Goldener Fonds
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Die komfortable Orthodoxie

21. Februar 2014
„Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt 5,48) – hat Christus gesagt. Wo kommt aber das Gefühl her, dass wir häufig eher nicht die innerliche, sondern die äußerliche Vollkommenheit anstreben, uns also bemühen, die Regeln zu beachten, die es uns ermöglichen, uns so zu fühlen, als ob wir die höchste Pflicht erfüllt hätten und schon deshalb Christen heißen dürfen? Stimmt es, dass es ausreicht, sonntagmorgens aufzustehen, um zur Liturgie zu gehen, zu fasten und die Gebetsregel zu lesen, und dann wäre alles gut? Ist unser Glauben nicht etwa zu gemütlich geworden, so dass wir es vermeiden, uns einmal mehr anzustrengen und Vollkommenheit anzustreben? Über diese nicht gerade einfachen Themen sprechen wir mit Erzpriester Pavel Velikanov, Dekan des St.-Paraskeva-Metochions der St.-Sergius-Dreiheitslavra und Hauptredakteur des Portals „Bogoslov.Ru“.

Die alte Frau und „Die Matrix“

— Vater Pavel, darf das Christentum heute gemütlich sein? Ist es eine moderne Erscheinung? Gab es früher etwas Ähnliches oder sind wir heute so entspannt geworden?

— Um Ihre Frage zu beantworten, müssen die Begriffe verdeutlicht werden. Der Schlüsselbegriff ist hier Gemütlichkeit bzw. Komfort. Dieser Begriff ist aber von der modernen Zivilisation sehr verzehrt, denn unter Gemütlichkeit und Komfort wird alles verstanden, was die Bestätigung des menschlichen Egoismus fördert, so dass alles, was ihn begünstigt, als eindeutig gemütlich wahrgenommen wird.

— Zum Beispiel?

— Zum Beispiel das Fehlen jeglicher Anstrengung, die schnelle Erfüllung primitiver Wünsche, das Fehlen der Notwendigkeit, etwas zu erdulden, zu ertragen, eine Arbeit auf sich zu nehmen, geschweige denn eine schwere Arbeit.

Gleichzeitig wird der Heilige Geist im Evangelium nicht umsonst „der Tröster“ genannt, was auf Englisch „comforter“ heißt (Engl. „comfort“ = „Komfort, Gemütlichkeit“). Also ist für die kirchliche Lexik der Begriff nicht absolut inakzeptabel.

— Worin besteht denn der Unterschied?

— Der Mensch kann nicht ohne Trost leben. Manchmal muss es aber auch Anstrengung sein. In einem normal gesinnten christlichen Leben kommt beides abwechselnd vor. Wir wissen, dass die heiligen Väter das richtige Maß an Anstrengung der spirituellen Kräfte finden konnten, die einerseits schöpferisch war, anderseits aber nicht als unerträgliche „Überanstrengung“ wirkte, welche die Persönlichkeit zerstören konnte.

Das Problem der modernen Zivilisation besteht aber darin, dass sie den Zustand des Menschen, in dem er sich jetzt befindet, also der Zustand der tiefen Beschädigung und des Koordinatenschubs, absolutiert hat. Im Grunde wird heute das Naturwidrige als „natürlich“ und „normal“ bezeichnet, einfach weil es da ist. Alles, was in diesen Standard, der mehr als seltsam ist, nicht hineinpasst, wird resolut verworfen und als unwürdig, unrichtig und menschenfeindlich angesehen.

— War das nicht schon immer so? Christus sagt ja: „Die Welt wird euch hassen“…

— Natürlich, gab es das gewissermaßen schon immer. Wir wollen aber bestimmen, worin die Besonderheit des heutigen Moments der Geschichte besteht. Wodurch unterscheidet sich die moderne Welt vom Leben im 18. oder 19. Jahrhundert?

Ich denke, der Unterschied liegt darin, dass heute der menschliche Egoismus und die technischen Möglichkeiten zu seiner Befriedigung auf eine erstaunliche Weise zusammengewachsen sind. Technologien, Lebensrhythmus und Lebensweise - alles begann, sich nicht um die realen, sondern um künstlich erschaffene Menschenbedürfnisse herum aufzubauen. Wer jeden Tag fünf bis sechs Stunden lang vor dem Fernsehen sitzt, wäre vom Standpunkt eines Menschen in der Antike oder des  Mittelalters unnormal. Solch ein Leben wird äußerst uninteressant, und für einen normalen Menschen wäre es ein Elend und Siechtum.

— Warum?

— Weil der Mensch seine Zeit verschwendet, die er für eine riesige Menge lebenswichtiger, wirklich nützlicher Dinge gebrauchen könnte!

