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Goldener Fonds

Zum 30. Todestag von Mönchpriester Seraphim (Rose), dem bekannten orthodoxen Missionar und Katechist. Teil 2

12. September 2012
Fortsetzung des Artikels von Erzpriester Dimitry Predein über Persönlichkeit und Werke von Mönchpriester Seraphim (Rose), einem bekannten orthodoxen geistlichen Vorkämpfer im 20. Jahrhundert. Der erste Teil des Artikels beschäftigte sich mit der Analyse des Lebenswegs von Vater Seraphim. Nun setzen wir uns mit seiner Weltanschauung auseinander.

DIE WELTANSCHAUUNG VON MÖNCHPRIESTER SERAPHIM (ROSE)

Einflüsse von René Guénon

Bevor wir zur unmittelbaren Analyse der Weltanschauung von Mönchpriester Seraphim (Rose) übergehen, halten wir es für angebracht, auf die Quellen einzugehen. Bereits in der Biografie von Vater Seraphim erwähnten wir seine breite geisteswissenschaftliche Ausbildung und Belesenheit. Während wir seine Werke behandelten, gingen wir auf die verschiedenen und vielseitigen Literaturquellen ein, die er bei deren Niederschrift verwendete. Doch ist es wichtiger, in dieser außergewöhnlichen Vielfalt von theologischen, hagiographischen, philosophischen, historischen, esoterischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen jene zu ermitteln, die als Basis zum Bau seiner Weltanschauung gedient hatten.

Hier kommen wir wieder zu der mächtigen mystischen, Wirkung, welche die metaphysischen Konzepte René Guénons auf Vater Seraphim nahmen. Ein Vergleich zwischen beiden Werken zeigt, dass Guénon durch seine fast übernatürliche Kenntnisse über orientalische Kulturen, seine Fähigkeit zu kühnen weltanschaulichen Verallgemeinerungen und seine Ernsthaftigkeit bei der Beschäftigung mit essentiellen Themen den zukünftigen „amerikanischen Erleuchter des russischen Volkes“ buchstäblich hypnotisierte. Einige der Einstellungen Guénons hatte sich Eugene Rose in seiner Jugend so fest angeeignet, dass sie zu grundlegenden Formen seines Denkens wurden, die weder Kritik noch Revision oblagen. Was sind dies aber für Einstellungen?

1. Elitarismus: Wie bereits erwähnt, war Guénons Elitarismus durchaus raffiniert. Unter anderem schreibt er: „ Es ist völlig undenkbar, dass diese Elite irgendwie anders als intellektuell oder, von mir aus, spirituell wäre. Für uns sind diese zwei Wörter sogar gleichbedeutend, und zwar ab da, wo wir völlig darauf verzichteten, wahre Intellektualität mit ‘Rationalität‘ zu vermischen.“[1] Weiter schreibt er: „… die Elite, so wie wir sie verstehen, ist ein Ensemble jener, welche über die für die Weihe notwendige Qualifikation verfügen und unter den Menschen immer in der Minderheit sind“.[2]

In den Büchern vom Vater Seraphim stoßen wir oft auf Ausdrücke wie „der aufgeklärte und selbstbewusste orthodoxe Christ kann berechtigterweise eine Frage stellen“[3] oder auch „Seine Exzellenz Ignatius ist ein guter Vermittler, mit dessen Hilfe orthodoxe Intellektuelle die Wege zurück zur wahren orthodoxen Überlieferung finden können“[4] usw. Damit richten sich die Hauptwerke von Vater Seraphim, sozial gesehen, an die Elite der orthodoxen Gesellschaft, also an Intellektuelle, die ins kirchliche Leben integriert sind oder sich gerade erst integrieren.

Der Gerechtigkeit halber sei gesagt, dass der Elitarismus von Vater Seraphim sich bereits hier von dem Guénons unterscheidet.[5] In seinen späteren Werken gibt es Aussagen, die darauf schließen lassen, dass er in den letzten Jahren seines Lebens seinen Elitarismus sogar gänzlich überwunden hatte: „Dieser großartige Mensch [Archimandrit Konstantin (Zaitsev)] hat uns verlassen. Uns, den Orthodoxen, die unseren schwierigen Weg im Dunkeln der Apostasie der letzten Zeiten weitergehen, blieb sein intellektuelles und spirituelles Erbe. Für orthodoxe Amerikaner ist es entscheidend, dass Einer von uns es wahrnimmt und an die Anderen weitergibt, da es nicht nur für eine wie auch immer geartete ‘intellektuelle Elite‘ bestimmt ist.“[6]

2. Traditionalismus: Wie wir wissen, war Guénon derjenige, der Rose half, den Synkretismus im Sinne von Alan Watts zu überwinden, da er ihm die Abgeschiedenheit der Wattsschen Lehre von der wahren Tradition zeigte. Doch während in Bezug auf Watts, der mit seinem Populismus nicht hinter dem Berg gehalten hatte, alles klar vor Augen steht, bleibt uns noch zu klären, wie  diese Tradition von Guénon und weiterhin von Rose verstanden wurde. Guénon schreibt: „Die traditionellen Formen können mit Wegen, die zu demselben Ziel führen, verglichen werden, doch sind sie als Wege unterschiedlich. Mehreren Wegen zugleich können wir offensichtlich nicht folgen, und wenn wir einem von ihnen zustreben, müssen wir ihm bis zum Ende folgen, ohne abzuweichen, denn der Wunsch, von einem Weg auf einen anderen überzugehen, wäre in Wirklichkeit das beste Mittel, um nicht fortzuschreiten, damit wir uns nicht völlig verlaufen. Nur wer es bis zum Ziel geschafft hat, beherrscht alle Wege, denn er braucht ihnen nicht mehr zu folgen. Er kann, wenn es nötig wird, alle Formen ohne Unterschied praktizieren, eben weil er sie durchschritten hat und sie für ihn seither in ihrem allgemeinen Prinzip vereint sind. Generell würde er sich wohl an eine Form halten, die äußerlich bestimmt ist; aber diese würde nur als ’Leitbild‘ für seine Umgebung dienen, die seine Stufe noch nicht erreicht hat.“[7]

Erstaunlicherweise ist die oben zitierte Aussage Guénon von einer Haltung geprägt, die im modernen Christentum gemeinhin „Ökumenismus“ genannt wird. Doch scheint sich Vater Seraphim, der in seinem Buch „Orthodoxie und die Religion der Zukunft“ den Ökumenismus zu den Symptomen für die Ankunft des Antichrists zählt, in diesem Kontext am Ökumenismus nicht zu stören.

3. Kritik des Protestantimus:  Guénon konnte, obwohl er eigentlich dem Christentum gegenüber wohlwollend eingestellt war[8], mit dem Protestantismus nicht viel anfangen und übte ausführlich Kritik.

Unter anderem schrieb er: „Der Protestantismus ist darin unlogisch, dass er sich bemüht, die Religion zu ‘humanisieren‘, dabei aber, zumindest in der Theorie, das übermenschliche Element der Offenbarung beibehält. Er wagt es nicht, in seiner Negation bis zum Ende zu gehen; und indem er diese Offenbarung allen Diskussionen, die eine Folge rein menschlicher Interpretationen sind, voranstellt, zerstört er sie in Wirklichkeit vollständig. Wenn wir Menschen sehen, die sich eifrig‚ Christen‘ nennen, aber nicht einmal die Göttlichkeit Christi anerkennen, könnten wir zu dem Schluss kommen, dass sie, auch wenn sie es eventuell nicht vermuten, viel näher zur vollen Negation als zum wahren Christentum stehen. (…) Der Aufstand gegen den traditionellen Geist kann, einmal begonnen, nicht auf halbem Wege stehenbleiben.“[9]

Von diesem Standpunkt aus wird auch klar, wieso Vater Seraphim das Bild Christi in der Lehre des Lao-tse, der zwar vor Christus gelebt hatte, aber an der Tradition teilhatte, „näher und reiner“ erkennt als bei den Protestanten, die an Christus glauben, aber die Verbindung zur Tradition verloren haben.[10]

4. Kritik des Evolutionismus: Für René Guénon war der Evolutionismus ein Aberglaube der modernen westlichen Wissenschaft, die ihre traditionellen Grundlagen aus den Augen verloren hatte. „Der analytische Charakter der modernen Wissenschaft hat zu einer ins Unendliche wachsenden Zahl von Berufen und Fachrichtungen geführt, was nicht einmal Auguste Comte außer Acht lassen konnte. Diese Spezialisierung, von einigen Soziologen als ‚Arbeitsteilung‘ gepriesen, ist wahrscheinlich das beste Mittel, jene ‚intellektuelle Kurzsichtigkeit‘ zu erwerben, die anscheinend Teil der Qualifikation ist, wie sie von einem echten ‘Wissenschaftler‘ verlangt wird, und ohne die ‘echte Wissenschaft‘ nicht zustandekommen kann. Deshalb legen solche ‚Spezialisten‘, sobald sie sich jenseits ihres Fachgebietes bewegen, meist unglaubliche Naivität an den Tag, und nichts leichter als ihnen irgend etwas zu suggerieren. Dann haben noch die albernsten Theorien Erfolg, solange sie ‘wissenschaftlich‘ daherkommen. Die willkürlichsten Hypothesen, wie beispielsweise die Evolutionstheorie, sehen dann wie ein ‚Gesetz‘ aus und gelten als bewiesen.“[11].Vater Seraphim hielt die Evolutionstheorie nicht nur für willkürlich, sondern auch für den christlichen Glauben abträglich. Auf die Entlarvung dieser Hypothese verwandte er viel Zeit und Kraft, wobei der EinflussGuénons bis hinein in den Sprachstil spürbar ist, wie wir später noch sehen werden. 

5. Eschatologismus: In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts trat Guénon, damals „Bischof“ einer sogenannten „Gnostischen Kirche“, in die freimaurerische „Loge der Theben“ ein, französischer Ableger eines uralten schottischen Ritus. Dort „erhielt er  Zugang zu bestimmten Informationen über das, wasGuénon später als ‘Kontrainitiation‘ – die geheime Tätigkeit teuflischer Kräfte, die die Menschheit in das Reich des Antichristen führen sollen – bezeichnete“.[12] Seitdem und bis an sein Lebensende war das Thema „Endzeit und Weltende“ in den Werken Guénons zentral: „Wir treten in eine Zeit ein, in der es besonders schwer sein wird, den Weizen von der Spreu zu sondern und zu verwirklichen, was Theologen die ‚Unterscheidung der Geister‘ nennen – in eine Zeit chaotischer Erscheinungen, die sich verstärken und vermehren.“[13] Die Apokalypse infolge des Bruches mit der Tradition schien Guénon unvermeidlich zu sein. „Das wird eben der Grund sein, weswegen die moderne Zivilisation auf diese oder jene Weise unterliegen wird, ob als Folge der Spaltung zwischen sozialen Klassen im Abendland oder, wie Manche vermuten, als Folge eines Angriffs aus dem Morgenland, oder auch als Folge eines durch den ‚wissenschaftlichen Fortschritt‘ auftretenden Katastrophe. In jedem Fall ist die westliche Welt in Gefahr, durch eigene Fehler und deren Folgen.“[14] Guénon, der seine Mission in der Wiederherstellung westlicher Traditionen durch die intellektuellen Eliten sah, schrieb: „ auch wenn es schon zu spät sein sollte, um die Katastrophe zu vermeiden, wird der Versuch nicht nutzlos sein“.[15]

Bekanntlich schrieb Vater Seraphim auch viel sowohl über den Antichristen als auch über die Schwierigkeiten der „Unterscheidung zwischen den Geistern“, sowie auch, dass   „es jetzt schon später ist, als wir denken“. Bemerkenswert ist, dass - wie auch bei Guénon -  die intensiven eschatologischen Erwartungen Vater Seraphim weder emotional aufwühlten[16] noch Energie und Effizienz seiner Arbeit beeinträchtigten.

 

Problem des Eklektizismus

Nachdem wir den erheblichen Einfluss René Guénons auf das Werk von Vater Seraphim erläutert haben, ergibt sich die Notwendigkeit, uns mit dem für beide wesentlichen Problem der Eklektik[17] vertraut zu machen. Der Eklektizismus in der Weltanschauung von Mönchpriester Seraphim (Rose) ist ein Vorwurf, der schon früher laut wurde und dies vermutlich auch in Zukunft tun wird, da der Boden dafür mehr als ausreichend bestellt ist. Ein traditionelles Muster, das sich in Biografien von Vater Seraphim wiederholt, zeigt uns das Bild einer spirituellen Suche, die mit einem ernsthaften Studium der orientalischen Religionen einhergeht und nach deren Verwurf beim orthodoxen Christentum anlangt. So wird suggeriert, dass seine Interessen an orientalischen Religionen irgendwann nachgelassen hätten. Wie vermuten aber aus guten Gründen, dass alles etwas komplizierter war. Bei seinem Biographen MönchspriesterDamascene (Christensen) finden wir den konkreten Hinweis, dass Eugene Rose für sich einst im Taoismus bereits die Wahrheit entdeckt hatte, die er später in ihrer ganzen Fülle im Christentum gefunden habe, was uns dazu zwingt, das Thema der orientalischen Einflüsse ernst zu nehmen. Bei der aufmerksamen Lektüre des Buches „Orthodoxie und die Religion der Zukunft“ stellt sich diese Frage besonders scharf.[18]

Anhänger von Vater Seraphim, etwa sein Schüler Mönchspriester Damascene (Christensen), verwahren sich konsequent  gegen den Vorwurf des Synkretismus. Im Vorwort zu seinem Buch „Christ the Eternal Tao“ [„Christus das ewige Tao“] schreibt Vater Damascene ausdrücklich: „Vater Seraphim (Rose) glaubte fest daran, dass Lao-tse, wenn er zu Zeiten Jesu Christi gelebt hätte und IHM begegnet wäre, IHM nachgefolgt wäre, da er in IHM die Göttliche Person des Taos erkannt hätte, deren Schimmer er in der geschaffenen Welt wahrgenommen hatte. Wenn ein moderner suchender Christ Lao-tse liest, spürt er die spirituelle Nähe Christi(…). Für solche spirituelle Sucher ist dieses unscharfe, aber reine Bild Christi näher als das farbenprächtige, aber von der Wahrheit weit entfernte Bild, dem sie in der modernen christlichen Welt begegnen“[19], und auch weiter: „In der Einführung geht es darum, dass dieses Werk kein religiöser Synkretismus ist. Das christliche Herangehen an vorchristliche Religionen und philosophische Lehren war nie synkretisch, noch war es exklusiv.

Bereits vor der Ankunft Christi gab es das Wissen über Gott, und der Heilige Geist wirkte in den Auserwählten Gottes. So war vom Sündenfall bis zur Fleischwerdung Christi. Nach der Ankunft Christi änderte sich alles. Erkennst du die Wahrheit Christi, kannst du dich weder zu einer Religion bekennen, die nur ein schwacher Schatten ist, noch seine ewige Wahrheit durch eine Lüge ersetzen, so wie es Mohammed tat. Deshalb macht es keinen Sinn, ein ‚christlicher Taoist‘ zu sein oder sich zum ‚christlichen Zen‘ oder zu ‚christlicher Yoga‘ zu bekennen, denn die Fülle der Wahrheit ist in Christum erschienen, und wir feiern bereits den 2000. Jahrestag der Tradition spiritueller Erfahrung. Vater Seraphim (Rose) glaubte, dass die vorchristlichen Philosophien lediglich Vorboten und Bezeugungen des Evangeliums waren, nicht aber spirituelles Tun. Folgen wir diesen Religionen, begehen wir spirituelle Unzucht, indem wir unseren ewigen Bräutigam Christus verraten… Halten wir die anderen Religionen nicht für Vorboten der Wahrheit, sondern für die Wahrheit selbst, werden wir zwischen Wahrheit  und Lüge nicht mehr unterscheiden können. In diese Netze geriet Thomas Merton, der in den letzten Jahren seines Lebens die Messe zelebrierte und ‚die Initiation in der tantrischen Sekte Nyingmapa annahm‘.“[20]

Allerdings sind die Kritiker Vater Seraphims mit diesen Erklärungen nicht zufrieden. Ihre Argumentation lautet strikt: „Es scheint, dass Seraphim (Rose) sich davor fürchtete, sich selbst einzugestehen, dass der Orient ihn bezaubert hatte, und das Thema der orientalischen Versuchungen mied, da er in ihnen sein eigenes inneres Problem sah und sie unüberwindbare Versuchung blieben. Folglich bemühte sich Rose weniger um Warnungen vor den Gefahren, die sich in dem Christentum fremden Lehren verbergen, sondern versuchte eher, seine eigene Faszination zu überwinden, indem er immer wieder betonte, dass ‚all das‘ die Seele umbringe. Im Ergebnis leistete er statt einer Analyse der wahrlich verführerischen und für Christen inakzeptablen Glaubensbekenntnisse und ihrer fundierten Ablehnung eine ‚Selbstbeschwörung‘. Da Rose versuchte, auch andere Erscheinungen des spirituellen Lebens zu betrachten, die nicht unbedingt orientalische Wurzeln hatten, wurde sein Buch weniger eine Darlegung seines Standpunkts, als eher eine Ansammlung von Fakten und Pseudofakten nach dem Prinzip  ‚alles auf einen Haufen‘.“[21]

Liest man das Kapitel „Zen-Ausbildung in North California“ im Buch „Orthodoxie und die Religion der Zukunft“, ertappt man sich bei dem Gedanken, dass der Autor in seinen Sympathien  nicht ganz klar ist. Als Vater Seraphim ein buddhistisches Kloster auf dem Berg Shasta in der USA beschreibt, lobt er anfangs die Buddhisten für die gute Organisation des Klosters: „Zen-Kloster gab es in den Großstädten der Westküste, wo Japaner lebten, lange vor 1970; es gab auch Versuche, in Kalifornien Klöster einzurichten, doch ist die ‚Shasta-Abtei‘, wie sie genannt wird, das erste erfolgreich eingerichtete amerikanische Kloster… Das Ambiente der Shasta-Abtei ist sehr geordnet und aktiv… Es fällt auf, dass jeder weiß, was er zu tun hat, und man spürt deutlich die allgemeine Seriosität und Vertiefung“.[22] Nachdem er mit Respekt verzeichnet hat, dass das Leben buddhistischer Mönche „äußerst intensiv und ausgefüllt ist“[23], weist er darauf hin, dass „die Ursache solches Gedeihens des Klosters, geschweige die natürliche Attraktivität des Zen-Buddhismus für diese Generation, der von Rationalismus und rein formeller Ausbildung genug hat, ist anscheinend der Mystizismus ‚der wahren Weitergabe‘ der Zen-Ausbildung und  -Tradition, da die Äbtissin ihre Ausbildung und Weihe in Japan erhielt.“[24] 

