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Ein Orthodoxer Blick auf die Bioethik

6. Mai 2008
In den letzten Jahren gab es große Fortschritte auf den Gebieten der Medizin und Biologie. Man erfährt ständig Neues über wissenschaftliche Entdeckungen und Errungenschaften der Biotechnologie, so dass sogar Wissenschaftler und Experten es kaum noch vermögen, die Entwicklung der Ereignisse nachzuvollziehen. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, die Klonung höherer Säugetiere, neue Methoden der künstlichen Befruchtung und die Erforschung von Stammzellen - all das sind Beispiele für wissenschaftliche Erfolge, die, wie viele annehmen, es ermöglichen könnten, allmählich die Geheimnisse des Lebens zu enträtseln und eine Reihe von innovativen Heilmethoden zu entwickeln, die uns vor kurzem noch unerreichbar erschienen. Diese Erfolge haben großen Enthusiasmus hervorgerufen und den falschen Eindruck erweckt, dass wir nun das Leben unter Kontrolle hätten.

Allerdings ruft die Tatsache, dass wir nun in den Mechanismus des Lebens selbst eingreifen, auch Sorgen und Ängste vor möglichen unvorhersehbaren, fatalen Konsequenzen hervor. Darüber, welche Grenzen dem Eingriffen ins menschliche Leben gezogen werden müssen, ist ein heftiger Streit entbrannt. Und dadurch kam es zur Geburt eines neuen Wissenschaftsbereiches: der Bioethik.

Die Bioethik setzt sich zum Ziel, wissenschaftliche Errungenschaften zu bewerten, Kriterien und moralische Prinzipien zu erarbeiten, sowie zu begutachten, ob mit Hilfe der Wissenschaft Erreichbares auch moralisch richtig ist und dem Nutzen der Menschen dient.

Die Orthodoxe Kirche ist wegen dieser extrem raschen Fortschritte der Wissenschaft und der in diesem Zusammenhang entstehenden bioethischen Probleme zutiefst besorgt. Sie ist dazu berufen, eine moralische Bewertung diverser Eingriffe ins menschliche Leben zu geben und geistliche Aussagen zu treffen, die die heutige Menschheit aus der entstandenen Verwirrung erlösen. Die Kirche wird sowohl von Wissenschaftlern als auch von der Gesellschaft nach ihrer Meinung gefragt, und inzwischen gilt die Teilnahme von Kirchenvertretern und Theologen an bioethischen Ausschüssen als selbstverständlich.

In erster Linie wünschen sich die Gläubigen selbst, die Meinung der Kirche zu erfahren. Das sind Menschen, die bei Begegnungen mit schweren moralischen Dilemmata regelmäßig nach moralischer Anleitung suchen. Ist es moralisch richtig, abzutreiben, wenn Gefahr für Leib und Leben droht? Ist es moralisch richtig, das Leben älterer Menschen auf deren Wunsch zu beenden, wenn sie unheilbar krank sind? Ist es für ein kinderloses Paar moralisch richtig, eine extrakorporale Befruchtung, einen Leihmuttereinsatz oder in Zukunft sogar eine Klonung zu erbitten, was es Paaren ermöglichen würde, ein Kind maßgeschneidert nach ihren Wünschen zu bekommen?

Diese schwierigen Fragen sind nicht die einzigen, mit denen wir heute konfrontiert werden, und sicherlich erschöpfen sich die Überlegungen über die Bioethik nicht in ihnen. Und obwohl eine Menge interessanter bioethischer Ansätze existieren, die Licht auf diese Probleme werfen, werden wir uns im Rahmen dieses Essays zunächst auf die Erörterung dessen beschränken, wie die orthodoxe Theologie sie betrachtet.

Diverse moralisch zweifelhafte Eingriffe ins menschliche Leben können, je nach ihren Ergebnissen, in zwei Kategorien unterteilt werden: 1) solche, die das Leben beenden (Abtreibung in seinem frühesten und Euthanasie im letzten Stadium), und 2) solche, die menschliches Leben ermöglichen (extrakorporale Befruchtung, Leihmutterschaft und Klonung). Aber bevor wir diese zwei Kategorien betrachten, sprechen wir kurz darüber, wie die Orthodoxe Theologie die Fragen der Bioethik behandelt.

