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Paissij Velitshkowskij – Über das Starzentum

27. November 2012
„Zu dieser Zeit gab es in der Wüste relativ viele geistige Führer und die Menschen gingen mal zu dem einen, mal zu einem anderen, weil neben der Größe und der Erfahrung eines Asketen auch noch die geistige Nähe zwischen Schüler und Lehrer eine große Rolle spielt. Asketen von gleicher Heiligkeit, ebenbürtiger geistiger Größe waren umgeben von unterschiedlichen Schülern. Der eine konnte von dem einen etwas lernen, ein anderer jedoch die gleiche Sache nicht, weil sie vielleicht keine gemeinsame Sprache fanden und keinen Gleichklang zwischen ihren Seelen.“ – aus einem Gespräch über das Starzentum von Metropolit Antonij von Sourozh

Das Starzentum, wie wir es kennen in seinen Vertretern der letzten Staren von Optina, ist eine - so kann man das sagen - rein russische Erscheinung. Das Starzentum selbst, eine Tradition, aus der das russische Starzentum hervorgegangen ist, hat seine Wurzeln in der heiligen alten Zeit. Als die ersten Asketen der Welt den Rücken kehrten, begann die christliche Welt, die schon aufgehört hatte, ein Ort des besonderen Ringens mit sich selbst, des Bekennens und der Hingabe zu sein, aufzuweichen. So gingen die, die es ernst meinten, in die Wüste. Sie flüchteten nicht aus der Welt, sondern zogen sich zum Nahkampf mit dem Teufel und den dunklen Mächten, mit all der Finsternis, die sich im menschlichen Herz finden lässt, und all dem Dunkel, was der Hölle entspringt, zurück. Es waren starke, mutige Menschen. Ein Motto dieser Generation war: „Vergieß Blut und gewinne an Geist.“ Sie verbargen sich nicht vor den Christenverfolgungen, sie gingen einem härteren Kampf entgegen.

Die Christenverfolgungen gehörten in diesen Jahren schon der Vergangenheit an und die christliche Gesellschaft begann sich in der Welt einzurichten. Die ersten Asketen zogen sich mit nichts als der Kenntnis des Evangeliums – und diese war oft auch nicht sehr vollständig - in die Wüste zurück. Es gab damals wenige Menschen, die lesen und schreiben konnten. Die meisten kannten das Evangelium teilweise  auswendig, viele kannten die Erzählungen aus dem Evangelium, wenn auch nicht immer den genauen Wortlaut. Und so gingen diese Menschen in die Wüste, um dort, ohne sich auf Menschen oder andere äußere Dinge stützen zu können, in völliger Einsamkeit vor ihrem Gewissen gerade zu stehen, das heißt, vor dem Gericht Gottes, und gleichzeitig auf schonungslose Weise sich gegenüber nach einer Reinheit des Herzens und des Geistes, nach der Wahrheit und der Rechtschaffenheit, sowie nach einem stählernen Willen zu streben, um die Leidenschaften des Fleisches völlig zu besiegen. In diesem Kampf mussten sie gegen all die Kompliziertheit der menschlichen Seele antreten, die auf der einen Seite durchflutet ist vom Licht der Gnade, auf der anderen Seite jedoch von Leidenschaften, inneren Kämpfen und Schwankungen ständig verdunkelt ist, sowie von ständigen Einfällen durch die Mächte der Finsternis von außen ausgesetzt.  Ihr Kampf dauerte manchmal ganze Jahrzehnte, doch am Ende gelangten diese Krieger zu einer Reinheit des Herzens und des Geistes, zu einem festen Willen und einem abgestorbenen Fleisch und gewannen so die Fähigkeit, in endloser Schau vor Gott zu stehen, im Gebet und stetigem Ringen – und wenn dies nötig war – in ständigem Mitleid und unendlicher Liebe zu den Menschen, die zu ihnen kamen. In diesem langen, harten Kampf, in dem sie schonungslos gegen sich selbst auftraten, weil das Ziel ihres Kampfes der Herr war, und nicht der Mensch selbst, wurden in der Tat große Seelen geschmiedet. Als neue, junge Asketen, die in der Wüste leben wollten, zu den Älteren kamen, hatten diese ihnen etwas zu sagen und konnten ihre Erfahrungen mit dem Kampf und den Gefahren des Weges teilen. Denn sie wussten um die Geheimnisse des menschlichen Lebens und so konnten sie ihre Schüler anleiten, die den Kampf nun schon unter ihrer Aufsicht führten. Der Kampf wurde damit nicht leichter, doch die Schüler hatten die Gewissheit, dass sie auf dem richtigen Weg sind und nicht in eine Sackgasse geraten, solange sie ihrem Starzen gegenüber, dem weitaus erfahreneren Asketen, zu dem sie ja gekommen waren, unbedingten Gehorsam leisteten.  

