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Zur Geschichte der Wiederherstellung der Autokephalie der Bulgarischen Kirche im 19. Jahrhundert. Teil 1

18. Oktober 2013
Das Problem der Autokephalie von Landeskirchen ist eine der aktuellen zu diskutierenden Fragen, die auf interorthodoxen Treffen besprochen wird. In diesem Lichte ist es interessant und nützlich, sich mit der Wiederherstellung der Autokephalie der Bulgarischen Kirche im 19. Jahrhundert als einem prägenden Beispiel aus der Neuzeit vertraut zu machen.

Das Problem der Autokephalie von Landeskirchen ist eine der aktuellen zu diskutierenden Fragen, die auf interorthodoxen Treffen besprochen wird. Es kann gesagt werden, dass wir Zeugen einer sehr schweren Geburt dieses für alle Orthodoxen gültigen Herangehens an dieses Problem sind.[1] Noch ist es zu früh, von Einverständnis und Einigkeit in diesem Punkt zu sprechen. Nach wie vor wird die Autokephalie der Amerikanischen Kirche, gewährt durch die Russische Kirche, von vielen Landeskirchen nicht anerkannt. Andererseits rufen einige Handlungen des Ökumenischen Patriarchats Ratlosigkeit und Protest bei der Russischen Orthodoxen Kirche aus.

In diesem Lichte ist es interessant und nützlich, sich mit der Wiederherstellung der Autokephalie der Bulgarischen Kirche im 19. Jahrhundert als einem prägenden Beispiel aus der Neuzeit vertraut zu machen.

Die Taufe Bulgariens fand im Jahr 865 statt. Unmittelbar nach diesem Ereignis wandte sich der heilige Fürst Boris an Konstantinopel mit der Bitte, in Bulgarien ein Patriarchat errichten zu dürfen. Dies wurde ihm allerdings untersagt. Daraufhin wandte er sich an Rom, und nachdem er auch dort keinen Erfolg gehabt hatte, wiederum an Konstantinopel. Letztendlich wurde im Jahre 870 die Bulgarische Kirche gegründet, die als Autonome Kirche zur Jurisdiktion von Konstantinopel gehörte.

Im Laufe mehrere Jahrzehnte wurde Bulgarien im Ergebnis der Tätigkeit von Schülern der heiligen Erleuchter Kyrill und Method zu einem Zentrum slawischer Gelehrsamkeit.[2] Dies war von prinzipieller Bedeutung für die Festigung der inneren Autonomie der  Bulgarischen Kirche.

In der Bulgarischen Kirche wurde die Autokephalie mehrmals errichtet und wieder abgeschafft. Zum ersten Mal wurde das Patriarchentum im Jahre 927 etabliert, nachdem zwischen der Byzanz und der Bulgarischen Kirche ein Friedensvertrag geschlossen und Peter als bulgarischer Zar anerkannt worden war, denn das Patriarchentum geht einher mit dem Zarentum. Doch 1018 wurde Bulgarien vom Byzantinischen Reich erobert, was die Abschaffung des Bulgarischen Patriarchats zur Folge hatte. Nichtsdestoweniger blieb die Autokephalie bestehen, und die Bulgarische Kirche wurde fortan vom Erzbischof von Ochrid geleitet. Die Lage änderte sich 1187 nach einer erfolgreichen Erhebung gegen Byzanz mit der Gründung eines unabhängigen bulgarischen Staates mit Zentrum in Tarnowo. Dort wurden zuerst ein Bistum und dann ein Erzbistum errichtet, und 1235 wurde auch das Bulgarische Patriarchat in Tarnowo wiedererrichtet, das bis 1396 existierte.[3] Nachdem Bulgarien von den Osmanen erobert worden war, wurde die Bulgarische Kirche schnell Teil des Patriarchats von Konstantinopel. Damit wurde nicht nur das Patriarchentum abgeschafft, sondern auch die Autokephalie der Bulgarischen Kirche, die sie über viereinhalb Jahrhunderte innegehabt hatte.[4]  Das formal unabhängige Erzbistum von Ochrid bestand zunächst fort, wurde aber 1767 ebenfalls dem Ökumenischen Patriarchen untergeordnet.   