An diesem Punkt müssen wir in groben Zügen den Unterschied zwischen der christlichen und der weltlichen Position zur Bioethik schildern. Die weltliche Bioethik sieht Menschen als biologische Wesen an. Sie strebt danach, die Lebensqualität zu verbessern und versucht gleichzeitig, eine Problembewertung zu liefern, die die materiellen und sozialen Bedürfnisse der meisten Menschen befriedigt. Sie versucht auch, die unterschiedlichen Sichtweisen miteinander zu versöhnen und strebt damit die Übereinstimmung einer Mehrheit über die Anwendung der ethischen Prinzipien, deontologischen[1] Codes und sogar die diese Fragen reglementierenden Gesetze an[2].

Allerdings kann die christliche Bioethik eine derartige Vorgehensweise nicht akzeptieren, denn sie sieht die Menschen nicht nur so, wie sie sind, sondern auch als das, was sie zu werden berufen sind - nämlich Götter durch Gnade. Christliche Bioethik beschränkt sich nicht nur auf das irdische Leben und die Bedürfnisse, die Menschen in diesem Leben haben, sondern bedient sich auch der eschatologischen Perspektive, die ihr als ungleich wichtiger gilt[3].

In der christlichen Glaubenslehre besteht moralische Wahrheit nicht in der Übereinstimmung einer Mehrheit, sondern darin, was dem Willen Gottes entspricht. Christen vervollkommnen sich nicht in irgendeiner allgemeinen und abstrakten Geistlichkeit, sondern im geistlichen Leben, indem sie in eine persönliche Beziehung zum Heiligen Geist eintreten und sich bemühen, ihren eigenen Willen abzuweisen, so dass Gott in ihnen aufscheinen möge[4].

Der heilige gerechte Nikolaos Kavasilas bemerkt in seinem Werk „Das Buch vom Leben in Christus", dass das geistliche Leben sowohl aus Gnade bestehe, die wir in den Sakramenten der Kirche empfangen, als auch aus dem eigenen Kampf, diese Gnade dadurch zu verdienen, dass wir unseren Willen dem Willen Gottes gleich machen. Weiter schreibt er, dass es falsch sei, Leib und Blut Christi zu empfangen und geistlich anderen Sinnes zu sein, sich also zu weigern, die Worte des Herrn im eigenen Leben zu verwirklichen, die da lauten: „Dein Wille geschehe!"[5]

An diesem Punkt werden wir mit einer ernsthaften Schwierigkeit der moralischen Bewertung bioethischer Probleme konfrontiert: Sind wir überhaupt in der Lage, den Willen Gottes zu kennen und folglich zu wissen, was in Bezug auf solche Probleme moralisch geboten ist? Den Willen Gottes erfahren wir durch seine Manifestation in der Heiligen Schrift und der kirchlichen Überlieferung, den zwei Quellen der Göttlichen Offenbarung. Nun ist es aber so, dass die Heilige Schrift und die Kirchenväter uns nicht auf alle Fragen Antwort geben können, denn als diese Texte geschrieben wurden, waren die oben benannten Probleme, mit Ausnahme der Abtreibung, noch völlig unbekannt.

Die Tatsache, dass es in der kirchlichen Tradition keine fertigen Antworten auf diese Fragen gibt, bedeutet sicherlich nicht, dass die Kirche nicht fähig wäre, ihre heilsame Sendung zu erfüllen. Da alle bioethischen Fragen mit moralischen Problemen zu tun haben und in kritischen Lebensphasen aufbrechen, sollte ihre Bewertung sich auf die kirchliche Lehre über Entstehung, Wert, Charakter, Ziel und Endbestimmung des menschlichen Lebens stützen. Die kirchliche Lehre über die Heiligkeit, über die Schöpfung des Menschen „gemäß unserem Bild und gemäß Ähnlichkeit" (Gen.1,26), über Ehe, Zeugung und Geburt, über den Sinn von Schmerz und Leid sowie über das ewige Leben ermöglicht eine moralische Bewertung der bioethischen Probleme, die mit dem Willen Gottes übereinstimmt, wie er uns in der Offenbarung gezeigt worden ist.

