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Die seelischen Zustände in der christlichen Psychologie

19. September 2008
Dieser Artikel analysiert verschiedene Seelenzustände (sündig, natürlich und segenspendend) vom Standpunkt der patristischen Theologie. Der Autor beachtet dabei besonders das Problem der Verifizierung und der Merkmale, die es ermöglichen, sich über den jeweiligen Seelenzustand ein Bild zu machen.

Die moderne akademische Psychologie klassifiziert psychische Zustände nach ihren Charakteristika, die für den gewählten Betrachtungsgegenstand am bedeutendsten ist. So wird z.B. zwischen positiven und negativen Zuständen unterschieden oder auch nach der Rolle eines psychischen Bereichs, der das ganzheitliche Bild des jeweiligen Zustands bestimmt: emotional, motivational, volitional und kognitiv. Manchmal wird zum Zwecke der Systematisierung das in der Zustandsstruktur dominierende psychische Phänomen betont, etwa Stress-, Müdigkeits-, Euphorie-, Kontemplations-, Erleuchtungs-, Frustrations-, Angstzustand usw. Außerdem werden die Zustände nach alter historischer Tradition häufig nach dem Aktivierungsniveau unterschieden (Куликов. 1997:20). Den religiösen psychischen Zuständen wurde dabei leider sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Allerding scheint das Christentum wohl selbst in der Lage, die seelischen Zustände eines Menschen zu analysieren und zu beschreiben, die er auf dem Weg seiner spirituellen Entwicklung erlebt – vom sündigen Zustand über Reinigung und Buße bis hin zu höchsten mystischen und spirituellen Zuständen.

Die Wichtigkeit der inneren Seelenzustände im Christentum bezieht sich in erster Linie auf die christliche Asketik. „Die psychologische Analyse der inneren Zustände im Rettungsvorgang ist für die Asketik eigentlich direkt notwendig“ /Феодор (Поздеевский). 1991, с.48/. So wie die heiligen Väter schrieben: „Nach dem Zustand deiner Seele erkenne, wer an dich herangekommen ist  - ob es einer der Unsrigen oder einer der Feinde ist. Bleibt deine Seele ungetrübt, unerschüttert, nicht sorglos über die Kontemplation des Himmlischen – gut, öffne ihm die Türen deines Herzens, empfange ihn und esse mit ihm zusammen, und möge er dich noch mehr zur größeren Liebe zu Gott und zu den göttlichen Dingen tränken. Wenn seine Nähe deine Seele aber verwirrt und mit einem Gedränge von Gedanken erfüllt, deine Augen auf das Fleisch und Blut, auf irdische Verbindungen und Leidenschaften richtet (…) oh weh! distanziere dich und verbanne diesen Drachen“ /[Theodor Studites] Феодор Студит. 1901, с.341/.

Nicht weniger wichtig ist auch der richtige Umgang mit den psychischen Zustände während des Gebets, das an und für sich in der Heiligen Schrift und der Überlieferung der Kirche generell als religiös-sittlicher psychischer Zustand verstanden wird /Зарин. Т. 1. Кн. 2, с.447-448/. Der Weg zu Gott wird durch „die unterschiedlichen Gebetszustände ermessen, die derjenige, der richtig und ständig betet, schrittweise betritt“ /[Ignatios Brjantschaninow] Игнатий (Брянчанинов). Т. 1. 1993, с.138/.

Das betrifft auch solche besonderen Zustände wie beispielsweise den Zustand der prophetischen Inspiration. Hier ist wichtig zu betonen, dass diese Zustände, trotz all ihrer Ungewöhnlichkeit, weder vom Standpunkt der Vernunft noch vom Standpunkt der Wissenschaft (d.h. der Psychopathologie) etwas Unnatürliches darstellen /Владимирский. 1902, № 13, с.62/. Das heißt, die Propheten waren keine passiven Medien bzw. Leiter außerweltlicher Energien. In ihrer Kommunikation mit Gott mussten sie nicht unbewusst und passiv; sondern bewusst, persönlich und sittlich aktiv agieren  /Ebenda/. Selbst das althebräische Wort „Prophet“ (nabi) stammt vom Verb naba „erzeugen,(Wörter) aussprechen, kundtun, belehren“. Damit bedeutet nabi eigentlich „der (von Gott) Belehrte“ /Ebenda, S.76/.

Jede Kommunikation und Gemeinschaft mit Gott, also jede Gotteserkenntnis, setzt die Konfrontation mit den eigenen seelischen Tiefen voraus: „Erkenntnis Gottes ist das Sehen des Lebens Gottes in sich selbst; aus der Einstellung seiner eigenen Seele erkennt der Gerechte, worin das Göttliche Leben besteht und wie es in seinem Wesen ist“ /[Sergius (Stragorodski)] Сергий (Страгородский). 1991, с.96/.

Da alle Menschen unterschiedlich sind, unterscheiden sie sich voneinander u.a. durch das Spektrum der ihnen zugänglichen bzw. von ihnen bevorzugten psychischen Zustände. Häufig bilden sie eine geschlossene Kette von Zuständen, die praktisch automatisch und reflektorisch aufeinander folgen. Dann dreht sich der Mensch auf der Stelle wie ein Hamster in seinem Laufrad bzw. wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat. Diese Lage führt dazu, dass ihm nicht nur Wissenschaft und Kunst, sondern auch die Religion aus dem Blickfeld gerät. Dabei ist die Entwicklung der Fähigkeit, einen neuen Bewusstseinszustand zu erleben, sicherlich sehr wichtig /Аскольдов. 1900, с.233-234/. Die Erreichung von prinzipiell neuen Zuständen ist eben das, worauf das Christentum sich richtet. „Weder leugnet das Christentum, indem es den natürlichen Menschen aufnimmt und in seinen Bereich hineinführt, dessen seelische Erfahrungen, noch will es seine seelischen Kräfte vernichten oder stilllegen, sondern es öffnet für die Seele den Weg zu einer selbstständigen Entwicklung und zur höchsten Vollkommenheit bis hin zur Verähnlichung Gottes und zur Gemeinschaft mit der Welt der reinen Geister im ewigen Leben; es versetzt sie in neue Zustände des Lebens und der Gefühle (…)“ /Амвросий (Ключарев). Т. 2. 1902, с.214/.

Um diese intensiveren Zustände zu erreichen, ist es notwendig, von sich aus die Starrheit der vergänglichen Begierden des Alltags abzuschütteln. In der biblischen und patristischen Tradition wird davon in den Begriffen des Schlafs und des Erwachens gesprochen: es ist notwendig, aus dem Halbschlaf der alltäglichen Existenz, die uns nur durch fehlende Kenntnis der höheren Zustände als Wachzustand vorkommt, zum spirituellen Leben zu erwachen.

Dabei ist die mehrhundertjährige patristische Erfahrung sicherlich sehr wichtig, um persönliche subjektive Erlebnisse nicht zu verabsolutieren. Davon schreiben manchmal sogar protestantische Autoren: „Sind Ozeanwellen mit einem Stück gefärbten Papier zu vergleichen? Aber es geht um folgendes: Eine Karte ist tatsächlich ein Stück gefärbtes Papier, doch müssen Sie zwei Sachen verstehen. Erstens ist sie aufgrund der Entdeckungen von Hunderten und Tausenden von Menschen, die den wahren Ozean befahren haben, zusammengestellt; also hat sie deren reichen Erfahrungen in sich aufgenommen, die nicht weniger real sind als die eines Menschen, der am Ufer steht. Mit einer Ausnahme: dieser Mensch sah den Ozean nur aus einer einzigen ihm zugänglichen Sichtweise. Was aber die Karte betrifft, konzentriert sie in sich all diese Erfahrungen. Zweitens, wenn Sie irgendwohin fahren möchten, ist die Karte für Sie notwendig. Solange Sie sich mit Spaziergängen am Ufer begnügen, ist es angenehmer, diese großartige Sicht zu genießen, als die Karte zu studieren. Möchten Sie aber nach Amerika fahren, wird sie Ihnen viel nützlicher sein als Ihre Spaziergänge. Die Theologie ähnelt der Karte (…). Die Doktrinen sind nicht Gott. Sie sind so etwas wie eine Karte. Diese Karte ist aber aufgrund der Erlebnisse vieler Menschen zusammengesellt worden, die Gott wirklich berührten. Im Vergleich damit sind alle Erlebnisse bzw. Gefühle, die Sie oder ich eventuell hatten, sehr primitiv und vage.“ /[Clive Staples Lewis] Льюис. Т. 1. 1998, с.140/.

Verschiedene seelisch-psychische Zustände unterscheiden sich voneinander im Ausmaß ihrer Intensität, Koordination und Harmonie. Damit bilden sie eine einzigartige Leiter, die von oben nach unten geht. Diese Leiter besteht aus drei Hauptgruppen: natürliche Zustände; übernatürliche, also spirituelle segenspendende Zustände; und naturwidrige, sündige Zustände. Auf die beiden letzteren gehen wir unten in separaten Unterkapiteln ein, hier betrachten wir kurz die ersteren.

Zu den natürlichen Zuständen zählen: Wachsein, traumloser Schlaf und Traum. Wachsein ist für uns der gewöhnlichste Zustand, er ist von mittlerem Ausmaß und mittlerer Intensität, Koordination und Harmonie. Er besteht aus einer Menge unterschiedlicher nicht-religiöser Gefühlen und Stimmungen, die wir normalerweise im Alltag erleben.

Sinkt der Grad des Wachseins, schläft der Mensch ein. Dabei kann er sich in zwei Zuständen befinden – entweder im traumlosen Schlaf, wenn er maximal entspannt und bewegungslos ist, oder im Traum (sogenannte REM-Phase), wenn bei allgemeiner Entspannung des Organismus eine Erhöhung der Gehirnaktivität zu beobachten ist (wird der Mensch in einer solchen Phase wach, wird er sagen, dass er einen Traum erlebte, und sich daran erinnern und davon erzählen können).

Im Christentum gründet die Einstellung zum Schlaf auf dem Einschränkungsprinzip. Schlaf stellt einen passiven Teil des menschlichen Lebens dar, deshalb sollte man damit enthaltsam und vorsichtig umgehen: „Allzu viel Schlaf erregt im Leibe Leidenschaften, während enthaltsame Wachheit das Herz schützt“ /[Abba Jesaja] Исаия авва. 1883, с.94/; „Langer Schlaf macht die Gedanken fleischlich, während fromme Wachheit sie fein macht. Langer Schlaf bringt Verführungen mit sich, aber der wache [Mönch] wird ihnen entkommen“ /[Euagrius von Pontikos] Евагрий Понтийский. 1994, с.132/. Deshalb schreiben die heiligen Väter: „Mögen wir aus dem Schlaf erwachen, solange wir uns noch in diesem Leib befinden; mögen wir seufzen über uns selbst und mögen wir uns Tag und Nacht von Herzen beweinen (…)“ /[Antonios der Große] Антоний Великий. 1998, с.85/. Diese patristische Vorgehensweise beruht auf der evangelischen Tradition, die besagt: „lasst uns nun nicht schlafen wie die übrigen, sondern wachen und nüchtern sein“ (1 Thes. 5,6).

In nicht-christlichen Kreisen wendet man sich neuerdings immer häufiger der Traumanalyse zu (Psychoanalyse, analytische Psychologie, Ontopsychologie usw.), in der Hoffnung, irgendwelche Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Psyche (und ihrer tiefen unbewussten Schichten) zu finden. Dabei ist keinem der Vertreter dieser Lehren bekannt, dass das Christentum diese Arbeit schon längst erledigt hat. Viele bedeutende Asketen und geistliche Vorkämpfer überprüften ihre auf Träume bezogenen Erfahrungen und verglichen sie miteinander, wobei sie sich in der Meinung über die Wichtigkeit dieser Arbeit einig waren:  „Ein Sorgfältiger kann auch anhand von Träumen die Bewegungen und die Einstellungen der Seele erraten und die Fürsorge über die Veranlagung seines seelischen Zustands dementsprechend ausrichten /[Niketas Stethatos] Никита Стифат. 1900, с.129/ Von dem, was sich während des Schlafens darstellt, ist einiges Phantasie, anderes Vision, noch anderes Offenbarung. (…) Phantasien sind Träume, in der sich die Vorstellungen des Verstandes verändert darstellen; es werden Gegenstände vermischt, einige verdrängen die anderen oder verändern sich in andere; sie haben keinen Nutzen, und die Phantasie selbst verschwindet mit dem Wachwerden. (…) Visionen sind Träume, welche die ganze Zeit unverändert bleiben, ohne sich ineinander zu verwandeln, und sie prägen sich dem Verstand so ein, dass sie viele Jahre lang unvergesslich bleiben; sie zeigen das Zustandekommen der zukünftigen Dinge, und indem sie die Seele in Rührung versetzen,  bringen sie ihr Nutzen. (…) Offenbarungen sind Kontemplationen der reinsten erleuchteten Seele, die über allen Gefühle stehen;, sie zeigen wunderbare göttliche Werke und  Erkenntnisse, die Mystagogie der geheimen Mysterien Gottes und das Zustandekommen der für uns wichtigsten Dinge (…).“ /Ebenda, с.129-130/.

Der Charakter der Träume lässt über die tiefliegenden Prozesse der Seele urteilen: „Wenn die Seele beginnt, sich [von der Sünde – Y.Z] gesund zu fühlen, dann werden auch ihre Träume rein und ungetrübt.“ /[Maximus der Bekenner] Максим Исповедник. 1900, с.175/

Die Träume selbst können dabei nicht nur positiv, sondern auch negativ sein. Die heiligen Väter bestimmten empirisch die Merkmale dieser beiden Arten:

Träume, die aus der Liebe Gottes herstammen sind untrügerische Indizien seelischer Gesundheit. Sie ändern sich nicht von einem Bild in ein anderes, sie jagen keine Angst ein, sie erregen weder Lachen noch plötzliche Trauer, sondern treten ganz still an die Seele heran und erfüllen sie mit spiritueller Freude; deswegen begehrt und sucht die Seele auch nach dem Erwachen des Leibes diese während des Schlafens erlebte Freude . Bei dämonischen Träumen ist alles umgekehrt: sie bleiben weder auf Dauer bei einem Bilde noch erscheinen sie ganzheitlich; (…) da wird viel gesprochen und viel Großartiges versprochen, und öfter noch schüchtern   sie mit Drohungen ein, indem sie sich häufig als Krieger darstellen; manchmal singen sie der Seele etwas Schmeichelhaftes, mit lautem Geschrei (...) /[Diadochus] Диадох. 1900, с.26-27/. Diadochus besteht auch darauf, Träumen generell nicht zu glauben: „Wir haben dargestellt, aufgrund dessen, was wir selbst von den erfahrenen Altvätern gehört haben, wie zwischen guten und bösen Träumen zu unterscheiden ist. Möge uns aber vor allem, als die größte Tugend,  die Regel ausreichen, überhaupt keinem im Schlaf gesehenem Traum zu glauben. Denn meist sind Träume nichts anderes als Gedankenidole, Spiele der Phantasie oder dämonische Schändungen und Spielerei mit uns.“ /Ebenda, с.27/ Eben so schreiben auch moderne christliche Autoren: „Träume, die in Schwermut und Verzweiflung versetzen, stammen vom Feind her. Träume, die von Gott stammen, rühren das Herz, sie versetzen in Demut und stärken die Hoffnung auf den Heiland, der auf die Erde kam und das Kreuz erlitt, um nicht die Gerechten, die (irrtümlicherweise) glauben, sie seien des Gottesreiches würdig, sondern die Verlorenen zu retten.“ /[Nikon (Worobjow)] Никон (Воробьев). 1997, с.390-391/

Im Traum, wenn die Kritikfähigkeit der Wahrnehmung sinkt, tauchen häufig dämonische Suggestionen auf, die einem erfahrenen geistlichen Vorkämpfer allerdings keine Angst machen. „Wenn der Verstand rein ist, erkennt er sie schnell und weckt manchmal willentlich den Leib;  manchmal aber bleibt er auch lieber dabei und freut sich, dass er ihre List erkannt hat und sie im selben Traum entlarvt (…).“/[Diadochus] Диадох. 1900, с.27/

Häufig rieten die heiligen Väter, mit Träumen vorsichtig umzugehen. So Barsonophios der Große : (6 Jh.): „Wenn du also im Traum ein Bild des Kreuzes siehst, sollest du wissen, dass dieser Traum wahr und von Gott ist; versuche aber auch, die Auslegung seiner Bedeutung von den Heiligen zu bekommen und glaube deinen eigenen Gedanken nicht“/Варсонофий Великий, Иоанн. 1995, S. 279/. Als er gefragt wurde, „ wenn einem dreimal derselbe Traum erscheint, ist das so, dass er auch als wahr anerkannt werden muss (…)?“, antwortete er: „Nein, es ist ungerecht, man sollte auch einem solchen Traum nicht glauben. Derjenige, der einem einmal lügenhaft erschien, kann das dreimal und mehr tun.“ /Ebenda, S. 279-280/

In der patristischen Tradition wird in Bezug auf Träume generell eher zu Vorsicht geraten.

„Derjenige, der an Träume glaubt, ist einem Menschen ähnlich, der seinem Schatten hinterherläuft und nach ihm zu greifen versucht. Beginnen wir, Dämonen in Träumen zu glauben, werden sie uns auch während des Wachseins verhöhnen. Derjenige, der an Träume glaubt, ist völlig einfältig, während derjenige, der an sie nicht glaubt, weise ist.“ /[Abba Jesaja] Исаия авва. 1996, S. 216/

„Die Dämonen des Ehrgeizes kommen in Träumen als Propheten, und da sie durchtrieben sind, erschließen sie aus gegenwärtigen Geschehnissen die Zukunft und verkünden uns diese, damit wir, nachdem diese Träume in Erfüllung gegangen sind, erstaunt sind und, als ob wir die Offenbarungsgabe erhalten hätten, uns gedanklich überhöhen. Für diejenigen, die dem Dämon glauben, ist dieser häufig ein Prophet; doch für diejenigen, die ihn verachten, entpuppt er sich immer als Lügner. Als Geist sieht er das, was im Luftraum geschieht, und wenn er beispielsweise merkt, dass jemand im Sterben liegt, sagt er dies den Leichtgläubigen durch einen Traum voraus.“/[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, S. 19/ „Dämonen wandeln häufig ihre Gestalt und geben sich als Lichtengel und Märtyrer aus und machen uns im Traum vor, dass wir zu ihnen kämen, und wenn wir wach werden, dann erfüllen sie uns mit Freude und Selbstüberhebung (…).“ /Ebenda, S. 19/

Darüber schreiben auch russische Erleuchter und Hirten. So schreibе Bischof Ignatios (Brjantshaninow) in einem speziellen Kapitel über Träume: „Dämonen benutzen Träume, um menschliche Seelen zu stören und zu beschädigen.“ /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 5. 1993, S. 346/ Archimandrit Ioann (Krestjankin): „Wir glauben an alle möglichen Träume, legen sie aus und treiben daran Wahrsägerei; dann, nachdem wir uns mit Träumen betört haben, beginnen wir auch ‘prophetische‘ Träume zu sehen und geraten dadurch in Geistesstörung und Krankheit (…). Tuet Buße dem Herrn! /Иоанн (Крестьянкин). 1997, S. 18-19/ Und weiter: “Fürchtet euch vor Träumen, um nicht in Prelest zu verfallen, sie ist eine erschreckende spirituelle Störung!“ /Ebenda, S. 19/

In den vorchristlichen Religionen hatte dagegen eine unkritische Einstellung zu Träumen dominiert. Nach modernen wissenschaftlichen Studien stellten in den sogenannten archaischen Glaubenslehren Traumerlebnisse die Hauptquelle der magischen und religiösen Kräfte dar.

Was ist die biblische Sichtweise zu Träumen bezüglich ihrer natürlichen und spirituell-sittlichen Seite? Die biblischen Autoren wussten, dass Träume natürliche Ursachen haben können. Ekklesiastes  beschrieb sie so: „ Träume kommen durch viel Geschäftigkeit “ (Koh 5,2); „bei vielen Träumen und Worten sind auch viele Eitelkeiten. Vielmehr fürchte Gott“ (Koh 5,6).

In der Bibel werden sowohl prophetische als auch Wahrträume beschrieben. So hatte der Patriarch Jakob im Traum eine prophetische Vision (Gen 28,12), er hörte die Stimme eines Engels Gottes (Gen 31,11) und die Stimme Gottes Selbst (Gen 46,3). König Salomo erschien Gott in einem Nachttraum (1 Kön 3,5). Auch der Patriarch Josef hatte mehrere Wahrträume (Gen 37,5, 9).

Wahrträume wurden auch dem ägyptischen Pharao (Gen 41,2-7) und König Nebukadnezar (Dan 2.19) geschickt, ohne dass diese sie verstanden. Der erste Traum wurde von Josef ausgelegt, der zweite von Daniel.

