebens der Menschen in der spirituellen Welt. Deshalb kann die Sprache der biblischen Erzählung nicht die Sprache der Naturwissenschaften sein. Die Heilige Schrift beansprucht auch nicht die Exaktheit einer naturwissenschaftlichen Beschreibung.

Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt die wissenschaftliche Sprache unangefochten durchgesetzt. Der Heilige Erleuchter Lukas (Woino-Jassenezki) schreibt, auf die Grundlosigkeit dieser all-umfassenden Autorität der Wissenschaft in Angelegenheiten des Glaubens und des religiösen Wissens hinweisend: „In diesem Falle ist unsere Leichtgläubigkeit erstaunlich, die wir ironischerweise auf dem Gebiet der Wissenschaft zeigen, so wie auch unsere leichte Beeinflussbarkeit. Häufig steht es nicht in unseren Kräften, das Joch einer fremden Meinung und die Macht dieser besonderen Suggestion, die ich als Hypnose der wissenschaftlichen Terminologie bezeichnen möchte, abzuwerfen.“[7]

Das richtige Verständnis der Heiligen Schrift erschließt sich am besten in der patristischen Tradition der Suche nach dem inneren, verborgenen spirituellen Sinn des Geschriebenen. Es schießt sicherlich nicht die vorsichtige Nebeneinanderstellung der Heiligen Schrift und der historischen Wissenschaft aus, die auch gute Traditionen ist. Zum Beispiel behindert die Nebeneinanderstellung der Geschehnisse, von denen im Neuen Testament erzählt wird, und der historischen Angaben keinesfalls die geistig-spirituelle Erkenntnis des Evangeliums und der apostolischen Sendschreiben.

 

5. Glaube und Verstand

Ohne eine mögliche Definition des Glaubens, der Religion und der Wissenschaft  diskutieren zu wollen, sollte hier angemerkt werden, dass die moderne Erkenntnistheorie Glauben und Verstand kategorial nicht einander gegenüberstellt. Das liegt daran, dass Glaube vernünftig sein kann und nicht sinnlos sein muss. Andererseits wird eine intellektuelle Tätigkeit des Menschen immer auf Postulaten aufgebaut, die auf gutem Glauben, apriorischen Begriffen, Urteilen und  Prämissen beruhen, die der Erfahrung, Religion und Kultur entstammen. Nie würde die moderne Wissenschaft über eine ihrer Theorien, die im Laufe der Geschichte einander ersetzten, behaupten, sie sei absolut wahr.

Die christliche religiöse Lehre wird hauptsächlich als dogmatische Theologie formuliert. Dies sind die logische Besinnung und die systematische Einordnung der religiösen Erfahrung, deren Quelle die Offenbarung ist. Ein klassisches Experiment ist hier unmöglich, da eine religiöse Erfahrung die Wahrnehmung des obersten spirituellen und rationellen Daseins ist. Diese gehört zu einer anderen Realität und öffnet sich nach dem Willen Gottes, nicht nach dem des Menschen. Aber in jeder Wissenschaft (sei es Natur- oder Geisteswissenschaft) entsteht jede neue Idee oder Lösung eines Problems im Verstand des Menschen auch als Offenbarung. Wir sprechen nicht von „Entdeckungen“, da die Natur des Vorgangs jeder Erkenntnis bzw. Einsicht grundsätzlich die Offenbarung ist. Die Wahrheit über das Dasein Gottes, die als Offenbarung erhalten wurde, hat die Würde eines Dogmas und wird in gutem Glauben angenommen. Sie wird in erneuten Offenbarungen bestätigt, ist aber keiner wissenschaftlich-experimentellen Prüfung zugänglich, wie sie jede naturwissenschaftliche Theorie bestehen muss. Hier gibt es eine gewisse Ähnlichkeit mit der Geschichte und anderen Geisteswissenschaften, in denen wissenschaftliche Experimente nur sehr begrenzt möglich sind.