Die orthodoxe Theologie hat eine schwierige Aufgabe: sich mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen vertraut zu machen und die Wahrheit ihrer soteriologischen Lehre - also der Lehre über die Erlösung des Menschen - in einer Sprache auszudrücken, die der modernen Welt verständlich ist.


I. Abtreibung

Die Praxis der Abtreibung, seit Urzeiten bekannt, ist nach wie vor ein drängendes Problem. Nach der Statistik werden  jährlich Tausende von Abtreibungen in den orthodoxen Ländern vorgenommen - sehr viel mehr als in westlichen Ländern. Obwohl die Abtreibung in der Bibel nicht ausdrücklich verurteilt wird, ist es offensichtlich, dass sie dem ausgesprochenen Willen Gottes zuwiderläuft, der das Leben nicht nur erschaffen hat, sondern sich auch darum kümmert und sorgt.

Im Alten Testament gibt es viele Nachweise seiner Vorsehung für noch ungeborene Kinder[6]. Manchmal wird jemand von IHM „vom Mutterleib" zum „Propheten eingesetzt"[7]. Das Verbot zu töten, das zu den Zehn Geboten zählt, wird im Neuen Testament durch das Gebot ergänzt, alle Menschen, sogar die Feinde, zu lieben. Es kann also klipp und klar gesagt werden, dass die absichtliche Beendigung des Lebens eines Embryonen dem Geist des Neuen Testaments widerspricht, da sie nicht als Akt der Liebe angesehen werden kann[8].

Die Kirchenväter verurteilten Abtreibung einstimmig als Mord. Zunächst definierten die Lokalkonzile und schließlich die in Konstantinopel versammelte Trullanische Synode Abtreibung als Mord und bestimmten dafür die Buße: bis zu zehn Jahren Kommunionsverbot[9]. Obwohl davon ausgegangen wird, dass die begangene Tat einem Mord gleichkommt, ist die Buße in diesem Fall weniger streng (und wird heute auch selten angewendet).

Diese Milde gegenüber einer Frau, die eine Abtreibung vornimmt, ist dadurch zu erklären, dass die Kirche als Seelsorgerin daran interessiert ist, Christen zu helfen, ihre Sünden einzusehen, aufrichtig zu büßen und des Sakraments des Heiligen Kommunion wieder teilhaftig zu werden. Diese Ansicht stimmt mit der christlichen Ethik überein, die deutlich unterscheidet zwischen einer Sünde, die als dem Willen Gottes widerstrebende Tat der Verurteilung bedarf, und einem Sünder, der immer von Gottes Verständnis und Liebe umgeben ist. Die Kirche will nicht eine mit der Tat vergleichbare Buße verordnen, sondern der Frau helfen, zu büßen.

Moralisch versucht man die Abtreibung normalerweise auf zwei Wegen zu rechtfertigen: entweder werden die Rechte der Frau angeführt, oder es wird der Wert eines Embryonen als eigene Persönlichkeit bestritten. Im ersten Falle wird auf das Recht der Frau im Bezug auf ihren eigenen Körper hingewiesen, ihre Freiheit, mit dem eigenen Leben nach Belieben umzugehen und selbst zu entscheiden, ob sie Mutter werden will und, wenn ja, wann. Wir möchten daran erinnern, dass sogar die feministische Sichtweise nicht bezweifelt, dass ein Embryo ein Mensch ist und auch über die entsprechenden Rechte verfügt. Allerdings wird teilweise auch so argumentiert: die Frauenrechte hätten Vorrang, denn sie beträfen eine ganzheitliche Persönlichkeit, während ein Embryo seinen Willen nicht äußern könne[10].

Ich halte diese Argumente für zweifelhaft. Zweifellos verfügt jede Frau über das Recht, über ihren eigenen Körper frei zu entscheiden. Aber ein Embryo ist weder ein Teil des Körpers der Frau noch ihr Eigentum, mit dem sie umgehen könnte, wie es ihr beliebt, sondern ein selbständiger Mensch, der neun Monate lang die Gastfreundschaft des Mutterkörpers genießt[11]. Eine Bevorzugung der Frauenrechte vor den Rechten des  Embryonen wäre moralisch willkürlich.

Das Recht auf Leben ist das grundsätzlichste Menschenrecht, und es muss allen anderen Rechten vorausgehen; denn wenn es nicht ordnungsgemäß geachtet wird, sind alle anderen Rechte ebenfalls inexistent.

