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Goldener Fonds

Weihnachtsparadoxa

9. Dezember 2013
Mit Erzpriester Andrei Lorgus, Rektor des Instituts für Orthodoxe Psychologie, sprechen wir, mit einem Ausdruck von Alexander Blok, über „unsagbare Dinge“. Deshalb läuft das Gespräch manchmal an der Grenze dessen, was gerade noch bzw. kaum mehr zu verstehen ist. Es gibt das gigantische Mysterium der Fleischwerdung Gottes und die ewige Frage danach, wozu sie geschehen ist, obwohl diese Frage schon zweitausend Jahre lang beantwortet wird. Allein dadurch, dass all das tatsächlich stattgefunden hat, wandelte sich die Welt um, und es ergibt sich, dass die Zeit zurückzugehen beginnt. 

— Weihnachten kommt näher, und damit nähert sich auch die Zeit unendlicher Gelagen, des obligatorischen Jubels, der aufpolierten Postkartenidyllen der traditionellen Entourage der „Heiligen Tage“… Die Medien behaupten, im Westen stelle man bereits die Frage: „What has Christ to do with Christmas?“

Wir sind noch nicht so weit, aber auch wir haben den Kopf voll mit Einkäufen für den Silverster-Partytisch, Tannenbäumen, Geschenken und Plänen, wohin wir in den Ferien mit den Kindern fahren sollen. Wie kann man diese Oberflächlichkeit durchbrechen und zum eigentlichen Erlebnis des Weihnachtsereignisses durchdringen, oder ist dies bereits unmöglich?

— Es ist möglich. Jedoch hängt es davon ab, wie der Mensch generell sein Leben aufbaut, worin es besteht. Besteht es in einer Befolgung des Kalenders, dann würde es wahrscheinlich auch weiter auf diesem Niveau – also mit Geschenken, Ferien und Ausflügen –  bleiben. Interessiert sich jemand aber für die ontologische, die existentielle Ebene, dann richtet er sein Leben vom Wesen zur Erscheinung aus und nicht umgekehrt.

Im Leben gibt es aber Zeiträume eines gewissen Dahinvegetierens, in denen etwas im Inneren reift und dann plötzlich herauswächst. Vor einer solchen Umkehr passiert aber immer etwas: Midlife-Crisis, Suche nach dem Sinn im Jugendalter, Liebe, Tragödie. Mit anderen Worten ist für den Durchbruch häufig ein Anstoß nötig. Dann eröffnet sich dem Menschen plötzlich die Ontologie des Daseins, und er beginnt dann nicht nur das oberflächliche, sondern auch das wesenhafte Niveau zu unterscheiden. 

Dabei muss er nicht unbedingt den religiösen, sondern kann auch einen anderen Weg einschlagen. Oder auch sagen: „Nein, Leute, all das brauche ich nicht; ich habe mein Bierchen getrunken, meine Serie geguckt und jetzt gehe ich schlafen.“ Er erklärt seinen Verzicht auf die Tiefe, da sie ihn erschrocken hat. Auch diese Wahl sollen wir respektieren; es mag sein, dass er einfach noch keine Kräfte für den Umschwung hat. Möglicherweise wird er später  dorthin zurückkehren.

Was ist an Weihnachten das Wichtigste? Dies ist ein grundlegendes Element, die auch unser Gespräch darüber bedeutsamer macht, als es eine bloße Diskussion über ein kalendarisches Ereignis wäre. Weihnachten fehlt die Exklusivität. Es ist weder nur für Orthodoxe, noch für Katholiken, für Christen, Erwachsene oder Kinder da. Es ist generell für alle da. Weihnachten trägt eine vollkommene Universalität in sich, es ist für alle Menschen da.

— Anders als Ostern?

