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A.R. Fokin: „Die eine Tradition der Alten Kirche darf nicht in eine östliche und eine westliche zerteilt werden"

16. Februar 2009
Das Portal Bogoslov.ru veröffentlicht ein Interview mit Dr.Phil. Alexej Ruslanowitsch Fokin, dem leitenden wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften und Forscher für Westliche Theologie. Im Gespräch mit unserem Korrespondenten Priestermönch Adrian (Paschin) werden die Struktur des Instituts sowie die von ihm erforschten führenden Fachrichtungen und das Spektrum der wissenschaftlichen Interessen der Mitarbeiter betrachtet. Unter anderem werden auch die Bedeutung der westlichen Theologie für die Orthodoxie, der Doktorandenbestand und andere Themen erörtert.

Das Portal Bogoslov.ru veröffentlicht ein Interview mit Dr.Phil. Alexej Ruslanowitsch Fokin, dem leitenden wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften und Forscher für Westliche Theologie. Im Gespräch mit unserem Korrespondenten Priestermönch Adrian (Paschin) werden die Struktur des Instituts sowie die von ihm erforschten führenden Fachrichtungen und das Spektrum der wissenschaftlichen Interessen der Mitarbeiter betrachtet. Unter anderem werden auch die Bedeutung der westlichen Theologie für die Orthodoxie, der Doktorandenbestand und andere Themen erörtert.

Priestermönch Adrian (Paschin): Wir befinden uns nun in den Wänden des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften. Alexej Ruslanowitsch, Sie arbeiten in der Abteilung für Religionsphilosophie dieses renommierten akademischen Instituts. Wie äußert sich hier das Interesse an religiöser Problematik?

Alexej Ruslanowitsch Fokin: Viele Abteilungen unseres Instituts beschäftigen sich mit religiöser Thematik. Hier erforscht man sowohl die islamische Philosophie als auch Buddhismus und Hinduismus. Mit der christlichen Philosophie befasst sich hauptsächlich die Abteilung für Religionsphilosophie, also Wladimir Kyrillowitsch Schokhin, unser Abteilungsleiter, sowie die Mitarbeiter Pjotr Borissowitsch Mikhajlow und meine Wenigkeit.

Außerdem gibt es die Abteilung für Probleme der Wissenschaftsgeschichte, wo Walerij Walentinowitsch Petrow arbeitet, der sich mit der byzantinischen Philosophie beschäftigt, unter anderem mit den Studien aus dem Nachlass des Ehrwürdigen Maximus des Bekenners. Er hat vor kurzem mit einer diesem Heiligen Vater gewidmeten Habilitationsschrift habilitiert. In dieser Abteilung arbeiten auch Andrej Wladimirowitsch Serjogin, der sich u.a. mit Origenes befasst, und Galina Wladimirowna Wdowina, deren wissenschaftliche Interessen ein breites Spektrum abdecken. Beispielsweise beschäftigt sie sich mit der sogenannten „Zweiten Scholastik". [1]

In der Abteilung für die Geschichte der Westlichen Philosophie, die von Nelli Wassiljewna Motroschilowa geleitet wird, arbeiten mehrere namhafte Wissenschaftler: Alexandr Arnoldowitsch Stoljarow, Violetta Pawlowna Gajdenko und Olga Wiktorowna Golowa. Sie beschäftigen sich mit der mittelalterlichen und frühchristlichen westlichen Philosophie.

In der Abteilung für Geschichte der Russischen Philosophie, die von Mikhail Nickolajewitsch Gromow geleitet wird, besteht natürlich großes Interesse an russischer religiöser Philosophie.

Was die Theologie betrifft, wird sie nur in unserer Abteilung erforscht. Wir forschen in drei Fachrichtungen: die erste ist die Religionsphilosophie. Das ist eine theoretische Disziplin, die die Grundlagen von Religion allgemein erforscht (etwa Glaube an Gott bzw. seine Existenz, seine Attribute, Beweise für seine Gerechtigkeit, Theodizee[2] usw.). Oberhaupt dieser Fachrichtung ist unser Abteilungsleiter, Professor Dr.Phil Wladimir Kyrillowitsch Schokhin.

