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„Das Priestertum sollte kein Beruf sein", - sagt Protopresbyter Alexander Schmemann
Nicht Religion und Ideologie, sondern Glaube an Christus

11. Dezember 2008
Ein Vierteljahrhundert ist vergangen seit dem Tag des Heimgangs des Protopresbyters Alexander Schmemann, eines der bekanntesten orthodoxen Theologen des 20. Jahrhunderts († 13.12.1983). Was stellen seine Werke dar - eine „Anfechtung  der Grundprinzipien", eine Apotheose des „rosaroten Christentums"[1] oder eine nüchterne, wahrhaftige Bewertung des wirklichen Zustandes des religiös-gesellschaftlichen Lebens und des eigenen Weges als Seelenhirte? N.K. Gawrjuschin, Professor der Moskauer Geistlichen Akademie, versucht in seinem Artikel die inneren Motive des theologischen Gedankengebäudes Schmemanns zu erörtern und die durch diese hervorgerufenen Fragen zu beantworten.

„Die Theologen haben ihr Schicksal innerlich mit dem der Gelehrten verbunden,

obwohl es ihnen eher anstünde, mit Dichtern und der Kunst auf einem Wege zu gehen.

Daher ist die Theologie zu einer trockenen, akademischen Angelegenheit geworden,

die keiner braucht - weder innerhalb noch außerhalb der Kirche". 

Prot. A.Schmemann[2]

Protopresbyter Alexander Schmemann„Der historische Weg der Orthodoxie" von  А. Schmemann wurde den Russischen Lesern etwa ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen im Jahre 1954 zugänglich. Das mit einer Schreibmaschine auf Zigarettenpapier vervielfältigte Buch liegt auf einer Linie mit den „Wegen der Russischen Theologie"[3]. Zusammen mit Florowski und Zenkowsky[4] gehörte Schmemann zu den Vätern der 1970er Jahre Generation.

Das Essay von Vater Alexander führte ins innerste Wesen eines der wichtigsten Probleme, das er in seinem Tagebuch wie folgt formulierte: „Sicherlich sollte das Studium der Kirchengeschichte den Menschen vom Joch der Vergangenheit befreien, welches das orthodoxe Bewusstsein prägt. Das geschieht aber leider nur im Idealfall. Ich erinnere mich, wie langsam ich mich selbst von der Abgötterei gegenüber Byzanz, dem Alten Russland usw. befreit habe."[5]

Tatsächlich verstehen viele Gläubige, darunter auch Vertreter des Klerus, das Christentum häufig als eine gewisse Menge von Regeln, Normen und Riten, die einen Orthodoxen Christen des Griechischen Nomos ausmachen und die sie gern mit der heiligen Überlieferung gleichsetzen. Bei einem solchen nomistischen oder legalistischen Verständnis  wird das Äußere zwangsläufig wichtiger als das Innere. Etwas, was zu einem konkreten historischen Moment kreativer und lebensvoller Ausdruck des Geistes gewesen sein mag, wird durch fromme, aber noch nicht zur Erkenntnis der Wahrheit[6] gekommene Gläubige als Gesetz, als bindende Fessel wahrgenommen - denn über einen wahrhaft geistlichen Maßstab verfügen sie noch nicht, und ein solcher kann auch nicht von Hand zu Hand weitergereicht, sondern muss notwendigerweise erworben werden. „Das Himmelreich wird durch gewaltige Anstrengung erreicht..."[7]

Sicherlich hat „Der historische Weg der Orthodoxie" zur Tugend des Glaubensverständnisses angeregt - d.h. zu einem bewussten Weg der Erkenntnis der Wahrheit. Das Buch warnte auch vor Selbstzufriedenheit [im Zusammenhang] mit [einem Frömmigkeitsstil] der „gottseligen Genügsamkeit" [vgl.1 Tim 6,6]. Diese Speise war vielen zu bitter. Es darf ja nicht vergessen werden, wie nachhaltig und schwer der Kampf um den Historismus[8] in der russischen akademischen Theologie des 19. Jahrhunderts gewesen ist.

Für Vater Alexander selbst war dieses Buch eine Etappe in der kontinuierlichen Erfahrung des kirchlichen Dienstes und des geistlichen Wachstums, die sich in zahlreichen Werken und Tagebuchnotizen widerspiegelt. Obwohl diese Notizen vom Autor nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren, stellen sie die Hauptmotive der Schmemannschen Reflexionen besonders lebhaft und in wohltuender Offenheit dar.

 

* * *

Alexander Dmitrijewitsch Schmemann (1921-1983) wurde in Reval (Tallinn) in Estland geboren, wo er auch die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte. Von 1930 bis 1935 wurde er in Paris in einem Kadettenkorps unterrichtet (was er als „vielleicht die wichtigsten fünf Jahre meines ganzen Lebens"[9] beschrieb). Hier schien ihm ein konkretes Lebensziel auf, nämlich Russland „zu retten und wiederzubeleben". Wen hat diese Aufgabe in den letzten beiden Jahrhunderten nicht alles inspiriert...

Sein erster Lehrer war General W. W. Rimski-Korsakow (1859-1933), dem Schmemann bis zum Ende seines Lebens dankbar blieb. Im Oktober 1981 schrieb er in sein Tagebuch: „Er war es eben, der mir, einem elfjährigen Buben, indem er mich mit Gedichten hochpäppelte, nicht nur die Liebe zur Poesie (bzw. zur `Kultur´) einpflanzte, sondern auch, ohne es selber zu bemerken, eine „Sehnsucht nach Gott". Ich weiß genau, dass ich sie die ganze Zeit verrate und in mir unterdrücke; dennoch wurde sie mir gegeben und bleibt damit „gegeben".[10]

Nachdem Schmemann 1945 das Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge [in Paris] absolviert hatte, unterrichtete er dort Kirchengeschichte. 1946 wurde er zum Priester geweiht und ging 1951 mit Frau und drei Kindern nach New York: „Es gab einen ´Ruf´ von Florowski. Und eine erstickende Atmosphäre im Institut de Théologie ".[11] In New York leitete Schmemann das St. Vladimir's Orthodox Theological Seminary von 1962 bis zu seinem Lebensende. Bekanntlich gebührt ihm die wichtigste Rolle bei der Errichtung der Orthodoxen Kirche in Amerika.

Im Tagebuch Schmemanns wird Erzpriester G. Florowski als eine der wenigen Personen bezeichnet, mit denen zu kommunizieren „einen entscheidenden Impuls" für ihn darstellte.[12] Jedoch kam es 1955 zum Bruch zwischen diesen beiden Priestern und Theologen, wobei, so Schmemann, Florowski bis zum Ende unversöhnlich geblieben sei. Nach seiner Beerdigung schrieb Vater Alexander am 13. August 1979 in sein Tagebuch: „Ich weiß nur, dass er in meinem Leben eine große Rolle spielte - sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. All das ist aber ‚privat´ und ‚persönlich´. Und es wäre noch zu früh, über seinen Platz in der Geschichte der Orthodoxie zu sprechen und zu schreiben..."[13]

Dennoch hatte sich Schmemann bereits 1973 nach der Lektüre der Biographie von K.P.Pobedonoscev[14] wie folgt ausgesprochen: „Religion und religiöse Überzeugungen stehen dem Dämonismus so nah. Und es ist so leicht, mit der Religion alles Mögliche zu rechtfertigen. Die Selbstgerechtigkeit von Florowski, die Selbstgerechtigkeit von Pobedonoscev - all das ist die gleiche ‚Selbstgerechtigkeit´ von Menschen, die an sich selbst nie gezweifelt haben, die Selbstgerechtigkeit des Hochmuts, des Kleinsinns, der Angst".[15]

Das mag hart und einseitig klingen, ist aber eine bewusste Stellungnahme. Auch wenn Florowski über viele Gaben verfügte, sah Schmemann in ihm einen Ideologen. Und von der Inkompatibilität des wahren Glaubens mit irgendwelchen Ideologien war er zutiefst überzeugt.

„Als Religion (Sakralität) und ebenso als Ideologie verwest das Christentum", so lesen wir in seinem Tagebuch. Religion und Ideologie sind miteinander kompatibel. Das Christentum (als Glaube) ist mit keiner von beiden kompatibel. Religion und Ideologie versklaven. Nur der Glaube befreit. Religion und Ideologie sprechen von ‚Freiheit´. Der Glaube spricht von ‚Gehorsam´, aber Freiheit gibt es nur in ihm (Gehorsam gegenüber Gott ist die einzige Freiheit und Freiheitsquelle dieser Welt)".[16]

Hier zeigt sich einer der zentralen Aspekte des Schmemannschen Weltverständnisses: der Glaube war für ihn keine Religion und kein Kult, sondern Leben im Glauben an Christus; und jegliche Annäherung des Christentums an eine Ideologie, seine Auflösung in religiösem Kult, erweckte bei ihm aktiven Protest.

Die Manifestation der ideologischen Tendenzen war ebenso der Stolperstein für das Verhältnis zwischen Vater Alexander und A. Solschenizyn, den er ursprünglich fast angebetet hatte. „Für mich liegt das Böse", schrieb er in sein Tagebuch, „vor allem in der Ideologie selbst, in ihrem unvermeidlichen Reduktionismus und darin, dass sie jede andere Ideologie zwangsläufig mit dem Bösen gleichsetzt, und sich selbst mit dem Wohl und der Wahrheit, obwohl Wahrheit und Wohl immer ‚transzendent´ sind. Eine Ideologie ist immer eine Abgötterei, daher ist jede Ideologie das Böse und gebiert Bösewichter... Ich hatte früher Solschenizyn als eine Befreiung von der Ideologie wahrgenommen, die sowohl die russische Mentalität als auch die Welt vergiftete. Aber es kommt mir jetzt so vor, als ob er unaufhaltsam zur Kristallisierung seiner eigenen Ideologie tendiere."[17] Ein Jahr später bezeichnete Schmemann den Autor von „Archipel GULAG" schon als „Zwillingsbruder" Lenins.[18]

Der Kampf gegen die Ideologiebezogenheit ist selbst einer Art Ideologie, und so war es unvermeidlich, dass er in Widerspruch zu dem ihm im Kadettenkorps eingeprägten Lebensprogramm geriet. Indem er die Erfahrungen seiner Jugend analysierte, kam Schmemann zu dem Schluss, dass zwei Ebenen des Seins sich in seiner Seele schon damals gegnerisch gegenüberstanden. Diese zwei Erlebnisbereiche waren einerseits das Nationale, also das Irdische, und andererseits das Religiöse, das Transzendentale.

Seine erste eigenständige religiöse Erfahrung verband Schmemann mit dem Besuch einer katholischen Messe in Paris, wobei er das Gefühl hatte, als ob er für einen Augenblick in eine andere Welt aufgenommen gewesen sei:

„Das christliche Abendland ist für mich ein Teil meiner Kindheit und meiner Jugend, während der ich ‚ein Doppelleben´ führte. Einerseits war dieses Leben sehr profan und russisch, wie es bei Aussiedlern eben so ist. Andererseits war es geheim, verborgen, religiös. Manchmal denke ich, dass dieser Kontrast zwischen der lauten, marktschreierischen und proletarischen Rue Legendre und der immer gleichen, scheinbar unbeweglichen Messe (ein Lichtfleck in der dunklen Kirche) - ein Schritt, und man war in einer ganz anderen Welt - dass dieser innerliche Kontrast  eben das war, was meine ‚religiöse Erfahrung´, also diese Intuition, die mich eigentlich nie wieder verlassen hat, bestimmte. Diese Erfahrung sagte mir, dass zwei verschiedenartige Welten zusammen existieren, dass etwas komplett und absolut Anderes auf dieser Welt präsent ist, was aber letztendlich alles erleuchtet und worauf sich alles bezieht. Das ist eben die Kirche, also das Reich Gottes mitten‚ in uns[19]".[20]

Diese Intuition wird sich schließlich in seiner theologischen Hauptidee ausdrücken, die im Verständnis der Eucharistie unter eschatologischer Perspektive - also im Sinne einer Begegnung mit der anderen Welt - bestand.

Die andere Seite dieser ursprünglichen Intuition ist die andachtsvolle Einstellung zur konkret verwirklichten Realität und zu den Augenblicken des irdischen Seins sub specie aeternitatis, also als einer Gabe der Ewigkeit.

„Ein unglaublich starkes Gefühl des Lebens in seiner Leiblichkeit, Verwirklichung, Realität, der unwiederholbaren Einzigartigkeit jeder Minute und der Wechselverhältnisse von allem innerhalb der einzelnen Augenblicke. Dabei wurzelte dieses Interesse schon immer eben nur im Bezug des Ganzen auf das, was die stille Messe nicht nur verkündete oder woran sie erinnerte, sondern wovon sie selbst vielmehr die Präsenz, die Erscheinung, die Freude war (...) Das ist buchstäblich das Erleben der Welt und die Erfahrung des Lebens im Lichte des Reiches Gottes, welches durch alles aufscheint, was die Welt ausmacht: Farben, Geräusche, Bewegung, Zeit, Raum, also eben konkret und nicht abstrakt. (...) Daher stammt meine Liebe zu Paris, mein inneres Bedürfnis nach dieser Stadt. Es kommt daher, dass diese Erfahrung mir eben in Paris, in meiner Kindheit, gegeben und zu meinem Wesen wurde".[21]

Paris ist das Zuhause der Jugend Schmemanns, seiner ersten Schritte auf dem Wege seiner religiösen Einlebung in die Welt. Allmählich verallgemeinert er den Begriff des Zuhauses in seiner tiefen psychologischen Bedeutung. Ein Zuhause ist eine Art Gotteshaus, in dem einfaches, unbefangenes und unbedingt religiöses Leben beheimatet ist.

„Ich liebe mein Zuhause so sehr, dass es für mich, wenn ich verreise und woanders übernachte, so etwas wie sterben bedeutet, denn die Rückkehr scheint so unendlich weit weg zu sein. Die Tatsache, dass es auf der Welt ein Zuhause gibt - all diese unzähligen erleuchteten Fenster, hinter all denen irgendjemand ein ‚Zuhause´ hat - das hat mich schon immer mit heller Freude erfüllt. (...) Jedes Mal, wenn ich einen Mann oder eine Frau mit Einkäufen nach Hause gehen sehe, denke ich: also geht er oder sie nach Hause, ins eigene wahre Leben. Und dann fühle ich mich wohl, und diese Menschen werden mir irgendwie so nah (...) ‚Spießerglück’ ist ein Begriff, der von verschiedenartigen Aktivisten ausgedacht wurde, um Verachtung und Verurteilung auszudrücken. Das sind Menschen, denen im Grunde genommen das Gefühl der Tiefe des Lebens als solches fehlt; die denken, dass es vollständig in Taten und Angelegenheiten zu zergliedern wäre".[22]

Es sollte angemerkt werden, dass Schmemann nicht der erste war, der über die religiöse Bedeutung des „Spießerglücks" sprach. Er hatte Vorgänger, auch im russischen Mönchtum der vorrevolutionären Zeit. Ihnen waren das Zuhause bzw. die Familie ihre kleinen Kirchen, und das Gotteshaus sei eben das Haus Gottes, das Haus der Gemeinde, der eucharistische Raum.

Im Ideal ist die Kirche „ein Zuhause, aus dem man ‚zur Arbeit´ hinausgeht und wohin man freudig zurückkehrt, um zu Hause das Leben, das Glück und die Freude als solche zu finden; wo jeder die Früchte seiner Arbeit hinbringt, und wo alles sich in ein Fest, in Freiheit und Fülle verwandelt. Aber das Dasein und das Erleben dieses Zuhauses -  auch das außerzeitliche, unveränderliche, mit Ewigkeit erfüllte und nur die Ewigkeit darstellende - nur dieses Dasein kann allem im Leben den Sinn und den Wert geben, alles auf diese Erfahrung beziehen und damit quasi erfüllen".[23]

Eben das Erleben der Kirche als Zuhause und einer Art vita contemplativa[24] des besinnlichen Lebens wurden von Schmemann dem äußeren Aktivismus entgegengesetzt - dem Aktivismus als Ausgang von Zuhause, dem Verbleiben außerhalb seiner selbst und der Aktivität im weiteren Sinne.

„Kirchliche Tätigkeit", „Kirchenbediensteter", „gesellschaftlich Prominenter" - was das eigentlich für grobe Begriffe sind, die weder Licht noch Freude ausstrahlen".[25]

 

„Ich halte mich nicht für einen Philosophen"[26]

Schmemann hielt nie viel von spekulativen Ansichten.  Die großen Denker wie Spinoza, Kant und Hegel zählten nicht zu den Gesprächpartnern, mit denen er sich in seiner Vorstellung unterhalten konnte. Möglicherweise hätte ihm der bekannte Satz von Heidegger „die Sprache ist das Zuhause des Daseins" zusagen können, aber Schmemann hat sich mit dessen Werk nie beschäftigt. Er interessierte sich nicht für Philosophen als Persönlichkeiten, für die die Philosophie eine Form der Antwort auf die täglichen Belange des Lebens darstellte. Er gab zu, dass ihm „das Abstrakte schon immer relativ fremd war".[27]

Mit den Koryphäen der Weltphilosophie war Schmemann nur sporadisch bekannt, was dazu führte, dass er gelegentlich gewöhnliche und ziemlich triviale Bewertungen über diese reproduzierte. Nichtsdestoweniger konnte er dank seiner erstaunlichen Einsicht auch eigenständige Urteile über einzelne Idole der europäischen intellektuellen Schicht der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgeben. Unter anderem über J.-P. Sartre („was für ein Dünkel, was für ein Hass gegen Gott, was für eine erschreckende Blindheit in allem")[28], M. Foucault („etwas extrem Uncharismatisches, Unwohltuendes und daher Langweiliges, Bedrückendes")[29], M. Eliade („ein Hauch  einer Art metaphysischer Langeweile")[30] usw.