— An Weihnachten gibt es noch nichts, was von den Menschen eine bestimmte Wahl erfordert. Es ist ein Geschenk für die ganze Menschheit. Manche nehmen es an, manche treten es mit Füßen, manche spucken darauf, manche verehren es…  Aber alle diese Ereignisse stehen noch bevor Das Jesuskind ist geboren – aber das blieb ganz unbekannt, ungenannt und ohne Lärm; nur ein kleines Sternchen hat es begrüßt, und das war alles. Es gab weder einen Vulkanausbruch, noch einen Wirbelsturm, noch ist der Himmel auf die Erde gestürzt, sondern in einen kleinen Stall ist es ganz leise heruntergekommen… Das hat einen großen Sinn, nämlich dass es eine Freude für alle ist. Willst du sie annehmen, tu es; willst du nicht, lass es.

Wenn man bei uns sagt, im Westen versuche man, jegliche Weihnachtssymbolik loszuwerden, ist das etwas übertrieben. Wenn man Europa besucht und all die ganzen Weihnachtsmärkte und Adventsfeierlichkeiten sieht, wo alle Städte in dieser Symbolik versinken, dann kommt die Frage: wo ist denn die angebliche übertriebene Rücksichtnahme auf Angehörige anderer Religionen?

Meine Eindrücke sich ganz anders. 90 % der Menschen weltweit sind religiös. Diejenigen, die sich ganz offen zum Atheismus bzw. Agnostizismus z bekennen, sind sehr wenige – die Menschen tragen so etwas nicht allzu sehr zur Schau. 

— Ist also das Bestreben, das Heilige Land zu besuchen, das heute bei vielen entsteht, nicht nur einfach eine Mode? Kann der Besuch des Heiligen Landes einem Menschen wirklich etwas offenbaren?

— Ja und nein. Ich besuchte das Heilige Land mit verschiedenen Gruppen und muss sagen, dass es viele Menschen gibt, für die dort gar nichts geboten ist – sie kommen an und fahren wieder weg, manchmal sogar enttäuscht: „All diese eure Entzückungen… Ich habe nichts davon erlebt.“

Doch ist es eben eine Tatsache, dass Orte, Gegenstände und Daten im Leben eines Menschen, in seiner innerlichen spirituellen Geschichte, wirklich wichtig sind. In der Psychologie wird dies „Synchronisierung“ genannt, also das Phänomen, bei dem wir zusammen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit das selbe zu spüren beginnen.

Da Weihnachten im Heiligen Land ist eben so eine Synchronisierung: dort geschieht etwas, und die Menschen spüren etwas gemeinsames und begeben sich dorthin, um es dort zusammen zu erleben. Es gibt aber auch solche, die dorthin fahren, weil es Mode ist, und nichts verspüren; solchen Menschen bin ich begegnet.

— Was ist für den Werdegang der Persönlichkeit denn wichtiger: ein gemeinsames Erlebnis, das an einen Ort und ein Datum gebunden ist, oder ein individuelles Erlebnis?

— Am wichtigsten ist es, seinen eigenen, persönlichen Weg zu gehen, denn der wesenseigene Weg eines Menschen eröffnet sich nur ihm selbst; niemand sonst weiß etwas über diesen Weg. Es mag sein, dass er weder dem Weg eines anderen Menschen noch dem allgemeinen Weg der anderen Leute entspricht. Da geht man nicht in Kolonnen, im spirituellen Leben geht man allein – deshalb fällt es übrigens so schwer.

— Was ist dann aber mit der christlichen Gemeinde?

— Die dient den anderen Zwecken. Der Mensch hat mehrere grundliegende persönliche Bedürfnisse. Eines davon ist – und meines Erachtens ist es das mächtigere – das Bedürfnis nach Selbstwert, also nach Einzigartigkeit und einem individuellen Weg, ein anderes das Bedürfnis nach Teilhabe. Manchmal stehen sie zueinander in Widerspruch.

Während einer Krankheit bittet einer: „Lasst mich nicht allein, es geht mir schlecht, wenn ich allein bin“, während der andere sagt: „Ich will alleine sein.“

Was religiöse Erlebnisse betrifft, gestehen viele: „Es ist gut, wenn Gotteshäuser den ganzen Tag lang geöffnet sind, so kann ich kommen, wenn niemand da ist, und dort eine Weile in Ruhe sitzen und beten.“ Manchmal jedoch sagt man auch: „Zum ersten Mal verspürte ich die Kraft des Gebets, als ich ins Gotteshaus kam und alle zusammen das Glaubensbekenntnis oder das Vaterunser sangen.“ Das ist also unterschiedlich.