Die zweite Fachrichtung ist die Theologie, und zwar hauptsächlich frühchristliche Theologie. Damit beschäftigen sich P.B. Mikhajlow und ich. Manchmal schließt sich unser externer Mitarbeiter Sergej Sergejewitsch Pimenow an, der sich mit moderner Theologie befasst, etwa mit den Werken von P. Tillich und anderen modernen westlichen Theologen.

Die dritte Fachrichtung der Abteilung ist die Religionswissenschaft, in der u.a. Jewgenij Gennadjewitsch Balaguschkin arbeitet.

Darüber hinaus führen wir einen ständigen Dialog zwischen dem Institut für Philosophie und dem synodalen theologischen Ausschuss unter dem Vorsitz des Metropoliten Filaret von Minsk und Sluzk. Es finden regelmäßig einmal im Jahr philosophisch-theologische Seminare statt, bei denen sowohl der theologische Ausschuss als auch unser Institut Vorträge halten.

Die Seminare sind unterschiedlichen Themen gewidmet. So hatten wir einmal das Thema „Das Böse und die Theodizee" und auch ein Seminar über die verschiedenen Wissenschaften, die sich mit Theologie befassen. Im letzten Jahr ist das Thema der menschlichen Freiheit im philosophischen und theologischen Diskurs behandelt worden. Zu diesem Thema hielt übrigens ein Lehrer der Moskauer Geistlichen Akademie, Igumen Dionissij (Dionisius) (Schlenow) einen Vortrag. In diesem Jahr ist das Seminar wegen der Patriarchenwahl auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden.

Im Großen und Ganzen haben wir hier eine sehr freundliche Atmosphäre. Häufig werden wir von Vertretern der Kirche besucht, unter anderem auch vom Metropoliten Filaret. Viele Spezialisten befassen sich mit christlicher Thematik oder philosophischen Problemen, die mit dem Christentum zusammenhängen.

PM Adrian: Sie selbst haben sich auf die westlichen Kirchenväter spezialisiert. Inwiefern sind diese für uns russisch-orthodoxe Menschen und russisch-orthodoxe Theologen, die ihre Tradition eher von den östlichen Kirchenvätern herleiten, wichtig?

A.R. Fokin: Als erstes möchte ich anmerken, dass die Kirche viele Jahrhunderte hindurch ungeteilt existierte. Daher darf die Tradition der Alten Kirche nicht zerteilt werden. Westliche und östliche Traditionen sollten nicht getrennt betrachtet werden. Natürlich bildeten sich manche Besonderheiten in der Dogmatik, im gottesdienstlichen Ritus usw. heraus, aber nichtsdestotrotz würde ich nicht davon ausgehen, dass vor dem Heiligen Hierarchen Photius zwei unterschiedliche Traditionen existierten, die getrennt zu erforschen seien. Immerhin gibt es da viel mehr Gemeinsames als Trennendes. Auch die Kirchenväter selbst hatten einander nicht in östliche und westliche unterteilt. So hatten sie die Heiligen Hierarchen Cyprian von Karthago, Augustinus von Hippo, Hieronymus von Stridon bzw. Leo den Großen genau so gerne und häufig zitiert wie die Heiligen Hierarchen Athanasius von Alexandria, Basilius den Großen, Gregor von Nazianz (den Theologen) und andere. Die alte Tradition darf nicht in zwei verschiedene Zweige aufgeteilt werden.