Die von Schmemann 1972 erstellte Übersicht über die russische Theologie (1920 bis1972)[31] ist beschreibend und nicht ganz eigenständig; sie enthält so gut wie keine Analyse, keine genauen Bewertungen und keine Vergleiche. In seinen Tagebüchern zeigt sich Schmemann lebhafter und aufrichtiger, obwohl er auch hier vor voreiligen Verallgemeinerungen nicht zurückschreckt.

So ist er z.B. nach einer tiefblickenden und psychologisch treffenden Bewertung der Werke des Vaters Sergius (Sergej) Bulgakow[32], die er als „launische Theologie" und „verkehrten Marxismus" bezeichnet, sofort bereit, seine Bewertung auf „fast alle ‚russischen religiösen Ideen´ auszubreiten - auf Berdjajew[33], auf Florenskij[34] und natürlich auf Rosanow[35]".[36]

Sicherlich gellen ihre falschen Tonarten einem manchmal in den Ohren. Die Angeberei, der esprit de la fronde[37], sogar die Hysterie, - die strapazieren tatsächlich die Nerven.  Aber solche Epithetone machen die Sache nicht aus...  Und diese Namen - auch nicht.

Was den eben genannten Rosanow betrifft, gestand Schmemann eines Tages, dass dieser ihn irgendwie „abstoße, aber häufig auch begeistere";[38] gelegentlich wolle er  ihn sogar „paraphrasieren".[39] Der eigene Tonfall Rosanows ist ja manchmal in den Tagebüchern Schmemanns wiederzufinden, aber Vater Alexander hat beim Autor der „Abgefallenen Blätter"[40] immer wieder das dunkle Antlitz[41] vor Augen - und so zieht er es vor, lieber die Unverblümtheit in den Offenbarungen des „lieben" französischen Atheisten Léautaud zu genießen.

Was die russischen Denker betrifft, wurde Schmemann sicherlich am meisten von seinen Lehrern am Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge beeinflusst - also von A. W. Kartaschow[42] und B. P. Wyschelavtsew[43] und Erzpriester N. Afanasjew[44].

„Die eucharistische Ekklesiologie"[45] des Erzpriesters Nikolaj Afanasjew", so I. Meyendorff[46], „diente als Richtschnur (wenn auch nicht als direktes Vorbild) zur Bestimmung der weiteren Richtung des theologischen Weges von Vater Alexander".[47] Schmemann konnte nicht anders, als mit den allgemeinen Einstellungen des Autors der „Kirche des Heiligen Geistes"[48] zu sympathisieren.

Dank A. W. Kartaschow und Archimandrit Cyprian (Kern)[49] gewann er eine unzerstörbare Überzeugung von der Notwendigkeit einer nüchternen und kritischen Einstellung zu den aktuellsten und schmerzvollsten Ereignissen der Kirchengeschichte. Und B. P. Wyschelavtsew war derjenige, der ihm die untergründige Verbindung zwischen philosophischer Anthropologie und dogmatischer Theologie sowie Moraltheologie klar aufzeigte. Über den Sündenfall spricht Schmemann fast mit den Worten des Autors der „Krise der industriellen Kultur"[50]: „Der Fall Adams und Evas geschieht, geht weiter, wirkt immer, und der locus dieses Aktes ist nicht irgendeine abstrakte ‚Natur´, die wir angeblich von Adam ‚ererbt´ haben sollen, sondern dieser locus ist eben die Zivilisation".[51]

Höchstwahrscheinlich hatte Schmemann keine Möglichkeit, M. M. Tarejew[52] zu lesen (zumindest erwähnt er nirgendwo seinen Namen), aber er beschreibt viele Gedankengänge, die von diesem bekannten Professor der Moskauer Geistlichen Akademie ebenfalls formuliert wurden.

So war Schmemann der erste, der eigenständig aufzeigte, dass sich der Platonismus in der christlichen Theologie als Trojanisches Pferd erwies. „Die Verabsolutisierung der ‚hellenischen´ Kategorien im Christentum, so Schmemann, „unterscheidet sich von der ‚Häresie´ des Altritualismus[53] nur um einen Grad. Kategorien sind eben etwas, was nicht verabsolutiert werden kann, denn sie zeigen ja eben die ‚Vergänglichkeit´ der Welt auf. Kategorien werden durch schöpferische Tätigkeit überwunden - welche ‚Kategorien´ hatten denn Shakespeare oder Puschkin? Und wenn sie auch welche gehabt hätten, woran läge dann ihr Interesse? Geht es nicht darum, dass, welche auch immer diese Kategorien sein mochten, sie durch die schöpferische Tätigkeit ‚geschaffen´ wurden, die über die Zeit, also über alle Kategorien triumphiert?"[54] Kurz gesagt, den Theologen „stünde es eher an, mit Dichtern auf einem Weg zu gehen".

Dem Kryptoheidentum des christlichen Hellenismus und Athen war Schmemann grundsätzlich wenig zugeneigt. Hier ist er direkter Gegner von Florenskij und Verbündeter von Tarejew und teilweise auch Lew Schestow.[55] „In Athen", schrieb er, „schwebte über mir immer das von mir gehasste Heidentum, nämlich dieser ‚heilige Leib´, von dem Mereschhkowski[56] gefaselt hat und welcher, wie ein Reaktiv, eben puren Spiritualismus oder Manichäismus hervorruft, oder auch das ´'heilige orthodoxe Alltagsleben´, welches quasi die Kehrseite des heidnischen ‚heiligen Leibes´ darstellt".[57]

Am 10. März 1982, ein Jahr vor seinem Tod, schrieb er in sein Tagebuch: „Gestern habe ich ‚Die kirchliche Hierarchie´ des Pseudo-Dionysios Areopagita gelesen. Welche Bedeutung kann all das in der modernen Welt haben? Und welche Bedeutung konnte all das auch in der Welt haben, in der es geschrieben wurde? Der Erfolg dieses corpus[58] in Byzanz - was bedeutet er? Wenden wir auf derartige Interpretationen des Christentums das evangelische Hauptprinzip an, „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen"[59], so sehen wir, dass diese Früchte in der Geschichte der christlichen Welt die Reduktion der Kirche auf sakramentale Frömmigkeit, das Absterben ihres eschatologischen Wesens und ihrer Mission und, letztendlich, die Entchristianisierung dieser Welt und seine Säkularisierung waren".[60] Dadurch scheint Schmemann die Ideen des Märtyrers I. W. Popow[61], die er seinem Freund Prof. S.I.Smirnow in Briefen am Anfang des 20.Jahrhunders mitgeteilt hatte, zu einem logischen Schluss zu bringen.

Das „ehrerbietige und leidenschaftliche Getue wegen ‚Byzanz´ und der die Theologen unterhaltenden byzantinischen Texte"[62] ist Schmemann recht zuwider. Hier wandte er sich offensichtlich von Florowski ab - sein Traum war eine Orthodoxie ohne „Byzantismus".

„Früher oder später wird es allen klar werden, dass wir die Orthodoxie nicht durch eine Konzentration auf die Bemühungen zum Schutz von ‚Hellenismus´ oder ‚Russismus´ oder ‚Serbismus´ bewahren werden, sondern im Gegenteil: indem wir die Anforderungen der Kirche bewahren und erfüllen, werden wir sie und all das Wesentliche in den verschiedenen Verwirklichungen des christlichen Glaubens und Lebens retten. Wenn Prof. Erzpriester G. Florowski, ein im Exil lebender und arbeitender russischer Theologe, es schon wagte (in seinem Werk „Die Wege der russischen Theologie"),  Abweichungen vom Russismus des ‚christlichen Hellenismus´ zu überführen, und damit eine ganze Generation russischer Theologen von den letzten Resten des pseudomessianischen religiösen Nationalismus befreite, wird es dann nicht auch Zeit für die Griechen, oder zumindest einen von ihnen, eine genauso schwierige, aber befreiende Operation hinsichtlich der Zweideutigkeit des Hellenismus durchzuführen?"[63]

Diese Einstellung entspricht voll und ganz den Überzeugungen von Schmemanns engstem Freund, Erzpriester I. Meyendorff, der in seinem Vorwort zum Buch „Die Wege der russischen Theologie" ausführte, dass eine Kritik am „Russismus" zwangsläufig auch zu einer Kritik am „Byzantinismus" führen müsse.

Bezeichnend ist eine Tagebuchnotiz von 1977 über ein Telefonat mit Prof. N. S. Arsenjew[64], der Schmemann berichtet habe, dass ein junger griechischer Theologe auf einer Vorlesung neununddreißig Mal „die göttlichen Energien" und nur einmal den Namen „Christus" von sich gegeben hatte. „Traurige und erschreckende Wahrheit über die Theologie", fasst Schmemann zusammen.

Er war zutiefst davon überzeugt, dass „Theologie ohne Kultur faktisch unmöglich ist".[65] Daher bedeutete ihm Säkularismus nicht unbedingt „das Böse" und Apostasie[66], den Abfall vom „Glauben der Väter"; es könne auch ein notwendiger Zug frischer Luft in der Atmosphäre der rechtskundlichen Kultivierung des „griechischen", des „vorpeterlichen[67]", des „synodalen", sowie jedes anderen kirchlichen Erbes sein.

 

Das Christentum und „die säkulare Literatur"

In seinem Tagebuch stellte sich der fünfzehnjährige Sascha[68] Schmemann am 3. August 1936 die Aufgabe, sich mit den Worten des Vaters Johannes von Kronstadt auseinanderzusetzen, nach denen „die s[o] g[enannte] säkulare Literatur dem christlichen Geiste absolut fremd ist".[69]

Nach langen Reflexionen kam er gerade zu einer gegenteiligen Sichtweise, die A. M. Bukharew[70], M. M.Tanejew und Antonij Chrapovickij [71] nahe steht. Seine Erwiderung an Vater Johannes, und nicht nur an diesen, klingt überzeugend, weil sie gründlich ausgereift war:

„Die Menschen verstehen nicht, was für eine tiefe ‚Pseudomorphose´ die historische Orthodoxie determiniert. Sie verstehen nicht die tiefe Häresie ihrer Wahrnehmung und ihres Erlebens der ‚Orthodoxie´. Ihre kleinliche Orthodoxie gibt ihnen keine Möglichkeit, die wahre Orthodoxie zu sehen und zu hören. Das ist ein wichtiges Thema der russischen Literatur, aber mit Ausnahme von einigen Wenigen hat die Orthodoxe Kirche es nicht gehört. Wird sie es schließlich erhören?"[72]

Natürlich hatte sich der Kronstädter Seelenhirte vorwiegend an diejenigen gewendet, die im Glauben noch Säuglinge waren und es nötig gehabt hatten, so etwas wie das Joch des Gesetzes zu erleben. Aber wie viele solche Säuglinge gab es, die daraufhin selbst zu Lehrern wurden und anfingen, über die ewigen Wahrheiten zu lehren, wobei sie sich auf „das Ansehen von Vater Johannes" berufen hatten! Der christlichen Aufklärung ist die hypnotische Suggestion untergeschoben worden, mit der Schmemann sich nicht abfinden konnte. Und eben darin sah er den Grund für die Sackgasse, in die die Gleichsetzung von Orthodoxie und Kostumbrismus[73] führt:

„Der Fehler der ‚Kostumbristen´ besteht nicht darin, dass sie den äußeren Lebensformen eine außerordentliche Bedeutung verleihen. Damit haben sie Recht - im Vergleich zu all diesen Pseudogeistträgern, die gleichermaßen religiös und kulturell und davon besessen sind, sich unter Umgehung der Form oder durch deren Zerstörung und Zerlegung zum Inhalt durchzubeißen (Surrealismus, gegenstandlose Malerei[74], automatisches Schreiben[75] sowie ‚Charismatiker´ aller Schattierungen.) Ihr Fehler besteht in der manichäischen Absolutisierung der Form, in ihrer Idolisierung und damit in der Verleugnung ihrer ‚Bezogenheit´ auf das Andere."[76]

„Einem ‚frommen´ Menschen ist suggeriert worden", schrieb er in sein Tagebuch, „dass Gott da sei, wo die ‚Religion´ ist. Und daher fing er an, alles, was ‚keine Religion´ war, mit Verachtung und selbstzufriedener Arroganz zu verwerfen, ohne zu verstehen, dass der Sinn der Religion nur darin besteht, ‚das Ganze´ mit dem Licht zu erfüllen, es auf Gott zu beziehen, zur Kommunikation mit Gott zu machen. Im Grunde genommen ist es die Liebe der Leskowschen[77] Kaufleute zum ‚lauten Gottesdienst´; der Horror des ‚Saals für Gemeindenversammlungen´ mit den Portraits von Erzbischöfen und Anzeigen über ‚Pfannekuchen für die Gemeinde´..."[78]

Schmemann las gerne, er las Tschechow, Tolstoj und Bunin[79], auch gerne mehrmals. Im Gegensatz zu den „Rigoristen"[80] behauptete er entschlossen: „Russland braucht Puschkin viel mehr als das Typikon[81]. Um Puschkins willen kann man nicht hassen, erstechen, ins Gefängnis bringen, was aber um des Typikons willen durchaus ginge."[82]

Allerdings wurde über die „prophetische Rolle" Puschkins auch vor Schmemann einiges gesagt - von F. M. Dostojewskij, Metropolit Antonij (Chrapovickij ), I. A. Iljin[83], B. P. Wyschelavtsew, S. L. Frank[84] und anderen.[85]

Viel kühner mag die Neigung Schmemanns erscheinen, sich in Werke von Autoren zu vertiefen, die formal ihre absolute Areligiosität verkündet hatten: „um den Glauben zu bewahren", schrieb er, „ist es besser, solide Agnostiker zu lesen, als Theologen".[86]

So sollte unter den wichtigsten Ereignissen seines Innenlebens seine „Entdeckung" des vielbändigen Tagebuchs des französischen Schriftstellers Léautaud (1872 - 1956) genannt werden. Bei ihm - und nicht bei Rosanow (ein amüsantes Paradox!) - fand er ein Beispiel für erstaunliche Unverhülltheit, welche auf die eine oder andere Art die Führung seines eigenen Tagebuches prägte.

„Léautaud ist ein Mensch, der sein Leben Tag für Tag schildert und nur die Wahrheit über sich sagt. Und so wird er zum Freund. Das bedeutet weder Übereinstimmung noch Gleichsinn. Das ist etwas ganz Anderes und auf seine Art Mysteriöses, wenn man anfängt, einen Menschen nicht für etwas Bestimmtes zu lieben, sondern weil er so ist, wie er ist. Er schreibt so, dass es dem Leser leid tut, dass es ihn im Leben Léautauds nicht gab".[87]

In diesem „unendlich netten Atheisten" sieht Schmemann „das Gegengift zu jeglicher Falschheit".[88] In der inneren Kommunikation mit solchen Menschen wie Loisy[89], Martin du Gard[90], André Gide und insbesondere Léautaud öffnete sich ihm der wahre Sinn des Glaubens. „Denn alles, was sie ablehnen, lehne ich in gewissem Sinne auch ab. Aber dann zeigt sich eben hinter dieser Ablehnung das, was der Glaube nicht nur ‚behauptet´, sondern wovon er vielmehr die offenbare Präsenz ist".[91]

Gerade deswegen liest er Raymond Aron[92] mit Sympathie und kann an Nietzsche nicht gleichgültig vorbei gehen. „Gerade wir, die Christen, müssen solche Gegner lesen. Also nicht nur Marx und Co., sondern Menschen, die nicht das Christentum, sondern die Christen dafür peitschen, was sie aus dem Christentum gemacht haben. In meiner Lebenszeit sind dies Léautaud und Mencken[93],[94] und vorher - Nietzsche".[95]

Die Einstellung Schmemanns zum Autor des „Zarathustra" ähnelte der von Fürst Trubetzkoj[96] oder Karl Jaspers: Da gab es Sympathie für die freimütige Suche, aber auch Kritik im Bezug auf kardinale Verallgemeinerungen. 