Die moderne Zivilisation mit ihrer Überwindung  vieler harter Realitäten des Lebens und  Überlebensnotwendigkeiten schafft eine Umgebung, welche Nichtstun, Luxus, Leben nach dem Lustprinzip und überhaupt ein sehr angenehmes Leben ermöglicht. Vor allem gibt es in diesem Leben nichts Belastendes oder Mühseliges mehr. Der Gott der Konsumgesellschaft ist eine Fernbedienung, mit der im Leben alles steuerbar wäre. Einmal wurde ich unwillentlich Augenzeuge einer unschönen Familienszene, nachdem das Kind die Fernbedingung versteckt hatte – das Bild war durchaus ausschlussreich!

— Versuchen wir nun zu verstehen, was an der Gemütlichkeit schlecht ist. Denn Komfort ist im strengen Sinne des Wortes keine Sünde…

— Ja eben, man kann ja nicht sagen, dass das Christentum prinzipiell gegen jeglichen Trost, jegliche Vergünstigung und jegliches Zugeständnis an menschliche Eingeschränktheit und menschliches Unvermögen wäre. Nein, so ist das das nicht. Schlecht ist aber, dass Gemütlichkeit und Komfort zu einem absoluten Wert werden.

Diese Absolutierung führt zur Verschiebung der Lebensakzente von realen zu virtuellen Bedürfnissen. Jedes modernes Gadget, jedes Fernsehprogramm und jede Einwirkung der Massenmedien ist weniger auf für den Menschen etwas Nutzvolles, Bleibendes und Richtiges gerichtet, sondern eher darauf, den Menschen in ihren engen Grenzen festzuhalten so dass sie aus diesem Taumel von ständig neuen Sensationen nicht mehr herausfinden. Bedeutsam ist nicht die in den Menschen einzuflößende Information selbst, sondern die ständige Einspeisung des Gefühls der Teilhabe… Wie oft sah ich ältere Frauen, Omis, deren Hauptlebensinhalt das Fernsehen wurde, das sie allerdings meist kaum wirklich verfolgten; es lief aber permanent als Hintergrund. Da wird etwas gesprochen, über etwas erzählt und berichtet – und so das Leben simuliert. Dadurch fühlen sie sich an etwas Größerem beteiligt, als ob man sich um sie kümmerte, als ob sie darüber benachrichtigt würden, was heute wichtig wäre zu wissen – und sie dürfen dabei durchaus auch einmal in Tränen ausbrechen oder sich Sorgen um die Naturgewalten machen, die an anderen Enden der Welt toben… Im Grunde genommen erschafft das Fernsehen ein Ersatzleben. Es ersetzt die Wirklichkeit – die Omi kann dabei in einer völlig heruntergekommenen Wohnung sitzen, irgendeinen Müll essen und ihre sich rasant verschlechternde Gesundheit komplett vernachlässigen… alles wird gut! In dem Film „Cargo 200“ von Alexej Balabanow, den ich nicht unbedingt positiv bewerte, gibt es eine sehr repräsentative Episode. Die Mutter der Hauptfigur, eine senile alte Frau, sitzt mit einer Flasche Wodka vor dem Fernseher, hört ein Konzert mit sowjetischer Popmusik und schaukelt mit einem zahnlosen Lächeln im Gesicht im Takt der Musik, während im Nebenzimmer unbeschreibliche Gewalt ausgeübt wird, deren Urheber ihr eigener Sohn ist. Ihr aber geht es gut, sie ist in ihre geschlossene Welt hineingetreten und fühlt sich ganz gemütlich. All das ist etwas grotesk dargestellt, aber ein durchaus reales Bild des Menschen, der den Weg des gemütlichen komfortablen Lebens betreten hat.

— Möchten Sie sagen, dass der Mensch sich zerstreut?

— Eher werden seine Kräfte neutralisiert. Verstehen Sie, jeder Mensch ist eine immense spirituelle Kraft, und diese Kraft ist mit seinen physikalischen Kräften, sogar mit seinen seelischen Möglichkeiten überhaupt nicht zu vergleichen. Er wird aber nur dann zu solch einer Kraft, wenn er sich konzentriert, eine gewisse innere Ganzheitlichkeit erhält und beginnt, etwas wirklich anzustreben. Ein Mensch, der beginnt, etwas anzustreben, ist ein sehr ernstzunehmender und erschütternd starker Mensch!

— Was ist aber mit dem Menschen, der nichts anstrebt?

— Er ist einfach eine Batterie für ein riesiges System, so etwa wie in dem Film „Die Matrix“.

Kirchliche Athletik

— Kann man sagen, dass ein Christ sich nicht in diesem ruhigen, statischen Zustand befindet?

— Ich denke, wenn ein Christ es komfortabel findet, in dieser Welt zu leben, dann ist er wahrscheinlich nicht wirklich ein Christ. Denn der Heiland hat sehr präzise Worte gefunden über das Thema unseres heutigen Gesprächs. Einerseits: in der Welt habt ihr Drangsal (Joh 16,33). ER versprach weder totale Freude, noch dass es uns gelingen könnte, einen Vertrag mit der Welt zu schließen, bei dem sowohl unsere Interessen als auch die Interessen der Welt zusammenfallen würden. ER sagte, dass wir verfolgt und von der Welt ausgestoßen werden.

