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Geistliches Wort zur orthodoxen Pastoralkonferenz

16. Oktober 2013
Höchstgeweihte Gebieter, liebe Väter! Mir ist die Ehre zugefallen, heute ein Wort vor dieser besonderen, einzigartigen Versammlung zu sprechen. Erstmalig in Deutschland treffen sich orthodoxe Priester aller Landeskirchen zu einer Pastoralversammlung. Unsere gemeinsame Sprache ist Deutsch.

Wir alle wissen, wie schwer es ist, die Sprache der hll. Väter in Deutsch zu nutzen. S.E. Metropolit Augoustinos hat bei der letzten Sitzung unserer orthodoxen Bischofskonferenz betont, wie wichtig es ist, dass wir Orthodoxe eigene autorisierte Übersetzungen der Gottesdienste besitzen, die von der Übersetzungskommision der OBKD vorbereitet sind.

In der Tat, es gibt etwas, was nur wir Orthodoxe machen können. Wer versucht, deutsche Begriffe zu finden oder zu bilden für das Slawische „целомудрие“, im Griechischen: σωφροσύνη - sophrosyne, oder gar „священствовать“, ερατεύω (Lk 1,8) – im Deutschen, wie auch in anderen westlichen Sprachen – einfach „Priester sein“, der erkennt sogleich, warum es für uns Orthodoxe so schwer ist, das Gedankengut der hll. Väter auf deutsch zu vermitteln. Zugleich zeigt sich hier aber auch das große Potential unseres Glaubens. In dem gegebenen sprachlichen Kontrast erfahren wir, welcher Reichtum uns hier anvertraut ist.

Hört der heutige Deutsche das Wort „Keuschheit“, so denkt er ausschließlich an geschlechtliche Abstinenz. Für einen Orthodoxen dagegen beinhaltet „целомудрие“ oder „sophrosyne“ viel mehr als nur das, hier geht es nämlich um die Ein-mütigkeitder menschlichen Dynamik, ein ganzheitliches Sinnen. Laut Wikipedia: „besonnene Gelassenheit“.

Am besten lässt sich diese Tugend im Gebet erfahren. Im Positiven – wenn alle Kräfte einmütig zu Gott streben; und im Negativen – wenn der Mensch ge-vier-teiltvor Gott steht, nämlich, wenn der Leib, der Geist, die Seele, der Wille je das ihre beanspruchen. Ganzheitliches Sinnen verlangt Askese (Übung) und Gottes Beistand!

Noch schwieriger ist wohl das Wort священствовать, ερατεύω (Lk. 1,8) zu erklären. Es kommt im NT nur ein Mal vor (ein Hapax Legomenon), wo es von Zacharias heißt: „Und es begab sich, da er Priestersampt pfleget“ (Luther), oder: „da er des Priesteramts waltete“ (nach Luther, Gideon), „als er nach der Ordnung seiner Klasse Priesterdienst vor Gott tat“ (Herder-Bibel 1968, Einheitsübersetzung), noch anders: „verrichtete“ etc. Sind diese verbalen „Krücken“ wirklich notwendig, oder stören sie nur? Doch, wenn ich richtig informiert bin, hat sogar das Neugriechische keinen entsprechenden Ausdruck mehr. „Priester sein“ oder „das Priesteramt ausüben“ bzw. „pflegen“ klingt formal. Und erstaunlicherweise unterwirft sich sogar die griechische Umgangssprache geistig dieser formalistischen Sicht, die sich – als sei dies selbstverständlich – fernab des lebenserfüllenden Daseins in Gott bewegt, das wahrhaft priesterlich ist. Wahrlich, das Priesteramt kann mit der Überfülle des Lebens, die von Christus ist, erfüllt sein und entsprechend vollzogen werden.

Meine These ist: In unserer Zeit handelt der Mann (sprich: Adam), bzw. handeln die Männer, zusehends nicht priesterlich.