Der Zeitraum Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wird in Bulgarien normalerweise als Zeit der nationalen Wiedergeburt bezeichnet. Zu dieser Zeit nahm auch die Bewegung für die kirchliche Unabhängigkeit von Konstantinopel ihren Anfang.[5]

 

Prämissen zur Autokephalie. „Bulgarische Wiedergeburt“

Nach der Eroberung durch die Osmanen wurde Bulgarien nicht zufällig Teil des Patriarchats von Konstantinopel, sondern als Folge der besonderen Situation des Patriarchen von Konstantinopel und der griechischen Geistlichkeit im Osmanischen Reich.

„Der Patriarch, der nach wie vor über die dieser Würde zustehende Macht verfügte, wurde nun zum Millet -Baschi  – dem durch nichts beschränkten Zivilherrscher all seiner  Glaubensgenossen.“[6] Alle Christen im Osmanischen Reich wurden also dem Patriarchen von Konstantinopel unterordnet, der das Recht hatte, über sie in Zivilsachen und sogar Kriminalfällen zu richten sowie Kirchensteuer zu erheben. Der Patriarch und seine Bischöfe führten die Aufsicht über die orthodoxe Christen und die für sie zuständigen Polizeibehörden.[7]

Die Bulgaren und andere orthodoxe slawische Völker gerieten also unter ein doppeltes Joch: die andersgläubigen Osmanen und die griechische Kirchenleitung.

Im 18. Jahrhundert lag das nationale Bewusstsein darnieder. Die bulgarische Sprache wurde in den Städten kaum noch gesprochen, es gab weder bulgarische Bücher noch Schulen. Die ereignisreiche Geschichte des bulgarischen Volkes geriet in Vergessenheit.

Es ist bezeichnend, dass das historische Andenken vor allem in  kirchlichen Kreisen bewahrt wurde und es eben kirchliche Aktivisten waren, die jene gesellschaftliche Bewegung initiierten, welche später als „bulgarische Renaissance“ bezeichnet wurde.

Es ist bezeichnend, dass das historische Andenken eben in kirchlichen Kreisen bewahrt wurde, und es eben kirchliche Aktivisten waren, die die gesellschaftliche Bewegung initiierten, die später als „bulgarische Renaissance“ bezeichnet wurde.

Diese Renaissance ging zurück auf den heiligen Paisios von Hilandar (1722–1798; Gedenktag: 19. Juni / 2. Juli), einen Athos-Mönch aus Mazedonien. Er war der erste bulgarische Historiograph. 1762 vollendete er seine „Slawisch-Bulgarische Geschichte“, die er in bulgarischer Umgangssprache verfasst hatte. Hellsichtig wandte er sich an sein Volk: «О неразумный юроде! Защо се срамуваш да се наречеш българин и не четеш и не говориш на своя език? Или българите не са имали царство и господарство?»[8]

Patriarch Kyrill von Bulgarien sagte über Paisios, er „sprach die Probleme der Kirche und des Volkes an“. Er sprach von „ungerechter Gewalt“, welche die Bulgaren von den griechischen Herrschern erlitten. Doch zeigte er „keine Feindseligkeit gegenüber Griechen, sondern Betrübnis“ über die damalige Situation.[9]

In seinem Buch berichtete der Heilige Paisios über die historische Vergangenheit Bulgariens, zeigt die Größe des bulgarischen Volkes, seine hohe Kultur und seine frommen Traditionen. „Aber du, o Unvernünftiger, warum schämst du dich für dein Volk und versuchst eine Fremdsprache zu sprechen? Würde etwa ein Grieche seine Sprache und seine Lehre und sein Volk wie du, Verrückter, vergessen? Nichts nutzen dir die griechische Weise und Politik. Du, Bulgare, täusche dich nicht; kenne dein Volk und deine Sprache, und studiere in deiner Sprache…“[10]

Die Worte des heiligen Mönches Paisios wurden von anderen bulgarischen Patrioten aufgegriffen. Man begann, seine Bücher in Bulgarisch zu veröffentlichen, und es entstanden bulgarische Schulen. Allerdings wurde die bulgarische Renaissance durch die griechische Renaissance gehindert.