Zum Schluss sollte auch daran erinnert werden, dass eine Schwangerschaft, außer im Falle einer Vergewaltigung, nicht plötzlich und grundlos auftritt, sondern einem freien Willensakt entspringt, für den die Menschen moralische Verantwortung tragen.

Die andere Argumentationslinie zur moralischen Rechtfertigung der Abtreibung bestreitet den Wert eines Embryonen als Persönlichkeit eigenen Rechts, was eine Aberkennung aller angestammten Rechte zur Folge hat. Folgte man diesem Argument, verfügte ein ungeborener Embryo, insbesondere in einem frühen Entwicklungsstadium, über keinerlei Eigenschaften, die ihn zum Menschen machen würden, nämlich Selbstbewusstsein, Freiheit, Denkvermögen und Logik, denn in diesem Stadium habe sich sein Gehirn, also das Organ, in dem all diese Merkmale verwirklicht werden, noch nicht ausgeformt.

Außerdem versuchen uns einige Wissenschaftler einzureden, dass eine Existenz der Seele in diesem ersten Lebensstadium unmöglich sei, da der Körper noch nicht geformt sei[12]. Dieses Argument ist in keinster Weise überzeugend, denn es verzerrt die Wirklichkeit. Beim Menschen entwickeln sich die genannten Merkmale im Laufe des Lebens allmählich, und zwar deshalb, weil sie seiner Natur innewohnen. Der Wert eines Menschen als Persönlichkeit darf nicht von seinen Fähigkeiten zu Selbstbewusstsein, logischem Denken und Selbstäußerung in jeder konkreten Lebensetappe abhängig sein. Wenn es wirklich so wäre, hätte ein schlafender Mensch oder jemand, der vorübergehend in Ohnmacht gefallen ist, auch kein Recht auf Leben.

In der orthodoxen Theologie sind Menschen Persönlichkeiten, die von Gott „nach seinem Bilde" erschaffen wurden und danach streben, „ihm ähnlich" zu werden, was in der Vergöttlichung durch Gnade geschieht. Die Kirchenväter betonen, dass Seele und Körper vom ersten Augenblick der Existenz des Menschen an untrennbar seien. Sie erklären, dass die allmähliche Entwicklung des Körpers parallel zur Entwicklung der Seele geschehe. Selbst wenn wir annähmen, dass ein Embryo noch kein Mensch sei, wäre meiner Meinung nach allein die Tatsache, dass er dabei ist, zum Menschen zu werden, ausreichend, um moralisch zu begründen, dass ein Embryo das Recht hat, zu dem zu werden, zu was ihn die Natur bestimmt hat.

 

II. Euthanasie

Ein anderes Dilemma der Bioethik, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist verbunden mit der Entscheidung über die vorsätzliche Unterbrechung menschlichen Lebens auf medizinischem Wege, normalerweise nach entsprechender Bitte hochbetagter Patienten, die unter unheilbaren Krankheiten leiden. Die Verfechter der Euthanasie versuchen, ihre Gegner davon zu überzeugen, dass einem tödlich kranken Patienten die Wahl gegeben werden soll, würdig zu sterben. Die schnelle Entwicklung der Medizin und insbesondere der Rehabilitation im Laufe der letzten Jahrzehnte hat zu Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung und der Möglichkeit zur Verlängerung des Lebens bejahrter Patienten geführt. Anscheinend fördert diese Tatsache den Wunsch, Euthanasie zu legalisieren.

In der Tat gibt es an dem Wunsch nach Euthanasie nichts Anstößiges, wenn man sich daran erinnert, dass wir, die Orthodoxen, bei der Göttlichen Liturgie des heiligen Hierarchen Johannes Chrysostomus dafür beten, „dass wir die restliche Zeit unseres Lebens in Frieden und Buße vollenden." Das Gebet beim Abscheiden der Seele enthält Worte über „die friedliche Trennung" von Leib und Seele. Der spezielle Unterschied zwischen dem christlichen Gebet und der modernen Euthanasiepraxis besteht aber darin, dass im ersten Falle der Christ die Schwäche der menschlichen Natur erkennt, sich demütigt und seine Hoffnung auf den barmherzigen Gott richtet, indem er um dessen Gnade betet. Im zweiten Falle bezweifelt der Mensch die Göttliche Liebe und Vorsehung, ist bar jeder Hoffnung und beschließt, das Leben seines Nächsten zu beenden. 