Hier komme ich zu meinem eigentlichen Thema: Es muss einen tiefen Grund haben, warum unser orthodoxes Priestertum bis heute fast ausschließlich verheiratet ist. Das Seelenheil des Volkes Gottes ist de facto den verheirateten Priestern anvertraut. Der Priester begleitet einen jeden vom Mutterleib an bis zu seinem Entschlafen, und – streng genommen - auch danach, da wir in der Proskomedie der Entschlafenen gedenken. Es ist einfach die Norm, dass der Priester verheiratet ist, oder sogar sein muss. Der hl. Paulus spricht von der Bewährung eines Priesters – oder Presbyters (Vorstehers) – in der Ehe und im Haushalt der Familie:

Der Vorsteher aber muss sein: untadelig, eines Weibes Mann, nüchtern, besonnen, voll würdiger Haltung, gastfreundlich, lehrtüchtig“(Titus 1,6). Presbyter kann jemand sein,wenn er „unbescholten ist, eines Weibes Mann, mit gläubigen Kindern, die nicht im Rufe der Liederlichkeit stehen und nicht unbotmäßig sind“ (1 Tim. 3,1-5). Somit sind die Kinderder Prüfstein der Eignung eines Priesterkandidaten!

Der monastische Weg, aus dem heute das Bischofsamt erwächst, bleibt zahlenmäßig eine Ausnahme (zu Bischöfen können auch ehemals Verheiratete geweiht werden). Mir scheint, das Leben eines Bischofs ohne Frau und Familie ist eine rein funktionelle Regelung der Kirche, die das Amt vor überflüssiger bzw. belastender Verpflichtung bewahrt.

Zölibat erkennt die Orthodoxe Kirche nicht an, selbst wenn in der Russischen Kirche Anfang des 20. Jh. das Zölibat unnötigerweise doch ermöglicht wurde. Das verheiratete Priestertum ist eine Besonderheit der Orthodoxen Kirche, die, wie mir scheint, nicht ausreichend gewürdigt wird.

Worin besteht nun der Zusammenhang zwischen der Ehe und der priesterlichen Existenz?

Um dies zu verstehen, sollten wir uns die ersten Schritte des Menschen auf der Erde ins Gedächtnis rufen:

1. Zunächst ist der Mensch ein Abbild des Dreieinigen Gottes: „Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf Er ihn; als Mann und Frau schuf Er sie“ (Gen. 1, 27).

Adam ist nicht allein. Er erhält von Gott ein „Gegenüber“ zur Hilfe, einen Bei-stand עזר), ezär) ihm ähnlich, ihm entsprechend, ihm zur Seite, einen Kampf-Beistand[1]. So ist Adams Frau keineswegs eine untergeordnete, zweitrangige Gehilfin, sondern ganz klar ein Kampfgenosse, und zu diesem Zweck ausgestattet mit den gleichen Fähigkeiten wie Adam, sie ist ihm eben-bürtig.

Erst beide zusammen sind in ihrer Gemeinschaft Abbild Gottes!

Ein Mensch entsteht im Einswerden der Eltern. Der Mensch ist ein zwei-einiges Wesen. In ihm erfüllt sich Männliches und Weibliches. Beides zusammen wird in der Geburt einer neuen Persönlichkeit gesegnet, jedoch mit einer offenbaren Trennung der geschlechtlichen Anteile, die jeweils mit einer bestimmten Aufgabe betraut werden.

2. Adam bekommt das Gebot Gottes, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren.

3. Adam bekommt das Gebot, vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen nicht zu essen.

4. Adam wird das Vermögen gegeben, jedem Vieh ebenso wie den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes Namen zu geben.

5. Adam wird Erkenntnis gegeben, so dass er in die Wesenseinheit oder Ein- Wesentlichkeit des Menschen eindringt, nachdem Gott die Frau zu ihm ins Paradies eingeführt hat: „Das ist endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch! Diese soll Weib (»Männin«) heißen; weil sie vom Mann genommen ist“ (Gen. 2, 23, Einheitsübers.). Die Einheit wird im Hebräischen durch ein Wortspiel unterstrichen: es ist die Rede vom Isch (dem Mann, hebr. ישׁאִ ֔ ) und der Ischah (der Frau als „Männin“, hebr. האִשָּׁ ֔ ) die Rede.

6. Die Frau besitzt das Sakrament des Lebens, doch es ist Adam, der dieses im Voraus erkenntund benennt: er gibt seiner Frau noch vor der Vertreibung aus dem Paradies den Namen Havva, Eva (d.h. Leben – Gen. 3, 20). Erst danach, als er sie außerhalb des Gartens „erkannt hat“, gebiert sie das erstes Kind, Kain, und bald darauf Abel (Gen. 4, 1-2).