Das Heilige Land ist aber ein besonderer Ort. Jedes Land hat seine eigenen Heiligtümer. Das Heilige Land ist aber mit nichts zu vergleichen.

Hier geschehen generell Dinge, die mit Worten schwer zu vermitteln sind. Sie sind nicht nur mit dem Leben Jesu Christi, sondern mit etwas noch Größerem verbunden. Denn es ist das Land, wo der Herr vor Moses auf dem Berg Sinai erschien und viel Phantastisches geschah. Es ist Jerusalem, wo es den ersten nicht-heidnischen Tempel auf Erden gab. Er wurde erbaut, und damit begann eine neue Epoche. Eine ganz neue Epoche für das Bewusstsein, die Ideen und den Geist.

Auch wenn wir jetzt dorthin kommen, steigen wir den Tempelberg hinauf, gehen in die Tunnel darunter, wo sich die Steine des allerersten Tempels Salomos befinden, und etwas darüber die Steine des zweiten Tempels, welche als Klagemauer  bekannt sind.

Dieser Tempel zu Ehren des Gottvaters ist einzig und einmalig. Das Heilige Land ist derjenige Ort auf dem Planeten, wo der Mensch vor Gott einfach so von Angesicht zu Angesicht zu stehen und wie Moses auf dem Berg Sinai mit IHM direkt zu reden vermochte.

Dort leben verschiedene Völker, die sich zu verschiedenen Religionen bekennen. Diese Religionen sind so unterschiedlich, da muss man wirklich stauen – eine Art Babylon. Dennoch steigt Gott dort zur Erde herunter. Manche verspüren es, manche nicht, manche begegnen IHM, manche weinen mit IHM zusammen, manche flüstern IHM etwas zu, manche hoffen auf IHN, manche bitten IHN um etwas, manche danken IHM. Es gibt aber auch solche, die einfach schweigen – sie fahren hin und schweigen, da sie nichts zu sagen haben.

— Auf dem Heiligen Land wurden aber so viele Heiligtümer vernichtet. Jerusalem wurde mehrmals komplett zerstört, nun führt man ihre ältesten Gebäude auf das 12. Jahrhundert zurück. Von der Erdenhülle jener uralten Geschichte ist nicht allzu viel geblieben.                                          

— Im Gegenteil! Dort gibt es so viel, dass es einfach phantastisch ist! Sie haben vollkommen Recht, dort gibt es Kulturgeschichte in drei und auch in sechs Meter Tiefe. Wenn wir aber nach Gabbatha  kommen, gibt es dort tatsächlich Steine, die auf das 1. Jahrhundert zurückgehen, und auf denen eventuell Christus stand, während ER gepeinigt wurde.

Diese Sichtweise bedarf sicherlich der Liebe zur Geschichte und zur Archäologie. In Jerusalem hat man mir aber bereits 1998, als ich zum ersten Mal dort war, gesagt: „Bei uns ist Archäologie etwa das gleiche wie in Russland das Angeln: etwas, das jeder als Hobby betreibt“. Ein Scherflein zu finden, ist das einfachste, denn sie liegen in der Altstadt überall herum.

Man gräbt und gräbt, und diese historische Erdenhülle gibt einem immer mehr, so dass ein einfacher Pilger in diesem See historischer Fakten förmlich ertrinkt.

Und wenn man über das ganze Heilige Land hinschaut, jenseits von Jerusalem…

— Sagen wir einmal, in Bethlehem.

— Ja, dort gibt es von diesem historischen Material sehr viel, man braucht nur die Augen aufzumachen, zu sehen, zu hören, zu lesen…

— Da man all das mit eigenen Händen berühren kann, würde man danach die Heilige Geschichte sicherlich ganz anders als die Mythen und Legenden des antiken Griechenlands ansehen., Ist es aber unbedingt nötig, dorthin zu fahren, es selber zu sehen und anzufassen, um es zu verstehen?

