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Erzpriester Maxim Kozlow: „Vor der Diskussionsfreiheit braucht man keine Angst zu haben"

16. Dezember 2008
In einem Interview mit der Zeitung „Orthodox Russia" (Jordanville, USA) erzählte Erzpriester Maxim Kozlow, Professor der Moskauer Geistlichen Akademie, von der Vorbereitung der Kleriker in geistlichen Schulen der Russischen Kirche und von der Erfahrung der Arbeit mit der Jugend in der Gemeinde der heiligen Märtyrerin Tatiana an der Moskauer Staatsuniversität, deren Vorsteher er ist.

Erzpriester Maxim KozlowMaria Psarjoewa: Inwiefern entsprechen die Absolventen der geistlichen Schulen dem tatsächlichen Bedarf der Gemeinden?

 Es ist unmöglich, das kanonische Alter der Priesterweihe (30 J.) einzuhalten. Es mangelt an Priestern, insbesondere wenn wir uns von Moskau entfernen, das Ural-Gebirge überqueren oder uns in den Diözesen Wologda, Kostroma oder Archangelsk befinden. Natürlich benötigen die neu eröffneten Gotteshäuser eine große Anzahl neuer Geistlicher. Anfang der 1990er Jahre gab es einen großen Zustrom in die Kirche und die geistlichen Schulen, als die Leute in die Seminare gingen und zu Priestern geweiht wurden, die wegen der Lebensbedingungen in der Sowjetunion diese Möglichkeit nicht gehabt hatten, denn damals wurde es Menschen mit höherer Ausbildung erheblich erschwert, sich ins Seminar einzuschreiben.

Seit Ende der 1970er Jahre wurde es etwas leichter, obwohl es immer noch äußerst schwierig blieb. Es gab Einschränkungen für Militärangehörige und für Lehrer. Und so haben uns diese Menschen, darunter auch viele, die nicht mehr zu den Jüngsten gehörten, die Generation der Studierenden der Geistlichen Schulen der ersten Hälfte der 1990er geliefert. Als Lehrer erinnere ich mich an diese Zeit als an die erfreulichste: das war die Zeit der Hoffnungen, die Zeit der Einmütigkeit. Tatsächlich gingen damals sehr ernsthafte Menschen in die geistlichen Schulen. Danach ergab es sich, dass diese Generation der Bewerber sich erschöpfte, da alle aus der älteren Generation, die sich einschreiben lassen wollten, bereits ausstudiert hatten. Heutzutage gehen vor allem junge Menschen auf die geistlichen Seminare, die gerade den Schulabschluss, den Militärdienst oder eine säkulare Ausbildung hinter sich haben. Das sind meistens Menschen, die schon in der postsowjetischen Gesellschaft aufgewachsen sind, also Absolventen der modernen russischen Schulen.

Sicherlich ist das jeweilige Niveau sehr unterschiedlich, so wie auch das Niveau unserer Seminare. Es gibt solche, die durchaus Hochschulen im vollen Sinne dieses Wortes genannt zu werden verdienen. Das sind die geistlichen Schulen in Moskau und St.Petersburg. Unter den provinziellen möchte ich die Seminare zu Smolensk, Tobolsk, Tomsk, Saratov und Stawropol nennen.

Es ist gut, wenn sie, sagen wir, jährlich je 40 Absolventen haben. Die provinziellen Seminare haben etwa zehn bis 15 Absolventen, und das Moskauer Seminar absolvieren  80 bis 90 Studenten pro Jahr. Nicht alle werden vor der Graduierung oder sofort danach geweiht.  Die Anzahl der Gemeinden wächst, aber der ältere Klerus wird alt und stirbt aus. In dieser Hinsicht gibt es einen „physikalischen" Bedarf. In den großen Städten benötigen Gemeinden in der Regel mehr als einen oder zwei Kleriker.