Zweitens sind die so genannten westlichen Kirchenväter und die westliche Theologie für uns auch deswegen interessant, weil sie im Vergleich zur östlichen Theologie weniger erforscht sind. Es mangelt an Übersetzungen, es fehlt an Forschung. Diese Arbeit wurde erst kurz vor der Revolution von 1917 begonnen. In der Kiewer Geistlichen Akademie wurden die Werke der Kirchenväter nur bis zum Seligen Hieronymus von Stridon übersetzt, und dies auch nur sehr lückenhaft. In den folgenden Jahren wurde weder Hilarius von Poitiers (Pictaviensis) noch der Heilige Hierarch Ambrosius von Mailand noch der Selige Augustinus systematisch übersetzt, und die späteren Kirchenväter erst recht nicht. Zwar gab es einzelne Forschungsmonographien, aber deren Anzahl ist sehr gering - im Vergleich zu dem, was über die griechischen Kirchenväter geschrieben worden ist. Darum beschäftige ich mich mit den westlichen Kirchenvätern. Sie sind bei uns noch so wenig erforscht. Ich möchte einfach diese Lücken allmählich so weit schließen, wie es in meinen Kräften steht. Und das ist eben der Ausgangspunkt, von dem die Idee einer dreibändigen „Lateinischen Patrologie" stammt.

Darüber hinaus nehme ich nach wie vor an verschiedenen Übersetzungen der Werke der westlichen Kirchenväter teil. So hat der Verlag des Metochions des Klosters zu Krutizi zwei von mir redigierte Bände der Werke des Seligen Augustinus veröffentlicht. Der erste Band beinhaltet Traktate zu unterschiedlichen Fragen, der zweite spätere antipelagianische[3] Aufsätze. Jetzt bereite ich den dritten Band vor, in den kleinere dogmatische Werke über den Glauben, das Glaubensbekenntnis, sowie weitere einzelne dogmatische Fragen einfließen werden.

Für uns - sowohl für die Spezialisten als auch für die einfachen Christen - ist es wichtig, die Werke der Kirchenväter zu studieren, auch die der westlichen, denn das sind heilige und im geistlichen Leben erfahrene Menschen. Jeder Gläubige kann in ihren Werken etwas Nützliches finden. Ich glaube, dass dies in jederlei Hinsicht von Nutzen ist - sowohl für die Wissenschaft als auch für das praktische Leben.

PM Adrian: Die westliche Theologie sieht den Seligen Augustinus als ihre größte Autorität an. Jedoch beinhalten gerade seine Werke den Ursprung der katholischen Triadologie mit ihrer Filioque-Lehre. Auch seine antipelagianische Polemik war der Vorläufer von Calvins Lehre über die angebliche absolute Prädestination einiger Menschen zur Erlösung, anderer zur ewigen Verdammnis. Sollten wir in diesem Zusammenhang die westlichen Kirchenväter nicht doch lieber mit Vorsicht genießen?

A.R. Fokin: Sicherlich bedarf es beim Studium der westlichen Traditionen einer gewissen Vernünftigkeit und Zurückhaltung, vielleicht auch der Zweifel. Dort finden sich bereits seit Mitte des 4. Jahrhunderts, also ab Marius Victorinus und dem  Seligen Augustinus, ernsthafte methodologische und dogmatische Unterschiede zur Lehre der östlichen Kirchenväter. Andererseits muss man sich das Extreme des Augustinismus bewusst machen. Vor allem betrifft dies seine Prädestinationslehre, die bereits verworfen wurde. Im 5. und 6. Jahrhundert und im Mittelalter wird die Lehre über die Gnade und die Prädestinationslehre im Westen nur noch mit gemäßigtem Augustinismus angegangen.

Es ist notwendig, die östlichen und westlichen Autoren parallel zu studieren und die westliche Dogmatik mit der östlichen zu vergleichen. Hinsichtlich von Askese und Mystik gibt es allerdings keine Unterschiede - nur bezüglich der Dogmatik. Diese  Unterschiede müssen durch das Prisma unserer orthodoxen Tradition erforscht werden. Dafür braucht man gewisse Richtlinien. Also habe ich im ersten Band der „Lateinischen Patrologie" versucht, die Konturen der abweichenden Meinungen westlicher Kirchenväter aufzuzeigen und die östlichen Parallelen zu präsentieren.

