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50 Jahre Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland

16. Oktober 2013
Nichts ist schrecklicher als bei einer derartigen Gelegenheit wie heute, eine jener Festreden zu halten bzw. zu hören, die ich in einem Ordner mit der Aufschrift „Wikipedia-Reden“ abheften würde. Der Festredner sammelt eine Menge von Daten, z.B. in der besagten Online-Enzyklopädie, die er dann seinem Auditorium vorträgt, dessen eine Hälfte mit den betreffenden Fakten besser vertraut ist als der Redner selbst, während die andere Hälfte von der Fülle der Informationen und Jahreszahlen erschlagen und überfordert ist.

Da ich wusste, dass heute Nachmittag beide Hälften im Auditorium anwesend sein würden, jene, welche die Geschichte unserer Metropolie geschrieben und gestaltet haben, und jene, die sich viel bequemer im Internet oder anderswo über Zahlen, Daten, Namen und Fakten der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland informieren können, als dies durch einen Vortrag möglich ist, war ich auf der Suche nach einem Konzept, wie ich gewissermaßen einen Sachstandsbericht nach den 50 Jahren unserer jungen Kirchengeschichte vorlegen könnte, ohne eine Litanei von Zahlen oder Namen vorzutragen und doch von Anfang an anzufangen.

Wie könnte man jenes – wie ich meine – doch gottgewollte Überraschungsmoment beschreiben, mit dem die Mitglieder – Geistliche und Laien – der Metropolie seinerzeit konfrontiert waren, als sie sich in einem ganz anderen Land – national, konfessionell und atmosphärisch gesagt – wiederfanden. Gibt es nicht irgendein Bild, mit dem man dieses geradezu wundersame Erwachen in dem neuen Land beschreiben könnte? Wundersam – neues Land? Wunder-Land? Alice im Wunderland! Das war es! Die kleine Alice landet unerwartet in einer anderen Welt, die ihr zunächst sehr fremd erscheint...

„Alice stand mitten in einem langen, niedrigen Saal, der von einer Reihe von Hängelampen erleuchtet war. Der Saal hatte ringsum lauter Türen, aber sie waren alle versperrt.“[1]

Beschreibt das nicht auch die Orientierungslosigkeit der griechischen Migranten seinerzeit? Waren sie nicht auf ähnliche Weise in diesem Land gelandet – oder muss ich sagen: gestrandet? – ohne recht zu wissen, wo?

Und begannen sie nicht ebenso wie Alice, sich dann langsam zurechtzufinden, versperrte Türen zu öffnen, Antworten auf ihre Fragen zu finden – manchmal sicherlich auch mit überraschendem Ergebnis: „Hierzulande musst du so schnell rennen wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst“[2] heißt es in „Alice hinter den Spiegeln“, dem zweiten der Alice-Bücher Lewis Carrolls.

Will sagen: Hier, in diesem Land, herrschen andere Regeln, im Umgang miteinander, die es zu erlernen und zu beherrschen gilt. Haben die orthodoxen Griechen nun die Spielregeln dieses Landes gelernt? Wo stehen wir heute? Versuchen wir also eine Bestandsaufnahme:

Die Zeiten, in denen der Bahnhof der Treffpunkt der Griechen hierzulande war, jener authentische Ort, wo man Griechen wahrnehmen konnte, so als wären sie in diesem Augenblick erst angekommen, oder als wollten sie sich selbst noch einmal vergewissern, auf welchem Gleis der Akropolis-Express abfährt, der sie wieder nach Hause bringt,

die Zeiten, in denen Bücher etwa mit dem Titel „Na, immer noch hier?!“ erscheinen konnten, nein, erscheinen mussten, um die deutsche Wohnbevölkerung für die Fragen von Arbeitsmigration zu sensibilisieren,

die Zeiten, in denen die Menschen, die man in der Diktion jener Zeit als „Gastarbeiter“ bezeichnete, nach diversen Kategorien aufgeteilt, unterschiedlichen Wohlfahrtsverbänden zugeteilt wurden, damit sie „betreut“ würden,

die Zeiten, in denen es politisch höchst unkorrekt, ja verdächtig klang, von Deutschland als „Einwanderungsland“ zu sprechen, sind vorbei.