In den Naturwissenschaften experimentiert der Wissenschaftler auf seiner Suche nach der Wahrheit mit offenem Ausgang. Aber das im Experiment erhalten Ergebnis verpflichtet ihn notwendigerweise zu einer Schlussfolgerung. In der Religion wird die sich entdeckende Wahrheit als Dogma wahrgenommen; die Wahrnehmung oder Ablehnung dieser Offenbarung geschieht aber ebenso mit offenem Ausgang. Die Unmöglichkeit der Anwendung einer naturwissenschaftlichen Methode und experimentellen Prüfung ist keine ausreichende Grundlage, um die spirituelle Realität als nicht-existierend zu ignorieren und die Erforschung der religiösen Erfahrung für unwissenschaftlich zu halten. Die theologische Wissenschaft, die die religiöse Erfahrung studiert und systematisiert, beschreibt das geistig-spirituelle Leben des Menschen. Die Geisteswissenschaft studiert das Leben des Menschen in seiner irdischen Geschichte. Naturwissenschaften und Mathematik studieren die Welt der Natur und der Materie. Es gibt keine rationalen Gründe, um das religiöse Wissen pauschal für unglaubwürdig oder als Wissen zweiter Klasse zu erklären. Es wäre ja auch unzulässig, der Geschichte die Würde der Wissenschaft deswegen abzusprechen, weil ihre Methoden sich von naturwissenschaftlichen Methoden unterscheiden. Ebenso unpassend wäre es, die Philosophie nicht für eine Wissenschaft zu halten, da ihre spekulativen Konstruktionen weder eine strenge experimentelle Prüfung zulassen noch die Wirklichkeit in ihrer Fülle beschreiben. Die Theologie, welche die sich dem Menschen öffnende spirituelle Welt erforscht, hat ihren Gegenstand und ihre Methoden. Sie kann den Naturwissenschaften, deren Objekt die materielle Welt ist, nicht entgegengesetzt werden. Dabei ist eine Nebeneinanderstellung und gegenseitige Befruchtung wissenschaftlicher Erkenntnisse und theologischer Ansichten nicht nur möglich, sondern auch erwünscht, denn sie würde zu einer Erweiterung des Blickfeldes und gegenseitiger Bereicherung führen.

Trotz der zunehmenden Propaganda für atheistische Ideen seit der Epoche der Revolutionen und der sogenannten Aufklärung bewahrte sich die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler bis Anfang des 19. Jahrhunderts (und die großen Naturwissenschaftler auch danach) eine religiöse Weltanschauung. Galileo Galilei, Blaise Pascal, René Descartes, Robert Boyle, Pierre de  Fermat, Isaac Newton, Karl Leibnitz, Carl von Linné, Michael Lomonossow, Michael Faraday, Charles-Augustin de Coulomb, Allessandro Volta, Georg Ohm, James Maxwell, Gregor Mendel, Augustin Louis Cauchy, Leonhard Euler, Carl Friedrich Gauß, Jean Cuvier, Hans Christian Ørsted, André-Marie Ampère, Louis Pasteur, Nikolai Lobatschewski, George Stokes, Thomas Edison, Osborne Reynolds, Antoine Becquerel, Max Planck, Arthur Compton, Nikolai Schukowski,  Jegorow, Lusin, James Jeans, Iwan Pawlow, Joseph Thomson, Robert Millikan, Erwin Schrödinger, Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Alfred Kastler, Pascual Jordan, Edwin  Conklin, Iwan Petrowski, Nikolai Bogoljubow, Fred Hoyle, Boris Rauschenbach und viele andere berühmte Naturwissenschaftler waren gläubige Menschen.