In der pränizäanischen Epoche war die Heterodoxie schon sehr weit verbreitet, sowohl im Osten als auch im Westen. In den Werken des Origenes kann man z.B. alles Mögliche finden. Also ist es notwendig beim Studium der Kirchenväter, vor allem der westlichen, die Dogmatik der Orthodoxen Kirche als Grundlage zu nehmen und aus dieser Sichtweise die westlichen Kirchenväter zu betrachten. Dies habe ich im Vorwort zum ersten Band der „Lateinischen Patrologie" so formuliert und stehe auch weiterhin auf diesem Standpunkt. Es ist notwendig, eine Richtlinie in Form der orthodoxen dogmatischen Theologie zu haben und die Verabsolutierung der westlichen Kirchenväter bzw. eine Konfrontation mit den östlichen Kirchenvätern zu vermeiden.

Ich bin damit einverstanden, dass man die westlichen Väter und Lehrer der Kirche, insbesondere die späteren, mit einer gewissen Vorsicht betrachtet. Jedoch gilt dies vor allem für die dogmatischen Fragestellungen. Was aber Asketik und Mystik betrifft, unterscheidet sich auch der Selige Augustinus nicht von den östlichen Autoren, die zu seiner Zeit und später lebten. Mir kommt es also so vor, als ob das innerliche geistliche Leben viel weniger Unterschiede aufweist als die Dogmatik.

PM Adrian: Wann fing denn im Westen diese Abweichung in Mystik und Asketik an, aus der letztendlich die bekannten Verzerrungen des geistlichen Lebens resultierten?

A.R. Fokin: Wann es begann? Wahrscheinlich waren solche Abweichungen im Westen bereits im Mittelalter zu beobachten. Aber was die heiligväterliche Periode betrifft, habe ich nichts von dieser Art gefunden. Die Mystik des bereits erwähnten Seligen Augustinus und des Ehrwürdigen Johannes Cassian, der übrigens sehr lange im Osten gelebt hatte, oder die des Papstes Gregor des Großen, der ein sehr aktiver Mystiker war, unterscheidet sich in keinerlei Hinsicht von der östlichen. Das einzige, was ich finden konnte, ist die Auslegung des ungeschaffenen Lichts als Göttlichen Wesens oder Göttlicher Natur, aber nicht als Göttliche Energie. Dies ist aber eben eine dogmatische Besinnung über die Erfahrung des Sehens dieses ungeschaffenen Lichtes. Aber das Sehen dieses Lichtes ist das, was sie so wie auch die anderen Mystiker beschreiben. Damals ging es natürlich nicht um irgendeine sinnliche Berauschung oder sinnliche Visionen, etwa der Kreuzigung Christi und der Meditation darüber. Dies tauchte erst im Mittelalter auf. Und erst in der Neuzeit begann die Mystik im Westen sich von der östlichen Mystik prinzipiell zu unterscheiden - vielleicht seit Thomas von Kempen, Ignatius von Loyola und den weiblichen Mystikerinnen. Ich habe mich mit dieser Problematik nicht sehr gründlich befasst und kann kaum etwas Ausführliches darüber sagen. Aber auf jeden Fall betreffen solche Verzerrungen des geistlichen Lebens nicht die alte westliche patristische Tradition.

Warum diese Verzerrungen auftauchten, welche Faktoren dabei eine Rolle spielten, das weiß ich nicht. Es gibt aber viele Spekulationen zu diesem Thema, und zwar in unserer theologischen Literatur und den Werken der benachbarten Disziplinen. Irgendwer hat das starke Bedürfnis, uns und den Westen miteinander zu konfrontieren, auch wenn dabei vergessen wird, dass das Urbild des Buches „Der unsichtbare Kampf"[4] aus der westlichen Tradition kommt[5]. Also hat die westliche Mystik die östliche schon immer beeinflusst.