Zu dieser Zeit gab es in der Wüste relativ viele geistige Führer und die Menschen gingen mal zu dem einen, mal zu einem anderen, weil neben der Größe und der Erfahrung eines Asketen auch noch die geistige Nähe zwischen Schüler und Lehrer eine große Rolle spielt. Asketen von gleicher Heiligkeit, ebenbürtiger geistiger Größe waren umgeben von unterschiedlichen Schülern. Der eine konnte von dem einen etwas lernen, ein anderer jedoch die gleiche Sache nicht, weil sie vielleicht keine gemeinsame Sprache fanden und keinen Gleichklang zwischen ihren Seelen.  …

Durch die Jahrzehnte hindurch, im Verlauf  der ersten drei Jahrhunderte des Mönchtums, wurden die wertvollsten Weisheiten dieses spirituellen Ringens gesammelt. Die Starzen und ihre Schüler schrieben gewisse Dinge auf: Beispiele aus dem Leben, Aussprüche, Hinweise und ganze Gespräche. So wurden durch die Jahrhunderte hindurch aus allen Ländern und allen Wüsten, aus allen Klöstern und Städten, in verschiedenen Sprachen, wahre Schätze zusammengetragen, die wir heute unter dem Namen Philokalie kennen. Die Philokalie dient heute als Grundlage der Wissenschaft vom Geistigen Leben der Orthodoxen Kirche. Viele Jahrhunderte hindurch existierte die Philokalie nur in griechischer Sprache, in die einst die syrischen und koptischen Texte übersetzt worden waren. Einige Bücher aus der Philokalie existierten auch in westlichen Sprachen, wie zum Beispiel die Aufsätze des Heiligen Johann Cassianus. Für die russischen Menschen bleib diese Schatzkammer jedoch unerreichbar und nur wenige Ausschnitte und Beschreibungen gelangen bis zu uns.

Im 18. Jahrhundert tauchte ein Mensch auf, der in der Geschichte der Spiritualität der Slawen eine entscheidende Rolle spielte. Der aus einer adligen Familie stammende gebürtige Ukrainer Paisij Velitshkowskij war zunächst in seiner Heimat auf der Suche nach einem rechten geistlichen Leben. Bald entschied er sich jedoch, auf den Athos zu gehen. In der Rus, jenseits der Karpaten, traf er auf einen bemerkenswerten geistigen Lehrer, auf Wasilij Poljanomerulskij, der ihn spirituell formte bevor er seinen Weg auf den Athos fortsetzte. Dort angekommen erlebte er jedoch eine herbe Enttäuschung: Er hatte erwartet, das der Athos nicht nur an gesammelten Handschriften reich war, sondern dass die Mönche dort auch aus eigener Erfahrung mit ihrem Inhalt vertraut sind und man es von ihnen auf direktem Wege lernen könnte, ein spirituelles Leben richtig zu führen, zu welchem sie sich aus den alten Handschriften Anleitung holten. Aber so war es nicht. Nur wenige konnten als Geistliche Lehrer dienen.