René Descartes: „In einem gewissen Sinne können wir sagen, dass es ohne Gott zu kennen unmöglich ist, eine glaubwürdige Erkenntnis über irgendetwas zu gewinnen.“ Francis Bacon, englischer Philosoph und Propagandist der neuen Wissenschaft: „Oberflächliche Philosophie neigt den menschlichen Verstand zur Gottlosigkeit, während die Tiefen der Philosophie ihn zur Religion hinwendet.“[8] Louis Pasteur: „Eine kleine Menge von Kenntnissen entfernt von Gott, große Kenntnisse bringen uns ihm näher.“ George   Stokes, englischer Physiker und Mathematiker des 19. Jahrhunderts : „Ich kenne keine vernünftigen Schlussfolgerungen der Wissenschaft, die der christlichen Religion widersprechen könnten.“ Josef Thomson, Nobelpreisträger: „die Wissenschaft ist kein Feind, sondern eine Helferin der Religion“, und ein anderer Nobelpreisträger, Robert Millikan: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein wahrer Atheist Wissenschaftler sein könnte.“ Max Planck, einer der Gründer der Quantenmechanik: „zwischen Religion und Naturwissenschaft finden wir nirgends einen Widerspruch, wohl aber gerade in den entscheidenden Punkten volle Übereinstimmung. Religion und Naturwissenschaft schließen sich nicht aus (…) sondern sie ergänzen und bedingen einander“[9]. Paul Sabatier, ein französischer Chemiker und Nobelpreisträger : „ Naturwissenschaften und Religion werden nur von Menschen gegeneinander gestellt, die sich in beiden Bereichen schlecht auskennen. “ Semjon Frank, ein ausgezeichneter Philosoph des 20. Jahrhunderts: „Zwischen der Wissenschaft im wahren Sinne, deren Aufgabe das einerseits große, aber zugleich auch bescheidene Werk der Erforschung der Ordnung der Verhältnisse in den Naturerscheinungen ist, und der Religion als Verhältnis des Menschen zu den übernatürlichen obersten Kräften gibt es keinen Widerspruch, und es kann ihn auch nicht geben.“[10]

Im 17. und 18. Jahrhundert begann die Säkularisierung des gesellschaftlichen Bewusstseins. Ein wesentlicher Teil der kulturellen und intellektuellen Elite, die den Glauben an Gott (fast) schon verloren hatte, trat für die Befreiung von religiösen Dogmen und vom klerikalen Einfluss auf die gesellschaftliche und staatliche Ordnung ein. Die junge, sich rasant entwickelnde Wissenschaft war eine schöne Waffe für die „freiheitsliebende“ und kleingläubige Gemeinschaft, die eine Art Prototyp der russischen liberalen Intelligenzija war. Nicht die Wissenschaft geriet mit der Religion in Konflikt, sondern der Unglaube, der sich für einen gelehrten Verfechter der Wissenschaft hielt, kämpfte gegen den Glauben. Wäre es anders gewesen, hätten wir Dutzende großer Wissenschaftler auflisten könnten, die den religiösen Glauben mithilfe wissenschaftlicher Argumente entlarvt hätten. In Wirklichkeit lassen sich aber nur einzelne Wissenschaftler der damaligen Zeit als Atheisten bezeichnen, und diese waren in Bezug auf Angelegenheiten des Glaubens nicht militant, sondern eher gleichgültig.

Im 20. Jahrhundert wurde die Naturwissenschaft immer mehr in den Dienst technischer Anwendungen zu kommerziellen, militärischen und politischen Zwecken gestellt. Experimente und die dafür notwendige Ausrüstung wurden immer kostspieliger, was die Wissenschaftler und die wissenschaftliche Forschung in immer stärkere ökonomische Abhängigkeit brachte. Naturwissenschaftler werden durch die rasante Entwicklung der angewandten Wissenschaft immer häufiger zu reinen Technologen. Sie befassen sich immer weniger mit den fundamentalen Geheimnissen des Weltgebäudes. Aber der Glaube an die Sinnhaftigkeit der Welt, der fundamentalen apriorischen Prämissen und der Wissenschaft selbst ist sicherlich eine notwendige, wenn auch häufig unbewusste Grundlage jeder wissenschaftlichen (und auch jeder anderen) Tätigkeit des Menschen. Sie ist nicht nur Wissenschaftlern, sondern nahezu allen Menschen zu eigen. Aber obwohl viele mit diesem unbewussten Glauben leben, denken sie dennoch nicht an Gott und halten die moderne Wissenschaft für atheistisch.