Dem Propheten Daniel wurden in einem „Nachtgesicht “ sowohl die Bedeutung des Traumes Nebukadnezars als auch der Traum selbst enthüllt (Dan 2,19). Alle heidnischen Weisen zusammen, die verkündet hatten, „ kein Mensch ist auf dem Erdboden, der die Sache des Königs anzeigen könnte; weil kein großer und mächtiger König jemals eine Sache wie diese von irgend einem Schriftgelehrten oder Zauberer oder Chaldäer verlangt hat “ (Dan 2,10), hatten dies nicht vermocht. Um ihre heidnische Weisheit zu beschämen, enthüllte Gott dieses Geheimnis Daniel. Der König war durch die Genauigkeit seiner Worte so verblüfft, er „ fiel nieder auf sein Angesicht und betete Daniel an; und er befahl, ihm Speisopfer und Räucherwerk darzubringen “ (Dan 2,46). Das wichtigste aber ist, dass Nebukadnezar die Herrlichkeit Gottes anerkannte: „ Der König antwortete Daniel und sprach: In Wahrheit, euer Gott ist der Gott der Götter und der Herr der Könige, und ein Offenbarer der Geheimnisse, da du vermocht hast, dieses Geheimnis zu offenbaren! “ (Dan 2,47)

Interessanterweise kündigt  Gott den Ältesten besondere Träume an: „ Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, eure Greise werden Träume haben, eure Jünglinge werden Gesichte sehen “ (Joel 3,1). „"Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, dass ich von meinem Geiste ausgießen werde auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, und eure Jünglinge werden Gesichte sehen, und eure Ältesten werden Träume haben." (Apg 2,17)

Manchmal werden in Bezug auf prophetische Träume zwei Stellen aus dem Buch des Propheten Hiob zitiert: „Gott redet (…) im Traume, im Nachtgesicht “ (Hiob, 33,14-15) und: „ In Gedanken, welche Nachtgesichte hervorrufen, wenn tiefer Schlaf die Menschen befällt, kam Schauer über mich und Beben, und durchschauerte alle meine Gebeine; und ein Geist zog vor meinem Angesicht vorüber, das Haar meines Leibes starrte empor “ (Hiob 4,13-15). Es ist aber nicht ganz so. Das als Schlaf übersetzte Wort hieß auf Althebräisch hmdrt bzw. tardema. Das ist nicht einfach „Schlaf“ oder „Wahrtraum“, sondern eine gewisse innere Selbstvertiefung des Menschen, die mit Gottes Hilfe zustande kommt und von außen wie Schlaf aussieht, da der Mensch von der äußeren Welt abgetrennt ist und auf nichts reagiert.

Da Träume nicht nur natürlich oder von Gott, sondern auch verführerisch und von den bösen Kräften sein können, gibt es in der Bibel so wie auch in der patristischen Tradition viele Warnungen vor deren unkritischer Wahrnehmung (und vor Menschen, die versuchen, Träume für eigene Zwecke zu nutzen).

- „ Und ihr, höret nicht auf eure Propheten und auf eure Wahrsager und auf eure Träume und auf eure Zauberer und auf eure Beschwörer “ (Jer 27,9);

- „ die Wahrsager haben Lüge geschaut; und sie reden Träume des Truges, trösten mit Dunst “ (Sach 10,2);

- „ Siehe, ich will an die, spricht Jahwe, welche Lügenträume weissagen und sie erzählen und mein Volk irreführen mit ihrer Prahlerei “ (Jer 23,32);

- „Denn so spricht Jahwe der Heerscharen, der Gott Israels: Lasst euch von euren Propheten, die in eurer Mitte sind, und von euren Wahrsagern nicht täuschen; und höret nicht auf eure Träume, die ihr euch träumen lasset“ (Jer 29,8);

- „Wenn in deiner Mitte ein Prophet aufsteht, oder einer, der Träume hat, und er gibt dir ein Zeichen oder ein Wunder; und das Zeichen oder das Wunder trifft ein, von welchem er zu dir geredet hat, indem er sprach: Lass uns anderen Göttern nachgehen (die du nicht gekannt hast) und ihnen dienen! - so sollst du nicht hören auf die Worte dieses Propheten oder auf den, der die Träume hat; denn Jahwe, euer Gott, versucht euch, um zu erkennen, ob ihr Jahwe, euren Gott, liebet mit eurem ganzen Herzen und mit eurer ganzen Seele“ (Dtn 13,1-3).

 

Die segenspendenden Zustände

Das Christentum geht nicht nur auf die sündigen Zustände ein, die nicht nur auf die sünd: Laßutzen). rwarnungen vor einer unkritischen Wahrnehmung der Träume (und der Menschen, die versuchebar der Gnade sind; nicht weniger Aufmerksamkeit schenkt es auch den spirituellen segenreichenZuständen. Diese sind für die spirituelle Entwicklung jedes Christen essentiell. „So wie mancher in sich die Wirkungen der Boshaftigkeit durch Leiden verspürt, als da sind: Gereiztheit, Fleischeslust, Neid, Völlerei, listige Gedanken und sonstige Abweichungen vom Bilde Gottes; so soll der Mensch eben den Segen und die Göttliche Kraft durch die Tugenden verspüren, nämlich durch Liebe, Nachsicht, Güte, Fröhlichkeit, Leichtigkeit  und Göttliche Freude (..)“ /[Makarios der Große] Макарий Египетский. 1998, S. 184/. Das sind die spirituellen Erlebnisse, die mit Gottes Hilfe kommen.  „Damit die Gotteserkenntnis diesem Begriff entspricht, muss sie ein Erlebnis der Anwesenheit Gottes in sich sein, das es dem Menschen ermöglicht, das göttliche Leben unmittelbar zu verspüren und dadurch zu einer empirischen Einsicht des Göttlichen Wesens führen wird.“ /([Sergius Stragorodski] Сергий (Страгородский)). 1991, S. 95/ Spirituelle Gaben werden nicht nur spirituell verspürt, sondern auch den Empfindungen zugänglich: „Mögen wir beten, damit wir den Segen des Heiligen Geistes in jeder Vergewisserung und Empfindung erhalten (…).“ /[Markus der Asket] Марк Подвижник. 1911, S. 154/

Vom christlichen Standpunkt  sind diese innerlichen Empfindungen wegen der sie hervorrufenden Quelle sehr wichtig, denn, so das Evangelium, „ das Reich Gottes ist mitten unter euch “ (Lk 17,21). Damit ist „das Himmelsreich die Leidenschaftslosigkeit der Seele, die mit dem wahren Wissen über die Seienden einhergeht.“ /[Euagrius Pontikos] Евагрий Понтийский. 1994, S. 96/ Mit anderen Worten: „Das Reich Gottes und des Vaters befindet sich, was ihre Kraft betrifft, in allen Gläubigen, aber in ihrer Wirkung offenbart es sich nur in denjenigen, die, indem sie das natürliche Leben nach Leib und Seele völlig beiseitegelegt haben, voll guten Willens nur das spirituelle Leben führen und über sich sagen können: nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20)." /[Maximus der Bekenner] Максим Исповедник. 1835, ч. 2, S. 18/ Oder, wie der Erleuchter Theophan der Klausner über das Reich Gottes schrieb: „Psychisch gesehen sollte über das Reich Gottes folgendes gesagt werden: das Reich Gottes keimt in uns, wenn der Verstand sich mit dem Herzen vereinigt, nachdem er sich selbst im Gedenken an Gott aufgelöst hat.“ /[Theophan der Klausner] Феофан Затворник. 1996, S. 58/ Dieser psychologische innerliche Aspekt des Gottesreiches war im Christentum immer sehr wichtig: „Das  Wesen des Reiches Gottes als eines besonderen innerlichen Zustandes des Menschen, bzw., spezieller gesagt, Wahrnehmung der ‘Vergöttlichung‘ oder der ‘Gemeinschaft mit Gott‘ durch den Menschen, wird von allen heiligen Vätern ganz bestimmt und fast gleich betont.“ /Феодор (Поздеевский).1991, S. 125/

Deshalb befindet sich die Leiter zum Himmel eben in der Seele des geistlichen Vorkämpfers: „Bemühe dich, deine innere Zelle zu betreten, und du wirst die himmlische Zelle sehen, denn die beiden sind dasselbe, und indem du eine davon betrittst, siehst du sie beide. Die Leiter in dieses Reich ist innerhalb von dir, sie verbirgt sich in deiner Seele. Vertiefe dich in dich selbst auf deiner Flucht von der Sünde, und dort wirst du die Leiter finden, über die du aufzusteigen vermögen wirst.“ /[ Isaak der Syrer ] Исаак Сирин. 1993, S. 10/

Diese Zustände sind nicht subjektiv psychologisch, sondern objektiv spirituell: “Spirituelle Empfindungen sind nicht sachlich und frei von Vorstellungen, und sie können durch menschliche sachliche Worte weder ausgelegt noch klar wiedergegeben werden; dabei sind sie empfindbar und stark, sie überwinden alle anderen Empfindungen und machen sie unwirksam, quasi nicht-existierend.“ /[Ignatios (Brjantshaninow] Игнатий (Брянчанинов). Т. 7. 1993, S. 88/ Dasselbe betrifft auch besondere mystische Zustände: „mystische Kontemplationen sind keine Erlebnisse irgendwelcher subjektiver psychischer Zustände von Freude, Frieden oder Ruhe, sondern Offenbarungen der anderen Welt; sie sind der wahre Kontakt mit dieser Welt, die zwar spirituell ist, aber wirklich existiert.“ /[Kontzewitsch] Концевич. 1990, S. 28-29/ Vom christlichen Standpunkt sind innerliche psychische Zustände deshalb so wichtig, da sie die extrapsychische Wirklichkeit, die dahinter steht - nämlich Gott – manifestieren.

Spirituelle Zustände haben auch gewisse äußerliche Merkmale: „Das gemeinsame Merkmal der spirituellen Zustände ist tiefste Demut und Ergebenheit, verbunden mit der Bevorzugung aller Nächsten vor sich selbst, mit Sympathie und evangelischer Liebe zu allen Nächsten und mit dem Streben nach  Ruhmlosigkeit und Distanzierung von der Welt. Für die ‘Meinung‘ gibt es hier wenig Platz, denn Demut besteht in der Abkehr von allen eigenen Würden (…).“ /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 2. 1993, S. 250-251/ Der bedeutende christliche Asket und hl. Mönch Theodor Studites hatte sich selbst wie folgt beschrieben: „Was aber mich selbst betrifft, o meine geliebten Kinder, habe ich nichts und bin aller Verachtung wert; ich habe weder den Geist noch das Licht noch die Bereinigung noch das Glänzen noch das Aufsteigen noch  das Gedeihen noch das Streben noch den Verlauf; ich bin ganz verwahrlost, voll der Leidenschaft, finster, die Fähigkeit zu Kontemplation fehlt mir, für das Heil bin ich nicht ausgerichtet, nicht bestärkt, nicht reif und nicht befestigt." /Феодор Студит. Т. 2. 1908, S. 81/

Die wichtigsten Merkmale spiritueller Zustände sind innere Stilleund Leidenschaftslosigkeit: „So wie das erregte Meer üblicherweise abebbt, wenn man Öl darauf gießt, da die Dicke des Öls die Kraft des Sturmes, der die Wellen aufwirbelt,  besiegt, so wird auch unsere Seele, durch die Gnade des Heiligen Geistes gesalbt, von süßer Stille erfüllt (…) dann, zu ihrer Freude, wird in ihr jegliche Aufregung besänftigt, durch die verhüllenden Charismata des Geistes und der dadurch ausgelösten Leidenschaftslosigkeit. Wie auch immer die Dämonen versuchen, die Seele zu erschüttern, verbleibt sie dennoch friedlich und von großer Freude erfüllt in sich selbst.“ /[Diadochus] Диадох. 1900, S. 25-26/

Der geistliche Vorkämpfer befindet sich dann in einem Zustand besonderer Freude: „Diese Freude wurde weder durch menschlichen Ruhm noch durch großen Reichtum noch durch körperliche Gesundheit noch durch menschliches Lob noch durch sonst etwas, was unter den Himmeln ist, ausgelöst, sondern durch die bittere Krankheit seiner Seele und die Begegnung der Wirkung des Heiligen Geistes Gottes, Der über den Himmel ist.“ /[ Symeon der Neue Theologe ] Симеон Новый Богослов. Т. 2. 1993, S. 176/ Und weiter: „Keiner kann ihm schaden, keiner vermag, ihn zu hindern, sich von der Quelle des Heils reichlich zu nähren. Der Weltenhalter, der die Welt durch seine Boshaftigkeit beherrscht, der Fürst des Irdischen, das Haupt der Finsternis, der listige böse Teufel, der über alle Gewässer regiert und mit der Welt so wie Mancher mit einem kleinen Vogel in der Hand spielt, wird es nicht wagen, ihn kühn anzublicken oder gar sich ihm mit seinem ganzen Heer und seiner ganzen Kraft zu nähern und auch nur die Ferse seines Fußes zu berühren." /Ebenda, S. 177-178/

Aber auch, wenn die Gnade physikalisch nicht spürbar ist, ist sie nicht weniger wirksam. So wurde Abba Barsonophios gefragt: „Wenn ich bete oder Psalmengesang übe und nicht die Kraft der ausgesprochen Worte verspüre (…) - was für einen Nutzen habe ich dann von diesem (Beten)?“ Er antwortete: „Auch wenn du (die Kraft dessen, was du aussprichst,) nicht verspürst, verspüren und hören sie die Dämonen und zittern. Also höre nicht auf, Psalmengesang und Gebet zu üben, und allmählich, durch Gottes Hilfe, wird deine Gefühllosigkeit in Milde  umgesetzt.“ /Варсонофий Великий, Иоанн. 1995, S. 440-441/

Besondere innerliche Erlebnisse sind kein Selbstzweck (außerdem können sie auch betrügerisch sein); deshalb soll der Mensch nicht sie, sondern Gott Selbst anstreben. Viele christliche Autoren warnten vor dem unangemessenen eigenwilligen Streben nach besonderen Zuständen: „In unserer Zeit wurde es schon zu einer verbreiteten Krankheit, dass die Menschen wegen ihrer tief verwurzelten Genusssucht und der Neigung, in allem immer Komfort und Spaß zu suchen, selbst das spirituelle Leben als ein Mittel zum schnellmöglichsten Erhalt dieser innerlichen ‘Seligkeit‘, wonnevollen Friedens und Euphorie ansehen.“ /[Archimandrit Lasar] Лазарь архим. 1997, S. 5-6/

Der heilige Erleuchter Ignatios (Brjantschaninow): „erfüllt (…) von Stolz und Unvernunft sind der Wunsch und das Streben des Herzens, heilige, spirituelle, göttliche Empfindungen zu genießen, wenn es zu solchen Genüsse noch gar nicht fähig ist (…) das Herz, das sich bemüht, göttliche Wonne und andere göttliche Empfindungen zu kosten und sie in sich nicht vorfindet, solche von sich aus erfindet und sich damit schmeichelt, verführt, betrügt und vernichtet, indem es in den Bereich der Lügen (…) gerät (…).“/Игнатий (Брянчанинов). Т. 2. 1993, S. 243/[1] Dasselbe kann auch während des Betens geschehen: „Ein Betender, der danach strebt, in seinem Herzen die Empfindungen des neuen Menschen [5]   zu öffnen und dazu keine Möglichkeit hat, ersetzt sie durch Empfindungen, die von ihm ausgedacht, also gefälscht sind und denen sich die gefallenen Geister ohne Zögern anschließen.“ /Ebenda, S. 246/

Sicherer und richtiger ist es, sich auf die spirituellen Zustände und Erlebnisse zu orientieren, die mit dem Gottesdienst und den kirchlichen Mysterien zusammenhängen. Diese Zustände gestalten den Menschen allmählich, aber richtig und unentwegt neu. /Серапион (Воинов) иером. 1911, S. 15/ Sie befördern tiefliegende innerliche Veränderungen des Menschen: „Man kommt in seine Zelle, setzt sich auf die Bank und zögert, wagt es nicht, schlafen zu gehen: in den Ohren beben die Nachklänge der göttlichen Melodien in ihrem anhaltenden Chor. Je öfter man diese himmlische Harmonie aufnimmt, desto mehr wird das Bewusstsein mit neuen Elementen angefüllt; der ganze Inhalt der psychischen Welt wird überarbeitet: es kommen andere Gedanken, andere Gefühle, andere Wünsche (…); es beginnt die wahre Umerziehung und Bekehrung des Menschen,  seine Neugeburt, der  ‚zweite‘ Adam wird erschaffen.“ /Ebenda, S. 17-18/ Die allmähliche innerliche Reinigung des Menschen führt  ihn (mit Hilfe Gottes) zur Heiligkeit: „Was ist das Wesen des ewigen Lebens seitens des seelischen Zustands des Menschen, der es führt? Es besteht in der Heiligkeit, der Quelle der ewigen Seligkeit, die ihr zu eigen ist. Der Mensch wird deshalb die ewige Seligkeit erleben, da er heilig und in der Gemeinschaft mit dem All-Heiligen Gott verbleiben wird.“ /[Sergius (Stragorodski)] Сергий (Страгородский). 1991, S. 101/ Da es das Herz ist, das der Reinigung in erster Linie bedarf, gehen viele spirituelle Zustände in erster Linie mit dem bereinigten Herzen einher. (…) Spirituelle Gefühle sind Veränderungen im Herzen, die von der Einwirkung der Gegenstände der spirituellen Welt oder ihrer Betrachtung herstammen. Ihre Gesamtheit kann als religiöses Gefühl bezeichnet werden.“ /[Theophan der Klausner] Феофан Затворник, 1890. S. 305/

Allerdings ist der innerliche spirituelle Zustand des Menschen ebenso verborgen, wie es sein Herz ist: „Das persönliche Innere des geistlichen Vorkämpfer bleibt für andere Menschen immer verschlossen. Den Menschen ist nur die Weisheit der spirituellen Erfahrung zugänglich, aber keine mystischen Erlebnisse der Seele. Die Tür dieser Zelle ist immer fest verschlossen, so wie der Herr es verlangt." /Василий еп. 1996, S. 70/ Und weiter: „Die Hütung des Geheimnisses des inneren Lebens ist auch von erzieherischer Bedeutung. Dadurch  werden das religiöse Gefühl des Menschen und seine Liebe zu Gott konzentrierter und eifriger (…). So wie die hl. Nonne Syncletika sprach: ‚wird die Tür eines Dampfbades häufig aufgemacht, wird bald der ganze Dampf ausgehen‘. Eben so ist es mit der Seele: wenn sie fremden Blicken zu offen vorliegt, verliert sie bald ihre Konzentration; ein Gefühl, das vielen zugänglich ist, wird leicht zerstreut, die spirituelle Kraft wird verschwendet und verschwindet nutzlos.“ /Ebenda, S. 71/ Hier sind zwei Momente wichtig: „Erstens ist es notwendig, die ganze Zeit im Bewusstsein zu behalten, dass die Verbergung des inneren Lebens den Nutzen der Seele bezweckt, indem sie diese vor Ehrgeiz und Eitelkeit, fremden Beimischungen im Gefühl der Liebe zu Gott, Zerstreuung der spirituellen Kraft usw. schützt. Da wo es diese Gefahren nicht gibt, bedarf es folglich keiner Verschlossenheit. Deshalb ist es selbstverständlich, dass z.B. in den Beziehungen zu einem Geistlichen oder dem geistlichen Vater von Verschlossenheit keine Rede ist. Sie wäre hier nicht nur durch nichts zu rechtfertigen, sondern geradewegs schädlich. (…) Zweitens sollte die Befürchtung, ein Geheimnis seines Lebens zu verraten, den Menschen nicht von guten Werken abhalten. So gibt man manchmal vor anderen Menschen kein Almosen oder lässt einen Bedürftigen im Stich unter dem Vorwand, menschlichen Ruhm und Lob zu meiden. Das ist sicherlich völlig falsch.“ /Ebenda, S. 71f/

Nun gehen wir zur Analyse einzelner segenspendender Zustände über. Wachheit ist nicht der aktivste, ganzheitlichste und harmonischste Zustand. Die steigenden Aktivierung der spirituell-psychischen Zustände gemäß können folgende Zustände unterschieden werden: Aufmerksamkeit (Nüchternheit), Buße, Demut und Leidenschaftslosigkeit. Weiter folgt der Zustand der Gemeinschaft mit Gott, der auf der normalen säkularen Sprache praktisch unbeschreiblich ist (allerdings hinterließen die heiligen Väter einige sehr wichtige Gedanken darüber). Eine mystische und die oberste Stufe der Leiter der spirituell-psychischen Zustände ist die Erlangung des Heiligen Geistes. Gehen wir kurz, in Anlehnung auf die patristischen Texte, auf jeden der aufgelisteten Zustände ein.