Adam ist somit der Vorausgehende; es ist auch Adams Aufgabe, seine Frau in die Geheimnisse des Paradieses und des Lebens einzuführen. Vom griechischen Verb γω (führen) stammt auch die Mystagogie (тайноводствие, die Einführung in die geheimnisvollen Tiefen göttlicher Wirklichkeiten) – wieder so ein Wort, das uns im Deutschen schmerzlich fehlt.

Von Anfang an war Adam berufen priesterlich zu sein und priesterlich zu wirken!

Adam war es, der die Gebote Gottes unmittelbar empfing. Adam sollte die Gebote lernen und lehren, sie zu bewahren. Gott hatte Adam noch vor der Erschaffung Evas die Weisung gegeben, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen; an ihn war eine besondere Aufgabe als Mann gestellt, nämlich priesterlich zu sein und priesterlich zu handeln - mystagogisch tätig zu sein.

Doch Adam muss wohl irgendwie eine seiner Ur-Aufgaben verfehlt haben, da er doch Eva offensichtlich über Gottes Auftrag nur mangelhaft instruiert hat. Das lässt sich aus dem Dialog Evas mit dem „Verleumder“ (diabolos) herauslesen.

Eva spricht von einem Baum „der in der Mitte des Gartens ist" (das ist aber der Baum des Lebens). Zudem ist ihr nicht klar genug, dass es ein Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösenist, was eigentlich Furcht einflößen müsste. Sie handelt und redet, ohne Adam zu Rate zu ziehen. Sie zitiert das Gebot Gottes falsch – nicht eindeutig, sondern zwiespältig hinsichtlich des Essens sowie des Berührens. Auch der von Gott eindeutig formulierte Tod gerät hier in das Konditional der Befürchtung, sie könnten sonst vielleicht sterben (nicht charakteristisch für Gottes Rede). Aus dieser Begierde heraus gerät die Frau in Verzückung. Genesis 3 beschreibt mithin den Dialog zwischen Eva und dem Verleumder; die Fehler, oder Verfehlungen - μαρτία, die Eva macht, sind aber ganz offensichtlich das Ergebnis des gescheiterten mystagogischen - priesterlichen – Dienstes Adams.

Wir Priester haben alle die Erfahrung, wie Verblendung oder Verzückung gerade bei Jugendlichen zu geistiger Verwirrung, ja zur Krankheit führt. Das geschieht, wenn Jugendliche die natürliche Scheu oder „Furcht“ verlieren, gewisse Gedanken anzunehmen – dann werden sie ein gefundenes Fressen für den diabolos.

Erst Jesus Christus, der zweite Adam, führt Seine Apostel endlich zum Ur-Auftrag Gottes an Adam zurück: „Lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe“ (Mt. 28, 20).

Gott bereitete unsere Ur-Eltern in ihrer Ur-Heimat auf eine neue Erfahrung vor. Zur Ausrichtung darauf gehörte die Bewahrung des Herzens nach Innen, im Hinblick auf denbesagten Baum, und der Schutz des Gartens Eden nach Außen. Das hebräische „gan“ (־ מִגַּן = Einfriedung, Garten) bezeichnet ja, ebenso wie das persische „pardes“ (= Einzäunung, von daher „Paradies“), ein durch Abgrenzung geschütztes Stück Land[2].Der Garten unterscheidet sich grundsätzlich von seiner feindlichen Umgebung des tohu-wabohu, der Finsternis über der Tiefe. Gottes Auftrag an Adam ist, die ihm anvertraute Einfriedung zu bewachen[3].

Tragisch ist das Eindringen Satans vermittels der Schlange in die Einfriedung, in diesen Ort der Ruhe verglichen mit der „außerhalb“ herrschenden Unordnung. Diesen Garten ist Adam berufen zu bebauen und zu bewahren, im weitesten Sinne Ordnung zu schaffen. Nach der Lehre des hl. Maximus Confessor war der Mensch berufen, die innere Ordnung des Paradieses auf die gesamte Welt auszuweiten[4] . Adam sollte – wachsam und ordnend tätig – Mitstreiter im Heere Gottes werden: „So wurden der Himmel und die Erde vollendet samt ihrem ganzen Heer.“ (Gen. 2,1).