Bereits darin ist der Keim der Lehre von  René Guénon[25] zu sehen, die bei Vater Seraphim unterschwellige Sympathien weckte. Es findet sich jedoch auch ein echtes Bekenntnis: „Besprechungen ‚spiritueller‘ Angelegenheiten durch junge Zen-‚Geistliche‘ (…) ähneln in Ernsthaftigkeit und Ausbildungsniveau erstaunlicherweise sehr den Diskussionen zwischen jungen orthodoxen Laien und Mönchen. Den intellektuellen Ausrichtungen und Ansichten nach scheinen diese jungen Buddhisten vielen unseren orthodoxen Gläubigen sehr ähnlich zu sein. Heute könnte ein junger orthodoxer Christ wohl sagen: ‚Das ist der Ort, an dem ich gerne geblieben wäre, wenn nicht die Gnade Gottes wäre‘ – so überzeugend aufrichtig nehmen sich die spirituellen Ansichten in diesem Zen-Kloster aus.“[26]

Allerdings besann sich Vater Seraphim später plötzlich, dass die Zen-Religion (so steht es zumindest in seinem Buch) die Ankunft des Antichrists näher bringen würde. Deshalb der notwendige entlarvende Berichtigungsvermerk über dieses Zen-Kloster: dort fände sich „fast alles, was ein junger religiöser Suchender unserer Tage sich wünschen kann – außer, wie sich von selbst versteht, Christum den wahren Gott, und das ewige Heil, das nur ER gewähren kann“[27]. Jetzt scheint es alles auf seinen Platz gestellt zu sein; doch kann es den unangenehmen Beigeschmack einer gewissen wagen Sehnsucht angesichts der Nostalgie des Autors hinsichtlich des Buddhismus nicht vertreiben. Hierzu fällt - warum auch immer - einem Teil der Pastoraltheologie ein, dass der geistliche Vater die Büßer während der Beichte vor einer allzu ausführlichen Beschreibung ihrer Sünden warnen soll, damit die Erinnerung an sie in der Seele nicht die alten sündhaften Gefühle erregen.[28]

Die erfolgreiche Adaptation des Zen auf amerikanischem Boden war auch der Anlass für Vater Seraphims bei weitem umstrittenste Prophezeiung: „Diese Religion ist nicht einfach irgendein Kult oder eine Sekte, sondern eine kräftige und zutiefst religiöse Bewegung und für den Verstand und das Herz des modernen Menschen absolut überzeugend.“[29] Es entsteht der Eindruck, dass Vater Seraphim hier die Farben etwas dick aufträgt und diese „absolut überzeugende“ virtuelle „Religion der Zukunft“ eine Frucht seiner Phantasie ist.[30] Jedenfalls erwähnt der Apostel Johannes weder eine „absolut überzeugende“ inhaltliche Seite der „Religion“ des Antichtists, noch (erst recht nicht) irgendwelche „zutiefst“ spirituelle Erlebnisse, die mit dessen Anbetung einhergingen.[31]

Mönchpriester Seraphim (Rose), dieser in seinen Gaben herausragende Mensch, der während seiner 44 Jahre solch einen verwinkelten und doch aufrichtigen Weg der spirituellen Suche ging, riesige Mengen verschiedenartiger Informationen verschlang, riesige Mengen verschiedenartiger Informationen verschlang und Einflüssen unterschiedlichster Ideen unterlag sowie eine immense katechetische und missionarische Arbeit leistete, nicht die Zeit (und eventuell auch den Wunsch und die Kraft) hatte, sich vollkommen über sich selbst klar zu werden. Die Persönlichkeit von Vater Seraphim, einem wahren orthodoxen geistlichen Vorkämpfer, verfügte über einen gewaltigen natürlichen Charme. Doch hindert uns dies nicht an unserer Feststellung, dass es ihm nie gelang, seine Erkenntnisse und theoretischen Konstrukte in eine organische ganzheitliche Einheit und in Übereinstimmung mit der von ihm erkannten Wahrheit, welche Christus ist, und dem wirklichen Leben zu bringen. 

 

Kampf gegen den Evolutionismus

Der Kampf gegen den Evolutionismus war viele Jahre hindurch einer der Schwerpunkte von Mönchpriester Seraphims theologischer Tätigkeit. Wir erwähnt sind deren Ergebnisse in dem Sammelband «Бытие: сотворение мира и первые ветхозаветные люди. Христианское православное ведение» (М.: Паломник, 2009)[32] zusammengefasst.  Zugleich führt uns die aufmerksame Analyse dieser Ausgabe aber zu dem Schluss, dass Vater Seraphim nach seiner langen Auseinandersetzung mit den Evolutionisten, in der er viele feine Fallen, Inkonsistenzen, Konventionalitäten und  Unstimmigkeiten des Evolutionismus entlarvt hatte, allmählich von der Kritik am Evolutionismus an sich abkam und der positiven Aufdeckung der patristischen Sicht auf die Weltschöpfung. mehr Aufmerksamkeit schenkte.

Seine Stellung zu dieser Frage wird am besten durch seine eigenen Worte ausgedrückt: „der fehlende streng wissenschaftliche Beweis für die Evolutionstheorie bedeutet, dass diese Fragen grundsätzlich nicht wissenschaftlich zu beantworten, sondern vom Glauben abzuleiten sind. Zugleich vermeidet man die Sackgasse, zu versuchen, die Evolution zu ‚widerlegen‘: mithilfe der Wissenschaft kann sie weder bewiesen noch widerlegt werden; dieses Problem gehört eben nicht zur Wissenschaft, sondern zu einer anderen Kategorie“.[33] Und: „wenn es wahr wäre, dass die moderne Wissenschaft in der Lage wäre, auf wenigstens zwei Stellen der Genesis Licht zu werfen– denn es lohnt sich nicht zu bestreiten, dass in manchen Bereichen der Wahrheit dieser zwei Sphären teilweise übereinstimmen – dann, glaube ich, wäre die Tatsache nicht weniger wahr, dass das patristische Verständnis der Genesis die modernen Wissenschaft zu erhellen vermöchte, etwa wie die jene die Urgeschichte der Erde und der Menschheit betreffenden Fakten der Geologie, der Paläontologie und anderer Wissenschaften zu verstehen sind. Diese Wechselwirkung kann in beide Richtungen fruchtbar sein.“[34]

Besonders interessant ist die Kritik, die Vater Seraphim an den evolutionistische Ansichten von Pierre Teilhard de Chardin, einem französischem Paläontologen und katholischen Priester des Jesuitenordens (1881-1955) übte. Diesen Denker erwählte Vater Seraphim zu Recht zum Hauptziel seiner Kritik, da Teilhard de Chardin sich nicht nur der Evolutionstheorie „bediente“, wie viele Wissenschaftler dies aus Gewohnheit oder Trägheit zu tun pflegen, sondern sich regelrecht dazu bekannte : “Was ist die Evolution – eine Theorie, ein System, eine Hypothese? Nein, sie ist etwas viel Größeres als all das – sie ist die Hauptbedingung, der sich ab jetzt alle Theorien, Hypothesen und Systeme unterordnen müssen, wenn sie rational und wahr sein möchten; das Licht, das alle Fakten beleuchtet, die Kurve, in der alle Linien sich zusammenschließen müssen – das ist die Evolution.“[35]

In seiner Analyse der Werke von Teilhard de Chardin hebt Vater Seraphim nicht die Entlarvung seiner fragwürdigen paläontologischen Entdeckungen hervor, deren Bedeutung in der modernen Wissenschaft ohnehin bestritten wird, sondern auf den häretischen Inhalt seiner szientistischen Weltanschauung. Diese erregte sogar bei der  Leitung des Jesuitenordens begründeterweise Anstoß. Während Vater Seraphim sich mit mal wissenschaftlichen, mal philosophischen, mal mystischen und mal poetischen Erörterungen Teilhard de Chardins auseinandersetzt, kommt Vater er zu dem gnadenlosen Schluss: „Zweifellos wandte er sich von allen Ideen des Christentums, die vor ihm bekannt waren, ab. Das Christentum hörte bei ihm auf, das persönliche Heil der Seele zu sein, und wurde zur globalen Evolution der Menschheit nach den Gesetzen natürlicher Prozesse in Richtung des Omegapunktes.“[36]

In der modernen russischen Theologie fand der Kampf von Vater Seraphim  gegen den Evolutionismus nicht nur Anhänger[37], sondern auch Gegner[38].  Opponenten aus dem Lager der „orthodoxen Evolutionisten“ wagen es dabei nicht, seinen Standpunkt direkt als falsch zu bezeichnen[39], sondern bezichtigen ihn, wie etwa Dr. Kalomiros[40], wissenschaftlicher Inkompetenz[41]. Allerdings würde kaum jemand ernsthaft bestreiten, dass die Anhänger von Vater Seraphim sehr viel zahlreicher sind als seine Gegner. Wie stark die Bewegung gegen den Evolutionismus bzw. zum Schutz des Kreationismus in der Russischen Orthodoxen Kirche heute ist, zeigt die Tätigkeit des Missionarischen Erleuchtungszentrums „Hexaemeron“[42], insbesondere der von ihm jährlich veröffentlichte Sammelband „Orthodoxe Besinnung auf die Weltschöpfung und moderne Wissenschaft“[43], in dem seriöse und umfangreiche Berichte eines breiten Kreises von Wissenschaftlern, Theologen und Philosophen behandelt werden.

Eine Vertiefung in das komplizierte Thema der Auseinandersetzung zwischen Kreationisten und Evolutionisten würde uns vom Hauptziel unserer Arbeit wegführen. Wir möchten hier aber noch Erzpriester Artemij Wladimirow zitieren, der die Tätigkeit, die Vater Seraphim in diesem Bereich geleistet hatte, wie auch die Ursachen dessen, warum in unserer Kirche solch ein Phänomen wie „orthodoxer Evolutionismus“ entstanden ist, wie folgt charakterisierte: „Meiner Meinung nach lässt die Struktur der Orthodoxen Religion keinen Platz für Evolutionsideen. Ich bin kein Experte in Biologie oder Archäologie, doch das Wichtigste ist für mich nun einmal die Erschaffung des Menschen. Ich schäme mich sehr zu gestehen, dass wir manchmal solch seltsamen Vermutungen bzw. Ansichten in von Priestern geschriebenen Artikeln begegnen, dass es „ein Verbindungsglied zwischen Affen und Menschen“ gegeben habe. So etwas ist mit der orthodoxen Weltanschauung unvereinbar. Wir sind Vater Seraphim  für seine Kommentare zur Bibel sehr dankbar. Er berief sich auch auf die Aussagen der Heiligen Väter; diese sprechen also durch Vater Seraphim. Es gibt heute das große Problem, dass viele orthodoxe Professoren und Wissenschaftler, die ihre Ausbildung in sowjetischen Zeiten und an sowjetischen Universitäten erhielten, heute noch diesen Konzepten anhängen. Es zeigt sich, dass es gar nicht so leicht ist, sich von solchen verderblichen Ideen zu befreien.“[44] 

 

Stil der Werke und persönliche Charakterzüge

Durch seine Zugehörigkeit zur modernen amerikanischen Kultur gewinnt die Persönlichkeit von Vater Seraphim (Rose) zweifellos ein besonderes Flair. Dies bezieht sich weniger auf seine Lebensweise eines wahren Skitemönches der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland, sondern vielmehr auf seine Werke, in denen deutlich eine  lebhafte, wenn auch kritische Teilhabe an den Diskursen der amerikanischen geisteswissenschaftlichen Elite zu spüren ist.

Der Stil der Bücher von Mönchpriester Seraphim ist unserer Meinung nach ideal für missionarische Literatur. Er ist einfach, leicht fassbar und dabei ausdrucksstark. Während Vater Damascene (Christensen) glaubte, die Stilistik der Bücher von Vater Seraphim sei weitgehend durch Erzbischof Averky Taushev beeinflusst worden[45], scheint uns, dass der Einfluss von René Guénon stärker war.[46]  Ähnlich wie Guénon zeigt Vater Seraphim in jedem Absatz seine Kompetenz, durch eine ernsthafte Behandlung von Quellen, gewissenhafte Zitierung und ausgewogene Bewertungen[47].

Außerdem hängt die Überzeugungskraft der Ansichten von Vater Seraphim stilistisch mit der geschickten Nutzung einer eigentlich simplen literarischen Methode zusammen: zuerst fügt der Autor bei seiner anscheinend neutralen und konsequenten Darlegung von Fakten in den Text quasi nebenbei Worte ein, die die Rolle bewertender Prädikate spielen. Allmählich und ungezwungen wird der Leser so zu der Schlussfolgerung hingeführt, die am Ende des Kapitels steht und sorgfältig belegt wird.

Es gibt etwas, was unserer Ansicht nach Mönchpriester Seraphim (Rose), den amerikanischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, mit Mönch Kliment (Leontjew), dem russischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts, verbindet. Philosoph Konstantin Leontjew, der in der Sergius-Dreiheitslavra die Mönchsweihe erhielt, war nicht nur von eschatologischen Ahnungen erfüllt (was für Mönche durchaus üblich ist), sondern von einer geradezu zwanghaften Angst[48] vor künftigen Katastrophen.[49] Ähnliches finden wird bei Vater Seraphim die bezeichnenden Worte: „Näherung der angstmachenden 1980er Jahre“.[50]

Es ist nicht ganz klar, wovor Vater Seraphim ausgerechnet in den 1980er Jahren Angst hatte: weder erschien der Antichrist, noch brach der Dritte Weltkrieg aus, noch stieß unser Planet mit einem Kometen zusammen. Es gab zwar die Tschernobyl-Katastrophe, doch war sie für die USA kaum gefährlicher als ein Tsunami in Japan. Dafür wurde der 1000. Jahrestag der Taufe Russland 1988 in der UdSSR gefeiert, als eine Wiederkehr der Russischen Orthodoxen Kirche nach siebzig Jahren  atheistischer Unterdrückung. Seine finsteren Vorahnungen hatten Vater Seraphim, bei dem sich die Psalmworte „ Da überfiel sie ein Schrecken , wo es kein Schrecken gab“ (Ps 14,5) erfüllten, deutlich getrogen.

Eschatologismus war generell eines der Hauptelemente der Weltanschauung von Vater Seraphim. Auf den ersten Blick mag es uns so vorkommen, als ob er sich in dieser Hinsicht in der Tradition der russischen Religionsphilosophie bewegt habe, doch dieser Eindruck täuscht; die Quellen seines Eschatologismus waren andere. Wie bereits erwähnt, hingen sie mit der Lehre René Guénons zusammen. Wenn wir Vater Seraphim mit Leontjew vergleichen, tun wir dies nicht hinsichtlich einer Kontinuität von Ideen, sondern lediglich wegen der Ähnlichkeit eines wenn auch grellen Zuges beider Weltanschauungen. Natürlich wurde diese Prägung durch Guénon von Einflüssen durch den hl. Erleuchter Ignatius Brjantschaninow[51], Erzbischof Feofan von Poltawa[52], den hl. Erleuchter Johannes von San Francisco[53], Erzbischof Averky (Taushev)[54] und Archimandrit Konstantin (Zaitsev)[55] überlagert, deren Sichtweisen auf die alten patristischen Auslegungen der eschatologischen Bibeltexte Vater Seraphim übernahm. 

Neben breiter Belesenheit, analytischem Verstand und der für einen spirituellen Schriftsteller unabdingbaren Neigung zur Reflexion verfügte Vater Seraphim (Rose) über ein wahres Feingefühl für Worte. Sein großes literarisches Talent ist unbestritten. Diese glückliche Kombination mentaler und seelischer Eigenschaften sowie der energische Wille, der phänomenale Fleiß sowie und das Charisma  eines Erleuchters - und zweifellos verspürte Vater Seraphim die Berufung zur  missionarischen Tätigkeit[56] - sind die Ingredienzen für die große Resonanz seiner Werke in der englisch- und vor allem der russischsprachigen Welt.

Die Hauptursache des unglaublichen Erfolges der Werke von Vater Seraphim (Rose) sehen wir aber in seiner besonderen spirituellen Zielstrebigkeit und seinem bedingungslosen Bekenntnis zur Orthodoxie. In seinen Büchern sind Erhabenheit und Adel des Geistes spürbar, voller heißem Enthusiasmus[57] und der Erfüllung, die die Kenntnis der Wahrheit verleiht.[58] Sicherlich können wir heute einzelne Aspekte seiner Weltanschauung kritisieren, Schwachstellen seiner Argumentation aufzeigen und ihm ein unnatürliches Weltbild vorwerfen. Doch wie viele gibt es unter uns Menschen, die bereit wären, so wie er um Christi willen auf die Welt zu verzichten, und zwar nicht in einem gut eingerichteten städtischen Kloster, das alle Funktionen einer Gemeinde ausübt, sondern in einer öden unwirtlichen Wildnis, und sich dort um Christi willen jahrzehntelang in Askese zu üben?

 

Kirchliche Einflüsse und Autoritäten

Unter all den patristischen Einflüssen, die den spirituellen Weg von Mönchpriester Seraphim bestimmten, wollen wir lediglich den Nestor der orthodoxen Askese, den hl. Erleuchter Ignatius (Brjantschaninow) erwähnen. Dieser scheint für Vater Seraphim das größte Vorbild gewesen zu sein, was nicht nur anhand der Verweise, sondern auch im Geist seiner Werke spürbar ist. Über den hl. Erleuchter Ignatius schrieb Vater Seraphim immer voller Verehrung: „Vor kurzem hatten wir solche großen Väter wie Bischof Ignatius (Brjantschaninow) (†1867), einer der klarblickendsten Entlarver der Apostasie und einer der besten Ausleger der Heiligen Schrift. Für uns ist es notwendig, ihre Sprache und ihr Weltbild zu verstehen, denn das ist die Orthodoxie“.[59]  Und auch: „Seine Erkelenz Ignatius, der einerseits ein ‚raffinierter‘ moderner Intellektueller und andererseits ein wahrer und eifriger Sohn der Kirche war, kann als guter Vermittler dienen, mit dessen Hilfe orthodoxe Intellektuelle den  Rückweg zur wahren orthodoxen Überlieferung finden können.“[60]

Es ist kein Zufall, dass die posthume Sammlung der Werke von Vater Seraphim „Darbringung eines orthodoxen Amerikaners“ («Приношение православного американца»; Русский Паломник, 2011) betitelt wurde, angelehnt an die „Darbringung zum modernen Mönchstum“ («Приношение современному монашеству») des hl. Erleuchters Ignatius (Brjantschaninow). Warum empfiehlt wohl Professor Alexei Osipov, der in anderen Hinsichten Vater Seraphim als Katechist ganz unähnlich ist, in die orthodoxen Online-Bibliotheken die Werke von Mönchpriester Seraphim (Rose) aufzunehmen? Das bezeugt ihre Zugehörigkeit zu derselben spirituellen Tradition, die bei Professor Osipov über Hegumen Nikon (Worobjow) und bei Vater Seraphim (Rose) über den hl. Erleuchter Johannes (Maximovich) und die Eheleute Kontsevich auf denselben Ursprung, nämlich die Werke des Erleuchters Ignatius vom Kaukasus zurückgeht. 