 

6. Atheismus als eine seltsame Pseudoreligion

Also steht nicht die Wissenschaft der Religion entgegen, sondern der sich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen parasitierende Atheismus, der nie die „wissenschaftliche Weltanschauung“ war, als die er sich ausgab. Es gab nie irgendwelche Beweise oder Experimente, die die Hauptthese der Atheisten bestätigen, dass es weder Gott noch die spirituelle Welt gebe und alles „Spirituelle“ und „Seelische“ lediglich als Ableitung, als „Überbau“ über der einzigen wahrhaft existierenden Wirklichkeit existiere. Was aber die axiomatischen Prämissen betrifft, die keinesfalls aus der Erfahrung stammen, sondern rein theoretisch und von gutem Glauben angenommen sind, so schreibt der Atheismus Eigenschaften des einsichtsvollen Gottes wie Ewigkeit, Unanfänglichkeit, Unaufhörlichkeit, Allgegenwärtigkeit, Selbstbewegtheit usw. der unlebendigen und einsichtslosen Materie zu, ohne zu bemerken, dass er sie dadurch faktisch vergöttlicht. Dabei kann der Atheismus der Materie keine Definition geben, die einfachster Kritik standhalten könnte, und entpuppt sich somit als eine seltsame Pseudoreligion. Für Vernunft, Güte, Schöpfung und Liebe gibt es in diesem Modell der Welt keine logisch notwendigen Vorbedingungen. In welcher Weise könnte aus der seelen- und einsichtslosen Materie das Leben entstehen, das zu Selbstentwicklung, Selbstbewusstsein, einsichtsvoller schöpferischer Tätigkeit und der Geburt von Seinesgleichen fähig ist? Das kann kein Atheist erklären oder wenigstens eine annähernd wissenschaftliche Hypothese dazu bilden. Es erübrigt sich zu sagen, dass es dem Atheismus nicht gelingt, den Sinn der Existenz der Welt, der Erde und noch weniger die des Menschen zu fundieren, und er also das Leben selbst in einen Widerspruch zur Sinnlosigkeit jegliches Daseins und zur Grundlosigkeit aller sittlicher Kategorien, Anregungen und Kriterien setzt.

Die bewegende Kraft der atheistischen Weltanschauung ist meist der Wunsch, sich von religiösen Imperativen, die zu Verantwortung verpflichten, zu befreien. Im Atheismus ist es aber grundsätzlich unmöglich, den Begriff „Freiheit“ einzuführen, wenn die Überzeugung, dass in der Welt kausale Verbindungen existieren, erhalten bleibt. Freiheit ist eine rein geistig-spirituelle Eigenschaft der einsichtsvollen schöpferischen Persönlichkeit, die über einen eigenen Willen verfügt und der spirituellen Welt angehört. Deshalb verkündeten fast alle Atheisten mehr als hundert Jahre lang den mechanistischen „Laplace’schen Determinismus“, der die Freiheit der Persönlichkeit ausschließt. Obwohl eine derartige atheistische Weltanschauung durchaus paradoxal ist, sind es meist Atheisten, die vor alle anderen für Freiheit, Gerechtigkeit und eine „bessere Zukunft“ kämpfen, Revolutionen anzetteln und Gesetze abschaffen, als wollten sie aus der von ihnen verkündeten ebenso sinn- wie hoffnungslosen „kausalen Hölle“ herausspringen.