Der Zustand der Aufmerksamkeit besteht in innerer und äußerer Konzentration und Achtsamkeit. Für das christliche Tun ist er sehr wichtig: „Die Seele aller Übungen in Gott ist die Aufmerksamkeit. Ohne Aufmerksamkeit sind alle diese Übungen ergebnislos und tot. Derjenige, der das Heil sucht, sollte sich so organisieren, dass er die Selbstaufmerksamkeit nicht nur in der Einsamkeit bewahren könnte, sondern auch selbst bei Zerstreutheit, in die er gegen seinen Willen manchmal durch Umstände hineingezogen wird.“ /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 2. 1993, S. 296/ „Derjenige, der das innere Tun übt, solle in jedem Augenblick über viererlei verfügen: Demut, äußerste Aufmerksamkeit, Widerspruch (gegen die Gedanken) und Gebet.“ /[Hesychios] Исихий. 1827, S. 139/ Ohne Aufmerksamkeit gibt es weder die Konzentration des inneren Lebens noch Selbsterkenntnis noch Buße noch das spirituelle „nicht-exaltierte“ Gebet. Ständige Aufmerksamkeit geht in Nüchternheit über, d.h. in den Zustand der unablässigen spirituellen Aufmerksamkeit, die es ermöglicht, trotz Aufregung und Lärm der Außenwelt die Stimme Gottes zu hören.

Weiter oben auf der Leiter der spirituell-psychischen Zustände befindet sich der wichtigste Zustand der Buße. Kraft ihrer besonderen Wichtigkeit wird Buße manchmal die „zweite Taufe“ genannt: „Buße ist nach der Taufe das zweite Bad für das Herz.“ /[Johannes von Kronstadt] Иоанн Кронштадтский. 1900, S. 103-104/ Im Gegensatz zum Bußgefühl, das ein augenblickliches Gefühl der Reue für irgendeine Handlung ist, stellt der Zustand der Buße keinen kurzlebigen Akt dar und dauert sehr viel länger. Dieser Zustand wird dann erreicht, wenn der Mensch so häufig das Bußgefühl erlebt und darin so lange verbleibt, dass die einzelnen intensiven emotionalen Blitze in einen unaufhörlichen feurigen Zustand zusammenschmelzen.

Bei der Buße werden gewöhnlich eher die emotionalen Seiten gesehen, was auch wichtig, aber nicht ausreichend ist. Da die „Buße die Erkenntnis der eigenen Sünden ist“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. 1993. Т. 2. S. 174/, gibt es darin auch bedeutsame kognitive Elemente. Buße bzw. „Metanoia“ ist nicht nur ein emotionales Erlebnis, sondern auch eine Veränderung des Verstandes, bei welcher der Mensch sich seine Sünden bewusst macht, seine Gedanken reinigt und sich zu den christlichen Überzeugungen und der christlichen Weltanschauung durchringt. Buße ist eben das, was die spirituelle Entwicklung des Menschen, die „Selbst-Vervollkommnung“ ermöglicht  /[Isaak der Syrer] Исаак Сирин. 1993, S. 205/. Die vorbereitende Bereinigung durch die Buße ist dafür notwendig, dass „das Wohlwollen Gottes zu uns kommen kann" /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 2. 1993, S. 74/.

Durch die Buße kommt der Mensch zu sich selbst: „Wir sind fast immer nicht in uns selbst, sondern außerhalb von selbst, da wir uns fast die ganze Zeit mit äußeren Dingen beschäftigen und unserer Innenwelt keine Aufmerksamkeit schenken. Die Ordnung der Buße bzw. der Tag der Buße geben uns Gelegenheit, Anlass und Anreiz, tief in uns hineinzugehen und den eigenen inneren Zustand, die eigenen Gedanken, Wünsche, Absichten, den eigenen Glauben, die eigenen Taten und Handlungen, die eigenen Einstellungen zu Gott und zu den Menschen zu erforschen und zu überprüfen.“ /[Johannes von Kronstadt] Иоанн Кронштадтский. 2001, S. 93/

Die Buße ist ein sehr schwieriges Werk, und im Christentum gibt dafür ein spezielles christliches Mysterium, das gnadenvolle Hilfe leistet. Auch wenn der im Mysterium der Buße wiedergeborene Christ nicht mehr ein Kind des Zornes Gottes ist, ist er nach wie vor ein Sohn Adams und Erbe dessen verdorbener Natur. Der Kampf mit der eingeborenen Sündigkeit und Boshaftigkeit der Geister der Finsternis bedarf eben eines Mittels, das den Sündigen von seinen Sünden bereinigt und denjenigen, der sich dadurch von Gott entfernte, mit IHM wiedervereinigt. Dafür stiftete der Herr in Seiner Kirche eben eine besondere sakrale Handlung für die Heilung von Menschen, die zwar sündigen, aber aufrichtig büßen. Das ist eben das Mysterium der Buße (μετανοια, poenitentia) /Малиновский. 1909, S. 230/. Die Bedeutung der Buße ist schwer zu überschätzen; sie ist für alles wichtig, und ohne sie ist alles andere schlicht unmöglich.

Demut ist das Hauptkriterium, an dem das positive spirituell-sittliche Wesen des Menschen  zu erkennen ist /Михаил (Труханов). 1997, S. 160/. Manchmal ist Demut von außen nicht zu erkennen, innerlich ist sie einfach unentbehrlich: „Für jede Tugend ist Demut eben das, was  das Salz für jedes Essen ist; sie kann die Panzer vieler Sünden zerschmettern“ /[Isaak der Syrer] Исаак Сирин. 1993, S. 199/.

Demut ist die wichtigste Eigenschaft des Neuen Menschen: „ Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig (…).“(Mt 11,29) Ohne Demut „bringt selbst die Erfüllung aller Gebote den Menschen nicht näher zu Gott, sondern macht ihn sogar zum Feinde Gottes; denn wenn keine Demut  da ist, gibt es unbedingt den Stolz." /[Nikon (Worobjow)] Никон (Воробьев). 1988, S. 9/

Demut ist die Hauptbedingung für die Errettung des Menschen: „Viele erhielten das Heil ohne Prophezeiungen und Visionen, ohne Zeichen und Wunder; aber ohne Demut  wird niemand das himmlische Gemach betreten.“ /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, S. 171/ Deshalb sollte der Christ in sich immer eine derart demütige Stimmung erschaffen, dass ihm das Gebet des Zöllners „O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!“ (Lk 18,13) möglich und natürlich ist.

Demut ist die Grundlage der Erlangung des Heiligen Geistes: „Wahrlich gibt es nur ein Siegel Christi – die Erscheinung des Heiligen Geistes, auch wenn es viele Arten Seiner Einwirkung und viele Zeichen Seiner Kraft gibt. Das erste vor allen Dingen und das notwendigste ist Demut, da sie der Beginn und die Grundlage ist." /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 1. 1993, S. 36/ Nach Isaak dem Syrer ist Demut die Selbstverähnlichung Gottes durch die Nachahmung Christi /[Hilarion (Alfeev)] Иларион (Алфеев). 1998, S. 117/.

Der Demut  der Seele nutzt auch die Demut  des Leibes, nämlich durch Fasten und körperliche Arbeit: „Was die Einstellung der Seele betrifft, ist sie bei einem gesunden Menschen, einem Kranken, einem  Hungernden und einem Satten  jeweils unterschiedlich. Wiederum unterschiedlich ist die Einstellung der Seele jeweils beim Menschen, der ein Pferd reitet, auf dem Thron sitzt, auf dem Boden sitzt, eine schöne Kleidung trägt oder sich in Lumpen kleidet. Arbeit demütigt den Leib, und wenn der Leib sich demütigt, demütigt sich mit ihm zusammen auch die Seele.“ /[Abba Dorotheos] Дорофей авва. 1995, S. 57-58/

Sehr hoch schätzen die heiligen Väter den Zustand der Leidenschaftslosigkeit:

- „Das Mönchssein bedeutet nicht, außerhalb der Menschheit und der Welt zu sein, sondern sich selbst zu widersagen und damit außerhalb der Begierden des Fleisches zu sein und sich in die Leidenschaftswüste [d.h. in die Leidenschaftslosigkeit] hinfortzubegeben.“ /[Niketas Stethatos] Никита Стифат. Деятельных глав первая сотница. 1900, S. 102/

- „Einer, der nicht leidenschaftslos geworden ist, weiß nicht einmal, dass es so etwas wie Leidenschaftslosigkeit überhaupt gibt, und glaubt nicht, dass es solch einen Menschen auf Erden gäbe.“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 2. 1993, S. 524/

Der Begriff Leidenschaftslosigkeit (απαθεια) geht auf die altgriechische Philosophie zurück, wo er, im Gegensatz zu Leid und Tod, Teilnahmslosigkeit und Gefühllosigkeit bedeutete. Im Stoizismus gab es das Ideal von Leidenschaftslosigkeit, Ruhe, Abgeschiedenheit und Emotionslosigkeit als Eigenschaften des wahren „Weisen“ /[Hilarion (Alfeev)] Иларион (Алфеев). 1998, S. 404/. Diese Leidenschaftslosigkeit unterscheidet sich aber wesentlich von der Leidenschaftslosigkeit in der patristischen Lehre. Erstere steht näher einem Zustand, der in der heutigen Sprache üblicherweise „Apathie“ genannt wird, d.h. ein etwas phlegmatischer Zustand, der normalerweise mit Antriebslosigkeit und Faulenzerei assoziiert wird. In den Worten des bekannten russischen Theologen und Archimandriten Kiprian Kern : „Alle Generationen mystisch eingestellter orthodoxer Asketen mahnten zur Leidenschaftslosigkeit. Diese Mystik betrachtet Leidenschaftslosigkeit aber nicht als eine Art Nirwana, sondern im Gegenteil als hehres geistiges Tun.“ /Киприан (Керн). Антропология... 1996, S. 51/ Einige Spuren des altgriechischen Einflusses sind diesbezüglich bei Origenes und Euagrios zu finden. Sie stellten die Abkehr von „Leidenschaften“ als negative Errungenschaft dar: in seinem Tun solle der Asket die vollkommene Leere der Seele bzw. des Leibes und die Befreiung von jeglicher Empfindung anstreben, damit der Verstand sich seiner göttlichen Natur bewusst werden und sein ontologisches Einssein durch das Wissen wiederherstellen könne. Dieses Konzept ergab sich logischerweise aus der Anthropologie des Origenes, nach der jede Verbindung des Verstandes, nicht nur mit dem Leib, sondern auch mit der Seele, eine Folge des Sündenfalls sei /[ John Meyendorff ] Мейендорф. 2001, S. 130/. Bei Euagrios erweist sich die Losgelöstheit von den Leidenschaften letztendlich auch als Losgelöstheit von den Tugenden, und die schaffende Liebe wird durch Wissen verschlungen /Ebenda/.

In der patristischen Sichtweise ist christliche Leidenschaftslosigkeit etwas ganz anderes:

- „Leidenschaftslosigkeit ist Bewegungslosigkeit der Seele zum Bösen; es ist aber unmöglich, sie ohne die Gnade Christi wahrzunehmen“ /[ Thalassios von Libyen ] Фалассий авва. 1900, S. 292/. „Die Leidenschaftslosigkeit ist ein friedlicher Zustand der Seele, in dem sie schwerfällig zur Bosheit ist “/[Maximos der Bekenner] Максим Исповедник. 1900, S. 167/´

- „Leidenschaftslosigkeit heißt nicht, dass wir keine Leidenschaften empfinden, sondern dass wir sie nicht annehmen.“

- "Leidenschaftslosigkeit bedeutet nicht, dass wir nicht von Dämonen bekämpft werden, denn sonst würden wir, nach den Worten des Apostels, aus der Welt hinausgehen  ( 1 Kor 5,10); sondern dass wir, „während sie uns bekämpfen, unangefochten bleiben“ / [[Diadochos]] Диадох. 1900, S.71/.

- „Wahrlich leidenschaftslos heißt und ist derjenige, der seinen Leib unverweslich gemacht, seinen Verstand über alle Geschöpfe emporgehoben, alle Gefühle dem Verstand untergeordnet und seine Seele vor das Antlitz des Herrn gestellt hat." /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, S.242/ „Leidenschaftslosigkeit ist die Auferstehung der Seele vor der Auferstehung des Leibes – sie ist die vollkommene Erkenntnis Gottes, die wir nach den Engeln zu erlangen vermögen.“ /Ebenda, S.242/

Die Leidenschaftslosigkeit hat verschiedene Formen und Stufen: „Die erste Stufe der Leidenschaftslosigkeit ist die vollkommene Enthaltsamkeit von bösen Werken, die bei Neulingen zu sehen ist; die zweite ist die vollkommene Verwerfung von Gedanken der Zustimmung gegenüber dem Bösen, die in denjenigen ist, die den Weg der Tugend vernünftig gehen; die dritte ist die vollkommene Abwesenheit leidenschaftlicher Wünsche, wie sie bei denjenigen zu finden ist, die von der sichtbaren Dingen zur gedanklichen Kontemplationen emporsteigen; die vierte und höchste ist die vollkommene Bereinigung von Phantasien überhaupt, die sich bei denjenigen entwickelt, die ihren Verstand durch Wissen und Kontemplation zu einem reinen und klaren Spiegel Gottes machen.“ /[[Maximos der Bekenner]] Максим Исповедник. 1900, с.277-278/

Vom christlichen Standpunkt aus ist die Seele in ihrem Innersten leidensschafslos: „Die Seele ist in ihrer Natur leidensschafslos. Diejenigen, die sich an die äußerliche Philosophie halten, so wie auch ihre Nachfolger, akzeptieren dies nicht. Wir dagegen glauben, dass Gott denjenigen, der nach Seinem Bilde geschaffen ist, leidenschaftslos ins Leben rief.“  /[Isaak der Syrer] Исаак Сирин. 1993, с.18/

Nach Makarios dem Großen entstand das Leiden der Seele nicht, weil der Mensch die Fähigkeit hat, zu wünschen und zu fühlen, also ein sinnliches Leben zu führen, sondern dadurch, dass er begann, sich Vergnügen außerhalb der Quelle des wahren Lebens zu suchen /Онуфрий (Шушания) иерод. 1914, с.89/. Deshalb ist „Leidenschaftslosigkeit nicht die Zerstörung emotionaler Äußerungen menschlichen Lebens, sondern ihre Befreiung von der Sehnsucht, an der sie sonst im vergänglichen Strom des irdischen Lebens verelenden. Nachdem sie in Christo die wahre Kost findet, erreicht die sinnliche Seite der Seele eine außergewöhnliche Intensität und inhaltlichen Reichtum.“ /Ebenda, с.89/

Auch nach Gregor Palamas „vernichten die Leidenschaftslosen die leidenschaftliche Kraft ihrer Seele nicht, sondern diese bleibt in ihnen lebendig und bewirkt Gutes.“ /Григорий Палама. 1995, с.183/ „Das Gebot‚ das Fleisch samt den Leidenschaften und Lüsten zu kreuzigen (Gal 5,24) ist uns nicht gegeben, auf dass wir uns niedermetzeln, indem wir alle Aktivitäten des Leibes und die ganze Kraft der Seele abtöten, sondern damit wir uns von boshaften Wünschen und Aktivitäten fernhalten, uns davon abwenden und, in den Worten von Daniel, zu ‘Männern der spirituellen Wünsche‘ werden (Dan 9,23; 10,11 u. 19)." /Ebenda/

„Damit ist Leidenschaftslosigkeit nicht die Vernichtung der begehrenden  Kraft der Seele (επιθυμητικον, concupiscentiale, Wollen) oder ihrer erregbarenKraft (παρασηλοτικον, irascile, Zorn), sondern ihre segenbringende Transformation.“ / [ Hierotheos Vlachos] Иерофей (Влахос) митроп. 1999, с.125-126/ In den Worten von Maximos dem Bekenner: „Auch Leidenschaften sind in den Händen der Eiferer für das gute und heilsame Leben gut, wenn wir, nachdem wir sie vom Fleischlichen weise ausgestoßen haben, zur Erreichung des Himmlischen verwenden, und zwar indem wir die Begierde zur zielstrebigen Bewegung der spirituellen Sehnsucht nach den Göttlichen Gütern machen; die Lüsternheit zur lebenspendenden Freude durch die Verzückung des Verstandes durch die Göttlichen Gaben; die Angst zur vorsichtigen Bemühung, in der Zukunft keinen Qualen für Sünden unterzogen zu werden; und die Trauer zur Buße, die auf die Berichtigung des jetzigen Bösen gerichtet ist.“ /[[Maximos der Bekenner]] Максим Исповедник. 1900, с.258/

Manche heiligen Väter sprechen von der Bändigung der leidenschaftlichen Bewegungen der Seele und über ihre Heilung wie folgt:

- „Bändige den erregbaren Teil der Seele durch Liebe, zehre den begehrenden [Teil] durch Enthaltsamkeit aus, beflügele den rationalen [Teil] durch Gebet (…).“ /[ Kallistos und Ignatios Xanthopuloi ] Каллист и Игнатий Ксанфопулы. 1900, S. 396/

- „Almosen heilen den erregbaren Teil der Seele, Fasten dörrt die Begierde aus, Gebet reinigt den Verstand und bereitet ihn auf die Betrachtung des Seienden vor.“

Leidenschaftslosigkeit ist nicht nur die Ausmerzung einzelner Leidenschaften, sondern auch die allgemeine Gesundheit der Seele. Deshalb wundert es nicht, dass sie im direkten Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit steht. „Die Befreiung der Seele von Gedanken, Leidenschaften und der Tyrannei des Todes fördert die Ausgeglichenheit des Menschen, sowohl psychologisch als auch sozial.“ /[Hierotheos Vlachos] Иерофей (Влахос) митроп. 1999, S. 123/

Gott will  Barmherzigkeit statt Schlachtopfer und Gotteserkenntnis statt  Brandopfer (vgl. Hos 6,6). Gottesbewusstsein, Gotteserkenntnis bzw. Gemeinschaft mit Gott (Communio) resultieren aus dem Gebot der Liebe zu Gott: „Unsere erste Hauptpflicht im Bezug auf Gott  ist die Liebe zu IHM. Selbstverständlich ist, dass diese Liebe von uns auch verlangt, dass wir Denjenigen, Den wir so lieben sollen, kennen. Kein Mensch wird jemanden, den er nicht kennt, lieben, das kann er auch nicht. So bringt uns die Liebe zu Gott zur Pflicht der Gotteserkenntnis.“ /Филарет игумен. 1990, S. 78/ Gotteserkenntnis hängt auch mit Sinnen auf Gott unmittelbar zusammen: „Als Sinnen auf Gott wird eine seelische Stimmung bezeichnet, in der der Mensch in seinem Bewusstsein die Vorstellung von Gott, Seine ultimativen Eigenschaften, das Werk unseres Heils, unsere ewige Zukunft usw. absichtlich herbeiführt und darin auch aufrechterhält. Derartiges Sinnen auf Gott wurde von unseren christlichen geistlichen Vorkämpfern geliebt, ist aber sehr vielen von uns bedauerlicherweise ganz unbekannt.“ /Ebenda, S. 79/

In Seinem Hohenpriestergebet spricht Jesus Christus von der Gotteserkenntnis: „ Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche deinen Sohn, auf dass dein Sohn dich verherrliche. Gleichwie du ihm Gewalt gegeben hast über alles Fleisch, auf dass er allen, die du ihm gegeben, ewiges Leben gebe. Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen “ (Joh 17,1-3). Aus diesen Worten des Heilands ergibt sich, dass Gotteserkenntnis nicht nur nötig, nützlich und wichtig ist, sondern auch lebensnotwendig. Sie ist weitaus wichtiger als die Erkenntnis aller erschaffenen Objekte, denn von der Gotteserkenntnis hängt nicht nur die Gabe des ewigen Lebens ab, die uns durch Jesus Christus, den von Gott gesandten Mittler zwischen Gott und dem Menschen, verliehen wird, sondern Gotteserkenntnis an sich ist eben das ewige Leben bzw. das Heil, also die Verwirklichung des Ziels, das für jeden Menschen persönlich das höchste und das begehrteste ist. /Vgl. Михаил (Мудьюгин). 1995, S. 85/

Es gibt drei Arten der Gemeinschaft mit Gott: „eine ist mental, während der Bekehrung, und zwei sind aktiv, wovon eine verborgen, für die Anderen unsichtbar und für den Menschen selbst unbewusst ist, die andere dagegen sowohl für den Menschen selbst als auch für die Anderen offensichtlich.“ /[Theophan der Klausner] Феофан Затворник. 1908, S. 177/ „Das ganze spirituelle Leben beseht im Übergang von der mentalen Gemeinschaft mit Gott zur aktiven, lebendigen, spürbaren und offensichtlichen Gemeinschaft.“ /Ebenda, S. 178/

Gotteserkenntnis hängt direkt mit der Offenbarung zusammen, denn der Mensch erkennt Gott nur so und so weit, wie Gott Selbst sich dem Menschen offenbart. „ Offenbarung“ heißt: „Alles Dasein und alle Wirkung Gottes im Rahmen der menschlichen Wahrnehmung“ /Михаил (Мудьюгин). 1995, S. 146/. Die Offenbarung Gottes übersteigt alles, was uns Menschen zugänglich ist, unendlich. Folglich wird sie so gegeben, dass wir sie uns aneignen können: „Das Verhältnis des Umfangs und der Form der Offenbarung zur absoluten Wahrheit wird sowohl qualitativ als auch quantitativ durch die Gegebenheit des wahrnehmenden Subjekts (also der Menschheit), sowie durch die objektiven Zwecke der Vorsehung bestimmt, für deren Verwirklichung die Offenbarung dargereicht wird.“ /Ebenda, S. 148/ Trotz seiner Beschränktheit ist eben der Mensch derjenige, der für die Wahrnehmung der Offenbarung Gottes erschaffen ist: „Wäre der Mensch nicht imstande, die Offenbarung wahrzunehmen und sich anzueignen, wäre sie ineffektiv. Diese Fähigkeit wurde ihm bei seiner Schöpfung gegeben als das wichtigste und wesentlichste Merkmal der Gottähnlichkeit. Vom allerersten Augenblick seines Daseins an kommuniziert der Mensch mit Gott und nimmt Seinen Willen wahr, befindet sich also im Prozess der Gotteserkenntnis. Daraus folgt nicht nur, dass die Offenbarung existiert, sondern auch, dass der Mensch fähig ist, diese Offenbarung wahrzunehmen und sogar darauf zu reagieren – sowohl durch seine Teilnahme am Dialog mit Gott (Gen 2,16-17; 3,9-19) als auch durch die bewusste Erfüllung (oder Verletzung) der Gebote Gottes, die in der Offenbarung enthalten sind (Gen 2,16-17; 3,1-13)." /Ebenda, S. 150/

Gott  weiß, was der Mensch braucht; deshalb ist  die Offenbarung Gottes immer hinreichend und enthält nichts Überflüssiges: „Der einzige Zweck der Offenbarung in all ihren Modi ist unser Heil, das eben den Umfang der Offenbarung bestimmt. Die Offenbarung wird den Menschen weder für die Befriedigung ihrer Neugier oder Wissbegierde noch für vorübergehende Alltagszwecke gegeben, sondern nur für das Heil in der höchsten Bedeutung dieses Wortes, d.h. für das ewige Heil und die Erreichung des ewigen Lebens in Gott und mit Gott.“ /Михаил (Мудьюгин). 1995, S. 93/ „Es ist notwendig hinzuzufügen, dass der Umfang der Offenbarung, ohne das soteriologisch bedinge Maximum zu übersteigen, zugleich das soteriologisch notwendige Minimum gewährleistet.“. Anders gesagt ist uns in der Offenbarung der ganze für unser Heil notwendige Umfang der Gotterkenntnis gegeben. Deshalb können wir in unserem Nachsinnen über die uns gebotenen Möglichkeiten zum Heil mit den Worten des Psalmisten sprechen: „ Jahwe ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln “ (Ps 23,1)» /Ebenda, S. 93/.