Vor dem Hintergrund seiner großen Verehrung des hl. Erleuchter Ignatius ist es umso seltsamer, dass Vater Seraphim zur Überwindung der  alltäglichen Sünden und Leidenschaften, welche eine große Gefahr für die spätere Erlösung darstellen, auf die «Аскетическая проповедь» [„Asketische Predigt“] des Bischofs vom Kaukasus setzte. Letztendlich sind Wollust, Stolz, Zorn, Geiz, Faulheit, Völlerei und Neid keine geringeren Verführungen und Hindernisse auf dem Weg zum Himmel, als Globalisierung, Glaube an Außerirdische, „christliche Yoga“ oder die Philosophie von Berdjajew. Eventuell – und daran möchten wir glauben – schaffte es Vater Seraphim einfach zeitlich nicht, ein Buch zu schreiben, das seine eigenen spirituellen und pastoralen Erfahrungen der letzten Jahre seines Lebens zusammenfasste.

Ganz natürlich und erklärbar ist die Ehrfurcht von Vater Seraphim gegenüber der heiligen und außergewöhnlichen Persönlichkeit Seiner Eminenz Johannes Maximovich, seines geistlichen Vaters und wahren Trägers und Schützers der Heiligen Überlieferung der Kirche. Etwas erstaunlich ist die übertriebene Pietät, die Vater Seraphim den Theologen der konservativen Richtung der ROKA (etwa Erzbischof Averky (Taushev), Erzpriester Michael Pomasansky und Archimandrit Konstantin (Zaitsev)) gegenüber verspürte.[61] Zweifellos hielt er auch diese Jordanville-Theologen für direkte Nachfolger der spirituellen Traditionen der hl. Hierarchen Ignatius (Brjantschaninow) und Theophan dem Klausner. Doch auch wenn wir sein Urteil als gerecht ansehen, war diese Kontinuität keineswegs gleichwertig mit der authentischen Wiedergabe. Die Objektivität verlangt, diesen Unterschied nicht nur in den Maßstäben, sondern auch in der Qualität der theologischen Konstrukte zu erkennen.

Erstaunlicherweise hatte Vater Seraphim, der in anderen Fällen sehr genau war, an den Autoren des konservativen Lagers nichts auszusetzen, obwohl deren Konservatismus ziemlich militant war. Stellenweise scheint es so, als seien für ihn Traditionalismus, Monarchismus und Treue zur antiken Überlieferung Tugenden gewesen, die jeglichen Makel überdecken. Wenn wir uns nicht irren, äußerte sich hier bei Vater Seraphim eine Art Korpsgeist, der in der Kirche üblicherweise zu nichts Gutem führt. Und so lernte Vater Seraphim bei diesen respektierten Lehrern  zwar Vieles, aber leider nicht nur Gutes.

Und ist es nicht der Geist von Archimandrit Konstantin, der durch Vater Seraphim  spricht, wenn er die für einen unvoreingenommenen orthodoxen Christen abwegige Aussage tätigt: „Erzbischof Feofan von Poltawa (19. Februar 1943) ist vermutlich der Begründer der kompromisslosen und traditionellen patristischen Ideologie im 20. Jahrhundert“[62]? Seit wann verwandelt sich die Treue zur Überlieferung der Kirche  in eine Ideologie, die dazu auch noch zu begründen sei?

 

Popularisierung der orthodoxen Heiligen der Westkirche

Eine der wertvollsten Seiten der missionarischen Tätigkeit von Vater Seraphim ist wohl die zielstrebig betriebene Wiederbelebung des Interesses an den orthodoxen Heiligen der Westkirche. Dieses Anliegen übernahm er zweifellos von seinem geistlichen Vater, dem hl. Erleuchter Johannes von San Francisco, der die frühe europäische Hagiographie insbesondere während seines Dienstes in Frankreich aktiv erforschte.[63]

Die Jahrhunderte, in denen die Orthodoxe Kirche getrennt vom römisch-katholischen Westen gewesen war, hatten in den griechischen und russischen Diptycha (Heiligentafeln) das Gedächtnis an die Heiligen ausgelöscht, das vor dem Abfall des päpstlichen lebendig gewesen war. Durch die Werke von Vater Seraphim, der seine französischen Wurzeln nie vergaß, wurden die Namen vieler gallischer Heiliger der ungerechten Vergessenheit entrissen und in der Orthodoxen Kirche sowohl der USA als auch in Russland wieder verehrt. Zu ihnen zählen Gregor von Tours, Faustus von Lérins, Honoratus von Arles, Hilarius von Arles, Eucherius von Lyon, Maxim von Lyon, Caesarius von Arles, Roman,   Lupicin  und Eugen von Jura, Columban von Luxeuil und Hymetière von Condadisco.[64]

Es lässt sich nur bedauern, dass sein Leben so kurz war und er es nicht geschafft hat, die Vitae jener Heiligen Westeuropas, die uns erst heute allmählich und gegen die Widerstände menschlicher Beharrung und historischer Trägheit erreichen, zu kompilieren, zu übersetzen und veröffentlichen zu lassen.[65]

 

Beziehungen zu Protopresbyter Alexander Schmemann

Nach wie vor werden Vater Seraphim seine Strenge und Unversöhnlichkeit in der Auseinandersetzung mit seinen Widersachern vorgeworfen, denen er Sympathien gegenüber Ökumenismus, Liberalismus oder Modernismus vorwarf. Beispielsweise war seine Voreingenommenheit gegenüber der Orthodoxen Kirche in Amerika und besonders gegenüber Protopresbyter Alexander Schmemann[66] allgemein bekannt. Um die dahinterliegenden Motive zu verstehen, müssen wir mehrere objektive und subjektive Ursachen berücksichtigen.

Protopresbyter Alexander Schmemann (1921-1983),  Nachkomme russischer Emigranten  und Vertreter der theologischen Schule von Paris, war Aristokrat und Intellektueller. Seine theologischen Ansichten waren stark von protestantischen[67] und insbesondere römisch-katholischen[68] Autoren geprägt. Wie seinen „Tagebüchern“ zu entnehmen ist, trug er, im Gegenteil zu Vater Seraphim, oft profane Anzüge, ging gerne in amerikanischen Großstädten spazieren, las exzessiv Zeitungen und schaute oft stundenlang fern, vor allem politische Programme und Sport. Seine Lebensweise war also die eines normalen amerikanischen Professors und US-amerikanischen Patrioten.

  In seiner Freizeit las er am liebsten Autobiographien und Tagebücher diverser französischer Autoren im Original. Zu ihnen zählten der Atheist Leautaud, der Protestant und Homosexuelle  André  Gide, der Katholik Mauriac, der Existentialist Sartre usw. Vater Alexander schätzte diese Autoren, so verschieden sie waren, für ihre literarischen Talente und ihre Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, in denen sie, seiner Meinung nach, viele „religiöse Menschen“ in der Orthodoxen Kirche überboten. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass für Vater Seraphim, der alle Verführungen und Vorteile einer Professorenkarriere für immer verworfen hatte, alle Elemente der säkularen Kultur inakzeptabel waren.

Der ausdrucksvollste Text von Vater Seraphim (Rose), der den Zwiespalt mit Vater Alexander (Schmemann) thematisiert, lautet nicht nur hart, sondern entlarvend: „wir müssen zu den Vätern gehen, nicht um ‚mehr über sie zu erfahren‘, sonst sind wir keinesfalls besser als die müßigen Schwätzer aus den toten Akademien dieser untergehenden modernen Welt, auch wenn es ‚orthodoxe‘ Akademien sind, wo ausgebildete Theologen alles, was ‘Heiligkeit‘, ‚Spiritualität‘ und ‚Theosis‘ genannt wird, geschickt definieren und erklären, aber nie etwas erlebt haben, was es ihnen ermöglichen könnte, sich an die Herzen und an die dürstenden Seelen zu wenden und ihnen den Wunsch einprägen, den Weg der Askese zu beschreiten. Sie verfügen nicht über genug Wissen, um zu sehen, wie tief sich die akademischen ‚Theologen‘ irren, die mit einer Zigarette zwischen den Zähnen[69] oder einem Glas Wein in der Hand über Gott sprechen[70]“.[71]

Neben diesem Unterschied im Geist und in der Lebensweise gab es ein beiderseitiges Konfrontationsverhältnis, das sich auf die Jurisdiktion bezog. Hier ein Beispiel davon, wie erniedrigend Vater Alexander Schmemann über die ROKA schrieb: „Heute morgen nach dem Orthros gab es ein Gespräch mit einem neuen Studenten: ein Uniat, der sich ‘mental‘ zur Orthodoxie bereits bekehrt hat, sich aber damit quält, wie er handeln soll, sich über ‘die Seinen‘ Gedanken macht usw. Ich erklärte ihm meine Überzeugung von der Tragik der Unionisten: sie hatten die Orthodoxie verloren, waren aber keine Katholiken geworden. Wie häufig und deshalb falsch ist ihre Umkehr  - gehen sie, zum Beispiel, zu den Karlowitzern, resultiert daraus ein ‚römisch-katholisches Vorgehen mit orthodoxem Ritus‘. In der Orthodoxie suchen sie die Versklavung, die sich im Katholizismus abgeschwächt hat, in welcher der Unionismus schon immer lebte, nämlich die Versklavung durch einen Ritus, die Versklavung durch den Legalismus“.[72]

Vater Seraphim blieb nichts schuldig und schimpfte nicht nur über Schmemann selbst, sondern prophezeite auch der OCA, die von Vater Alexander initiiert worden war, eine traurige Zukunft: „In seinem Herzen ist er immer noch orthodox, doch trachtet sein Verstand bereits nach einer ‚Reform‘ der Amerikanischen Metropolie und der Orthodoxie im Allgemeinen, und den zukünftigen Generationen wird es schwerfallen, die Gefühle zu empfinden, die Schmemann selbst erfahren hatte… Der Gerechtigkeit halber sollte nicht verschwiegen werden, dass er selbst sich wahrscheinlich auch nicht in der Rolle eines ‚Reformisten‘ sieht, aber seine protestantischen Ansichten künftige Generationen, deren Seelen weniger erfahren und vom wahren orthodoxen Leben noch weiter entfernt sind, dazu bewegen werden, ein gottesfeindliches Verdikt zu sprechen.“[73]

Selbstverständlich werden zahlreiche Liebhaber der Werke von Vater Alexander diese harten Zeilen durch den monastischen Radikalismus von Vater Seraphim erklären; doch wir müssen zugeben, dass hier „kein Rauch ohne Feuer“ war. Man kann sich über den Intellekt, die Kultur, die Gelehrtheit und die Feinheit des Gedankens bei Erzpriester Alexander Schmemann begeistern, die in seinen äußerst inhaltsreichen „Tagebüchern“ noch auffälliger sind, aber wenn man dem Charme des Autors widersteht und die Welt seiner Seele objektiv betrachtet, wird man zahlreiche Lücken und Leerstellen entdecken.

Eine bemerkenswerte Beobachtung über die „Unterlassungen“, die Vater Alexander Schmemann in seinen „Tagebüchern“ durchgehen ließ, finden wir bei Erzpriester Andrew Phillips, der ihn persönlich kannte. „Vater Alexander spricht nie über die Heiligkeit oder über die Heiligen[74], nie erwähnt er den hl. Erleuchter Johannes von Shanghai bzw. solche Mönche wie Vater Seraphim (Rose). Mehr noch: er sagt fast nichts Positives über das Mönchstum, sondern äußert sich im Gegenteil oft negativ darüber, in reinem Pariser Stil[75].Er hatte weder Kontakte im Heiligen Land noch auf dem Heiligen Berg Athos, noch in einer der orthodoxen Landeskirchen Westeuropas,  nicht einmal in Russland, das er nie besuchte. Die einzigen Ausnahmen waren seine kurzen Ausflüge zur Serbischen Kirche während des kommunistischen Regimes in Jugoslawien und zu Mönchen der Koptischen Kirche (…) Auch hatte Vater Alexander keine wesentlichen Kontakte in der ROKA, mit Ausnahme nur weniger Gemeinden in Nordamerika. Nie war er in der Kathedrale von San Francisco [76] der Russischen Kirche Im Ausland (…) Mit anderen Worten, er hatte mit der lebendigen Orthodoxie nur wenig Kontakt.“[77]

Die Konfrontation mit den ausgezeichneten Aktivisten der orthodoxen Mission in Amerika war ebenso unvermeidlich wie auch symptomatisch. Jeder hatte in einem gewissen Sinne Recht, aber keiner absolut. Hier stoßen wir wieder auf das Problem, dass es faktisch unmöglich ist, all die wünschenswerten Eigenschaften eines orthodoxen Katechisten in einem Menschen  vereinigt zu finden.

 

Kritik an Georgy Fedotov

Sehr negativ war die Einstellung von Vater Seraphim gegenüber den Werken seines älteren Zeitgenossen[78] Georgy Fedotov. Über diesen russischen Religionsphilosoph schreib er sehr emotional und hart: „Es steht noch aus, den Pseudoerforscher der russischen Heiligkeit und der Heiligen Väter Georgy Fedotov zu entlarven, der sich einbildete, dass der hl. Mönch Sergius ‚der erste russische Heilige war, der Mystiker genannt werden könnte‘ (und damit alle ‚mystischen‘ russischen Väter, die in den ersten vier Jahrhunderten der Russischen Orthodoxie vor dem hl. Mönch Sergius gelebt hatten, unterschlug), sich mit der sinnlosen Suche nach der ‚Originalität in den literarischen Werken‘ des hl. Mönches Nil von Sora beschäftigte (womit er zeigte, dass er nicht einmal den Sinn der Überlieferung in der Orthodoxie verstand), den großen orthodoxen Heiligen Tichon von Sadonsk diffamierte, indem er ihn als ‚eher Sohn des westlichen Barock als Erbfolger der östlichen Spiritualität‘ bezeichnete, und mit großer Mühe und Not versuchte, den hl. Mönch Seraphim von Sarov (der in Wirklichkeit so tief in der patristischen Überlieferung verwurzelt war, dass er von den großen ägyptischen Asketen des Altertums nicht zu unterscheiden ist) als ein ‚ausschließlich russisches Phänomen‘ darstellte, welcher ‚der erste uns bekannte Vertreter des Starzentums in Russland gewesen war‘, ‚dessen Herangehensweise an die Welt in der östlichen Tradition vorher noch nicht dagewesen worden war’, und der ‚Vorläufer einer neuen Art der Spiritualität gewesen war, die nach dem einfachen asketischen Mönchstum aufscheinen muss‘“.[79] Es lohnt sich, jede dieser Anschuldigungen im Einzelnen zu überprüfen, da eine Analyse der Kritik an solch einem bedeutenden und eigenständigen Schriftsteller wie Fedotov uns vieles über Vater Seraphim selbst erzählen kann.

Dem hl. Mönch Sergius von Radonesch hatte Georgy Fedotov das 8. Kapitel seines Buches «Святые Древней Руси» [„Die Heiligen Altrusslands“] gewidmet[80].

Unter anderem schreibt er dort: „Die ‚Einfachheit ohne Buntheit’, die Sergius prägte, ist die Vorbereitung für eine mystische Tiefe, worüber sein Biograph kraftlos hinweggeht, die aber von  in Russland noch nie dagewesenen Visionen spricht. Die altrussischen Heiligen hatten eher Visionen von dunklen Kräften gehabt, die auch den hl. Mönch Sergius nicht verschonten. Sergius war aber der Einzige, mit dem die himmlischen Kräfte sprachen – in der Sprache des Feuers und des Lichtes.“[81] Und weiter: „Vereinigen wir diese Visionen mit der Anziehung, die für den hl. Mönch Sergius von der Einsamkeit ausgegangen war und die, bei fehlender asketischer Strenge, nur durch die Neigung seines Verstandes zur Kontemplation zu erklären ist, erinnern wir uns daran, dass sein ganzes Legen der All-Heiligen Dreiheit gewidmet war, wobei die All-Heilige Dreiheit für das an Theologen arme Russland weder vor Sergius noch nach ihm ein Gegenstand der Spekulation war – und wir kommen notwendigerweise zu der Vermutung, dass wir im hl. Mönch Sergius den ersten russischen Heiligen vorfinden, den wir, im orthodoxen Sinne dieses Wortes, als Mystiker bezeichnen können, mit einem besonderen, mystischen spirituellen Leben, das sich in der Tugend der Liebe, Askese und dem unablässigen Gebet nicht erschöpft. Die Geheimnisse seines spirituellen Lebens bleiben für uns verborgen. Seine Visionen sind nur Zeichen, die das Unbekannte vertreten. Doch ist es im Lichte dieser Visionen wohl erlaubt, die Verwandtschaft des spirituellen Lebens des hl. Mönches Sergius mit der mystischen Bewegung im orthodoxen Osten, dessen Zeitgenosse er war, aufzuzeigen. Es war dies die bekannte Bewegung von Hesychasten, Praktiker des „geistigen Tuns“ bzw. des Herzensgebets, das Mitte des 14. Jahrhunderts mit dem hl. Gregor vom Sinai herkam. Der Sinait hatte die neue mystische Schule von Kreta auf den Athos mitgebracht, und von dort hatte sie sich weit über die griechische und südslawische Welt verbreitet. Der hl. Gregor Palamas, der Patriarch Euthymios von Tarnowo und mehrere Patriarchen von Konstantinopel waren ihre Anhänger. Theologisch wurde diese mystische Praxis mit der Lehre über das Taborlicht und die göttlichen Energien verbunden.“[82]

Fedotovs Argumente, um den hl. Mönch Sergius als ersten russischen Mystiker zu etablieren, sind also wie folgt:

1) Er hatte himmlische Visionen (inklusive einer Erscheinung der All-Heiligen Theotokos), die vor ihm kein russischer Heiliger hatte.

2) Er wählte das Leben in der Einöde, ohne strenger Asket zu sein (weder trug er Eisenketten, noch vergrub er sich im Boden, noch schlief er im Stehen usw.), da er von der Liebe zur Kontemplation bewegt worden war.[83]

3) Er widmete seine Einsiedelei (und sein ganzes Leben seit dem Säuglingsalter) der All-Heiligen Dreiheit, obwohl die Heilige Dreiheit damals in Russland „kein Gegenstand der Spekulation“ war.

4) Er praktizierte „das Jesusgebet des Herzens“ und war Teil der Hesychasmusbewegung, die in Byzanz des 14. Jahrhunderts aufblühte.

