Функционирует при финансовой поддержке Федерального агентства по печати и массовым коммуникациям
Goldener Fonds
Leserkommentare rss

Zeit, an den Spiegel zu gehen

6. März 2014
Am 27. Februar beginnt das Große Fasten. Welcher Sinn steht hinter den strengen Fastenregeln? Ist „Buße auf Befehl“ möglich? Was unterscheidet das Große Fasten von den anderen Fastenzeiten?  Diese und andere häufige Fragen beantwortet Erzpriester Pavel Velikanov, Dekan des St.Paraskeva-Metochions der St.Sergius-Dreiheitslavra und Hauptredakteur des Portals „Bogoslov.Ru“.

Das Große Fasten wiederholt sich jedes Jahr. Dient diese Wiederholung unserer Veränderung oder wird das Fasten nicht vielmehr einfach zur Gewohnheit?

Ja, die Kirche, so wie übrigens auch die Natur, lebt in einem von Gott bestimmten Rhythmus. Das Leben ist in den meisten seiner Aspekte zyklisch. Es mag sein, dass wir nicht ganz verstehen, warum alles so eingerichtet ist, aber diese regelhaften Wechsel unterschiedlicher Lebensperioden haben natürlich ihre große Wirkung auf den Menschen.

Ich habe das Gefühl, dass das ganze Leben eines Menschen einer spiralförmigen Bewegung gleicht. Bewegen wir uns in der richtigen Richtung, dann verspüren wir, wenn wir aufwärts gehen und einen höheren Punkt in der Spirale erreichen, einen qualitativen Unterschied. Wir fühlen dann, dass wir uns nach einer gewissen Zeit auf einer anderen Höhe befinden. Ein solcher Moment, in dem wir einen Unterschied zwischen diesen zwei Höhen unseres Lebens verspüren können, ist eben das frohe Fest der Auferstehung Christi, Ostern. Demgemäß  gehen äußerste Verdichtung und Intensität des spirituellen Lebens der Großen Fastenzeit voran und sind damit auch verbunden.

Warum fasten wir ausgerechnet vor der Auferstehung Christi?

Wir glauben, dass es in der Welt bzw. im Universum niemals etwas grandioseres gegeben hat als die Auferstehung. Für die Christen ist dies ein Ereignis, welches das ganze Universum beeinflusst hat. Gott wurde zu einem Teil dieser von IHM Selbst erschaffenen Welt, und indem ER sich mit dieser Welt vereinigt hat, hat ER sie radikal verändert. Für uns ist es nur natürlich, dass ein Gläubiger auf dieses Ereignis irgendwie antworten will, und wenn es dazu kommt, soll er etwas mitbringen! Bin mir nicht ganz sicher, ob ich das richtig verstanden habe…] Der Wunsch, an der Feier des ganzen Universums irgendwie teilzuhaben, ist eben das, was den Menschen zum Fasten bringt; es drängt ihn dazu, zu fasten und dabei sein eigenes Leben so ernsthaft wie möglich in Frage zu stellen. Ungelöste Fragen, Verschwiegenes und all die Unvollkommenheiten, die im Leben eines jeden von uns reichlich vorhanden sind und sich mit jedem Tag immer weiter anhäufen, müssen gründlich bedacht werden, und durch reale Handlungen können wir beweisen, dass wir uns die größte Mühe geben, das zu tun, was wir tun können, um uns zu ändern, also die Fundamentalität unsere Absichten zu  zeigen.

Jedoch können wir uns allein aus eigener Kraft nicht ändern. „Ich will ein Heiliger werden!“? Na, dann los, fang mal an! „Nein, ich will, dass diese Heiligkeit mir in den Schoß fällt…“? Du würdest dann aber an dieser Heiligkeit zuschanden gehen, denn es würde sich erweisen, dass sie dir unerträglich wäre, sie in dein reales Leben nicht hineinpassen würde und mit deinen Gewohnheiten und  Sitten inkompatibel wäre.

Es besteht ein unvermeidlicher Zwiespalt zwischen dem, was wir gerne sein möchten, und dem, was wir im Moment sind. Um diesen zu überwinden, gibt es in der Kirche Lebensperioden, in denen die Intensität des spirituellen Lebens, des Gebets und der Buße maximal erhöht wird.