Die Offenbarung spricht alle Seiten der menschlichen Seele an: das Denken, die Emotionen und den Willen. Nur wenn die Offenbarung ganzheitlich, in all ihren Arten und Formen erlebt wird, nur wenn sie durch eine Synthese rationalen Denkens, emotionaler Hochstimmung und des Willens, der die Erfüllung des Willens Gottes anstrebt (Mt 6,10), betrachtet wird, erweist sich die Gotterkenntnis als fruchtbar und heilsam nicht nur für den Menschen selbst, sondern auch für seine Umgebung (für seine Nächsten im weitesten Sinne des Wortes), für die er eben zum Leiter der Offenbarung und der Frohen Botschaft von Christus dem Retter der sündhaften Welt wird /Vgl. ebenda, S. 143/. Offenbarung ist in allen ihren Formen zweifellos die Gnadengabe Gottes /Vgl. ebenda, S. 147/.

Häufig möchten Kritiker des Christentums dieses als eine Religion totaler Verbote und Angst darstellen. Das ist sicherlich komplett falsch, denn solche Kritiker haben die freudige Seite des Christentums übersehen, die sich im Zustand der Gemeinschaft mit Gott besonders deutlich zeigt: „So wie die Erholung im teuren weichen Bett das Liegen auf einem harten rohen Brett übertrifft, so übertreffen die Freude und die Labsal, welche die Seele in der Gemeinschaft und Konversation mit Gott empfindet, jeglichen Spaß und Genuss dieses Lebens“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 2. 1993, S. 65/.

Gott gewährt es dem Menschen durch seine Gnade . Über die Empfindung, die Erkenntnis und die Anerkennung der Gnade schrieb ausführlich Symeon der Neue Theologe:

Die Seele „soll die Gnade und die Einwirkung des in ihr herrschenden Gottes kennen: denn da, wo es den König gibt, müssen auch Zeichen seiner Anwesenheit vernehmbar sein.“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 1. 1993, S. 366/; und weiter: „Die Zeichen Gottes, welche die Seele, in der Gott herrscht, aufweisen soll, sind: Sanftmut, Rechtschaffenheit, Wahrheit, demütiges Denken, Güte, Rechtschaffenheit und stete Ehrfurcht, und auch noch Lauterkeit, Nächstenliebe, Mitleid, der Glaube, der nicht zuschanden werden lässt, Langmut, Beständigkeit und Seelengüte.“ /Ebenda/

„Es gibt nur eine Vergewisserung der Wirksamkeit des Heils – das spirituelle Gefühl der Gnade des All-Heiligen Geistes, die der spirituellen Kraft des Verstandes von Gott um des Glaubens willen gewährt wird.“ /Ebenda, S.465/

„Diejenigen, welche die aufgenommene Gnade empirisch erkannten, sind die Freunde Christi, denen die Geheimnisse vertraut sind, und sie führen ihr Leben im Geiste Christi. Diejenigen, die solche Gnade aber nicht erhielten, also die Ungetauften und diejenigen, die sie erhielten, aber nicht erkannten, sind Feinde Gottes.“ /Ebenda, S.466/;

„Die Gnade Gottes kommt in den Menschen, dessen Herz, auch wenn er selbst unrein und schlecht ist, das Gute wahrhaft erkennt, und die wahre Erkenntnis des Guten bedeutet, dass das Herz erkennt, dass die Gnade die Gnade ist.“ /Ebenda, S.169/ „Wer nicht würdig ist, die Gnade Christi zu erhalten und geistlich zu erkennen, dass sie in seiner Seele vorhanden ist, trägt nutzlos den Namen eines Christen; er ist den Ungläubigen gleich. Er mag denken, dass er alles Böse vermieden habe und jegliche Tugend pflege; jedoch ist er im Bezug auf die Wahrheit ein Lügner und ein Heuchler.“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 1. 1993, SS. 171/

„Nutzlos nennt sich Christ derjenige, der in sich keine Gnade Christi empfindet, d.h. nicht empirisch weiß, dass er diese Gnade in sich hat.“ /Ebenda, S. 204/

„Vergeblich bemüht sich derjenige, über den Gott nicht herrscht und der mit dem geistigen Gefühl seiner Seele nicht spürt, dass Gott in ihm durch Jesus Christus Seinen Willen vollbringt (…). Wenn der rationale Teil seiner Seele noch kein geistiges Gefühl wahrgenommen hat, wodurch sie hätte verstehen können, dass das Reich Gottes in ihn hineinkam, sollte er sich nicht in der Hoffnung des Heils wiegen.“ /Ebenda, S.250/

„Derjenige, der sich mit dem himmlischen Schatz bereicherte – darunter verstehe ich, dass Christus, Der sagte: ‘Ich und mein Vater werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen ‘ (Joh 14,23), zu ihm kam und in ihm Wohnung machte – der weiß mit dem spirituellen Wissen (empirisch, bewusst, sinnig), was er für Freude erhielt und was für einen großen Schatz er in den königlichen Schatzkammern seines Herzens hat.“ /Ebenda, т. 2, 1993, S.554/

„So wie ein dachloses Haus, das wegen der Saumseligkeit des Baumeisters so belassen wird, nicht nur zu nichts taugt, sondern auch dem Baumeister zum Spott gereicht, so ist eben derjenige, der durch die Erfüllung der Gebote eine Grundlage legte und die Gewänder der hohen Tugenden errichtete, unvollkommen und stellt ein Objekt des Bedauerns der Vollkommenen dar, wenn er die Gnade des Heiligen Geistes nicht seelisch sichtbar und spürbar erhalten hat.“ /Ebenda, S.537/

Die Gnade des Hl. Geistes bringt gnadenvolle segensspendende Zustände mit sich: „Wurde Gott zum Herrn des vernünftigen Teiles der Seele, muss sie die Gnade Gottes, der in ihr herrscht, empirisch erkennen, und die Früchte des All-Heiligen Geistes, d.h. Liebe, Freude, Friede, Langmut u.a., durch die Tat zeigen.“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 1. 1993, S. 251/

Unten zitieren wir einige Gedanken über manche gnadenvollen Zustände (Trost, Liebe, Friede, Ruhe):

„Der Heilige Geist heißt der Tröster – da ER in die Seele des Menschen, der seine Irrnisse und seine Sünden erkannt hat, den himmlischen Trost und Frieden hineingießt, der über jeden Verstand erhaben ist.“ /[Johannes von Kronstadt] Иоанн Кронштадтский. 1900, S. 27/

Über die Gnade des Hl. Geistes: „Wenn es dazu kommt, dann ist dem Christen bewusst, dass er sich in einem außergewöhnlichen Zustand befindet, einer stillen, tiefen, wonnevollen Freude, die sich manchmal bis zum Frohlocken steigert. Dies ist der spirituelle Freudentaumel! Der Apostel, der diesem den Freudentaumel durch Wein entgegensetzt, sagt, dass wir eben nicht letzteren, sondern ersteren suchen sollen, den er ‚Erfüllung des Geistes‘ nennt. So ist die Anordnung, sich mit dem Geist zu erfüllen, nichts anderes als die Weisung, sich so zu verhalten bzw. zu agieren, dass es den Hl. Geist dazu befähigt bzw. ihm die Möglichkeit und den Raum gibt, sich spürbar zu manifestieren, indem er das Herz merklich beeinflusst.“ /[Theophan der Klausner] Феофан Затворник. 1882, S. 365/

„Wir sehen, dass es sowohl eine körperliche als auch eine seelische Ruhe gibt. Der Körper kommt zur Ruhe, wenn er nach einem Weg oder nach einer Arbeit ruht; und so kommt eben auch die Seele zur Ruhe, wenn sie in einem reinen und makellosen Gewissen ruht, das sie wegen nichts geniert“ /[Tichon von Sadonsk] Тихон Задонский. Т. 11. 1837, S. 141/; bzw., nach dem biblischen Wort: „Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe“ (Ps 61,2). Nicht zufällig heißt die athonische Gebetstradition „Hesychasmus“, vom griechischen Wort hesychia , was „Ruhe, Stille, Schweigen“ bedeutet.

- „Bei einer spirituellen, Göttlichen Wirkung schwillt das Blut ab, und es gibt dann eine große Stille. In die Seele steigt jene heilige Welt nieder, die jeden Verstand übersteigt und die es in unserer gefallenen Natur nicht gibt, sondern die vom Herrn gewährt wurde und immer wieder gewährt wird.“ /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). т. 7, 1993, с.110/

„Das göttliche Feuer ist rein, zart, hell; es teilt dem Verstand die Wahrheit mit, und dem Herzen die entzückende Ruhe, die entzückende Kaltherzigkeit gegenüber allem Irdischen, sowie auch eine reiche Fülle an Sanftmut, Demut und Güte." /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 4. 1993, с.506/

Die Gemeinschaft mit Gott geht mit der Einwohnung Gottes eng einher, die eine Form der Gott-Mensch-Beziehungen ist. “Einwohnung Gottes ist eine vollkommene Art der Gemeinschaft mit Gott, wenn der Heilige Geist sich dem Menschen vollkommen anvertraut und sich in ihm ansiedelt.“ /Гурий иером. 1908, с.7/

Über die Einwohnung Gottes spricht Christus selbst: „ Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbar machen “ (Joh 14,21); „ Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen “ (Joh 14,23). Davon schreibt auch der Apostel Paulus an die Korinther: „ Ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: ‚Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein ‘“(2 Kor 6,16).

Von der Einwohnung Gottes in den Menschen und über deren Erreichung schreiben auch die Heiligen. Väter:

„Gott zieht in den Leib des Menschen ein, und der Herr hat für Sich eine schöne Wohnung, nämlich den Menschen! So wie Gott den Himmel und die Erde erschuf, damit der Mensch sie bewohnt, so erschuf ER den Leib und die Seele des Menschen als seine Wohnung, damit ER in seinen Leib einzieht, in seinem Leib wie in Seinem Daheim ruht und dabei die geliebte Seele, die nach Seinem Ebenbild erschaffen ist, als seine schöne Braut hat.“ /[Makarios der Große] Макарий Египетский. 1998, с.312/

„Seht ihr die Nichtigkeit des hiesigen Lebens? Seht ihr, wie inkonstant und schnellfließend das menschliche Leben ist?  – Es gibt nur einen gütigen Anteil, nur eine Art des Lebens, das gut ist, und eine unaufhörliche Gnade – Gott durch die Erhaltung Seiner Gebote zu erreichen.“ /[[Theodor Studites]] Феодор Студит. 1901, с.30/ Dabei spricht Theodor Studites „von der Einwohnung des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ /Ebenda, с.163/.

Die in den patristischen Werken am häufigsten erwähnte und ausführlich beschriebene Form der Einwohnung Gottes ist die Erlangung des Heiligen Geistes.

„Wahrlich gibt es nur ein Siegel Christi, nämlich die Erleuchtung durch den Heiligen Geist, wobei es viele Arten Seiner Einwirkung und viele Zeichen Seiner Kraft gibt.“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 1, 1993, с.36/

„Der Verstand des Enthaltsamen ist der Tempel des Heiligen Geistes, während der Verstand des Bauchdieners eine Behausung von Raben ist.“ /[ Thalassios von Libyen] / Фалассий авва. 1900, с.306/

„Es ist unmöglich, den Allheiligen Geist anders aufzunehmen, als wenn jemand sich von allem, was es in diesem Zeitalter gibt, zurückzieht und sich der Suche nach der Liebe Christi widmet, damit der Verstand, nachdem er sich von allen Sorgen um das Materielle befreit hat, nur dieses eine Ziel anstrebt und dadurch gewürdigt wird, eines Geistes mit Christus zu werden.“ /[Makarios der Große] Макарий Египетский. 1998, с.434/ .

„Einige der Brüder denken, dass sie keine Gaben des Heiligen Geistes haben können, denn durch ihre Saumseligkeit  über die Erfüllung der Gebote wissen sie nicht, dass derjenige, der den wahren Glauben an Christus hat, in sich alle Gaben Gottes in komprimierter Form birgt. Da wir durch unsere Nichtstuerei von der aktiven Liebe zu IHM weit entfernt sind, welche uns die in uns vorhandenen Schätze sonst offenbart hätte, halten wird uns zu Recht für der Gaben Gottes fremd.“ /[Maximos der Bekenner] Максим Исповедник. 1900, с.223/

„Bete an den Gütigen Gott Selbst, damit ER euch den Heiligen Geist als Tröster sendet, und Dieser, nachdem er gekommen ist, euch alles beibringt und euch alle Mysterien offenbart. Suche dir IHN zum Wegweiser; Er würde weder Täuschung (Prelest) und Zerstreuung im Herzen noch Saumseligkeit,  Schwermut und Schlummer in Gedanken zulassen; er würde die Augen erhellen und den Verstand erheben." /[ Barsonophios der Große und Johannes] Варсонофий Великий, Иоанн. 1995, с.96/

„Nachdem die Seele sich von der Bestürmung durch leidenschaftliche Gedanken beruhigt und der quälende Brand des Fleisches nachgelassen hat, solltest du wissen, dass in unserem Inneren die Niederkunft des Heiligen Geistes auf uns geschehen ist, welche die Vergebung der vorigen Sünden und die Gewährung der Leidenschaftslosigkeit an uns verkündet." /[Niketas Stethatos] Никита Стифат. Деятельных глав первая сотница. 1900, с.97/

„Die Verlobung mit dem Heiligen Geist ist auch für denjenigen, der sie erreicht hat, nicht erläuterbar, denn sie wird unbegreiflich begriffen, unhaltbar gehalten, unsichtbar gesehen, sie lebt, spricht und bewegt denjenigen, der sie erreicht hat, sie fliegt aus der Schatzkammer, in der sie versiegelt verbleibt und findet sich dort unerwartet wieder, wodurch sie die Überzeugung schafft, dass sie weder seine Visitation einmal und für immer festlegt noch seinen Abschied endgültig macht, so dass sie danach nicht mehr zurückkommt. Damit geht es demjenigen, der sie einst erreicht hat, auch während er sie (spürbar vorhanden) nicht hat, so, als ob er sie hätte, und während er sie hat, befindet er sich in der Stimmung, als ob er sie hätte.“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 2. 1993, с.536/

Außerdem beschreiben die heiligen Väter die Art bzw. die Form des Verbleibens des Hl. Geistes im Menschen:

Barsonophios der Große wurde gefragt: „Kann man sagen, dass im Sünder der Heilige Geist wohnt? Wenn man aber sagt, dass der Sünder IHN nicht in sich hat, wie werden dann, o Vater, die Sünder erlöst?“ Er antwortete: „Die Heiligen werden gewürdigt, den Heiligen Geist in sich zu haben, und sind dann sein Tempel (…). Die Sünder sind dessen fremd (…). Sie werden aber durch Seine Gnade bewährt. Mögen wir also Seine unaussprechliche Güte und Menschenliebe preisen.“ /[ Barsonophios der Große und Johannes] Варсонофий Великий, Иоанн.  1995, с.280/

Maximos der Bekenner ist aber der Meinung, dass der Hl. Geist in allen wohnt, wenn auch unterschiedlich: „Der Heilige Geist befindet sich generell in allen, als Derjenige, Der alle umfasst und sich um alle kümmert, und in allen die natürlichen Samen (des Guten) sprießen lässt. In denjenigen, die unter dem Gesetz sind, befindet ER sich bestimmt als Warner vor der Übertretung der Gebote und Erleuchter der vorausgesagten Verheißung bezüglich Christus. Aber in allen, die Christus folgen, befindet ER sich außerdem auch als Urheber der Sohnschaft bzw. Erzeuger der Annahme als Kind [Gottes]“ /[Maximos der Bekenner] Максим Исповедник. 1900, с.260/. Dabei befindet ER  sich „als Weisheitsspender in keiner der erwähnten Personen einfältig und unbedingt, sondern nur in denjenigen, die, indem sie sich des Werkes bewusst waren, sich Seiner Göttlicher Einwohnung durch ihr gottebenbildliches Leben würdig machten.“ /Ebenda/

Makarios der Große erklärt die Möglichkeit des Verbleibens des Heiligen Geistes sogar im Sünder wie folgt: „Die Sonne ist ein Körper und ein Geschöpf; wenn sie aber übelriechende Stellen erhellt, an denen es Schlamm und Abfall gibt, leidet sie weder noch befleckt sie sich; erst recht zieht der reine und Heilige Geist, während ER sich in einer Seele befindet, die noch unter der Wirkung des Bösen steht, nichts davon an sich heran, denn das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst (Joh 1,5)." /[Makarios der Große] Макарий Египетский. 1998, с.141/

Die Analyse der segenspendenden Zustände in ihrer Gesamtheit  und Wechselbeziehung  zeigt folgende Gesetzmäßigkeit: mit dem Fortschritt von Nüchternheit und Reue zur Gemeinschaft mit Gott und Erlangung des Hl. Geistes ist eine Erhöhung der Intensivität, Koordination, Ganzheit und Harmonizität dieser Zustände zu beobachten. Außerdem  verringert sich die psychische Komponente, während die spirituelle zunimmt. Insofern lassen sich die höheren Zustände vom Standpunkt der niederen Zustände schwer beurteilen. Damit hängen die „Unaussprechlichkeit“ und Unausdrückbarkeit  der spirituellen Erfahrung des christlichen geistlichen Vorkämpfers zusammen.

 

Sündige Zustände

Es gibt nicht nur positive spirituell-psychische Zustände, sondern auch negative, also sündige: „Auch das Reich des Teufels, in das der Mensch durch die Sünde übergegangen ist, ist (…) eine Erscheinung des inneren Lebens des Menschen, ein besonderer Zustand seiner Seele und seiner ganzen spirituell-leiblichen Natur“ /Феодор (Поздеевский). 1991, с.125/. Der bekannte protestantische Theologe Clive Lewis schrieb dazu: „Wenn das Christentum sich nicht irrt, ist die ‘Hölle‘ der absolut korrekte Begriff, der den Zustand wiedergibt, in den der Neid und der schlechte Charakter mich nach Millionen Jahren bringen werden.“ /Льюис. Т. 1. 1998, с.80/

Die sündigen Zustände tragen in sich die negative, dunkle Spiritualität, genauer gesagt, Pseudo- und Antispiritualität (da die wahre Spiritualität der Segen des Hl. Geistes ist). Diese Zustände führen den Menschen in den spirituellen Tod, der nicht nur später als physikalischer Tod, sondern auch früher erfolgen kann.

