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«Wir dienen Gott nicht, wenn wir in unseren theologischen Schlüssen nicht sorgfältig sind»: Interview mit dem Metropoliten Kallistos (Ware) (England) speziell für das Internetportal Bogoslov.ru

19. Februar 2008
Im Interview werden Fragen des gegenwärtigen Zustandes der
Theologie im Westen und in Russland berührt. Der berühmte Wissenschaftler und Patrologe teilt mit uns seine Beobachtungen über das gegenseitige Durchdringen der orthodoxen theologischen Tradition und der neuesten Tendenzen in der katholischen und protestantischen Theologie.

Erzpriester Pawel Welikanow:
Eure Eminenz, wir eröffnen ein theologisches Internetportal, das ein Arbeitsmittel für Theologen werden soll. Den russischen Theologen, die geistlichen Schulen mit eingeschlossen, ist die westliche Theologie wenig bekannt. Unser Anliegen ist es, die gesamte Palette der theologischen Wissenschaft, wie sie in der ganzen Welt präsent ist, einschließlich der orthodoxen und der nicht orthodoxen Theologie, darzustellen. Wie bewerten Sie den aktuellen Zustand der orthodoxen Theologie, in der, wie auch in jeder anderen Wissenschaft, Aufstiege, Stagnation und Tiefen existieren. Wie sieht die Lage heute aus?

Metropolit Kallistos (Ware): Was die orthodoxe Theologie betrifft, so scheint es mir, konnten wir im 20. Jahrhundert zwei Haupttendenzen beobachten. Die erste Tendenz kann als Russische religiöse Renaissance charakterisiert werden, und die Zweite als neopatristische Synthese. Zweifellos sind diese zwei Tendenzen untrennbar mit einander verbunden. Wenn ich über die russische religiöse Renaissance rede, so meine ich vor allem die Prozesse, welche die ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in Russland und dann auch außerhalb seiner Grenzen vor sich gegangen sind. In erster Linie meine ich Vater Sergij Bulgakow, Vater Pawel Florenskij und, vielleicht am Rand, Nikolaj Berdjajev, obwohl dieser sich selbst nicht zu den Theologen zählte.

Wenn ich über die neopatristische Synthese spreche, so meine ich natürlich die Väter Georgij Florowskij und Wladimirs Losskij. Wir können in einem gewissen, wenn auch anderem Sinn, auch den Metropoliten John Zizioulas von Pergamon als einen  Vertreter der neopatristischen Synthese betrachten.

Die russische religiöse Renaissance interessierte sich vor allem für solche Fragen wie die Beziehungen zwischen Religion und Philosophie, der Kirche und des Staates, der Religion und der Nation und für aktuelle Probleme der Ethik. Die neopatristische Synthese war im Allgemeinen nicht an der Lösung der aufgezählten Fragen interessiert. Sie hat sich vielmehr mit dem Problem des Verhältnisses zwischen Glauben und Dogmen beschäftigt, zwischen  Glauben und Gebet. Ich schätze die neopatristische Synthese überaus, denn in meinen Lehrjahren haben solche Theologen wie Florowskij und Losskij auf mich einen riesigen Einfluss gehabt. Ich sehe das große Interesse an der Philokalia und an der Lehre Gregors Palamas als die wichtigen Prozesse im Rahmen der neopatristischen Synthese an.

In der Orthodoxie im Westen überwogen im Laufe von 50 Jahre, d. h. von 1945 bis 1995, die Tendenzen der neopatristischen Synthese. Die  russische Religionsphilosophie war in diesen Jahren im Untergehen. Vater Sergij Bulgakow hatte keine unmittelbaren Anhänger. Das, was ich jetzt in der orthodoxen Theologie beobachte, ist eine Wiedergeburt der russischen religiösen Renaissance, und man kann sogar auf ein Zusammengehen der religiösen Renaissance und der neopatristischen Synthese hoffen.

Für mich wird im 21. Jahrhundert die wichtigste Frage der Theologie die  Frage der Anthropologie sein, d. h. die Frage nach der menschlichen Persönlichkeit. Und hier werden die Ideen sowohl der neopatristischen Synthese als auch der russischen religiösen Renaissance sehr wichtig sein. Zum Beispiel Pawel Jewdokimow - ein Theologe, der zur frühen Generation der Theologen gehört. In seinen Werken verband er die Elemente der neopatristischen Synthese und der russischen religiösen Renaissance. Obwohl er seine Ansichten in keine systematische Darstellung gebracht hat, hat er in seinem Schaffen doch diese zwei Elemente verbunden, und, was auch sehr wichtig ist, er hat große Aufmerksamkeit gerade den Fragen der Anthropologie gewidmet.