Aber andererseits sagt Christus auch: mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht (Mt 11,30). 

Warum? Weil der Zustand der Unkomfortabilität der Widerstand dagegen ist, wie diese Welt lebt, gegen ihre Prinzipien und ihren Lebensstil. Dieser Zustand ermöglicht es dem Christen, „sich innerhalb von sich selbst zu konzentrieren“ und in dieser Spannung Gott zu finden; nicht einfach infolge spezieller Methoden zur Beruhigung der eigenen Seele usw., sondern Gott im Zustand des totalen innerlichen Fehlverhaltens zu finden.

— Wie kommt das?

— Ein Christ ist ein Mensch, dem es schlecht dabei geht, in dieser Welt zu leben, und deshalb braucht er Christus. Ist es einem Menschen in diesem Leben komfortabel, braucht er Christus ganz und gar nicht. Mehr noch: Christus würde ihn durch Seinen Radikalismus, Seine Entschiedenheit, Seine „politische Inkorrektheit“ und Seine undiplomatische Vorgehensweise, also mit all den Eigenschaften, die wir bei IHM im Evangelium finden, sehr stören.

— Dennoch könnte man es sich auch innerhalb der Kirche sehr gemütlich machen, also sich an Gottesdienste und Fastenzeiten gewöhnen und in der „kirchlichen Subkultur“ „gut situieren“…

— Leben ist ein dynamischer Begriff. Wenn ein Mensch in die Kirche kommt, braucht er meist eine Periode der Isolierung von der Außenwelt, und zwar, damit er innerhalb von sich selbst eine spirituelle Ernte einzubringen vermag.

So pflanzt man beispielsweise Setzlinge, damit sie zu Kraft kommen und heranwachsen können, erst in Gewächshäusern an, denn würden sie direkt im Freiland angepflanzt, würden viele sofort sterben.

Ebenso bedarf auch der Glaube zur Auskeimung günstiger Bedingungen. Wir sehen dies ganz gut am Beispiel der Studenten unseres geistlichen Seminars, die häufig auf einer Welle der Entzückung zum Glauben und zur Kirche kommen, aber dann in eine Phase geraten, in der diese Entzückung allmählich schwindet und einem gesunden und vollwertigen Glauben Raum gibt, der eine andere Qualität und ein anderes Gewicht hat. Dieser Glaube wird dann nicht mehr absterben, auch wenn er in eine aggressive Umgebung geraten würde. Wodurch werden die Studenten aber so? Dadurch, dass sie eine gewisse Weile in einer Umgebung „schmoren“, wo alles zum christlichen Tun disponiert. Sie gewöhnen sich an die kirchliche Lebensordnung und an die christlichen Verhältnisse zwischen den Menschen und mit ihren Mitbrüdern, mit denen sie eng zusammen leben – und solchen Verhältnissen werden sie in der Welt nie begegnen. Mehr noch: eingedenk dessen, dass unsere Bildungseinrichtung sich hinter Klosterwänden befinden, üben monastische Gottesdienste und Freundschaften innerhalb der Klostergemeinschaft starken Einfluss auf einen jungen Mann aus und formt in ihm allmählich einen innerlichen Kern, der bleibt, auch nachdem er das Seminar absolviert hat, in die Welt gerät und in der Gemeinde kommt. Seine innerlichen Werte und Orientierungspunkte haben sich herausgebildet und werden für ihn immer unverändert bleiben.

— Ist das also eine komfortable Umgebung, aber in einem anderen Sinne?

— Ja, sie ist komfortabel, weil sie dem Menschen eben nicht zu seiner eigenen Zufriedenstellung dient, sondern weil diese Umgebung der Kirche, also die Umgebung, in der die Schärfe der Konfrontation zwischen der Welt als Lebensraum und dem Christen, der sein Leben nach Christus zu richten versucht, wesentlich weniger ist. Dennoch bleibt diese Spannung bestehen!

Auch in der Kirche behalten Menschen ihre Schwächen, ihre Leidenschaften und irdischen Interessen bei. Nur werden die Prioritäten hier wesentlich verschoben. Deshalb geht es einem Gläubigen in der kirchlichen Umgebung natürlich komfortabler, als wenn er in eine nicht-kirchliche Umgebung gerät. In dieser Art der Komfortabilität sehe ich nichts Schlimmes. Das ist das normale Streben nach einer Gemeinschaft, in der unsere endgültigen Werte gleich sind (wobei die endgültigen Werte der Menschen der Kirche und der Gläubigen eben gleich sind). Das ist Christus. Und der Schoß, in dem der Mensch anders wird ist eben der Schoß der Kirche.

— Heißt das, dass ein Status quo, also ein stabiler Zustand, im Christentum prinzipiell möglich ist?