Daraufhin entschied sich Paisij sich zurückzuziehen und sich ganz der Lektüre zu widmen. Nachdem er die griechische Sprache erlernt hatte, begann er, die alten Belehrungen zu studieren und zu übersetzen. Relativ schnell versammelte sich um ihn herum eine ganze Gruppe von Mönchen, die ein tiefer durchdachtes asketisches Leben führen wollten. Sie lasen gemeinsam, übersetzen und suchten Hinweise für ihr eigenes Leben und gründeten eine kleine Klostergemeinschaft aus zwölf Mönchen. Ihr Weg jedoch, ihre Freundschaft, ihrer Bildung und ihr Interesse für die alten Schriften erweckte unter den ungebildeten und weniger spirituell geformten Mönchen Zweifel. Nach einiger Zeit waren sie deshalb gezwungen, den Athos zu verlassen und sich auf den Weg zu machen. So kamen sie zunächst nach Rumänien, wo sie sich niederließen. Dort gründete Paisij Velitschkowskij im Kloster von Njamezkij eine Bruderschaft, die sich sehr von den anderen Klostergemeinschaften seiner Zeit unterschied. Ihr gesamtes Leben war auf Prinzipen gegründet, die sie der Lektüre der Philokalie entnommen hatten. An der Spitze des Klosters nahm Paisij Velitschkowskij die Rolle eines wahren Starzen ein, so wie sie es in der alten Zeit in den Wüsten von Syrien, Ägypten und Palästina gewesen waren.  Alle Mönche, ja, alle Bewohner des Kloster kamen einmal am Tag zu ihm und eröffneten vor ihm ihre Gedanken. Sie erzählten alles, was in ihrer Seele im Verlaufe des Tages vor sich gegangen war. Und jedem von ihnen gab er einen genauen und sorgfältig durchdachten Rat, der auf dem, was er gelesen und selbst all die Jahre seines Suchens erlebt hatte, fußte. Sie beteten und arbeiteten gemeinsam, doch es gab etwas, wodurch sie sich von anderen unterschieden. Sie übersetzten die Philokalie systematisch aus dem Griechischen in das Slawische und das Rumänische. Sie waren unter der Aufsicht ihres Abts in Übersetzergruppen geteilt, arbeiteten den Tag über und besprachen abends gemeinsam die Übersetzungen, die sie den Tag über angefertigt hatten. Bis heute existiert eine Ausgabe der Philokalie mit Randglossen von Paisij Velitschkowskij. Aus diesen wird klar ersichtlich, dass sie den Sinn des Textes besprachen, und dabei nicht nur den wörtliche Sinn, sondern auch den tiefen spirituellen Sinn jedes Wortes des griechischen Originals, um ihn richtig in der viel ärmeren und noch nicht von der theologischen Tradition bereicherten slawischen Sprache wiederzugeben. Außerdem finden wir viele Spuren von Kommentaren zur Heiligen Schrift und zu Texten der Philokalie. Es gibt einen relativ großen Aufsatz zum Jesusgebet und vier sehr bemerkenswerte Einleitungen in asketische Bücher, geschrieben von dem Starzen Vasilij Poljanomerulskij, der sein eigener geistlicher Lehrer war. 

Von Paissij Velitschkowski ausgehend verbreitet sich die Tradition des Starzentums in  der gesamten slawischen Welt, insbesondere in Russland. Es begann damit, dass einige seiner Schüler nach Russland geschickt wurden: zwei in den Norden, in das Kloster von Valaam, das damals neu belebt wurde, andere nach Zentralrussland, in das Gebiet von Kaluga. Überallhin brachten sie das gleiche Prinzip: ein geistlicher Lehrer, der gereift war an eigener Erfahrung und Kenntnissen, die er aus der Lektüre und der Beschäftigung mit spirituellen Unterweisungen anderer, alter Asketen und geistiger Lehrer gewonnen hatte, und selbst die monastische Schule des Gehorsams, des Gebets und des Ringens mit sich selbst durchlaufen hatte. Um ihn herum einige Schüler, die viel Zeit mit der Lektüre, der Übersetzung und der Kommentierung asketischer Schriften verbrachten.

In Russland gingen diese zwei Zweige des Starzentums zwei unterschiedliche Wege, sie gediehen auf zwei verschieden Böden und so entwickelten sich eine Tradition im Norden und eine in Zentralrussland. Im Norden entfaltete sich das Starzentum anders als in Optina: Einige Starzen folgten aufeinander und ihre Methode der geistlichen Unterweisung bestand darin, ihren geistlichen Zöglingen die grundlegenden Prinzipien eines spirituellen Lebens aufzuzeigen und ihr inneres Leben zu lenken. Sie überließen es jedoch der eigenen schöpferischen Phantasie des Schülers dafür eine äußere Form zu finden.