Selbst das junge Alter unseres Klerus macht mir keine Angst. Es ist aber schlecht, wenn ein Absolvent, der noch keine Erfahrung im Dienst an der Gemeinde und gemeinsam mit älteren Klerikern hat, nach einem kurzen Praktikum im Dom des Erzbistums in eine Kleinstadt oder ein Dorf zum eigenständigen Dienst geschickt wird. In dieser Situation muss er sich selbst „freischwimmen". Und ohne Lebenserfahrung wird es für so einen jungen Mann, der noch keine 30 ist, sehr schwer. Auf jeden Fall ist das  aber besser, als solche zum Priester zu weihen (was auch vorkommt), die keine regelmäßige geistliche Ausbildung erhalten haben und sie erst hinterher durch das Fernstudium bekommen.

Immerhin sind fünf auf der Seminarbank verbrachte Jahre eine ziemlich starke Ertüchtigung, sowohl hinsichtlich der Fertigkeiten des kirchlichen Lebens selbst als auch im Alltag. Dabei kommt es zur Herausbildung eines Systems nüchterner theologischer Sichtweisen. Die Absolventen der geistlichen Direktschule zeigen sich weithin als Träger der gesamtkirchlichen Überlieferung anstatt eigenwilliger persönlicher Meinungen. Auch bildet sich unter den Seminaristen eine Bruderschaft aus. Wenn ein Mensch nur innerhalb seiner Gemeinde aufgewachsen ist und nur seinen eigenen Priester gekannt hat, bevor er empfohlen und  geweiht wurde, dann ist seine Sichtweite eingeengt, und sein  Verständnis der Universalkirche begnügt sich mit der Kenntnis von zwei bis drei benachbarten Gemeinden.

 

М. P.: Wie gestaltet sich die Arbeit mit den einzelnen Studierenden? Gibt es eine Freiheit der theologischen Diskussion?

Erzp. М.: Hier werde ich die Situation in den geistlichen Schulen in Moskau schildern. Ich würde nicht sagen, dass es in unserer Zeit ein strenges Diktat hinsichtlich irgendwelcher Anschauungen gibt, die über die Grenzen dessen hinausgehen, was in unserer Glaubenslehre allgemeinverbindlich ist. Sicherlich kann an unserem Seminar kein Antitrinitarier studieren, aber schon im Bereich der Ekklesiologie können selbst wir Lehrer verschiedene Sichtweisen haben - beispielsweise im Bezug auf die Heterodoxen.

Eine ziemlich intensive Diskussion findet im Bereich der Soteriologie statt. Kürzlich ist die langjährige Diskussion über die Zulässigkeit der Anwendung des Begriffes „Transsubstantiation" im Bezug auf das orthodoxe Verständnis der Eucharistie zum Abschluss gekommen (durch einen Beschluss des Synodalen theologischen Ausschusses). Bei dieser Frage traten unterschiedliche Sichtweisen auf. Ich würde nicht sagen, dass es bei uns die Forderung nach absolutem Einverständnis mit dem Lehrer gibt, oder eine offizielle theologische oder kirchenhistorische Linie, der ein Student folgen müsste.

Auch im Bezug auf die Kirchengeschichte gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Vater Wladislaw Tsypin[1] und Vater Georgij Mitrofanow[2] haben z.B. deutlich unterschiedliche Betrachtungsweisen. A.K. Swetozarskij[3] und, auf der anderen Seite, Vater Wladimir Vorobjow[4] und Vater Alexander Masyrin[5], haben ebenfalls unterschiedliche Verständnisweisen der Ereignisse der Kirchengeschichte. Grundsätzlich gibt es die Forderung, die eigene Stellung argumentativ zu verteidigen. Sicherlich, wenn mir ein Student in einem Aufsatz zur vergleichenden Theologie schreibt, dass der Ökumenismus „eine Häresie ist, ich will nichts davon wissen und werde die Frage nicht beantworten", werde ich ihm eine schlechte Note geben, da er sein Nichtwissen hinter seinem orthodoxen Eifer zu verbergen versucht. Aber wenn er in seinem Aufsatz argumentiert und mit Literaturangaben belegt, warum der Austritt aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen wünschenswert sei, wird dies die Note, die ich ihm geben werde, nicht beeinflussen. Und so geschieht es in den meisten Fächern, glaube ich.