Diese Zeiten sind vorbei und die Griechen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, es fehlt lediglich der Nachweis eines griechischstämmigen Kanzlerkandidaten oder zumindest eines entsprechenden Parteivorsitzenden, letzteres gibt es ja bekanntlich bereits aus dem Kreise der ostägäischen Nachbarn. (Immerhin ist es vor einigen Jahren ja gelungen, den schönen griechisch-phanariotischen Familiennamen Ypsilanti in der deutschen Politik zu etablieren – durch den so genannten Ypsilanti-Effekt und das Ypsilanti-Syndrom – selbst wenn seine Namensträgerin nicht Griechin ist und auch der Vorgang als solcher nicht sehr schmeichelhaft ist. Auch ansonsten sind die griechischen Namen in der deutschen Politik derzeit nicht unbedingt positiv besetzt. So müssen wir uns halt – immer noch – mit den Klatschspalten der bunten Blätter begnügen und führen die ewige Vicky Leandros oder Linda Zervakis als Zeugen für gelungene Integration an...)

Wenn wir gerade bei Syndromen sind: Selbst in die Medizin ist der Name des Romans eingegangen: Das Alice-im-Wunderland-Syndrom bezeichnet – laut Wikipedia (!) – eine Erkrankung, bei der Patienten sich selbst oder ihre Umgebung in veränderter Weise, oft verkleinert oder vergrößert, wahrnehmen.

Hat es diese verfremdete Wahrnehmung nicht auch gegeben? Ich meine hier nicht den vielfach zitierten Irrglauben, dass die Arbeitsmigration – etwa der Griechen nach Deutschland – eine vorübergehende Erscheinung sei, die nach ein paar Jahren Geschichte geworden sei. Sie wissen schon: die Juden sagen seit 2000 Jahren „nächstes Jahr in Jerusalem!“ und die Griechen in Deutschland sagten vor 50 Jahren „in zwei Jahren sind wir zurück in Griechenland!“ Heute sagen sie es nicht mehr... Die Zeiten sind vorbei...

Nein, ich meine nicht die Fremdwahrnehmung der Migranten, sondern ihre Selbstwahrnehmung. Ich zitiere noch einmal Alice, wie sie mit einem Vogel, dem Marabu, spricht: „Ja, es kam sogar zu einem längeren Wortwechsel zwischen ihr und dem Marabu, der schließlich mürrisch wurde und nichts mehr anderes sagte als: ‚Ich bin älter als du und muß es also besser wissen.“[3]

Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? Hören Sie da, verehrte Damen und Herren, nicht auch einen gewissen, auch in orthodoxen Kreisen durchaus möglichen Dünkel heraus. Jedes Mal, wenn ich – wie heute auch – durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen gehe, meine ich in den Mienen der Kontrolleure das Grübeln, welcher der großen monotheistischen Religionen ich wohl angehöre, wenn ich so aussehe, wie ich aussehe, zu entdecken. Ich denke dann immer an die Szene, als ein – unlängst verstorbener – ehemaliger Metropolit von Deutschland an einem dieser Kontrollpunkte zu seinem damaligen Vikarbischof sagte: „Sag Ihnen, ich bin der Metropolit“, was wohl heißen sollte, ‚mich braucht man nicht zu kontrollieren’. Die Antwort, die der Beamte dem gehorsamen Vikarbischof gab, der das Ansinnen des Metropoliten weiterleitete, ist auch überliefert: „Und ich bin der Kaiser von China!“ Ich erinnere mich aber auch an die große Kennerin und bekennende Liebhabern der Orthodoxie, Fairy von Lilienfeld, Theologieprofessorin an der Evangelischen Fakultät in Erlangen, die mir mal sagte: „Ich hörte den Ausführungen eines jungen Archimandriten aus Griechenland zu, der seit zwei Wochen in Deutschland war und mir den deutschen Protestantismus erklärte. Schlimmer als die Fehlinformationen, die er mitgebracht hatte, war nur noch die Aufgeblasenheit, mit er sie vortrug.“

Es war gut, dass Fairy von Lilienfeld, wie gesagt, eine Freundin des Dialogs war und diese und andere Enttäuschungen wegstecken konnte. Freunde des Dialogs waren auch alle vier Metropoliten, die hier Dienst taten und tun. Wie haben sie ihre Enttäuschungen weggesteckt?