Der Anfang dieses Weges nach unten sind Eingebungen. Schlaf und Träume sind natürliche Zustände des Menschen, auch wenn ihr Aktivitätsausmaß zu niedrig ist. Was aber Eingebungen betrifft, erfolgen sie durch die Einwirkung gefallener Engel. Jedoch ist der Eingebungszustand an sich für den Menschen nicht sündig, wenn er kurzfristig und oberflächlich ist (was der Fall ist, wenn der Mensch seine Seele bewacht und Eingebungen verscheucht). Im Gegenfall findet eine Einwicklung der Eingebungen statt, die aus mehreren aufeinanderfolgenden Etappen besteht: Verbindung  – Haftung der Seele am Gegenstand der Leidenschaft  (Fesselung der Aufmerksamkeit durch den Gegenstand), Zustimmung   – wenn ein unangemessener Wunsch sich in der Seele eingenistet und diese dem zugestimmt hat, und, schließlich, Gefangenschaft und Leidenschaft   wenn die Seele gefangen genommen und als gefesselte Sklavin zur Verübung der Tat geführt wird. /[Philotheos von Sinai] Филофей Синайский. 1900, с.417/

Dasselbe schrieb auch Johannes Klimakos († 563): „Eines ist die Eingebung, etwas anderes die Zustimmung, noch etwas anderes die Gefangenschaft, noch etwas anderes der Kampf und noch etwas anderes die sogenannte Leidenschaft in der Seele.“ /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, с.125/

Die Leidenschaften und ihre Bekämpfung

Beginnen wir mit einigen Definitionen der Leidenschaften:

- „Leidenschaft ist eine törichte Regung der Seele (…)“ /[Johannes von Damaskus] Иоанн Дамаскин. 1992, с.94/; außerdem werde nicht jede Regung des passiven Teiles der  Seele als Leidenschaft bezeichnet, sondern nur „die starken, die empfindbar werden.“ /Ebenda/

Alle Leidenschaften sind Abdrücke, die auf unseren sanften und schmiegsamen Seele gemacht werden und quasi als Kennzeichen erscheinen, welche die spirituellen Kräfte im Inneren darauf prägen.“ /[Clemens von Alexandria] Климент Александрийский. Строматы. 1996, с.169/

„Jede Leidenschaft, die in der Seele wirkt, ist ein Götze.“ /[Makarios der Große] Макарий Египетский. 1998, с.324/

„Liebe zu Leidenschaften ist innerer seelischer Götzendienst, da diejenigen, die den Leidenschaften dienen, diese durch die innere Unterwerfung ihres Herzens als Götzen verehren“ /[Tichon von Sadonsk] Тихон Задонский. Т. 5. 1836, с.25/.

Die Leidenschaften sind also sowohl innerlich als auch äußerlich bedingt und äußern sich sowohl körperlich als auch seelisch sowie spirituell. Außerdem ist für die religiöse und psychologische Analyse der Leidenschaften besonders wichtig, dass „ bei näherer Betrachtung  (…) selbst die meist körperlichen Leidenschaften, in der Sprache der Wissenschaft ausgedrückt, psychophysische Zustände zu sein“ scheinen /Соколов. 1898, № 10, с.220/. Das heißt, bei der Analyse jeglicher Typen der Leidenschaften darf ihre innerliche psychologische Komponente nicht vergessen werden.

Hauptmethode der Analyse der Leidenschaften müsste unserer Meinung nach der Rückgriff auf die entsprechende patristische Erfahrung sein, denn wer sollte schon besser wissen, was die Leidenschaften sind, als die heiligen Väter, die gegen sie kämpften und sie besiegten?  Bei ihnen findet man die ganzheitliche Wissenschaft über die Leidenschaften und große Mengen praktischer Beobachtungen und Zusammenfassungen. So wie beispielsweise ein militärischer Feind versucht, einen Brückenkopf zu besetzen, ist es auch für die Leidenschaften das wichtigste, wenigstens eine von ihnen einzuschleusen: „wenn es eine Leidenschaft gibt, gegen die der Mensch nicht mutig ankämpft und der er sich nicht mit allen Mitteln entgegensetzt, sondern Vergnügen an ihr findet, dann zieht sie ihn hinab und hält ihn wie mit Fesseln, und er, der gebeugte, kann weder seinen Gedanken zu Gott emporheben noch IHM dem Einen dienen.“ /[Makarios der Große] Макарий Египетский. 1998, с.400/

Je nach dem Typ der Hauptleidenschaft entsteht der Bedarf an diesem oder jenem geistlichen Führer: „Nach der Eigenschaften unserer Leidenschaften sollten wir urteilen, welchem Führer wir uns anvertrauen sollten, und ihn dementsprechend aussuchen. Wenn du nicht enthaltsam bist und zu fleischlicher Begierde neigst, möge dein Lehrer ein geistlicher Vorkämpfer sein, der im Umgang mit Völlerei unerbittlich ist, und nicht ein Wundertäter, der bereit ist, alle miteinander zu versöhnen und zu verköstigen. Wenn du hochmutig bist, möge dein Lehrer ein strenger und unnachgiebiger Mensch sein, nicht sanftmütig und menschenfreundlich. Man sollte sich nicht solche Führer suchen, welche die Gabe der Prophezeiung oder des Hellsehens haben, sondern vor allem solche, die wahrlich demütig sind und ihrem Charakter und ihrem Aufenthalt gemäß unseren Gebrechen entgegenwirken können.“ /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 2001, с.68/

Am häufigsten wird in der patristischen Überlieferung von den acht Hauptleidenschaften gesprochen: „Es gibt acht primäre Leidenschaften: drei davon – Völlerei, Geldliebe und Ehrgeiz  - sind die Hauptleidenschaften, und fünf – Unzucht, Zorn, Betrübnis, Faulheit und Stolz -  sind ihnen unterworfen.“ /[Gregor vom Sinai] Григорий Синаит. Главы о заповедях... 1900, с.198/  Auf Völlerei und Unzucht sind wir bereits im vorigen Kapitel eingegangen, nun befassen wir uns mit den anderen.

Fehlende Geldliebe ist laut Apostel Paulus eine notwendige Bedingung für die kirchliche Hierarchie (die Bischöfe; 1 Tim 3,3). Dazu rief der Apostel alle Christen auf: der Wandel sei ohne Geldliebe (Hebr 13,5). Ihm wurde auch offenbart, dass in den letzten Tage schwere Zeiten da sein werden, denn die Menschen werden eigenliebig sein, geldliebend (…), hochmütig (2 Tim 3,1-2). Mehr noch, seiner Meinung ist die Geldliebe eine Wurzel alles Bösen (1 Tim 6,10).

Geldliebend waren die Pharisäer, die Christus entlarvt hatte (Lk 16,14). Nach dem Wort Gottes ist sie mit dem Dienst an Gott unvereinbar: Kein Hausknecht kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Lk 16,13). Der Kampf gegen die Geldliebe ist nicht einfach und langwierig; dennoch kann sie bewältigt werden. Vom christlichen Standpunkt ist dies möglich durch Streben nach Uneigennützigkeit, durch Unbefangenheit und Gelassenheit sowie Vermeidung weltlicher Verführungen und Erlangung der Barmherzigkeit, des Glaubens und der  Hoffnung auf Gott.

Ehrgeiz ist der unendliche Wunsch nach mitmenschlichem Lob /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 2001, с.98/. Derartiges Streben muss zur Menschengefälligkeit, d.h. zum Kampf gegen Gott führen. Deshalb ist zu erwarten, dass derjenige, der seinen Ehrgeiz nicht verworfen hat, nicht ins himmlische Gemach hineinkommen wird /Ebenda, с.25/. Wer sollte dies besser wissen als Johannes Klimakos selbst, der „durch die Abgeschiedenheit in seiner Klausur, aus der er nie herausgegangen war und das immerwährende Schweigen den Egel des bespinnenden Ehrgeizes ertötete“, wie es in der „Kurzen Vita von Abba Johannes, dem Hegumen des heiligen Berges Sinai“ steht? /Ebenda, с.6/ Diese patristische Tradition des Kampfes gegen den Ehrgeiz geht sicherlich auf den Uranfang des Christentums zurück. Selbst Apostel Paulus rief dazu auf, man solle auf sich aufmerksam und nicht eitler Ehre geizig sein (Gal 5,26). Er schrieb auch: nichts aus Parteisucht oder eitlem Ruhm tuend, sondern in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst (Phil 2,3).

Sowohl damals als auch heutzutage bedarf der Kampf gegen den Ehrgeiz  Zerknirschung des Herzens, Gedenken der eigenen Sünden und Selbstvorwürfe vor Gott (anstatt Selbstrechtfertigung).

Von  Zorn sollte ausführlicher gesprochen werden, da diese Leidenschaft besonders wichtig ist. Bereits Apostel Paulus warnte: Zürnet, und sündiget nicht. Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, und gebet nicht Raum dem Teufel (Eph 4, 26-27). Zorn ist schlecht sowohl an und für sich als auch was seine Konsequenzen betrifft. Er führt zum Verlust der Selbstkontrolle, zu Konfrontationen mit Menschen und zum Widerstand gegen Gott, was von mehreren heiligen Vätern bemerkt und beschrieben wurde:

„Weder eine geistige Störung noch körperliche Krankheiten sind für uns so schlimm. Diese Gebrechen sind zwar hart (…), machen uns aber nicht durch unseren eigenen Willen unglücklich; sie verdienen eher Mitleid als Verdammung (…). Aber sage, welches Böse gibt es, das schlimmer als übermäßige Zornigkeit ist? Bei manchen Krankheiten wirkt ein Gedanke an Gott als eine schöne Arznei. Aber die Zornigkeit, wenn sie einst übermäßig wurde, versperrt die Türe für Gott.“ /[Gregor der Theologe] Григорий Богослов. На гневливость. 1994, с.200/

„Da der Heilige Geist ‚Seelenfrieden‘ heißt und auch ist, Zorn aber die Empörung des Herzens, gibt es nichts, was den Heiligen Geist so sehr daran hindert, bei uns anzukommen, wie der Zorn.“ /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, с.89/;

„Der sich Entzürnende (…) erleidet bereits hier, vor der zukünftigen Gehenna, eine Strafe, da er die ganze Nacht und den ganzen Tag in den Gedanken seiner Seele die unaufhörliche Verwirrung und den unablässigen Sturm trägt.“ /Johannes Chrysostomos] Иоанн Златоуст. 1993, с.320-321/

„Ein sanftmütiger Laie ist besser als ein aufbrausender und zornmütiger Mönch.“ /[Euagrios Pontikos] Евагрий Понтийский 1994, с.131/

Mit Zorn gehen auch Rachsucht und Groll unmittelbar einher, denn der Wunsch nach Rache, „ist, wenn er nach außen strebt, Zorn; wenn er aber im Inneren verbleibt, ist das Rachsucht und Groll.“ /[Gregor der Theologe] Григорий Богослов. На гневливость. 1994, с.197/

Also ist der Kampf gegen den Zorn unbedingt notwendig und erfolgt durch Demut, Gehorsam, Sanftmut und Enthaltsamkeit.

Hier, so wie auch in vielen anderen schweren Fällten, braucht man in erster Linie Demut. „Viele erreichten das Heil ohne Prophezeiungen und Visionen, ohne Zeichen und Wunder; aber ohne Demut  wird niemand das himmlische Gemach betreten.“ /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник, 1901, с.171/

Nicht weniger notwendig ist die Enthaltsamkeit. „Für einen Mönch ist Enthaltsamkeit eine große Waffe, denn sie ist die Einführung in jede Tugend“/[Theodor Studites] Феодор Студит. Творения. Т. 2. 1908, с.70/. Nach patristischer Definition ist Enthaltsamkeit „eine Einstellung der Seele, die nie über die Grenzen der Vernunft hinausgeht. Enthaltsam ist derjenige, der vernunftwidrige Bedürfnisse unterdrückt und sich beherrscht, und nur das Gerechte und Ehrwürdige wünscht.“ /[[Clemens von Alexandria. Stromata]] Климент Александрийский. Строматы. 1996, с.156/ Enthaltsamkeit ist eine der Früchte des Hl. Geistes (Gal 5, 23).

Jedoch müssen Demut und Kampf gegen den Zorn richtig verstanden werden. Wenn wir denken, dass wir die Leidenschaften ausmerzen, unterdrücken wir oft einfach nur den reizbaren Teil der Seele, den Gott in den Menschen hineingelegt hat. Derartig fehlerhafte seelische Arbeit führt nach einer gewissen Zeit dazu, dass der Mensch leblos, interessenlos und bedrückt wird; seine seelischen Kräfte sind erschöpft; er ist aber der Meinung, dass er in der „Leidenschaftslosigkeit“ einen gewissen Erfolg habe. Damit wird die patristische Lehre über die Erreichung der wahrlich hohen spirituellen Zustände, wie es bei geistlichen Vorkämpfern vorkommt, durch falsche Spiritualität ersetzt, die mit der wahren nichts gemeinsam hat. /Евмений игумен. 1999, с.284/

Unter diesem Gesichtspunkt werden die Gedanken einiger Heiligen Väter über den „Nutzem“ des Zornes und die Notwenigkeit seiner Anwendung verständlich.

„Zorn stört und verwirrt die Seele mehr als alle anderen Leidenschaften; es gibt aber auch Fälle, in denen er ihr äußerst nützlich ist. So wenn wir uns über diejenigen entzürnen, die Unrecht tun oder sich auf diese oder jene Weise schamlos verhalten, unbefangen und ohne uns zu echauffieren; mögen sie sich retten oder wenigstens  beschämen“ /[[Diadochos]] Диадох. 1900, с.40/; "der lautere besonnene Zorn wurde unserer Natur vom uns erschaffenen Gott eher als eine Waffe der Wahrheit gegeben“ /Ebenda/.

„Ungehaltenheit nicht zu zeigen, wenn es sich gehören würde, sie zu äußern, ist kein Merkmal der Sanftmut, sondern eins der untätigen Natur.“ /[Basilios der Große] Василий Великий. Т. 2. 1911, с.507/

„Ich denke, dass man mit gleichem Eifer die Tugend lieben und die Sünde hassen sollte (…). Entzürnst du dich nicht gegen den Bösen, ist es für dich unmöglich, ihn so sehr zu hassen, wie es sein soll.“ /[Basilios der Große] Василий Великий. На гневливых. 1911, с.166/

„Zorn steht zwischen der Begierde und der rationalen Kraft der Seele und dient dabei als Waffe für jede dieser Kräfte (…). Wirken die begehrenden  und die vernünftigen Kräfte der Seele entsprechend ihrer ursprünglichen Natur, indem sie sich nach den göttlichen Dingen richten, dient der Zorn für jede von ihnen als Waffe der Wahrheit gegen die böse Schlange, die ihnen zischelnd vorschlägt, die Süße des Fleisches zu genießen und sich mit menschlichem Ruhm zu trösten. Wenn sie von ihrer natürlichen Bewegungsbahn abweichen und sich dem Naturwidrigen zuwenden, und ihre Arbeit und ihre Beschäftigungen von den Göttlichen Dingen auf die menschlichen verschieben, dann dient er für sie als Waffe der Unwahrheit, womit sie alle bekämpfen und  bekriegen, die ihnen in ihren Begierden und Trieben Hindernisse in den Weg legen“ /[Niketas Stethatos] Никита Стифат. 1900, с.85/.

„Zorn ist in uns nicht dafür eingebettet (…), dass er in uns zu Leidenschaft und Krankheit wird, sondern dass er als eine Arznei gegen die Leidenschaften dient (…). Er ist nützlich, um uns von der Schläfrigkeit zu wecken, um die Seele aufzumuntern, um in uns die stärkste Ungehaltenheit wegen den zu Beleidigenden erzeugt, damit wir mit den Beleidigern fordernd umgehen.“ /Johannes Chrysostomos] Иоанн Златоуст. Т. 5. 1991, с.24-25/ „Bist du zornig? Sei so bezüglich deiner Sünden, geißele deine Seele, geißele dein Gewissen, sei ein strenger und rigoroser Richter und Bestrafer deiner eigenen Sünden. Das ist der Nutzen des Zornes, dafür legte Gott ihn in uns hinein.“ /Ebenda, т. 11, с.20-21/

In moderner Sprache ist Zorn die höchstmögliche „Säuberung“ der Seele von allem, was entwürdigend, gefährlich und todbringend ist. Das ist eine Art Immunsystem der Seele gegen die Eingebungen des Feindes. /[ Andrey Kuraev ] Кураев. Т. 2. 1997, с.390/

Nach dem Wort der Bibel ist nicht jeder Zorn schlecht, sondern nur der sündige: Zürnet, und sündiget nicht. Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, und gebet nicht Raum dem Teufel (Eph 4,26-27).

Mit Zorn eng einher geht die Leidenschaft der Betrübnis bzw. der Schwermut: „Betrübnis ist die Schwermut der Seele und entsteht aus zornigen Gedanken.“ /Нил препод. 1826, с.139/

Vom patristischen Standpunkt wird der Zustand der Schwermut sehr negativ bewertet:

„Schwermut, die alle Kräfte der Seele umfangt, setzt fast alle Leidenschaften in Bewegung; deshalb wiegt sie schwerer als alle anderen Leidenschaften.“ /[Maximos der Bekenner] Максим Исповедник. 1900, с.171-172/

Wenn die Seele schon erst einmal beginnt, keine schönen irdischen Dinge mehr zu begehren, dann schleicht sich in sie ein schwermütiger Geist ein, der es weder zulässt, sich im Dienst am Wort [Gottes] Mühe zu geben, noch  den Wunsch nach zukünftigen Gütern (…). Diese laue und faul machende Leidenschaft werden wir meiden, wenn wir unserer Denkweise einen äußerst engen Rahmen setzen und dabei in unserer Aufmerksamkeit nur das Gedenken Gottes behalten; denn nur dadurch kann der Geist, nachdem er in die ihm eigene Glut emporgestiegen ist, diese unvernünftige Faulenzerei verjagen.“  /[Diadochos] Диадох. 1900, с.37/

Außer der negativen Schwermut gibt es laut der Bibel eine Art Schwermut, die sich auf das Wohl richtet: die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod (2 Kor 7,10).

Der Kampf gegen die Schwermut erfordert Tränen über die eigenen Sünden, Eingedenksein des Todes, wahren Gehorsam, Handarbeit und Psalmensingen, so wie auch fleißige Gebete und Gottesfurcht /Петр (Пиголь). 1999, с.190/.

Faulheit bzw. Saumseligkeit ist vom christlichen Standpunkt auch eine der wichtigsten Leidenschaften. Hier sind einige biblische Sprüche zu diesem Thema:

Faulheit versenkt in tiefen Schlaf, und eine lässige Seele wird hungern (Spr 19,15);

Durch Faulenzen senkt sich das Gebälk, und durch Lässigkeit der Hände tropft das Haus (Koh 10,18);

Bis wann willst du liegen, du Fauler? Wann willst du von deinem Schlafe aufstehen? Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig Händefalten, um auszuruhen: und deine Armut wird kommen wie ein rüstig Zuschreitender, und deine Not wie ein gewappneter Mann “ (Spr 6, 9-11). Und ebenda: Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege und werde weise. Sie, die keinen Richter, Vorsteher und Gebieter hat, sie bereitet im Sommer ihr Brot, hat in der Ernte ihre Nahrung eingesammelt (Spr 6,6-8). Im Neuen Testament: Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Böser und fauler Knecht! Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? (Mt 25,26)

Für den Kampf mit der Faulheit sind Wachheit, Nüchternheit und Gottesfurcht notwendig.