Schmemann schätzte auch Stendhal hoch ein - diesen Schriftsteller, der jeder äußerlichen Religiösität und allen Gedanken über das Transzendentale fernstand. In Stendhals Buch „Bekenntnisse eines Egoisten" scheint „die Welt ohne vertikale Dimension zu existieren, ist dafür aber real", so die Beobachtung Schmemanns. „Der Stendhalsche Mensch kann weder durch eine `Sublimation´ noch durch die listige Rechtfertigung diverser durch religiöse Zweideutigkeit geprägter `urges´[97] genarrt werden. Aber diese Skepsis der Welt gegenüber, diese Art, alles mit exakten Namen zu benennen und diese cartesianische Widerlegung der Illusion, des wörtlichen Nebels und damit der Lüge - ist das der christlichen Friedensintuition nicht näher als die oberflächliche Mystik, welche die arme, erschöpfte Katherine Mansfield[98] zu den erschreckenden geistlichen Abirrungen von Gurdjieff hinführte?"[99]

Die ästhetischen Beurteilungen Schmemanns sind manchmal nicht weniger kategorisch als die von I.A.Iljin, denen sie auch ähneln (Verurteilung von allem, was die Ideen von Gippius[100] und Mereschkowski aufgreift). Manchmal sind sie auch paradox (so mochte er z.B. weder Gumiljow[101] noch „all diese Volkstümler"[102])[103]. Häufig geben sie den allmählichen Wertewandel wider (Enttäuschung durch I. Brodskij, A. Solzhenizyn und andere). Absolut einwandfreie Schriftsteller sind in den Augen Schmemanns Gogol, Achmatowa[104] und Mandelstam[105]. Was Blok[106] und Pasternak[107] betrifft, gibt es da schon viele Nuancen und Widersprüche. Zwetajewa[108] konnte er einfach nicht akzeptieren („Abgestoßensein durch ihren ganzen Stil und Ton").[109] Das gleiche galt auch für Andrej Platonow[110] („das Lesen seiner Werke erleuchtet mich nicht (...) irgendein Dostojewskij ohne Glauben")[111] und Lew Kopelew.[112]

„Der Stil ist der Mensch selbst" - diese bekannte Maxime von Buffon[113] wurde von Schmemann sehr tief gefühlt. Durch Stile erlebte er geistliche Zustände, und so stieß ihn jede Indiskretion, Unehrlichkeit und Angeberei zutiefst ab. Es kann gesagt werden, dass Schmemann in unsichtbarer Konfrontation zu K. N. Leontjew[114] und den „Kostumbriten" die Überzeugung verfocht, dass die Orthodoxie kein Lebensstil sei.

Orthodoxie ist kein Lebensstil

Schmemann hielt das gesunde Lachen für eine Arznei gegen religiöse Angeberei und Anbetung jeglicher auf „tönernen Füßen" stehender Idole. „Mich machen humorlose Menschen immer müde", schrieb er, „diese `Monoideisten´, die immer angespannt und immer gekränkt sind, wenn man sie von ihren Höhen herunterbringt". Im Bezug auf Idole sei das Lachen heilsam und nötiger als alles andere.[115]

Humorlose Menschen seien in einer Pose erstarrt, halsstarrig und unfähig, sich selbst und die gesamte Situation von der Seite zu betrachten. Schmemann war sehr sensibel für alle Arten von Falschheit und stilistischer Ziererei sowie für Manierismus in Erzählliteratur und Publizistik. Beim Lesen einiger französischer Wochenblätter kränkten ihn „die morbide Wahrnehmung der Welt", „Geziere, Pseudotiefe" und „unterschwelliger Hass gegen Gesundheit, Klarheit und Sinn".[116] Die Emigrantenpresse irritierte ihn, vor allem durch ihre Sprache.[117]

Die Orthodoxie als Lebensstil (letztendlich eine Pose) stieß ihn einfach ab. Dies sei billige Pseudogeistlichkeit: „bedauerlicherweise mögen Menschen das Kitschige, es muss nur mit Bärten, Kreuzen und geläufigen Worten verdeckt werden."[118]

„Ich bin zutiefst überzeugt", schreibt er, „dass das wahre religiöse Gefühl mit keiner `Dekoration´ und mit keinem frömmelnden Gerede kompatibel ist.  Wenn das Christentum zur Dekoration statt zur Schönheit wird, zur bigotten Frömmelei statt echtem Glauben, wird es schal".[119]

Aus der Kommunikation mit Grabbe[120], dem Ideologen von „Karlowitzern"[121], behielt er den Eindruck zurück, dass das Wichtigste für seinen Gesprächspartner schließlich „in einen alltäglichen Stil" einmündete":

„...die Karlowitzer haben nicht nur eine Stilisierung, sondern auch einen wirklichen Stil. Aber eben das macht jedes Gespräch mit ihnen so schwer, denn der Stil schließt die Möglichkeit aus, einfach zuzuhören und zu verstehen, was sich außerhalb dieses Stils befindet und ihn in Frage stellt". Nichtsdestotrotz hinterließen Begegnung und Gespräch mit Grabbe bei ihm „kein unangenehmes Gefühl, keinen unschönen Nachgeschmack".[122]

Auch in der Ikonographie schätzte Schmemann die Tendenz zur Imitation gering. Nie hatte er die Ikonen von Abramow gemocht, deren ganze Philosophie auf der genauen „Abschreibung" der Vergangenheit aufgebaut war - wobei nicht nur das „was", sondern auch das „wie" abgeschrieben war. „Die Seele wird durch diese Ikonenmalerei nicht angesprochen"[123], lautet eine seiner Tagebuchnotizen.

Vater Alexander, in seinem Geiste ein zutiefst kirchlicher Mensch, war immer sehr sensibel gegenüber aller quasikirchlichen Falschheit und Nachahmung. Manchmal fasste er all das - terminologisch nicht ganz streng und richtig - unter dem Begriff „Kirche" zusammen, und stellte es dem Glauben gegenüber.

 

Antithesen der Kirchlichkeit

Der fünfzehnjährige Sascha schreibt in sein Tagebuch (1938): „Das ganze Leben ist ein Kampf gegen das Gemeine in all seinen Erscheinungen".[124] Die unbefangene Natürlichkeit des Lebens lag ihm am Herzen; daher glaubte er, dass derjenige, der darüber verfüge, keiner „Religion" bedürfe.

„Mit aller Kraft verspüre ich, dass eine der Hauptgefahren immer und überall die Pseudoreligion und die Pseudospiritualität ist... Generell alles, was `pseudo´ ist (zum Beispiel Pseudotheologie...)".[125]

„Diejenigen, denen die Gabe des Lebens gegeben ist, d.h., auch die religiöse Empfindung dafür, bedürfen viel weniger der `Religion´, die fast immer durch einen Mangel und nicht durch eine Überfülle, durch die Angst vor dem und nicht die Dankbarkeit für das Leben bedingt ist. Und diese freudlose und leblose Religion wirkt abstoßend. Sie wirkt abstoßend vor allem dadurch, dass sie dem Leben mit Verurteilungen und Abneigung gegenübertritt. `Freut euch allezeit! Betet unablässig!´[126] - ob das in unserem Christentum noch gilt, welches durch die eigene Geschichte so geschunden wurde?"[127]

Und schließlich, wie ein Seufzer aus tiefstem Herzen: „Es gibt nichts Schlimmeres als die professionelle Religiosität!"

Die Gegenüberstellung von Glauben und Christentum gegen Religion und manchmal sogar Kirche zieht sich durch Schmemanns Tagebücher als stetig sich verstärkendes Motiv. Dabei wird die Kirche in diesem Kontext meist nur als Form der äußerlichen Frömmelei betrachtet. „Die helle Leichtigkeit des Christentums, aber die Schwere der Kirche".[128]

„Dieser `Orthodoxismus´ ist so unendlich beklemmend"[129], entfuhr es Schmemann des Öfteren. Die ganze Widersprüchlichkeit des Kirchenlebens erlitt er so akut und schmerzvoll, als ob er die Forschungsarbeit von A.P.Lebedew[130] über den moralischen Zustand der Geistlichen im 4. Jahrhundert[131] nie gelesen und als ob er selbst die Abhandlung „Der historische Weg der Orthodoxie" nie geschrieben hätte.

„Ich kann der Kirche nicht den Rücken kehren", schreibt er in sein Tagebuch, „denn sie ist mein Leben. Aber wenn ich im jetzigen Zustand verbleibe, kann ich ihr nicht so dienen, wie ich diesen Dienst verstehe. Ich glaube, dass die Orthodoxie die Wahrheit und das Heil ist. Und mich erschüttert das, was unter der Maske der Orthodoxie getrieben wird, was die Orthodoxen selbst - sogar die Besten, die Selbstlosen unter ihnen - mögen, wovon sie leben, worin sie die angebliche `Orthodoxie´ sehen."[132]

Schmemann, der an „Christentum außerhalb der Kirche" nicht glaubt, ist durch die Kontakte mit den „Professionellen" der Kirchlichkeit bedrückt, - sowie auch mit denen der Frömmelei, wobei er manchmal sehr scharf verspürt, wie „beklemmend diese „kirchliche" Welt ist".[133]

Alle Erscheinungen der sklavischen Abhängigkeit von der Form, der „Kirchenmode", „den Vätern", „den Beichtvätern", „den geistlichen Vätern" und alle Arten der Selbstverliebtheit machen ihn irritiert und schwermütig.

Der Indirektheit, der Voreingenommenheit, der ideologischen Besessenheit sowie den Grimassen der Frömmelei und Gutgemeintheit stellte Schmemann die Einfachheit und die Unbefangenheit des Lebens, der Kontemplation und der Kommunikation, - also der Ehrlichkeit gegenüber... „Das Christentum verlangt nach Einfachheit, es verlangt nach „einem hellen Auge´ und `sehender Liebe´. Da, wo es einen Riss gibt, wo die Natur zum Aufschrei gezwungen wird´[134], wird es verzerrt".[135]

Sein Ideal war, „das Gesicht nicht zu verlieren"[136]: „Indem du deine Maske abziehst, `schockierst´ du die Menschen, die sich fragen, wie es dazu kam, dass du du selbst geworden bist? Und durch die Maske wird alles verzerrt - sowohl das, was du sagst, als auch das, was du tust. Und es ist so leicht, die Persönlichkeit in der Maske aufzulösen und zu beginnen, diese Maske zu lieben..."[137]

Manchmal wollte er „von dieser Orthodoxie der Soutanen und Kamilavkas[138], sinnloser Zeremonien, Scheinheiligkeiten und Falschheiten weglaufen; ich selbst sein, anstatt ewig lange irgendeine künstliche, archaische und langweilige Rolle zu spielen"...[139]

„Nur in der Kirche kann man das vollkommene Bild Christi finden. Das ist die Angelegenheit, mit der die Theologie sich befassen muss - und mit nichts anderem. Dies wird aber sowohl vom `Schwarzrock´ als auch vom `Theologen´ gleichermaßen behindert. Der Eine setzt gewinnträchtig auf das ewige Bedürnis des Menschen nach „Sakralität", der Andere verwandelt sogar Christus selbst in ein `Problem´".[140]

Offensichtlich dringt der Autor von „Der historische Weg der Orthodoxie" auch hier nicht ganz bis zur Wurzel der von ihm beobachteten Erscheinungen durch. Wer könnte besser als Schmemann zeigen, dass die Bulgakowsche Idee „der Sophistischen Transformation der Welt" letztendlich nichts anderes ist als die groteske Entwicklung des „Großen Euchologions"[141]? Die Weihung und die Sakralisierung von allem, was „profan" und „unrein" war, spielte im Laufe der Jahrhunderte eine immer bedeutendere Rolle in der kirchlichen Aktivität und als Einnahmeposten des Kirchenschatzes. Darüber aber schrieben normalerweise Antiklerikalisten und Atheisten, wobei ein gläubiger Mensch nicht anders konnte, als diese wegen ihrer Voreingenommenheit zu verdächtigen... Und „sinnlose Zeremonien, Scheinheiligkeit und Falschheit" gibt es im Säkularen nicht weniger, so wie auch in jeder anderen formalen Gemeinschaft.

Mit der Setzung solcher Akzente behielt Schmemann Recht. Für ihn bestand das Christentum eben in der Verkündigung der Ewigkeit in einer provisorischen Welt, die ständigen Veränderungen unterworfen ist. „Das Christentum ist immer eine Predigt, ist also eine Erscheinung dieser anderen, höheren Ebene - der Wirklichkeit selbst".[142]

Ein Christ müsse Gott vor allem durch sein eigenes Leben und außerdem durch öffentliche Gottesdienste rühmen. Dieses sei untrennbarer Teil des Seins einer lebendigen Kirchengemeinde... Was jedoch die Sakralisierung betreffe - damit beschäftige sich jede Religion, die auf einer Gegenüberstellung des Heiligen und des Profanen beruht...

Das Eindringen der mysterienhaften Motive ins innerste Gewebe des kirchlichen Lebens interpretiert Schmemann als Beweis des Verlustes dieser wichtigsten eschatologischen Stimmung und als Schritt zur kompletten Säkularisierung.

 

„Ich sehe kein Nutzen in dieser monastischen Diät..."

Nicht weniger war Schmemann wegen der Erscheinung der „Beichtvaterschaft" besorgt, die eine Menge morbider Folgen und Perversion ins Leben brachte: „Gefährlich sind die Pseudostarzen[143]", schreibt er in sein Tagebuch, „die sich heutzutage so vermehrt haben und deren Hauptmotiv geistliche Machtgier ist. Zu diesem Pseudostarzentum drängt das System selbst, das aus jedem Priester einen `Beichtvater´ und einen kleinen `Starez´ macht. In der Orthodoxen Kirche gibt es schon fast keine Mönche mehr, die es nicht als ihre heilige Pflicht ansehen, schon zwei Jahren nach ihrer Weihe Traktate über das Jesusgebet[144], über Geistlichkeit und Asketismus zu schreiben, über das geistliche Tun[145] zu belehren usw. Ebenso gibt es keine Priester mehr, die sich nicht für unfähig halten, innerhalb von fünf Minuten alle Probleme zu lösen und auf den rechten Weg zu führen..."[146]

Schmemann war alarmiert durch die monastische Neigung in allen Bereichen des Kirchenlebens, mit denen sowohl die Erhebung der Starzenrolle verbunden sei als auch generell die des „Prinzips der Befolgung der väterlichen Überlieferung", welches noch M. M.Tanejew ausdrücklich kritisiert hatte.

„Heute triumphiert die monastische Tendenz überall - sowohl in der Theologie als auch in der Frömmigkeit.  (...) Überall stößt man auf die Patristik. Ich bin über die Gleichsetzung dieser Tendenz mit der Orthodoxie besorgt. Das ist schon kein pars pro toto[147] mehr, sondern die Patristik wird für das totum[148][149] selbst ausgegeben." Er äußerte sein Erstaunen darüber, „was letztlich der Sinn dieses akademischen Gewühles in der mystischen Erfahrung von Maximus dem Bekenner oder Symeon dem Neuen Theologen" sein solle.[150]

In dieser Hinsicht verstand er sich gut mit I. Meyendorff: „Eines Tages, im Augenblick der Aufrichtigkeit", schrieb er im Oktober 1980, „sagte mir Ivan[151] Meyendorff, dass er nicht ganz verstehe, wieso sich Menschen mit den (Kirchen-)Vätern beschäftigten. Ich befürchte, dass sie weder durch die Ideen dieser Vätern noch durch die Inhalte der von ihnen geschriebenen Werke angezogen werden, sondern durch ihren Stil.  Das ähnelt der orthodoxen Einstellung zum Gottesdienst - es zu lieben, ohne es zu verstehen, also ohne irgendwelche Schlüsse ziehen zu müssen".[152]

1976, als er eine dem Mönchtum gewidmete Ausgabe des „YMCA Newsletter" las, bemerkte Schmemann, dass ihm irgendein „intellektueller" Beigeschmack an den Nerven zerrte. „Die ganze Zeit suchen wir uns in der `Überlieferung´ das aus, was uns schmeckt - einer das Alte Russland (den Altritualismus), der andere Palamas, der dritte wiederum Athos (...), aber ich sehe keinen Nutzen in dieser monastischen Diät, die den Menschen ununterbrochen als irgendeine selbstgenügsame `Spiritualität´ dargereicht wird. Meine Erfahrung ist folgende: sobald Menschen beschlossen haben, diese Spiritualität in ihr Leben einzulassen, sind sie zu intoleranten, empörten Pharisäern geworden. Keineswegs leugne ich die Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit der monastischen Erfahrung (die Philokalie[153], die Starzen usw.). Ich bin nur davon überzeugt, dass sie, so wie der Gottesdienst und so wie fast alles im kirchlichen Leben unserer Zeit, `transponiert´ und in einem anderen Sinne wahrgenommen wird - vor allem im Sinne eines psychologischen Egozentrismus, der den Hauptton unserer Epoche darstellt."[154]

Buchstäblich am nächsten Tag, während er die Beichte einer ihm bekannten Familie entgegennahm, fand er eine weitere Bestätigung seiner Einstellung: „Die Religion - ich werde es wieder und wieder sagen - was für ein schreckliches Ding ist das. Was für seltsame Saiten sind das, an die sie rührt".[155]

Während er einen Walaam[156]-Sammelband über das Jesusgebet durchblättert, ertappt er sich bei einem „seltsamen" Gefühl: „als ob ich über irgendeine andere Religion lese. Die Worte scheinen ja dieselben zu sein, gemeinsam ist auch das Ziel - die Kommunikation mit Gott, das Reich Gottes, die Freude - aber dabei kommt es mir auch so vor, als ob ich über etwas ganz anderes lese, was sogar sehr tiefgründig ist. So wie ich mich erinnere, fühlte es sich bei mir etwa so an, während ich das Buch von Nikita [Struve[157]] über Vater [Alexius] Metschow[158] gelesen habe (...) So dachte ich darüber nach, dass gesagt ist: `werdet wie die Kinder´[159]. Aber gerade Kinder kennen ja nicht diesen absoluten Unterschied zwischen `dem Äußeren´ und `dem Inneren´, worauf diese Anrufung und dieser ganze `'Mechanismus' aufgebaut ist (Theophanés (Feofan)[160] der Einsiedler)".[161]

Drei Jahre später, 1980, schrieb Schmemann seine Skrupel erneut nieder: „Ich weiß, dass ich kein `spirtueller´ Mensch bin. Ich weiß genau, dass ich in diesem Bereich ein gewisses Etwas nicht verspüre (das heißt, ich fühle mich von Theophanes dem Einsieder oder Ignatius Brjantschaninow[162] gar nicht angezogen). Da stößt mich irgendetwas ab. Aber ich weiß nicht, ob ich mich mit diesem Abgestoßensein nicht irre".[163]

Endlich, nachdem er im September 1981 das Buch des Heiligen Hierarchen Ignatius über den Tod gelesen hatte, brach es aus ihm heraus: „Wie kann man nur solche Bücher schreiben? Wie kann man all das glauben? Die Hölle im Inneren der Erde... mit Zitaten aus irgendwelchen seltsamen Dokumenten. Ich verstehe diese Einstellung ganz und gar nicht. Sie ist eben das, was Bultmann[164] und der allesbedeckende Fundamentalismus[165] ins Leben gebracht haben..."[166]

Sicherlich ist es seltsam, dass der Autor von „Der historische Weg der Orthodoxie" über den Triumph der monastischen Tendenz sich so gleichsam unhistorisch äußert... Man bedenke nur, dass das lateinische Wort „religiosus" im 13. Jahrhundert, also in der Zeit des Thomas von Aquin  (und das französische „religieux" sogar noch am Ende des 19. Jahrhunderts) eben „Mönch" bedeutet hatte. Eo ipso[167] müsste man annehmen, dass jeder Nicht-Mönch non religiosus sei... Die Religion ist noch während der mittelalterlichen Arbeitsteilung zum Beruf geworden. In gewissem Sinne erwies sich dieser Professionalismus als unvermeidlich, da die Kirche ihr eschatologisches Gefühl verloren hatte. Streng genommen ist dieses Problem rein soziologischer Natur. Es ist bemerkenswert, dass in der Zeit der Verschärfung der eschatologischen Stimmungen - so wie in der Zeit des Abtes Joachim von Fiore, aber auch noch viel später - diese Professionalisierung nachließ. Der „Bauer" fängt an, sich zu bekreuzigen, weil es gleich donnert[168]... und sogar die Regierung schleppt sich zum Bauern (z.B. zu Grigorij Rasputin[169]) hin, um von ihm Offenbarungen zu bekommen...