Bei ihrem Gang durch das Wunderland gelangt Alice in einen Raum, in dem drei Gestalten (der Hutmacher, der Schnapphase und die Haselmaus) an einem großen gedeckten Tisch sitzen. Ich zitiere: „Der Tisch war schon eher eine Tafel, doch saßen alle drei eng zusammengedrängt in einer Ecke. ‚Besetzt! Besetzt!’ riefen sie, als sie Alice näher treten sahen.“[4]

Bei einem Rückblick auf die Geschichte der Metropolie darf man, insbesondere am heutigen Tag, auch analoge Erfahrungen der Anfangsjahre nicht verschweigen, welche die Orthodoxen immer wieder machten. Manches Mal wurde der orthodoxe Neuling, der – sozusagen „schillernd“ (Friedrich Schiller) auftrat: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte...“[5] – einfach als zu schillernd empfunden. Denn bei den ökumenischen Partnern, ich nenne keine Namen und sage einfach „der Hutmacher, der Schnapphase und die Haselmaus“ stellte sich die Frage: Wie kann eine Kirche, deren Hauptzweck darin zu bestehen scheint, lange und unverständliche Gottesdienste zu halten, ein ebenbürtiger Partner in der Ökumene sein? Orthodoxie ist doch eine Mischung aus Selbstverliebtheit, Frauenfeindlichkeit und Mittelalter. (Metropolit Augoustinos würde an dieser Stelle bemerken: Harnack lebt immer noch!): 

Man könnte die Reihe der Urteile – oder darf man auch sagen: Vorurteile – jener Jahre beliebig fortsetzen.

Wichtig für uns heute ist aber doch die Frage, wie ist man damit umgegangen: „‚Besetzt! Besetzt!’ riefen sie, als sie Alice näher treten sahen. ‚Von besetzt kann doch gar keine Rede sein!’ sagte Alice empört und setzte sich in einen großen Sessel am Tischende.“[6] Ich weiß nicht, ob Empörung die richtige Bezeichnung für den Umgang der orthodoxen Partner mit dieser Situation ist, ich würde eher von Pragmatismus sprechen. ‚Von besetzt kann doch gar keine Rede sein!’ sagten die Orthodoxen pragmatisch und setzten sich ans Tischende dazu. Denn das, was mir jener unvergessene Stadtdechant vor 30 Jahren bei meiner Vorstellung in der Ökumene sagte: „Eines müssen Sie wissen, Sie, die Orthodoxen, sind hier nur Zaungäste in der Ökumene!“ gilt nicht mehr.

Diese Zeiten sind vorbei...

Die Ökumene hat sich verändert, unsere Partner haben sich verändert, auch wir haben uns natürlich verändert: Alice formuliert es so: „Aber wenn ich nicht mehr dieselbe bin, muß ich mich doch fragen: Wer in aller Welt bin ich denn dann? Ja das ist das große Rätsel!“[7]

Eine der großen Chancen der Ökumene für uns Orthodoxe selbst war, dass wir uns die Frage stellen mussten und der Frage stellen mussten: wer sind wir?