Allerdings ist keines dieser Argumente unumstritten; das letzte ist wohl das fundierteste. Das Problem ist, dass Fedotov selbst nicht ganz davon überzeugt war. So schreibt er nach Aufzählung der indirekten Beweise dafür, dass der hl. Mönch Sergius mit dem Hesychasmus vertraut gewesen war: „ all das bedeutet noch nicht einen direkten Einfluss Griechenlands auf die Religiosität des hl. Mönches Sergius (…) Seine eigene mystische Erfahrung, die für uns nur durch Visionen erhellt wird (die lichttragenden Visionen Sergius könnten mit dem Tabor-Licht der Hesychasten verglichen werden) wird für uns  im Lichte der mystischen Tradition, die sich unter den Schülern des hl. Sergius  durchsetzte, klarer.“[84]

Neue historische Forschungswerke, nach dem Tod Fedotovs geschrieben, lassen nun keinen Zweifel daran, dass der hl. Sergius tatsächlich mit dem griechischen Hesychasmus eng vertraut war.[85] Das bedeutet, dass er in der Terminologie Fedotovs als „Mystiker“ im strengen Sinne des Wortes bezeichnet werden könnte. War er aber wirklich der erste „Mystiker“ in Russland? In Byzanz gab es die Tradition des Hesychasmus bereits vor dem hl. Mönch Gregor von Sinai. Der hl. Mönch Symeon der Neue Theologe, ein großer Hesychast, lebte im 11. Jahrhundert. Seine Werke und seine Schüler kamen wohl noch in der vormongolischen Periode nach Russland.[86] 

Generell wird die Auseinandersetzung über den hl. Sergius durch eine unserer Ansicht nach etwas missratene Definition des Begriffes „Mystiker“ bei Fedotov erschwert. Wenn er einen „Mystiker“ als „Träger eines besonderen, mystischen spirituellen Lebens, das sich in der Tugend der Liebe, Askese und dem unablässigen Gebet nicht erschöpft“ bezeichnet[87], wirft er dadurch einen Schatten auf alle russischen Heiligen, die vor dem hl. Sergius gelebt hatten. Faktisch behauptete er, dass ihnen dieses „besondere, mystische spirituelle Leben“ gefehlt hätte. Selbstverständlich hatte er damit Unrecht, und Vater Seraphim hielt ihm ganz zu Recht die Vernachlässigung der mystischen Erfahrung der früheren russischen Heiligen vor. Auch wenn ihre Erfahrung von außen nicht so erstaunlich erschien und keinem von ihnen im Wachzustand die Mutter Gottes erschienen war[88], so erreichten sie doch die Vereinigung mit Christus und die Heiligung, die Vergöttlichung der spirituell-leiblichen Natur, was eben das Hauptziel der orthodoxen mystischen Erfahrung ist, und dies in einem Ausmaß, das nicht niedriger war als beim hl. Sergius.[89]

Fedotov spricht ihnen die Fähigkeit, mystische übernatürliche Visionen von der Fülle des mystischen Lebens des Menschen zu haben, unberechtigterweise ab. In seiner Interpretation entspricht der Begriff „Mystiker“ dem Begriff „Visionär“. Zweifellos war im Leben des hl. Sergius das mystische, kontemplative Element bedeutsamer als in den Leben früherer russischer Heiliger. Doch besteht ein großer Unterschied zwischen der Anerkennung dieser Tatsache und der Erklärung des heiligen Mönches Sergius von Radonesch zum ersten russischen Mystiker, „d.h. Träger eines besonderen, mystischen spirituellen Lebens, das sich in der Tugend der Liebe, der Askese und dem unablässigen Gebet nicht erschöpft“.

Eventuell geben die Aussagen des Priesters Pawel Florenski Aufschluss über Fedotovs Auffassung des hl. Sergius als „erstem russischen Mystiker“: „Im heiligen Sergius vereinigen sich, wie in einem sehenden Auge oder einem Fokus, die Errungenschaften des griechischen Mittelalters und der Kultur“[90]; und auch: „Er berührte die feurigste Spitze des griechischen Mittelalters, in der, quasi in einem Punkt, ihre ganzen Blumenblätter versammelt waren, und damit entzündete er seinen Geist. Diese Spitze war die religiös-metaphysische Idee von Byzanz, die zu Lebzeiten des Heiligen besonders hell brannte.“[91]

Eigentlich wird derselbe Gedanke, aber mit anderen Worten, auch bei Erzpriester Alexander Schmemann ausgedrückt: „Im Bild des hl. Sergius (1320-1392) entsteht die orthodoxe Heiligkeit in ihrer ganzen Fülle, in ihrem vollen Lichte wieder auf. Von der Eremitierung durch die körperliche Askese über die Selbstkreuzigung und die Demut gegenüber den letzten Taborlichtblitzen bis hin zum Auskosten des Himmelreiches – der hl. Sergius folgte dem Weg aller großen Zeugen der Orthodoxie ab ihren ersten Jahrhunderten.“[92]

Ferner wirft ihm Vater Seraphim (Rose) vor, dass er „sich mit der sinnlosen Suche nach der ‚Originalität in den literarischen Werken‘ des hl. Mönches Nil von Sora beschäftigte (womit er zeigte, dass er nicht mal den Sinn der Überlieferung in der Orthodoxie verstand)“. Dieser Vorwurf wirkt unverdient. Das Kapitel über den hl. Mönch Nil von Sora (Kapitel 10) ist, unserer bescheidenen Meinung nach, eines des besten in diesem Buch von Fedotov.[93] Dort zeigt sich eine starke persönliche Sympathie des Autors mit seinem Sujet. Die Tatsache, dass er mit allen Kräften versucht, das ganz eigenartige[94] spirituelle Erscheinungsbild dieses strengen Asketen[95] und Uneigennützigen[96] den Lesern des 20. Jahrhunderts nahezubringen, darf nicht als „sinnlose Suche nach ‚Originalität‘“ abgetan werden. Als geistlicher Schriftsteller war der hl. Nil in der Zitierung griechischer heiliger Väter selbstständig und wählerisch genug, was nicht nur Fedotov, sondern auch Erzpriester Georges Florovsky[97] und auch moderne Forscher konstatieren.[98] Was aber die Heilige Überlieferung betrifft, gibt es von Fedotov folgende Passage: „So wie für alle russischen Menschen umfasst der Begriff der ‚göttlichen Schrift‘ für Nil nicht nur die göttliche Offenbarung, sondern auch die ganze schriftlich erhaltene kirchliche Überlieferung. Dennoch kannte der hl. Nil, im Gegenteil zu Joseph von Wolokolamsk und anderen Zeitgenossen, die Unterschiede in der Autoritätsstellung der verschiedenen Texte: „Schriften gibt es viele, aber nicht alle sind göttlich.“ Seine Prioritäten hat er in diesem persönlichen Bekenntnis aufgeführt: „Am meisten erforsche ich die göttlichen Schriften, vor allem die Gebote des Herrn und ihre Auslegungen, sowie die apostolischen Überlieferungen und die Lehren der Hl. Väter; und ich halte mich an das, was mit meinem Verstand übereinstimmt (…) und ich für mich abschreibe und mich dadurch belehre; darin besteht mein Leben und mein Atem.“[99] Fedotov übernimmt die Ansichten des Heiligen Nil von Sora über die Heilige Überlieferung mit ausdrücklicher Zustimmung, und dem hl. Nil könnte niemand die Verkennung des Sinnes der orthodoxen Überlieferung vorwerfen.

Von besonderem Interesse sind die Vorwürfe Vater Seraphims gegen Fedotov in Verbindung mit der Persönlichkeit des hl. Hierarchen Tichon von Sadonsk. Er meint, Fedotov habe „den großen orthodoxen hl. Tichon von Sadonsk diffamiert, indem er ihn als ‚eher Sohn des westlichen Barocks als Erbfolger der östlichen Spiritualität‘ bezeichnete“. Vor allem möchten wir anmerken, dass die Bezeichnung „Sohn des westlichen Barocks “ auch auf solch einen großen Heiligen wie Tichon von Sadonsk angewendet, für Fedotov nichts lasterhaftes bedeutete.[100] Halten wir eine andere seiner Aussagen dagegen: „das Zeitalter des Reiches, das für die Belebung der altrussischen Religiosität so ungünstig zu sein schien, erbrachte die Wiedergeburt der mystischen Heiligkeit. Gerade an der Wende der neuen Epoche fand Paisios (Welitschkowski), Schüler des orthodoxen Orients, die Werke des Nil von Sora und vermachte sie der Optina-Pustyn-Einsiedelei. Auch der hl. Erleuchter Tichon von Sadonsk, Schüler der lateinischen Schule[101], behielt in seinem sanftmütigen Erscheinungsbild die Familienzüge des Hause Sergius bei“[102] und war auch Bewahrer der „Familienzüge“ der mystischen Heiligkeit in der Tradition des heiligen Mönches Sergius von Radonesch. Für „ultraorthodoxe“ Radikale mag solch eine Begriffskombination  kränkend erscheinen, aber für minutiöse und objektive Forscher, die mit der Genesis der Weltanschauung des hl. Erleuchters Tichon insgesamt und, unter anderem, mit der seines Buches «Об истинном христианстве» „Über das wahre Christentum“][103] eng vertraut sind, gibt es hier nichts blasphemisches und noch weniger etwas, was über den Rahmen jener historischen Epoche hinausginge.[104]

Schließlich rechnet Vater Seraphim Fedotov als Schuld an, dass er „mit großer Mühe und Not versuchte, den hl. Mönch Seraphim von Sarov (der in Wirklichkeit so tief in der patristischen Überlieferung verwurzelt war, dass er von den großen ägyptischen Asketen des Altertums nicht zu unterscheiden ist) als ein ‚ausschließlich russisches Phänomen‘ darstellte, welcher ‚der erste uns bekannte Vertreter des Starzentums in Russland gewesen war‘, ‚dessen Herangehensweise an die Welt in der östlichen Tradition vorher noch nicht dagewesen worden war’, und der ‚Vorläufer einer neuen Art der Spiritualität gewesen war, die nach dem einfachen asketischen Mönchstum aufscheinen muss‘“.

Unserer Ansicht nach erfordert ein adäquates Verständnis des Fedotov‘schen Denkens einen unvoreingenommenen Vergleich seiner Aussagen. In diesem Falle kann die Charakterisierung Seraphims als „ausschließlich russisches“ Phänomen und „Vorläufer einer neuen Art der Spiritualität“ mit einem Diskurs Fedotovs aus seinem Buch  «Святые Древней Руси» [„Die Heiligen Altrusslands“] kontrastiert werden: „Der heilige Mönch Seraphim kombiniert in sich die Züge tiefer Traditionalität[105] mit einer kühnen, prophetischen Verheißung. Als Säulensteher und Nachbar eines Waldbären, der den Sinn der spirituellen Askese in den Worten des Makarios von Ägypten fand, zeugte er durch sein weißes Gewand, seine österliche Begrüßung und seinen Aufruf zur Freude, die sich bereits durch das lichte Mysterium der Verklärung offenbarte, von den neuen spirituellen Zeiten. Es gibt nur einen Bereich, in dem die neue Heiligkeit Russlands, welche sich der spirituellen Erfahrung Altrusslands in vielerlei Hinsicht als ebenbürtig erweist, ihr unterlegen ist, und zwar, dass fast nichts sie mit dem nationalen Leben Russlands und seiner Kultur verbindet. Skite und Zelle waren niemals und nirgendwo dermaßen von der Welt  abgeschnitten, auch wenn sie für Ankömmlinge daraus offenstanden. Nie zeigte sich der Einfluss von Athos im russischen spirituellen Leben so sehr wie in den vorigen Jahrhunderten. Die unterbrochene russische spirituelle Tradition wurde durch die alte orientalische Schule der ‚Philokalie’ ersetzt.“[106]

Der heilige Mönch Seraphim von Sarov war zwar der himmlische Patron von Vater Seraphim (Rose), aber in keinem Werke dieses geistlichen Vorkämpfers von Platina finden wir einen derart inspirierten, verinnerlichten und historisch wahren Hymnus an den heiligen Seraphim wie bei Fedotov: „Im Zeitalter des aufgeklärten Unglaubens bildet sich die Legende des Altertums. Aber es ist nicht nur eine Legende, sondern schafft ein lebendiges Wunder. Der Reichtum der spirituellen Gaben, die der hl. Seraphim ausstrahlt, ist erstaunlich. Nicht nur das ungebildete dörfliche Russland findet seinen Weg zu ihm. Der hl. Seraphim erbrach das synodale Siegel, das auf der russischen Heiligkeit lag, und war unter den Erleuchtern und neusten geistlichen Vorkämpfern der Einzige, der in die Ikonenmalerei einging. Aber unsere Generation verehrt in ihm den größten Heiligen des alten und des neuen Russlands.[107] Seine Erscheinung im 18. und 19. Jahrhundert bedeutete die Wiederbelebung der mystischen Tradition, die in Russland schon fast untergegangen war.“[108] Und in einem anderen Werk: „Seit dem 19. Jahrhundert lodern in Russland zwei spirituelle Feuer, deren Flammen das erfrorene russische Leben erwärmen – die Optina-Pustyn-Einsiedelei und Sarov. Sowohl das engelhafte Erscheinungsbild Seraphims als auch die Starzen von Optina beleben das klassische Zeitalter der russischen Heiligkeit wieder.“[109]

Hinsichtlich der Einstellung von Vater Seraphim zu den Werken von Georgy Fedotov können wir also zusammenfassend feststellen, dass diese beiden Denker trotz offensichtlicher Gemeinsamkeiten in ihren historischen Interessen an der russischen und altwestlichen[110] Heiligkeit absolut unterschiedliche Weltbilder vertraten. Fedotov war ein talentierter Philosoph, der sich auf die Gebiete Kultur und Philosophie spezialisiert hatte; ein Vertreter des „silbernen Zeitalters“ der russischen Kultur im Allgemeinen und insbesondere der Literatur[111], der die russische Heiligkeit und russische Heilige quasi „von außen“, also mit rationalen Methoden, studierte. Er liebte und schätzte die russischen Heiligen als hohe Ideale, die fähig sind, zum reinen sittlichen Leben und fruchtvollen sozialen Schaffen zu inspirieren. Vater Seraphim (Rose) war ein geistlicher Vorkämpfer und Asket, der in den russischen Heiligen vor allem Lehrer und Vorbilder sah – denen er in seinem eigenen spirituellen Leben nacheiferte. Vermutlich irritierten ihn Fedotovs theoretische Verallgemeinerungen und abstrakten spekulativen Konstrukte und erschienen ihm überflüssig und gekünstelt, und wahrscheinlich hatte er mit seiner nüchternen und realistischen Herangehensweise auf seine Art und Weise Recht. Aber auch die eher philosophisch und poetisch eingestellten Schriftsteller aus den Kreisen der Intelligenzija, die Fedotov näher stehen, haben mit ihrer Sichtweise auf die orthodoxe Hagiologie ihre Verdienste[112]; Und dies umso mehr, als das missionarische und katechetische Potential ihrer Werke im Ergebnis nicht weniger erfolgreich ist als das der strengen Mönche und Asketen wie Vater Seraphim.

 

Kritik an Nikolai Berdjaew

Unter allen russischen Religionsphilosophen war Nikolai Berdjaew (vermutlich sogar mehr noch als Georgy Fedotov) Vater Seraphim (Rose) am meisten suspekt. Vater Seraphim bezeichnete ihn sogar als „antiorthodoxen Denker“[113]. In seinem Buch „Orthodoxie und die Religion der Zukunft“ schreibt er: „Vorher hätte kein vernünftiger Mensch Nikolai Berdjaew (1874-1949) als orthodoxen Christen angesehen. Bestenfalls wäre er für einen philosophierenden Gnostiker und Humanisten gehalten worden, der seine Inspiration eher aus Werken westlicher Sektierer und ‚Mystiker‘ als aus orthodoxen Quellen schöpft.“[114] und weiter: „Berdjaew schreibt: ‚Die Welt bewegt sich hin zu einer neuen Spiritualität und einem neuen Mystizismus, in ihr wird es für die asketische Weltanschauung keinen Platz mehr geben‘ (…) Natürlich haben diese extremen ökumenischen Ansichten und das orthodoxe Christentum, das Berdjaew in Wirklichkeit verachtete, nichts gemeinsam.“[115]

Zweifellos lässt sich die Liberalität und Freigeisterei Berdjaews mit der dogmatischen Lehre der Kirche nicht vereinbaren. Doch kann die Tätigkeit Berdjaews tatsächlich als antiorthodox bezeichnet werden? Bei der Antwort sollten drei Umstände berücksichtigt werden: Berdjaew hat sich niemals als Theologen bezeichnet[116], sich und seine Philosophie gegen die Kirche gerichtet[117] oder seinen Ideen dogmatische Bedeutung beigemessen[118]. Bei all seinen Problemen mit der traditionellen orthodoxen Kirchlichkeit blieb er bis zum Ende seiner Tage Gemeindemitglied der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, und er wurde weder von einem Konzil der Russischen Orthodoxen Kirche noch der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland verurteilt.

Vater Seraphim scheint uns gegenüber Berdjaew sehr ungerecht zu sein. Anscheinend war ihm gar nicht das ganze Oeuvre dieses „Ritters der Freiheit“ vertraut. Unter anderem war das Werk Berdjaews über Chomjakow , für Viele immer noch das beste Buch, das über Chomjakow   jeweils geschrieben wurde, seiner Aufmerksamkeit entgangen. Das ist umso erstaunlicher, als Vater Seraphim ein konsequenter Anhänger der Slawophilie gewesen war (wenn auch in der Interpretation von Iwan Kirejewskij[119]). Es scheint, dass Vater Seraphim in seinen Urteilen über Berdjaew den für ihn maßgeblichen Meinungen anderer Forscher allzu sehr vertraute[120]. Erbarmungslos prangerte er Berdjaew für Irrtümer an, die an der Oberfläche lagen, gab sich aber keinerlei Mühe, in die Tiefe zu blicken und klarzustellen, warum eben dieser Denker im Westen zum meistgelesenen russischen Philosophen geworden war.

Es muss aber zugestanden werden, dass Vater Seraphim vom Standpunkt des monastischen Radikalismus auch hier Recht hatte. Der Freidenker Berdjaew war ihm nicht nur nach seiner Denkweise, sondern auch nach seinem Geist und seiner Lebensart fremd. Das wird besonders klar, wenn wir uns an die Aussagen Berdjaews über das Mönchstum erinnern.[121] Berücksichtigen wir aber, dass der amerikanische Missionar nicht für Mönche, sondern auch für ein breites Publikum schrieb, welches mit den Werken Berdjaews viel besser vertraut war als Seraphim selbst, sehen seine scharfe Verallgemeinerungen ziemlich tendenziös aus. In diesem Zusammenhang möchten wir an das missionarische Prinzip des Siluan von Athos, eines großen Heiligen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erinnern, der gelehrt hatte, in den Ansichten seiner ideologischen Opponenten zunächst das Positive zu finden und den Wert des Inhalts ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen offen anzuerkennen, und erst danach auf Fehler hinzuweisen, in dem Wunsch nach Berichtigung in Übereinstimmung mit der orthodoxen Dogmatik.[122]

Heute ist es kaum zu bestreiten, dass  einige von Berdjaews Werken für orthodoxe Intellektuelle nicht nur interessant, sondern auch höchst nützlich sind. Außer dem oben erwähnten Werk über Chomjakow   wären dies: „ Selbsterkenntnis: Versuch einer philosophischen Autobiographie“ Der Sinn der Geschichte “, «Философия истории» [„Philosophie der Geschichte“],  «Причины русской революции» [„Ursachen der russischen Revolution“], «Шестов и Кьеркегор» [Schestow und Kierkegaard “] usw.