Daher sehe ich volle Einheitlichkeit in der Mystik und Askese der Alten Kirche - vor allem, wenn wir von der rein praktischen Asketik sprechen. Im Grunde genommen waren die Klöster der Heiligen Hierarchen Basilius des Großen, die palästinensischen Klöster, das Kloster Lérins und die Klöster des Heiligen Benedikt auf denselben Prinzipien aufgebaut und hatten viel Gemeinsames.

PM Adrian: Wie steht es mit dem westlichen Juridismus, der im Rahmen der erwähnten Dogmatik zu gewissen juristischen Schemata degenerierte? Gab es diesen bei den alten westlichen Kirchenvätern?

A.R. Fokin: Ja, man hat schon viel gelesen und gehört  über die westliche Mentalität, also die westliche Art, juristisch zu denken, sowie über die Unterschiede zur östlichen Denkweise. Teilweise ist dies auch berechtigt. Sogar die frühchristlichen Kirchenväter (wie ich versucht habe, im ersten Band der „Lateinischen Patrologie" aufzuzeigen) betrachteten das Verhältnis zwischen Mensch und Gott juristisch - wie es auch häufig im Alten Testament der Fall ist. So sagt Tertullian, dass ein Mensch, wenn er gesündigt hat, öffentlich beichten, eine vom Priester auferlegte Buße erfüllen und Werke der Barmherzigkeit tun muss, um seine Sünde zu tilgen. Das sei dann die Satisfaktion, die er Gott gegenüber leistet, und Gott muss ihm vergeben. Eine derartige Sichtweise kann auch aus den Werken des Heiligen Hierarchen Cyprian von Karthago herausgelesen werden. Aber in den Werken der frühchristlichen Kirchenväter hatte sich diese Betrachtungsweise noch nicht auf die allgemeine Theorie der Erlösung ausgebreitet. In ihren Werken findet man keine Ideen zur Beleidigung Gottes, über die Notwendigkeit der Satisfaktion usw., wie sie später etwa bei Anselm von Canterbury zu finden sind. So etwas hatte es damals noch nicht gegeben. Sowohl bei den frühchristlichen als auch bei den späteren Kirchenvätern des 4. und des 5. Jahrhunderts waren solche juristischen Vorstellungen noch nicht ernsthaft in die Dogmatik eingeflossen.

Ein anderes Beispiel des Juridismus ist die Lehre über die Kirche und die Macht des Papstes. Sie beginnt sich ab Mitte des 4. Jahrhunderts herauszubilden - bei den Päpsten Damasus und Siricius, später bei Innocentius I und Celestinus und vor allem bei Leo dem Großen und Gregor dem Großen. Dieses Konzept stellt sicherlich eine Tendenz zum juristischen Denkansatz dar. Im Gegensatz zur [bisherigen] katholischen Natur der kirchlichen Macht hatten sie versucht, eine Machtvertikale aufzubauen, in der es ein ersichtliches Haupt der Kirche geben sollte, dem alle anderen Bischöfe untergeordnet wären. In andere Bereiche der Dogmatik scheint der Juridismus nicht eingedrungen zu sein.

Die klassische „juristische Erlösungstheorie" des Anselmus von Canterbury entstand erst Ende des 11./ Anfang des 12. Jahrhunderts, während sowohl die frühen westlichen als auch die östlichen Väter in ihrer Soteriologie[6], zusammen mit der Erlösungstheorie, auch eine Theorie vom „Freikauf der Gefangenen" und der Täuschung des Teufels hatten, sowie auch eine Lehre über die Versöhnung mit Gott durch einen Mittler, eine „Rekapitulierungstheorie", und auch eine Lehre über Vergöttlichung, die übrigens im eigentlichen Sinne keine östliche „Entdeckung" ist.