Dies mussten und müssen wir im hiesigen Kontext immer wieder neu beantworten. Und es gilt täglich: wir müssen sein, was wir sind. Authentizität unseres Kirche-Seins bedeutet: Sein und Schein müssen übereinstimmen. Man muss es ja nicht so sehr komplizieren, wie es die Herzogin im Wunderland tut: „’Ich bin ganz deiner Meinung’, sagte die Herzogin; ‚und die Moral davon ist: ‚Scheine, was du bist, und sei, was du scheinst’ – oder einfacher ausgedrückt: ‚Sei niemals ununterschieden von dem, als was du jenen in dem, was du wärst oder hättest sein können, dadurch erscheinen könntest, dass du unterschieden von dem wärst, was jenen so erscheinen könnte, als wärst du anders!“[8]

Was die Identität der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland betrifft, ist ein ganz erstaunliches Phänomen zu konstatieren: Jahrelang, jahrzehntelang waren wir die Kleinen im ökumenischen Kontext: Zuerst gab es die beiden großen, erfahrenen, etablierten Kirchen, dann kam lange nichts und dann kam die Metropolie. Inzwischen ist unsere Existenzweise „ungetrennt und unvermischt“ insbesondere durch die Gründung der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) auch eine gesamtorthodoxe geworden. In der Bischofskonferenz wiederum waren wir auf einmal die Großen, die Erfahrenen, ja, vielleicht sogar die etwas Etablierten. Alice sagt: „Es ist sehr verwirrend, an einem Tag so viele verschiedene Größen zu haben.“[9]

Alice fragt also: „Wer in aller Welt bin ich denn dann? Ja das ist das große Rätsel!“[10] Und wir Orthodoxen fragen mit: Ja, wer in aller Welt sind wir die Orthodoxen hierzulande? Sind wir eine Kirche? Wir behaupten ja und sehen dabei ein wenig aufmüpfig in die Gesichter jener, die das Gegenteil behaupten: „Ihr seid so etwas wie die GEKE (Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa – für die Nicht-Evangelischen und Nicht-Ökumeniker unter Ihnen). Ihr seid GOCKEL! (Soll heißen: „Gemeinschaft der Orthodox-Christlichen Kirchen eines Landes“). Nein, krähen wir, wir sind keine Gockel, wir sind eine Kirche. Unsere Mutterkirchen haben eine pragmatische Lösung für die real existierende Situation des Miteinanders unterschiedlicher orthodoxer Diözesen gefunden. Bei uns nennt man den Vorgang, wenn die Kirchenrechtler über ihren eigenen Schatten der Paragraphentreue und der Gesetzlichkeit springen, um zu versuchen dem Herrn in seiner Heilsökonomie nachzufolgen, der am Sabbat heilt, um den Menschen zu helfen[11], also nennen wir das KAT’ OIKONOMIAN (gemäß der Oikonomia).

Das Gesetz, also die Kanones sagen in diesem Fall: eine Stadt bzw. ein Land - ein Bischof. Die Realität sagt: es gibt z. Z. 10 sich überlappende Diözesen mit insgesamt 17 Bischöfen in Deutschland. Also wurde, um den Menschen zu helfen, 2010 die OBKD gegründet, welche die Aktivitäten der einzelnen Diözesen verbindet – „verlinkt“ würde man heutzutage sagen -, ohne deren Existenz und Selbständigkeit in Frage zu stellen.

Natürlich feiern wir heute ein Jubiläum der Griechisch-Orthodoxen Metropolie, trotzdem muss die OBKD hier so explizit erwähnt werden. Denn inzwischen gilt nicht nur: ohne die Metropolie kann man sich die OBKD nicht vorstellen, auch umgekehrt lässt sich sagen: ohne die OBKD kann man sich auch die Metropolie nicht denken. Das liegt, so meine ich, an der panorthodoxen Vision aller ihrer Metropoliten, die sich bereits lange vor der Gründung der Bischofskonferenz die Sorgen nicht nur der Griechen, sondern auch arabischer, rumänischer, deutscher, georgischer und anderer orthodoxer Gläubigen zu eigen machten.