Möglicherweise irren wir uns, aber es gibt guten Grund, davon auszugehen, dass in der negativen Bewertung der Philosophie Berdjaews durch Vater Seraphim der politische Aspekt eine große Rolle spielte. Bekanntlich war Vater Seraphim bereits lange vor deren Kanonisierung ein überzeugter Verehrer der Heiligen Märtyrer-Zarenfamilie und stand den monarchistisch eingestellten russischen Emigrantenkreisen in Amerika nahe. Bei dem Rebellen Berdjaew und dem Sozialdemokraten Fedotov finden wir dagegen, bei allen  Feinheiten und Unterschieden ihrer jeweiligen politischen Plattformen, keine monarchistischen Sympathien. Auch war die Einstellung Berdjaews zur sowjetischen Macht nicht so eindeutig negativ wie bei Vater Seraphim. Als sich während des Zweiten Weltkriegs in manchen Kreisen der nach Frankreich emigrierten ehemaligen Angehörigen der Weißen Armee kollaboratorische Tendenzen zeigten, ging Berdjaew, der 1922 von den Kommunisten aus der Sowjetunion vertrieben worden war, entschlossen gegen die Zusammenarbeit mit den vor.[123]

Aber wahrscheinlich war der wichtigste Unterschied zwischen den politischen Weltanschauungen von Vater Seraphim und Berdjaew ihre jeweilige Einstellung zum „Sergianismus“. Nach der Veröffentlichung der Deklaration von Metropolit Sergius (Stragorodski) im Jahre 1927 äußerte sich Berdjaew, von dem eine scharfe Reaktion hätte erwartet werden können, gegenüber der Moskauer Patriarchie sehr loyal, mit Verständnis für die durchaus schwere Lage, die sie gezwungen hatte, diesen Schritt vorzunehmen.[124] Was aber die Einstellung von Seraphim (Rose) zur Moskauer Patriarchie betrifft, sollten wir diese Seite seiner Weltanschauung etwa ausführlicher studieren.

 

Einstellung zur Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats

Der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats gegenüber war Vater Seraphim misstrauisch, um nicht zu sagen feindselig eingestellt. Nicht nur hielt er den „Sergianismus“ für verderbt; das ganze Leben der Kirche im sowjetischen Russland stand für ihn unter Verdacht und KGB-Diktat.[125] Bestehen konnten vor ihm nur Dissidenten, Andersgesinnte, politische Gefangene, Märtyrer und Bekenner. So verteidigte er den verhafteten Erzpriester Dimitrij Dudko und schuf das heldenhafte Vitae-Epos «Русские катакомбные святые» [„Russische Katakombenheilige“], aber schien nicht zu verstehen, dass weder alle Priester ins Gefängnis gehen dürfen und sollen, noch Millionen von Menschen im totalitären Staat des 20. Jahrhunderts in Katakomben gehen konnten. Eigentlich gab es in dieser Position absolut nichts Neues im Vergleich zu den radikalen „antisergianischen“ Ansichten von Erzpriester Averky (Taushev), der von Vater Seraphim besonders verehrt wurde,[126] Auf diese Ansichten wollen wir näher eingehen.

Moderne russische Leser kennen Erzbischof Averky vor allem als stattlichen Starez von schönen Portraits und als Autor der Vorlesungen zum Neuen Testament in zwei Teilen («Четвероевангелие» [„Tetraevangelion“] und «Апостол» [„Apostolos“]) sowie einer Auslegung der Apokalypse.

Heute erinnern sich nur wenige daran, dass es bei Seiner Eminenz Averky seinerzeit Predigten gab, die harte Attacken gegen alles enthielten, was auf diese oder jene Weise mit der Sowjetunion verbunden war. Wenn die UdSSR nur nach ihren Äußerungen beurteilt würde könne der Eindruck entstehen, sie sei ein finsteres Nest des Satanismus und die Wiege des Antichrists: „Die erste große Etappe bei der Vorbereitung zur Thronbesteigung des Antichrists ist die Zerstörung des orthodoxen russischen Zarenreiches. Die Vernichtung der heiligen Rus, geleitet vom Gesalbten Gottes, und die Thronbesteigung von grausamen Atheisten, Gottesbekämpfern und Satanisten, die  in Russland stattfand. Sie nennen sich ‚Kommunisten‘. Brüder und Schwester, es ist schon lange Zeit, dieses absurde Wort, das der Wirklichkeit überhaupt nicht entspricht, zu vermeiden. Dort gibt es keine Kommune, dort gibt es nur den wahren Satanismus (…)  Der Kommunismus ist einfach der wahre SATANISMUS –Dienst am Satan“.[127]

Besonders bemerkenswert ist aber seine feindselige Einstellung gegenüber der Russischen Orthodoxen Kirche im Vaterland, die dort blieb, um ihren Kindern unter der Gewalt des Kommunismus beizustehen. Es gehört sich heute nicht mehr, daran zu erinnern, und in den Sammelbänden der Predigten vom Erzbischof Averky, die in den letzten Jahren in Russland publiziert wurden, sind diese Philippikas gegen die Russische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats nicht enthalten[128]. Seine Eminenz Averky war tatsächlich ein Mensch von hoher Spiritualität und ein eifriger Erzbischof, und seine Tätigkeit erschöpfte sich nicht im Kampf gegen den „Sergianismus“. Nichtsdestoweniger darf man aus dem Lied kein Wort herauslassen, insbesondere wenn dieses Lied von einem solch begabten und bekannten Interpreten wie Mönchpriester Seraphim (Rose) aufgegriffen wurde. Zur Illustration seiner „antisergianischen“ Ansichten hier ein Zitat aus einer Predigt von Erzbischof Averky «Есть ли у нас покаяние?» [„Ob es bei uns die Buße gibt?“](1968): „„Alle russischen Menschen ohne Ausnahme müssen endlich verstehen, dass es ziemlich inkonsequent ist, die sowjetische gottesfeindliche Gewalt für eine ‚Obrigkeit von Gott‘ zu halten und die ihr dienende sowjetische ‚Kirche‘ für die wahre Kirche, und dabei im Exil zu bleiben, anstatt ‚ins Vaterland zurückzukehren‘.Es ist keineswegs konsequent, unseren Glauben und unsere Kirche grob und dreist zu kritisieren, darüber zu lästern und zu schimpfen und sich zugleich als ‚Antikommunisten‘ und Kämpfer gegen den Bolschewismus darzustellen, alsonicht verstehen zu wollen, dass das Wesen des Bolschewismus eben solch eine Lästerung, Hass und Kampf gegen den wahren Glauben und die Kirche ist“[129].

Es wird also deutlich, dass Vater Seraphim als Zeitgenosse jene Einstellung von zur Russischen Orthodoxen Kirche in der Sowjetunion teilte, die für seine Umgebung und die Kreise, die ihn als orthodoxen Christen geformt hatten, typisch gewesen war. Wir möchten aber daran erinnern, dass Mönchpriester Seraphim nicht nur ein brillanter Intellektueller und außerordentlicher Denker war, sondern auch ein Mensch der neueren Generation, der, hätte er eine stärkere Gesundheit gehabt, die Vereinigung der Kirchen noch hätte miterleben können (zum Augenblick der Vereinigung der ROK MP mit der ROKA am 17.05.2007 wäre er 72 Jahre alt gewesen). Unserer Meinung nach bedeutet dies, dass er auch bei diesem Problem nicht hinter sein theologisches Niveau zurückkonnte und die für die Zeiten der Trennung typischen Klischees kritisch bewerten musste.

Das erscheint umso realistischer, als die Position seines geistlichen Vaters, des hl. Erleuchters Johannes von San Francisco, hinsichtlich dieses Problems viel vernünftiger und ausgewogener war. Einerseits war er 1946, als er seinen Dienst in China abgeleistet hatte, der Einzige unter den russischen Bischöfen in Fernost, der sich für die Jurisdiktion der ROKA entschied. Seine nachfolgende Heldentat des Exodus mit seiner ganzen Gemeinde aus dem kommunistischen China auf die Philippinen und später in die USA ist allgemein bekannt. 1955 schrieb er, dass „der Patriarch von Moskau kein freier Diener Gottes und seiner Kirche ist, sondern ein Sklave der gottesfeindlichen Gewalt“.[130] Andererseits stammen von ihm aber auch die bemerkenswert weisen Worte: „Jeden Tag gedenke ich des Patriarchen Alexij bei der Proskomidie. Er ist der Patriarch; und trotz allem, unser Gebet bleibt. Kraft der Umstände ergab es sich, dass wir getrennt sind; aber liturgisch sind wir eins. Die Russische Kirche, wie auch die ganze Orthodoxe Kirche, ist eucharistisch vereinigt, und wir sind mit ihr und in ihr. Administrativ haben wir, um unserer Herde und gewisser Prinzipien willen, diesen Weg zu gehen; doch bricht dies keineswegs unsere mystische Vereinigung der gesamten Kirche.“[131]

 

Fazit

Ziehen wir ein Fazit unserer Forschungsarbeit, können wir feststellen, dass die katechetische Tätigkeit von Mönchpriesters Seraphim (Rose) der größte und bedeutsamste Beitrag zum Werk der orthodoxen Mission in der zweiten Hälfte des 20. und des Anfangs der 21. Jahrhunderts darstellt. Seine Werke sind immer noch bedeutsam, was an den vielen Neuausgaben seiner Bücher und Artikel zu sehen ist. Mancher könnte zwar behaupten, dass die Bücher von Vater Seraphim (Rose) populistisch seien und vor allem für theologiefremde Schriftsteller von großem Interesse. Darauf kann geantwortet werden, dass solche Leser bei uns, so wie in der ganzen Welt, die Mehrheit bilden. Für dieses Publikum in einfachen Worten zu schreiben, ist völlig legitim und nicht ehrenrührig, denn so sind auch die meisten Bücher der Heiligen Schrift geschrieben.

Es gibt auch Zweifel daran, wie adäquat und tief sich Vater Seraphim das tiefste Wesen der russischen Orthodoxie angeeignet hatte: „Viele russische Verehrer der Bücher von Vater Seraphim sind davon berührt, dass ein Amerikaner es schaffte, sich in russische und orthodoxe Stimmungen einzufühlen. Doch entsteht bei der Lektüre seiner Schriften der beharrliche Eindruck, dass das alte orthodoxe Russland für ihn ein Land östlicher Exotik war. Diese Verklärung eines idealisierten alten Russlands ähnelt der Anziehung, die für westliche und wohl auch russische Intellektuelle z.B. vom gleichermaßen stilisierten Indien oder Tibet ausgeht. Diejenigen, das reale Russland von inner- oder außerhalb, aber „lebendig und nicht als Mumie“ lieben, sind fähig, die nostalgischen Gefühle alter Emigranten und ihrer nächsten Verwandten, welche die Kreise von Seraphim (Rose) in der ROKA ausmachten, zu verstehen und nachzufühlen. Man hätte sich aber von einem ausgebildeten orthodoxen Christen mehr Nüchternheit erhofft.“[132] Auch wenn diese Kritik nicht ganz unberechtigt ist, wird sie doch unser Bild von Vater Seraphim als Missionar und Katechist kaum trüben. Erzählungen darüber, dass das Leben im orthodoxen Zarenreich viel besser gewesen sei als die gottlose sowjetische Wirklichkeit, konnte der Autor dieses Artikels in seiner Kindheit selbst noch hören, und zwar nicht von „alten Emigranten“, sondern von sowjetischen Staatsbürgern, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geboren wurden. Gewiss kann die Vergangenheit nicht zurückgebracht werden; aber es ist das Recht jedes russischen Menschen, sich an diese Vergangenheit zu erinnern, sie zu schätzen und zu versuchen, sie wenigstens halbwegs schöpferisch wiederzuerrichten.

Leider gibt es andere, ernsthaftere Vorwürfe zur Weltanschauung und zu den Hervorbringungen von Vater Seraphim (Rose), die wir in dieser Arbeit referiert haben. Unter anderem sind dies der Eklektizismus, geschuldet der Verzauberung durch die Philosophie von René Guénon, und die übertriebenen Verdächtigungen gegenüber der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats als Folge des Einflusses angesehener ROKA-Mitglieder; Fehler, die es bei einem solch hervorragendem Katechisten eigentlich nicht geben dürfte, die Vater Seraphim aber (eventuell aus Zeitmangel) nicht erkennen und vermeiden konnte.

Dennoch kann niemand Vater Seraphim (Rose) Unaufrichtigkeit und Heuchelei vorwerfen. Sein eifriges Streben nach Einheitlichkeit der theologischen Theorie und asketischer Lebensweise, die in der modernen Welt sonst kaum noch zu finden ist, war vermutlich der Hauptcharakterzug von Vater Seraphim (Rose), weshalb Millionen Menschen sich nicht nur an ihn erinnern und ihn respektieren, sondern ihn lieben und verehren.

Wahrscheinlich ist der Höhepunkt der Popularität von Vater Seraphim (Rose) schon vergangen. Heute gibt es viele neue talentierte Autoren, die zu denselben Themen schreiben. Der Markt für orthodoxe missionarische und katechetische Literatur ist heute, im Gegenteil zu den 1980er und 1990er Jahren, wohl gesättigt. Auch hat sich die weltpolitische Situation einigermaßen verändert. Zum Beispiel braucht man heute nicht mehr zu erklären, worin der Schaden des Ökumenismus besteht, da diese Bewegung zu einem solchen Niedergang erlebte, dass sie offensichtlich eine Sackgasse darstellt. Das UFO-Thema ist ebenfalls bereits erschöpft. Außer einem engen Kreis von Ufologen, die darauf fixiert sind, und Filmregisseuren, denen nichts Neues mehr einfällt, beschäftigt sich heute fast niemand mehr ernsthaft mit dem Thema.

Nichtsdestoweniger sind die Werke von Mönchpriesters Seraphims immer noch aktuell. Nach wie vor können sie Menschen, die mehr über die Orthodoxie erfahren möchten - insbesondere wenn sie aus protestantischen Denominationen kommen - empfohlen werden. Der Evolutionismus, gegen den Vater Seraphim so ankämpfte, steht dem Kreationismus nach wie vor entgegen. Der Zeitgeist, dessen schädlicher Atem der geistliche Vorkämpfer von Platina so feinfühlig erspürte, ist derselbe geblieben. Niemand kann garantieren, dass im Laufe der Zeit die Phänomene des Ökumenismus, des Mediumismus, der Ufologie und andere, von unsichtbaren, aber machtvollen Kräften angefachte Irrlehren, nicht wieder zum Ausbruch kommen. Im Großen und Ganzen bewegt sich die Welt in die Richtung, die Vater Seraphim (Rose) vorgesagt hatte. Wenn wir also auch jetzt, 30 Jahre nach seinem Tod, seine Bücher lesen und darin die Quellen der modernen antichristlichen Erscheinungen genannt finden, können wir davon noch immer spirituell und intellektuell sehr profitieren.




[1] Генон Р. Заметки о посвящении. – М.: Беловодье, 2010. – С.345.

[2] Ebenda. С.346.

[3] Серафим (Роуз), иером. Православие и религия будущего. – М.: Паломник, 2005. – С.23.

[4] Серафим (Роуз), иером. Душа после смерти… С.83.

[5] So schreibt Guénon, unter anderem: „ im Westen gibt es heute wirklich keine intellektuellen Eliten, so wie wir sie verstehen. Ausnahmen sind zu selten und zu isoliert, um sie als solche zu betrachten. In Wirklichkeit sind sie hier meist fremd, da es sich um Individuen handelt, die in intellektueller Hinsicht alles dem Orient verdanken “ (Генон Р. Восток и Запад. – М.: Беловодье, 2005. – С.181).

[6] Иеромонах Серафим (Роуз). Американский просветитель русского народа… С.106.

[7] Генон Р. Заметки о посвящении… С.60-61.                     

[8] „Der Westen war im Mittelalter christlich, aber er ist es nicht mehr. Auch wenn behauptet wird, er könnte es wieder werden, gibt es niemanden, der dies mehr als wir wünscht und will, dass es möglichst schnell geschieht. ([Guénon, René: La crise du monde moderne. 1927 dt. Ausgabe: Die Krisis der Neuzeit. Hegner, Köln 1950) S.273).

[9] [Guénon, a.a.O., S. 230-231.                                                                         

[10] S. [ Mönchpriester Damascene (Christensen)] Damascene (Christensen}, иером. Христос, Вечное Дао // http://azbyka.ru

[11] Генон Р. Восток и Запад… С. 66.

[12] Рене Генон… С.26.

[13] [Guénon, R. Die Krisis der Neuzeit ] Генон Р. Кризис современного мира… С. 298.

[14] Ebenda. S.276.

[15] Ebenda. S.191.

[16] „…er sprach über die Wissenschaft und über das sich nähernde Ende der Welt. Seine Vorgehensweise war aber sehr ausgeglichen. Er zitierte die Worte Christi aus dem Evangelium und aus der Offenbarung sowie die Schreiben der Heiligen Väter, doch gab er sich alle Mühe, die Hysterie der „letzten Tage“ zu meiden. Er wandte sich sogar dagegen, Ereignisse aus der Offenbarung des Johannes dem Theologen mit Ereignissen der  modernen Welt zu verbinden. Was die legendäre Ruhe von Vater Seraphim betrifft, darüber kann ich etwas sagen. Das ging eben mit seinem spirituellen Bild einher. Wenn ich in seiner Nähe saß und mit ihm sprach, war er sehr still und ruhig. Häufig sagte er gar nichts und wartete, bis ich etwas sagte.“ ([[ Mönchpriester Damascene (Christensen)] (Беседа протоиерея Артемия Владимирова с иеромонахом Дамаскином (Христенсеном) // Православное осмысление творения мира и современная наука. – М.: Шестоднев, 2009. – Вып. 5. - S.407-408)

[17] Guénon betonte, dass seine Tätigkeit als Synthese, nicht als Synkretismus oder Eklektizismus klassifiziert werden müsse. Seine Argumentation lautete wie folgt: „der Synkretismus, in seinem wahren Sinne verstanden, ist nichts weiter als eine einfache Einordnung von Elementen verschiedener Herkunft, die ‚von außen‘ zusammengebracht werden, um sie ohne jegliches tieferes Einordnungsprinzip zu vereinheitlichen… Ebenso ist es mit philosophischen Theorien, die fast komplett aus Fragmenten anderer Theorien bestehen. Hier wird Synkretismus normalerweise als ‚Eklektismus‘ bezeichnet. Synthese aber geht per Definition von Prinzipien aus, also davon, was das Innerste ist. Sie geht sozusagen vom Zentrum eines Kreises aus, während Synkretismus durch einen solchen Kreis zusammengehalten wird… Folglich, ist Synkretismus rein analytisch, ob man es will oder nicht. Allerdings spricht niemand so häufig und gerne über Synthese wie die ‚Synkretisten‘…“(Генон Р. Заметки о посвящении. – М.: Беловодье, 2010. – S.53-54). Zweifellos ging Guénon tiefer als die meisten von ihm kritisierten Okkultisten, Spiritisten und Theosophen; es bleibt aber zweifelhaft, ob seine „Synthese“ uns der Erkenntnis der Wahrheit näher bringt. Es darf daran erinnert werden, dass René Guénon als römischer Katholik getauft wurde, jedoch  zum Islam konvertierte. Sein Buch „Le  Symbolisme de la Croix“[Symbolik des Kreuzes] ist dem arabischen SheikhAbd al-Rahman al-Kabir gewidmet.

[18] „So wie die antiken Hellenen einst in ihrer Philosophie die Offenbarung Christi vorwegnahmen, so wurde die Fülle der philosophischen Lehre von Lao-tse im frühen Christentum akzeptiert, anfangs durch die griechische, später durch die russische Theologie.“ Zitiert nach: Mönchpriester Damascene (Christensen)Дамаскин (Христенсен), иером. Христос, Вечное Дао. Введение // http://azbyka.ru/religii/induizm_buddizm/hristos_vechnoe_dao-all.shtml .