Welcher Art ist dieses Heer? Das biblische „zebah“ ( צבאה ) ist im heutigen Israel die Armee. In der LXX aber steht in der Schöpfungsgeschichte: Kosmos. Das Wort Kosmos, slawisch украшение, hat mit der Schönheitsgestaltung zu tun, daher die „Kosmetik“. Im weitesten Sinne geht es hier um eine Ordnung. Das Wort „zebah“ steht später auch für die Priester, die die Bundeslade betreuen (Num 4,30). Dass die Übersetzer der LXX das hebräische zebah im Griechischen mit kosmosübersetzen, zeigt, dass für sie der Aspekt der Schönheit Vorrang hat. Die Schönheit hat eine eigene Art von Macht. Solcher Art ist der Herr der Heerscharen - Jahweh Zebaoth!

Das Heer des Jahweh Zebaoth steht dem tohu-wa-bohu gegenüber, der Verwüstung und Entleerung der Erde infolge des Falls der untreuen Engel.

Das Paradies ist also eine Einfriedung, die in Kontrast steht zum tohu-wa-bohu, die von Adam geschützt werden soll. Wodurch? Eine Mauer? Einen Zaun?

Erstaunlicherweise liefert ausgerechnet der Gottesdienst der Verlobung und der Krönung die Antwort auf die Frage, von welcher Beschaffenheit dieser Schutz sein soll: „Du selbst nun, Herr unser Gott, der Du die Wahrheit auf Dein Erbe und Deine Verheißung auf Deine Knechte, unsere Väter, Deine Auserwählten von Geschlecht zu Geschlecht, herabgesandt hast, blicke auf Deinen Knecht N. und Deine Magd N., und festige ihre Verlobung in Treue, Einmütigkeit, Wahrheit und Liebe“ („κα στήριξον τ ν ἀῤῥ αβ να α τ ν ν πίστει κα μονοί κα ληθεί κα γάπ “).

Der Schutz im Paradies bestand in der Treue, Einmütigkeit, Wahrheit und Liebe, die Gott zu Adam hegte, zu denen Adam selbst aber noch nicht herangereift war. Das ist auch der Grund, warum Gott Adam gebietet, zunächst nicht, jedenfalls nicht ohne göttlichen Segen, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Adam weiß somit genau, was gut und was böse ist. Hier handelt es sich um das reine Liebesgebot gegenüber Gott und in der Folge auch zum „Nächsten“. Die Annahme dagegen, das Essen von der Frucht des Baumes würde per se etwas vermitteln, verliert diese personale Beziehung aus dem Auge, steht in einem völlig anderen Kontext – ist magisch-funktional. Kein Wunder, dass Adam, da die Gemeinschaft mit Gott zerbrochen ist, sich – nach der eigenen Person und Handlungsweise befragt – gegen beide wendet, und somit auch die Untreue zum eigenen Selbst bekundet: „Das Weib, das Du mir beigesellt hast, gab mir von dem Baum…“ (Gen. 3, 12).

So geschah der geistige Ehe-Bruch in der Ur-Ehe. Die verdichtete Symbolik im Sakramentsgottesdienst der Verlobung und Krönung bringt die Frage der Treue neu auf den Punkt. Hier hat die Kirche in ihren Gebeten eine tiefe Poesie gesegnet. Ich habe bereits auf das 3. Gebet zur Verlobung verwiesen, und darauf, in welchen vier Begriffen die Brautleute von Gott gefestigt werden sollen: Treue, Einmütigkeit, Wahrheit und Liebe. Im weiteren Verlauf dieses Gebets werden im Hinblick auf die Gabe der Eheringe vier Personen als Beispiele aus der Heiligen Schrift erwähnt, wodurch die genannten vier Tugenden erläutert werden – Josef in Ägypten, Thamar, Daniel und der zurückgekehrte „verlorene Sohn“[5].

Der Glaube, im Griechischen „pistis“, hat ebenso wie im Slawischen unmittelbar mit Vertrauen und Zuverlässigkeit, daher Treue zu tun (Slawisch: вера, верность). Nichts anderes beinhaltet das uns so bekannte hebräische Wort „Amen“ als Bestätigung von Wahrheit und zugleich Treue, was mit der Dauerhaftigkeit und Beständigkeit verbunden ist: emunah ( אמוּנה ) – die Treue, ämunim (יםאֱמוּנֵ ֣ )– die Zuverlässigen (2 Sam. 20,19), die Treuen. In der Perspektive des Endes und der Vollendung ist dies sogar der Name Christi: „Das sagt der AMEN, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes“ (Apk. 3, 14).