In der zweiten Hälfte des 18. und dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es eine Reihe von russisch-türkischen Kriegen, aus denen Russland jeweils siegreich hervorging. So gewann Russland umfangreiche Territorien an der Schwarzmeerküste, darunter die Krim. Die russischen Zaren erhielten schließlich das Patronat über alle in der Türkei lebenden Christen. er Erfolg der russischen orthodoxen Armee inspirierte die versklavten christlichen Völker der Balkan-Halbinsel zu Aufständen und zum Kampf.

Griechenland hatte in diesem Kampf Erfolg und wurde 1830 ein unabhängiger Staat. Die Ideen des Hellenismus und die sogenannte „große griechische Idee“ begeisterten damals viele Menschen, darunter auch Bischöfe. Die Entwicklung des Panhellenismus wurde stark vom sogenannten „griechischen Projekt“ der Zarin Katharina der Großen beeinflusst, das die Wiedererrichtung des Byzantinischen Reiches vorsah.[11] Dieses Projekt zielte auf die vollständige Zurückdrängung der Osmanen in Europa und sah als Erbfolger allein die Griechen an, da das Byzantinische Reich als griechisch angesehen wurde. Doch führten die Erfolge und Pläne der Griechen zu einer rasanten und erzwungenen Hellenisierung, vor allem, da, wie bereits erwähnt, griechische Hierarchen im Osmanischen Reich viele Privilegien genossen.

„Nachdem Griechenland im Jahre 1830 als erstes Land auf dem Balkan den Status eines unabhängigen Staates errungen hatte und sich mit dem Recht des Schnelleren (und Stärkeren) beeilte, seine Großmachtanspüche durchzusetzen, erkannten die Bulgaren die ernsthafte Gefahr der Hellenisierung “, heißt es in einer modernen Publikation über dieses Thema.[12]

1830 sehen viele bulgarische Forscher als Beginn des Kampfes um die Bulgarische Kirche. Dieser Kampf scheint großen Schwung gehabt zu haben, obwohl er anfangs vor allem von der gebildeten Minderheit getragen wurde. Der bulgarische Wissenschaftler Petkow schreibt, die „Materialisten“ seien nicht nur von einer negativen Einstellung gegenüber dem griechischen Patriarchat von Konstantinopel, sondern auch, in gewissem Umfang, von antireligiöser und antikirchlicher Stimmungen geprägt gewesen.[13]  Das äußerte sich in einer breiten publizistischen Kampagne, derer Zentralthese ein faktisch doppeldeutiges Postulat war: “Wir kämpfen für die Kirche“, sagten die Urheber dieser Kampagne, deren Hauptstoßrichtung politisch und auf die nationale Einheit ausgerichtet war, „aber ihre spirituellen Funktionen halten wir für einen Anachronismus.“

Als die bulgarische Bevölkerung Teil des Osmanischen Reiches war, gab es außer der Kirche keine anderen Strukturen mit administrativen Funktionen, welche das bulgarische Volk gegenüber den türkischen Behörden hätten repräsentieren können; so war die Kirche eben die Institution, die man als traditionelle und einigenden Kraft nutzen wollte, da sie das einzige war, woran man sich anlehnen konnte.

„In dieser Frage wird die zynische Berechnung des sich als intellektuell verstehenden Publikum ersichtlich“, schließt Grischina, „die darauf abzielte, die Kirche vor allem zu politischen Zwecken zu nutzen  - also zur langfristigen Vereinigung des Volkes, zur Schaffung der Grundlage für eine politische Gesellschaft.“[14]

Das weitere Schicksal der Kirche selbst als Einrichtung der Seelsorge für die Orthodoxen interessierte die jungen Politiker kaum.