Gewiss ist religiöser Professionalismus mit der Durchsetzung der Mysterialität verbunden.  Die Wurzeln der Mysterialität sind aber sehr tief: der Kampf der Kirche gegen den Gnostizismus begann bereits in der apostolischen Epoche und wurde mit wechselndem Erfolg geführt, wobei das religiöse Gefühl das Mysterium wie Luft braucht... Wie soll man es aber mit der „Erkennung der Wahrheit" ausbalancieren?

 

„... Die Einzelbeichte würde ich ganz abschaffen"

Der Artikel Schmemanns über die Beichte, der im Orthodoxen Kalender 1995 (St.Petersburg, Satis Verlag)[170] veröffentlicht wurde, hatte vorwiegend pastoralen Charakter und wandte sich an Gläubige, die Vater Alexander nicht in alle Einzelheiten seiner theologischen Verallgemeinerungen einzuweihen gedachte. Diese wurden also sozusagen durch seinen Talar „verdeckt".

Nichtsdestotrotz hielt Schmemann es für nötig, auch denjenigen, die mehr oder weniger „Säuglinge im Glauben" sind, die Evolution des Bußsakramentes zu erläutern: dass die Kirche in der „Konstantinischen Periode"[171] mit vielen nominalen Christen zu tun gehabt habe, was zwangsläufig radikale Änderungen der eucharistischen Praktik zur Folge gehabt hatte - von der allgemeinen Kommunion als Manifestation der Einheit des Volkes Gottes hin zur Kommunion, die mehr oder weniger häufig und „individuell" wurde.

Daher stammt die radikale Metamorphose im Verständnis der Buße. „Aus einem Mysterium der Versöhnung der Exkommunizierten ist sie zu einem regulären Sakrament für Kirchenmitglieder geworden. Und es wurde daran nicht mehr die Buße als Weg der Rückkehr in die Kirche theologisch betont, sondern die Absolution als Macht der Kirche". 

Hier erinnert sich Schmemann an den Metropoliten Antonij Chrapovickij, der selbst das Wesen der Priesterschaft als mitleidende Liebe definiert und daher auch die Buße als Mysterium der Versöhnung und Liebe, und nicht als „Gericht" und „Verurteilung" angesehen hatte.

Noch entschiedener und konstruktiver äußerte sich Schmemann in seinem Vortrag vor dem Synod der Orthodoxen Kirche in Amerika. Er erklärte kategorisch, „dass die Umwandlung der Beichte und des Bußsakraments in eine obligatorische Voraussetzung der Zulassung zur Kommunion nicht nur der Überlieferung widerspricht, sondern sie tatsächlich verzerrt".[172] Er berief sich auf die Meinung des Vaters Sergius Tschetwerikow[173] und äußerte die Überzeugung, dass „dort, wo die Eucharistie und die Kommunion wiederum (...) zum Zentrum des christlichen Lebens geworden sind, fast keine Probleme in den Bereichen der Verbindung der Gemeinde mit der Kirche und der Hierarchie, der Aneignung der kanonischen Normen bzw. der Erfüllung der materiellen Verpflichtungen auftauchen".

Eine Reihe konkreter historischer Beispiele ermöglichten es Schmemann, darüber zu sprechen, dass in der Orthodoxie verschiedene Typen der Beichte existierten, die der akademischen Theologie des 19. Jahrhunderts sicherlich bekannt waren - aber wie weit waren sie vom alltäglichen kirchlichen Bewusstsein und der alltäglichen kirchlichen Praxis entfernt! 

„In den byzantinischen monastischen Typika des 12. und 13. Jahrhunderts", merkt Schmemann an, „ist es dem Mönch sowohl verboten, ohne die Erlaubnis des Beichtvaters die Kommunion zu empfangen als auch sich von ihr zurückzuziehen, denn `sich eigenwillig von der Kommunion auszuschließen bedeutet nach eigenem Willen zu handeln´[174]. In Frauenklöstern war diese Macht den Äbtissinnen zugewiesen. Also haben wir es mit einer Beichte nicht-sakramentalen Typs zu tun, die auf geistlicher Erfahrung und unablässiger geistlicher Leitung beruht". 

Er wies auch auf die Tatsache hin, dass in Griechenland „auch jetzt nicht jeder Priester die Beichte abnehmen kann, sondern nur einer, der dazu durch einen Erzbischof beauftragt und ordiniert wurde".

In der russischen Orthodoxie kam die obligatorische und in gewissem Sinne juristische Koppelung von Beichte und Kommunion unter dem Einfluss der „latinisierenden Theologie"[175] von Petro Mohyla[176] und seinen Nachfolgern zustande. Schmemann hebt die traurige Ironie der Tatsache hervor, dass „diese Entlehnung, die unter allen Entlehnungen aus dem Latinum[177] die offensichtlichste ist, bei uns so häufig als orthodoxe Norm bezeichnet wird. Dabei wird jeder Versuch, sie im Sinn der wahren orthodoxen Lehre über die Kirche und die Mysterien zu revidieren, als Frucht westlichen katholischen Einflusses verleumdet".

Darüber haben zwar auch schon andere russische Theologen gesprochen, ohne aber am alltäglichen kirchlichen Bewusstsein etwas ändern zu können...

Der Schwerpunkt der Vorschläge, die Vater Alexander dem Synod vorlegte, lag auf der Bewilligung der Praktizierung der gemeinsamen Allgemeinbeichte.

1. In der Regel wird die gemeinsame Allgemeinbeichte abends nach der Vesper durchgeführt. Eine Person, die beabsichtigt, der Heiligen Sakramente teilhaftig zu werden, muss dazu zumindest am Vorabend die Kirche besuchen. Die heutige Praxis, bei der die Beichte gerade einmal einige Minuten vor der Liturgie in aller Eile durchgeführt wird, ist einfach schädlich und nur in wirklichen Not- und Ausnahmefällen zuzulassen. Inzwischen ist sie aber schon zur allgemeinen Regel geworden.

2. Die gemeinsame Allgemeinbeichte beginnt damit, dass der Priester Gebete vor der Beichte spricht, die heutzutage fast überall ausgelassen werden, obwohl sie einen organischen Teil des Bußsakraments darstellen.

3. Nach den Gebeten ruft der Priester die Büßer auf, Buße zu tun und dafür zu beten, dass Gott ihnen vor allem das Gefühl der Reue eingebe, also die Gabe, „die eigenen Sünden zu erkennen"[178], ohne die ihre formale Aufzählung keine geistlichen Früchte trüge.

4. Daraufhin folgt die Beichte selbst, also die Aufzählung aller Taten, Gedanken und Wünsche, mit denen wir die Heiligkeit Gottes, die Heiligkeit des Nächsten und die Heiligkeit der eigenen Seele herabwürdigten, durch den Priester.

5. Zum Schluss ruft der Priester die Büßer dazu auf, ihren geistlichen Blick von der eigenen Unwürdigkeit abzuwenden und sich auf die bevorstehende Teilnahme am Abendmahl mit Gott zu konzentrieren, auf seine Barmherzigkeit und Liebe zu vertrauen und aus tiefstem Inneren diese Teilhaftigkeit zu begehren, der wir nie würdig sind und die uns dennoch gespendet wird.

6. Danach ruft der Priester alle auf, die wegen irgendeiner besonders schweren Seelenlast der zusätzlichen Beichte bedürfen, zur Seite zu treten und zu warten. Alle anderen kommen zu ihm, einer nach dem anderen, und erlangen die Lossprechung, wobei den Büßern die Stola aufgelegt wird und diese danach das Kreuz küssen.

7. Schließlich, während alle, die die Absolution erlangt haben, den Gebeten vor der Kommunion zuhören (die meiner Meinung nach am besten mit den Drei Psalmen[179], also mit „Der Herr ist mein Hirte..." zu beginnen wären), ruft der Priester der Reihe nach diejenigen zu sich, die der zusätzlichen Beichte bedürfen, und spricht sie von ihren Sünden los.

In seinem Tagebuch gestand Schmemann, was dem Synod mitzuteilen, ihm unangebracht erschienen war: „Der quälende Unwille, Beichten abzunehmen. Worüber kann man im Christentum schon so lange reden'? Und wozu?"[180] Zu diesem Thema kehrte er mehrmals zurück, denn hier verspürte er die Wurzel des morbiden Egozentrismus, der sich für eine Narrheit in Christo ausgibt, sowie auch der Rolle des „geistlichen Lehrers" und des „Lehrlings" und, sicherlich, des einfachen amtmännischen und juristischen Formalismus.

„Der Unwille gegenüber `intimen´ Beichten und allen Arten von privaten Ergüssen.... Wenn ich Beichten abnehme, habe ich immer das Gefühl, als ob nicht ich, sondern jemand anderes es ist, und dass alles, was ich sage, unpersönliche Mustervorschriften sind; dass es nicht das Richtige, gar nicht das Richtige ist. Aber von einem Priester erwartet man eine derartige Leitung; darin sieht man den Sinn der Priesterschaft. Es mag sein, dass ich mich fürchterlich irre, aber irgendwie habe ich um mich herum in der Kirche nie einen besonderen Nutzen in dieser Beichtvaterschaft gesehen. Im Gegenteil habe ich immer eher Schaden gesehen: eine Ermunterung des Egozentrismus und des feinen Hochmuts des Geistes (von beiden Seiten) sowie die Einengung des Glaubens auf sich selbst und die eigenen Probleme".[181]

„Ich persönlich", gestand Schmemann, „würde die Einzelbeichte ganz abschaffen, mit einer Ausnahme für den Fall, dass ein Mensch eine augenfällige und konkrete Sünde begangen hat und eben diese (und nicht seine Stimmungen, Zweifel, Deprimiertheiten und Versuchungen) beichten möchte".[182]  

 

Liturgische Theologie. Eucharistie und Eschatologie

1959 verteidigte Vater Alexander seine Dissertation im Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris. Zwei Jahre später wurde sie als Buch mit dem Titel „Einführung in die liturgische Theologie" veröffentlicht.

Mit dieser Arbeit stieß Schmemann auf eine Goldader. Vor ihm waren die Fragen der liturgischen Kreativität und des dogmatischen Bewusstseins so breit wohl noch nicht gestellt worden. Aber er wurde, indem er diesen unerforschten Raum betrat, vor allem durch die Anschauung seiner Grenzen inspiriert - und kühlte im Bezug auf dessen innere Beschaffenheit schnell ab...

Nachdem er „die Aufgaben und die Methode" der neuen Disziplin sowie die Problematik der Entstehung und Evolution der Kirchenordnung beschrieben hatte, skizzierte Schmemann ohne große Begeisterung die charakteristischen Eigenschaften „der byzantinischen Synthese[183]". Das kann nicht verwundern, wenn man sein folgendes Geständnis berücksichtigt: „Byzanz ist für mich langweilig und fade geworden".[184]

Die liturgischen Werke aus Byzanz bewertete Schmemann ebenfalls als sehr mäßig, und konnte in ihnen keinen großen Beitrag zum „Hauptwerk der Kirche", dem Aufstieg in die „eschatologische Fülle", erkennen. Auch in seinem Tagebuch schrieb er über „die unvergleichliche Superiorität der Psalmen und der Heiligen Schrift über alle Arten der Hymnographie".[185] Sogar beim Kanon des Ehrwürdigen Andreas von Kreta[186] zeigte er sich überrascht über den Kontrast zwischen der „göttlich grandiosen Poesie, wo Gott donnert, niederwirft, wirkt, herrscht und rettet, und den darin verwachsenen byzantinischen Troparia[187] mit ihrer platonischen Konzentration auf die eigene `Seele´[188] und ihrer Nichtwahrnehmung der Geschichte als `Theater Gottes´. Dort besteht die Sünde darin, dass man Gott überall und in allem sieht. Hier besteht die Sünde in der `Unreinheit´. Dort besteht die Sünde im Treuebruch, hier in der `Verunreinigung´ durch Gedanken.  Dort stellt jede Zeile die ganze Welt und die ganze Schöpfung dar, hier die einsame Seele. Zwei Welten, zwei Tonarten. Aber die Orthodoxen hören und lieben meist die zweite".[189]

In dieser Behauptung kommt Schmemann etwas einseitig daher. Die Molltonarten im Gottesdienst hat er generell nicht so gerne gemocht (so begrüßte er beispielsweise nur die Osterordnung der Aussegnung[190]). Sicherlich ist der Platonismus der Geschichte gegenüber wirklich gefühllos. Aber der Kanon des Ehrwürdigen Andreas ist reuevoll, er spiegelt die Gefühle der Seele wider, die unter der Gottverlassenheit leidet, und von ihm darf keine andere Stimmung erwartet werden. Zudem ist die Buße vor Gott als Person dem Platonismus absolut fremd.

Die scholastischen Diskussionen über die Eucharistie ignorierte Schmemann aus tiefster Überzeugung.

„Solche Fragen wie Eucharistie und Prädestination", schrieb er in sein Tagebuch, „darf man nicht durch den Verstand und die  Logik angehen: ‚wenn so, dann so'... Das muss mit der Seele getan werden. Es gibt da eine gewisse Begeisterung, Ekstase, Spannung, worin sich alles öffnet und erkannt wird.

Ohne Liebe zu Gott geht nichts. Man sollte nicht sagen: `Zuerst werde ich verstehen, und dann beginne ich zu lieben´. Es sollte umgekehrt sein: `Zuerst beginne ich zu lieben und dann verstehe ich´. Das ist das ganze Geheimnis der Gotteserkenntnis. Das eine und unersetzliche Hauptwohl ist der seelische Frieden, und dieser Frieden widerspricht der sogenannten `Begeisterung´ nicht."[191] - Credo, ut intelligam... [192]

Für Schmemann war Eucharistie die Erfahrung des Eintretens in das Reich Gottes, und nicht nur „Transsubstantion" bzw. Handlungen des Klerus allein. „Die Eucharistie ist nicht möglich ohne die Kirche, also ohne die Gemeinde, die ihre einzigartige und auf nichts Weltliches reduzierbare Bestimmung kennt: all das, was in der Eucharistie vollgebracht wird und erscheint, die Liebe, die Wahrheit, der Glaube und die Mission, zu sein. Oder, nur kürzer - der Leib Christi zu sein".[193]

Schließlich wurde der beginnende Unterschied im Verständnis der Eucharistie zwischen früheren und modernen Christen zum Gegenstand unablässiger Sorge Schmemanns. 