[19] [Mönchspriester Damascene (Christensen): Christ the Eternal Tao (Дамаскин (Христенсен), иером. Христос, Вечное Дао. Предисловие // http://azbyka.ru/religii/induizm_buddizm/hristos_vechnoe_dao-all.shtml)

[20] Ebenda.

[21] Пестов С. Несходные сходства // http://www.doroga-vmeste.ru

[22] Серафим (Роуз), иером. Православие и религия будущего. – М.: Об-во любителей правосл. лит-ры, Изд. им. свт. Льва. – С.95.

[23] Ebenda, S.96.

[24] Ebenda, S.97.

[25] Unserer Ansicht nach, war es für Vater Seraphim fast unmöglich, die Einstellungen Guénons loszuwerden, da sein „intellektueller Rechner“ sie nicht als „Viren“ wahrnahm. Eher sah er sie als Elemente des eigenen „Betriebssystems“. Eben deswegen finden wirRené Guénon auch nicht in der ziemlich langen Liste unterschiedlichsten pseudospirituellen Bewegungen der mystischen Metaphysik, die Vater Seraphim kritisierte.

[26] Ebenda, S.98. Hier wagen wir zu vermuten, dass gar nicht so viele junge orthodoxe Christen sich vor ihrer Ankunft in die Kirche gerne im buddhistischen Kloster befinden möchten (abgesehen von Shao-Lin). Soweit nicht viele, dass es ein Verdacht entsteht, ob Vater Seraphim hier nicht von sich selbst spricht. Das ist sogar kein Verdacht, sondern eine durchaus reelle Vermutung. Guénon führte Rose eher auf das Shasta, doch die Gnade, die ihn in der orthodoxen Kathedrale zu San-Francisco überschattete, brachte ihn nach Platina.

[27] Ebenda, S.98.

[28] Nach dem oben zitierten Text von Vater Damascene („Nachher sagte er, viele Sünden, die er in dieser Hölle erkannt habe, seien derart, dass es schon Angst mache, auch nur an sie zu erinnern, denn durch ein Wort über die Sünde, das losgelassen werde, könne sich die Sünde wieder verkörpern“ (zit. nach:[Mönchspriester Damascene (Christensen}] Дамаскин (Христенсен), иером. Не от мира сего. Жизнь и учение иеромонаха Серафима (Роуза) Платинского... S. 59.)), war dieses Prinzip Vater Seraphim bekannt, und er hielt es bezüglich seiner alten fleischlichen Sünden ein. Bezüglich seiner Begeisterung durch die orientalischen Religionen schaffte er es aber anscheinend nicht, diese Regel zu befolgen.

[29] Ebenda. S.101.

[30] Im 13. Kapitel der Offenbarung des heiligen Apostels Johannes dem Theologen, in dem die Thronbesteigung des Antichristen und die Tätigkeit seines falschen Propheten beschrieben ist, finden wir keine Gründe dafür, den Kult des Antichristen als „zutiefst religiöse Bewegung“ anzusehen. Eher ähnele dieser Kult der Vergöttlichung antiker römischer Kaiser, die häufig aus Angst („Und es wurde ihm gegeben, dem Bilde des Tieres Odem zu geben, auf dass das Bild des Tieres auch redete und bewirkte, dass alle getötet wurden, die das Bild des Tieres nicht anbeteten“; - Offb 13,15) und aus einem animalischen Gefühl der Unterwerfung vor einer unüberwindbaren Kraft („ und die ganze Erde verwunderte sich über das Tier. Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tiere die Gewalt gab, und sie beteten das Tier an und sagten: Wer ist dem Tiere gleich? Und wer vermag mit ihm zu kämpfen?“ - Offb 13,3-4) sowie einem bei der Plebs traditionellen Wunsch nach Brot („ und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, als nur der, welcher das Malzeichen hat, den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens“ - Offb 13,17; „ Und es tut große Zeichen, dass es selbst Feuer vom Himmel auf die Erde herabkommen lässt vor den Menschen“ - Offb 13,13) angebetet worden wären.

[31] Wie der heilige Erzbischof Andreas von Caesarea schreibt, „wird der Vorläufer des abtrünnigen Antichrist durch Zauberei und Betrug alles zur Verführung von Menschen tun, damit sie den Antichrist für Gott halten, als einen berühmten Wirker solcher Wunder, der zweifellos große Würde besäße“ (Андрей Кесарийский, свт. Толкование на Апокалипсис. – М.: Типо-Литография И. Ефимова, 1901. – S.108). Es besteht kein Zweifel, dass ein Kult, der auf dämonischer Magie, verblüffenden äußerlichen Effekten und geschickter Sinnestäuschung basiert, „eine kräftige und zutiefst religiöse Bewegung“ werden könnte, die für den Verstand und das Herz des modernen Menschen absolut überzeugend sein wird. 

[32] „Genesis: die Weltschöpfung und die ersten alttestamentlichen Menschen. Christliches orthodoxes Wissen“

 [33] Серафим (Роуз), иером. Бытие: сотворение мира и первые ветхозаветные люди. Христианское православное ведение… С.539.

[34] Ebenda, S.83. Laut Vater Damascene (Christensen) werden Bücher von Vater Seraphim  in den USA von Katholiken fast nie gelesen; dafür lesen sie Protestanten aber mit großen Interesse (Беседа прот. Артемия Владимирова с иером. Дамаскином (Христенсеном) // Православное осмысление творения мира и современная наука… Вып. 5, С.411-412). Dank der Werke von Vater Seraphim erfuhren Protestanten, dass sie in ihrem Kampf gegen den Evolutionismus plötzlich mächtigen Alliierte hatten, nämlich die Heiligen Väter der Orthodoxie. Es ist bemerkenswert, dass Vater Seraphim selbst seine Stellung nie mit christlichem Fundamentalismus gleichsetzte: „ ich muss Ihnen sagen, dass ich entgegen Ihrem Eindruck definitiv kein Fundamentalist bin“  (Aus dem Brief an Dr. Kalomiros vom 22. Februar/6. März 1976 Из письма к доктору Каломиросу 22 февраля/6 марта 1976 //Серафим (Роуз), иером. Бытие: сотворение мира и первые ветхозаветные люди. Христианское православное ведение… S.552).

[35] [Teilhard de Chardin: Das Auftreten des Menschen] Тейяр де Шарден П. Феномен человека. – М.: Наука, 1987. – С.175.

[36] Серафим (Роуз), иером. Бытие: сотворение мира и первые ветхозаветные люди. Христианское православное ведение… С.373. Vgl. Erzpriester Nikolaj Sokolow über Teilhard de Chardin: „Er war ein prominenter Wissenschaftler, der sich mit dem Problem der Anthropogenese beschäftigte. Beruflich war er Archäologe und Anthropologe, und sein Verdienst war die Entdeckung des sogenannten Peking-Menschen. Er widmete sich viele Jahre der Anthropologie und hatte seinen eigenen Standpunkt, er sich von diesem der Anderen unterscheidet. Sein lesenswertes Buch ‚Das Auftreten des Menschen‘ wurde auch auf Russisch veröffentlicht.“  (Соколов Н., прот. Ветхий Завет: курс лекций. – М.: Изд. ПСТБИ, 1998. –Ч.1. – С.38).

[37] Einige der Bekanntesten sind Erzpriester Konstantin Bufejew, Mönchpriester Pachomij (Petrenko), Priester Valentin Schokhow, A. Evdokimov, sowie der verstorbene Priester Daniil Sysoev.

[38] Nach dem Tod von Erzpriester Stefan Ljaschewskij (1986), gegen den Vater Seraphim  polemisiert hatte, und von Erzpriester  Professor Gleb Kaleda (1994), der in Russland bekannter ist, taten sich für einen „orthodoxen Evolutionismus“ Erzdiakon Professor Andrey Kuraev und, mit einigen Vorbehalten, Erzpriester  Professor Nikolaj Sokolow hervor.                                                                                                                                                                                                                                                                               

[39] „Was aber die Position  von Vater Seraphim (Rose) betrifft, kann ich nicht sagen, dass sie falsch ist. Sie ist nur nicht die einzige Position , die ein Orthodoxer einnehmen könnte.“  (Кураев А., протод. Может ли православный быть эволюционистом?  // http://fb2lib.net.ru/book/108076).

[40] Bekanntlich weigerte sich Dr. Kalomiros, nachdem ihm die Schwäche seiner Positionen bewusst geworden war, mit Vater Seraphim  weiter zu debattieren, unter dem Vorwand, dieser habe keinen wissenschaftlichen Grad. Anhand der Korrespondenz von Vater Seraphim  lässt sich schließen, dass dieser darüber sehr pikiert war: „Mit Ihrer Aussage: ‘Ich bespräche mit Ihnen die Probleme der Evolution, wenn Sie ein biologisches oder geologisches oder irgendein naturwissenschaftliches Diplom hätten‘, würgen Sie unsere Diskussion ab. Sollte dies Ihr Wunsch sein, habe ich nichts mehr hinzuzufügen… Ich verfüge zwar über keinen wissenschaftlichen Grad, aber ich studierte  Zoologie am College und machte mich mit zahlreichen wissenschaftlichen Quellen bezüglich Theorie und Fakten der Evolution vertraut.“ ([Aus dem Brief an Dr. Kalomiros vom 22. Februar/6. März 1976] (Из письма к доктору Каломиросу 22 февраля/6 марта 1976 // Серафим (Роуз), иером. Бытие: сотворение мира и первые ветхозаветные люди. Христианское православное ведение… С.553-554).

[41] „Ich kann weder die Meinungen noch die Argumentationsmethoden der radikalen Kreationisten akzeptieren, da sie versuchen, an und für sich wissenschaftlichen Materialien zu benutzen (auch Vater Seraphim erlag dieser Verführung; vgl. dazu иером. Серафим (Роуз). Православный взгляд на эволюцию. – СПб., 1997, S.60-64), doch derart unprofessionell, dass sie zu Recht Anstoß erregen bei Menschen, die sich professionell mit Wissenschaft beschäftigen.“ ([Andrei Kuraev] Кураев А., протод. Может ли православный быть эволюционистом?  //http://fb2lib.net.ru/book/108076 ).

[42] Russ.: «Шестоднев».

[43] Russ.: «Православное осмысление творения мира и современная наука».

[44] Беседа прот. Артемия Владимирова с иером. Дамаскином (Христенсеном) // Православное осмысление творения мира и современная наука…Вып. 5, С. 409-410.

[45]  „Es reicht aus, sich die Schriften von Vater Seraphim anzuschauen, um zu erkennen, wer ihm als Vorbild für seine orthodoxe Schriftstellertätigkeit diente: dieselben Themen, dasselbe stürmische Vorgehen, stellenweise sogar derselbe Stil“ (Дамаскин (Христенсен), иером. Не от мира сего… С. 689).

[46] Ähnlich wie auch Vater Seraphim verfügte Guénon über ausgezeichnete mathematische Fähigkeiten; in seiner Jugend hatte er in Paris an der mathematischen Abteilung des Rollin-Collège studiert. Wie seine Biographen bemerken, war Guénons Schreibstil und -weise durch seine Leidenschaft für Mathematik geprägt.

[47] „Er spricht niemals im eigenen Namen – überall, angefangen bei den frühesten Werken seiner Jugend bis zu den letzten Büchern, hielt er einen absolut objektiven und unbefangenen Ton, der niemals in Polemik, Emotionalität oder Selbstgerechtigkeit kippte“; diese Worte, die auch auf die Bücher von Vater Seraphim passen würden, galten tatsächlich René Guénon (Рене Генон / Авторы-сост.: А.А. Грицанов, А.В. Филиппович. – Мн.: Книжный Дом, 2010. – С.35).

[48] Florovsky schreibt: „Leontjew war voller Furcht… Er wusste nicht: ‚ die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus‘ – und er wollte auch nicht, dass die Liebe die Furcht austreibe… Es wäre ganz falsch, Konstantin Leontjew als Vertreter und Sprachrohr der wahren Traditionen der Orthodoxen Kirche zu sehen, oder zumindest ihrer asketischen Richtung. Leontjew behauptete die Asketik lediglich… sie war für ihn wie ein Zauberwort, mit dem er seine Furcht wegzauberte.“ (Флоровский Г., прот. Пути русского богословия… С.302)

[49] Hier ist eine für Leontjew typische Aussage: „Gesellschaftliche Organismen ähneln physischen Organismen (…). Es ist leichter, dem Organismus zu schaden, als ihm zu nutzen. Es ist leichter, einen Organismus zu zerstören, als seine ideale Entwicklung zu fördern. Was aber unseren Organismus betrifft: er erkrankte im Jahre 1861 an egalitärem Liberalismus (…). Nun versuchen wir, ihn zu heilen(…) Ob es uns gelingen wird?“(Леонтьев К.Н. Записки отшельника // Леонтьев К.Н. Избранное. – М.: Рарог, Московский рабочий, 1993. – С.261). Gerechtigkeitshalber merken wir an, dass Leontjew sich nicht umsonst fürchtete – die Heilung ist uns nicht gelungen…

[50] [Seraphim (Rose), Mönchpriester. Orthodoxie und die Religion der Zukunft] Серафим (Роуз), иером. Православие и религия будущего. – М.: Об-во любителей правосл. лит-ры, Изд. им. свт. Льва. – S. 18. Da die 1980er Jahre lange vergangen sind und diese Worte heute ziemlich konfus anmuten, sind sie in vielen neueren Auflagen von „Orthodoxie und die Religion der Zukunft“ nicht mehr zu finden. Entweder sind sie ausgelassen, oder der ganze Absatz wurde umformuliert; manchmal fehlt er sogar ganz. Beispiele s. in: 1) Серафим (Роуз), иером. Православие и религия будущего // Серафим (Роуз), иером. Святое Православие: XX век. – М.: Донской м-рь, 1992. – С.92; 2) Серафим (Роуз), иером. Православие и религия будущего. – М.: Паломник, 2005. – С.38; 3) Серафим (Роуз), иером. Православие и религия будущего // http://www.pravoslavie.ru/put/biblio/rose_prb/rose01.htm.

[51] Beim hl. Erleuchter Ignatius ist die eschatologische Problematik eher individuell (s. sein berühmtes «Слово о смерти» [„Wort über den Tod“]) als global ausgerichtet. Er schrieb allerdings auch viel über den Antichrist und die letzten Zeiten. Sein ausdrucksvolles Werk «О чудесах и знамениях» „Über Wunder und Zeichen“, das in der USA als Einzelbroschüre (Jordanville 1960) genau zum Zeitpunkt des Eintritts von Eugene Rose in die Orthodoxe Kirche veröffentlicht wurde, musste  den zukünftigen Missionar und Katechisten erschüttern.

[52] Erzbischof Theeofan (Bystrov) (1872-1940), zweifellos ein außerordentlicher Hierarch, Theologe und geistlicher Vorkämpfer, wirkte als Lehrer des Erzbischofs Averky (Taushev), dessen Werke das Gedenken Seiner Eminenz Feofan durch die Veröffentlichung seiner Biographie und Predigten verewigte (Высокопреосвященный Феофан, архиепископ Полтавский и Переяславский.  - Джорданвилль, 1974). Die Autorität von Erzbischof Feofan war für Vater Seraphim über jeden Zweifel erhaben; so zitierte er dessen Offenbarungen neben patristischen Prophezeiungen. Ein Beispiel: „Im Jahre 1930 fasste Erzbischof Feofan von Poltawa die Prophezeiungen zusammen, die er von Starzen erhalten hatte, die fähig gewesen waren, die Zukunft vorherzusehen: ‚Sie fragen mich nach der nahen Zukunft und den kommenden letzten Zeiten. Ich spreche davon nicht selbst, sondern gebe das weiter, was die Starzen mir offenbart haben. Die Ankunft des Antichrist soll bevorstehen, sie sei schon ganz nah. Die Zeit, die uns von seiner Ankunft trennt, sei mit Jahren, höchstens Jahrzehnten messbar. Doch vor seiner Ankunft solle Russland sich wiederbeleben, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Es werde auch einen Zaren geben, durch den Herrn selbst auserwählt. Dieser würde ein Mensch heißen Glaubens, tiefen Verstandes und eisernen Willens sein.  Das ist es, was uns über ihn offenbart wurde. Und wir werden auf die Erfüllung dieser Offenbarung warten. Viele Zeichen weisen darauf hin, dass sie sich nähert; es könne aber auch geschehen, dass der Herr sie wegen unserer Sünden ausfallen lässt und sein Versprechen ändert. Laut der Bezeugung des Wortes Gottes kann auch das passieren.“ (Серафим (Роуз), иером. Будущее России и конец мира // http://golden-ship.ru)

Allerdings ist unbekannt, ob Vater Seraphim wusste, dass Grigorij Rasputin sich das Vertrauen der Zarenfamilie durch die Protektion Seiner Eminenz Feofan erschlichen hatte: „Seine Eminenz Feofan besuchte selbst, auf Bitte der Zarin, Sibirien, um die Vergangenheit von Grigorij Rasputin selbst zu erforschen. Die Ergebnisse seiner Reise brachten nichts Lästerliches zum Vorschein. Doch scheint sich seine Meinung über Rasputin nach einer Weile geändert zu haben, und zwar aufgrund verschiedener Meldungen und einigen Beichten, die er abgenommen hatte. Anfang 1911 unterbreitete Bischof Feofan dem Synod den Vorschlag, der Zarin die Unzufriedenheit in Bezug auf das Verhalten Rasputins offiziell zum Ausdruck zu bringen. Die im Synod tagenden Bischöfe weigerten und erklärten ihm, dass dies als geistlichem Vater der Zarin seine Angelegenheit sei … Im Herbst 1911 sprach Seine Eminenz mit der Zarin etwa anderthalb Stunden, und diese, so Seine Eminenz, ‚war sehr beleidigt‘ (…)  Im Herbst 1912 wurde er von der Krim nach Astrachan versetzt“, (Бэттс Р., Марченко В. Духовник Царской Семьи. Архиепископ Феофан Полтавский, Новый Затворник. – М.: Даниловский благовестник, 2010. – С.67-68)

[53] Auch hier muss wie in vielen anderen Fällen festgestellt werden, dass Vater Seraphim beim hl. Erleuchter Johannes durchaus tiefe und richtige Gedanken finden konnte und tatsächlich fand: „1938 sprach Bischof Johannes von Shanghai in seinem Vortrag vor dem Bischofskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland von der apokalyptischen Mission des sich im Ausland befindenden russischen Volkes: ‚Auch wenn der Herr das russische Volk bestraft, zeigt ER ihm zugleich den Weg zum Heil, und zwar dadurch, dass ER es zum Prediger der Orthodoxie in der ganzen Ökumene macht. Die russische Zerstreuung machte alle Enden der Welt mit der Orthodoxie vertraut, denn viele russische Flüchtlinge sind (meist unbewusst) Prediger der Orthodoxie. Den im Ausland lebenden Russen ist die Fähigkeit gegeben, in der Ökumene mit dem Licht der Orthodoxie zu leuchten, damit andere Völker ihre gute Taten sehen und damit unseren Vater, der  im Himmel ist, verherrlichen, und dadurch das Heil erwerben (…). Das Ausland soll sich auf dem Weg der Reue bekehren und, nachdem es Verzeihung erbeten und sich spirituell wiederbelebt haben wird, fähig werden, auch unser leidendes Vaterland wiederzubeleben‘.“ (Иером. Серафим (Роуз). Будущее России и конец мира // http://golden-ship.ru)

[54]Mönchpriester Damascene (Christensen) schreibt über Vater Seraphim: „Das Thema der Apokalypse war für ihn so wichtig, dass er wahrscheinlich selbst angefangen hätte, einen auf der patristischen Lehre basierenden Kommentar darüber zu schreiben, wenn es nicht die brillante Apokalypse-Auslegung von Erzbischof Averky gegeben hätte.“ (Дамаскин (Христенсен), иером. Предисловие // Апокалипсис в учении древнего Христианства / Толк. архиеп. Аверкия (Таушева), ред., прим., вступ. ст. и жизнеопис. автора иером. Серафима (Роуза) – М.: Росс. Отд. Валаам. Об-ва Америки, 2001. – С.6). Deshalb wirkte Vater Seraphim an der Edition und Veröffentlichung der Auslegung Seiner Eminenz Averky mit, stattete sie mit Vermerken aus und schrieb ein Vorwort.