Das Bild der Ehe ist ein stetes Symbol für den wahrhaft Gekommenen, für Christus, den fleischgewordenen AMEN, zuvor aber im AT für die Treue zwischen Gott und dem Volk Gottes. Unzählige Male äußert sich Gott über die Eigenschaften dieses Bundes. Es gibt nun einmal im menschlichen Leben keine treffendere Ikone, kein klareres Symbol für die Treue als die reine Ehe zwischen Mann und Frau!

Wenn wir von Christus die Macht erhielten, Kinder Gottes zu sein (Joh. 1, 12), erkennen wir die echten Eltern Jesu Christi an: Gott-Vater und die Gottesmutter, die Immerjungfrau Maria. Dies ist der wahre Ehe-Bund zwischen Gott und dem Menschen.

Der Spross Jesus Christus geht ebenfalls einen Ehebund ein – den mit seiner Kirche. Bei der Evangeliumslesung zur Eheschließung wird das deutlich: Er sagt zu seiner Mutter, die sich bei der Hochzeit in Kana um das Wohl der Brautleute und das Fest kümmert: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh. 2, 4), doch Er verwandelt auf ihre Bitte hin das Wasser zu Wein. Seine Stunde ist gekommen, da Er Wein zu seinem eigenen Blut wandelt, und durch das Vergießen seines Blutes den Neuen Bund am Kreuz besiegelt. Christus ist nicht nur das Haupt seiner Kirche, sondern die Kirche ist auch seine Braut, wie es bei der Apostellesung zur Eheschließung vollends klar wird – das ist das Paradigma für die Ehe einerseits, und die Tiefendimension der Beziehung zwischen Gott und Mensch andererseits: „Dies Geheimnis (Mysterium) ist groß…“ (Eph. 5, 32).

Schauen wir uns nun das altüberlieferte, patriarchale Bild der Familie an. Im AT saß der Älteste seiner Familie vor, besonders natürlich zu den Festen am gemeinsamen Tisch. Das Abendmahl, unsere Eucharistie ist aus diesem geweihten Brauch (Ethos) entstanden. Im NT entstanden die Gemeinden nach demselben Prinzip. Der Älteste (Presbyter) brach das Brot. Das Brotbrechen ist eine Segnung nach dem Bild Melchisedeks und zugleich ein Opfer nach dem Bild des stellvertretenden Schlachtopfers im Jerusalemer Tempel. Aus dem ur-priesterlichen Segen mit Wein und Brot infolge der familiären Treue Abrahams erwächst über das Schlachtopfer schließlich die große Befreiung im Opfer des Blutes und Leibes Christi.

Christus führt aber nicht den Vorsitz im Kreis seiner Familie, sondern Er tut es im Kreis seiner Jünger. Hier ist die Einsetzung eines neuen Priestertums – das des Neuen Bundes. Das Bild bleibt: Der Älteste, ein Mann, sitzt seiner Familie oder Gemeinde vor. In diesem Sinne erklingen auch die Worte des Herrn in Joh. 4, 21: „Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.

Bis zur Geburt Christi waren alle, besonders die Priesterschaft der Alten Kirche zur Ehe verpflichtet, um am Erbe (κληρονομία) Israels Anteil zu haben. Nur Aaroniten konnten Hohepriester und Priester werden und der Dienst am Tempel war den Leviten vorbehalten. Ursprünglich sollte nach dem Exodus jeder Erstgeborene Dienst am Heiligtum tun, aber nach dem Abfall durch die Anbetung des Goldenen Kalbes wurde diese Aufgabe nach dem Willen Gottes ausschließlich von den Leviten ausgeführt. Die Familie musste sich auch später, als ein Ort der Heiligung, entsprechend dem Tempelheiligtum, erweisen. Man denke nur an den Priester Eli (1 Sam 2), und daran, welche Folgen die mangelnde Erziehung seiner Söhne hatte, trotz seiner eigenen persönlichen Gerechtigkeit. Die alttestamentliche Priesterschaft unterlag einer strengen Eheregel: obwohl die Aaroniten kein Land zugewiesen bekamen, da sie dem himmlischen Gott dienten und überall im Lande wohnen konnten, musste die Braut eines Aaroniten dem gleichen Stamm angehören. Die Leviten hatten ebenfalls keine Landfestlegung, konnten aber im Gegensatz zu den Aaroniten unbeschränkt aus allen Stämmen Frauen ehelichen.