Wenden wir uns nun der Analyse von Stolz bzw. Hochmut zu. Da dieses Problem sehr wichtig ist, schrieben viele christliche Autoren darüber:

„Stolz ist die Leugnung Gottes, Erfindung der Dämonen, Vernichtung von Menschen, Mutter der Verurteilung, Quelle des Zornes und Wurzel der Heuchelei“ /[Theodor Studites] Феодор Студит. Т. 2. 1908, с.833/; „der Stolze ähnelt dem Teufel, der gegen Gott aufsteht.“ /Ebenda/

„Die Leidenschaft der  Hochmut besteht aus zwei Unwissenheiten bzw. zwei Unkenntnissen, welche, nachdem sie sich vereinigt haben, eine verschmolzene Gesinnung (des Stolzes) erzeugen. Denn nur derjenige ist stolz, der weder Gottes Hilfe noch die menschliche Schwäche erkennt. Damit ist Stolz eine Entziehung menschlichen Wissens.“ /[Maximos der Bekenner] Максим Исповедник. 1900, с.279/

„Stolz ist ein großes Hindernis bei der spirituellen Selbstvervollkommnung. Menschen, die spirituell selbstgefällig und stolz auf ihre sittlichen Tugenden sind, sind nicht imstande, das Werk der spirituellen Selbstvervollkommnung vollzubringen, da sie ihre Fehler und Sünden, die sie loswerden müssen, nicht einsehen können oder wollen. Durch ihre Überzeugung, dass ihre eigenen Kräfte für sittliche Erfolge ausreichen, spüren sie kein Bedürfnis nach der Gnade Gottes, ohne die solche Erfolge jedoch unmöglich sind.“ /Виссарион (Нечаев). 1899, с.11-12/

Dieses Zitat  stammt aus einem Werk des Bischofs Wissarion (Netschajew), das „Der Stolz“ betitelt ist (4. Auflage, St.Petersburg, 1899). Darin analysiert der Autor nicht nur die individuellen, sondern auch die sozialen Aspekte des Stolzes. So schreibt er beispielsweise vom „Stolz dieses Zeitalters“: „Es gibt auch eine Art Stolz, der sozusagen massenhaft und total ist – der Stolz unseres Zeitalters. Unser Zeitalter ist stolz auf die Erfolge der Aufklärung und  auf unzählige menschliche Erfindungen, die dem Lebenskomfort dienen“ /Ebenda, с.22/.

Daraus folgt  ein äußerst wichtiger Schluss: „Gegen den Willen Gottes wollen Menschen die Erde in ein  Paradies umwandeln, ihre Abhängigkeit von der Natur aufheben und diese zwingen, nicht nur ihren Bedürfnissen, sondern auch ihren Gelüsten zu dienen. Die Weisheit Gottes  belächelt unsere kindischen Bemühungen, die wir auf dieses Ziel richten – denn wir sollten uns nicht an die Erde binden, auf unsere irdischen Erfolge und Erfindungen nicht stolz sein und eingedenk sein, dass das Leben auf Erden uns nicht für die Seligkeit gegeben ist, die hienieden unmöglich ist, sondern für die Vorbereitung auf die Ewigkeit.“ /Ebenda, с.29/

Bemerkenswert ist folgende religiös-psychologische Beobachtung: die Begeisterung einiger Vertreter der europäischen Kultur für den Buddhismus ist durch ihre Hochmut motiviert /[ Lossky ] Лосский. 1994, с.64/. Mehr noch: die Leidenschaft des Stolzes ist auch Buddha selbst nicht fremd. Welche psychologischen Motive lenkten die Aufmerksamkeit des Prinzen Siddhartha von der Sünde, die das ursprüngliche Böse ist, ab und fesselten sie dann doch so sehr an eine Folge der Sünde, nämlich an das Böse des physikalischen Leidens? War es eventuell die Verwöhntheit des Prinzen, dessen Leben voll von sinnlichen Vergnügen war, oder eher sein Stolz, der ihn hinderte, seine eigene Sündigkeit einzusehen? /Ebenda, с.64/

Für den Kampf gegen den Stolz sind Demut, Schweigen und Schweigsamkeit, Eingedenksein des Todes, Enthaltsamkeit und Gebet notwendig.

Furcht ist auch eine der Leidenschaften. Sie kann in mehrere Arten unterteilt werden. Laut Johannes von Damaskus „unterteilt sich Angst in sechs Arten, und zwar: Unentschlossenheit, Schamhaftigkeit, Scham, Ratlosigkeit, Entsetzen, Unruhe" /[Johannes von Damaskus] Иоанн Дамаскин. 1992, с.87/.

In der Bibel wird „die große Furcht“ mehrmals erwähnt " (Mk 4,41; Lk 2,9; Lk 8,37; Apg 5,5; 5,11). In den letzten Zeiten werden die Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen (Lk 21,26). Doch sollte der Christ keinerlei Schrecken fürchten (1 Petr 3,6). Zudem sollte Furcht sich im Christentum, das die Religion der Liebe ist, der Liebe unterordnen und durch sie ersetzt werden:  Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus (1 Joh 4,18).

Der Furcht als menschliche Leidenschaft wird die „Furcht des Herrn“ (2 Chr 17,10; Spr 1, 29 und  31; Apg 9,31; 2 Kor 5,11) bzw. „Gottesfurcht“ (2 Chr 20,29; Röm 3,18; 2 Kor 7,1) entgegengesetzt. Der Apostel Paulus ruft dazu auf, einander in der Furcht Christi unterwürfig zu sein (Eph 5,21). Im ähnlichen Sinne benutzt er das Wort Furcht auch an anderen Stellen: bewirket eure eigene Seligkeit mit Furcht und Zittern (Phil 2,12);  da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch welche wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht (Hebr 12,28). Gottesfurcht geht mit der Weisheit einher: die Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand (Hiob 28, 28); die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang (Ps 111,10). Gottesfurcht ist auch zur Selbsterkenntnis notwendig: in Gottesfurcht mögen wir auf uns selbst aufmerksam sein /Исаия. 1826, с.135/.

Von ihrem Wesen her stammt die Gottesfurcht aus dem Gefühl der Allgegenwart Gottes, aus Angst, die Wahrheit Gottes zu verletzen und aus dem Schauer des Menschen wegen  seiner Schuldhaftigkeit und Kleinheit vor Gott, die sich mit der Liebe zu IHM vereinigen. /Назарьев. 1904, с.84/

Das Thema der Gottesfurcht  ist der christlichen Theologie ganz nah. Sie findet sich in vielen Lehrbüchern, Katechesen und Predigten vieler Autoren.

Alle oben aufgelisteten Leidenschaften sind miteinander verbunden; also ist es notwendig, nicht eine einzelne Leidenschaft, sondern alle Leidenschaften insgesamt zu bekämpfen: „sobald du eine der infamsten Leidenschaften besiegst, beispielsweise die Übersättigung oder die Unzucht oder den Zorn oder die Habsucht, wird dich sofort ein eitler Gedanke befallen, und sobald du diesen besiegst, wird dich ein hochmütiges Gedanke überwältigen.“/[Maximos der Bekenner] Максим Исповедник. 1900, с.206/

Die Existenz all dieser Leidenschaften bleibt dem Menschen häufig selbst verborgen: „Viele Leidenschaften verbergen sich in unseren Seelen; jedoch entlarven sie sich nur dann, wenn ihre Ursachen (Gegenstände, Anlässe) sichtbar werden.“ /[Hesychios von Jerusalem] Исихий Иерусалимский. 1890, с.25/

Zudem ist es notwendig, zwischen einer Leidenschaft als Negativum und einer relativ neutralen seelischen Erscheinung als Wunsch zu unterscheiden. „Ein Wunsch (…) ist das Streben des Gedankens nach etwas bzw. zur Vermeidung von etwas, während eine Leidenschaft das übermäßige seelische Streben nach etwas ist bzw. ein Wunsch, der über den Rahmen der Vernunft hinausgeht und von ihr nicht mehr gezähmt wird.“ /[Clemens von Alexandria] Климент Александрийский. Строматы. 1996, с.147/

Es ist  notwendig, diese Unterteilung zwischen den Leidenschaften und dem Menschen selbst auch in Bezug auf sich selbst zu beachten: „Man muss  mit seiner Seele in ihrem Unvermögen und ihren Unvollkommenheiten geduldig sein und die eigenen Mängel dulden, so wie wir die Mängel unserer Nächsten dulden; dabei aber nicht faul werden, sondern sich unablässig zum Besseren hintreiben." /[Vita des Starez Seraphim von Sarow] Житие старца Серафима. 1991, с.310/

Was sind die Hauptursachen der  Leidenschaften? Ihren Quellen nach könnten sie in zwei Gruppen unterteilt werden: die einen hängen mit dem Leib und die anderen mit der Seele zusammen. In anderen Begriffen könnte man hier von äußeren und inneren Ursachen sprechen. Die äußeren hängen mit den leiblichen Gefühlen zusammen, die inneren mit dem Herzen: „Manche sagen, dass Leidenschaften aus Gedanken des Herzens in den Leib hineintreten; dagegen behaupten die Anderen, dass  schlechte Gedanken aus leiblichen Gefühlen entstehen.“ /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, с.126/ Letzteres geschieht üblicherweise Laien, ersteres dagegen Mönchen /Ebenda, с.127/. Deshalb sollte man inmitten der Welt auf seine Sinnesorgane im Zaum halten, während Mönche eher auf die Bewahrung der Gedanken achten müssen.

Außerdem wird als eine der Ursachen für die Entstehung der Leidenschaften traditionell die Einwirkung gefallener Engel angesehen: „Unter den in Gang zu setzenden Leidenschaften werden [in uns] einige durch das Gedächtnis erregt, andere durch Gefühle und wieder andere durch Dämonen.“ /[Euagrios Pontikos] Евагрий Понтийский. 1994, с.127/

Der Kampf gegen Leidenschaften und sündhafte Gewohnheiten ist sicherlich nicht leicht: „Die unreine Begierde aus dem eigenen Fleisch zu vertilgen ist ein größeres Wunder als unreine Geister aus den Leibern Anderer auszutreiben.“ /[Johannes Cassian] Иоанн Кассиан. 1993, с.446/ Dennoch zeigte die gesamte Praxis der christlichen Asketik, dass es möglich ist - mit dem Beistand Gottes und aufrichtigen und nachhaltigen menschlichen Bemühungen. Dabei ist es wichtig, einige Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien der Entwicklung von Leidenschaften zu kennen.

Die Reihenfolge der Entstehung von Leidenschaften ist ungefähr gleich: „Anfang und Ursache der Leidenschaften ist Missbrauch, und die des Missbrauchs Neigung, die der Neigung die Regung der Gewohnheit der Begierde, die Prüfung der Begierde ist  die Eingebung, während die Eingebung von den Dämonen herkommt, denen es durch die Vorsehung Gottes gestattet ist, aufzudecken, wie groß unsere Willkür ist“ /[Gregor vom Sinai] Григорий Синаит. Главы о заповедях... 1900, с.193/ Somit beginnt alles mit einer Eingebung, und um den Abrutsch in leidenschaftliche Zustände zu vermeiden, ist es notwendig, sie im Voraus  auf Abstand zu halten, am besten schon bei der Eingebung. Deshalb wird in den patristischen Werken ständig die Notwendigkeit  der Entwicklung von Aufmerksamkeit und Nüchternheit betont.

Hinsichtlich Entstehung und Funktionsweise hängt die Leidenschaft eng mit der Gewohnheit zusammen: „Die Kirchenväter, welche Asketen und damit feinfühlige Psychologen waren, wussten anhand ihrer eigenen Erfahrung, dass die Gefahr der Leidenschaft nicht nur darin besteht, dass sie in die Seele des Menschen eindringt, sondern auch darin, dass sie dann den Menschen durch die Gewohnheit, durch die Erinnerung und durch den unbewussten Drang nach dieser oder jene Sünde beherrscht.“ /[Kiprian Kern] Киприан (Керн). Православное... 1996, с.248/

In der patristischen Tradition wird dabei auch der Begriff Angewohnheitbenutzt: „Eine eingewurzelte seelische Leidenschaft bzw. ein durch die Zeit befestigter Gedanke an die Sünde ist schwer heilbar oder, wenn die Angewohnheiten, wie es meist der Fall ist, zur Natur werden, auch völlig unheilbar.“ /[Basilios der Große] Василий Великий. Т. 1. 1911, с.101/

Wichtigster Teil des Kampfes gegen die Leidenschaften ist es, ihnen die Tugenden und die damit verbundenen positiven seelisch-psychologischen Zustände  entgegenzustellen:

 Jede Leidenschaft hat eine ihr entgegenstehende Tugend: Stolz –Demut, Geldgier –Barmherzigkeit, Unzucht –Enthaltsamkeit, Kleinmut –Geduld, Zorn –Sanftmut, Hass –Liebe (…)“/[Abba Dorotheos] Дорофей авва. 1995, с.169-170/.

„Die Leidenschaften sind eher durch das Gedenken der Tugenden als durch Widerstand abzuwenden, denn wenn die Leidenschaften aus ihrem Bereich heraustreten und sich im Kampf stellen, prägen sie dem Verstand ihre Bilder und Gleichnisse auf. Dieser Kampf bemächtigt sich des Verstandes und stört und verwirrt die Gedanken sehr. Handeln wir aber nach der ersten von uns genannten Regel, zeigt sich im Verstand nicht einmal eine Spur der Leidenschaften, nachdem sie verjagt wurden.“ /[Isaak der Syrer] Исаак Сирин. 1993, с.313-314/

Alle Tugenden sind miteinander verbunden und hierarchisiert.

„Der Mönch kann ohne folgende Tugenden nicht fortkommen: Fasten, Enthaltsamkeit, Wachheit, Geduld, Mut, Stille, Gebet, Schweigsamkeit, Weinen und Demut, die einander voraussetzen und bestärken." /[Gregor vom Sinai] Григорий Синаит. О безмолвии и молитве. 1900, с.235/

„Die drei Haupttugenden sind: Enthaltsamkeit, Uneigennützigkeit und Demut, und die fünf darauf folgenden sind: Reinheit, Sanftmut, Freude, Mut und Selbsterniedrigung (…).“ /[Gregor vom Sinai] Григорий Синаит. Главы... 1900, с.198/

„Die heiligen Tugenden sind der Jakobsleiter ähnlich“ /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, с.94/, d.h., eben dadurch steigt der Mensch zu Gott empor/.

Von Barmherzigkeit, Lauterkeit, Langmut, Demut und Leidenschaftslosigkeit haben wir bereits gesprochen; nun wollen wir kurz auf Gehorsam, Sanftmut, Reinheit und Unbefangenheit eingehen.

Grundsätzlich und zentral ist hier der Gehorsam: „Indem der Gehorsam ganz nach den Geboten handelt, errichtet er eine Leiter von verschiedenen Tugenden und etabliert sie in der Seele wie Aufstiegsstufen.“ /[Gregor vom Sinai] Григорий Синаит. Главы... 1900, с.209/

Nah zum Gehorsam steht auch die Sanftmut. Laut der patristischen Definition ist sie „eine unbewegliche seelische Veranlagung, die sowohl in Unehre als auch in Ehre gleich bleibt.“ /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, с.88/

Der Christ soll durch die Bereinigung seiner Seele von den Leidenschaften Reinheit anstreben: „Selig ist der Mönch (…), der die Reinheit seiner Seele mit allen seinen Kräften und auf dem Weg des Gesetztes anstrebt, den unsere Väter zu Reinheit schritten (…)“ /[Isaak der Syrer] Исаак Сирин. 1993, с.240/. Dabei hilft ihm Jesus Christus selbst: „Seine Ankunft, bei der ER uns in unseren leidenschaftlichen Zustand Seine lebensspendenden Gebote als bereinigende Heilmittel gab, erzielte die Bereinigung der Seele von dem Bösen, das durch das erste Vergehen erzeugt worden war, und ihre Wiederherstellung in ihrem ursprünglichen Zustand.“ /Ebenda, с.242/

Die wichtigste Tugend ist die Unbefangenheit: „Einige verbrannten viel Stoff mit einem kleinen Feuer, und viele vermieden alle oben beschriebenen Leidenschaften durch eine Tugend: diese Tugend heißt Unbefangenheit. Sie entsteht  in uns durch das empirische Wissen und Kosten der Göttlichen Weisheit und durch die Sorge um die furchterregende Antwort während des Ausscheidens aus dieser Welt" /[Johannes Klimakos] Иоанн Лествичник. 1901, с.133/. Das Ende und die Krönung sowohl des Kampfes gegen die Leidenschaften als auch die Gewinnung der Tugenden ist eben die Unbefangenheit.

 

Zustand der Prelest

Die weitere Verstärkung der Leidenschaften führt zu verschiedenen negativen spirituell-psychischen Zuständen, die in der patristischen Tradition in einer gemeinsamen Gruppe zusammengefasst werden, die als „Prelest[2] bezeichnet wird (vom kirchenslawischen Verb prelstitsja  - „sich täuschen, sich irren“).

In den Werken des Gregor vom Sinai, von Kallistos und Ignatios Xanthopuloi , dem seligen Diadochos, Maxim von Kapsokalyvia, Simeon dem Neuen Theologen und anderen heiligen Vätern ist die christliche Lehre über die Prelest ganzheitlich und vollständig beschrieben. Führen wir einige entsprechende patristische  Erklärungen dazu an:

„Ein großer Widersacher der Wahrheit und Verleiter, der Menschen ins Verderben ist nun die Prelest, durch die in den Seelen der Untüchtigen die Finsternis der Unwissenheit herrscht, die von Gott entfremdet." /[Gregor vom Sinai] Григорий.Синаит. 1900, с.215/

„Wenn der Verstand beginnt, die gnadenvolle Tröstung des Heiligen Geistes zu spüren, dann legt auch der Satan in die Seele seine Tröstung hinein, nämlich in einem scheinbar süßen Gefühl während der Nachtruhe, im Augenblick des feinsten Schlafes (oder des Einschlafens).“ /[[Diadochos]] Диадох. 1900, с.23/

- „Prelesten, wie man sagt, erscheinen in zwei Formen, nämlich als Phantasien und als Einwirkungen (…). Erstere sind Anfang der zweiten, und die zweiten sind Anfang einer dritten Form, die es auch noch gibt und die als Raserei äußert. Der Anfang der eingebildeten phantasievollen Kontemplation ist eine Meinung [kirchenslaw. мнение , vom Verb мнить „wähnen“ - (Anm. d. Ü.)] (welche die Allwissenheit beansprucht), die dazu verleitet, sich Gott in irgendeiner bildhaften Form vorzustellen, woraufhin die Prelest folgt, die durch Phantasien in die Irre leitet (…).“/[Gregor vom Sinai] Григорий Синаит. 1900, с.214/ „Die zweite Art von Prelest in Form von Einwirkungen erscheint wie folgt: sie beginnt in der Wollust, die von der natürlichen Begierde entsteht (…). Indem sie das ganze Wesen [des Betroffenen] erregt und den Verstand durch die Verbindung mit Idolen der Phantasien verfinstert, bringt sie ihn durch Berauschung in die Raserei, welche durch ihre erregende und verbrennende Wirkung zustande kommt (…). In diesem Zustand maßt sich der Verleitete Weissagerei an, macht falsche Voraussagen, behauptet, dass er Heilige sehe, und gibt Worte weiter, welche diese ihm angeblich eingesagt hätten (…).“ /Ebenda/

„In einigen ihrer Werke verweisen unsere hehren Väter auf die Merkmale der nicht-prelesthaften und der prelesthaften Erleuchtung. So antwortete der über alles gesegnete Paul von Latros, als er vom seinen Jünger danach gefragt wurde, wie folgt: ‚das Licht der gegnerischen Kraft ist feuergleich, qualmend und dem für sinnliche Eindrücke empfänglichen Feuer ähnlich; und wenn die Seele, die ihre Leidenschaften bändigte und sich davon bereinigte, es sieht, empfindet sie es als unangenehm und verschmäht es; das Licht des guten Geistes ist gut, freudeschöpfend und lauter, und, wenn es sich nähert, heiligt es mit Licht, erfüllt die Seele mit Freude und Stille und macht sie sanftmütig und menschenliebend.‘“/[ Kallistos und Ignatios Xanthopuloi] Каллист и Игнатий Ксанфопулы. 1900, с.382/

- „Wenn der böse Geist der Prelest sich einem Menschen nähert, rührt er seinen Verstand auf und macht ihn wild; er erbittert und verfinstert sein Herz, schafft Angst und Furcht und Stolz, verzehrt seine Augen, beunruhigt das Gehirn, versetzt seinen ganzen Körper in Zittern, zeigt vor den Augen ein Licht, das weder hell noch lauter ist, sondern rötlich, macht den Verstand exaltiert und besessen.“ /Из жития... 1900, с.476/

Im Gegenteil zu Katholizismus und Protestantismus schenkt die Russische Orthodoxe Kirche der Lehre über die Prelest besondere Aufmerksamkeit. Der angesehenste Schriftsteller, der sich mit diesem Thema vor der Revolution von 1917 befasste, war Ignatios (Brjantschaninow): „Bischof Ignatios erforscht die Natur der Prelest in ihren verschiedenen Arten besonders detailliert und genau, so wie keiner vor ihm es gemacht hat; er nutzt die gesamte Erfahrung des uralten Mönchstums, um die ganze Menge an feinen dämonischen  Listen aufzudecken und davor zu warnen (…).“ /Лазарь архим. 1997, с.138/ Bischof Ignatios, der von der Prelest in vielen seinen Werken schreibt, geht darauf besonders ausführlich in dem speziellen Kapitel „Über Prelest“ in seinem Werk „Über das Jesusgebet“ /[Игнатий (Брянчанинов). Т. 1. 1993, с.228-256/ ein.  Dort schreibt er: „ Prelest   ist die Beschädigung der menschlichen Natur durch die Lüge.  Prelest  ist der Zustand aller Menschen ohne Ausnahme, welcher durch den Sündenfall unserer Ahnen bewirkt wurde. Wir befinden uns alle im Zustand der  Prelest .Das Wissen darum ist der beste Schutz gegen weitere  Prelest. Die größte  Prelest  ist, sich von  Prelest  frei zu dünken.“ /Ebenda, с.228/ In einem anderen seiner Werke („Видение Христа" [„Einsicht Christi“] steht: „Der Ausweg aus der Selbsttäuschung ist schwer. An den Türen steht die Wache; die Türen sind mit wuchtigen festen Schlössern und Riegeln versperrt und mit einem Siegel des höllischen Schlundes versiegelt. Diese Schlösser und Riegel sind der Stolz der Selbsttäuscher (…). Dieses unzerstörbare Siegel ist die Anerkennung der Wirkungen der Selbsttäuschung als gnadenvolle und segenspendende Wirkung.“ /Ebenda, с.104/.