Außer der Lehre des Heiligen Hierarchen Irenäus von Lyon sind die häufig zitierten Worte des Heiligen Hierarchen Athanasius des Großen - „Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, damit wir vergöttlicht werden" - in der einen oder anderen Variante auch bei Tertullian, beim Heiligen Hierarchen Cyprian von Karthago, bei Novacian und beim Seligen Augustinus zu finden. Andererseits können wir derartige juristische Auslegungen der Erlösung auch im Osten finden, zum Beispiel beim Hierarchen Athanasius des Großen. Aber auch wenn diese Tradition allgemein verbreitet war, hatte es im Westen stärkere juristische Neigungen gegeben. Sie wuchsen allmählich an und erreichten im Mittelalter ihren Zenit. Das heißt, es ist zum Teil wahr, dass die westlichen Kirchenväter dem Juridismus huldigten; es kann jedoch nicht pauschal behauptet werden, dass im Westen alles auf dem Juridismus aufgebaut sei. Insbesondere wenn wir über die frühere Tradition sprechen. Sie war nämlich eine Gemeinsame und darf nicht in eine östliche und eine westliche zerteilt werden.

PM Adrian: Am Institut für Philosophie, wie in jedem Institut der Akademie, studieren auch Doktoranden. Von welchen Hochschulen kommen sie zu Ihnen?

A.R. Fokin: Aus allen möglichen: sowohl aus Moskau als auch aus der entlegensten Provinz.

PM Adrian: Auch aus Orthodoxen Hochschulen? 

A.R. Fokin: Pjotr Mikhajlow und ich selbst haben, bevor wir Doktoranden wurden, an der Russischen Orthodoxen Universität des Hl. Johannes des Theologen studiert. Es gibt auch Doktoranden aus der Orthodoxen St.-Tichon-Universität für Geisteswissenschaften. Von der Moskauer Geistlichen Akademie hatten wir noch keine Doktoranden, denn man benötigt ein staatliches Diplom, um an unserem Graduiertenkolleg aufgenommen zu werden.

PM Adrian: Gibt es viele Doktoranden, die am Institut für Philosophie zu religiösen Themen promovieren?

A.R. Fokin: Sehr viele. Heute ist praktisch jede zweite Dissertation einem religiösen Thema gewidmet. Und zwar nicht nur dem Christentum oder den Heiligen Kirchenvätern; es geht auch um den Judaismus (so hatten wir neulich eine Arbeit über die Kabbala), den Islam und sehr viel um die russische religiöse Philosophie (beispielsweise hatten wir vor kurzem eine Arbeit über Wladimir Solowjow[7]). Sicherlich auch um die Heiligen Kirchenväter, wie bereits erwähnt. Neulich ist bei uns eine Arbeit über den Heiligen Maximus den Bekenner geschrieben worden. Bald wird Maria Sentschukowa, eine Doktorandin unserer Abteilung, eine Dissertation zur Ekklesiologie des Erzpriesters Nikolaj Afanasjew fertigstellen.

Wir haben mehrere Dissertationsausschüsse. Am häufigsten werden Dissertationen zu religiösen Themen in zweien davon geschrieben: im Ausschuss für die Geschichte der Philosophie und dem Ausschuss für Religionswissenschaft. Im ersteren werden historisch-philosophische Arbeiten geschrieben, einschließlich solcher über die Heiligen Kirchenväter bzw. ihre philosophisch-theologische Lehre. Dort habe auch ich selbst meine Dissertation über Marius Victorinus gehalten. Es gibt auch einen Ausschuss für Religionswissenschaft, einen für philosophische Anthropologie, einen für Ästhetik und einige angrenzende Fächer, einschließlich Theologie. Dort wird gerade die Dissertation zur Ekklesiologie des Vaters Nikolaj Afanasjew angefertigt. Zurzeit bin ich als wissenschaftlicher Sekretär dieses Ausschusses tätig.