— Immerhin ist das Leben eines Christen in kirchlicher Umgebung kein Kampf zwischen dem Bösen und dem Guten, wie es der Fall ist, wenn der Christ in die Welt gerät. Es ist vielmehr eine ständige Spannung zwischen dem Guten und dem Besten, und zwar innerhalb der kirchlichen Umgebung selbst. Warum nimmt der Apostel Paulus, wenn er vom Leben des Christen spricht, einen Läufer in der Rennbahn  als Sinnbild? Weil wir alle laufen, und zwar in die selbe Richtung, aber nur derjenige geehrt wird, der als erster ankommt. In der kirchlichen Umgebung „laufen“ auch alle, und nicht in verschiedene Richtungen, sondern in eine. Und dann geht es schon um die die unterschiedlichen Stufen der Vollkommenheit.

Die Hände Christi

— Moment; es gibt aber manche, die einen hohen Grad an Vollkommenheit erreicht haben – die Heiligen. Es ist jedoch kaum zu glauben, dass Heilige für moderne Christen ein reales praktisches Vorbild darstellen. Es gibt die Ansicht, die Heiligen seien besondere Menschen, und dass wir es nicht schaffen könnten, so wie sie zu werden. Wir sind einfältige Menschen, und unsere Zeit ist schwierig; trotzdem beten wir, wenn auch höchst unvollkommen, und besuchen auch das Gotteshaus und begehen keine großen Sünden. Was vermögen wir denn noch? Auch viele Beichtväter sagen, dass es besser sei, weniger zu tun, als sich zu viel aufzubürden…

— Das ist ja eine ernsthafte Frage, was den Christen zum Christen macht.  Vielleicht sage ich da etwas ungewöhnliches, aber mir scheint, dass es die Offenheit gegenüber der Wirkung Christi im Leben ist. Es gibt nur eins, was das Christentum von allen anderen Religionen unterscheidet, und das sind weder äußerliche Rituale noch irgendwelche Sondergebete bzw. Fastenzeiten, sondern eben Christus selbst.

Und damit meine ich Christus weder als Idee noch als historische Persönlichkeit, sondern Christus als Messias, der bis heute in der Kirche, also in Seinem Leib, verbleibt und wirkt. Sobald wir Christus beiseite lassen, bleibt vom Christentum nichts mehr übrig! Wir würden sofort in den Bereich einer allgemeinen Religiosität geraten, die allen Völkern während der ganzen Geschichte der Menschheit zu eigen war und ist.

Auf der praktischen Ebene bedeutet dies, das Ausmaß meines Christentums hängt direkt davon ab, ob Christus in mir wirkt. Kann ER in mir überhaupt wirken? Das ist das Erste. Und, zweitens, wirkt ER tatsächlich?

Hier würde ich vorschlagen, zwischen zwei „Altersstufen“ eines Christen zu unterscheiden.

In der ersten Altersstufe entsteht für Christus erst die Möglichkeit, im Leben eines Menschen zu wirken. Der Mensch ist derjenige, der Gott diese Möglichkeit, dieses Recht, in seinem Leben zu wirken, gibt. Das ist der Zustand, den die heiligen Väter als „Demut“ und „Sanftmütigkeit“ bezeichnen. [Auf Russisch heißt Sanftmut „Krotost“, was mit dem Wort „Korotkost“ („Kürze“) verwandt ist, wenn der Mensch also seine Grenzen verspürt.] Der Mensch wird zum Gehör: er hört mehr, als er spricht. Er nimmt die Realität, in der er lebt und die ihm Gott gibt, mehr in sich auf, als dass er versucht, in dieser Realität so zu wirken, wie es ihm richtig und notwendig erscheint, also wie der eigene Herr seines Lebens.

Und die zweite Etappe ist, wenn der Mensch  bereits gehört und verstanden hat, was Christus in einer speziellen Situation von ihm will, wenn er also den Willen Gottes erkannt hat.

— Findet es aber nur einmal im Leben statt?

— Nein. Wir kennen die Geschichte, wie es mit dem heiligen Antonius war, der, nachdem er die Worte des Evangeliums gehört hatte, sofort alles verließ und in die Wüste ging. Und viele heilige Mönche erreichten die Höhe des asketischen Lebens, nachdem ein göttliches Zeugnis ihre Mitte durchdrungen hatte und dann dort zu einem riesigen verzweigten Baum angewachsen war.

Zugleich wissen wir, dass solche göttlichen Offenbarungen den Menschen immer begleiten. Entwickelt der Mensch ein Gehör dafür, dann hat Gott ihm immer etwas zu sagen. Aber nur dann, wenn der Mensch es hören und auch verwirklichen kann. In diesem Zustand wird der Christ tatsächlich zu „Händen Christi“, welche in dieser Welt wirken.

— Wie kann ein Mensch begreifen, dass er imstande ist zu hören?