Und weiter: „Wenn die Prelest an den Menschen herantritt – ob durch einen Gedanken, eine Phantasie, eine unterschwellige Meinung, eine Erscheinung, die sinnlich mit den Augen vernehmbar ist, oder eine Stimme aus  dem Bereich unter dem Himmel, die sinnlich mit den Ohren vernehmbar ist –kommt sie nicht als uneingeschränkte Herrscherin, sondern als verlockende Verführerin, die im Menschen nach dessen Einwilligung sucht und durch diese Macht über ihn erhält. Ihre Wirkung ist, ob inner- oder außerhalb des Menschen, immer eine Wirkung von außen; und der Mensch vermag sie zu verwerfen. Das Herz begegnet der Prelest immer mit einem gewissen Zweifel; allerdings bezweifeln diejenigen, über die sie Oberhand erlangte, sie nicht mehr.“ /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 2. 1993, с.319/

Der hl. Ignatios beschreibt den Menschen, der sich im Zustand der Prelest und Selbstbetörung befindet, wie folgt: „Er isst nicht, er trinkt nicht, er schläft nicht; im Winter läuft er bloß im Talar; er trägt Fesseln, hat Visionen, belehrt und bezichtigt alle frech und dreist, ohne jegliches Recht, ohne Sinn und Zweck, in körperlicher, leidenschaftlicher Hitze des Blutes (…) Er ist heilig, natürlich!“ /Ebenda, т. 2, 1993, S. 241/ Vor dieser Hitze warnte der hl. Ignatios: „Irrt euch nicht! Haltet diese menschliche Hitze nicht für eine Wirkung des Heiligen Feuers. Viele haben sich geirrt und sind in verderbliche Selbstbetörung verfallen. Aus dem erhitzten Zustand sind zahllose Irrtümer entstanden (…).“ /Ebenda, т. 4, 1993, S. 506/

Ein orthodoxer Priester unserer Zeit akzentuiert folgende Merkmale der Prelest: zwanghafter Drang nach „heiligen und göttlichen“ Gefühlen; Offenheit und Bereitschaft, von einem Geist „entrückt“ zu werden; Suche nach „spirituellen Tröstungen“ statt nach Gott; Selbstbetörung, die als „gnadenreicher Zustand“ angesehen wird, die unglaubliche Leichtigkeit, mit der ein Mensch zum „Kontemplator“ bzw. „Mystiker“ wird; „mystische Offenbarungen“ und pseudospirituelle Zustände /Лазарь архим. 1997, S. 65/. Wahrlich christliche Spiritualität  dagegen halte sich zurück und sei sogar unscheinbar, da sie sich genau darum bemühe.

Eine Sonderart der Prelest ist die „Meinung“. Der hl. Erleuchter Ignatios (Brjantschaninow) schrieb darüber: „Diese Art der Prelest ist furchtbar (…).  Einer, der von dieser [Art von] Prelest besessen ist, wähnt über sich, er habe eine ‚Meinung‘ über sich ausgedacht, dass er über viele Tugenden und Würden, und sogar über reichlich  Charisma des Heiligen Geistes verfüge“ /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 2. 1993, S. 245/; „Einer, der sich geistliches Tun , Tugenden und segenspendendes Charisma zuschreibt, der sich schmeichelt und sich seiner ‚Meinung‘ brüstet, versperrt mit dieser ‚Meinung‘ sowohl dem geistlichen Tun als auch den christlichen Tugenden und der Gnade Gottes den Eingang in sich - und öffnet breit den Eingang für Sündenseuche und Dämonen“ /Ebenda, S. 246/; „Die mit der Prelest der ‚Meinung‘ Verseuchten sind sehr häufig anzutreffen. Jeder, der über keinen zerknirschten Geist verfügt, der annimmt, über jegliche Tugenden und Verdienste zu verfügen, jeder, der sich nicht an die Lehre der Orthodoxen Kirche hält, sondern über ein  Dogma oder die Überlieferung willkürlich, nach seinem Belieben oder nach einer heterodoxen Lehre urteilt, befindet sich in dieser Art von Prelest“ /Ebenda, S. 247/. Das Gegenteil der „Prelest“ ist der Zustand der Geistesarmut: „Von Gott haben wir sowohl das Sein als auch die Wiedergeburt und alle natürlichen Eigenschaften, alle Fähigkeiten, sowohl die geistigen als auch die körperlichen. Wir sind Schuldner Gottes! Unsere Schuld ist unbezahlbar! Aus solcher Art der Selbstbetrachtung entsteht von sich aus ein Geisteszustand, welcher der ‚Meinung‘ entgegengesetzt ist - der Zustand, den der Herr als Geistesarmut bezeichnete und uns gebot (…)“ /Ebenda, S. 248/.

Das Extrem der prelesthaften Meinung ist Häresie, die es „vermag, sich als typologisch nachhaltige Gefangenschaft des Verstandes periodisch zu wiederholen“ /Гаврюшин. 1997, S. 25/. In der Häresie vereinen sich viele negative spirituell-psychische Zustände, so wie Meinung, Selbstverführung, Stolz, Eigenwille usw.

Die Zustände von Prelest, Selbstverführung, Meinung und Häresie führen zum spirituellen und körperlichen Verfall des Menschen: „ Ursprünglich wirkt Prelest auf die Denkweise; nachdem sie akzeptiert wurde und die Denkweise verdorben hat, wird sie sofort dem Herzen mitgeteilt und verkehrt dessen Gefühle; sobald sie das Wesen des Menschen beherrscht, durchflutet sie all seine Aktivitäten, vergiftet selbst seinen Körper, der vom Schöpfer mit der Seele untrennbar verbunden wurde“ /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 2. 1993, S. 229-230/. In diesen Zuständen manifestieren sich häufig verschiedene abnormale Phänomene, etwa Depersonalisierung, besondere körperliche Gefühle (Leichtigkeit, Gewichtslosigkeit, Fliegen usw.). Der hl. Erleuchter Ignatios (Brjantschaninow) führt einige solche Beispiele an:

Ein Starez, der sich in  Prelest  befunden hatte, hackte sich die Hand ab, da er dadurch das evangelische Gebot zu erfüllen hoffte, und erzählte jedem, der es hören wollte, dass „die abgehackte Hand zur heiligen Reliquie geworden sei, dass sie im  St.-Simon-Kloster zu Moskau pietätvoll aufbewahrt und geehrt würde und dass er, dieser Starez, während er sich im Ploschanskaja-Pustyn-Kloster befindet, das vom St.-Simon-Kloster fünfhundert Werst entfernt ist, verspüre, wenn der Archimandrit und die Brüder des Simon-Klosters diese seine Hand küssten.“ /Ebenda, S. 237/

In einer von der Skite weit entfernten Einsiedelei, die sich hinter einer Bucht befand, wohnte ein junger Mönch namens Porfirij, der sich in Prelest befand. Eines Abends in der Herbstzeit besuchte er die Starzen in der Skite. Als er sich von den Starzen verabschiedete, warnten sie ihn und sagten: „Komm nicht auf die Idee, übers Eis zu gehen: es ist gerade erst gefroren und noch sehr dünn“. Der Mönch antwortete leise, mit äußerlicher Bescheidenheit: „Ich bin schon ganz leicht geworden.“ /Ebenda, S. 251-252/ Jedoch war er nur nach den bizarren Empfindungen seines Körpers leicht. Er ging also übers Eis, brach ein und ertrank.

Ein Mönch aus Athos, der in Prelest verfallen war, erzählten dem Bischof Ignatios: „schon mehrmals kam mir, während ich betete, der lebhafte Gedanke, dass Engel mich entrückten und nach Athos brächten!“ /Ebenda, S. 239/ Die spirituelle Erfahrung des hl. Erleuchters Ignatios ermöglichte es ihm, diesen Zustand des Mönches im Voraus zu kennen. Die obige  unverhohlene Äußerung des Mönches fiel nach dem folgenden Dialog zwischen dem Bischof Ignatios und ihm:  „‘Siehe zu, Starez, dass du, während du in St. Petersburg wohnst, keinesfalls eine Wohnung im oberen Geschoss nimmst; nimm unbedingt eine Wohnung im Untergeschoss.‘ ‚Warum?‘, fragte der Athonit. ‚Damit die Engel, falls sie auf die Idee kommen sollten, dich zu entrücken und von St. Petersburg nach Athos zu bringen, und sie dich aus dem Obergeschoß tragen und doch fallen lassen, du zu Tode stürzen würdest; wenn sich dich aber aus dem Untergeschoss tragen und fallen lassen, wird es dir nur ein wenig weh tun.‘“ /Ebenda, S. 239/

Eine ähnliche Erscheinung hatte auch der Gründer des Altritualismus, Protopope Awwakum, wie er selbst beschrieb: „In der Freitagnacht der zweiten Woche breitete sich meine Zunge aus und war dann sehr groß, danach wurden meine Zähne auch sehr groß, dann wurden meine Arme und Beine auch sehr groß, und dann erstrecke ich mich selbst, ganz breit und ausgedehnt, über die ganze Erde unter dem Himmel entlang, und dann platzierte Gott in mich sowohl den Himmel als auch die Erde als auch alle Geschöpfe.“ /Аввакум. 1960, S. 200/

Die wichtigsten inneren Ursachen der Prelest sind die unrichtige Wirkung des Verstandes oder die unrichtige Wirkung des Herzens /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 2. 1993, S. 255/. Außerdem können dabei sowohl die Wirkung der Leidenschaften des Leibes (des Fleisches) als auch negative Eingebungen dunkler spiritueller Kräfte mitspielen.

Aber im Kampf gegen Prelest, so wie bei jedem schwierigen Werk, hilft Gott dem Menschen mit Seiner Gnade. Also sollte, der Meinung des hl. Erleuchters Theophan dem Klausner nach, die Bedeutung von Prelest nicht übermäßig  übertrieben werden: „Man braucht keine Angst vor Prelest zu haben. Sie trifft diejenigen, die stolz auf sich geworden sind (…); die fangen an zu denken, dass sobald die Wärme ins Herzen eingetreten ist, das schon das Ende der Vollkommenheit sei. Das ist aber gerade erst der Anfang, und dabei bleibt es meist nicht lange. Denn sowohl die Wärme als auch der Frieden des Herzens kommen manchmal auf natürliche Weise vor, als Ergebnis der Konzentration der Aufmerksamkeit.  Man muss sich also immer weiter bemühen und immer weiter warten, bis das Natürliche durch das Segenspendende ersetzt wird.“ /[Theophan der Klausner] Феофан Затворник. Вып. 2. 1994, S. 195-196/

Aufgrund  all dessen können den Zuständen, die dem Zustand der Prelest wenn auch nicht entsprechen, dann doch zumindest relativ nahe stehen, verschiedene „veränderte Bewusstseinszustände“ zugezählt werden, so wie psychedelische Zustände, Drogen- und mystische Ekstasen (Exaltationen), „Offenbarungen“, „Erleuchtungen“ oder die Kommunikation mit „Stimmen“, der kosmischen Intelligenz, Außerirdischen usw.

Dass mit „ungewöhnlichen“ spirituell-psychologischen Zuständen vorsichtig umzugehen ist, haben sowohl moderne und vorrevolutionäre christliche Autoren als auch angesehene altchristliche Asketen geschrieben.

„Die bösen Geister verbrämen all ihre Listen, Netze und Fallstricke mit den schönsten und attraktivsten Kleidungen. Wir Christen geben uns deshalb Mühe, gegenüber allen unseren ‘süßen‘, ‘angenehmen‘ und ‘besonderen‘ seelischen Zuständen sehr misstrauisch zu sein. Ohne sorgfältige Prüfung nehmen wir keine ‘Offenbarungen‘, ‘Visionen‘, ‘Erleuchtungen‘, ‘Erscheinungen‘ und ‘selige Zustände‘ u a. Ungewöhnlichkeiten an.“ /Лазарь архим. 1997, S. 49-50/

„Das spirituelle Werk besteht nicht in Verzückungen, seine beste  Manifestation ist ‚ ein zerknirschter Geist, ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz.‘“/[Theophan der Klausner] Феофан Затворник. Вып. 5. 1994, S. 181/

„Es gibt Wirkungen, die vom Blut kommen, und sie scheinen den Unerfahrenen die Wirkung der Gnade zu sein; diese ist aber weder gütig noch spirituell, sondern kommt aus unserer gefallenen Natur und wird daran erkannt, dass sie impulsiv ist und den Frieden in sich und in den Nächsten stört. Eine spirituelle Wirkung wird aus dem Frieden  geboren und gebärt den Frieden. (…) Jedes erhitzte Gefühl kommt vom Blut! Halte [es] weder für Fleiß noch für Eifer noch Frömmigkeit noch für Liebe zu Gott und den Nächsten. Nein, es ist eine Regung der Seele, die durch die Nerven und das Blut erzeugt wird, und das Blut wird durch die seelischen Leidenschaften angetrieben, die die Werkzeuge und die Ziele des Fürsten dieser Welt ist (…).“/[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 7. 1993, S. 86-87/ Der hl. Erleuchter Ignatios schreibt auch: „Die heilige Wahrheit verkündet dem Herzen die Stille, die Ruhe, die Klarheit, den Frieden, die Neigung zur Buße und die Selbstvertiefung (…).“ /Ebenda, т. 4, 1993, S. 453/

„Jeder Gedanke, dem keine Stille der Demut vorausgeht, stammt nicht von Gott, sondern deutlich von der falschen Seite. Unser Herr kommt mit Gelassenheit; alles, was vom Feinde stammt, kommt mit Verwirrung und Aufruhr.“ /[Barsanuphios der Große und Johannes] Варсонофий Великий, Иоанн.  1995, S. 16/

Auch nach dem biblischen Wort erscheint Gott in einem leisen Wehen: „ Jahwe ging vorüber, und ein Wind, groß und stark, zerriss die Berge und zerschmetterte die Felsen vor Jahwe her; Jahwe war nicht in dem Winde. Und nach dem Winde ein Erdbeben; Jahwe war nicht in dem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben ein Feuer; Jahwe war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer der Ton eines leisen Säuselns. “ (1 Kön 19,11-12)

Zu den veränderten Bewusstseinszuständen zählen die heute im Westen in Mode gekommenen „psychedelischen Erfahrungen“, die in erster Linie in der transpersonalen Psychologie verbreitet sind. Neulich wurde darüber folgendes geschrieben: „Die psychedelische Erfahrung ist eine Reise in neue Bereiche des Bewusstseins. Das Wirkungsgebiet und der Inhalt dieser Erfahrung sind grenzenlos. Seine kennzeichnende Besonderheit ist der Übertritt (Transzendenz) über die Grenzen der verbalen Begriffe und der Raumzeitdimensionen, über die Grenzen des Ego bzw. der Persönlichkeit heraus.“ /[Leary T., Metzner R., Alpert R., Psychedelische Erfahrungen. Ein Handbuch nach Weisungen des Tibetanischen Totenbuches] Лири, Метцнер, Олперт. 1998, S. 13/ Und weiter: „Zu derartigen Erfahrungen des erweiterten Bewusstseins kann man auf verschiedenen Wegen kommen: mithilfe sensorischer Deprivation, Yoga-Übungen oder auch systematischer Meditation; diese Erfahrung kann in Momenten religiöser oder ästhetischer Ekstasen stattfinden, aber auch spontan entstehen.“ /Ebenda, S. 13/ Also sind es doch keine absolut neuen Bereiche des Bewusstseins. Sinn und Zweck dieser umfangreichen Diskurse ist es, religiöse und die psychedelische Erfahrungen in den Augen der Leser gleichzusetzen. Dabei hätten Letztere, nach Meinung der Autoren, einen wesentlichen Vorteil: „In letzter Zeit wurden diese Erfahrungen dank der Entdeckung solcher psychedelischen Substanzen wie LSD, Psilocybin, Meskalin, DMT und so weiter jedem Menschen zugänglich“ /Ebenda, S. 13/. So wird klar, worauf die Autoren hinauswollen: psychedelische seien religiösen Erfahrungen vorzuziehen, da sie leichter zu erreichen seien. Damit der dazu notwendige Einsatz von Drogen keine Sorgen erweckt, darf man schwarz als weiß bezeichnen: „Die psychedelischen Substanzen sind keine Drogen im üblichen Sinne dieses Wortes“ /Ebenda, S. 162/.Und um sich von wissenschaftlicher Kritik abzuschirmen, werden die ganze europäische Wissenschaft und ganz Europa diffamiert, indem man zum Orient überläuft: „Philosophie und Psychologie des Orients, durch Poetizität gekennzeichnet und auf persönlichen Erlebnissen beruhend, richten sich nach innen und ermöglichen eine sanfte Entwicklung- Sie passen besser zu den Entdeckungen der modernen Wissenschaft als die auf logischen Prinzipien aufgebaute westliche Psychologie mit ihrer strengen Bestimmtheit, ihrem experimentalen Charakter und dem Streben, alles in eine konkrete Form zu kleiden.“ /Ebenda, S. 37/ Dabei vergessen diese Autoren den antipersönlichen und antipsychischen Charakter der orientalischen religiösen und philosophischen Lehren bzw. wollen diesen gar nicht bemerken. Das unterstreicht lediglich die Grundlosigkeit und fehlende Wahrheitstreue ihrer „psychedelischen Erfahrung“.

Alles, was über Prelest und veränderte Bewusstseinszustände gesagt wurde, bezieht sich auch auf den Zustand der Exaltation (Ekstase):

„Viele geistliche Vorkämpfer erhitzten, nachdem sie die natürliche Liebe für die Göttliche gehalten hatten, ihr Blut und damit auch ihre Phantasie. Der Zustand fieberhaften Strebens geht sehr leicht in den Zustand der Exaltation über.  Diejenigen, die sich in fieberhaftem Streben und Exaltation befanden, wurden von Vielen als mit Gnade und Heiligkeit erfüllt angesehen, während sie bloß bedauernswerte Opfer der Selbstbetörung waren.“ /[Ignatios (Brjantschaninow)] Игнатий (Брянчанинов). Т. 1. 1993, S. 129/ „Bei den Heiligen Vätern der Ostkirche ist von einem erhitzten Zustand des Blutes dagegen nichts zu sehen. Sie versetzen sich nie in Enthusiasmus (…).“ /Ebenda, т. 4, 1993, S. 510/

„Wenn du merkst, dass dein Verstand von einer unsichtbaren Kraft nach außen oder in die Höhe gezogen wird, glaube dies nicht und erlaube deinem Verstand nicht, gezogen zu werden (…).“/[Gregor vom Sinai] Григорий Синаит. 1900, S. 233/

„Die Idee, dass der Verstand nicht aus Gedanken über das Körperliche, sondern aus dem Körper selbst herausgebracht werden soll, über dessen Grenzen hinaus er angeblich geistiger Kontemplationen teilhaftig werde, ist die ärgste hellenische Verführung, Wurzel und Quelle jeglicher bösen Irrlehre, eine dämonische Erfindung, eine Wissenschaft, die aus fehlendem Verstand geboren wird und von mangelhaftem Verstand geboren wurde." /[Gregor Palamas] Григорий Палама. 1995, S. 45/

Diese ziemlich resolute Stellungnahme von Gregor Palamas beruht auf einer fundamentalen Unterscheidung, die aus der patristischen Gegenüberstellung der Extrovertiertheit und der Introvertiertheit  stammt: während Erstere von der Orientierung auf die Verführungen der Außenwelt stammt (also vom Sündenfall der Urahnen im Paradies), ermöglicht Letztere die Wendung des Menschen nach innen, zu dem sich dort befindenden Reich Gottes (Lk 17,21), d.h., zu Gott.

Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass die orthodoxe Einstellung zur Ekstase durchaus kritisch ist. Gegen die  Ekstase predigten viele Väter der ersten Jahrhunderte der Kirche, so wie Irinäus von Lyon (2. Jahrhundert), Tertullian (3. Jahrhundert), Johannes Chrysostomos (4. Jahrhundert bis Anfang des 5. Jahrhunderts), Gregor von Nyssa (4. Jahrhundert), Euagrios Pontikos (4. Jahrhundert) u.a. Letzterer hat beispielsweise prinzipiell vermieden, auch nur den Begriff „Ekstase“ zu benutzen, obschon er damals sowohl in der Umgangssprache als auch in den philosophischen Lehren weit verbreitet war. Selbst bei so einem Freidenker wie Origenes hat das Wort „Ekstase“ fast immer einen negativen Sinn: sie sei das Fehlen des Verstandes, der Verlust des geistigen Gleichgewichts /s.: [Lossky, W.] Лосский В. 1995, S. 42/. Auch für den seligen Augustinus war die Hinwendung nach innen ganz wichtig, Ekstase dagegen geschehe nur „äußerlich“ /Августин. Т. 2. 1998, S. 526-527/.