Wo stehen wir heute? Wie soll es jetzt weitergehen? Alice fragt: „Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?’ ‚Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest’, sagte die Katze. ‚Ach, wohin ist mir eigentlich gleich--’ sagte Alice. ‚Dann ist es auch egal, wie du weitergehst’, sagte die Katze. ‚– solange ich nur irgendwohin komme’, fügte Alice zur Erklärung hinzu. ‚Das kommst du bestimmt’, sagte die Katze, ‚wenn du nur lange genug weiterläufst.’“[12]

Nein, so stellen wir uns unsere Zukunft nicht vor; einfach irgendwohin weiter laufen. Das reicht nicht. Seien wir konkret: wie stellen wir uns die Zukunft der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland vor?

Erstens: Wir werden hier bleiben. Die Koffer sind ausgepackt. Der Akropolis-Express ist abgefahren. Die Juristen nennen das „Gewähr der Dauer“, wenn den orthodoxen Diözesen der Körperschaftsstatus verliehen wird.

Zweitens: Unsere Zukunft wird panorthodox sein. Dies deutete ich bereits an. Und gleichzeitig sind wir uns unserer jeweiligen nationalen und kulturellen Wurzeln bewusst. Dies ist unser lebensnotwendiges Erbe, das wir deshalb nicht ausschlagen, und es ist ein Pfund mit dem wir wuchern.

Drittens: Unsere Existenz wird weiterhin nicht in einem Ghetto stattfinden. Wir werden kein Provisorium sein, in dem Sinn, dass wir uns als Edward Snowdens der Christenheit wie Transitpassagiere ohne Aufenthaltsperspektive hier aufhalten werden. Nein, wir sind lokale Kirche an diesem Ort, an den uns die Güte Gottes gebracht hat.

Dies bedeutet viertens: Wir werden eine missionarische Kirche sein. Ich meine damit nicht eine Proselyten suchende und machende Institution, sondern eine Kirche, die eine Mission hierzulande hat, die Mission nämlich Zeugnis von der Wahrheit und von der Liebe abzulegen.

Fünftens: Wir werden eine buchstabierende Kirche sein. Nun, solange die Theologiestudentinnen und -studenten in aller Welt, also auch in Deutschland, sich noch mit dem Erlernen des Griechischen plagen müssen, können wir ihnen helfen. Denn wir sind mit der Semantik dieser Sprache vertraut, mit den Begriffen MARTYRIA, LEITOURGIA, DIAKONIA, aber auch KOINONIA, METANOIA, OIKONOMIA (ich erwähnte diesen Begriff bereits).

Sechstens: Wir werden weiterhin Brückenbauer sein, hier, innerhalb dieses Landes, aber auch von hier in unsere ursprünglichen Heimatländer. Wussten Sie, dass es außerhalb Deutschlands mindestens 12 orthodoxe Bischöfe gibt, die als Laien oder als Geistliche früher zur Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland gehört haben? Nicht nur diese Bischöfe, vielmehr alle, die das Leben unserer Metropolie geteilt haben, sind potenzielle Multiplikatoren der Ausstrahlung unserer Kirche.

Und siebtens: Wir werden natürlich weiterhin eine dienende Kirche sein. „Wohnstatt Gottes bei den Menschen“ gefällt mir als Vision und Auftrag: – eben: bei den Menschen. Denn die Kirche des Pomps, des Prunks und des Pathos in der Stimme waren wir nicht und wir werden es auch nicht mehr.

Die Zeiten sind vorbei. - Auch meine Redezeit ist vorbei.