— Um etwas hören zu können, sollte man zumindest aufhören zu reden. Häufig reden wir innerhalb von uns selbst über etwas Eigenes. Wenn wir die Schale unserer Selbstgerechtigkeit ein bisschen öffnen, bewegen wir uns bereits in Richtung Hörbereitschaft.

Wir sollten auch verstehen und darauf vorbereitet sein, dass wir meist gar nicht das hören werden, was wir hören wollen. Und ich denke, ein Anzeichen dafür, dass wir beginnen, Gott zu hören und eine Antwort von IHM zu erhalten, ist, dass in unserem Leben Ereignisse zu passieren beginnen, mit denen wir ganz und gar nicht einverstanden sind und die uns Probleme bereiten.

— Oder positive Ereignisse,  die man aber keinesfalls erwartet hat. Kann so etwas sein?

— So etwas kann auch passieren. Gemeint ist alles, was nicht nach unserem Wunsch und Willen passiert. Dabei sind positive Ereignisse mitnichten „Boni“ für Leistungen und negative keine Beweise dafür, dass wir irgendwie irgendwo gesündigt hätten, wofür wir nun „die Quittung“ bekämen. Sowohl im ersten als auch im zweiten Fall wirkt Gott durch Seine unendliche pädagogische Kraft. ER erzieht uns nicht nur, ER ernährt uns auch. Und ER „füttert“ uns mit unterschiedlichen  „Gerichten“ und „Getränken“, die lecker oder bitter sein können, je nachdem, was gerade für unsere Bildung notwendig ist.

— Es ergibt sich also, dass es zu unterschiedlichen Zeiten ganz verschiedene Weisen geben kann, Christ zu sein?

— Ja, ohne Zweifel. Das Christentum ist eine Aufgabe, nicht ein Stempel in einer Urkunde.

— In welchem Sinne ist es eine Aufgabe?

— Im direkten Sinne. Uns ist es aufgegeben, Christen zu sein, also diejenigen, in denen Christus lebt und wirkt. Das ist alles. Andere Kriterien gibt es nicht. Aber für denjenigen, in dem Christus lebt und wirkt, gibt es hier auf der Erde nichts zu tun: er hat seine Lebensaufgabe erfüllt, „die Prüfung bestanden“, und in den meisten Fällen nimmt Gott solche Menschen zu sich. Das Leben ist die Schule der Heiligkeit und des Werdeganges.

Management und Seligkeit

— Es kommt häufig vor, dass der Mensch mit der Zeit die Messlatte nicht mehr höher, sondern niedriger hängt, sich also mit dem Erreichten zufriedengibt, sich entspannt und rechtfertigt und dabei sein  unbeschwertes Leben verteidigt …

— Ja, das ist ein riesiges Problem. Wenn Christus einen Menschen berührt, sollte das diesen Menschen radikal verändern! Nicht etwa in Richtung religiösen Fanatismus oder entschlossener Verwerfung der alten Lebensweise (all das ist äußerlich), sondern im Sinne einer radikalen Neubewertung der endgültigen Werte. Wenn dies tatsächlich stattfindet, verklärt sich der Mensch, und die innerlichen Probleme, so wie auch gewisse psychologische Komplexe, Geschwüre und Makel seiner Seele beginnen zu heilen.

Und dann beginnt ein neues Problem, und zwar, dass wir an die Kraft eines Ritus glauben; dabei kann dieser beliebig sein. Dabei verstehen wir nicht ganz, wie wir letztendlich sein werden!

— Gibt uns das Evangelium nicht einen Begriff davon?

— Eben nicht! Wir blicken ins Evangelium hinein, versuchen jedoch nicht, diese Gebote auf uns zu beziehen. Wir verstehen etwa Glückselig die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten“ (Mt 5,6), und das ist zwar sehr positiv, aber es geht dabei nicht um mich und wird auch nie um mich gehen.

Nehmen wir an, ich müsste kraft meiner Stelle bzw. Berufs politisch korrekt, diplomatisch und pfiffig sein: um welche Gerechtigkeit ginge es mir dann? Das wäre etwas für Heilige, aber nicht für mich. Oder auch „ Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren (Mt 5,7)... Wie sollte man Barmherzigkeit Untergeordneten gegenüber und kompetentes Management zusammenbringen? Das sind ja inkompatible Dinge!

In einer solchen Lage bildet der Mensch zwischen seinem realen Leben und dem Leben, das Christus von ihm erwartet, eine unsichtbare Pufferzone. Diese besteht aus unterschiedlichen Formen, Riten, orthodoxen Kennzeichen,  Signalen, dass man mit dem Glauben und der Orthodoxen Kirche zu tun hat, und Gegenständen, die anzeigen sollen, dass vor uns ein Mensch steht, der zutiefst gläubig und ins kirchliche Leben integriert ist.