Im Gegenteil haben viele sich christlich nennende Sekten und antichristliche Lehren eine scharf ausgeprägte ekstatische Orientierung. So war der Montanismus in seiner Suche nach charismatischen Ekstasen bereit, die Kirche des Verrats an der apostolischen Richtlinie zu beschuldigen. Die Kirche hätte angeblich den Weg verlassen, auf dem sie im apostolischen Zeitalter gelebt hatte; die Kirche  wäre am Ende der Kräfte, die in ihr einst gewirkt hatten und das Prophezeiungsfeuer in ihr erloschen. /[Kiprian (Kern) Киприан (Керн). Православное... 1996, S. 172/ Vom christlichen Standpunkt sind Ekstasen, Visionen und Offenbarungen an sich nicht selbstgenügend; wichtig ist ihr Inhalt und wie sie sich ereignen. All diese sektiererischen „Offenbarungen“ finden außerhalb der Kirche statt und sind gegen sie gerichtet. So behaupteten die Montanisten, dass es in der ganzen Vergangenheit keine Fülle der Göttlichen Offenbarung gegeben habe; erst sie hätten diese miteingebracht.

In verschiedenen archäischen (vorchristlichen) Glaubenslehren sind ekstatische Erlebnisse die Hauptquelle magischer und der religiöser Kräfte. Nach Angaben des ethnographischen Atlas  von Murdock sind ekstatische Riten auf der Welt weit verbreitet und in 90% der 488 darin beschriebenen traditionellen Kulturen zu finden /Murdock. 1967; см.: Андреева. 2005, S. 97/

Anfang des 21. Jahrhunderts wächst die Anzahl der Anhänger religiöser Bekenntnisse, die ekstatische Zustände praktizieren, in Russland und im Westen ständig an, und zwar in verschiedenen Bevölkerungsschichten. Beispielsweise stieg die Gesamtzahl der Pfingstler von 30 Millionen 1969 auf 50 Millionen 1994 /Андреева. 2005, S. 105/. Interessanterweise fällt das rasante Wachstum der religiösen Organisationen, die sich ekstatisch orientieren, zeitlich mit der weiten Verbreitung des gleichen Phänomens in der Jugendmassenkultur, wie kollektive Ekstasen auf Rockkonzerten und auf Versammlungen von Musik- und Sportfans, zusammen /Ebenda/. Auch wenn diese Ereignisse nicht direkt miteinander verbunden sind, wird es dadurch nicht leichter, denn der „Support“ der modernen Massenkultur gewährleistet den Sektierern einen ständigen breiten Zufluss Jugendlicher. Etwas Ähnliches ist bei Drogen zu beobachten – nachdem Jugendliche in einer Disco „leichte“ Drogen probiert haben, suchen sie später oft nach “Härterem“ und werden Kunden im Drogengeschäft.

Wenn der Begriff „Ekstase“ („Exaltation“ bzw. „ Außersichgeraten“ ) in der Orthodoxie verwendet wird, was gelegentlich der Fall ist, sollte berücksichtigt werden, dass er zumindest zwei Bedeutungen hat. Die erste ist absolut negativ: Ekstase bzw. Exaltation als Verlust des Verstands, Wahnsinn und Geistesverwirrung, die durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden kann, insbesondere durch Sünden und Dämonen /[Hilarion (Alfeev)] Иларион (Алфеев). 1998, S. 391/. Die zweite Bedeutung ist positiver und wird im Sinne „Verwunderung“, „Verzückung“, „Erstaunen“ verwendet /Ebenda, S. 392/. Dabei wird dieser Begriff ganz anders verstanden als im Heidentum, denn er ist nicht mit einem Austritt aus dem Körper verbunden: „Das ist kein Austritt der Seele aus dem Leib, sondern die Entfernung des Verstands von der Vernunft und der Außenwelt, seine Lenkung ins Herz. Dabei kommt die Wirkung der psychischen und mentalen Fähigkeiten des geistlichen Vorkämpfers nicht zum Stillstand, sondern nur die körperlichen Aktivitäten (so wie Schlaf, Essen)“ /[Hierotheos Vlachos] Иерофей (Влахос). 1999, S. 133/. Dieser Zustand hat mit der heidnischen Ekstase nichts gemeinsam, und dies muss beim Lesen der Heiligenvitae, die zahlreiche Beschreibungen solcher Zustände enthalten, berücksichtigt werden.

Andererseits findet sich in der patristischen Tradition auch eine Meinung, nach der es zwei Stadien der Ekstase gibt: die impulsive verzückte Ekstase der Neulinge und die unablässige Ekstase der Vollkommenen. Letztere sei Kontemplation des Göttlichen Lichtes, allerdings ohne „ekstatische“  Merkmale, so wie Verlust des Selbstbewusstseins, Austritt aus dem Körper usw. Je weiter der geistliche Vorkämpfer voranschreitet, desto mehr Platz gibt die erstere Art der Ekstase der zweiten [Hilarion (Alfeev)] Иларион (Алфеев). 1998, S. 402-403/.

Der große christliche Mystiker Symeon der Neue Theologe schrieb davon wie folgt: „Wenn ich höre, dass ein Heiliger die Kontemplation Gottes erreichte, sein Verstand  sich entrückte und er so viele Tage und Nächte verbrachte, ohne sich an etwas Irdisches zu erinnern, und dabei seinen eigenen Körper und alles vergaß, indem er mit seiner ganzen Seele und all seinen Gefühlen an dieser Kontemplation festhielt – wenn ich also so etwas höre, dann sage ich dazu, dass es für jene, die glauben, im anderen Leben im Himmelsreich auch etwas Ähnliches geben wird, auch wenn sie die göttlichen und spirituellen Dinge überhaupt nicht verstehen (…). Ihnen ist nicht bewusst, dass derartige Entrückung des Verstands nicht bei den Vollkommenen, sondern bei Neueinsteigern stattfindet“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 1. 1993, S. 414/. Derartig ist „die Kontemplation der Neulinge, die erst vor kurzer Zeit zur Tugendtat schritten“ /Ebenda, S. 417/. „Wenn der Mensch aber lange Zeit in einer solchen Kontemplation dieses Lichtes verbleibt, ohne in die Welt zurückzukehren, dann öffnet sich ihm der Himmel oder vielleicht das Auge seines Herzens, also der Verstand (…) und dieses Licht, das all-helle und das all-wunderschöne Licht, kommt ins Innere seiner Seele hinein und erleuchtet ihn in solch einem Ausmaß, wie es seine menschliche Natur beinhalten kann oder wie er dessen würdig ist“ /Ebenda, S. 417/. „Wenn [der Mensch] sich in diesem Licht befindet oder, besser gesagt, mit diesem Lichte, ist er nicht wie in der Ekstase, sondern sieht sowohl sich selbst als auch das, was um ihn herum ist, d.h., er sieht, in welchem Zustand er sich befindet und in welchen Zustand sich die Anderen befinden“ /Ebenda, S. 417/.

Manchmal wird von Symeon dem Neuen Theologen folgendes Zitat über den Zustand des Außersichgeratens angeführt: „Ich komme in den Außersichgeraten-Zustand und entfremde mich  von allem, was es auf Erden gibt“ /[Symeon der Neue Theologe] Симеон Новый Богослов. Т. 3. 1993, S. 107/. In diesem Zustand kommt es aber nicht zu Persönlichkeitsverlust, was bei der Ekstase der Fall ist. Zitieren wir Symeon den Neuen Theologen weiter. Direkt danach schreibt er: „Indem ich Dich, mein Gott, mit unablässigen Stimmen lobpreise und in mir selbst eine ungewöhnliche Veränderung bemerke und eine [ungewöhnliche] Art des Beistands eines all-mächtigen Arms“ /Ebenda/.  Das ihm in diesem „ -Zustand Geschehene beschreibt er wie folgt: „Nachdem ER mich erst der Verwesung und des Todes entkleidet und mich ganz befreit hatte, und zwar mit dem Gefühl und der Erkenntnis, [dass] ER  - was das Erstaunlichste ist  - mich als neuen Himmel dargestellt hatte, zog der Schöpfer von Allem (Selbst) dann in mich ein (…) “ /Ebenda, S. 109/. So also beginnt für Symeon den Neuen Theologen das Außersichgeraten und endet mit einer Beschreibung des Inneren. Dabei nutzt er die Metapher des Außersichgeratens als solche nur, um die Wichtigkeit und Ungewöhnlichkeit dieses Zustands zu betonen. Das Wesen des Zustands selbst besteht damit keinesfalls in die Orientierung nach außen (wie bei der Ekstase), sondern eben in der Richtung nach innen.

Inwiefern ist die persönliche Erfahrung von Symeon dem Neuen Theologen für das Christentum generell repräsentativ? Dazu gibt es beispielsweise folgend Ansichtsweise: „Die mystische Erfahrung Symeons war außerordentlich sogar im Vergleich mit anderen großen Vertretern der orientalischen christlichen Tradition. Das, was Paulus als ein Ereignis, das vor vierzehn Jahren stattgefunden hatte, erwähnte und dessen er sich vierzehn  Jahre später ‘rühmte‘ (vgl. 2 Kor 12,2-4), erlebte Symeon mehrfach bzw. sogar regelmäßig. Dabei hielt Symeon die Errungenschaften der großen Heiligen, die Hagiographen erstaunten, für etwas, was Neulingen zu Eigen sei" /[Hilarion (Alfeev)] Иларион (Алфеев). 1998, S. 403/.

Wenn wir über die mystische Erfahrung der anderen heiligen Väter fast nichts wissen, dann nicht, weil es solche nicht gegeben hätte, sondern weil diese Geheimnisse des inneren Lebens der geistlichen Vorkämpfer sind. Beim Vergleich der inneren Erfahrung der Heiligen miteinander muss man übrigens sehr vorsichtig umgehen. Hier ist die evangelische Beschreibung der vom Autor erwähnten mystischen Erfahrung vom Apostel Paulus: „ Ich kenne einen Menschen in Christo, vor vierzehn Jahren (ob im Leibe, weiß ich nicht, oder außer dem Leibe, weiß ich nicht; Gott weiß es), einen Menschen, der entrückt wurde bis in den dritten Himmel. Und ich kenne einen solchen Menschen (ob im Leibe oder außer dem Leibe, weiß ich nicht; Gott weiß es), dass er in das Paradies entrückt wurde und unaussprechliche Worte hörte, welche der Mensch nicht sagen darf “ (2 Kor 12,2-4). Bezeugen diese Worte die Einmaligkeit dieser Erscheinung des Apostels Paulus? Mitnichten. In diesem Falle geht es um die Tatsache selbst, um das eigentliche Ereignis, und der qualitativ-biographische Aspekt („das erschien mir soviel Mal“) ist hier einfach unnötig. Übrigens, an anderer Stelle schreibt Paulus: „ Und auf dass ich mich nicht durch die Überschwenglichkeit der Offenbarungen überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, auf dass er mich mit Fäusten schlage, auf dass ich mich nicht überhebe “ (2 Kor 12,7). Die Analyse dieser Stelle ist aufschlussreich sowohl hinsichtlich der Anzahl der „Offenbarungen“ (im Plural) als auch hinsichtlich ihrer Qualität, nämlich „Überschwänglichkeit“.  

Wäre es umgekehrt möglich, anhand der Werke von Symeon dem Neuen Theologen zu behaupten, dass er „regelmäßig“ ins Paradies entrückt wurde und unaussprechliche Worte hörte, welche der Mensch nicht sagen darf ? Eher nicht, vor allem, weil auch er selbst es nicht behauptet. Uns kommt dies durchaus entscheidend vor. Einerseits betont Symeon ständig die Realität des Spirituellen und damit auch die „Empfindbarkeit“ der spirituellen Charismata. Aber andererseits gibt es in der patristischen Tradition die Regel, besondere mystische Zustände nicht anzustreben, da solches als Indiz für spirituelle Unreife gilt.  Also besteht spirituelle Reife in der Erhöhung der spirituellen Nüchternheit und Vorsicht, nicht in der Vermehrung der Anzahl von „Offenbarungen“ und „Visionen“.  Letztere waren Symeon dem Neuen Theologen in seiner Jugend zuteil geworden, jedoch wandte er sich im reifen Alter davon ab. Deshalb scheint uns, dass es völlig falsch wäre, den spirituellen Weg Symeons als Übergang „von dramatischen und seltenen Ekstasen in seiner Jugend zu häufigeren, aber eventuell emotional weniger ausgeprägten Visionen und Offenbarungen im reifen Alter“/[Hilarion (Alfeev)] Иларион (Алфеев). 1998, S. 403/ zu betrachten. Am wahrscheinlichsten ist, dass er sich von Ekstasen und Exaltationen als solchen abkehrte und zur inneren Selbstvertiefung überging. Im Vergleich mit dem Normalzustand ist Letzteres auch sehr ungewöhnlich, aber keine Ekstase (Austritt aus sich selbst), sondern Introversion und Introontie (Eintreten in sich selbst und Verbleiben dort).

Zum Schluss ist es notwendig anzumerken, dass heutzutage manchmal vorgeschlagen wird, den Begriff Ekstase  in Fällen zu verwenden, in denen er angeblich besser in den Kontext passt als andere Begriffe– zum Beispiel bei der Übersetzung einiger biblischen bzw., genauer gesagt, alttestamentlichen Stellen  Das geschieht in erster Linie dadurch, dass in der frühesten und angesehensten Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische (die sogenannte Septuaginta)  in einigen Fällen der Begriff Ekstase verwendet wurde. Wie berechtigt war die Verwendung ausgerechnet dieses Begriffs? Das, was laut Septuaginta-Übersetzung Ekstase,εκστασις, ist, ist nämlich das althäbreische Wort hmdrt, tardema. Dieses Wort wird im Alten Testament sieben Mal verwendet. In sechs Fällen (Gen 2,21; Gen 15,12; 1 Sam 26,12; Jes 29,10; Hiob 4,12; Hiob 33, 14) bedeutet es einen besonderen Zustand, nämlich eine Art Schlaf, der nicht von der üblichen Müdigkeit, sondern durch Gott zustande kommt /[Kuraev] Кураев. 1996, S. 281/. Auf Deutsch sind dieses Stellen wie folgt übersetzt: „ Und Jahwe Gott ließ einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er entschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch “ (Gen 2,21); „ Und es geschah, als die Sonne untergehen wollte, da fiel ein tiefer Schlaf auf Abram; und siehe, Schrecken, dichte Finsternis überfiel ihn “(Gen 15,12); „ Und David nahm den Speer und den Wasserkrug von den Häupten Sauls weg, und sie gingen davon; und niemand sah es, und niemand merkte es, und niemand erwachte, denn sie schliefen allesamt; denn ein tiefer Schlaf von Jahwe war auf sie gefallen “ (1 Sam 26,12); „ Jahwe hat einen Geist tiefen Schlafes über euch ausgegossen und hat eure Augen verschlossen; die Propheten und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt “ (Jes 29,10); „ In Gedanken, welche Nachtgesichte hervorrufen, wenn tiefer Schlaf die Menschen befällt, kam Schauer über mich und Beben, und durchschauerte alle meine Gebeine; und ein Geist zog vor meinem Angesicht vorüber, das Haar meines Leibes starrte empor “ (Hiob 4,13-15); „ Doch in einer Weise redet Gott und in zweien, ohne dass man es beachtet. Im Traume, im Nachtgesicht, wenn tiefer Schlaf die Menschen befällt (…) (Hiob 33, 14-15).

Deshalb ist es eindeutig, dass im biblischen Kontext unter dem Begriff tardemanicht ein ekstatischer, nach außen gerichteter, sondern ein introvertierter, nach innen orientierter Zustand gemeint wird. Von diesem Standpunkt scheint uns die russische Variante der Übersetzung von tardemaals „tiefer Schlaf“, Gottesschlaf“, „Einschläferungsgeist“, auch wenn sie die ganze Vielfalt  der Bedeutungen dieses Wortes nur ungenügend widerspiegelt, doch viel treffender und richtiger zu sein als die griechisch-europäische Übersetzung durch den Begriff „Ekstase“.

 

Die Leiter der spirituell-psychischen Zustände

Die Analyse verschiedener Typen spirituell-psychischer Zustände – natürlich, segenspendend  oder sündhaft – ergab, dass diese sich als eine Art Leiter darstellen. In ihrer Mitte befinden sich die natürlichen Zustände, oben  die segenspendenden und unten die sündhaften. Je höher auf dieser Leiter sich der jeweilige Zustand befindet, desto gesamtheitlicher und harmonischer ist er, und umgekehrt: je tiefer, desto gespaltener und destruktiver. Im Prinzip gibt es zwei mögliche Wege der Bewegung auf dieser Leiter – nach oben oder nach unten. Der Weg nach oben führt durch Nüchternheit, Buße und Demut zur Erlangung des Hl. Geistes, und der Weg nach unten durch die Annahme von Eingebungen sowie Verbindung und Einverständnis mit diesen zu Leidenschaften, Prelest und spirituellem Tod. Denn, nach dem Wort der Bibel: „ Der Weg des Lebens ist für den Einsichtigen aufwärts, damit er dem Scheol unten entgehe “(Spr 15,24). Das sind eben diese zwei Wege – „der Weg des Lebens und der Weg des Todes“, die Gott den Menschen bereits durch die alttestamentlichen Propheten anbot (Jer  21,8).

 

TABELLE DER SPIRITUELL-PSYCHISCHEN ZUSTÄNDE

 

Ganzheitlichkeit + Harmonie

spirituelle

(segensspendende)

Zustände

                                                  - Erlangung des Hl. Geistes

                                               - Gemeinschaft mit Gott

                                            - Leidenschaftslosigkeit

                                         - Demut

                                      - Buße (Metanoia)

                                   - Aufmerksamkeit (Nüchternheit)

natürliche

(angeborene)

Zustände

                                - Wachheit

                             - Schlaf mit Träumen

                          - Schlaf ohne Träume

antispirituelle

(sündhafte)

Zustände

                       - Eingebung

                    - Verbindung

                 - Zustimmung

              - Gefangenschaft

           - Leidenschaft

        - Prelest

     - Besessenheit (dämonische Bosheit)

  - spiritueller Tod

 

Zersplitterung + Destruktivität

 

Zum Schluss der Analyse der spirituell-psychischen Zustände noch einiges über die Bestrebung  einiger Wissenschaftler, diese mit psychologischen bzw. psychophysiologischen Methoden zu erforschen. Hier scheint uns besondere Vorsicht angezeigt zu sein, denn diese Zustände sind eben spirituell-psychisch, also ist ihr Charakter in erster Linie spirituellund erst dann psychologisch und psychophysiologisch. Diese spirituelle Komponente gehört nicht dem Kompetenzbereich der Wissenschaft, sondern der Religion an. Wird die Wissenschaft es dennoch versuchen, könnten die Konsequenzen durchaus tragisch sein (und dafür gibt es bereits Beispiele). Dabei wird sowohl die Wissenschaft selbst profaniert als auch die spirituelle Realität falsch verstanden (wie etwa beim der Versuch der Ermittlung des Gewichtes der nicht-materiellen, gottähnlichen Seele). Vor derart unmäßig eifrigen Bestrebungen („nicht nach Erkenntnis“) warnen die christlichen geistlichen Vorkämpfer: „Derjenige, der die Tiefe des Glaubens erforscht, wird mit Gedankenwellen bestürmt, während derjenige, der sie freimütig betrachtet, die wonnevoll innere Stille genießt.“/[Diadochos] Диадох. 1900, с.18/

 

Literaturliste

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[1] http://orthpedia.de/index.php/Prelest

[2] Das kirchenslawische Wort  „Prelest“  (прелесть, wörtl.: „All-Schmeichel“, „All-Lüge“) bedeutet „Irrtum, Täuschung, Verleitung, Blendwerk, Lüge, Betrug“ und ist ein Begriff, zu dem es in den europäischen Sprachen kein Äquivalent gibt. Es wird als „spirituelle Täuschung“ („spiritual delusion“), „spiritueller Irrtum“ („spiritual deception“) oder „Illusion“, „Selbstverblendung“, „religiöse Selbstüberschätzung“ übersetzt, also die irrige Annahme einer Illusion als Wirklichkeit im Gegensatz zu spiritueller Nüchternheit. Außerhalb des spirituellen Kontexts wird dieses Wort auf Russisch häufig im Sinne von „Charme“, „Attraktivität“ verwendet. (Anm. d. Ü.)

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