Sie haben es selbst gemerkt: Allzu hilfreich war die Idee mit „Alice im Wunderland“ nicht. Hier könnte ich deshalb aufhören, muss aber doch auf eine überraschende Tatsache hinweisen. Bei meinen Recherchen über Charles Lutwidge Dodgson, wie der eigentliche Name von Lewis Carroll, dem Autor der beiden „Alice“-Bücher, ist, erfuhr ich, dass er nicht nur Mathematik-Dozent, sondern auch Diakon der anglikanischen Kirche war und dass er in seinem ganzen 66-jährigen Leben nur eine einzige Auslandsreise gemacht hat, die ihn nach Russland führte! Und was glauben Sie, war der Zweck der Reise? Die Begegnung mit der Orthodoxen Kirche! (Es ging um die anglikanisch-orthodoxe Annäherung.) Und auch darüber hat er ein Buch geschrieben: das „Russian Journal“[13] Ein Kritiker schreibt darüber: „Aus der Sicht der Literaturgeschichte, ist das ‚Russian Journal’ (1867) von Lewis Carroll wie der Käse in einem Doppel-Sandwich platziert – zwischen ‚Alice im Wunderland’ (1865) und ‚Alice hinter den Spiegeln’ (1871). Wenn man dies weiß, wird man als Leser eigentlich in diesem Buch die wunderbaren Abenteuer von Carroll im Land, das so wenig Ähnlichkeit mit England hat, erwarten. Doch erfährt man in dem Tagebuch schwerlich irgendwelche abenteuerlichen Absichten des Autors (er springt nicht in Löcher, er geht nicht auf dem Kopf und spricht nicht mit Raupen). In jeder Zeile ist er nur ein zurückhaltender Beobachter. Formal ist es Dodgson, der gereist ist – nicht Carroll, – ein Oxforder Lehrer der Mathematik, ein spiritueller Mensch.“[14]

Es wäre deshalb einen eigenen Vortrag wert, Ihnen die diesbezüglichen Notizen von Carroll (und die seines Reisebegleiters Reverend Henry Liddon, der ein eigenes Tagebuch mit durchaus anderen Akzenten geschrieben hat) zu präsentieren. Lassen Sie mich deshalb zum Schluss nur ein einziges – aber m. E. bezeichnendes – Zitat aus dem Reisebericht von Lewis Carroll vortragen, das dann doch mit unserer Standortbestimmung zu tun hat.

Er schreibt nach einem Gottesdienstbesuch in der Isaaks-Kathedrale in St. Petersburg: „Die Kleider der ministrierenden Geistlichen waren prachtvoll, und die Prozessionen und der Weihrauch erinnerten mich an die katholische Kirche in Brüssel, aber je mehr man von diesen prachtvollen Gottesdiensten mit ihrem starken Appell an die Sinne sieht, desto mehr, denke ich, lernt man den schlichten, einfachen (aber meiner Meinung nach viel wirklicheren) Gottesdienst der englischen Kirche schätzen.“[15]

Da haben wir sie wieder, diese bereits erwähnte Betrachtungsweise des orthodoxen Gottesdienstes. Und doch: wenn ich mir die heutige Hochachtung nicht-orthodoxer Besucher, die an orthodoxen Gottesdiensten teilnehmen, oder die Begeisterung etwa bei der Feier der Artoklasie auf dem Odeonsplatz im Mai 2010, ins Gedächtnis rufe, dann gilt - wie gesagt - für diese Art der Betrachtung: diese Zeiten sind vorbei!

[1] Lewis Carroll, Alice im Wunderland. Übersetzt von Christian Enzensberger (Insel Taschenbuch 42). Berlin: Insel-Verlag 1973, S. 14f. Dieser Ausgabe sind auch alle folgenden Zitate entnommen.
[2] Alice..., a.a.O., S. 136.
[3] Alice..., a.a.O., S. 28.
[4] Alice..., a.a.O., S. 70.
[5] Friedrich Schiller, Die Bürgschaft (1798).
[6] Alice..., a.a.O., S. 70.
[7] Alice..., a.a.O., S. 22.
[8] Alice..., a.a.O., S. 93.
[9] Alice..., a.a.O., S. 47.
[10] Alice..., a.a.O., S. 22.
[11] Lk 6,6ff.
[12] Alice..., a.a.O., S. 67.
[13] Auf Deutsch erschienen als: Lewis Carroll, Tagebuch einer Reise nach Rußland im Jahr 1867. Übersetzt von Eleonore Frey. Hrsg. v. Felix Philipp Ingold (Insel Taschenbuch 2589). Berlin: Insel-Verlag 2000.
[14] Alexander Sedov, vgl. alek-morse.livejournal.com/30853.html
[15] Tagebuch..., a.a.O., S. 38.

 

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