[55] Der Artikel vom Archimandrit Konstantin (Zaitsev) «Православие и инославие перед лицом антихриста» [„Orthodoxie und Heterodoxie vor dem Gesicht des Antichrists“] ist in der Anlage zur Auslegung der Apokalypse von Erzbischof Averky in der oben erwähnten Ausgabe enthalten. 

[56] Im Jahre  1966 schrieb Eugene Rose, damals noch als orthodoxer Laie, in sein Tagebuch: „Was ist denn unser Weg, wo führt er hin? (...) Es ist klar, dass er zur Bildung einer monastischen Bruderschaft und einer Skite führt (wie kühn dies auch immer klingen mag), und im Weiteren zur Gründung eines missionarischen Zentrums“. Zit. nach: [ Damascene (Christensen)] Дамаскин (Христенсен), иером. Не от мира сего. Жизнь и учение иеромонаха Серафима (Роуза) Платинского… С.314.

[57] «Mögen wir, wenn wir die heiligen Orthodoxie lieben und hochschätzen, uns dazu bekehren und anfangen, danach zu leben (…) und die orthodoxe Lebensweise in unsere gottlose, barbarische Zeit zurückbringen“ (Серафим (Роуз), иером. Живая связь со Святыми Отцами // Серафим (Роуз), иером. Американский просветитель русского народа. Сборник трудов. – М.: Никея, 2010. – С.115).

[58]Wenn wir in der Biographie vom Vater Seraphim  lesen, dass er die Bäume in seiner St.-Herman-Skite in Platina segnete und küsste  (s.: [Damascene (Christensen), Mönchspriester] Дамаскин (Христенсен), иером.  Не от мира сего. Жизнь и учение иеромонаха Серафима (Роуза) Платинского… С.443), verstehen wir, dass dieser Mensch in der Orthodoxie sein wahres Glück gefunden hatte.

[59] Серафим (Роуз), иером.  По стопам святого Патрика, просветителя Ирландии и святого Григория Турского  // pravbeseda.ru/library.

[60] [Mönchpriester Seraphim (Rose): Die Seele nach dem Tod] Серафим (Роуз), иером. Душа после смерти. – СПб.: Царское дело, 1995. – С.83.

[61] Der von Vater Seraphim geschriebene Nekrolog für Archimandrit Konstantin (s. Американский просветитель русского народа, S.97-107) ähnelt, auch unter Berücksichtigung der Besonderheiten dieses Genres, in dem üblicherweise keine wesentliche Kritik geübt wird, eher einem Panegyrikus (Lobgesang) für einen Heiligen.

[62] Серафим (Роуз), иером. Святые отцы: верный путь Христианства // http://pravbeseda.ru/library

[63] Der hl. Erleuchter Johannes, der seit 1951 Erzbischof von Westeuropa war und dessen Kathedra sich zuerst in Paris und dann in Brüssel befand, wagte es, innerhalb seiner Diözese die Verehrung der westlichen Heiligen der ungetrennten Kirche wieder einzuführen. In orthodoxen Gotteshäusern begann man, der Hl. Geneviève (Genowefa), Patronin von Paris, des рl. Patrick, Erleuchter von Irland, und anderer Heiligen, die in Westeuropa bekannt sind, zu gedenken.

[64] Außerdem nutzte Vater Seraphim damals in Russland wenig bekannte Quellen wie „Die Geschichte der Franken“ vom heiligen Gregor von Tours und brachte in seinem Buch „Die Seele nach dem Tod“ neue Fakten über den heiligen Martin von Tours, dessen Gedenken einst auch in unseren Menologia vorgesehen war.

[65] In vielen Diözesen ist es immer noch üblich, dass Edwards, Victorias, Felixe und Alberts bei der Taufe umbenannt werden.

[66] Die Ablehnung der Ansichten von Erzpriester Alexander Schmemann und dessen Theologie äußerte sich bei Vater Seraphim so drastisch, dass sich Hegumen Herman (Podmoschenski) nach seinem Tod verpflichtet sah, Vater Alexander zu besuchen und ihn im Namen vom Vater Seraphim um Verzeihung zu bitten, da "er befürchtete, dass Vater Alexander die Kritik als persönliche Beleidigung wahrnehmen könnte“ ([Damascene (Christensen), Mönchpriester] Дамаскин (Христенсен), иером.  Не от мира сего. Жизнь и учение иеромонаха Серафима (Роуза) Платинского… С.474). Allerdings bleibt ungewiss, ob Vater Seraphim selbst um Verzeihung gebeten hätte, falls er ein Jahr länger gelebt hätte (Vater Alexander starb 1983).

[67] Dies bezieht sich vor allem auf den bekannten anglikanischen Liturgisten Gregory Dix (1901-1952), aus dessen, Buch «The Shape of the Liturgy» ([Form der Liturgie], 1945) Vater Alexander die Idee von einer Sonderrolle der Opferung in der Liturgie übernahm, die er versuchte, in seinen Werken zu entwickeln.

[68] Ein enger Freund vom Vater Alexander, Protopresbyter John Meyendorff, kam gar nicht in den Sinn, das zu verneinen: „Ohne solche Namen wie Jean Daniélou, Louis  de  Buyer und andere hätte die Weltanschauung von Vater Alexander sich nicht in dieser Weise geformt“ (Мейендорф И.,протопресв. Жизнь, которую стоило прожить // Свято-Владимирский богословский журнал. 1988. №1. Zit. nach: [Damascene (Christensen), Mönchpriester] Дамаскин (Христенсен), иером.  Отец Серафим (Роуз). Жизнь и труды… С.456).

[69] Vater Alexander rauchte die meiste Zeit seines Lebens; solange er gesund war, zwei Packungen Zigaretten am Tag. Er selbst sah das Rauchen als eine für ihn unüberwindbare Leidenschaft, die mit seiner allgemeinen Lebenswahrnehmung zutiefst verbunden war.  Laut Victor Petlyuchenko benutzte Vater Alexander nur einmal am Tag ein Streichholz, nämlich um die erste Zigarette anzuzünden; danach entzündete er jede Zigarette an der vorherigen.

[70] Wie in seinen „Tagebüchern“ zu sehen ist, mochte Vater Alexander gute Restaurants und besuchte sie häufig in New York, Paris und den anderen Städten, in die er eingeladen wurde, um Vorlesungen zu halten. Dementsprechend fanden viele seiner theologischen Gespräche, Reden und Diskussionen in der entsprechenden, für ihn natürlichen Umgebung statt: „Gestern war ich beim Kirchenfest in Sea Cliff. Es gab zwei Bischöfe und eine Kreuzprozession, es war ein fantastischer Sonnentag, voller Vorfreude auf die Versenkung ins ‚Fest‘ und das Feiern. Danach gab es ein Bankett und meine für mich selbst unerwartet ‚starke‘ Rede“ (Шмеман А.,прот. Дневники: 1973-1983... С.123).

[71] Серафим (Роуз), иером. Святые отцы: верный путь Христианства // http://pravbeseda.ru/ Vater Seraphim verschwieg in seiner angeborenen  Korrektheit die sehr freie Einstellung von Vater Alexander zum Fasten und zur Großen Fastenzeit, worüber Schmemann selbst ein sehr schönes Buch schrieb. Das bezeugte „ein Bischof der Orthodoxen Kirche, dem am Sauberen Montag nach der inspirierenden Predigt, die Erzpriester Schmemann zum Beginn des Fastens verlesen hatte, im Haus der Prediger ein gebratenes Hähnchen zum Essen angeboten wurde“. Zit. nach: Друзь И. Идеология священника Александра Шмемана // http://ruskline.ru/analitika .

[72] Шмеман А., прот. Дневники: 1973-1983... С.37.

[73] Zit. nach: [Damascene (Christensen), Mönchspriester] Дамаскин (Христенсен), иером.  Не от мира сего. Жизнь и учение иеромонаха Серафима (Роуза) Платинского… S.467. Durchaus symbolisch sind die Worte von Vater Damascene, mit denen er in seinem Buch die von Vater Seraphim an Schmemann geübte Kritik erklärt und bestärkt: „Wie René Guénon schrieb, ‚kann ein Aufstand gegen die traditionelle Weltanschauung nicht auf halbem Weg gestoppt werden‘ (Ebenda, S. 467). Es gelingt also nicht, diese Polemik auf die schöne vollendete Formel ‚der monastische Asketismus gegen den akademischen Liberalismus‘ zu reduzieren. Vater Seraphim scheint die Theologie von Vater Alexander eher durch die Brille von René Guénon als die des hl. Erleuchters Ignatius betrachtet zu haben. Interessant ist, dass in der neuen, der ‘bereinigten‘ Edition der Lebensbeschreibung von Vater Seraphim durch Vater Damascene diese Aussage von Guénon ausgespart ist; die Worte von Vater Seraphim ‚die kommenden Generationen werden ein gottesfeindliches Verdikt sprechen‘ werden übersetzt als ‘die kommenden Generationen werden unvermeidlich ikonenfeindliche Schlussfolgerungen ziehen‘.“ S.: [Damascene (Christensen), Mönchspriester] Дамаскин (Христенсен), иером.  Отец Серафим (Роуз). Жизнь и труды… С.457).

[74] Vgl.: „Fast in jeder Ausgabe des ‚Orthodoxen Wortes‘ platzierten die Platina-Väter die Vita eines geistlichen Vorkämpfers, eines wahren Gotterkenners. Die Väter wussten, dass Menschen vor allem durch die Liebe zu Eiferern selbst in Eifer gebracht werden.“ ([Damascene (Christensen), Mönchspriester] Дамаскин (Христенсен), иером.  Отец Серафим (Роуз). Жизнь и труды… С.462)

[75] Vgl. zum Beispiel: „In der Orthodoxen Kirche gibt es fast keine Mönche mehr, die es nicht für ihre heilige Pflicht halten, zwei Jahre nach ihrem Gelübde Traktate über das Jesusgebet, die Spiritualität und die Askese zu schreiben, über ‚geistiges Tun‘ zu belehren usw.“ (Шмеман А., прот. Дневники: 1973-1983... С.35).

[76] Die Kathedrale zu Ehren der Gottesmutterikone „Freude aller Trauernden“, die dank des Engagements des hl. Erleuchters Johannes von Shanghai erbaut worden war wo seine heiligen Gebeine ruhen und die für die Integration Eugene Rose ins kirchliche Leben so viel bedeutet hatte.

[77] Филлипс А., свящ. Дневники отца Александра Шмемана и единство Русской Церкви в рассеянии //http://ruskline.ru/analitika/2011/05/20/.

[78] Am 1. September 1951, als Georgy Fedotov in New York an der Ostküste heimgegangen war, ging Eugene Rose, sein späterer scharfer Kritiker, in die letzte Klasse einer Schule in San Diego an der Westküste.

[79] Серафим  (Роуз), иером. Святые отцы: верный путь христианства // Серафим  (Роуз), иером. Святое Православие: XX век. – М.: Донской м-рь, 1992. – С.55.

[80] Das Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Dmitri Lichatschow ist die größte Autorität im Bereich des altrussischen Bücherwissens und schätzte dieses Werk Fedotovs wie folgt ein: „Eine durchaus seriöse wissenschaftliche Forschungsarbeit über altrussische Heiligenvitae“ (Лихачёв Д.С. Предисловие //  Федотов Г.П. Святые Древней Руси. - Москва: Московский рабочий, 1991. – С.5).

[81] Федотов Г.П. Святые Древней Руси. - Москва: Московский рабочий, 1991. – С.147-148.

[82] Ebenda, S. 150.

[83] Davon schreibt auch Nikolaj Kostomarow: „Bartholomäus, der mit poetischer Einbildungskraft und der Neigung zum kontemplativen Leben begabt war, strebte seit dem Knabenalter ins Kloster“ (Костомаров Н.И. Преподобный Сергий // Сергий Радонежский и Троице-Сергиева Лавра в сочинениях русских историков и философов и воспоминаниях путешественников. –  Сергиев Посад: МГПП «Товарищество ОВСЕНЬ», 1992. – С.8-9.

[84] Ebenda,. S.151.

[85] Protopresbyter John Meyendorff schreibt: „ Uns persönlich kommt es so vor, als wäre es kaum möglich, einen ideologischen Unterschied festzustellen zwischen den byzantinischen Theologen, die von Palamas angeführt wurden, und den Persönlichkeiten, durch welche die byzantinische orthodoxe Kultur in die südslawischen Länder und über diese nach Russland  eindrang. Zu diesen Persönlichkeiten gehörte Patriarch Philotheos von Konstantinopel, Patriarch Euthymios von Tarnowo und Metropolit Kyprian von Kiew und ganz Russland. Letzterer arbeitete bekanntlich eng mit nordrussischen monastischen Kreisen zusammen, was von seiner erhaltenen Korrespondenz mit dem heiligen ‚Hegumen von ganz Russland‘  Sergius bezeugt wird“ (Мейендорф И.,прот .Историческое значение богословского творчества св. Григория Паламы //www.hesychasm.ru/library/creation/mey2.htm).

[86] Bei einem modernen Forscher finden wir folgendes Zeugnis: „in der monastischen geistlichen Elite von Byzanz entsteht eine individualistische Lehre, die, im Gegensatz zum Rationalismus, welcher die Verbindung zwischen dem Menschen und Gott zerstört, für den Menschen die Möglichkeit zum realen mystischen Begreifen Gottes und zur Begegnung mit Gott von Angesicht zu Angesicht begründete. Der Begründer dieser Lehre, Symeon der Neue Theologe (949-1022), wurde zum Vorläufer der hesychastischen Bewegung und der osteuropäischen Renaissance (…) Die Charakterzüge dieser neuen Welt Weltanschauung scheinen deutlich im «Слово о законе и благодати»  [‚Wort über das Gesetz und die Gnade‘] des Metropoliten Hilarion von Kiew“ (Иоанн (Экономцев), архим. «Золотой век» Симеона и древнерусская культура // Иоанн (Экономцев), архим. Православие, Византия, Россия. – М.: Христианская литература, 1992. – С.31-32). In einem anderen Werk schreibt derselbe Autor: „In seiner Ansprache an seine Landsleute, ‚die mit der Wonne der Bücher genug und übergenug satt wurden‘, setzte Metropolit Hilarion den Akzent auf ein anderes Begreifen des Wortes Gottes, das nicht durch Bücher vermittelt wird. Durch seinen Mund spricht die aufkommende Epoche des Gregor Palamas“ (Иоанн (Экономцев), архим. Исихазм и возрождение (Исихазм и проблема творчества) // Иоанн (Экономцев), архим. Православие, Византия, Россия… С.189).

[87] Федотов Г.П. Святые Древней Руси… С.150.

[88] Manche erwidern, dass die All-Heilige Theotokos auch dem hl. Rechtgläubigen Fürsten Andreas von Bogoljubowo in Bogoljubowo in der Nähe von Wladimir erschienen war - allerdings im Schlaf, was als mystische Erfahrung niederen Ranges angesehen wurde.

[89] Das bezeigen unter anderem die unverweslichen und wunderwirkenden Gebeine Dutzender Heiliger des Kiewer Höhlenklosters.

[90] Флоренский П.А., свящ. Троице-Сергиева лавра и Россия // Сергий Радонежский и Троице-Сергиева Лавра в сочинениях русских историков и философов и воспоминаниях путешественников. –  Сергиев Посад: МГПП «Товарищество ОВСЕНЬ», 1992. – С.36.

[91] Ebenda, S.37.

[92] Шмеман А., прот. Исторический путь Православия. – М.: Паломник, 1993. – С.354.

[93] Nicht ohne Grund empfiehlt der sehr erfahrene Historiker der russischen Religionsphilosophie Prof. Erzpriester Basile Zenkovsky, der nicht zu förmlicher Ehrerbietung neigt, zu diesem Thema das Buch von Georgy Fedotov «Святые Древней Руси» [„Die Heiligen Altrusslands“] (Зеньковский В.В., проф.-прот. История русской философии. – Ростов-на-Дону: Феникс, 1999. – Т.1. - С.56).

[94] Der heilige Mönch Nil von Sora ist der einzige der altrussischen Heiligen, der unter dem Namen „der große Starez“ in die Geschichte einging. S. bei Erzpriester Georges Florovsky: „Er war weder Philosoph noch Schriftsteller noch Theologe. Dennoch ging er in die Geschichte ein als ‘Starez‘ bzw. ‚Lehrer‘; Lehrer der Stille, Lehrer und Leiter im ‚geistigen Tun‘, im spirituellen Leben“ (Флоровский Г.,прот. Пути русского богословия. – Вильнюс, 1991. – С.21).

[95] „Mönche dürfen keine Dienstknaben haben und müssen sich auf jede Art vor glatten frauenähnlichen Gesichtern hüten“ (Предание Старца Нила Пустынника своим ученикам; и всем полезно его иметь // Нил Сорский, прп.Устав о скитской жизни //http://www.verapravoslavnaya.ru).

[96] Über die nicht eindeutigen, um nicht zu sagen, fatalen Folgen des Sieges der „Josephiten-Richtung“ des russischen Mönchstums (Anhänger des hl. Mönches Joseph von Wolokolamsk} von über die „Sawolschje-Richtung“(Anhänger des hl. Mönches Nil von Sora}  für die Geschichte der Russischen Kirche schrieben außer Georgy Fedotov auch andere Vertreter der „Pariser Schule“. Paradoxerweise konnte Vater Seraphim damit durchaus konform gehen. Das folgt nicht nur daraus, dass er Fedotov diese Schlussfolgerungen nie vorwarf, sondern vor allem aus dem Beispiel seines eigenen uneigennützigen Lebens in der Skite. Wir möchten übrigens daran erinnern, dass heute, außer Professor Alexei Osipov, wenige orthodoxe Katechisten folgendes ins Gedächtnis rufen: „Im Brief über die Antipathien zwischen den Starzen des St.-Kyrill- und des St.-Joseph-Klosters wird eine Erwiderung Josephs an Nil von Sora angeführt: ‚Wenn Klöster keine Dörfer haben, wie soll ein ehrenhafter und adliger Mensch sein Gelübde ablegen, und wenn es keine ehrenhafte Starzen gibt, wo sollen die Metropoliten oder Erzbischöfe oder Bischöfe oder ehrenhafte Leiter hergenommen werden? Und wenn es keine würdigen Starzen gibt, würde der Glaube erschüttert‘“ (Хрущов И. Исследование о сочинениях Иосифа Санина преподобного игумена Волоцкого. – Б.м., 1868. – С.177).