Die neue, von Christus eingesetzte Priesterschaft dagegen hat etwas von dem Bild Melchisedeks – keine Vorfahren, keine Erbfolge, es gilt allein die Berufungdurch das Haupt der Kirche, Christus.

Streng genommen geht es in der Heiligen Schrift um zwei Menschen, zwei Männer – zwei Mal Adam: Adam, „der aus dem Irdischen“ und Adam, „der aus dem Himmlischen“. Sie stehen beide für die Beziehung des Menschen zu Gott. Der erste Adam – zur Gottähnlichkeit berufen, aber unvollendet, und der Gottmensch Jesus Christus, der zweite Adam, in Dem die Gottähnlichkeit des Menschen vollzogen wird und Vollendung findet.

Ikonisch erfüllen beide nur gemeinsam mit der Frau / der Braut das von Gott gegebene Bild.

Jener Adam - und jeder Mann - sollte Gottes Garten bebauen und bewahren. Die Vertreibung aus dem Paradies war Fürsorge und Rettung: Adam sollte sich nicht erfrechen, vom Baum des Lebens zu essen. Er sollte sich nicht im dämonisierten Zustand auch noch verewigen. Nun sollte er die Erde bebauen: Brot im Schweiße des Angesichts und Dornen. Mit Blutschweiß in Gethsemane und dornengekrönt auf Golgatha, erschließt der zweite, treue Adam nicht nur das Paradies, sondern auch darüber hinaus – das wahre Königtum in der Einheit von Gott und Mensch. Am Baum von Gut und Böse in Treue, und zugleich am Baum des Lebens wird der Sieg über den Verleumder gefeiert – die Einheit von Mensch und Gott.

Wegen der durch die Sünde hervorgerufenen Spaltungen in der Menschheit, auch wegen des aus der Sünde entstandenen Abgrunds zwischen Mann und Frau, wird von Gott eine besondere Priesterschaft berufen, um die Sammlung der Gottesfürchtigen zu ordnen.

Diese Ordnung spiegelt das Paradies wider. So findet die Begegnung mit Gott in einem sakralen, von der Außenwelt herausgehobenen, abgetrennten Raum statt.

Im AT wurde das Allerheiligste so behütet und bewahrt, dass nur ein Mal im Jahr der Hohepriester eintrat um die Bundeslade zu besprengen, und er tat dies nach rituellen Reinigungen und Opfern. Und doch gelang es den Menschen nicht, diesen heiligen Raum recht zu schützen und zu bewahren, denn nach dem babylonischen Exil waren alle geweihten Gegenstände und Zeugnisse der einstigen Gunst Gottes verschwunden.

Auch wir Christen schufen einen Altarraum, den wir besonders schützen und bewahren und zu dem, streng genommen, nur geweihte männliche Personen Zugang haben. Frauen dürfen nur unter bestimmten Bedingungen eintreten.

Das ist für uns orthodoxe Priester insofern noch interessant, als dass wir nicht wissen, ob nicht unsere Frauen eines Tages beginnen werden, das Priesteramt auch für sich einzufordern.

Wir schützen den Altarraum vor dem Eintritt von Frauen, obwohl es im Garten Eden solchen Schutz offensichtlich nicht gab. Ja mehr noch: wenn der Teufel Zugang zum Altar hat, und uns Priester recht oft belästigt, warum dürfen unsere Frauen nicht dabei sein? Und außerdem saßen in der ersten Christengemeinschaft doch alle an einem Tisch. Das sind natürlich provokante Fragen. Ich glaube, das Verbot der Frauen im Altar ist das Ergebnis der Erfahrung der hl. Kirche des Alten und des Neuen Testaments. Anders gesagt: Gott hat uns gelehrt, disziplinarisch eine versuchungsfreie Zone zu schaffen, einen Raum, der der sophrosyne weitestmöglich dient. Stellen sie sich mal vor, an unserem Altartisch stünden gleichzeitig auch Frauen…

Warum aber diese Einschränkung?

Die Mystagogie, wie überhaupt ein jedes Gebet, verlangt einen ganzheitlichen, besonnenen Zustand! Adam ist in besonderer Weise die Fähigkeit gegeben worden, das Sakrale zu erkennen! Diese Gabe verlangt von ihm auch, die Verantwortung für seine Familie im weitesten Sinne zu übernehmen. Die Frau gebiert eine völlig neue, einzigartige Persönlichkeit, die ein Bild Gottes ist. Eine jede neue Person bedarf der Einführung in das Königtum Gottes. Hier sollte die Gabe Adams zum Tragen kommen.