Es ist nicht erstaunlich, dass es im Zeitraum von 1830 bis 1870 massive Propaganda der Massenmedien gegen griechische Geistliche gab. Dabei taten sich Georgi Rakowski, Dragan Zankow, Petko Slawejkow und andere junge Schriftsteller und Publizisten hervor. „Zur Aufwiegelung des Volkes (oder auch aus fehlender Kultur trotz des Rufes eines Schriftstellers oder eines Mannes der Feder) schreckten sie nicht vor groben Worten und destruktiven Obszönitäten zurück.“[15]

„Gedruckte Schmähschriften, Entlarvungen finsterer Tätigkeiten des griechischen Klerus, insbesondere von Erzbischöfen, Enthüllungen der schmutzigsten Seiten der Geistlichen, die höchstwahrscheinlich in vielerlei Hinsicht übertrieben waren, aber bei den Massen jedenfalls Hass und Verachtung erregten, tauchten haufenweise in bulgarischen Zeitungen auf, die auf Bulgarisch und Französisch veröffentlicht wurden.“[16]

Der Kampf um die kirchliche Unabhängigkeit begann mit der Forderung nach der Ersetzung des Griechischen als Gottesdienstsprache durch das Kirchenslawische, die seit der ersten Hälfte der 1820er Jahre erhoben wurde. In verschiedenen Orten gab es auch Versuche, griechische Geistliche durch bulgarische Geistliche zu ersetzten.

Allmählich gingen die Bulgaren von spontanen Auftritten, die durch zufällige Ereignisse initiiert wurden, zu erwogenen und organisierten Aktionen über, die langfristig positive Ergebnisse versprachen. Es wurden Fürbitten an den Patriarchen von Konstantinopel und den Sultan –später auch an den russischen Botschafter verfasst und  eingebracht. Ein ehemaliger Mitarbeiter der russischen Botschaft in Konstantinopel namens Teplow berichtete, dass die Bulgaren 1853 zum ersten Mal eine Fürbitte an den russischen Außerordentlichen Botschafter Fürst Menschikow richteten, in der sie Gottesdienste in ihrer Muttersprache und Beistand gegen die Unterdrückung durch die griechischen Bischöfe forderten.[17]

Dabei hielt Teplow das Ökumenische Patriarchat, das es nicht vermochte, durch rechtzeitige Zugeständnisse schlimmere Konsequenzen zu  verhindern, für den  Hauptschuldigen der schnellen Eskalation des griechisch-bulgarischen Konfliktes.

Die Hohe Pforte, die bis dahin die Position Konstantinopels unterstützt hatte, änderte in den 1850er Jahren ihr Vorgehen und die Richtung ihrer Politik in kirchlichen Angelegenheiten der Ostkirchen.[18]

Im Ergebnis des erfolglosen Krimkrieges verlor Russland sowohl seine Autorität im Osten als auch seinen Einfluss auf die Politik des Osmanischen Reiches. Diesen Einfluss übten nun westliche Staaten aus – England und Frankreich. Am 18. Februar 1856 wurde auf Drängen der westlichen Staaten das sogenannte hatti humayun verabschiedet, nach dem Christen in ihren Rechten Muslimen gleichgestellt wurden. Entsprechend diesem Dokument wurden Christen verschiedener Konfessionen, die innerhalb der Türkei wohnten, eingeladen, innerhalb einer gegebenen Frist Sonderausschüsse bzw. -gremien einzurichten, um mit Wissen der Hohen Pforte und  unter ihrer Beobachtung „die ihnen zu verschiedenen Zeiten verliehenen Privilegien zu prüfen und sie in Einklang mit dem Fortschritt und dem Geist der Zeit zu bringen.“[19] Dieses hatti humayunund die ihm entsprechenden, im November 1857 veröffentlichten Regeln über die Einrichtung und Pflichten kirchlicher Volksversammlungen riefen starke Proteste hervor, erzeugten große Verwirrung in den Köpfen und bildeten den Auftakt zu großen Missverhältnissen im Patriarchat von Konstantinopel.