Der Mechanismus des Fastens als solcher ist sehr effektiv! Die Kirche ruft uns dazu auf, auf all das zu verzichten, was nicht lebensnotwendig ist. Das betrifft nicht nur das Essen und die verschiedenen Zerstreuungen. Der Christ geht in die vorderste Linie, zum Angriff gegen seine Hauptfeinde, nämlich die Sünde und den Teufel. In seiner Ausrüstung darf es deshalb nichts Überflüssiges geben.

Es gibt aber auch einiges, wovor zu warnen ist… Häufig hört man, das Fasten und die Buße seien Teil des Lebens jedes Christen, also nicht nur der Mönche. Jedoch stimmt dies nicht ganz. In Klöstern gibt es eine besondere Lebensordnung, die den Anforderungen des Mönchtums entspricht. Die Satzung des monastischen Lebens dient der Abschirmung und dem Aufbau vor allem solcher Tugenden, die in der Welt praktisch unerreichbar sind – vollkommener Gehorsam, Uneigennützigkeit und Zölibat. Eine mechanische Übertragung dieser richtigen und inspirierenden Anforderungen aus der monastischen Umgebung ins Leben einfacher Laien endet häufig in einer spirituellen Katastrophe und einer Sinnkrise. Deshalb ist es für jeden Menschen notwendig, seine Kräfte mit den realen Umständen seines Lebens abzugleichen. Intensität im Glaubensleben soll es sicherlich geben, doch jedermann hat seine eigenen Grenzen. Hier muss man Gehorsam zur Mutterkirche aufweisen.

Gottesdienstlich unterscheidet sich das Große Fasten sehr  vom restlichen Kirchenjahr; es konzentriert die Aufmerksamkeit auf die Buße. Die Buße ist aber doch schon der normale Zustand eines Christen, zu jeder Jahreszeit. Was ist der Unterschied?

Das Große Fasten ist die Periode im Leben eines Menschen, in der ihm eine besondere Chance gegeben wird, sich zu ändern, und der Mensch ist frei, diese Chance zu nutzen oder eben nicht.

Worin besteht diese Chance? Darin, dass alle Bedingungen erfüllt werden, um es dem Menschen zu ermöglichen, den Grad seiner Christlichkeit, so sehr er es nur vermag, zu erhöhen. Und nachdem er dies vollbracht hat, verspürt er in der Regel nicht etwa, dass ihm zarte Engelsgeflügel zu wachsen beginnen. Im Gegenteil verspürt er, dass es in seinem Leben essentielle Makel und chronische Fehler gibt, und ist ihm völlig unklar, wie er damit zurechtkommen soll!

Denn unser Problem als Menschen besteht darin, dass wir alle uns mit unseren eigenen Augen sehen, während die Fokussierung unseres Sehvermögens gestört und unser Visier immer etwa verschoben ist, in der Regel zur Selbstrechtfertigung. Wir sind objektiv nicht in der Lage, uns so zu sehen, wie wir in der Tat sind! Und was ist die Buße? Das ist immer der Blick auf sich selbst, fokussiert vor dem Antlitz Gottes. Sobald der Fokus entsteht, sieht man seine Makel, und dieser Zustand ist der fruchtbarste und bequemste, um eine neue Ebene der Kommunio mit Gott zu erreichen.

Worin besteht nun diese neue Ebene? Je mehr der Mensch sich bemüht, christlich und tugendsam zu leben, desto schwächer werden seine Hoffnung auf sich selbst und die Überzeugung, dass die eigenen Kräfte, Glaube, Güte und Rechtschaffenheit zumindest dafür genügen, um ein frommes Leben zu führen! Das heißt, der Mensch fühlt sich schwächer. Je mehr er sich bemüht, um besser zu leben, desto klarer versteht er, wie kraftlos und schwach er ist. Eben deswegen rühmte der Apostel Paulus sich seiner Schwachheiten! Nicht umsonst schrieb er: „Der Herr hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht. Daher will ich am allerliebsten mich vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, auf dass die Kraft des Christus über mir wohne(2 Kor 12,9). Das war keine Angeberei, sondern ein Zeugnis der Tiefe christlicher Demut durch die reale Annährung an Gott und Seine Heiligkeit.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen den Erfahrungen, die ein Mensch normalerweise mit sich selber macht (welche vom Standpunkt eines nicht-gläubigen Menschen in jederlei Hinsicht völlig normal und richtig wäre) und der Erfahrung, welche die Empfindung der eigenen totalen Hilflosigkeit liefert. Diesen Unterschied kann man allerdings nur selbst erfahren! Unsere Hilflosigkeit eröffnet sich uns nur dann ganz, wenn es in unserem Herzen genug Glauben gibt, um aufzuhören, sich im Leben wie ein wie ein Formel-Eins-Champion anzusehen, und zu lernen, nur ein wenig „mitzusteuern“, da man weiß, dass am Steuer seines Lebens jemand Anderes sitzt. Man muss also sehr wachsam und aufmerksam sein, und wenn es klar wird, dass die Richtung nicht stimmt,  nicht versuchen, das Steuer mit aller Kraft in die Gegenrichtung herumzureißen.