„Die früheren Christen meinten: Sein Leib sei auf dem Altar, weil Er mitten unter uns sei. Die heutigen Christen meinen: Christus sei hier, weil sein Leib auf dem Altar sei. Es scheint ja dasselbe zu sein, aber in der Tat ist es diese Hauptdifferenz, in der sich das frühe Christentum von unserem unterscheidet - diese Differenz, die Theologen aus irgendeinem Grund nicht erkennen und nicht verstehen. Dort ist alles von der Kenntnis Christi und von der Liebe zu ihm bestimmt, hier dagegen von dem Wunsch, `eingeweiht´ zu werden. Dort ist es die Nachfolge Christi, die zur Kommunion führt und auch aus ihr folgt. Hier hat Christus mit der Sache fast nichts mehr zu tun. Es handelt sich fast um zwei unterschiedliche Religionen".[194]

Eben damit das Soziale „in der Religion nicht versinkt, ist die Eucharistie im Zentrum der Kirche bewahrt worden. Der ganze Sinn der Eucharistie ist es, immer alles von innen zu sprengen - und alles nicht nur ins „Transzendentale" (davon gibt es jede Menge), sondern zu Christus und seinem Reich zu bringen. Und daher ist es sicherlich auch kein Zufall, dass die Eucharistie, um sie zu entschärfen, zuerst zur privaten Heiligung reduziert und der persönlichen Frömmigkeit unterworfen und danach sogar von dieser Frömmigkeit abgetrennt worden ist".[195]

 

Die Macht und die christliche Gesellschaft

„Der Machtkampf", schrieb Schmemann, „ist die Quintessenz der gefallenen Welt. Um sich zu retten, muss man vor der Macht fliehen - vor jeder, was auch immer sie sein mag - vor der sichtbaren und der unsichtbaren (zum Beispiel der Macht über Seelen). Ich kann mir denken, dass jede Macht auf dieser Welt vom Teufel kommt. Wie menschlich sind Menschen, die Macht weder haben noch beanspruchen".[196]

Allerdings sind ihm sowohl der Kampf um die Macht und der Kampf gegen die Macht zuwider. „So wie der Bolschewismus jetzt schon die nationale Macht Russlands ist, so ist auch das Wesen des Emigrantennationalismus und -antikommunismus bolschewistisch"[197]; „unter den Emigranten gibt es so viele durchaus „intolerante" „treue" und „weiße"[198] Menschen, die auch ideale Tschekisten[199] wären"...[200] Auch wenn Schmemann mit N. A. Berdjajew nicht besonders sympathisierte, scheint er doch hier sein Buch „Quellen und Sinn des russischen Kommunismus" in Paraphrasen zu zitieren.

In seiner Einstellung zu sozialen Systemen zeigte Schmemann unweigerlich eine gewisse Widersprüchlichkeit. Einerseits war er „ideologisch" gegen den Sozialismus und kämpfte direkt oder indirekt gegen ihn - als Mitarbeiter von Radio Liberty[201] war ihm das immer bewusst. Andererseits konnten ihm auch die negativen Seiten des Kapitalismus nicht verborgen bleiben.

So schrieb er beispielsweise im Oktober 1974: „Die erstickende Wehmut des Kapitalismus und des Konsumismus, die moralische Gemeinheit der durch sie erschaffenen Welt... Ich bezweifele nicht, dass alles, was kommt, um sie zu ersetzen („die Linke"), noch furchtbarer und grausamer ist (...) Die Ursünde der Demokratie ist - zumindest kommt es mir so vor - ihre organische Verbindung mit dem Kapitalismus".[202]

Regelmäßig machte er sich Gedanken über „irgendeinen grundlegenden, sozusagen   `ausweglosen´ Wohlstand, den der christliche Westen genießt. Es ist vielleicht besser zu sagen: die unverbesserliche Bürgerlichkeit des westlichen Christentums". Den glatten Zeremonien fehlt das Erleben der Tragödie, der eschatologischen Spannung und gleichzeitig der Freude.

„Vielleicht ist das eben die geistige Haupteigenschaft jeder Bürgerlichkeit, auch der religiösen: die Verschlossenheit gegenüber dem `Tragischen´, zu dem uns, sozusagen, selbst die Existenz Gottes veranlasst. (...) Und vielleicht ist die `Armut´ wirklich das zentrale Symbol - Armut nicht als wirtschaftliche Gegebenheit, sondern die Einstellung ihr gegenüber, die Art, wie man sie eben wahrnimmt. Der Westen hat da entschieden, dass das Christentum zum Kampf gegen die Armut aufruft - (...) Dabei werden alle Kräfte der Seele verbraucht. Und die christliche Berufung ist ganz, ganz anders: zur Armut als zur Freiheit, zur Armut als zum Zeichen, dass die Seele die unmögliche (und für die Welt deswegen tragische) Berufung zum Reich Gottes empfunden und  wahrgenommen hat..."[203]

Diese ganze Tirade ist im Rahmen einer slawophilen[204] Tonart gehalten und von der unanfechtbaren Maxime gekrönt: „wenn Byzanz nicht `bürgerlich´ gewesen wäre"...[205] Jedoch folgt daraus wirklich, dass man den unbehebbaren Feudalismus des östlichen Christentums sowie die monastischen Bettelorden Westeuropas, die in der Epoche der eschatologischen Erwartung entstanden waren, komplett vergessen darf?...

Allerdings spiegelt das Tagebuch Schmemanns wider, dass er in seiner Bewertung der sozialen Systeme von Sozialismus und Kapitalismus schwankte. Als er den Film „Moskau glaubt den Tränen nicht"[206] sah, spürte er darin etwas „Warmes, Russisches, sogar Demütiges und Gutherziges".[207] Aber bereits wenige Tage später bezeichnete er den Sozialismus als „todbringende Pest" und „die Antwort des Antichrists an Gott" und verfasste eine Art „Hymne" an Privateigentum und Kapitalismus...[208]

Es scheint so, als ob er sich manchmal zu verstehen weigerte, dass auch in der UdSSR Menschen lebten, denen weder ihr historisches Gedächtnis noch die Sitten genommen wurden und die die Traditionen der Vergangenheit und ihre Kultur pflegten - und dass deren geistlicher Kampf schwieriger war als der der russischen Emigranten... Und sicherlich war es ein bisschen naiv von ihm, zu denken, dass die Mitarbeiter der amerikanischen Geheimdienste menschlicher und zivilisierter seien als die der sowjetischen.[209] Aber es scheint so, als ob jeder Bürger der USA, insbesondere ein Radio-Liberty-Mitarbeiter, so denken musste.

Allerdings erkannte Schmemann den Schematismus und die „Augenklappen" der amerikanischen Psychologie durchaus deutlich: „Wenn ein Mensch spazieren geht, dann tut er das, weil es ihm vom Arzt verschrieben wurde oder weil er darüber in der Zeitung gelesen hat. Eigentlich handelt es sich um das absolute Unvermögen, das Leben ohne Habgier zu genießen, die Zeit zu stoppen und darin die Ewigkeit zu spüren... Die Amerikaner scheinen mir Angst zu haben, sich dem Leben - der Sonne, dem Himmel und der Ruhe - anzuvertrauen. Sie müssen all dies die ganze Zeit under control haben. Daher kommt diese Nervosität, die in der Luft hängt... Und auch diese permanente Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Anderen, eine Art allgegenseitiger Beobachtung".[210]

So wie O. Spengler und auch die Slawophilen, die ihm zeitlich vorangingen, war Schmemann überzeugt, dass „der Westen dem geistlichen Untergang nicht entkommen kann, er ist schon gestorben und verwest".[211]

Wie ist „ein „dritter Weg", eine christliche Ideologie in einer Welt möglich, in der alle vom Kampf um Macht und Geld getrieben werden? Eines Tages beklagte Schmemann, dass es keine „dritte" christliche Idee gäbe - es gäbe also, trotz aller Behauptungen, keine soziale christliche Ideologie, der er wiederum selbst das Existenzrecht verweigerte...

Da gab es aber einen Moment des Zweifelns. Laut seiner eigenen Worte, kann es einen dritten Weg bzw. „ein christliches Sozialkonzept" prinzipiell nicht geben... Der dritte Weg, - das ist die vita contemplativa, ein Ideal des kontemplatives Lebens.

„Ein grausamer Fehler des modernen Menschen ist die Gleichsetzung des Lebens mit einer Aktivität, einem Gedanken usw. und die bereits fast absolute Unfähigkeit zu leben, also das Leben als eine pausenlose Gabe zu empfinden, wahrzunehmen, zu `leben´. Im sanften Frühlingsregen zum Bahnhof hinunterzugehen, die Bewegung eines Sonnenstrahls an der Wand zu sehen, zu empfinden und zu reflektieren - das ist nicht nur `auch´ ein Ereignis, das ist eben die Realität des Lebens selbst. Nicht Bedingung für eine Aktivität und für einen Gedanken, nicht indifferenter Hintergrund, sondern das, weshalb es sich im Grunde zu agieren und zu denken lohnt (auf dass es verspürt und `durchlebt´ wird). Und das ist so, weil Gott uns nur dadurch, und weder in Aktivitäten noch in Gedanken empfinden lässt.[212]

Das stimmt mit der Montaigneschen Maxime überein: „Einfach zu leben - das ist nicht nur die wichtigste, sondern auch die wunderschönste deiner Taten"... Aber „einfach zu leben" - das ist ja sogar Dostojewskij nicht so richtig gelungen. W. W. Rosanow merkte in seinem Buch „Abgefallene Blätter" an, dass es ein „Heute" bei Dostojewskij „gar nicht gab": er sei „ein Prophet des `Morgigen´ und Sänger `des längst Vergangenen´" gewesen.

In dieser Hinsicht ist Schmemann das absolute Gegenteil des Autors von „Die Dämonen"[213]. Er hat wahrlich ein eschatologisches Auge für das außerzeitliche „jetzt"... Lebhaft spürt er, dass es unmöglich ist, das Ideal der eschatologisch kontemplativen Fülle des Seins im Machtkampf und sogar in der Analyse dieses Kampfes zu bewahren. „Die Macht" - das ist ja eben die „Welt", die Christus aufrief, nicht zu lieben[214]. Sicherlich hatte Dostojewskij dies wunderbar verstanden, strebte aber danach, die Machtgier in der kathartischen[215] Spannung der Bildschöpfung zu heilen. Schmemann dagegen stellte sich keine solche Aufgabe - denn „Die Dämonen" waren ja bereits geschrieben...

Die Fülle des Glaubens verwirklicht sich nach Schmemann also in der eschatologischen Kontemplation, in der Kirche, die ein irdisches Bild des himmlischen Vaterlandes ist, im Zuhause, in der Familie, im kunstlosen Alltagsleben. Und um die Aufgabe des Lebens zu lösen, also sich retten zu lassen und Russland wieder zu beleben, wird weder äußerlicher Aktivismus noch „kirchliche Aktivität" benötigt, sondern das Zeugnis der Verkündigung der himmlischen Welt und der tragischen Wahrheit des Evangeliums durch die eigene Person...

 

* * *

In seinen Büchern und Tagebüchern behandelte Alexander Schmemann die brennendsten Fragen des religiös-gesellschaftlichen Lebens, wie sie auch in der modernen kirchlichen Publizistik diskutiert werden. Jedoch wäre es wahrscheinlich verfrüht, zu sagen, dass seine Sichtweisen und Argumente bereits vollständig zur Kenntnis genommen und genutzt worden sind... Die jüngste Provokation der Verbrennung der Bücher eines bekannten Theologen ist noch nicht vergessen[216]. Dabei ist  „Der historische Weg der Orthodoxie" durchaus in der Lage, einen offenen Wettbewerb um das beste Lehrbuch für Allgemeine Kirchengeschichte zu gewinnen. Seine Werke beinhalten auch viele wertvolle Materialien zur Pastoraltheologie und sicherlich auch über das orthodoxe Verständnis der Beichte und der Eucharistie...

Aber während wir große Hoffnung hinsichtlich der weiteren Aktualisierung seiner Werke hegen, möchten wir daran erinnern, dass Vater Alexander selbst kaum auf der Seite derer stünde, die irgendeine einzelne liturgische Praxis zur „Glaubensregel" erheben wollten. Und sein Tagebuch führte er nur für sich selbst und nicht etwa für die „Säuglinge im Glauben"...

 


[1] Rosarotes Christentum ist eine Bezeichnung des sentimentalen Christentums im Sinne von F. Dostojewskij.

[2] Шмеман А., прот. Дневники. 1973-1983. М.: Русский путь, 2005. С. 39. (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. 1973-1983. Moskau: Russkij put, 2005. S. 39)

[3] Werk von Georgi Wassiljewitsch Florowski (1893-1979), Erzpriester, religiöser Denker, Philosoph und Historiker, Autor zahlreicher Werke über die byzantinische Theologie vom 4. bis zum 8. Jahrhundert und über die Geschichte des russischen religiösen Bewusstseins. Professor an den Universitäten von Harvard und Princeton.

[4] Wassilij Wassiljewitsch (Basile) Zenkovsky, (1881-1962), russischer Philosoph und Historiker im Bereich der russischen Philosophie, Theologe, Psychologe, Pädagoge; Professor der Universitäten von Kiew und Belgrad und Dekan des Instituts de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris. 1942 zum Priester geweiht.

[5] Ibid. S.124

[6] Vgl. 1.Tim. 2,4; 2.Tim 2,25; 2.Tim 3,7 (Anm.d.Ü.)

[7] Aus der kirchenslawischen Übersetzung von Mt. 11,12. (Anm.d.Ü.)

[8] Historismus ist ein Prinzip der Betrachtung der Welt und der Natur- und gesellschaftlich-kulturellen Ereignisse in der Dynamik ihrer Veränderung im Laufe der Zeit, also ihrer historischen Entwicklung. Setzt die Analyse der Forschungsobjekte im konkreten historischen Kontext voraus. (Anm.d.Ü.)

[9] Ibid. S.23

[10] Ibid. S.595

[11] Ibid. S.282

[12] Außer dem bereits erwähnten W. W. Rimski-Korsakow zählten zu diesen Personen auch Vater Sosima (Talytsin), P. J. Kowalewskij, Vater Savva (Chimkevitch), Vater Cyprian (Kern) und V.V.Veidle. - Шмеман А., прот. Дневники. С. 431 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 431).

Mönchpriester Sosima (Talytsin) (*1879 o. 1860), Maler. Emigrierte aus Russland nach Frankreich. 1938 wurde er zum Mönch, 1944 zum Schemamönch unter dem Namen Savatius (Sawwatij) geweiht.

Pjotr Ewgraphowitsch Kowalewskij (1901 - 1978), Sohn des namhaften religiös-gesellschaftlichen Prominenten E. P. Kowalewskij. Emigrierte 1920 von Russland nach Frankreich. Haupthypodiakon des Metropoliten Eulogius (Jewlogij) (Georgijewskij), Leiter der Arbeit der Erzbischofskleriker. Dr. ist. und phil. (Sorbonne), Lateinlehrer im Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris, in der russischen Abteilung der Sorbonne und anderen Lehranstalten, Dekan des St.-Dionisius-Institus. Aktives Mitglied der Russischen Studentischen Christenbewegung und der Französischen Gesellschaft der Freunde der Orthodoxie, Gründer der Gesellschaft der Patriarchentumsunterstützer, Publizist. (Anm.d.Ü.)

Archimandrit Savva (Chimkevitch) (1899 - 1961), kämpfte in den Truppen der Weißen Armee, emigrierte später nach Deutschland. Absolvierte das Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris, diente als Priester (später Priestermönch) in Deutschland (Dresden), Frankreich und Italien. Aktives Mitglied der Russischen Studentischen Christenbewegung. Nach dem 2. Weltkrieg ging er in die Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats über. Sekretär der Diözesenverwaltung in Paris. (Anm.d.Ü.)

Vladimir Vasilievitch Veidle (1895-1979), russischer Historiker für Kunstgeschichte und Kulturwissenschaftler, der sich vor allem mit der christlichen Kultur befasste. Seit 1924 in der Emigration, Professor am Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge. Beschäftigte sich mit dem russischen Humanismus, der, im Gegensatz zum westlichen Aufklärungshumanismus, auf den Gefühlen von Sündigkeit, Mitleid und Barmherzigkeit beruht. (Anm.d.Ü.)

[13] Шмеман А., прот. Дневники. С. 466 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 466)

[14] Konstantin Petrowitsch Pobedonostsew; Oberprokuror des Heiligen Synods (1880-1905)

[15] Ibid. S.40

[16] Ibid. S.265

[17] Ibid. S.125

[18] Ibid. S.215

[19] Vgl. Lk. 17,21 (Anm.d.Ü.)

[20] Ibid. S.51

[21] Ibid. S.52

[22] Ibid. S.55f

[23] Ibid. S.59

[24] Mit vita contemplativa, zu deutsch in Betrachtung versunkenes (beschauliches) Leben, meint man in der Tradition Benedikts von Nursia das mönchische Ideal eines zurückgezogenen Lebens, wie es die Eremiten der ersten nachchristlichen Jahrhunderte führten. Manche zogen in die Wüste, sprachen nicht mit anderen Menschen, ernährten sich von Beeren und Kräutern, hielten lange Nachtwachen, fasteten und beteten. Die vita contemplativa verlangt die Abkehr von den weltlichen Dingen (z. B. Reichtum, Ehre, Macht, Triebe) und die radikale Hinwendung zu Gott. Die Entsprechung zur vita contemplativa ist die vita activa, die dem Gläubigen ein tätiges, teilnehmendes und auf seine Umwelt einwirkendes Leben nahelegt. In den verschiedenen christlichen Orden finden sich beide Lebensideale jeweils mehr oder weniger stark ausgeprägt. Begründet wurde der Begriff in der antiken Philosophie von Aristoteles, der wie später Epikur die vita contemplativa in Abgrenzung von einem Leben politischer Einflussnahme sah. (Anm.d.Ü., nach http://de.wikipedia.org/wiki/Vita_contemplativa)

[25] Ibid. S.56

[26] Ibid. S.372

[27] Ibid. S.286

[28] „Sein ganzes Leben lang war Sartre Sklave irgendwelcher apriorischer Ideen sowie ein Claqueur ohnegleichen. Erschreckend ist aber nicht, was er aus sich selbst machte, sondern dass unsere Epoche solch einen Menschen zum `Herrscher der Gedanken gemacht hat" (...) -- Шмеман А., прот. Дневники. С. 528 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 528)

[29] „Der Autor analysiert und `demaskiert´ blendend. Man weiß aber nicht, weswegen er es tut, oder, einfacher gesagt - wofür? (...) Es macht den Eindruck, dass es da überhaupt nichts gibt, außer der absolut sinnlosen Krabbelei der Menschen, die sich die ganze Zeit immer neue discours ausdenken... Es gibt keine Luft, es gibt nichts, worüber man sich freuen oder trauern kann..."- Шмеман А., прот. Дневники. С. 329. (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 329)

[30] Ibid. S.67, 538, 540

[31] St. Vladimir's Theological Quarterly, Vol. 16, No. 4, 1972, pp. 172-194

[32] Sergius (Sergej Nikolajewitsch) Bulgakow (1871 - 1944) - Erzpriester,  russischer Religionsphilosoph und Theologe, Wirtschaftswissenschaftler, Professor und Dekan des Instituts de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris. Einer der bedeutendsten Vertreter der orthodoxen Philosophie außerhalb Russlands, in dessen Theologie die Lehre von der Kirche, eng verbunden mit tiefen theosophischen Gedanken über Logos und Sophia, im Mittelpunkt steht. Förderer der ökumenischen Bewegung. (Anm.d.Ü.)