Die christliche Ethik akzeptiert keine Euthanasie, da diese sich die Macht Gottes über das Leben anmaßt und das Verbot des Tötens verletzt. Dem Hauptargument der Verfechter der Euthanasie, die behaupten, dass sie eine Tat der Barmherzigkeit und des Mitleides gegenüber dem Nächsten sei, muss entgegnet werden, dass selbst, wenn der Wunsch, Gutes zu tun, die Tat motiviert, die gute Absicht für die moralische Rechtfertigung nicht ausreicht.

Liebe und Mitleid zu Patienten äußern sich durch persönliche Mühe und Selbstopferung, nicht durch die Tötung des Patienten, die ihrem Wesen nach das Ende jeglicher Hilfe und jeglichen Mitleides bedeutet. Die christliche Ethik widerspricht nicht der Anwendung schmerzstillender Mittel, lehrt aber gleichzeitig, dass Gott Leid zu pädagogischen Zwecken zulässt, denn ER will dem Menschen in diesem kritischen, finalen Lebensstadium helfen, zur Buße zu kommen, die eben die Erlösung bringt.

 

III. Künstliche Befruchtung

In den letzten Jahrhunderten haben Umweltverschmutzung und moderne Lebensart dazu beigetragen, dass die Anzahl der Paare, die Probleme haben, Kinder zu bekommen, rasch angestiegen ist. Durch künstliche Befruchtung versucht die Medizin, kinderlosen Paaren zu helfen, dieses Problem zu lösen und ein Kind zu bekommen. Es gibt mehrere Methoden, Paaren zu Kindern zu verhelfen, was als solches nicht nur vom moralischen Standpunkt zu begrüßen, sondern auch das löbliche Ziel jeder Ehe ist. Aber dieses Ziel rechtfertigt nicht die Anwendung aller verfügbaren Mittel. Das ist der Grund dafür, warum die orthodoxe Theologie die wissenschaftlichen Bemühungen in diesem Bereich, auch wenn sie diese positiv betrachtet, gleichzeitig vom moralischen Standpunkt her studiert und die Methoden der künstlichen Befruchtung entsprechend ihrer Vor- und Nachteile bewertet.

Bei einer extrakorporalen Befruchtung beginnt das Leben in einem Reagenzglas im Labor, wo Tausende von Spermien sich mit einer Eizelle verbinden. 24 Stunden später hat die Befruchtung bereits stattgefunden, und die Embryonen werden mittels eines Katheters transportiert, um in der Gebärmutterschleimhaut angebracht zu werden, so dass die Schwangerschaft beginnen kann. In der üblichen medizinischen Praxis werden drei bis fünf Embryonen erzeugt, von denen einige nach der Präimplantationsdiagnose in der Gebärmutter platziert werden. Die restlichen Embryonen werden eingefroren oder weggeworfen.

Extrakorporale Befruchtung kann homolog sein, wenn dabei das Sperma des Gatten der Frau genommen wird, oder auch heterolog, wenn das Sperma eines Spenders benutzt wird. Die christliche Ethik verurteilt die Anwendung der heterologen Methode, denn sie hält diese für eine besondere Art des Ehebruchs, die die Heiligkeit des Mysteriums der Ehe entweiht. Die homologe extrakorporale Befruchtung ist ebenfalls unakzeptabel, wenn sie mit der Erschaffung von Embryonen einhergeht, die für „überflüssig" gehalten und letztendlich eingefroren oder vernichtet werden.

Der Begriff des „überzähligen" oder „überflüssigen" Embryonen, wie er weltweit für Embryonen benutzt wird, die nicht in die Gebärmutter implantiert werden, zeigt, wie wir Menschen auf den Zustand einfacher Materie degradiert werden, die überflüssig werden kann. Wenn allerdings alle befruchteten Embryonen in die Gebärmutter implantiert werden und ihre Vernichtung nicht zur Debatte steht, sind viele orthodoxe Theologen der Meinung, dass diese Methode moralisch zulässig sein kann[13].