Also liegt der Sinn des Großen Fastens darin, den Menschen vor einen fokussierten Spiegel der evangelischen Ideale zu stellen, damit er in diesem Spiegel sieht, wie wenig er diesen Idealen entspricht. Nachdem der Mensch diese Nichtentsprechung erkannt hat, soll er nicht in Verzweiflung geraten, sondern, im Gegenteil, sich für die Wirkung Gottes öffnen, damit ER selbst die notwenigen Veränderungen vollbringt.

Buße ist eine private Angelegenheit jedes Menschen vor Gott. Ist es denn überhaupt möglich, dazu „auf Befehl“, nur in der Großen Fastenzeit, bereit zu sein?

Unsere Einheit im Tun der Buße entspringt zwei Dingen.

Das erste ist die Einheit der menschlichen Natur. Bei allen äußerlichen Unterschieden, Unterschieden in der Lebensweisen, im Status und der physikalischen Zustände der Menschen haben wir eine gemeinsame Natur und leben nach denselben Gesetzen. Wenn zum Beispiel Druck auf uns ausgeübt wird, beginnen wir bestimmt laut zu wehklagen. Wird uns schmerzhaft auf die Füße getreten, beginnen wir, unabhängig davon,  was für eine Erziehung und Ausbildung wir haben, unser Unbehagen zu äußern. Genau so müssen wir verstehen: wenn die Kirche uns in den sehr engen Raum des Großen Fastens hineinjagt, wird das kein Zuckerschlecken. Und dieser „Kein-Zuckerschlecken-Zustand“ ist der wunderschöne Grund für die Veränderung.

Das wirkt in gleicher Weise auf Alle!

Für mich war dies schon immer eine Bezeugung der erstaunlichen Lebenskraft und Authentizität der Prinzipien des christlichen Lebens. Wenn du siehst, dass du, nachdem du das Große Fasten bestanden hast und nun alles darfst, all das plötzlich gar nicht mehr brauchst, und da zu diesem Erlebnis auch andere Leute kommen, die ganz unterschiedlich von dir sind, verstehst du, dass es funktioniert!

Das Zweite ist der Effekt der Katholizität.

In jeder beliebigen Gesellschaft bzw. Gruppe wirkt jeder Mensch  wir ein Resonanzkörper, und wenn eine gewisse Menge von Menschen einem gemeinsamen Punkt zustrebt, entsteht unvermeidlich eine gemeinsame seelische und dann auch spirituelle Resonanz. Diese Resonanz der Menschen, die sich nach Christus richten, erzeugt das, was wir Sobornost bzw. Katholizität nennen. Die Katholizität ist eine der wesentlichen  Eigenschaften der Kirche, nämlich die Einheit des Willens, der Gefühle und der Erlebnisse derjenigen, die nach Christus streben. Diese Einheit gebiert ein qualitativ anderes Erlebnis von Gott als das, was der einzelne Mensch durch seine persönliche religiöse Erfahrung erfährt. es handelt sich dabei nicht nur um eine einfache Addition der individuellen religiösen Erlebnisse, sondern etwas anderes. Dank des Effekts der Katholizität ergibt sich eine tiefliegende Antwort von Gott. Es erfolgt quasi eine „Synchronisierung“ der durch den Glauben vereinigten Menschen mit dem Göttlichen. In der Kirche hört der Mensch auf, eine selbstgenügende „Monade“ zu sein, und wird zum organischen Teil des Großen und Heiligen Ganzen, das mit keinem individuellen menschlichen Leben zu vergleichen ist – mit dem Leib Christi.