In Optina war das Starzentum anders. Außer der inneren geistlichen Formung legte der Starez auch sehr viel Wert auf das äußerliche Verhalten, das Einhalten der Gebetsregel und auf alle Details des Lebens seiner geistlichen Zöglinge. Wenn wir uns einmal das Starzentum von Optina näher betrachten, dann können wir hier einige neue Züge erkennen. Einsersets blieb die Tradition des Paisij Velitschkowskijs lebendig: Die Lektüre der Heiligen Schrift und anderer geistlicher und asketischer Schriftsteller wurde fortgesetzt, auch das Leben in Askese wurde weitergeführt. Ebenso folgte ein Starez einem anderen und wählte selbst seinen Nachfolger, den er auf diesen Dienst besonders vorbereitete. Neben persönlicher Heiligkeit und besonderer Gaben gehörte hierzu noch eine ganze Schule, ja, eine ganze Wissenschaft vom Geistlichen Leben, was es am Anfang so noch nicht gegeben hatte.

Die bekanntesten Starzen Russlands vor der Revolution waren: Leonid, Makarij und Ambrosij. An der Schwelle zur Revolution: Anatolij und Joseph. Auch danach noch blieb das Starzentum eine gewisse Zeit noch bestehen.

Wenn man über die Starzen nachdenkt, die in Optina einander gefolgt sind, dann verblüfft, wie sehr sie sich doch voneinander unterscheiden. Ihnen allen war jedoch die Gabe des Heiligen Geistes eigen, ein Leben in Askese und die gnadenvolle Fähigkeit, das geistliche Leben anderer Menschen zu führen. Doch sie taten es auf sehr unterschiedliche Weise. Starez Leonid entstammte ursprünglich dem Militär. Er war sehr hoch von Wuchs und von mächtiger Statur. Er genoss kolossale Autorität und hatte einen sehr scharfen und rauen Führungsstil. Alles was wir heute von ihm, von seiner Person, wissen, trägt diesen Stempel der Rohheit und Macht. Seine Schüler versammelten sich abends in seiner Zelle, öffneten ihm ihre Seele und erhielten Anweisungen. Nach einiger Zeit kamen auch andere Menschen. Der Herr hatte ihm die Gabe der Hellsichtigkeit gegeben, doch er gebrauchte sie lange nicht mit jener Weichheit, mit der Ambrosij sie einsetzte. Starez Makarij kam aus der Schicht der Kleinbürger, aus einer Familie von Kaufläuten. Um ihn herum versammelten sich eine große Gruppe von sehr gebildeten Leuten, die die Philokalie nun schon aus dem Kirchenslawischen in das Russische übersetzten. Ambrosij war ein Schüler, der seinerzeit zum Starzen Makarij kam, der diesen dann zu seinem Nachfolger vorbereitete.  Eine Sache gilt es aber noch zu bemerken, nämlich dass im Zentrum des Lebens jedes Einzelnen das Ringen mit sich selbst stand, in dem sie ihre Seele für den Gehorsam Gott gegenüber und das Gebet öffneten. Es ist uns eine sehr interessante Begebenheit aus dem Leben des Starzen Ambrosius überliefert, wie sich zweimal Menschen mit der Bitte an ihn gewandt hatten, irgendeine komplizierte geistliche Frage bzw. eine Frage aus ihrem Alltag zu lösen. Beide Male gebot er ihnen, einige Tage zu warten und gab ihnen keine Antwort. Nachdem sie nun in beiden Fällen die Geduld verloren hatten und zu ihm kamen, um sich zu beschweren, antwortete er ihnen: Was kann ich euch sagen? Schon drei Tage frage ich die Gottesmutter und sie schweigt. Hieran sieht man, aus welch einer  Tiefe des Zwiegesprächs mit Gott, mit der Gottesmutter und mit den Heiligen die Starzen und Asketen ihre Antworten holten.

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