— Es ist anzustreben. Es geht sicherlich auch ohne, ist aber schwieriger. Verstehen Sie, die Historizität des Christentums ist eine sehr wichtige Sache, denn Christus erschien an einem bestimmten Tag eines bestimmten Jahres in einer bestimmten historischen Situation, worüber wir jetzt bereits so viel wissen wie über keinen anderen Augenblick der Geschichte. Denn keiner hätte Lust gehabt, hervorzukramen, wozu Tiberius die Volkszählung anordnete, und nicht nur eine, sondern drei. Und keiner hätte sich in die römischen Annalen hineinbegeben, um sie zu analysieren. Die Feinde von Weihnachten haben es jedoch getan.

Wer hätte den Steinen, die in Caesarea ausgegraben wurden, Beachtung geschenkt und auf einem davon die Beschriftung „Pontius Pilatus“ gefunden? Wegen Weihnachten wurde dieser Stein aber doch entdeckt, und dies wurde 1961 zur Sensation. Denn bis dahin waren sehr viele der Meinung gewesen, dass das Evangelium nur ein Mythos sei und nichts Historisches beinhaltete.

Und die Texte? Und die Schriftrollen vom Toten Meer? Im Jahre 1947, als die ganze Welt nach dem Krieg zerstört war, wurden plötzlich authentische Pergamente aus dem 1. Jahrhundert mit den Texten des Alten Testaments aufgefunden, darunter fast das ganze Buch des Propheten Jesaja. Dabei dient für die moderne Übersetzung der Bibel die Septuaginta als Quelle, also ein Text, der drei Jahrhunderte vor Christi Geburt ins Griechische übersetzt worden war. Der früheste Text des Alten Testaments, den uns zur Verfügung steht, sind die Pergamente des 4. Jahrhunderts n.C.

— Meinen Sie den Text des Kodex?

— Oder auch nur die kleinen Fragmente. Als man das Buch des Propheten Jesaja in der Septuaginta und die Schriftrollen vom Toten Meer zu vergleichen begann, waren die Ergebnisse ganz unerwartet, denn es gibt nur unbedeutende Unterschiede im Vokalismus. Das ist nicht mehr die Ebene der Quellenkunde, sondern bereits die des historischen Kontaktes.

Wissen Sie, wie viele uralte Kopien der „Ilias“ oder der  „Odyssee“ uns zur Verfügung stehen? Wir haben Kopien, die auf das 8. Jahrhundert v. C. zurückgehen, aber erst im 4. Jahrhundert niedergeschrieben worden sind. Das bedeutet, die Zeitspanne zwischen Originaltext und dem Text, der uns erreichte, beträgt mindestens vierhundert Jahre. Die Zeitspanne vom Beginn der mündlichen Tradition des Evangeliums (etwa im Jahr 60 des 1. Jahrhunderts) bis zum ersten Text, der uns zur Verfügung steht (etwa aus dem Jahr 170) beträgt aber über einhundert Jahre.

Verstehen Sie den Unterschied? Uns stehen einige uralte Manuskripte der „Odyssee“ und mehrere Tausende Manuskripte des Evangeliums zur Verfügung. Denn das Christentum war immer sehr historisch, es achtete immer auf Fakten, Gegenstände und Datierungen: wer was wann wo und wie geschrieben hatte.

Und noch etwas Wichtiges: In vielen heidnischen Philosophien und Kosmologien ähnelt die Vorstellung der Zeit einem Kreis: ein Jahr kommt zu Ende und ein neues Jahr beginnt, ein Mensch ist gestorben und ein neuer Mensch wird geboren, ein Zeitraum geht in den anderen über, das jetzige Reich ist wie das vorherige, es wird das Gleiche, wie es eben war, alles ist Nichtigkeit und vergängliche Begierden.

Plötzlich ändert sich das Bild der Welt aber komplett. Das Christentum sagt: Doch, es gab den Anfang und es wird das Ende geben. Und die Welt bewegt sich vom Anfang zum Ende – es entstand die Zeit als eine lineare Kategorie. Darauf ist die ganze Geschichte aufgebaut. Das ist der Anfang einer neuen Weltanschauung.

Das Christentum verbindet dies eben mit der Geburt Christi, denn diese geschieht an einem bestimmten Ort in einem bestimmten Jahr nach der Gründung von Rom, an einem bestimmten Tag eines bestimmten Monats.