Ich behaupte, dass die Frau – solange Adam, bzw. der Mann, diese Aufgabe erfüllt – seine Autorität nicht in Frage stellen wird. Es geht um Treue, Einmütigkeit, Wahrheit und Liebe Gottes zu dem Menschen und der Menschen untereinander. Adam und seine Frau sind berufen, darin Diener des Wachstums zu sein. Insbesondere die Frucht des Leibes verlangt lebenslange Betreuung. Im Mutterleib, dann als Säugling, dann als Kind, als Jugendlicher, als Mitarbeiter im Garten Gottes, als Bräutigam und als Braut, als Mann und als Frau, und schließlich als Vater und Mutter. Erst alle Etappen unseres Lebens zusammengesehen erlauben es uns, die Tiefe unserer Berufung zur Gottähnlichkeit zu erkennen. Die Familie ist geradezu prädestiniert, eine solche Offenbarung anzunehmen, sie ist ein herausragend wichtiges Prinzip unserer Kirche.

Es fällt zwar auf, dass die ersten Personen, die die klare Offenbarung der Dreieinigen Gottheit empfingen, die jungfräulich lebende Gottesmutter und der ebenfalls jungfräuliche hl. Johannes der Täufer gewesen sind: augenscheinlich hat die Gabe des ganzheitlichen Sinnens eine prophetische Dimension. Dennoch scheint mir hier die sprichwörtliche Ausnahme vorzuliegen, welche die sprichwörtliche Regel - die Offenbarung im Familienleben - bestätigt.

Ein vom weiblichen Ursprung losgerissenes Priestertum wird kopflastig. Wie das vor sich geht, sehen wir in der römisch-katholischen Kirche, wo eine von Frau und Familie entlastete Priesterschaft zu einer dem Universalismus des Papsttums entsprechenden Elite werden sollte. Die Idee einer derartigen „Elitegeistlichkeit“ war zum Scheitern verurteilt, denn die echte Lebens-Bedeutung der Frau war falsch eingeschätzt, ja wohl übersehen worden. Darum hat verständlicherweise hier in Deutschland vor 500 Jahren ein großer Teil der Bevölkerung dieser Art Priestertum die Gefolgschaft versagt, mit dem traurigen Ergebnis, dass das Priesteramt praktisch ausgetrocknet ist. Jetzt versuchen die Frauen, dieses Amt mit Leben auszufüllen, wie wir es im Protestantismus erleben. Die beiden 1854 und 1950 im Katholizismus eingeführten Mariendogmen, die einerseits in einer irrigen Erbsündenlehre verwurzelt sind, andererseits eine Überhöhung enthalten, entfernen noch weiter von der ursprünglichen orthodoxen Katholizität, die auch das Thema Ehe und Priesterschaft, Frau und Familie umfängt.

Hier in Deutschland haben wir als orthodoxe Geistliche besondere Rahmenbedingungen. Deutschland ist ein Territorium, das vor etwas mehr als eintausend Jahren von einer anderen, damals noch orthodoxen Landeskirche betreut wurde. Die römisch-katholische Kirche hat im letzten Jahrtausend verschiedene Besonderheiten zu etablieren versucht, die sich sehr grundsätzlich von der der Tradition der Orthodoxen Kirche unterscheiden. Neben dem Priestertum in Ehelosigkeit wächst der päpstliche Primatsanspruch, der sich auch in der Auffassung von Bischofs- und Priesteramt widerspiegelt. Letztlich geht es hier um ein verzerrtes Gottesbild mit schwerwiegenden Folgen. Nur ein Bild hierzu: Die römisch-katholische Kirche hat in den Jahren 1588 bis 2005 insgesamt 784 Menschen heiliggesprochen, davon 650 im 20. Jahrhundert, und davon 482 unter dem Papsttum Johannes Pauls II. (1978-2005).

Stellen wir uns einmal vor, die römische Kirche würde zur orthodoxen Lehre zurückkehren und es käme auf der dogmatischen Grundlage zu einer Vereinigung. Was würden wir Orthodoxe mit den vielen römisch-katholischen Heiligsprechungen anfangen?