[33] Nikolaj Alexandrowitsch Berdjajew (1874 - 1948) - russischer philosophischer Publizist; versuchte eine Synthese von Marxismus und Idealismus. Durch seine mystische Kultur- und Geschichtsphilosophie ist Berdjajew bekannt als Vertreter des von F.M.Dostojewskij abhängigen, christlich beeinflussten russischen Existentialismus. Er galt als Künder und Deuter der Probleme seiner Zeit und versuchte eine Synthese von Monismus und Dualismus, Ost und West, Mystik und Moderne. Berdjajew war an der ökumenischen Bewegung aktiv beteiligt. (Anm.d.Ü.)

[34] Pawel Alexandrowitsch Florenski (1882-1937) - russischer Priester, Religionsphilosoph und Wissenschaftler; weltweit berühmt durch seine Hauptarbeit „Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit" (1914), die eine der wenigen Arbeiten ist, die die Frage der Theodizee aus orthodoxer Perspektive beleuchtet. In dieser behandelt er das Konzept der Alleinigkeit und die Sophia-Lehre, sowie die Begründung der orthodoxen Dogmatik, insbesondere der Dreieinigkeit, des Asketismus und der Verehrung der Ikonen. Des Weiteren ging die religionsphilosophische Problematik in den Werken Florenskijs mit der Erforschung unterschiedlichster Wissensbereiche einher, zu denen Linguistik, Mathematik und Physik zählten. Hier versuchte er, die Erkenntnisse der Wissenschaft mit dem religiösen Glauben zusammenzubringen. Ließ sich zahlreiche wissenschaftliche Erfindungen in den Bereichen der Kunststofftechnik, des Bauwesen und der Pharmazie patentieren, von denen viele in Forschungseinrichtungen des Straflagers entwickelt wurden, in dem er in den 1930er Jahren inhaftiert war. Wurde schließlich zum Tode durch Erschießen verurteilt und hingerichtet. (Anm.d.Ü.)

[35] Wassili Wassiljewitsch Rosanow (1856 - 1919) - bedeutender, wenn auch umstrittener Publizist, geistreicher bis maliziöser Kritiker der zeitgenössischen Gesellschaft und ihrer Strukturen (einschl. der Kirche), dabei von mancherlei Zweifeln umgetriebener gläubiger Christ. (Anm.d.Ü.)

[36] Schmemann А., прот. С. 527 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 329)

[37] Die Fronde (deutsch: die Schleuder) - ein Bündnis des französischen Hochadels gegen den zunehmenden Absolutismus in Frankreich des 17. Jahrhunderts. L'esprit de la fronde - Opposition zu irgendetwas aus privaten Gründen, Missmut, der sich äußert als eine Bestrebung, zu widersprechen, zu bestürmen. (Anm.d.Ü.)

[38] Ibid. S.407

[39] Ibid. S.482

[40]Abgefallene Blätter" ist ein Werk Rosanows, welches ein einzigartiges Genre darstellt, das vielleicht nur mit dem modernen Ausdrucksmittel des Weblogs (= Internet-Tagebuch) verglichen werden kann. Es handelt sich um Aphorismen und einzelne niedergeschriebene Gedanken und Eindrücke, in denen Rosanow den von ihm entwickelten fragmentarischen Schreibstil pflegte, der seine ausdrucksstarken Formulierungen besonders gekonnt zur Geltung brachte. (Anm.d.Ü.)

[41]Das dunkle Antlitz. Metaphysik des Christentums" ist ein 1911 erschienenes Werk von Rosanow, in dem er seine Kritik an der Kirche formulierte. (Anm.d.Ü.)

[42] Anton Wladimirowitsch Kartaschow (1875-1960), russisch-orthodoxer Kirchenhistoriker und Politiker; vor der Revolution 1917 Vorsitzender der Religiösen und Philosophischen Gesellschaft in Petersburg und letzter Oberprokuror des Heiligen Synods der Russischen Kirche. Zu Beginn der Revolution Kultusminister in der provisorischen Regierung. 1925 bis 1960 Professor für Kirchengeschichte und alttestamentliche Wissenschaft im Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris. Verbindungsglied zwischen geistlicher Ausbildung im vorrevolutionären Russland und neuer geistlicher Hochschule der russischen Diaspora. Im christologischen Dogma von Chalcedon sah er den Schlüssel zum Verständnis nicht nur der Kirche und der Inspiration der Heiligen Schrift, sondern auch der schöpferischen Tätigkeit des Menschen im Verklärungsprozess der Welt. Neigte zum byzantinischen Ideal einer theo- oder christokratischen „Symphonie" zwischen Kirche und Staat. Sein Hauptanliegen war es, den Einfluss der Kirche auf die gesamte russische Nation und deren Geschichte zu zeigen, obwohl er die Dominanz der Kirche über die Welt ablehnte. Glaubte an die Möglichkeit des Aufbaus einer christlichen Zivilisation. (Anm.d.Ü.)

[43]Boris Petrowitsch Wyschelavtsew (1877-1954), russischer Philosoph, Professor für Moraltheologie im Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris (1927-1943). Beschäftigte sich hauptsächlich mit religiös-philosophischer Anthropologie, Ethik sowie sozialen und rechtlichen Problemen. (Anm.d.Ü.)

[44] Afanasjew (Afanas'ev), Nikolaj Nikolajewitsch (1893-1966),  Erzpriester, Professor für Kirchenrecht und Kirchengeschichte im Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris. Autor zahlreicher Werke, vorwiegend im Bereich der Ekklesiologie. Gründer der liturgischen Konferenzen im Institut Saint-Serge, Teilnehmer zahlreicher ökumenischer Begegnungen. Beteiligte sich aktiv an der Kirchenleitung. (Anm.d.Ü.)

[45] Eucharistische Ekklesiologie ist die von Erzpriester Nikolaj (Afanasjew) erarbeitete theologische Reflexion über das Wesen und die Bedeutung der Kirche im Kontext von Gottes Wirken zum Heil der Menschen. Diese durch die kirchliche Erfahrung begründete Lehre betrachtet die Kirche vor allem als Gemeinde, die hierarchisch und sakramentologisch vereint ist. Die Grundlage der Kirche als des Leibes Christi, also einer mystischen Einrichtung, ist nach Afanasjew eben die eucharistische Versammlung. Folglich ist jede Gemeinde, die sich nach bestimmten Regeln versammelt hat, um am Sakrament der Eucharistie teilzunehmen, die Kirche.
Der eucharistischen Ekklesiologie steht die in der akademischen Theologie verwurzelte universalistische Ekklesiologie gegenüber, die die Kirche traditionell als Summe der Diözesen betrachtet, die in sakramentologischer Gemeinschaft miteinander stehen. Die universalistische Ekklesiologie manifestiert sich in der katholischen Lehre über das päpstliche Primat.
Ein besonderer Wert der theologischen Forschung Afanasjews liegt darin, dass er die Einheit der Ekklesiologie mit den anderen theologischen Disziplinen und selbst der Praxis des kirchlichen Lebens hergestellt hat. Dank dieser Besonderheit hatte die eucharistische Ekklesiologie im Sinne Afanasjews einen beträchtlichen Einfluss nicht nur auf die russische, sondern auch auf die römisch-katholische Lehre über die Kirche sowie auf die Entstehung der modernen ökumenischen Bewegung. (Anm.d.Ü.)

[46] John/Jean (Ioann Feofilowitsch) Meyendorff (Mejendorf), (1926 - 1992),  Priester, orthodoxer Theologe und Wegbereiter der Ökumene. Seit 1959 Professor für Patristik und Kirchengeschichte am St Vladimir's Seminary in Crestwood/NY, von 1984 bis zu seinem Tode dessen Rektor. Vertrat die „Orthodoxe Kirche in Amerika" (russischer Provenienz) im Zentralkomitee des Weltkirchenrates (WCC). Seit 1967 Professor für Byzantinische Geschichte an der Fordham University. Präsident der Orthodox Theological Society of America, Präsident der American Patristics Association, Mitglied des Exekutiv-Kommitees für Byzantinische Studien, Korrespondierendes Mitglied der Britischen Akademie der Wissenschaften sowie Inhaber der Ehrendoktorwürde der University of Notre Dame und des General Theological Seminary. Seit 1985 führte ihn eine umfangreiche Vorlesungstätigkeit in die UdSSR; er empfing zudem zahlreiche akademische und kirchliche Ehrungen. (Anm.d.Ü.)

[47] Мейендорф И., прот. Жизнь с избытком. Пер. с англ. (Meyendorff J., Erzpriester. A life worth living. Übersetzung aus dem Englischen)

// Schmemann А., прот. Дневники. 1973-1983. М.: Русский путь, 2005. С. 655. (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. 1973-1983. Moskau: Russkij put, 2005. S. 655)

[48] „Die Kirche des Heiligen Geistes": 1971 in Paris veröffentlichtes Buch von Vater Nikolaj Afanasjew (in der französischen Übersetzung „L'Eglise du Saint-Esprit". Paris: Cerf, 1975. 376 p.). (Anm.d.Ü.)

[49] Archimandrit Cyprian Kern (1899 - 1960), Priestermönch und Theologe, Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie, Liturgie und Patristik am Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris. Zu Cyprians Hauptwerken zählen "Die Eucharistie" (1947), "Die Anthropologie des Hl. Gregor Palamas" (1950) und "Orthodoxer Pastoraldienst" (1957). Im Mittelpunkt seiner Reflexionen steht die Eucharistie. (Anm.d.Ü.)

[50] „Die Krise der industriellen Kultur": 1953 veröffentlichtes Werk von B. P. Wyschelavtsew (Anm.d.Ü.)

[51] Шмеман А., прот. Дневники. С. 383 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 383)

[52]Mikhail Mikhajlowitsch Tarejew (1867 - 1934),  russischer orthodoxer Theologe und Exeget, Professor für Moraltheologie an der Moskauer Geistlichen Akademie (bis 1917). Plädierte für den Vorrang der innerlichen geistlichen Erfahrung in der Theologie. Nahm die existentielle Auslegung der Bibel vorweg. (Anm.d.Ü.)

[53] Als Altritualismus wird die Gesamtheit christlicher Bewegungen und Einrichtungen bezeichnet, die aus einer Liturgiereform hervorgegangene gottesdienstliche Ordnungen ihrer Mutterkirchen ablehnen. Sie berufen sich dafür auf die kirchliche Tradition, welche sie durch die erfolgte Liturgiereform missachtet oder verletzt ansehen. Bekanntestes historisches Beispiel für Altritualismus in der Russisch-Orthodoxen Kirche sind die sog. Altgläubigen (auch Altorthodoxen), welche die im 17. Jahrhundert durch Patriarch Nikon unternommene Kirchenreform zur Unifizierung der Gottesdienstordnung der Russischen Kirche mit dem der Griechischen Kirche ablehnen. (Anm.d.Ü.)

[54] Ibid. S.84

[55] Leo Isaakowitsch Schestow (1866-1938),  russischer Philosoph des Existentialismus, Literaturwissenschaftler, Lehrer an der Universität zu Sorbonne. Die Hauptrichtung seiner Werke bestand in der Kritik von Rationalismus und Szientismus. (Anm.d.Ü.)

[56] Dmitrij Sergejevwitsch Mereschkowski (Merezkovkij) (1866-1941), religiöser Denker, Vertreter des russischen Symbolismus. Seit 1900 verbreitete er das sog. „Neue Religiöse Bewusstsein", einen Synkretismus von Heidentum und Christentum. In seinen Bemühungen, ein neues religiöses System zu entwickeln, stützt sich   Mereschkowski auf die alte Theorie des Dualismus, die besagt, dass der Mensch aus Geist und Leib besteht. Das Heidentum „betonte den Leib bis hin zur Vernachlässigung des Geistes", und das sei der Grund seines Zerfalls. Das kirchliche Christentum habe das asketische Ideal „des Geistes bei Vernachlässigung des Leibes" propagiert. Tatsächlich aber, so Mereschkowski, habe Christus „die Gleichwertigkeit, die Gleichheiligkeit des Geistes und des Leibes behauptet" und „die kommende Kirche sei die Kirche des Heiligen Leibes und des Heiligen Geistes".

Auf die Initiative Mereschkowskis und seiner Frau, Schriftstellerin Zinaida Gippius, gingen auch die Religiös-Philosophischen Versammlungen in St. Petersburg zurück; auf diesen Treffen sollte ein Dialog zwischen der Intelligenzija und der Russisch-Orthodoxen Kirche geführt werden, für den es genügend kontroverse Punkte gab. In veränderter Form wurden diese Versammlungen nach dem Tode K. P. Pobedonostsews (1827 - 1907) bis 1916 fortgeführt. Die russische Revolution löste in Mereschkowski apokalyptische Vorstellungen aus - die Revolution sei ein religiöses Ereignis. Seit 1921 lebte das Ehepaar in Paris. Mereschkowski wurde 1933 aufgrund seiner Trilogie „Christ und Antichrist" (1901 - 1904), die in klassischer Form das Thema seiner Weltschau verkörpert, für den Literatur-Nobelpreis nominiert. (Anm.d.Ü.)

[57] Ibid. S.52

[58] Corpus (lat.) - Sammlung der Schriftwerke (Anm.d.Ü.)

[59] Mt. 7;16, nach Rev.Elberfelder (Anm.d.Ü)

[60] Ibid. S.619

[61] Iwan Wassiljewitsch Popow (1867 - 1938), Märtyrer, Professor für Patristik, Dr. für Kirchengeschichte, Hochschullehrer (Moskauer Geistliche Akademie, Moskauer Universität). In der sowjetischen Zeit mehrmals verhaftet und jahrelang in Straflagern und ins Exil geschickt. Wurde 1938  zum Tode durch Erschießen verurteilt und hingerichtet. (Anm.d.Ü.)

[62] Ibid. S.65

[63] Schmemann А., протопресвитер. Церковь, мир, миссия. М.: Православный Свято-Тихоновский Богословский институт, 1996. С.  (Schmemann А., Protopresbyter. Kirche, Welt, Mission. Moskau, Orthodoxes St.-Tichon Institut für Theologie, 1996. S. ).

[64]Nikolaj Sergejewitsch Arsenjew (1888 - 1977), russischer religiöser Schriftsteller, Publizist und Kulturwissenschaftler. Unterrichtete Geschichte der russischen Kultur und des geistlichen Lebens in der Universität zu Königsberg (1920 - 1944) und theologische Disziplinen in der Warschauer Universität. (1926 - 1938). Seit 1948 Professor im St.Vladimir Seminary in New York, Hochschullehrer in Montreal und Professor für Kulturgeschichte im Russisch-Amerikanischen Institut in New York. Autor zahlreicher Werke in den Bereichen der Kultur- und Literaturwissenschaft, Philosophie und Theologie. Befasste sich u.a. mit der Hagiologie und der christlichen Mystik, worin er den Schlüssel zur Überwindung der pessimistischen Weltanschauung sah.  (Anm.d.Ü.)

[65] Шмеман А., прот. Дневники. С. 623. (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 623)

[66] Apostasie (gr. αποστασία, von από apó „fern" und στάσις stásis „Stand", „Haltung", „Position") bezeichnet die Abstandnahme von einer Religion durch einen förmlichen Akt, z.B. Kirchenaustritt oder Übertritt zu einem anderen Bekenntnis (Konversion). (Anm.d.Ü.)

[67] Vorpeterlich: betreffen die Zeit vor Peter dem Großen, der 1721 radikale Kirchenreformen unternahm, welche die Kirche starker staatlicher Kontrolle unterwarfen (Abschaffung des Patriarchenamtes, Einrichtung des Synods, der durch einen staatlichen Beamten (Oberprokuror) geleitet war, Kontrolle über Kircheneinkommen, Einschränkungen des Klosterlebens, etc.). (Anm.d.Ü.)

[68] Sascha - russische Kurzform von Alexander. (Anm.d.Ü.)

[69] Ibid. S.70

[70]Alexander Matwejewitsch Bukharew (1824-1871), geistlicher Schriftsteller, Archimandrit und Professor an der Geistlichen Akademie zu Kazan. (Anm.d.Ü.)

[71] Antonij (Antonius)  (Chrapovickij) (1863-1936), Metropolit von Kiew und Galizien, bekannter Hierarch der Russischen Orthodoxen Kirche des 20. Jahrhunderts, namhafter Publizist und Theologe. Nach Verlassen Russlands wurde er Ersthierarch der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland.  (Anm.d.Ü.)

[72] Ibid. S.78

[73] Kostumbrismus (von span. costumbrismo): übertriebene Aufmerksamkeit auf die Einzelheiten des Alltagsleben bei seiner Darstellung oder Beschreibung. (Anm.d.Ü.)