Die entschlossene Haltung der Bulgaren, die die Gründung eines eigenen nationalen Episkopates erreichten und bald offen die Errichtung einer vollkommen eigenständigen Bulgarischen Kirche anstrebten, wurde durch die Transformationen und Wirren in der Patriarchie von Konstantinopel begünstigt, die durch das von der türkischen Regierung erlassene hatti humayunausgelöst worden waren.  Die Bulgaren begannen, die den Christen im hatti humayun verliehenen Rechte  wahrzunehmen und damit ihre Stimme immer mutiger zu erheben.[20]

Bei Markowa heißt es: „nach dem Krimkrieg erfasste der Kampf um die kirchliche Unabhängigkeit buchstäblich das ganze Volk, auch die bulgarische Bevölkerung in den Territorien Mysien, Thrakien und Mazedonien sowie im Exil. Besonders engagierten Aktivisten waren die bulgarische Emigranten in Russland und Rumänien sowie die bulgarische Kolonie in Konstantinopel.“[21]

Eben dieser bulgarischen Kolonie in Konstantinopel war es vergönnt, bei der Wiedergeburt der Autokephalie der Bulgarischen Kirche eine Sonderrolle zu spielen. Nach dem Ende des Krimkrieges wurde sie das eigentlich leitende Zentrum der legalen nationalen Befreiung.

In den Jahren des Patriarchentums von Kyrill VII. von Konstantinopel (1855–1860) wurden mehrere Bischöfe bulgarischer Herkunft geweiht, darunter so bekannte Aktivisten wie Ilarion (Stojanow), der 1850 mit dem Titel „Bischof von Makariopolis“ Oberhaupt der bulgarischen Gemeinde Konstantinopels wurde. Im Jahre 1859 wurde in Konstantinopel ein bulgarisches Gotteshaus zu Ehren des hl. Zaren Stefan angelegt.

Doch waren alle Zugeständnisse an die Bulgaren seitens der Patriarchie verspätet und litten an Halbherzigkeit. Zum Beispiel wurden der bulgarischen Kirche zu Ehren des hl. Stefan in Konstantinopel nicht einmal die Rechte einer Gemeindekirche verliehen, und es wurde verboten, ohne Sondergenehmigung darin Kasualien zu verrichten.

Diese und viele andere vergleichbare Vorfälle führten zu zunehmender gegenseitiger Entfremdung zwischen Bulgaren und Griechen. Die Lage ähnelte einer Sackgasse, da keine der Parteien in ihren  Forderungen nachgeben wollte. Mehr noch: beide Parteien hatten in ihren Ansprüchen gewissermaßen Recht.

Auch in der russischen Gesellschaft gabt es zu dieser Frage Meinungsverschiedenheiten.

Von Juni 1858 bis August 1860 diente Archimandrit Peter (Troizkij) als Vorsteher der Botschaftskirche in Konstantinopel. Vater Peter, der sich an die kirchlich-kanonische Sichtweise hielt, „hatte hinsichtlich der bulgarischen Ansprüche  eher Sympathien für die griechische Hierarchie, während der Gesandte und andere Mitglieder der russischen Botschaft und der Mission in Konstantinopel hingegen auf Seiten der Bulgaren waren und sie in ihrem Kampf gegen die griechische Hierarchie begünstigten.“[22]

In seinen Briefen aus Konstantinopel nach St. Petersburg versuchte Archimandrit Peter seine Sichtweise zu begründen. So schrieb er in seinem Brief vom 8. November 1858 an den Oberprokurator desHeiligsten Synods, Graf Tolstoj:

„1. Ganz Bulgarien, mit Ausnahme von vielleicht fünf bis höchstens sieben von 50 Diözesen in Mazedonien, liest und hört das Wort Gottes – und dabei nicht heimlich – in der kirchenslawischen Sprache, die ihnen verwandt ist. Woher kommt denn der Gedanke, dass Griechischen Bulgaren daran hindern dürften, den Gottesdienst in einer slawischen Sprache zu verrichten?

2. In ganz Bulgarien, mit wenigen Ausnahmen in den Städten und einigen Orten (…), werden die Priester nach wie vor aus dem umwohnenden Volk selbst gewählt, und zwar durch das Volk selbst, also durch seine Ephoren. Der örtliche Bischof bestätigt lediglich die Wahl eines der beiden ihm üblicherweise vorgestellten Bischofskandidaten. 