Eine andere Methode, das Problem kinderloser Paare zu lösen, ist die Leihmutterschaft. Diese Methode ist die einzige für die Frauen, die unfähig sind, ein Kind zu gebären bzw. wegen fehlender Gebärmutter unfruchtbar sind. In diesem Falle findet eine extrakorporale Befruchtung statt.

Der Embryo wird in die Gebärmutter einer anderen Frau eingesetzt, meist einer Verwandten oder engen Freundin, die verspricht, das Kind zu gebären und es danach dem kinderlosen Paar zu übergeben. Bei dieser Methode besteht häufig der Verdacht der Kommerzialisierung menschlichen Lebens, getarnt als Tauschgeschäft zwischen zwei Frauen. Die christliche Ethik steht dieser Methode negativ gegenüber, denn in solchen Fällen wird die Institution der Familie verletzt und die während der Schwangerschaft entstandenen persönlichen Mutter-Kind-Beziehungen zerstört[14].

Diese Methode gefährdet die psychische Gesundheit des Kindes, denn wir wissen um die Bedeutsamkeit der pränatalen Periode für das normale Wachstum. Außerdem hat der unnatürliche Charakter dieser Methode häufig negative Folgen, wenn sich zum Beispiel die Leihmutter weigert, das Kind zu übergeben, oder wenn das Kind behindert ist und keine der beiden Frauen es annehmen möchte[15].

 

IV. Klonung

Die letzte bioethische Frage, die wir in diesem Artikel behandeln werden, betrifft das Klonen, wobei zwischen reproduktiver und therapeutischer Klonung unterschieden wird. Der Unterschied besteht in der  Zielsetzung: bei der reproduktiven Klonung geht es um die Erschaffung, die Geburt und Erziehung eines Menschen, der die genetisch ähnliche Kopie des Menschen ist, von dem die gespendete Zelle stammt. Ziel der therapeutischen Klonung ist dagegen ein Embryo, der entweder für wissenschaftliche Experimente über die Entstehung des Lebens oder auch als Spender benutzt werden kann. Dieser Unterschied ist für die moralische Bewertung des Klonens wichtig, denn es gibt viele Wissenschaftler, die das reproduktive Klonen ablehnen, der Technik zum Zwecke der Erforschung neuer Heilungsmethoden dagegen zustimmen. Deshalb möchten wir hier beide Fälle getrennt betrachten.

Das reproduktive Klonen ermöglicht es einem kinderlosen Paar, ein Kind zu bekommen, ohne auf fremdes Sperma und eine fremde Eizelle zurückgreifen zu müssen, was sich ja häufig negativ auf das Eheleben auswirkt. Was das Klonen in Wirklichkeit so attraktiv macht, ist ja der Wunsch, einen Menschen „gemäß unserem Bild und gemäß Ähnlichkeit" und mit bestimmten Eigenschaften zu erschaffen. Dieser Wunsch zeugt nicht nur von Arroganz, sondern ist auch in seiner Grundlage irreführend, denn Menschen sind nicht nur Bündel von natürlichen Eigenschaften, sondern Individuen, die in einer besonderen Umgebung aufwachsen, sich zu Persönlichkeiten entwickeln und in eine Beziehung mit Gott und anderen Menschen treten.

Jeder Mensch, sogar ein geklonter - wenn Gott dies zulassen sollte - ist eine einzigartige Persönlichkeit mit einer Seele und der Freiheit, lebenswichtige Entscheidungen zu treffen. Ähnlich wie Zwillinge, die sich häufig zu ganz unterschiedlichen Menschen entwickeln, obwohl sie genetisch gleich sind, wird ein geklonter Mensch seine eigene Persönlichkeit entwickeln[16].

Der Grund dafür, dass die christliche Ethik das reproduktive Klonen entschlossen ablehnt, besteht darin, dass es die menschliche Würde brutal verletzt. Ein geklonter Mensch tritt ohne Vater und ohne Mutter ins Leben ein, hat nur einen älteren Zwilling. Die Tatsache, dass er die genetische Kopie eines anderen Menschen ist, dürfte ihm Schwierigkeiten bei der Erkenntnis seiner eigenen Individualität bereiten und der psychologischen Befreiung von den Erwartungen derer, die beschlossen haben, ihn zu klonen.