[74] Gegenstandlose Malerei (abstrakte Kunst, gegenstandsfreie Kunst): Bezeichnung für jede Form der Bildenden Kunst, die sich von der gegenständlichen, wirklichkeitsbezogenen Darstellung losgelöst hat. (Anm.d.Ü.)

[75] Automatisches Schreiben als parapsychologischer und klinischer Begriff bezeichnet die Fähigkeit einer Person, im hypnotisierten, meditativen oder besessenen Trancezustand unbewusst schlüssige Texte zu schreiben. Bezeichnet in der Kunst eine Methode des Schreibens, bei der Bilder, Gefühle und Ausdrücke unreflektiert wiedergegeben werden. Die Surrealisten propagierten diese schriftstellerische Form der Freien Assoziation als neue Form der Poesie und Experimentellen Literatur. (Anm.d.Ü.)

[76] Ibid. S.58

[77] Nikolaj Semjonowitsch Leskow (1831-1895), russischer Schriftsteller; wird als der volkstümlichste Schriftsteller Russlands bezeichnet. Seine harmonische Einflechtung westlicher Einflüsse, seine tiefe Verwurzeltheit im russischen Kulturgrund und die Courage, über drängende Probleme zu schreiben, machte Leskow zu einer einzigartigen Erscheinung der russischen Kultur. Der charakteristische Schreibstil dieses Schriftstellers bestand in einer ruhigen, vielseitigen und ausgewogenen Schilderung des zeitgenössischen Alltags, die sowohl das gesellschaftliche Leben als auch die verschiedenen Klassen und Sozialschichten Russlands der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts historisch repräsentiert. (Anm.d.Ü.)

[78] Ibid. S.76f

[79] Iwan Alexejewitsch Bunin (1870-1953), russischer Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer; führte die Tradition der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts fort. Bekannt wurde er vor allem durch seine realistische Prosa, deren Hauptthema das Leben im ländlichen und provinziellen Russland vor der Oktoberrevolution war. 1933 erhielt er als erster Russe den Nobelpreis für Literatur.

[80] Rigorist: jemand, der eine starre Grundhaltung einnimmt, ohne Rücksicht auf konkrete Bedingungen und Situationen...

[81] Typikon bezeichnet die schriftliche Festlegung liturgischer oder sonstiger Kirchenvorschriften.

[82] Ibid. S.81

 [83]Iwan Alexandrowitsch Iljin (1882-1954), russischer Denker, Religionsphilosoph, Rechts- und Staatstheoretiker, Vertreter des russischen Neohegelianismus, Professor. Als Gegner des Bolschewismus wurde er mehrmals verhaftet, 1921 des Landes verwiesen und siedelte nach Berlin über, wo er am „Russischen Wissenschaftlichen Institut" lehrte und zum geistigen und ideologischen Ratgeber der russischen Diaspora avancierte. Danach lebte er bis zu seinem Tod in Zürich und beschäftigte sich mit den Axiomen der religiösen Erfahrung (1957/58 veröffentlicht) und der religiös-geistigen Erneuerung Russlands. In seiner pneumatischen Aktologie, also der Lehre von den geistigen Tätigkeiten und Fähigkeiten des Menschen im Sinne der Heiligen Schrift und der Theologie der Kirchenväter, betrieb er eine philosophisch-psychologische Analyse der Prinzipen und Axiome persönlicher religiöser Erfahrung und der Struktur des darauf aufbauenden Glaubensaktes im Lichte der russischen Orthodoxie und erschloss damit den politischen Kräften der Russischen Diaspora eine komplette religiöse Weltsicht. Er gilt als wichtiger Vertreter des metaphysischen Transzendentalismus und als bedeutendster russischer Interpret der Philosophie Hegels. (Anm.d.Ü, nach www.bautz.de)

[84] Semjon Ludwigowitsch Frank (1877-1950), russischer Religionsphilosoph und Psychologe. Nachdem er 1922 aus Russland ausgewiesen wurde, lebte er in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Kam vom legalen Marxismus zum religiösen Idealismus, welcher Existentialismus und der Phänomenologie nahe stand. Das Hauptmotiv der Frankschen Philosophie bestand in der Bemühung, das rationelle Denken und den christlichen Glauben zu vereinbaren. Übte scharfe Kritik am Sozialismus, der seiner Meinung nach einen extremen Grad von „moralisch-gesellschaftlichem Rationalismus" darstellte. (Anm.d.Ü)

[85] Unter anderem s. „Пушкин в русской философской критике. Конец XIX - первая половина ХХ века." М.: Книга, 1990 („Puschkin in der russischen philosophischen Kritik. Ende des 19. bis erste Hälfte des 20. Jahrhunderts". Moskau:Kniga, 1990)

[86] Шмеман А., прот. Дневники. С. 37. (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 37).

[87] Ibid. S.63

[88] „... ein seltsames Gefühlt - als sei ich vor Gott für diesen erstaunlichen und mir aus irgendeinem Grund unendlich lieben Atheisten, Wüstling und Skribenten persönlich verantwortlich. Warum werde ich nicht müde, mich in dieses Leben einzulesen, tief einzublicken, mich einzuleben? Warum fühlte ich mich mit Léautaud wohl? Im Winter war ich auf der ihm gewidmeten Ausstellung in Paris, im Arsenal. Wo kam diese Aufregung her - in einer ganz leeren Halle mit seinem Sessel, seinen Manuskripten und Büchern? Warum ist es so, dass etwas mir aus all diesem definitiv `leuchtet´? Als ob ich, während ich ihn lese, einfacher, reiner, ruhiger, bescheidener würde. Ist das vielleicht das Gegengift gegen alles Falsche?" (Ibid. S.35)

[89] Alfred Firmin Loisy (1857-1940), französischer Theologe und Bibelwissenschaftler, Student des Bibelkritikers Ernest Renan. Bestritt die exklusive Inspirationslehre und damit die absolute Irrtumslosigkeit der Bibel, weswegen er 1893 seines Professorenamtes am Lehrstuhl für Bibelwissenschaften am Institut Catholique enthoben wurde. Die Veröffentlichung weiterer Werke führte zu seiner namentlichen Exkommunikation und später gar zur Ächtung als vitandus (besonders schwere Form der Exkommunikation). Dennoch wurde er 1909 auf den Lehrstuhl für Religionsgeschichte am Collège de France berufen, wo er bis 1926 wirkte. Unter Einfluss der deutschen protestantischen Bibelwissenschaft vertrat Loisy eine, nach seiner Exkommunikation zusehends radikalere, angeblich streng historisch-kritische Bibelauslegung. Seine Kritik dehnt er auf die Dogmata und die kirchliche Hierarchie bis hin zur Gottesfrage aus. (Anm.d.Ü)

[90] Roger Martin du Gard (1881-1958), französischer Schriftsteller. Seine Werke sind gekennzeichnet durch sehr private Themen, Fehlen am Interesse für politische und gesellschaftliche Probleme, romantische Verklärung der Vergangenheit sowie die Bestrebung, deren Spuren in der Gegenwart zu finden und festzuhalten. Weitere Merkmale sind Glaube an die Bedeutung der Wissenschaft, Individualismus und vager Liberalismus. (Anm.d.Ü)

[91] Шмеман А., прот. Дневники. С. 648. (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 648)

[92] Raymond Aron (1905-1983), liberaler französischer Philosoph, Politologe, Soziologe, Publizist und Professor für Soziologie an der Sorbonne. Seine Hauptarbeitsgebiete waren Geschichtsphilosophie und Erkenntnistheorie, Kritik am Totalitarismus und die Auseinandersetzung mit den internationalen Beziehungen, vor allem mit der Dialektik von Frieden und Krieg. Er war einer der Urheber der Theorie der industriellen und postindustriellen Gesellschaft. In seinem bekannten Buch „Opium für Intellektuelle" (1955) schilderte er die Gründe für die Anziehungskraft der marxistischen Ideologie für die Intellektuellen und sagte voraus, dass diese sich mit der Zeit enttäuscht vom Marxismus abwenden würden, wenn sie den Antidemokratismus des sowjetischen Regimes begriffen hätten.

[93] Henry Louis Mencken (1880-1956), US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist, Literaturkritiker, Kolumnist und Satiriker. (Anm.d.Ü)

[94] „... die stille und helle Freude an der Anthologie Henry Menckens. Das ist mein amerikanischer Paul Léautaud".- Шмеман А., прот. Дневники. С. 541 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 541)

[95] Шмеман А., прот. Дневники. С. 444 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 444). Darüber [schrieb er] einige Jahre vorher: „Das immerwährende Interesse an Nietzsche ist einer dieser Durchbrüche, die im Grunde das Einzige sind, was interessant und wichtig ist. Wie banal es sich auch immer anhören mag, der Nietzscheanische Aufstand gegen das Christentum ist unermesslich wichtig und auf seine Art und Weise wertvoll".- Шмеман А., прот. Дневники. С. 355 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 355)

[96] Evgenij Nikolajewitsch Trubetzkoj, Fürst (1863-1920), russischer Philosoph und Rechtswissenschaftler. Beteiligte sich als Liberaler aktiv am politischen Leben des Landes. Nachdem er seine Jugendbegeisterung für Positivismus und Atheismus überwunden hatte, kam er zur Religiosität und wurde letztendlich ein Befürworter der Philosophie der Alleinigkeit von Wladimir Solowjow. Fürst Trubetzkojs Hauptthema war der unveränderliche und ewige Sinn des Lebens. Das von ihm erarbeitete philosophische System (der „Logismus") bemühte sich um die Rationalität des unbedingten Seins. (Anm.d.Ü.)

[97] „urge" (engl.): „Verlangen", „Drang, „Antrieb", „Trieb". (Anm.d.Ü)

[98] Katherine Mansfield (1888 - 1923), neuseeländisch-britische Schriftstellerin, vor allem durch ihre zahlreichen psychologischen Kurzgeschichten bekannt. Prägte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Form des „essay writing". (Anm.d.Ü.)

[99] Ibid. S.44

[100] Zinaida Gippius (1869-1945), russische Dichterin und Schriftstellerin, war mit Dmitrij Mereschkowski verheiratet. Zusammen bildeten sie das Zentrum für religiös-philosophischen Bewegung in Petersburg. Sie unterhielten auch den berühmten literarischen Salon der sog. „Dekadenz". (Anm.d.Ü.)

[101] Nikolai Stepanowitsch Gumiljow (1886 - 1921), russischer Dichter des Silbernen Zeitalters, einer der Protagonisten der literarischen Richtung des Akmeismus. (Anm.d.Ü.)

[102] Volkstümler (russ. Narodniki): sozialrevolutionäre Bewegung in Russland, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Erscheinung trat. Im Vordergrund dieser Bewegung standen revolutionäre Intellektuelle, die ihre gewohnte Umgebung verließen und als einfache Arbeiter lebten. Sie klärten das einfache Volk über soziale Missstände auf. Das Spektrum ihrer Anschauungen reichte von bürgerlich-demokratischer Aufklärung über Philanthropie bis zum sozialrevolutionären Terrorismus. (Anm.d.Ü.)

[103] Ibid. S.189

[104] Anna Achmatowa (1889-1966), russische Dichterin, Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin; Mitbegründerin der literarischen Richtung des Akmeismus. Ihre Werke sind durch ihren Bezug auf die moralischen Grundlagen des Seins, ein feines Verständnis der Psychologie der Gefühle, die mit privaten Erlebnissen verbundene Besinnung auf die nationalen Tragödien des 20. Jahrhunderts und durch den klassischen Stil der poetischen Sprache geprägt. (Anm.d.Ü.)

[105] Ossip Mandelstam (1891 - 1938), russischer Dichter. Neben Anna Achmatowa und Nikolaj Gumiljow einer der entschiedensten Vertreter des Akmeismus. (Anm.d.Ü.)

[106] Alexander Alexandrowitsch Blok (1880 - 1921), Dichter der russischen Moderne; wichtigster Vertreter der sogenannten zweiten Generation der Symbolisten. (Anm.d.Ü.)

[107] Boris Leonidowitsch Pasternak (1890-1960), Dichter und Schriftsteller, Nobelpreisträger für Literatur 1958. (Anm.d.Ü.)

[108] Marina Iwanowna Zwetajewa (1892 - 1941),  russische Dichterin und Schriftstellerin; gehörte zu den bedeutendsten Dichterinnen im Russland des 20. Jahrhunderts und stand an der Spitze literarischer Bewegungen wie Akmeismus und Symbolismus. (Anm.d.Ü.)

[109] Ibid. S.411

[110] Andrei Platonowitsch Platonow (1899 - 1951), russischer Schriftsteller, dessen Werke den Existentialismus vorwegnahmen. Einer der ersten Schriftsteller, die nach der Oktoberrevolution in Erscheinung traten. (Anm.d.Ü.)

[111] Ibid. S.14f

[112] Lew Sinowjewitsch Kopelew (1912 - 1997), russischer Germanist und Schriftsteller, Dissident und Menschenrechtsaktivist. 1981 während einer Reise nach Deutschland zwangsausgebürgert. In Deutschland wurde Kopelew bald zu einem Vorkämpfer für die Aussöhnung von Russen und Deutschen und zum renommierten Berater für russische Angelegenheiten. (Anm.d.Ü.)

[113] Georges Louis Marie Leclerc, Comte de Buffon (1707 - 1788 in Paris), französischer Naturforscher. (Anm.d.Ü.)

[114] Konstantin Nikolajewitsch Leontjew (1831 - 1891), bedeutender russischer Denker, Religionsphilosoph, Schriftsteller und Diplomat des 19. Jahrhunderts. Gegner des Liberalismus und Verfechter des Byzantinismus (= Kirchlichkeit, Monarchismus,  Hierarchie der Stände). (Anm.d.Ü.)

[115] Ibid. S.55

[116] Ibid. S.15

[117] Ibid. S.512f

[118] Ibid. S.11

[119] Ibid. S.44

[120] Bischof Grigorij (Grabbe) (1902-1995) , seit 1931 Kanzleileiter der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland in Karlowitz (Sremski Karlovci) . Vorsitzender des Ausschusses zum Schutz des orthodoxen Glaubens vor Häresien (seit 1936). Berater beim Bischofssynod und Zuständiger für das Auswärtige Amt (seit 1967). 1979 geweiht zum Bischof von Washington und Florida.

[121] Karlowitzer (Kirche von Karlowitz): Bezeichnung für die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland (ROKA, auch russische Exilkirche), vor allem vor der Wiedervereinigung mit dem Moskauer Patriarchat.  Die ROKA ist nach der Oktoberrevolution und dem Bürgerkrieg von russisch-orthodoxen Christen außerhalb der Sowjetunion gegründet worden. Sie entstand aus Gemeinden von Flüchtlingen, die Russland wegen der kommunistischen Christenverfolgung verlassen mussten. 1921 zog die ROKA-Hauptleitung mit Zustimmung des Serbischen Patriarchen nach Sremski Karlovci (Serbien), wo sie bis zur Evakuierung nach Amerika im Jahre 1944 blieb. 1927 beschloss der ROKA-Bischofssynod, die administrativen Verbindungen mit der Moskauer Kirchenleitung aufgrund deren Vereinnahmung durch die antireligiöse sowjetische Gewalt und damit die kirchliche Gemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat aufzulösen. Diese Entscheidung wurde von der Moskauer Kirchenleitung für unkanonisch erklärt und aufgehoben, wobei die ROKA selbst jahrelang als „das Schisma von Karlovci" bezeichnet wurde. Die offizielle Wiedervereinigung erfolgte am 17. Mai 2007 in Moskau mit der Unterzeichnung eines „Aktes der kanonischen Gemeinschaft" durch beide Kirchenoberhäupter.

[122] Ibid. S.53f

[123] Ibid. S.41

[124] Ibid. S.76

[125] Ibid. S.35

[126] S. 1.Thess. 5, 15-16, Rev.Elb. (Anm.d.Ü.)

[127] Ibid. S.83

[128] Ibid. S.72

[129] Ibid. S.437

[130] Alexej Petrowitsch Lebedew (1845 - 1908) - Bibelwissenschaftler, Theologe, Kirchenhistoriker, Professor in der Moskauer Geistlichen Akademie und der Moskauer Universität. (Anm.d.Ü.)

[131] Лебедев А.П. Лебедев А. П. Из истории нравственного состояния духовенства от II до VIII в. СПб., 1903 (Lebedew A.P. Aus der Geschichte des Moralzustandes des Klerus im Zeitraum vom 2. bis zum 7. Jahrhundert. St.Petersburg, 1903)

[132] Шмеман А., прот. Дневники. С. 66 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 66)

[133] Ibid. S.82

[134] Aus der Auslegung zur 75. Regel des 6. Kirchenkonzils, die bestimmt, dass Aufschreie beim Kirchensingen unakzeptabel sind. (Anm.d.Ü.)

[135] Ibid. S.403

[136] Б.Пастернак. Быть знаменитым некрасиво... (B.Pasternak: Es ist unschön, bekannt zu sein...)

[137] Шмеман А., прот. Дневники. С. 39. (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 39)

[138] Kamilavka (russ., vom griech. „Kamilavkion"): zylinderförmige Kopfbedeckung der orthodoxen Priester und - mit einem darüber getragenen Schleier - auch der Mönche und Bischöfe. In der Russisch-Orthodoxen Kirche ist die Kamilavka eine Auszeichnung für besonders geehrte Priester und Diakone. (Anm.d.Ü.)