So erhalten wir vielleicht einen relativ stabilen und beständigen Menschen, der zwar gar nicht nach Christus lebt, sondern im Fahrwasser dieser Welt, dessen Leben aber eine durchaus orthodoxe, christliche und religiöse Färbung hat, der sogar regelmäßig beichtet und die Kommunion  empfängt. Mir fällt dabei die Figur des Banditen (bzw. ehemaligen Banditen) aus dem russischen Film „Ich will auch!“ („Я тоже хочу“) von Alexej Balabanow ein, der scheinbar der orthodoxeste aller Menschen war, jedoch nicht zu Gott fand.

Diese Lage erinnert mich exakt daran, was wir im Evangelium lesen. Als Christus auf dieser Erde lebte, kam ER zu den Pharisäern und machte sie dadurch wütend, dass ER den Sabbat nicht hielt und mit Zöllnern und Sündern  kommunizierte, was nach Meinung der Pharisäer unzulässig war. Ich denke, dass ER durch diese Handlungen gegen die äußere Form bewusst Menschen dazu anhielt, sich zu besinnen und durch die Form hindurch auf das eigentliche Wesen der Forderungen Gottes zu schauen, also darauf, wie das alles eigentlich gemeint ist…

Alle Worte, die Christus an die Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrten jener Zeit richtete, können im vollen Maß an jeden uns gerichtet werden, wenn wir eine „Pufferzone“ erschaffen.

— Woran ist zu erkennen, dass ein Mensch sich doch auf dem richtigen Wege befindet und sich Christus annähert?

— Ich denke, Apostel Paulus hat es genau und klar formuliert: wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein (Röm 8,9). Und dann gibt es auch genaue Kriterien: Liebe, Freude, Friede Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit; wider solche gibt es kein Gesetz   (Gal 5,22–23). Die Worte „wider solche gibt es kein Gesetz“ bedeuten, dass ein Mensch, der sich in diesem Zustand befindet, über die Grenzen der äußerlichen Instrumente hinausging, die nur dafür existieren, um eben diesen Zustand erreichen zu können.

Wenn wir uns aber mit dem unterschiedlichen „geistigen Instrumentarium“ und mit dessen mehr als konventioneller Nutzung umzäunen, erreichen wir genau das gegenteilige Ergebnis, und wir werden aufgeblasen durch unsere Rechtschaffenheit, selbstgenügsam, absolut unkommunikativ, verschlossen, scheuen jeglichen Kontakten mit dem, was uns nicht gefällt bzw. zu uns im Gegensatz steht…

— Es gibt aber kaum jemanden, der dazu neigt, sich selbst des Pharisäertums zu bezichtigen. Wenn man sich selbst kritisiert, heißt es oft: „bei der Beichte nenne ich immer wieder dieselben Sünden“…

— Man sollte sich seine Laschheit vorwerfen… Diesen Zustand kann man nicht als normal bezeichnen, er ist aber für Menschen gewöhnlich, einschließlich derjenigen, die sich in der Kirche befinden. Er ist nichts Besonderes. Ja, er ist traurig und häufig anzutreffen. Und eben um uns zu ernsthafteren Veränderungen anzuspornen, gibt es spezielle Lebensperioden, in denen wir durch äußerliche Vorschriften und Riten in einen sehr strengen Rahmen buchstäblich hineingepresst werden, in der Hoffnung, dass aus von doch noch etwas Gutes herausgepresst werden könnte.

Bist du wie Knete?

— Ist es denn so, dass man einen Schritt vorwärts und zwei rückwärts macht? Zu den Fastenzeiten strengen wir uns an, um dann zurückzutaumeln?

—  Es geht weder ums Fasten noch um Askese als solche. Es geht um Christus! Brauchen wir Christus? Falls wir Christus brauchen, falls wir von Seinem Bild inspiriert sind, falls wir das Evangelium lesen und verstehen, dass ER wirklich das wichtigste Ereignis der ganzen Weltgeschichte ist und dass wir in Christus vor Gott die Rechtfertigung unserer Menschlichkeit als solche haben, dann nehmen wir all das, was ER sagte und was ER von uns wollte, anders auf.

Sie schieben mich ständig in den Bereich des Gesetzes, der Frömmigkeit. All das ist gut, aber es gibt hier auch eine andere Seite.

Der Mensch wird nicht nach dem Maß seiner Tugendtaten bzw. seiner Gerechtigkeit gerettet, sondern nach dem Maß dessen, wie sehr er mit Christus verbunden ist, wie sehr Christus in ihm wirkt. Auch wenn man all seine Leidenschaften besiegt hat und spirituell nahezu perfekt geworden ist, nähert sich der Wert all unserer Tugendtaten Null, wenn sie nicht um Christi willen getan und nicht mit IHM verbunden werden. Wir werden es jedenfalls nicht schaffen, zum Gericht Gottes zu kommen und zu sagen: „Schau, Herr, wie hübsch, sauber und gut ich bin.“ Jedenfalls werden wir unnütz sein. Das einzige, was uns rettet, ist Christus; ER ist all unsere Hoffnung, all unser Sehnen, ER ist für uns „der Punkt des Eingangs“ in die Rechtfertigung Gottes. 