Verzichten wir auf das allgemeine Kausalitätsgesetz, wie es die Positivisten versuchten[11], geraten wir unvermeidlich in eine Hölle, die nicht weniger erschreckend ist, in einem kompletten Chaos, in dem alles zufällig wäre und es weder Verbindungen noch Logik noch den geringsten Sinn gebe. Aber die „Vermutung, dass das Leben durch einen Zufall entstanden sei, gleicht der Vermutung, dass ein vollwertiges Wörterbuch als Folge einer Explosion in einer Druckerei entstünde“, schreibt der amerikanische Biologe Edwin  Conklin. Zum Glück bezeugt das Leben selbst die Absurdität dieser Hypothese, während die Folgen der Leugnung Gottes als Verlust aller sittlichen Grundlagen sowie der daraus resultierenden katastrophalen Degeneration der Persönlichkeit und ganzer Völker für sich sprechen.

 

7. IGNORABIMUS[12]

Die Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert scheinbar verblüffende Ergebnisse in der Erklärung des Weltbaus erreichte, Naturgesetze entdeckte und geniale mathematische Gleichungen formulierte, erwies sich, durch eine Ironie des Schicksals und trotz den Überzeugungen der meisten ihrer Gründer, als unfähig, den Atheisten entgegenzutreten, die dreist auf ihre Fahnen geschrieben hatten: „Die Wissenschaft hat bewiesen, dass es keinen Gott gibt!“ Das Ende des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts waren eine Zeit, in der es für einen durchschnittlich gebildeten Menschen schwierig war, seinen Glauben an Gott zu bewahren, da ihn die kirchenfeindliche pseudowissenschaftliche Öffentlichkeit sonst als Reaktionär, Konservativen, Zurückgebliebenen oder gar als „Lakaien des Pfaffentums“ gebrandmarkt hätte. Die in Russland entstandene beachtlich breite Schicht unadeliger und freidenkender Intelligenzija war durch die Ideen der Revolution und der atheistischen, angeblich „wissenschaftlichen“ Weltanschauung hypnotisiert. Die jahrhundertealten Grundfesten des volkstümlichen und staatlichen religiösen Lebens wurden unter Verweis auf die Wissenschaft verleugnet.

Jedoch zeigten die revolutionären Veränderungen, die in der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts mit der Entwicklung der speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie einhergingen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse weder die unbestrittene Autorität wissenschaftlicher Theorien zu sichern vermögen noch die Wissenschaft generell zur obersten Instanz der absoluten Wahrheit erheben können. Das aus der allgemeinen Relativitätstheorie folgende,  kosmologisch „geschlossene“ Modell eines begrenzten Universums, das mitsamt der Zeit entstanden sei, widersprach der seit der Zeit der Universalgelehrten etablierten Ansicht über die Ewigkeit von Materie und die Unbegrenztheit des Raums drastisch. Die Quantenmechanik führte zu einer noch tieferen Revision der Begriffe, welche die Wissenschaft  des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelt hatte.

Heisenberg, einer der Begründer der Quantenphysik, entdeckte in den 1930er Jahren die Unschärferelation , eine Folge des Korpuskel-Wellen-Dualismus. Niels Bohr, einer der Väter der Quantenmechanik, formulierte auf dieser Grundlage das Komplementaritätsprinzip. Angesichts der Zweckmäßigkeit der Anwendung dieser beiden Prinzipien in verschiedenen Wissenschaften und in unterschiedlichen Bereichen des menschlichen Lebens wurden diese Prinzipien bald im philosophischen Sinne verallgemeinert. Die prinzipiell unaufhebbare Koexistenz der dialektisch einander widersprechenden und sich gegenseitig ergänzenden Vorgehensweisen in der Beschreibung der erschaffenen Welt (mitsamt der für den menschlichen Verstand unüberwindbaren Unbestimmtheit in der Tiefe der elementaren Grundlagen des Daseins der Materie) führte zu dem Schluss, es sei unmöglich, ontologische Fragen der Weltordnung mithilfe naturwissenschaftlicher Verfahren zu lösen.