[139] Ibid. S.597f

[140] Ibid. S.72

[141] Großes Euchologion: ist das liturgisches Buch, das sämtliche oder einen Teil der Gebete umfasst, welche die orthodoxen Bischöfe und Presbyter als Vorsteher beim Gottesdienst zu sprechen haben; wurde vom Metropoliten Pjotr (Mohila) im 16 Jh. zusammengestellt und wird nach wie vor im orthodoxen Gottesdienst verwendet. (Anm.d.Ü.)

[142] Ibid. S.35

[143] Starez (russ. "ehrwürdiger Greis"): ein erfahrener geistlicher Vorkämpfer und Asket, der über die geistliche Weisheit und die gottgegebene Kraft verfügt, anderen durch seine Gebete und Ratschläge zu helfen. Ein Starez hat, oft unter der Leitung eines erfahrenen Meisters, viele Jahrzehnte im geistigen Kampf verbracht, die Stufen des Mönchtums durchlaufen und durch unablässiges Gebet und asketische Übungen, die auch das Leben in einer Einsiedelei oder Klause einschließen können, ein besonderes Verhältnis zu Gott entwickelt, welches ihn nicht nur mit der tiefsten und vielseitigsten geistlichen Erfahrung, sondern auch mit Gaben bereichert hat, mit denen er anderen auf dem Weg zum Heil dienen kann (Tröstungs- und Seelsorgefähigkeit, Einsichtsfähigkeit, ggf. Heilungs- und Hellseherkraft). (Anm.d.Ü.)

[144] Das Jesusgebet ist ein Gebet, in dem die Worte „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!" mehrmals, meist stillschweigend, wiederholt werden. Gilt von der ausschlaggebenden Bedeutung her als einfachstes und grundlegendstes Mittel der asketischen Praktik des Schutzes von Verstand und Herz im Kampf gegen sündige Gedanken. Es „klärt auf, bekräftigt, belebt, besiegt alle sichtbaren und unsichtbaren Feinde und führt zu Gott empor". (Hl. Theophanus (Feofan) der Einsiedler; Anm.d.Ü.)

[145] Unter dem geistlichen Tun (geistig-seelischen Tun, Herzensgebet) wird in der orthodoxen asketischen Literatur traditionell die innerliche (seelische) Übung des Christen verstanden, die im unablässigen Gebet „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!" besteht. Besonders ausgeprägt im Hesychasmus. (Anm.d.Ü.)

[146] Ibid.

[147] Pars pro toto (lat.) - „Ein Teil [steht] für das Ganze". (Anm.d.Ü.)

[148] Toto (lat.) - „das Ganze". (Anm.d.Ü.)

[149] Ibid. S.539

[150] Ibid. S.300

[151] Ivan - die Weltform des Namen Ioann. (Anm.d.Ü.)

[152] Ibid. S.539

[153] Die Philokalie (griech. Φιλοκαλία) ist eine Sammlung der Auszüge aus Werken, Sprüchen und Belehrungen von ursprünglich 26, später 38 asketischen christlich-orthodoxen Vätern aus der Zeit vom 4. bis zum 15. Jahrhundert. Das griechische Wort Philokalia bedeutet Liebe zur Schönheit, d.h. der Tugend oder der geistigen Schönheit; es wird auch oft mit Tugendliebe übersetzt. Die Philokalie gibt die Erfahrung der orthodoxen Asketen auf ihrem Wege zur Vereinigung mit Gott wieder. Die meisten Texte gehören zur Tradition des Hesychasmus. (Anm.d.Ü.)

[154] Ibid. S.271f

[155] Ibid. S.272

[156] Das Walaamskij Kloster (Kloster Walaam) ist ein orthodoxes Kloster im Nordwesten Russlands. Es liegt auf der Insel Walaam im Ladogasee. (Anm.d.Ü.)

[157] Struve, Nikita Alexejewitsch (geb. 1931), Slawist, Literaturwissenschaftler und Forscher im Bereich der russischen Emigration, Geschichte und Kultur. Direktor des YMCA-Press Verlages und Professor an der Universität zu Sorbonne. (Anm.d.Ü)

[158] Heiliger Gerechter Alexius (Alexij) Metschow (1859 - 1923),  Moskauer Erzpriester, Starez. (Anm.d.Ü.)

[159] S. Mt., 18,3, Rev. Elb. (Anm.d.Ü.)

[160] Heiliger Theophanes der Einsiedler (Theophanes der Klausner, russ. Feofan Zatvornik) (1815-1894), heilig gesprochen 1988, Fest: 10. Januar. Bedeutender russischer Starez im 19. Jahrhundert, der einen Großteil seiner Seelenführung auch auf brieflichem Wege durchführte. Als zutiefst frommer Asket und Glaubenszeuge übte er beachtlichen Einfluss auf die geistliche Wiedergeburt der zeitgenössischen Gesellschaft aus. Er vermittelte seine Erfahrungen mit dem Gebets- und Asketenleben in einer Form, die auch Laien zugänglich war. Zu einem der Schätze seiner Erben als Theologen und Bibelwissenschaftler gehört seine umfangreiche Auslegung des Neuen Testaments. (Anm.d.Ü.)

[161] Ibid. S.374

[162] Ignatius (Ignatij) (Brjantschaninow); Bischof von Kaukasus und Schwarzem Meer (1807-1867, heilig gesprochen 1988; Gedenktag am 30.4.jul./13.5.greg.), bedeutender Asket und geistlicher Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Seine Werke zeigen profunde Kenntnis der Heiligen Schrift und der Überlieferung der Heiligen Väter, die er schöpferisch umgearbeitet und im Bezug auf die geistlichen Anforderungen der modernen Zeit reflektiert hat. Die Werke des Heiligen Hierarchen sind auch durch hohe literarische Qualität geprägt und stellen ein wertvolles Mittel dar für diejenigen, die den Weg der empirischen Gotteserkenntnis gehen wollen. (Anm.d.Ü.)

[163] Ibid. S.502

[164] Rudolf Karl Bultmann (1884 - 1976), evangelischer Theologe, Professor für Neues Testament, bekannt durch sein Programm der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung. (Anm.d.Ü.)

[165] Fundamentalismus bezeichnet allgemein das kompromisslose Beharren auf politischen, ideologischen oder religiösen Grundsätzen, welches sich jeglichem Dialog in der Sache verweigert. Das Wort selbst geht auf eine 1910-1915 von protestantischen Christen in den USA herausgegebene Schriftenreihe über „unverrückbare „Grundwahrheiten" des christlichen Glaubens zurück. (Anm.d.Ü.)

[166] Ibid. S.587

[167] eo ipso (lat.): von selbst, eben dadurch, selbstverständlich. (Anm.d.Ü.)

[168] Vgl. das russische Sprichwort „Der Bauer wird sich nicht bekreuzigen, bis es donnert" (im Sinne von „Not lehrt beten"). (Anm.d.Ü.)

[169] Grigorij Jefimowitsch Rasputin (1869 - 1916), russischer Wanderprediger, dem Erfolge als Geistheiler nachgesagt werden. Geboren in einem Dorf am Rande des Urals, begann er im Alter von 17 Jahren eine fünfzehnjährige Zeit als Pilger, um die Religion zu lernen. 1903 kam er nach St. Petersburg. Berühmt wurde Rasputin, weil er an den Zarenhof gerufen wurde, in der Hoffnung, die Blutungen des an Hämophilie leidenden Zarensohnes Alexej durch Gebete zum Stillstand bringen zu können. Angesichts dieser Hoffnung wies die Zarin jede Kritik an Rasputin stets strikt zurück. Da die Erkrankung des Zarensohnes geheim gehalten wurde, konnte das hohe Ansehen, welches der „ungebildete Bauer Rasputin" in der Zarenfamilie und besonders bei der Zarin genoss, der Öffentlichkeit nicht erklärt werden. Zusammen mit Rasputins manchmal recht seltsamem Verhalten gab dies Anlass zu Verleumdungen aller Art. Während des Ersten Weltkrieges zeigte sich, dass Russland mit seinem noch schwach ausgebauten Eisenbahnsystem und seiner gering entwickelten Industrie der deutschen Militärmacht nicht gewachsen war. Bei der Suche nach Schuldigen für die militärischen Niederlagen wurde Rasputin zum Sündenbock für die katastrophale Lage des russischen Reiches, obwohl sein politischer Einfluss in Wirklichkeit sehr gering war. Am 17. Dezember 1916 wurde Rasputin von seinen Gegnern ermordet. (Anm.d.Ü.)

[170] Zugänglich auf der Webseite des St.Filaret Instituts: http://www.sfi.ru/lib.asp?rubr_id=742&art_id=3499

[171] Konstantin'sche Periode (313 - 337): die durch den Heiligen Kaiser Konstantin dem Großen eingeleitete Wende von brutaler Christenverfolgung zum Siegeszug des Christentums.

[172] Schmemann А., прот. Исповедь и причастие (Schmemann А., Protopresbyter. Die Beichte und die Kommunion. Ein Vortrag vor dem Synod der Orthodoxen Kirche in Amerika)

[173] Sergius Tschetwerikow, Erzpriester (1867 - 1947), Lehrer für das Gesetz Gottes im Kadettenkorps von Poltawa (nach einer anderen Quelle: von Krimskij), mit dem er 1920 gemeinsam ins Ausland emigrierte. Gemeindepriester in Jugoslawien, Beichtvater der Russischen Studentischen Christenbewegung. (Anm.d.Ü.)

[174] Was gegen das Mönchsgelübde des Gehorsams wäre. (Anm.d.Ü.)

[175] Hier: Theologie im Sinne der Katholischen Kirche. (Anm.d.Ü.)

[176] Heiliger Hierarch Petro Mohyla (auch Petrus oder Pjotr Mogila; 1596 - 1647, heilig gesprochen 1996), durch seine Leistungen in Politik, Kirche und Bildungswesen bekannt, war seit 1633 Metropolit von Kiew und Galizien. Geboren in der Familie eines Moldawischen Fürsten, bekam er seine grundlegende Ausbildung in der Lemberger Bruderschaftsschule, die 1586 zum Schutz und zur Bewahrung des orthodoxen Glaubens gegründet wurde. Seine weitere Ausbildung erlangte Petro Mohyla auf europäischen katholischen Universitäten (vermutlich auf der polnischen Akademie in Zamość, in Holland und in Paris). Diese Studien prägten die katholischen Tendenzen seiner theologischen Auffassungen, die später in seinen Werken und Verordnungen deutlich wurden und den Gang der orthodoxen Theologie in den darauffolgenden Jahrhunderten stark beeinflusst haben. Zu seinen Werken gehört das große Euchologion (Trebnik), das bis heute von der russischen Geistlichkeit verwendet wird. Im Trebnik wurden nicht nur Gebete und Gebräuche ausgelegt, sondern auch Erklärungen und Anweisungen festgehalten, wie man sich in gewissen Fällen zu verhalten hat; außerdem dogmatische und zeremonielle Deutungen der Liturgie. Der Sluzhebnik - ein Vorschriftenkodex für den Kirchendienst - und der erste orthodoxe Katechismus gehen ebenfalls auf Mohyla zurück. Mit seinem Namen verbindet man die Entwicklung des Ausbildungssystems in der Ukraine, die nicht einfach nur die westeuropäischen Schulen kopierte, sondern ernsthaft mit ihnen konkurrieren konnte. Von ihm und teilweise aus seinen eigenen finanziellen Mitteln wurde die erste Hochschule in Osteuropa gegründet, die den Grundstein für die universitäre Ausbildung in diesem Teil des Kontinents legte.

[177] Latinum - orthodoxe Bezeichnung für Katholizismus bzw. Katholizität. (Anm.d.Ü.)

[178] Eine der Fürbitten des Bußgebets vom Hl. Andreas von Kreta, die während des Großen Fastens täglich gesprochen wird. (Anm.d.Ü.)

[179] Die Psalmen 22, 23 und 115 sind Teil der vorbereitenden Gebete vor der Heiligen Kommunion (Anm.d.Ü.)

[180] Ibid. S.12

[181] Ibid. S.34

[182] Ibid. S.35

[183] Das Schmemansche Buch „Einführung in die liturgische Theologie" betrachtet die byzantinische Synthese als mysteriale und monastische Linien der orthodoxen liturgischen Entwicklung. Im weiteren Sinne wird darunter die Synthese des hellenistischen Erbes mit dem Christentum verstanden. (Anm.d.Ü.)

[184] Ibid. S.80

[185] Ibid. S.335

[186] Der berühmteste Große Kanon des Hl. Andreas von Kreta ist ein Bußlied, in dem der Dichter bzw. die sprechende Person alltiefste Reue und Bußgefühle vor Gott äußert und zu ihm um Erbarmung und Heil betet. Wird während der Fastenzeit in der Kirche gesprochen. (Anm.d.Ü.)

[187] Troparion (griech.) -  ein uraltes (seit dem 4. Jahrhundert belegtes) christliches Gebetslied, das über das Wesen des jeweiligen gefeierten Heilsereignisses oder über das Leben und die Taten eines Heiligen, dem der jeweilige Tag gewidmet ist, kurz berichtet. (Anm.d.Ü.)

[188] „Seele mein, Seele mein, stehe auf, was schläfst du" ist eine Anrufung aus dem Großen Kanon des Hl. Andreas von Kreta. (Anm.d.Ü.)

[189] Ibid. S.79

[190] Die Osternordnung der Aussegnung wird während der Osterwoche ausgeführt und unterscheidet sich von der gewöhnlichen Aussegnungsordnung durch Freude über den Sieg Christi über den Tod und die Hervorhebung der Bedeutung des Todes als der Geburt ins ewige Leben.  (Anm.d.Ü.)

[191] Шмеман А., прот. Дневники. С. 91 (Schmemann А., Protopresbyter. Die Tagebücher. S. 91)

[192]Credo, ut intelligam" (lat., „ich glaube, damit ich erkennen kann") ist eine Kurzformulierung für ein theologisch-philosophisches Programm von Anselm von Canterbury (1033 - 1109). (Anm.d.Ü.)

[193] Ibid. S.58f

[194] Ibid. S.67

[195] Ibid. 215f

[196] Ibid. S.53

[197] Ibid. S.19

[198] Die Weißen (oder Weißgardisten): Mitglieder der Weißen Armee, die in den Jahren des russischen Bürgerkrieges (1917 - 1923) gegen die Ergebnisse der Oktoberrevolution von 1917, vor allem gegen die Sowjetmacht und die bolschewistische Führung kämpften. (Anm.d.Ü.)

[199] TscheKa: Abkürzung für „ Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage", im. Dezember 1917 gegründete sowjetrussische Staatssicherheit, politische Polizei der UdSSR. Hiervon abgeleitet wurde der Ausdruck Tschekisten, der sowohl für politische Polizisten innerhalb Russlands als auch für Mitarbeiter von Geheimdiensten im Ausland verwendet wurde. (Anm.d.Ü.)

[200] Ibid. S.29

[201] Radio Free Europe/Radio Liberty (russ. „Radio Swoboda"): eine Kette von Radiosendern, die Hörfunkprogramme in osteuropäischen und zentralasiatischen Sprachen produzierten und hauptsächlich auf Kurzwelle ausstrahlten. Die Sender hatten sich - nach eigener Aussage - das Ziel gesetzt, die demokratischen Werte und das Menschenrecht auf Informationsfreiheit für Hörer in den ehemals kommunistisch regierten Ländern zu ermöglichen. (Anm.d.Ü.)

[202] Ibid. S.113

[203] Ibid. S.281

[204] Der Ausdruck Slawophile (Slawenfreunde) bezeichnet eine politisch-publizistische Bewegung, die seit den 1820er Jahren die tschechischen und russischen Vorläufer bzw. frühen Vertreter des (der Position der „Westler" entgegengesetzten) Panslawismus bildeten. (Anm.d.Ü.)

[205] Ibid.

[206]Moskau glaubt den Tränen nicht" ist ein sowjetischer Spielfilm aus dem Jahr 1979, der die Lebensgeschichten dreier Frauen beschreibt, die aus der Provinz nach Moskau kamen. Der Titel des Films zitiert ein russisches Sprichwort und bedeutet, dass man, anstatt zu jammern, etwas tun muss. Der Film besticht durch seine personenzentrierte Handlung, die sich deutlich von sozialistischer Propaganda abhebt. Dem Regisseur Menschow gelang es, ein zeitgeschichtliches Abbild ganz normaler Lebensgeschichten im realsozialistischen Moskau der 1950er bis 1970er Jahre zu zeichnen. Der Film wurde 1980 auf der Berlinale für den Goldenen Bären nominiert und erhielt 1981 den Oscar als bester ausländischer Film.

[207] Ibid. S.591

[208] Ibid. S.593f

[209] Ibid. S.397

[210] Ibid. S.428f

[211] Ibid. S.147

[212] Ibid. S.15

[213] „Die Dämonen" (russisch „Бесы") ist ein 1873 veröffentlichter Roman von Fjodor Dostojewski. (Anm.d.Ü.)

[214] Vgl. 1.Joh. 15-17. (Anm.d.Ü.)

[215] Katharsis ist  nach Aristoteles die seelische reinigende Wirkung, die bei der Betrachtung der antiken Tragödie eintritt. (Anm.d.Ü.)

[216] Die 1998 im Jekaterinburger Geistlichen Seminar auf Initiative von Seminarinspektor Bischof Nikon erfolgte Verbrennung der Bücher der orthodoxen westlichen Theologen und Priester A. Schmemann, I. Meyendorff und des russischen Theologen A. Men; durch den Geweihten Synod der Russischen Orthodoxen Kirche verurteilt. (Anm.d.Ü.)

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