— Beschreibungen von historischen Ereignissen gab es aber auch vor dem Christentum, etwa bei Herodot oder Thukydides…

— Gibt es bei Herodot etwa die lineare Zeit? Bei Herodot ist die Geschichte an die Geographie gebunden, sie funktioniert bei ihm etwa so wie Trauben, die zusammengebracht werden. Eine wirklich genaue Zeit gibt es nur einmal – das ist die römische Geschichte von der Gründung Roms an. Das ist aber eine lokale Geschichte; das Christentum aber beanspruchte vom Anfang an die Universalgeschichte.

— Das Alte Testament kann jedoch auch als Geschichte, die von einem bestimmten Punkt ausgeht, betrachtet werden.

— Natürlich. Dennoch entstand auf der Grundlage des Alten Testaments  keine Geschichte als universelle Auffassung der Welt. Ja, die Juden glaubten, dass es irgendwann noch keine Welt gab und Gott sie und den Menschen erschaffen und das reale Leben ihrer Volksstämme mit der Gesetzgebung auf Sinai seinen Anfang genommen habe. Aber obwohl sie tatsächlich eine Zeitrechnung beginnend mit der Erschaffung der Welt hatten, haben sie keinen Geschmack für die Geschichte entwickelt. 

Die Juden hatten generell keine Wissenschaften. Dies ist beachtenswert. Neben ihnen wohnten Völker, die Wissenschaften, Architektur, Medizin, Enzyklopädien und Bibliotheken, Tempelbau und die klassische Säulenarchitektur erschaffen haben. Die Juden hatten aber nichts dergleichen – weder Häuser, noch Bibliotheken, noch Medizin, noch Architektur, sie kannten nicht einmal eine besondere Kochkunst, obwohl die benachbarten Völker all dies hatten. Sie hatten nichts, nur die Bibel.

— Und die Kaschrut…

— Ja, sie hatten das Gotteshaus, den Kult und die Heilige Schrift, und das war es auch schon. Und darin liegt irgendein großer Sinn. Die Völker um sie herum hatten die ganze Zeit etwas erschaffen: um diese Zeit war die große kretisch-mykenische Kultur bereits verschwunden und die ägyptische Kultur zunichte geworden; bei den Juden aber gab es noch nichts. Sie lebten nur mit der Tora-Rolle.

— Und in Erwartung des Messias.

— Oder, besser gesagt, sie erwarteten, anstatt zu wohnen. 

— Jetzt können wir aber nicht sagen, dass sie keine Kultur gehabt hätten.

— Orthodoxe Juden leben immer noch so, sie integrieren sich nicht ins moderne Israel, sie nehmen weder Ausweise noch die israelische Kultur an. Für sie kann es keine andere Kultur geben außer der, die der Herr auf Erden etablieren wird, nachdem ER gekommen sein wird – so ist ihre Denkweise.

— Wenn wir schon über die Geschichte reden…

— Ja, Verzeihung, Sie hatten nach Bethlehem gefragt. Das Gotteshaus von Bethlehem ist das älteste Gebäude des Heiligen Landes, das die Perser nicht abgerissen hatten. Es ist eine Basilika, die auf einem Fundament aus den Zeiten der apostelgleichen Kaiserin Helena steht; dort gibt es Mosaiken aus jener Zeit. Also steht dieses Gotteshaus genau an der Stelle, die die Christen des 2. und des 3. Jahrhunderts verehrten. Ihre Tradition war aber lebendig, sie stammte von Augenzeugen und Zeitgenossen der Geburt Christi. Sie konnten die Menschen namentlich benennen, die ihnen erzählt hatten, wo Christus geboren worden war. Deshalb ist Bethlehem eben der Ort, wo die Geburt Christi genau identifiziert werden kann. Hier besteht am wenigstens Zweifel.

— Wenn schon von der Kategorie „Geschichte“ die Rede ist, wären die Worte von Gregor von Nyssa erinnernswert, und zwar, dass Geschichte sich „vom Anfang zum Anfang über den Anfang eines Ereignisses, das kein Ende hat“ bewege. Das ist ein sehr hübscher, geradezu postmodernistischer Satz. Aber was bedeutet er eigentlich?