[97] „Auch wenn Nil, im Gegenteil zur allgemeingültigen spirituellen Tradition, wenig „Eigenes“ hat, ist dafür bei ihm alles eigenständig. Er lebt von der patristischen Tradition, sie lebt in ihm und wird in ihm wiederbelebt“ (Флоровский Г., прот. Пути русского богословия… С.21).

[98] Vgl. beispielsweise das Urteil von Dr. Jelena Romanenko (Historikerin an der Staatlichen Universität Moskau): „‘Предание‘ [‘Überlieferung‘] vom heiligen Mönch Nil von Sora zeigt Traditionalität und zugleich Eigenständigkeit als monastisches Typikon. Aus der Menge an Regeln des monastischen Lebens, die in den patristischen Werken und den Heiligenvitae enthalten sind (es ist anzumerken, dass die Vitae die wichtigste Quelle des Typikons der Skite des Nil von Sora sind), suchte er jene aus, die er als die Notwendigsten ansah, um seine Skite vor dem Einfluss ‚der Welt‘ und deren inneren Missverhältnissen zu behüten. Dazu zählt ein ganzes System an Regeln monastischer Uneigennützigkeit, das die ‚Überlieferung‘ des Starzen von Sora sogar von dem Typikon des hl. Mönches Sabas dem Geheiligten, welches ihm in Stil und Inhalt am nächsten kommt, abhebt und es zu einem eigenständigen Werk im Sinne der patristischen Literatur macht“ (Романенко Е.В.: Нил Сорский и традиции русского монашества // http://ve.vrn.ru/Publ/Ist/3-4/3_4.htm - Исторический вестник, №3 (1999), сайт Воронежской еп.).

[99] Федотов Г.П.: Святые Древней Руси… С.168-169.

[100] Auf dieser Weise werden wir uns kaum gegen den Heiligen versündigen, wenn wir zum Beispiel den heiligen Mönch Maxim den Griechen als Sohn des italienischen Renaissance bezeichnen. Charakter der Ausbildung und Gelehrtheit, Umgebung sowie die kulturelle Landschaft, in deren Rahmen die Persönlichkeitsentwicklung stattfand, ist die irdische, die seelische Dimension des Lebens eines Heiligen, welche seine Spiritualität keinesfalls diffamieren kann.

[101] Bekanntlich hatte der hl. Erleuchter Tichon (damals noch Timofej Kirillow) auf Staatskosten das geistliche Seminar zu Nowgorod absolviert, das von Erzbischof Amwrossij (Juschkevitsch) aus einer geistlichen (slawischen) Schule entwickelt worden war. In der Biographie Seiner Eminenz Amwrossij ist nachzulesen, wie die Ausbildung in dem von ihm eröffneten Seminar beschaffen war. Er selbst wurde 1690 in Kleinrussland geboren und erhielt die Elementarschulbildung auf dem Territorium des heutigen Polen. Dann  studierte er in der Mohyla-Akademie in Kiew, wo er später auch unterrichtete. Aus dieser Akademie, die damals unter starkem römischen Einfluss stand, berief er Lehrer für das Seminar zu Nowgorod. Das erklärt auch die enge Bekanntschaft des hl. Erleuchter Tichon von Sadonsk mit der römischen Schule und dem westlichen und ukrainischen Barock. Unserer Ansicht nach kann diese Tatsache seine heilige Reputation keinesfalls schmälern.

[102] Федотов Г.П.: Трагедия древнерусской святости  // http://ricolor.org/history/ka/period/fedotov/. Es ist bemerkenswert, dass dieser Artikel von Fedotov, als er dem Buch «Святые Древней Руси» [„Die Heiligen Altrusslands“] als 12. Kapitel hinzugefügt wurde, teilweise bearbeitet worden war und diesen sehr bezeichnenden Satz nicht mehr enthielt.

[103] Der direkte Einfluss des deutschen Pietismus auf die Werke des hl. Erleuchters Tichon kann heutzutage als bewiesen angesehen werden. Insbesondere betrifft dies das Buch von Johann Arndt „Von wahrem Christenthum“, das ins Russische übersetzt und in Halle (an der Saale) veröffentlicht worden war. S. dazu: Хондзинский П.,свящ. Два труда об истинном христианстве: Святитель Тихон Задонский и Иоганн Арндт // Журнал Московской патриархии, 2004. - № 2. – С. 62-73.

[104] Bei Prof. Nikolaj Gawrjuschin lesen wir: „Besonderen Erfolg bei den russischen Lesern genossen die Übersetzungen der Werke  von Johann Arndt (1555-1621) und John Mason (1706- 1763), was in erster Linie durch ‚Freimauerer‘ gefördert wurde. Arndt und Mason gemeinsam ist die Suche nach dem ‚wahren Christentum‘, mit Orientierung auf das theologische Erbe der alexandrinischen Schule und der ihr verwandten Traditionen des Stoizismus und die Ideale ‚des inneren Tuns‘, die Klerikalismus und äußerlichem Ritualismus unaufdringlich gegenübergestellt wurden. Ist das nicht dasselbe, womit einst die monastische Bewegung begonnen hatte? Also ist das Interesse der Freimauer am Jesusgebet ebenso nachvollziehbar so wie auch die Lektürevorlieben des hl. Erleuchters Tichon, was allerdings keine Rückschlüsse auf ihre spirituelle Verwandtschaft  zulässt…“ (Гаврюшин Н.К., проф. Самопознание как таинство: русская религиозная антропология // Гаврюшин Н.К. Русское богословие. Очерки и портреты. – Нижний Новгород, 2011. – С.81).

[105] Die Teilhaftigkeit des hl. Seraphim an der mystischen Tradition, die mit dem Namen des hl. Mönches Sergius zusammenhängt, ist in seiner besonderen Verehrung des Sergius von Radonesch zu sehen, dessen Finift-Ikone, ihm nach seinem letzten Willen auf die Brust erlegt wurde, nachdem er heimgegangen war.

[106] Федотов Г.П. Святые Древней Руси… С.239.

[107] In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, dass der heilige Seraphim wahrscheinlich der einzige russische Heilige ist, der von vielen orthodoxen Griechen verehrt wird. Zum Beispiel befinden sich in der Empfangshalle der Jerusalemer Patriarchie nur zwei große Ikonen: rechts vom Patriarchenthron befindet sich eine Ikone des Apostels Jakob, des ersten Bischof Jerusalems, und links eine Ikone des heiligen Seraphim von Sarov.

[108] Ebenda, S. 238.

[109] Федотов Г.П. Трагедия древнерусской святости  // http://ricolor.org/history/ka/period/fedotov/.

[110] Vgl. beispielsweise den Artikel von Fedotov «Святой Мартин Турский – подвижник аскезы» [„Der heilige Martin von Tours als Eiferer der Askese“ und die Arbeit vom Vater Seraphim (Rose) «По стопам св. Патрика, просветителя Ирландии и св. Григория Турского» [ „Auf der Spur der Heiligen Patrick und Gregor von Tours“].

[111] Beispielsweise schätzte Fedotov die Poesie von Alexander Blok: „Die Zeit vergeht schnell und heilt politische Wunden. Für seine «Двенадцать» [‚Zwölf‘] verdient Blok ebenso Bewunderung wie der uns so wertvolle Puschkin, trotz seines «Клеветникам России» [‚An die Lästerer Russlands‘] (Федотов Г.П. Бердяев-мыслитель // [Nikolai Berdjaew: Selbsterkenntnis. Versuch einer philosophischen Autobiographie] Бердяев Н.А. Самопознание (Опыт философской автобиографии). – М.: Книга, 1991. – С.408-409). Es ist schwer vorstellbar, dass Vater Seraphim die Hervorbringungen des Autors der „Zwölf“ positiv eingeschätzt haben könnte.

[112] Über Georgy Fedotov hat Erzpriester Alexander Schmemann gut geschrieben: „Er war der erste, der die Methoden und die Technik der westlichen Hagiologie auf das Studium der russischen Heiligen kreativ und originell angewendet und einen ‚Stil‘ erarbeitet hat, den sich dann auch andere Forscher aneigneten… Auch wenn er keine ‚Schule‘ gegründet hat, ist fast alles von ihm beeinflusst, was im Bereich der Hagiologie wertvoll ist“. (Шмеман А., прот. Собрание статей: 1947-1983. – М.: Русский путь, 2011. – С.665)

[113] Серафим (Роуз), иером. Бытие: сотворение мира и первые ветхозаветные люди. Христианское православное ведение. – М.: Изд. Дом Русский Паломник, Валаамское общество Америки, 2009. – С.380.

[114] Серафим (Роуз), иером. Православие  и религия будущего. – М.: Паломник, 2005. – С.34.

[115] Ebenda, S.35-36.

[116] Er verkündete offen: „Ich bin kein Theologe, meine Methoden der Problemlösung sind überhaupt nicht theologisch. Ich bin ein Vertreter der freien Religionsphilosophie.“ [Nikolai Berdjaew: Selbsterkenntnis. Versuch einer philosophischen Autobiographie] Бердяев Н.А. Самопознание (Опыт философской автобиографии). – М.: Книга, 1991. – С.175)

[117] Es gibt keinen Grund, seinem Geständnis nicht zu trauen: „Nach bestem Wissen und Gewissen kann ich mich nicht als Orthodoxen ansehen; aber die Orthodoxie stand mir näher als Katholizismus und Protestantismus, und ich verlor nie die Verbindungen zur Orthodoxen Kirche, auch wenn deren konfessionelle Selbstbehauptung und Ausschließlichkeit mir immer fremd und unangenehm waren“ (Бердяев Н.А. Самопознание (Опыт философской автобиографии)… С.175).

[118] S. bei Georgy Fedotov: „Sicherlich irrt der Westen mit der Einschätzung, Berdjaew sei ein typischer Vertreter der russischen Orthodoxie. Berdjaew selbst störte dieses ständige Missverständnis“. (Федотов Г.П. Бердяев-мыслитель // [Nikolai Berdjaew. Selbsterkenntnis. Versuch einer philosophischen Autobiographie] Бердяев Н.А. Самопознание (Опыт философской автобиографии)… С.395)

[119] In der Zelle von Vater Seraphim hing, wie durch Fotos dokumentiert ist, das Portrait von Iwan Kirejewskij über dem Schreibtisch, neben der Ikone des heiligen Mönches Seraphim von Sarov. Dieses Detail scheint uns bemerkenswert: das Ideal der ganzheitlichen Persönlichkeit, in der russischen Philosophie durch  Kirejewskij verkündet und verkörpert, war für Vater Seraphim, Vertreter der durch Kirejewskij durchaus kritisierten westlichen Zivilisation, außerordentlich anziehend. Es ist eine andere Frage, inwiefern es ihm selbst gelang, sich diesem Ideal anzunähern.

[120] Jedenfalls zitiert er Berdjaew in seinem Werk „Orthodoxie und die Religion der Zukunft“ nach einem Artikel aus der Jordanville-Zeitschrift „Orthodox Life“, dessen Titel für sich spricht: Gregerson J. Nicolas Berdyaev, Prophet of New Age // Orthodox Life. Jordanville, New York 1962, Nr. 6.

[121] Hier ist ein Fragment der „lyrischen Erinnerungen Berdjaews an seine in Kiew verbrachte Kindheit: ‚Im Höhlenstadtteil, in den Klöstern, gab es ein orthodoxes kirchliches Ambiente; aber nach dem Tod meiner Großmutter zog unsere Familie aus dem  Höhlenstadtteil fort, und wir waren nur noch selten dort. Zudem mochte ich die Mönche nicht so richtig. Jedesmal, wenn ich im Höhlenstadtteil war, spürte ich Melancholie und Schwermut. Für mich war etwas Friedhofsartiges damit verbunden.“ ([Nikolai Berdjaew. Selbsterkenntnis. Versuch einer philosophischen Autobiographie] Бердяев Н.А. Самопознание (Опыт философской автобиографии)… С.171)

[122] Dies ist jedenfalls der Sinn der Belehrungen, mit denen der heilige Mönch Seraphim einen jungen und eifrigen orthodoxen Missionar unterrichtete: „Also, Vater Archimandrit, ihre Lehre besagt, dass sie Gutes tun, dass sie an Jesus Christus glauben, die Mutter Gottes und die Heiligen verehren und sie in ihren Gebeten anrufen; wenn Sie ihnen aber jetzt erzählen, dass ihr Glaube eine Irrlehre sei, werden sie Ihnen nicht zuhören (…) Wenn Sie aber den Leuten sagen, dass sie gut daran tun, an Gott zu glauben, die Mutter Gottes und die Heiligen zu verehren, in die Kirche zum Gottesdiensten zu kommen und zu Hause zu beten, das Wort Gottes zu lesen und so weiter, aber sich in dieser und jener Hinsicht irren, und diese Irrtümer berichtigen müssen, dann wird alles gut, und der Herr wird sich über sie freuen, und so werden wir alle durch die Gnade Gottes errettet werden (…) Gott ist Liebe, und deshalb soll auch die Predigt immer von der Liebe ausgehen, denn dann gibt es Nutzen sowohl für denjenigen, der predigt, als auch diejenigen, die zuhören; wenn wir aber tadeln, wird die Seele des Volkes nicht zuhören, und es wird keinen Nutzen geben.“ (Софроний (Сахаров), архим. Преподобный Силуан Афонский.–Свято-Троицкая Сергиева Лавра, 2006. – С. 70-71)

[123]„Berdjaew war intolerant gegenüber jeder Diktatur, ob nationalsozialistisch, francististisch oder stalinistisch; – und nachdem die Deutschen Paris besetzt hatten, unternahm er als damals schon sehr bekannte Persönlichkeit alles, um den Menschen zu zeigen, wie inakzeptabel die nationalsozialistische Gewalt war. Er schrieb viel gegen die Nazi-Ideologie, stets offen und scharf. Er wurde beinahe verhaftet, doch selbst die Gestapo wusste von seiner Prominenz und wagte es sich nicht, gegen ihn vorzugehen. Er verfolgte auch sorgfältig die Frontmeldungen. In seiner Seele war er mit der Roten Armee und mit Russland verbunden: trotz allem wünschte er ihnen den Sieg“. (Мень А., прот. Николай Aлександрович Бердяев (фонограмма) // Мень А., прот. Мировая духовная культура. – Нижний Новгород: Нижегородская ярмарка, 1995 // www.alexandrmen.ru).

[124] Damals schrieb Berdjaew: „In Wirklichkeit ist das Sendschreiben des Metropoliten Sergius ein Aufschrei des Herzens der Orthodoxen Kirche in Russland, der sich an die orthodoxe Kirche im Ausland wendet: tut bitte etwas für uns, für die Mutterkirche, denkt an uns, lindert unsere Qual, bringt für die Russische Kirche ein Opfer; bis jetzt führten die verantwortungslosen Worte ihrer Hierarchen (beim Karlowitz-Konzil und -Synod) nur ins Gefängnis, zur Erschießung und zum Martyrium; sie brachten die Orthodoxe Kirche in Russland in Gefahr, völlig zerdrückt und vernichtet zu werden; möge dies bitte nicht geschehen.“ (Бердяев Н.А. Вопль Русской Церкви // Феодосий (Алмазов), архим. Мои воспоминания (Записки соловецкого узника). - М.: Крутицкое Патриаршее подворье. Общество любителей церковной истории, 1997. – С.250-251) Und weiter: „Wir müssen den großen Unterschied zwischen der Orthodoxen Kirche in Russland und in der Emigration verstehen. Die Orthodoxe Kirche in Russland ist die Märtyrerkirche, die ihren Kreuzweg bis zum Ende geht. Die Orthodoxe Kirche in der Emigration ist keine Märtyrerkirche; ihre Bischöfe wissen nicht, was das Martyrium ist, denn in der Vergangenheit haben sie sich an der privilegierten Lage im Staat gewöhnt, und im Ausland leben sie in Freiheit.“ (Ebenda, S.251)

[125] Beispielsweise schrieb Vater Seraphim: „Wir sollten uns nicht besonders freuen, wenn wir zur Moskauer Patriarchie gehören, deren Generäle (also die Bischöfe) bestechlich und träge sind. Heute erschlug der Geist des Sergianismus und des Säkularismus die ganze Orthodoxe Kirche. Aber ungeachtet dessen sind wir berufen, das Heer Christi zu sein.“ (Seraphim Rose: The Orthodox Revival in Russia as an Inspiration for American Orthodoxy // The Orthodox Word, 1988. - №138.- p.45 // Цит. по: [Damascene (Christensen), Mönchpriester] Дамаскин (Христенсен), иером.  Не от мира сего. Жизнь и учение иеромонаха Серафима (Роуза) Платинского… С.855).

[126] Erzbischof Averky von Syracuse und vom Dreiheitskloster (1906-1976) war Freund des hl. Erleuchters Johannes von San Francisco, was ihm eigentlich die Sympathie von Seraphim (Rose) sicherte, welcher, wie erwähnt, ein geistliches Kind des hl. Hierarchen Johannes war. Der Biograph von Vater Seraphim schreibt dazu: „Unter den modernen Autoren, die über die Orthodoxie schrieben, übte Erzbischof Averky von Jordanville auf Vater Seraphim den größten Einfluss aus“. ([Damascene (Christensen), Mönchspriester] Дамаскин (Христенсен), иером.  Не от мира сего. Жизнь и учение иеромонаха Серафима (Роуза) Платинского… С.689)

[127] Аверкий (Таушев), архиеп. О сатанизме и коммунизме //  http://www.eshatologia.org/644-o-satanizme-i-kommunizme.html

[128] Vgl. z.B. Аверкий (Таушев), архиеп. Всему своё время. – М.:  Изд. Сретенского м-ря, 2006. Hier gibt es Aufrufe, „den Weg der kompromisslosen Intoleranz des satanischen Bösen, welcher das pseudochristliche Küssen mit dem Antichrist sicherlich ausschließt, zu wählen“ (S.47). Da aber im Kontext (eventuell ausgerechnet in dieser Edition) nicht näher präzisiert wird, was „das satanische Böse“ sein soll, sind all diese Aufrufe gewissermaßen rhetorisch und abstrakt.

[129] Аверкий (Таушев), архиеп. Есть ли у нас покаяние? // http://www.hram-vsr.ru

[130] Воззвание 1955 г. (По поводу исповеднического подвига Палестинских монахов, не признавших власти Московской патриархии). - Православная Русь, 1955. - №21. - Стр. 5.

[131] Zit. nach: Фомин С. Джорданвилльский отшельник // Константин (Зайцев), архим. Чудо Русской истории. – Джорданвилль, 1970 // http://www.apocalypse.orthodoxy.ru.

[132] Пестов С. Несходные сходства // http://www.doroga-vmeste.ru

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