3. Früher wurden die würdigsten Bulgaren auf die höchsten hierarchischen Stufen erhoben (…), und ganz zweifellos könnten sie auch jetzt erhoben werden.“

Im Juni 1859 schrieb er an Graf Tolstoj wie folgt:

„All diese Forderungen haben ich damals (im Herbst vorigen Jahres) Seiner Heiligkeit und den vernünftigsten Mitgliedern des Heiligsten Synods möglichst genau erklärt. Als aber der heilige Patriarch und Mitglieder des Heiligsten Synods versprachen, (…) sie zu bewilligen und von mir Anweisungen erbaten, wandte ich mich, nachdem ich den Bulgaren diesen unausbleiblichen Wunsch der Obrigkeit verkündet hatte, an sie, um Beweise für ihre Unterdrückung zu erhalten, und erst dann erfuhr ich, dass ich von ihnen verraten worden war. Keiner der Bulgaren konnte mir irgendetwas beweisen, oder wenigstens mich darauf hinweisen, wo so etwas wie Unterdrückung stattgefunden haben sollte“[23] „Ganz sicher sehe ich in der  Gegenwart keinerlei Erniedrigungen der bulgarischen Nationalität“, schreibt er in einem anderen Brief.[24]

Gegen Archimandrit Peter (Troizkij) opponierte Metropolit Philaret (Drozdow) von Moskau:

„Mir fiel die bittere Arbeit zu, auf dunkle Wolken im Orient hinzuweisen, wo Vater Peter nur das helle Licht sehen will.“[25] „Nachdem er von den Bulgaren Nachweise verlangt hatte, sagte Vater Peter: ‚Keiner wies mich darauf hin, wo so etwas ähnliches stattgefunden hatte.‘ Wem ähnlich? Wovon sprechen Sie? Und etwas nicht nachzuweisen bedeutet noch nicht, zu betrügen. Es ist nicht immer möglich,  bedrückende und erniedrigende Handlungen nach außen hin zu dokumentieren. Mir wurde folgender Fall erzählt: in einer Stadt bat ein reicher Bulgare den griechischen Bischof um die Genehmigung, ein Schulhaus zu bauen, erhielt aber keine. Er wandte sich an die türkische Regierung der Stadt, erbat die Erlaubnis zum Bau eines neuen Hauses, lud den Bischof zu Einweihung ein, und nachdem der Bischof in einem Zimmer die Einweihungsgebete verrichtet hatte, öffnete der Wirt auch die anderen Zimmer, in denen sich die Schulutensilien befanden. Würden Bulgaren diesen Fall als Beweis anführen, dass die Geistlichen sie daran hindern, Schulen einzurichten, würde der Bischof entgegnen: ‚Das stimmt nicht - ich war doch bei der Einweihung der Schule dabei.‘

Aber der Beweis dafür, dass die Bulgaren erniedrigt werden, ist offensichtlich: so wurde in Konstantinopel eine bulgarische Kirche mit einem Bischof als Vorsteher errichtet, doch wurden ihr nicht die Rechte einer Gemeindekirche zugestanden; und weil darin irgendwelche Kasualien verrichtet wurden, wurden in dieser Kirche Gottesdienste verboten, und zwar nicht durch den Patriarchen, sondern von seinem Synkellos.“[26]

Die Unzufriedenheit mit den Griechen wuchs, und es wuchsen auch das Streben nach kirchlicher Unabhängigkeit sowie die Forderungen an die Patriarchie von Konstantinopel seitens der Bulgaren. Auf dem Landeskonzil vom 1858 wurden die Anforderungen der Bulgaren erneut abgelehnt. Zur selben Zeit fand die bulgarische nationale Erhebung statt.

Die Bulgaren, besonders die im Zentrum, in Konstantinopel, gerieten in außergewöhnliche Begeisterung, die sicherlich auf dem Streben nach nationaler Wiedergeburt beruhte. Das kirchliche Problem war in aller Munde– nicht nur bei den Männern, sondern auch bei Frauen, sogar Mädchen und beinahe Kindern. Das war, wie ein bulgarischer Zeitgenosse, der diese Lage selbst erlebte,  tatsächlich eine „Manie“, ein massenhafter Wahn.[27]