— Ich kann nicht sagen, was der hl. Erleuchter Gregor von Nyssa eigentlich meinte; ich möchte ihnen aber eine paradoxe Idee erörtern. Die Vorstellung über unsere lineare Geschichte ist eventuell „fehlerhaft“. Dabei steht „fehlerhaft“ in Anführungszeichen, da es durchaus möglich ist, dass die wirkliche Geschichte, die in Gott subsistiert, in Gegenrichtung verläuft – vom Ende zum Anfang.

Es ist dasselbe wie ein Haus zu renovieren, das auf einem schlechten Fundament steht: das Fundament ist zerbröckelt, und wir tragen alles ab, einen Ziegel nach dem anderen, wir markieren jeden Ziegel und legen sie beiseite; dann kommen wir zur Basis, wir befestigen das Fundament, und dann bauen wir alles wieder auf. Also ist die Geschichte, die vom Ende zum Anfang verläuft, so etwas wie der Rückbau eines Hauses, um das Fundament freizulegen und zu befestigen. Um das Fundament zu befestigen, legt der Herr, damit der Mensch zu IHM kommt, quasi neue Steine in die Basis, damit das Gebäude, nachdem es wieder aufgebaut wurde, fest steht.

— In unserer spießbürgerlichen Vorstellung verläuft die Bewegung aber als Fortschritt, eine ständige Modernisierung, bei der etwas immer perfekter wird. Falls das Christentum von der Geburt Christi an bereits vollkommen ist, bewegen wir uns auf etwas zu, was bereits da ist, nicht wahr?

— In Christus ist es bereits da, in der Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen soll es aber noch werden.

— Das heißt, das Ziel der Bewegung der Geschichte wäre eine Angleichung an Christus?

—Nicht nur für jeden Menschen. Und nicht für ein Volk insgesamt, sondern insgesamt für die Menschheit. Verstehen Sie, der Herr erschuf den Menschen wie SICH SELBST, also trägt jeder Mensch in sich SEIN Bild und SEINE Ähnlichkeit. Dies zu erfüllen obliegt aber den Menschen im Laufe der Geschichte; es ist also kein singulärer Akt. Und kollektiv ist er auch nicht.

— Dieses Bild und diese Ähnlichkeit sind also bei jedem ganz eigen ausgeprägt?

— Ja, sie sind individualisiert. Deshalb wird jeder diesen Weg gehen.

— Müssen wir denn so sehr danach streben, dass das Leben der Gesellschaft sittlicher organisiert wird? Und ist es möglich, auf diesem persönlichen Weg dadurch erfolgreich zu sein, dass man soziale Gerechtigkeit oder, sagen wir einmal, irgendwelche besseren Wirtschaftsmethoden erkämpft?

— Ist es möglich, das Reich Gottes auf Erden zu errichten?

— Genau, es entsteht gleich der Verdacht, ob wir nicht das Reich Gottes auf Erden zu errichten versuchen. Die Kirche scheint aber auch nicht dagegen zu sein, dass das Leben irgendwie vernünftiger organisiert wird?

— Sicherlich ist sie nicht dagegen.

— Was könnte also das Ergebnis unserer Bemühungen sein, unser irdisches Leben komfortabler, besser, gerechter und sittlicher zu organisieren?

— Ich denke, dass wir hier, so wie bei vielen anderen theologischen Fragen, mit einem Widerspruch konfrontiert werden. Ja, das Christentum strebt danach, dass das Leben der Menschen auf Erden möglichst nach dem Gesetz Gottes eingerichtet sei, versteht jedoch, dass dies  nicht vollständig möglich ist. Das wahre Reich Gottes wird es geben, jedoch erst auf der neuen Erde, nach der zweiten Ankunft Christi. Das ist wirklich ein Rätsel, ich würde sogar sagen, ein logischer Widerspruch. Einerseits sagt die Kirche: „O Menschen, richtet euer Leben nach dem Gesetz Gottes“, andererseits aber: „Denkt daran, dass ihr es nicht ganz schaffen werdet“. Dazu gibt es keine Lösung – weder logisch noch pragmatisch.