Den letzten Schlag gegen die von den Atheisten verkündete angeblich absolute Autorität der Wissenschaft führte das Theorem von Kurt Gödel über die Unvollständigkeit axiomatischer Systeme, das in den 1930er Jahren bewiesen wurde. Daraus folgt die prinzipielle Unmöglichkeit, die Unwidersprüchlichkeit eines angenommenen Axiomensystems ohne die Heranziehung eines äußeren, umfassenderen Systems zu beweisen[13], d.h., die prinzipielle Unbeweisbarkeit der absoluten Wahrhaftigkeit jeder wissenschaftlicher Theorie.

Aufgrund dieser Entdeckungen formulierte die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts den Satz von der begrenzten Anwendbarkeit der grundlegendsten naturwissenschaftlichen Gesetze. Er besagt, dass wissenschaftliche Weltbilder niemals absolute Wahrhaftigkeit und Vollständigkeit beanspruchen können.

Laut der Schlussfolgerung Heisenbergs zeigte die Entwicklung der Quantenphysik, dass die existierenden wissenschaftlichen Begriffe nur zu einem sehr begrenzten Gebiet der Realität passen, während ein anderes Gebiet, das noch nicht erkannt ist, unendlich bleibt. „Unsere Haltung gegenüber solchen allgemeinen Begriffen wie Geist, Seele, Leben, Gott muss verschieden vi n jener des 19. Jahrhunderts sein, da diese Begriffe eben zur natürlichen Sprache gehören und deshalb mit der Wirklichkeit unmittelbar verbunden sind.“[14] Ein anderer theoretischer Physiker des 20. Jahrhunderts, Max Born, der an der Entwicklung der Hauptprinzipien und -methoden der Quantenmechanik mitwirkte, schrieb, dass die Wissenschaft die Frage über Gott völlig offen ließ und hat kein Recht hat, davon zu urteilen.“

Eine der größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ist also die Überzeugung, dass der menschliche Verstand und folglich die Wissenschaft keinerlei Gründe zur Ablehnung Gottes und der religiösen Welterkenntnis haben.[15]

 



[2] Василий Великий, свт . Беседы на шестоднев, 6.

[3] Августин блаж.  О граде Божием. М., 2000. С. 520.

[4] Августин, блаж. О книге Бытия. Киев, 1912. IV, 3.

[5] Августин, блаж. О книге Бытия Киев, 1912. IV, 4.

[6] Фейнман Р.  Характер физических законов. М., 1987. С. 158.

[7]  Святитель Лука, архиепископ Симферопольский и Крымский.  Наука и религия.//Избранные творения. М. 2010. с.675

[8] Бэкон Ф. Сочинения: В 2 т. Т. 2. М., 1972. С. 386.

[9] Планк М . Религия и естествознание // Вопросы философии. №8. 1990. С. 35.

[10] Франк С.Л.  Религия и наука. «Жизнь с Богом», Брюссель, 1953.

[11] Франк Ф. Философия науки. М. 1960

[12] Lat.: „Wir werden (es) nicht wissen“
Vgl. dazu: Emil du Bois-Reymond:  Über die Grenzen des Naturerkennens , 1872, in: Emil du Bois-Reymond:  Vorträge über Philosophie und Gesellschaft , Hamburg: Meiner 1974

[13] Diese Behauptung zerstörte die Hoffnungen von David Hilbert, einem großen Mathematiker der damaligen Zeit, die Widerspruchsfreiheit der Hauptzweige der modernen Mathematik zu beweisen. In seinem Beweis verwendete Gödel den von Hilbert entwickelten mathematischen Apparat, um sein Ziel zu erreichen.

[14] В. Гейзенберг. Физика и философия. М., Наука, 1989. С.126–127.

[15] Der Bericht ist veröffentlicht in: Воробьев В., прот.,Щелкачев А., свящ. Вера и естественно-научное знание // Вестник Православного Свято-Тихоновского гуманитарного университета. Серия 1. №2(40). Москва. 2012. С.7-18.

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