Im Grunde genommen, überschritten die Bulgaren ihren Rubikon im Jahre 1860, als Bischof Ilarion von Makariopolis in der bulgarischen Kirche von Konstantinopel beim Ostergottesdienst auf Wunsch des versammelten Volkes des Patriarchen von Konstantinopel nicht gedachte. Diese Aktion der Gemeinde zu Konstantinopel wurde von der Mehrheit der Bulgaren begrüßt und gutgeheißen. „33 Städte und Orte schickten an Ilarion Dankesbriefe, wodurch sie bekundeten, dass sie sich den von ihm ergriffenen Maßnahmen anschließen und sich weigern würden, des Patriarchen während des Gottesdienstes zu gedenken.“[28]

Im Lichte des hier erörterten Themas der kirchlichen Autokephalie ist dies ein wesentliches und beachtenswertes Moment. Die Einmütigkeit zwischen bulgarischem Volk, Klerus und Episkopat im Streben nach kirchlicher Unabhängigkeit war dort vorhanden. Sicherlich kann solche Einmütigkeit, aus kanonischer Sichtweise, als Anlass dienen, die Autokephalie zu fordern; doch kann sie nicht als hinreichende Basis zur Verkündung der Autokephalie betrachtet werden, wenn Einstimmung und Segnung der Mutterkirche nicht vorliegen.

Nach diesen Ereignissen folgten Jahrzehnte des bulgarischen Schismas, die es eventuell nicht gegeben hätte, wenn die Patriarchie von Konstantinopel damals auf die Meinung der Russischen Kirche gehört hätte, die Metropolit Philaret (Drozdow) von Moskau äußerte:

„Aus der Ferne fällt es schwer, genau zu sehen, aus welchen Elementen unsere Kraft besteht, was möglich und was notwendig ist. Wäre Bulgarien das Recht auf einen eigenen  Metropoliten zugestanden worden,, mit dem Recht, seinen Bezirk zu verwalten und darin Bischöfe zu ordinieren, wobei dieser Metropolit, nach der Wahl durch die Bischöfe, durch den Ökumenischen Patriarchen geweiht worden wäre, so dass er auf Konzilen der Orthodoxen Kirche wie alle Patriarchen teilnehmen dürfte und damit für seinen Bezirk auch das heilige Myron vom  Ökumenischen Patriarchen erhalten hätte, so wäre unter diesen Bedingungen der kirchliche Friede wiederhergestellt worden, und eine derartige Trennung wäre ein Ausweg ohne Bruch gewesen, der mit den alten Regeln und heutigen Notwendigkeiten und Nutzen übereingestimmt hätte.“[29]

Doch reagierte Konstantinopel mit harten repressiven Maßnahmen: den bulgarischen Bischöfen wurden Kirchenstrafen auferlegt.

Es ist noch zu erwähnen, dass nach dem Krimkrieg die katholische und die protestantische Mission aktiv wurden, eine Folge des stärker gewordenen Einflusses der westlichen Staaten in der Türkei. Auf Betreiben der Katholiken gründete sich eine bulgarische Partei, die einen Appell an den Papst für das beste Mittel zur Überwindung der für ihr Volk schädlichen Jurisdiktion des griechischen Patriarchen hielt. Am 18. Dezember 1860 wurde von einer bulgarischen Splittergruppe in Konstantinopel versucht, im Namen des ganzen Volkes die Union zu verkünden. Darunter waren Archimandriten, Priester und Diakone. Sie ordinierten einen Sondererzbischof, der von der türkischen Regierung anerkannt wurde.[30] Doch diese Union wurde vom bulgarischen Volk nicht akzeptiert.

(Abschluss folgt)

 

Quelle: http://www.pravoslavie.ru/orthodoxchurches/41628.htm


[1]Am 16. Dezember 2009 endete die Tagung der Interorthodoxen Vorbereitungskommission in Chambésy (Schweiz). Die Tagungsteilnehmer hatten Dokumente entworfen, welche die Verleihung der Autokephalie und der Autonomie an Orthodoxe Kirchen regeln. S.: http://www.patriarchia.ru/db/text/966088.html

[2]S.: Флоря Б.Н., Турилов Б.Б., Иванов С.А. Судь­бы кирилло-мефодиевской традиции после Кирилла и Мефодия. СПб., 2000.

[3]S.: Събев Т. Самостойна на­родностна Църква в средновековна България. София, 1987.