— Was kommt also dabei heraus? In mehr oder weniger ruhigen Zeiten versucht die Kirche, auf die sittliche Ausbildung der Gemeinde einzuwirken, ist dabei aber nicht besonders erfolgreich. In Zeiten aber, in denen die Kirche verfolgt bzw. sogar zerschlagen wird, kristallisiert sich aus der riesigen Menschenmasse ein neues Salz der Erde.

— Manchmal ist dies der Fall, manchmal aber auch nicht. Die Behauptung, dass in Momenten tragischer Erlebnisse bzw. extremer Spannungen spirituelle Offenbarungen und Durchbrüche stattfinden, trifft nur teilweise zu. Die Geschichte berichtet davon, dass manche christliche Kirchen in solchen Phasen einfach verschwanden. Das betrifft übrigens auch die Russische Kirche. Was ihr in der sowjetischen Periode zustieß, ist ein nie dagewesener, grausiger Bruch. Hätte der Krieg nicht begonnen, hätte Stalin die Kirche sicherlich komplett ausgemerzt, wie es z.B. in Albanien der Fall war. Also sind Erschütterungen nicht immer nützlich.

— Heute wird viel von der postsäkularen Welt gesprochen, und die Säkularisierung ist auch deutlich zu spüren. Kann sie im Endeffekt zum Verschwinden des Christentums bei christlichen Völkern führen?

— Um diese Vorgänge zu bewerten, fehlt uns Information; wir wissen einfach nicht, was in der westlichen Welt geschieht. Verstehen Sie, zwischen der Zwangssäkularisierung in der Sowjetunion und jener in der restlichen Welt gibt es einen prinzipiellen Unterschied. Wenn wir, die in der UdSSR Geborenen, darüber urteilen, was im Westen geschieht, sehen wir ein umgekehrtes Bild. Die Religiosität des Westens überstieg unsere sowjetische Religiosität um ein Vielfaches. 

— Unsere heutige aber auch?

— Ja, wenn auch nur qualitativ. Als Fachmann für christliche Psychologie treffe ich katholische und protestantische Kollegen– im Westen gibt es Tausende solcher Spezialisten, bei uns nur etwa zehn. Diese Zahlen sind nicht vergleichbar.

Ja, die Säkularisierung schreitet sicherlich voran – versteht man darunter die Abwendung von der Kirche, dann ist dieser Vorgang überall deutlich zu sehen. Sprechen wir aber von Abwendung von der Religion, dann nicht.

Am repräsentativsten ist das, was in den USA geschieht – dort entsteht fast jeden Tag eine neue christliche Kirche. Was bedeutet das? Die Kirchlichkeit in ihren mittelalterlichen Formen wird von vielen modernen Amerikanern nicht mehr akzeptiert. Andererseits sind fast alle Menschen in einem gewissen Maße religiös. Diese Religiosität ist unterschiedlich ausgeprägt, aber völlig unreligiöse Leute gibt es nur ganz wenige.

Die Tatsache, dass sowohl die katholische als auch die orthodoxe Kirche bereits seit einhundert Jahren eine Säkularisierung erleben, ist offensichtlich, obwohl das auf verschiedene Weisen geschieht, wobei die Ursachen auch unterschiedlich sind. Ich denke aber nicht, dass dies zum Verschwinden der Kirchen führen wird. Mehr noch, ich bin überzeugt, dass fast alle Menschen auf Erden immer religiös bleiben werden.

— Können wir denn jetzt anhand der ganzen gesammelten historischen Erfahrung erklären, wozu die Fleischwerdung Gottes nötig war? Rein menschlich gesehen, freut sich der Mensch, wenn ein Baby geboren wird, weil es aus dem Nichts ins Dasein geboren wird und dies schon ein Anlass zur Freude ist. Wenn aber Gott, der selbst das ewige Leben ist, in Tod, Hunger, Erniedrigung, Verrat durch Judas, Abtrünnigkeit von Petrus und letztendlich in Gottverlassenheit und Tod geboren wird… was gibt es da für Grund zur Freude? Was ist das für ein paradoxes Fest, Weihnachten?