— Ist es der ganze Sinn der Askese, die Trennwand zwischen sich selbst und Christus zu beseitigen?

— Ja. Aber Christus steht von uns nicht nur als das Ziel unseres Weges, sondern als der Weg selbst. Er sagt ja über sich selbst: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, als nur durch mich (Joh 14,6).

In die christliche Gerechtigkeit kommen wir auch über und durch Christus hinein, ER knetet uns, wir gestehen IHM schließlich auch das Recht zu, uns zu formen. Wir versuchen nicht, uns selbst ein Idol nach unserem eigenen Bilde und uns ähnlich zu erschaffen. Wir sagen IHM:  „O Herr, forme mich so, wie DU willst, wie DU es siehst, wie DU es für richtig hältst. Und von mir kommt dann die Bereitschaft, Deine Handlungen anzunehmen, die mich verändern.“

Deswegen habe ich damit angefangen, dass als erstes das Hören kommt, also die Bereitschaft zuzuhören und Gott gegenüber gehorsam zu sein.

Gehorsam gegenüber Gott

Stellen wir uns vor, dass der Mensch eine Art ungebrannter Ton sei, der aber sich selber mitformen kann; eine Art „aktiver Ton“. Von außen wird aus ihm etwas geformt. Nun sagt er: „Mir gefällt es aber nicht, das mir auf diese Stelle gedrückt wird!“.  Er setzt all seine Kräfte ein, um sich zu widersetzen, um nicht zuzulassen, hier seine Form zu verändern. Ein anderer Ton ist aber sehr gehorsam und sensibel, und wenn der Töpfer sie kaum ein wenig berührt, antwortet er sofort: „Verstanden“ und verwirklicht in sich sofort den Plan des Künstlers. 

Ein Mensch, der zum asketischen Tun neigt, ist viel sensibler; er ist ein Mitwirker Gottes, weder stört noch trotzt er Christus in Seinen Handlungen, die sich auf die Rettung des Menschen richten. Im Gegenteil, er hilft und errät diese Handlungen im gewissen Sinne sozusagen im Voraus.

— Diesen Zustand erreicht man aber nicht sofort.

— Das stimmt.

— Wie wird man dazu bereit?

— Man muss Geduld haben. Denn da, wo gedrückt wird, wird es wehtun, und man darf dagegen trotzdem nicht aufbegehren. Deswegen heißt es, dass unsere Zeit eine Zeit der Geduld und der Demut ist, denn wir sind nun schon ziemlich stumm und zu äußeren Zeugnissen unfähig und brauchen es, dass auf uns nicht sonderlich autoritär, aber aktiv eingewirkt wird.

Natürlich werden wir uns dem widersetzen wollen. Aber zumindest sollten wir keinen Unmut äußern bzw. schwer sündigen, sondern uns einfach dem Willen Gottes ergeben und hoffen, dass der Herr uns durch die Schicksale, die ER kennt, erretten wird.

Hier entsteht auch die Frage nach dem Ausmaß dieser Zusammenarbeit. Die Zusammenarbeit könnte minimal sein –wenn wir zumindest keinen Unmut darüber äußern, was mit uns passiert. Man kann aber weiter kommen und zu einem aktiven Mitwirker werden. Bei den heiligen Vätern gibt es ein schönes Prinzip: wenn du keinen Kummer willst, dann  sündige nicht; falls du aber sündigst, dulde den kommenden Kummer ohne Unmut. Dann wirst du errettet! Das ist äußerst einfach!

Generell war bei den heiligen Vätern alles äußerst einfach: Falls du keinen Kummer willst, lebe so, dass Gott es nicht nötig hat, dich zu „pressen“ und zu „erziehen“; richte dein Leben so ein, dass darin so wenig unrichtig ist wie nur möglich.

— „Pressen“ ist aber ein Wort, das nicht mit Freiheit assoziiert wird…

— Da stimme ich zu. In Wirklichkeit nötigt Gott weder jemanden, etwas zu tun, noch zwingt ER jemandem seinen Willen auf. Nein! Dennoch bedeutet die Tatsache, dass er niemanden zwingt, keineswegs, dass ER in Bezug auf die Menschen nichts täte. Das ist der interessanteste Teil jedes menschlichen Lebens, die Geschichte seiner Beziehungen mit Gott, auch wenn der Mensch nicht an IHN glaubt. Was man hier alles sieht! Verzweifelten Kampf und Romantik, Monotonie und große Dramatik… Die Persönlichkeit des Menschen und ihre ganzheitliche Entwicklung sind auch dynamisch. Und es ist schwer zu sagen, wann er die Bereitschaft erreicht, um Gott sein großes „Ja“  zu sagen – und danach alles zu verlassen und IHM zu folgen, wie die Apostel es getan haben.