PM Adrian: Was für wissenschaftliche Grade werden erteilt? 

A.R. Fokin: Dr. Phil. oder habilitierter Dr. Phil. Für Theologie gibt es noch keinen Grad. Und wenn ein solcher Dissertationsausschuss entstehen sollte, wird dies wohl zuerst in der Orthodoxen St.-Tichon-Universität für Geisteswissenschaften passieren, denke ich. Denn der Rat sollte aus etwa zwanzig Doktoren des jeweiligen Faches bestehen. Heute haben wir hier noch nicht so viele, also wäre es uns in nächster Zukunft noch nicht möglich, solch einen Ausschuss einzurichten. Eigentlich ist dies aber auch nicht allzu dringend, denn die Thematik der bei uns gehaltenen Dissertationen ist häufig dennoch definitiv religiös. Dabei sollten natürlich gewisse philosophische Anforderungen berücksichtigt und bestimmte Formalitäten eingehalten werden. Aber für weitere wissenschaftliche Studien sowie für die Lehrtätigkeit sowohl in säkularen als auch in geistlichen Hochschulen reicht diese Art der Promotion zum Dr. Phil. völlig aus.

Interviewer: Priestermönch Adrian (Paschin)

 


[1] Zweite Scholastik (auch Spätscholastik) ist eine theologisch-juristische Bewegung, die an Thomas von Aquin anknüpft. In der Zweiten Scholastik wurden zentrale Grundsätze des Völker-  und des Strafrechts entwickelt. (Anm.d.Ü.)

[2] Theodizee (v. altgriech. θεός theós „Gott" und δίκη díke „Gerechtigkeit") ist eine klassische theologische und philosophische Fragestellung, die sich damit beschäftigt, wie die Existenz des einen allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gottes mit der Existenz des Bösen in der Welt vereinbar sei. (Anm.d.Ü.)

[3] Unter Pelagianismus wird eine als Häresie verurteilte Lehre von Pelagius († 420), der behauptete, dass die menschliche Natur durch eine Erbsünde nicht verdorben ist, wodurch es möglich sei, ohne Sünde sein zu können. Es handelt sich daher  letztlich um eine Lehre der Selbsterlösungsmöglichkeit und -fähigkeit des Menschen. (Anm.d.Ü)

[4] „Der unsichtbare Kampf", ein vom Russischen Heiligen Hierarchen Feofan (Theophanus) dem Einsiedler übersetztes Werk des Heiligen Nikodemos von Naxos (auch: Nikodemos Hagioreites, Nikodemus von Athos, Nikodemus vom Heiligen Berg (1748-1809), Mönch vom Berg Athos und Verfasser des Egcheiridion Symbouleutichon (1801), in dem er die Hesychasten verteidigte) ist längst ein beliebtes Buch der Orthodoxie geworden. Das Buch berichtet über den unsichtbaren Kampf, den jeder Christ gegen die Feinde seines Heils führt. (Anm.d.Ü.)

[5] Gemeint ist hier das Werk „Combattimento spirituale" (Der geistliche Kampf") von Lorenzo Scupoli (1530-1610), das vom Ehrwürdigen Nikodemos von Naxos ins Griechische übersetzt und mit vielen Referenzen auf die griechischen Kirchenväter ergänzt als Buch „Der geistliche Kampf" überarbeitet wurde. (Anm.d.Ü.)

[6] Die Soteriologie (griechisch σωτηριολογία) ist die Lehre von dem Heil der Menschheit durch Jesus Christus. Der Ausdruck kommt vom griechischen Soter - Retter, Heiland. (Anm.d.Ü.)

[7] Wladimir Solowjow (1853-1900), russischer Religionsphilosoph und Schriftsteller, der versuchte, Religion, wissenschaftliche Erkenntnis und mystische Erfahrung in einem System zu verbinden. (Anm.d.Ü.)

 

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