—  Sie meinen, wenn Gott sich trotz aller künftigen Leiden über die Geburt seines Sohnes auf Erden freut, wäre dies doch irgendwie widernatürlich? Und wenn wir uns darüber freuen, dass Gott in die Welt gekommen ist, sei das zwar normal, aber vor allem egoistisch?

Der Herr freut sich über die Geburt Seines Sohnes, da ER ab diesem Augenblick die Möglichkeit hat, zusammen mit seinen Geliebten zu sein. Das ist das gleiche, wenn man Ihnen Ihr Kind genommen und entzogen hätte… was weiß ich… zum Beispiel nach Tschetschenien. Sie hätten vielleicht Truppen und Bomber dorthin geschickt, jedoch hätte Ihnen dies Ihren Sohn nicht zurückgebracht. Und dann hätten Sie sich mithilfe irgendwelcher wissenschaftlichen Maschinen dorthin, zu ihm, transportiert, um dort, neben ihm, quasi neu geboren worden. Jetzt würden Sie dort mit Ihrem Sohn zusammen leben, dafür aber mit Not und Mühsal bezahlen müssen, und letztendlich würde man Sie erkennen und entweder niederstechen oder sonst etwas antun. Sie würden aber neben ihrem Geliebten bleiben.

— Ist der Sohn nun aber ein Mensch oder Gott?

— Gott schickt seinen Sohn, aber ER liebt den Menschen. ER erschuf ihn ja nur aus Liebe: andere Gründe hatte er nicht. Ist die Liebe etwa keine Erklärung?

— Es geht also um eine Flucht im Schutze der Nacht an einen gefährlichen Ort zu einem geliebten Menschen?

— Genau. „ Denn also hat Gott die Welt geliebt“ – nicht die Welt der Dinge, Steine, Berge, Flüsse und Seen, sondern den Menschen. Der Akt der Geburt Christi ist also ein Akt göttlicher Liebe, ein Treffen mit dem geliebten Wesen, also dem Menschen.

— Das heißt, dass die Geschichte für den Christen die Geschichte einzelner Menschen ist? Was ist aber mit Völkern, Ländern, Zivilisationen? Bedeutet es, dass wir über etwas nur auf der Ebene der Summe der Bewegungen einzelner Persönlichkeiten urteilen können?

—  Nun ja, das Wort „Summe“ ist hier nicht passend. Aber genau, es geht um die Bewegung von Persönlichkeiten. Eigentlich fängt das Christentum damit an, dass Gott als Persönlichkeit erscheint, und da diese Erscheinung wirklich einmalig und einzigartig ist und bleibt, entsteht dieser singuläre Punkt in Ort und Zeit.

— Was ist dann mit unseren Vorstellungen über christliche Völker? Wenn wir über einen orthodoxen Staat reden, ist dies ein Widerspruch in sich, oder?

— Ja, so ist es. Menschen lassen sich zusammenfassen in Sippen, Stämme, Völker und Zivilisationen: doch all dies ist Abstraktion. In Wirklichkeit gibt es nur den Menschen und Gott. Wenn wir also solche Wörter verwenden wie „Zivilisation“, „Völker“ oder „Staaten“, müssen wir uns bewusst machen, dass dies eine Art Distanzierung vom Menschen ist. Um die evangelischen Werte als solche zu bewahren, müssen wir immer zum Menschen zurückkehren,  denn sonst werden wir diese Werte verlieren.

Wenn wir vom Standpunkt des Nutzens für Völker, Staaten und Imperien urteilten, würden wir den Menschen darüber vergessen: er würde uns die ganze Zeit dabei dazwischenkommen, gute staatliche Institutionen zu organisieren, und am Ende müssten wir ihn ausschalten.

Was aber die Geburt Christi betrifft, eröffnet sie für jeden Menschen die selbe Höhle      des Daseins, die unser Herz und unsere Seele symbolisiert – und irgendwo dort, in der Tiefe, wird Gott geboren. Und dann wächst und wächst und wächst er… Und so entsteht innerhalb des Menschen ein Fünkchen des Glaubens.

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