Ich kann mir vorstellen, dass Adam regelmäßig, z.B. wöchentlich, das Gebot Gottes über die Speisung von Früchten im Paradies in gemeinsamen Mahlzeiten rituell hätte kommemorieren sollen. Mit anderen Worten, er hätte seine Frau, und unter Umständen auch seine Kinder, rituell an den Geboten Gottes teilhaben lassen müssen.

Wir Priester müssen das nach den Kanones wöchentlich tun: jede Sonntägliche Eucharistie ist für uns Pflicht. Haben wir Erfolg, gerade bei dem männlichen Teil unserer Gemeinde, uns Priestern zu folgen?

Zwar hat sich jetzt das Gleichgewicht zugunsten der Männer verschoben (zumindest in der Russischen Kirche), aber ich habe doch den Eindruck, dass die Frauen bei uns nach wie vor dominieren. Vielleicht sind Frauen empfänglicher für die Kunde von der Menschwerdung des Gottessohnes. Sie sind davon möglicherweise existenziell unmittelbarer berührt, von rein ästhetischen Gesichtspunkten einmal abgesehen.

Unsere orthodoxe Bischofskonferenz hat die Theologische Kommission beauftragt, ein Dokument zum Schutz der Ehe und Familie zu erarbeiten.

Was über Jahrhunderte hinweg eine Selbstverständlichkeit war, zerfällt rasant vor unseren Augen. Die Angriffe seitens nicht-traditionell orientierter Gruppen sprechen eine deutliche Sprache und zeigen bereits jetzt, wohin diese Entwicklung führt. Das Einfordern gleicher Rechte vom Staat, die Gleichstellung anderer Partnerschaftsformen mit dem überlieferten Ehebund ist eine Zwischenstation, zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft drängt nach einer Lösung sämtlicher Verbindlichkeiten, dahinter eröffnet sich die Perspektive der totalen Straffreiheit für sexuelle (Miss-)Handlungen. Bei allen Beschwörungen der Menschenrechte sind in unserer Zeit Kinder zusehends schutzlos, ob im Mutterleib, ob als Säuglinge, als Kleinkinder oder auch als Jugendliche. Welche Begierden und Verblendungen sind hier wirksam? Welche treibende Kraft steht hinter all dem? Was geschieht hier vor unseren Augen, wenn wir diese Entwicklung betrachten, einerseits auf dem Hintergrund der Heiligen Schrift und des lebendigen Wortes Gottes in der Kirche, andererseits auch des Geschehens im grausamen vorigen, dem 20. Jahrhundert?

Wer denn sonst, wenn nicht wir, die Priester, sollte aufrütteln und aufzeigen, worin die Würde und letztlich die Heiligkeit einer jeden Person besteht. Behütet und beschützt sind jedenfalls unsere Kinder und auch wir selbst nur dann, wenn wir gemeinsam wachsen in Treue, Einmütigkeit, Wahrheit und Liebe zu Gott.

Als Bischof und euer Mitbruder muss ich allerdings gestehen, dass ich, was die Mystagogie betrifft, auf beiden Knien hinke. Deshalb erhoffe ich mir von euch weitergehende, nähere Auskunft über die Bedeutung und Verwirklichung des Gebots Christi, das Er ausgesprochen hat zu seinen Jüngern: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht scheiden“(Mt 19, 6; Mk 10,9).


[1]  Dieses Wort, das wir auch im Namen Lazarus (Eli-ezer) wiederfinden, wird im AT verwendet im Zusammenhang mit Krieg und sonstigen Auseinandersetzungen, so bei juristischen Auseinandersetzungen, Verleumdungen und sonstigen Anfeindungen

 

 

[2]   “Gan” kommt von der Wurzel “ganan” – “einfrieden, umhegen, bedecken, beschützen” (Wilhelm Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, Berlin-Göttingen-Heidelberg, 1962, S. 145).

[3]  Hebräisch schamar = bewachen, behüten, bewahren, beschützen (Genesis 2,15). Daher in der Ganovensprache: “Schmiere stehen” (schemirah = Wache). "Schomer" = "Wächter" (Gesenius, S. 847 f).

[4]  PG 91, 1305

 

 

[5]   Einzelheiten im Vortrag von Erzpriester Ilya Limberger beim Orthodoxen Treffen im Dezember 2012, München, www.sobor.de

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