Eure Eminenz, heute sehen wir, dass im Westen das Interesse an der russischen Theologie und der orthodoxen Theologie insgesamt erheblich gewachsen ist. In diesem Zusammenhang zwei Fragen: Inwiefern ist die Rezeption der orthodoxen Theologie, der orthodoxen Lehre der Heiligen Väter durch die westlichen Theologie  adäquat? Die zweite Frage: inwiefern ist der Fakt dieser Rezeption für die orthodoxe Theologie wichtig und annehmbar?

Vor allem auf die zweite Frage bezogen kann ich sagen, dass die westlichen Schriftsteller uns helfen können, unsere orthodoxe Theologie besser zu verstehen. Ich werde mir erlauben, einige Beispiele anzuführen. Hier in Bose (Italien) besprechen wir das Thema der Verklärung Christi. Man kann sagen, dass das beste Buch, das in den letzten 50 Jahren geschrieben wurde und der Verklärung gewidmet ist, von Michael Ramsey geschrieben ist, dem Erzbischof von Canterbury (Arthur Michael Ramsey). Wenn ich mich nicht irre, kam das Buch in 50er Jahren heraus, und ist der orthodoxen Glaubenslehre sehr nah. Obwohl Michael Ramsey die orthodoxen Autoren unmittelbar nicht zitiert, legt er jedoch seine Lehre so aus, dass sie sehr nah an die der Orthodoxie herankommt. Wir Orthodoxen können vieles aus diesem Buch schöpfen.

Wenn man mich jetzt fragen würde, welche Bücher man zum Thema Verklärung lesen sollte, würde ich vor allem das Buch Michael Ramseys empfehlen, ebenso die «Einführung zu den Werken von Gregor Palamas" von Vater John Meyendorf sowie das Buch über die Verklärung von dem neuen griechischen Theologen Andreas Andreonopolus, das vom Seminar des Heiligen Wladimir herausgegeben wurde. Es ist sehr wichtig, dass unter diesen drei Büchern über das orthodoxe Verständnis der Verklärung ein Buch eines anglikanischen Autors zu finden ist.

Noch ein Beispiel: der neue Erzbischof von Canterbury Rowan Douglas Williams hat eine wichtige Arbeit über Wladimir Losski geschrieben. Leider wurde dieses Buch noch nicht in Englisch veröffentlicht, aber ich habe gehört, dass es schon ins Russische übersetzt wurde. Ein späteres Buch von Rowan Williams ist der Theologie von Sergij Bulgakow gewidmet, und noch eine neue Publikation, die bald erscheinen wird, handelt von Dostojewskij. Dies zeigt, dass wir Orthodoxe von einem weiteren Erzbischof von Canterbury über die Orthodoxie etwas lernen können. Im Großen und Ganzen denke ich, dass wir (Orthodoxe) viel bei der Generation der römisch-katholischen Theologen finden können, die in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts aktiv geschrieben haben. Hier meine ich vor allem Yves Congar, Jean Daniélou und Hans Urs von Balthasar.

Ich erwähnte bereits den Metropoliten John von Pergamon, der zur Zeit der hellste Stern unter den griechischen Theologen ist. Die beste wissenschaftliche Arbeit, die seinem Schaffen gewidmet ist, stammt von dem römisch- katholischen Theologen Paul Mc Cartland. Wiederrum ein Beispiel dafür, dass wir etwas Nützliches für uns erfahren können, indem wir lesen, was westlichen Forscher über die Orthodoxie schreiben. Wenn man über das Verhältnis zwischen der östlichen und westlichen Theologie sprechen will, muss man den neuen griechischen Theologen Christos Jannaras erwähnen. Genauer gesagt ist er ein Philosoph, der über theologische Themen schreibt. Er ist stark beeinflusst von den französischen und europäischen Existentialisten, in erster Linie von M. Heidegger. Der moderne britische Theologe Andrew Louth befand sich unter dem Einfluss der westlichen Philosophen, unter anderem von Hans-Georg Gadamer. Das alles zeugt von einer fruchtbaren Wechselbeziehung zwischen den orthodoxen und nicht orthodoxen Theologen, wie sie in den letzten 50 Jahren vor sich ging. Zum Beispiel Jean Danijelu, der sehr bekannte und einflussreiche französische Theologe. Er lenkte die Aufmerksamkeit des westlichen Publikums auf die Lehre der Kirchenväter. Er sagte, dass er gelernt habe sie zu lesen und sie, dank Mirre Lot-Borodino, als unsere  Zeitgenossen anzusehen und nicht nur als archäologische Objekte. Mirre Lot-Borodino lebte in Paris der 30-40-iger Jahre und war verheiratet mit einem französischen Historiker. Möglicherweise ist sie jetzt nicht so bekannt, doch sie hat eine sehr wichtige Rolle in der Entwicklung der orthodoxen Theologie gespielt.