Wie oben bereits gesagt, setzt das therapeutische Klonen sich nicht die Erschaffung eines Menschen zum Ziel, sondern wissenschaftliche Forschung und medizinischen Fortschritt. Das Adjektiv „therapeutisch", das dem Begriff „Klonen" vorangestellt wird, weckt positive Assoziationen und soll uns zu seinen Gunsten einnehmen. Jeder vernünftige Mensch wünscht sich den Fortschritt der medizinischen Wissenschaft und ihrer Fähigkeit, Krankheiten zu heilen und auszurotten.

Jedoch ist hier, im Falle des therapeutischen Klonens, nicht die Heilung von Embryonen oder Erwachsenen von einer bestimmten Krankheiten beabsichtigt, sondern lediglich an Embryonen durchgeführte Forschung mit dem Ziel, Kenntnisse zu erhalten, die in Zukunft zu wichtigen Heilungsmethoden führen könnten. Hier ist zu betonen, dass derartige Forschung für die Embryonen kaum zu einer therapeutische Heilung führt, da sie in der Tat zu ihrer Vernichtung führt.

Also ist das, was fahrlässig als „therapeutisches Klonen" bezeichnet wird, therapeutisch nur im Sinne des erwünschten Zwecks, nicht in der Praxis, deren direktes Ergebnis die Vernichtung der Embryonen ist. Meiner Ansicht nach führt dieser Begriff zu einer Unklarheit, denn einerseits betont er das erwünschte Ziel, andererseits verschleiert er die unmittelbare Folge der Forschung, nämlich die Vernichtung der Embryonen. Die Akzentuierung des therapeutischen Ziels geht mit der Überzeugung vieler Wissenschaftler einher, das der medizinische Nutzen so wichtig sei, dass er die Vernichtung der Embryonen rechtfertige. Dagegen besagt die christliche Ethik, dass Menschen über eine persönliche Würde verfügen und nicht als Mittel zum Zweck benutzt werden dürfen. Jedenfalls verdient die Vernichtung menschlicher Embryonen eine moralische Verurteilung, unabhängig davon, was für einem Nutzen diese Vernichtung dienen möge[17].


Fazit

1. Die bioethischen Fragen stehen auf der Tagesordnung. Sie sind deshalb so wichtig, weil sie die Einmischung ins menschliche Leben betreffen und dabei wissenschaftliche Kompetenzen überschreiten. Obwohl solche Einmischungen offensichtlich zu bestimmten Lösungen führen, müssen sie uns moralisch beunruhigen und in eine schwierige Lage bringen. Ich glaube, die christliche Ethik kann zu ihrer Bewertung beitragen, indem sie den Menschen nicht nur als ein biologisches Wesen mit materiellen und sozialen Bedürfnissen betrachtet, sondern als eine Persönlichkeit mit geistlichem Leben, die berufen ist, durch Gnade Vergöttlichung zu erreichen.

2. Die Einmischung der Wissenschaft (Abtreibung im ersten, Euthanasie im letzten Lebensstadium), die die Lebensbeendigung zum Ergebnis haben, sind moralisch unakzeptabel, da sie der obersten Herrschaft Gottes über das Leben widersprechen, dem Tötungsverbot und der christlichen Sicht des Menschen als Schöpfung, die „gemäß unserem Bild und gemäß Ähnlichkeit" erschaffen ist. Da die Orthodoxe Kirche einsieht, dass der Mensch bzw. seine Natur schwach ist, wenn er mit Lebensschwierigkeiten konfrontiert wird,  nimmt sie den Sünder mit offenen Armen auf, kann aber eine Tötung nicht moralisch rechtfertigen, da dies zum Konflikt mit dem Willen Gottes führen müsste.

3. Methoden der künstlichen Befruchtung werden im Großen und Ganzen positiv bewertet, da sie unfruchtbaren Paaren helfen, Wunschkinder zu bekommen. Allerdings kann das Ziel, wie oben bereits dargelegt, nicht die Nutzung aller möglichen Mittel rechtfertigen. Aus diesem Grund bewertet die christliche Ethik jede Methode separat und verbietet solche Methoden, die Embryonen zerstören und die Heiligkeit des Ehesakraments verletzen. Schließlich ist auch das Klonen moralisch unzulässig, da es die menschliche Würde verletzt - unabhängig davon, ob es auf die Erschaffung eines Menschen oder auf den Erwerb von Kenntnissen über mögliche Behandlungsmethoden bislang unheilbarer Krankheiten zielt.