Feuer und Brei

— Fassen wir es also zusammen – worin liegt für den modernen Menschen das größte Hindernis dagegen, dass er mehr will und mit seinem jetzigen Tun nicht zufrieden ist?

— Ich denke, das eigentliche Problem des „leichten“, schlaffen Christentums besteht darin, dass wir keinen offensichtlichen Unterschied zwischen dem Bild Christi, das wir nachahmen sollen, und unserem realen Leben sehen. Es scheint uns, dass dies Dinge sind, die sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen befinden, die miteinander keine direkte Beziehung haben. Christus habe irgendwo vor 2000 Jahre gelebt, und nun sei ER auch weit weg, im Himmel; wir dagegen befänden und im hier und jetzt…

Die eigentliche Aufgabe des spirituellen Wachstums stellen sich viele gar nicht, denn uns quälen andere Probleme. Deshalb begnügen wir uns gerne mit äußerlichen Formen, äußerlichen Riten und äußerlichen Zeichen unserer Zugehörigkeit zur Kirche. Dabei erweist  sich aber auch das Wort Gottes in uns als unwirksam, es führt zu keinen konkreten Veränderungen bzw. Handlungen.

— Wie könnte man sich denn dann in die Richtung konkreter Veränderungen und Handlungen bewegen – sozusagen, wenn schon nicht dahin kriechen, dann sich wenigstens dahin auszurichten?

— Die erste Anregung bzw. der erste Anstoß dafür, um den Menschen aus dem Zustand einer etwaigen spirituellen Trübheit herauszubringen, wenn dieser meint, bei ihm sei alles in Ordnung und er brauche sich nicht anzustrengen, ist sicherlich die Begegnung mit dem Heiligtum bzw. der Heiligkeit. Echte Heiligkeit ernüchtert immer sehr gut und inspiriert.   

In diesem Jahr hatte ich eine sehr erfreuliche Begegnung mit dem Erben des athonischen Gerondas Porphyrios dem Kavsokaliviten. Wir haben die Nonnen des Chryssopigi-Klosters kennengelernt, die er betreut hatte, und auch Menschen, die mit ihm ständig in Kontakt geblieben waren – und plötzlich haben wir verstanden, dass all diese Menschen nur Splitter einer ganz erstaunlichen Heiligkeit, Schlichtheit und Aufrichtigkeit verkörperten, die dieser Gerondas innehabt hatte. Dabei begreift man, dass das eigene „Operationssystem noch sehr falsch ausgerichtet ist

Die lebendige, reale Heiligkeit kann dazu anregen, sein Leben prinzipiell umzugestalten. Menschen suchen nach dem Schimmer des Göttlichen Lichtes hier auf Erden und hoffen an diesem kleinen Leuchtfeuer auch ihr eigenes Feuer des Glaubens, des Eifers und der Bereitschaft zu entzünden.

Der heilige Erleuchter Theophan der Klausner war der Meinung, dass ein Christ jedes Werk mit brennendem Herzen und innigem Herzenswunsch tun sollte. Für jeden Menschen sollte die erste und wichtigste Aufgabe das Streben nach Gottgefälligkeit sein. Dazu sollte der Mensch über ein eigenes „Instrumentarium“ verfügen, also gewisse Mittel, die dabei helfen, diesen brennenden Eifer aufrechtzuerhalten – auch das ist eine Art „Technologie der Heiligkeit“.

-       Geht es dabei um bestimmte Schriften?

- Das können Schriften, Filme, Menschen, Orte, Werke, Gemeinschaft oder sonst etwas sein; Hauptsache es wirkt! Weshalb galt es im Altertum als Pflicht, bestimmten Psalmen und Zitate aus der Heiligen Schrift auswendig zu lernen? Der Zweck war, keine Abkühlung des Glaubens zuzulassen. Denn wenn es im Inneren eines Menschen brennt, ist dieser eine große, furchtbare Kraft, und nichts könnte ihn aufhalten. Wenn aber bei ihm schon alles verglüht ist, wenn er ganz ausgebrannt ist, so dass er sich nur noch mit Unterhaltung, Illustrierten, Fernsehen, Computerspielchen, Klatsch und Tratsch usw. beschäftigt, dann wird er zu einem Brei. Er ist nur noch eine formlose amorphe Masse, den jeder beliebig verformen kann. Wenn bei ihm aber im Inneren alles glüht, konzentriert er sich ganz um dieses kleine Feuer. Und es geht ihm gut, wirklich wohl, wenn es ein inneres Glühen der Seele gibt und die Augen leuchten. Menschen, die ihm nahe sind, geht es auch gut – ihnen wird sowohl warm als auch hell. Denn sie sehen, dass der Mensch es zu etwas gebracht hat; er ist nicht passiv, sondern hat ein Ziel und einen Lebenssinn, und so ist sein Leben interessant und erfüllt. So ein Mensch spürt selbst, dass es sich für ihn lohnt, zu leben.

 Interview geführt von Valeria Posaschko (Foma-Zeitschrift)

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