Die persönlichen Eigenschaften der Lehrer sind schon wichtig; das ist aber auch in säkularen Hochschulen nicht anders. Wichtig ist die Persönlichkeit des Lehrers, und nicht die Gleichschaltung der Sichtweisen. Ich denke, dass die Freiheit innerhalb unserer geistlichen Schulen nun groß genug ist. Man kann sich das vom Lehrausschuss betriebene Internetportal http://www.bogoslov.ru/ anschauen, sowie auch dessen Forum, das den Vertretern der verschiedenen Sichtweisen ermöglicht, ihre Meinungen frei zu äußern.

 

М. P.: Welcher Aspekt der Erziehung der Jugend in der Gemeinde bedarf besonderer Aufmerksamkeit?

Erzp. М.: Die Jugendlichen sollten unbedingt in die lebhaften außergottesdienstlichen Aktivitäten einbezogen werden. Das kann auf verschiedenste Weise geschehen. Ich habe davon gehört, dass manche junge Menschen die Gemeinden deswegen verlassen, weil ihnen nicht wirklich klar ist, was sie außer Beten sonst tun könnten. Und obwohl Gottesdienste und Gebete die Grundlage von allem sein müssen, dürfen wir mit dem, was die sowjetische Regierung von uns wollte, nicht einverstanden sein - nämlich uns in der Kirche auf Gottesdienste beschränken. Ich will nicht sagen, dass es immer bestimmte soziale Tätigkeiten sein müssen, wie z.B. Obdachlosen- oder Waisenhilfe, obwohl dies natürlich auch sehr wichtig ist. Die reale Erfahrung ist, zu sehen, wem es schlecht geht, und für diese etwas zu tun - das ist ausschlaggebend.

Wir fahren, zum Beispiel, ins Kolytschewskij-Kloster in der Nähe von Jegorjewsk[6]. Dort leben vier Nonnen, und in drei Fünfteln des Gebäudes, das noch vor der Revolution erbaut wurde, befindet sich ein psychoneurologisches Internat mit etwa 600 Patienten. Wir bringen junge Menschen mit, damit sie erfahren, dass es sich da nicht um fürchterliche Psychopathen handelt, vor denen man nur weglaufen kann. Die erste Reaktion ist oft tatsächlich so, aber nach drei Tagen ändert sich die Einstellung. Wichtig ist, dass die jungen Leute verstehen, dass es um Hilfe für wirklich kranke Menschen geht. Man kann kommen und der kleinen Gemeinde helfen, bei der Liturgie mitsingen, Kinder- oder Seniorenheime besuchen. Für solche zweiwöchigen Sommerreisen gibt es bei uns einen Wettbewerb, denn wir sind nicht in der Lage, alle mitzunehmen, die mitfahren wollen. Wer mit möchte, bereitet sich darauf seit dem Herbst vor, studiert die Glaubenslehre und übt Gesang.

Eine andere Art von Missionarsreisen führt in entfernte Diözesen, wo es an Geistlichen mangelt. Wir waren zweimal in der Kostroma-Diözese und auch im Altaigebirge. 2008 waren wir in Jakutien, dort fahren sonst gar keine Geistlichen hin. Das ist sehr wichtig für unsere Gemeinde. Diejenigen, die diese Reisen unternommen haben, werden zu Stützen der Gemeinde,  sie versammeln andere junge Menschen um sich und werden die Haupthelfer für die Gemeinde.