Niemals sollte das menschliche Leben als Mittel zum Zweck, sondern immer als der Zweck selbst angesehen werden.

Miltiadis Vancos[18]

 


[1] Deontologische Ethik oder Deontologie (griechisch: δέον (deon) = das Erforderliche, das Gesollte, die Pflicht) bezeichnet eine Klasse von ethischen Theorien, die einigen Handlungen zuschreiben, unabhängig von ihren Konsequenzen, intrinsisch gut oder schlecht zu sein. (Anm.d.Ü.)

[2] Nikolaos Chatzinikolaou, Ελεύθεροι από το γονιδίωμα. Προσεγγίσεις ορθόδοξης Βιοηθικής, Athens 2002, S. 26.

[3] Konstantin Scouteris, Bioethik und die Ethik der Orthodoxie, Una Sancta 2 (2000)

[4] Georgios Matzaridis, Όρθόδοξη πνευματική ζωή. Thessaloniki 2006, сс. 22-23.

[5] St. Nikolaos Kavasilas, Περί της εν Χριστώ Ζωής, PG 150, 641D-644B.

[6] Ps. 71:6, Ps.22:11; Ps.139: 13-16.

[7] (Jes. 49:1, 5; Jer. 1:5)

[8] John Breck fragt sich: „Gibt es einen `Nächsten´, der näher und schutzloser ist als ein ungeborenes Kind?" John Breck The sacred Gift of Life. Orthodox Christianity and Bioethics, New York 2000, S. 154.

[9] Spyros Troianos ‘Η άμβλωση κατά το δίκαιο της Ανατολικής Ορθοδόξου Εκκλησίας, Athens 1987. Peter Pappas, Abortion and Public Policy, in St. Vladimir's Theological Quarterly 39 (1995) S. 233-234.

[10] Beverly Wildung Harrison, On Right to Choose. Toward a New Ethic of Abortion, Boston 1983, S. 105-107. Lawrence Lader, A private matter: RU 486 and the abortion crisis, New York 1995, S.40. Rosalind Pollack Petchesky, Abortion and Women's Choce. The State, Sexuality, and Reproductive Freedom, New York 1984, S. 3-8.

[11] George Mantzaridis, Χριστιανική Ηθηκή, Band 2, Thessaloniki 2003, S. 518. S. auch Chrisostomos Zafris (Metropolit von Peristeria) Aι αμβλώσεις και η Ορθόδοξος Εκκλησία, Αθήνα 1991, S. 68-69.

[12] Richard McCormick, Who or what is the Preembryo?, Kennedy Institute of Ethics Journal 1 (1991)

[13] Ierotheos Vlachos (Metropolit of Nafpaktos), Βιοηθική και βιοθεολογία, Ναύπακτο 2005 S. 131-132 und S. 314. Аnestis Keselopoulos, Σύγχρονες προκλήσεις βιοηθικής, в Xριστιανισμός και Ευρώπη, Χανία 1997, S. 170-172. Vasilios Fanaras Υποβοηθούμενη αναπαραγωγή, Ηθικοκοινωνική προσέγγιση, Θεσσαλονλικη 2000, S. 152-153.

[14] George Mantzaridis, Θεολογική θεώρηση της υποβοηθούμενης αναπαραγωγής in Scientific Annals of the Theological Faculty/ Department of Theology, Aristotle University of Thessaloniki, 10 (2000), 93-111.

[15] Christodoulos Paraskevaidis (Metropolit of Demetrias, verstorbener Vorsteher  Предстоятель Элладской Православной Церкви), Οι φέρουσες η υποκαθιστώσες μητέρες απο χριστιανική άποψη, Αθήνα 1985.

[16] John Breck, Human Cloning: Myths and Realities, in St. Vladimir's Theological Quaterly 45 (2001) S. 295-297.

[17] Nikolaos Chatzinikolaou, Ελεύθεροι απο το γονιδίωμα. Προσεγγίσεις ορθόδοξης Βοηθικής, Αθήνα S. 37-38.

[18] Lektor an der Theologischen Fakultät der Aristoteles-Universität Thessaloniki.

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