[4]Трифонов Ю.  Унищожаването на Търновската Патриаршия и заменяването и с автономно митрополитство-архиепископство // Сборник за народни умотворения, наука и книжнина. 1906–1907. Т. 22–23. С. 1–40.

[5]Православная энциклопедия. Т.5. М., 2002. С. 621–642.

[6]Курганов Ф. Исторический очерк греко-болгарской распри // Православный собеседник. 1873. № 1.С. 30.

[7]Соколов И.И. Константинопольская Церковь в XIX веке // История Православной Церкви в XIX веке. Православный Восток [Репринт. История Христианской Церкви в XIX веке Издание А.П. Лопухина. Том 2. Бесплатное приложение к журналу «Странник» за 1901 г.]. М., 1998. С. 4.

[8][In deutscher Übersetzung: „O du unverständiger dummer Narr! Warum schändest du dich, indem du dich ‚Bulgare‘ nennst, doch deine Sprache weder sprichst noch schreibst? Hatten die Bulgaren denn nicht einst ein großes und herrliches Reich?" Кирил, Патриарх Български. Българскато население в Македония в борбата за създаване на экзархията. София, 1971. С. 7.

[9]Паисий Хилендарски. Слаянобългарска история. София, 1963. С. 104–105. Цит. по: Лилуашвили К.С. Национально-освободительная борьба болгарского народа против фанариотского ига и Россия. Тбилиси, 1978. С. 24–25.

[10]Паисий Хилендарски. Слаянобългарска история. София, 1963. С. 104–105. Zit. nach: Лилуашвили К.С. Национально-освободительная борьба болгарского народа против фанариотского ига и Россия. Тбилиси, 1978. С. 24–25.

[11]Верюжский В., протоиерей. Происхождение греко-болгарского церковного вопроса и болгарской схизмы // Журнал Московской Патриархии. 1948. № 11. С. 53.

[12]Гришина Р.П.  Феномен Болгарской Православной Церкви (1870–1940) // Человек на Балканах: социокультурные измерения процесса модернизации на Балканах. СПб., 2007. С. 226.

[13]Петков П. Православная Церковь и государственная власть в княжестве Болгария. 1878–1896 // Bulgarian Historical Review. Sofia, 2000. № 3–4. P. 73. Цит. по: Гришина Р.П.Феномен Болгарской Православной Церкви. С. 226.

[14]Diese Schlussfolgerungen bestätigt auch Markowa . S.: Маркова 3.Българското църковно-национално движение до Кримската война. София, 1976. С. 193.

[15]Гришина Р.П. Феномен Болгарской Православной Церкви. С. 226–227.

[16]Курганов Ф.  Исторический очерк греко-болгарской распри // Православный собеседник. 1873. № 2. С. 189.

[17]Теплов В. Греко-болгарский церковный вопрос по неизданным источникам. СПб., 1889. С. 35.

[18]М-в П.А.  Болгарский раскол // Русский вестник. 1889. № 10. С. 162.

[19]Ebenda. S. 161.

[20]Курганов Ф.  Исторический очерк греко-болгарской распри // Православный собеседник. 1873. № 2. С. 189.

[21]Маркова 3. Българското църковно-национално движение до Кримската война. С. 195–196.

[22]П[етров] Н.  Взгляд очевидца на греко-болгарскую распрю // Исторический вестник. 1886. Август. Т. 7. С. 275.

[23]Ebenda, S. 280–281.

[24]Ebenda, S. 282.

[25]Собрание мнений и отзывов Филарета, митрополита Московского и Коломенского, по делам Православной Церкви на Востоке. СПб., 1886. С. 185.

[26]Ebenda, S. 191–192.

[27]Верюжский В., протоиерей. Происхождение греко-болгарского церковного вопроса и болгарской схизмы // Журнал Московской Патриархии. 1948. № 12. С. 41.

[28]Теплов В. Греко-болгарский церковный вопрос по неизданным источникам. С. 167.

[29]Собрание мнений и отзывов Филарета, митрополита Московского и Коломенского, по делам Православной Церкви на Востоке. С. 199–200.

[30]Стоянов-Бурмов Ф. Греко-болгарская распря в шестидесятых годах // Вестник Европы. 1888. Т. 5. Сентябрь. С. 59.

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