Ein anderes lebhaft genutztes Angebot sind unsere Internetveröffentlichungen. Die Zeitung „Tatianin Den"[7]- veröffentlichen wir im elektronischen Format. Um diese Zeitung scharen sich viele Menschen, vor allem Studenten; zu 90 Prozent ist sie ihr Verdienst. Meine eigenen Funktionen sind  dabei nicht besonders kreativ. Dann gibt es noch die Kirchengesangschule, und so weiter. Wie auch immer es weitergehen soll: das Wichtigste ist, dass die jungen Menschen selbst etwas bewerkstelligen. Probleme beginnen, wenn den Jugendlichen etwas Fertiges vorgesetzt wird: hier habt ihr ein Sommerlager, hier habt ihr Konzerte, hier habt ihr eine Wallfahrtreise. Man muss für sie eine Beschäftigung finden, anstatt fertige Angebote bereitzustellen, dann wird es die Menschen anlocken und zusammenbringen. Die Jugend möchte Realität.  

Das Interview führte Maria Psarjowa

Der Text wird mit der gütigen Erlaubnis der Redaktion von „Orthodox Russia" veröffentlicht

 


[1] Erzpriester Wladislaw (Tsypin) (geb. 1958) - habilitierter Doktor für Kirchengeschichte, Magister der Theologie, Professor, Leiter der Abteilung für die kirchlich-praktischen Disziplinen an der Moskauer Geistlichen Akademie, namhafter Kirchenhistoriker und Spezialist für kirchliches Recht. Vorsitzender des Historisch-Rechtlichen Ausschusses und Mitglied des Synodalen Ausschusses für Heiligsprechung der Russischen Orthodoxen Kirche. (Anm.d.Ü.)

[2] Erzpriester Georgij (Mitrofanow) (geb. 1958) - Dr. Theol., Professor, Lehrer an der St.Petersburger Geistlichen Akademie, namhafter Kirchenhistoriker, Mitglied des Synodalen Ausschusses für Heiligsprechung der Russischen Orthodoxen Kirche. War Mitglied des Ausschusses zur Erarbeitung der sozialen Doktrin der Russischen Orthodoxen Kirche. Entschlossener Kritiker der kommunistischen Ideologie, der die Inkompatibilität des Kommunismus mit der christlichen Lehre behauptet. Begrüßt die Teilnahme von Christen am politischen Geschehen. Während er die Heiligsprechung des Zaren Nikolaus II. in den Chor der Leidendulder begrüßte, bewertete er dessen politische Leistungen ziemlich reserviert.  Ein anderer Schwerpunkt seiner historischen Forschung und seiner Bemühung um das Andenken der Verstorbenen ist die Russische Befreiungsarmee. (Anm.d.Ü.)

[3] Alexej Konstantinowitsch Swetozarskij (geb. 1958) - Professor, Leiter der Abteilung für Kirchengeschichte. (Anm.d.Ü.)

[4] Erzpriester Wladimir (Worobjow) (geb. 1941) - Gründer der Orthodoxen St.-Tichon-Universität für Geisteswissenschaften. Erarbeitete den staatlichen multikonfessionellen Standard für die Ausbildung im Fach „Theologie", der die Grundlage für die Eingliederung des Faches „Theologie" ins staatliche Ausbildungssystem bildet. Einer der Gründer der Studien zur Geschichte der Russisch-Orthodoxen Kirche im 20. Jh. und zur Heiligsprechung der Neumärtyrer. (Anm.d.Ü.)

[5] Priester Alexander (Masyrin) (geb. 1972) - Magister für Theologie, Doktor für Geschichtswissenschaft, Dozent und stellvertretender Leiter der Abteilung für Neueste Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche an der Orthodoxen St.-Tichon-Universität für Geisteswissenschaften. (Anm.d.Ü.)

[6] Jegorjewsk ist eine im 18 Jh. gegründete Stadt 100 km südöstlich von Moskau. (Anm.d.Ü.)

[7] Tatianin Den (russ.: „Tatiana-Tag"): Da die Hl. Märtyrerin Tatiana die Patronin der Studierenden ist, wird ihr Tag (25. Januar) als Studententag gefeiert. (Anm.d.Ü.)

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