Eure Eminenz, momentan beobachten wir, wie die Theologie aus den Mönchszellen, den Zellen der Asketen, in die Kabinette der Gelehrten wandert. Entspricht diese Erscheinung der Norm oder zeugt dies von dem Prozess der Säkularisation, der sich auch der Theologie bemächtigt. Wird im Endeffekt die Theologie nur eine Wissenschaft sein, die die Bindung zum wirklichen geistigen Leben verloren hat ebenso wie einen realen und praktischen Dialog mit Gott? 

Ich halte es für sehr wichtig, dass die von mir erwähnten Personen früher an Universitäten unterrichtet haben. Wie zum Beispiel Vater Sergij Bulgakow in der Geistigen Akademie unterrichtete, so unterrichtete Vater Georgij Florowski an solchen westlichen Universitäten wie Harvard. Das ist sehr bedeutsam. Ich bin überzeugt, dass wir Orthodoxe jenen wissenschaftlich-kritischen Methoden folgen sollten, die im Westen gebraucht werden. Der Herr Jesus Christus sagte selbst, dass Er die Wahrheit ist, und deshalb sollten wir über alle neuen Erkenntnisse im Bilde sein, die in der wissenschaftlichen Welt existieren. Wir dienen Gott nicht, wenn wir in unseren theologischen Schlüssen nicht sorgfältig sind. Andererseits sollte die Theologie keine ausschließlich akademische Disziplin werden. In der Theologie sollten wir suchen und nicht nur den rationalen Verstand finden, sondern das, was in der patristischen Tradition - Vernunft heißt, d.h. nicht nur einen Rationalismus, sondern auch die unmittelbare Erkenntnis der Wahrheit. Deshalb sollten wir in der Theologie die akademische Beschäftigung mit dem Gebet verbinden.

Jaroslav Jan Pelikan, der bekannte orthodoxe Theologe, strebte unmittelbar zur Synthese. Er war ein bemerkenswerter Universitätslehrer und hat sogar ein Buch "The idea of University» geschrieben. Soweit mir bekannt ist, war seine letzte Publikation "The Acts“. Was halten Sie von seinen Arbeiten?

Ich hatte das Glück, mit ihm sofort zusammenzutreffen, nachdem er orthodox wurde. Damals sagte er, dass er es nicht verstehe, warum er nicht schon 50 Jahren früher diesen Schritt getan habe. Jaroslav Jan Pelikan hat seinen Beitrag in der Theologie geleistet, nicht nur als Systematiker, sondern auch als Spezialist für Dogmengeschichte. Ich meine sein fünfbändiges Werk, das der christlichen Überlieferung gewidmet ist. Er hat dieses Werk geschrieben, als er noch ein Lutheraner war. Er orientierte sich jedoch auf die Ideen der russischen Theologie, weil er die slawischen Sprachen beherrschte. Deshalb unterschied sich sein Herangehen an das gegebene Thema von der traditionellen westlichen Vorgehensweise. Seine Sammlung von Dokumente der kirchliche Konzile sowohl aus dem Westen als auch aus dem Osten bleibt ein Juwel für die nächsten hundert Jahre.

Ich würde mich selbst zu den Vertretern der neopatristischen Synthese zählen. Doch für mich ist es nicht wichtig, was die Väter in den IV-VII Jahrhunderten geantwortet hätten, sondern was sie sagen würden, wenn sie jetzt leben würden. Wir sollten die Heiligen Vätern als unsere Zeitgenossen ansehen. Wir sollen nicht Papagei sein, sondern Adler.

Eure Eminenz, was würden Sie den Benutzern des Internetportals sowie allen jungen Theologen, die sich darauf vorbereiten Spezialisten auf dem Gebiet der Theologie zu werden, wünschen?

Ich wünsche ihrer Unternehmung alles Gute, und allen, die daran teilnehmen werden. An dieser Stelle möchte ich Euagrios Pontikos zitieren, den Schüler der Kappadokier: „Wenn du Theologe bist, dann betest du, wenn du in Wahrheit betest, bedeutet dies, dass du ein Theologe bist.“

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