Der Mensch selbst kann sich nicht „synchronisieren“. Bei jedem von uns ist sein „Operationssystem“ grundsätzlich beschädigt, und wir selbst können diese Beschädigung nicht lokalisieren, denn innerhalb von einem selbst kann man nicht verstehen, wo die Fehler im Programm sind und wie der „Programmcode“ aussieht. Auch wenn wir im Angesicht Christi ein absolutes Kriterium bzw. das absolute Ideal vor uns haben, irren und täuschen wir uns in Bezug darauf, was sein muss und was eben nicht. Unser „Visier der Richtigkeit“ verstellt sich die ganze Zeit! Das allgemeine Kriterium der Wahrhaftigkeit all unserer Absichten ist die Kirche selbst. Die Kirche ist eben dadurch stark, dass sie ständig überprüft, ob unsere individuellen spirituellen Trajektorien dem gemeinsamen Vektor des Lebens der Kirche entsprechen. Sie ist eben „ die Grundfeste der Wahrheit “ als solcher und deshalb die „Bestätigung“ unserer einzelnen „Wahrheiten“. In diesem Sinne hat die Buße nicht nur eine persönliche, sondern auch eine auf die Katholizität bezogene Dimension.

Nicht jeder von uns ist bereit zu sagen, dass er der größte Sünder ist. Das Große Fasten setzt aber eben die maximale Buße voraus. Wird sie dadurch nicht oft nur vorgetäuscht?

Auch wenn der Mensch nicht spürt, dass er innerlich beschädigt ist und dass in ihm etwas falsch läuft, soll dies zum Gegenstand seines Glaubens und seiner Treue werden. Obwohl es mir schwer fällt, mir einen Menschen vorzustellen, der aufrichtig sagen könnte: „Bei mir ist alles in Ordnung. Ich lebe nach meinem Gewissen und habe mich völlig im Griff. Meine Handlungen, Gedanken und Gefühle sind mir nie peinlich oder schmerzhaft.“ Wäre so ein Mensch prinzipiell möglich, hätte Christus nicht zu kommen brauchen.

Die Kraft des Christentums liegt darin, dass wir an Christus als Heiland glauben. An Gott glauben viele Menschen auf Erden, aber Christen offenbart ER sich eben als Heiland, als derjenige, dessen Aufgabe die Erlösung des Menschen ist; weder der einwandfreie Weltbau noch Seine Verherrlichung als Gott, sondern eben die Rettung des Menschen. Für IHN ist es das Problem Nummer Eins. Um dieses Problem zu lösen, ergriff ER, wie wir heute sagen würden, die äußersten Maßnahmen, die von vielerlei Standpunkten wie eine Torheiten aussahen. Aber bei denjenigen, die gefühlt und verstanden hatten, um was es ging, erweckte es ganz andere Gefühle. Nicht umsonst sprach der Apostel Paulus, dass das Kreuz den Juden und den Griechen eine Torheit und ein Ärgernis ist, für uns aber Gottes Weisheit und Gottes Kraft.

Christen unterscheiden sich von Anhängern anderer Religionen dadurch, dass sie an die gütige Willensäußerung Gottes, die sich an sie persönlich richtet, glauben. Für sie ist Gott kein Gesetzgeber, der bereit wäre, sie für jedes Vergehen zu köpfen. Ein Christ glaubt, dass alles, was in seinem Leben geschieht, ausschließlich durch den Wunsch Gottes bewegt wird, ihn aus dem gefallenen Zustand „herauszuziehen“ und die ganze Welt umzugestalten, nur um jeden konkreten Menschen zu retten!

Was soll der Mensch tun, um das Gefühl, dass er sündig und kraftlos ist, nicht mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zu verwechseln?

Ich denke, dass diese zwei Dinge nicht nur nicht gleichbedeutend, sondern ganz gegenteilig sind. Ein niedriges Selbstwertgefühl ist in der Regel die Gegenseite äußersten Dünkels. Der Mensch will sich besser sehen, als er in der Tat ist, oder sogar besser als das, was wer sein könnte. Seine Selbstvorstellung wird gravierend erniedrigt, da seine Selbsterwartungen ursprünglich zu hoch sind. Das ist eine Art umgedrehter Stolz.

Demut ist dagegen die ehrliche und unvoreingenommene Sicht auf sich selbst und die eigenen Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen magst du etwas tun, aber weder darüber hinaus (da du es nicht wagst) noch niedriger. Die Väter schreiben, dass die Demut nie fallen kann, denn sie liegt ohnehin niedriger als alles andere. Mit anderen Worten, Niedergedrücktheit bzw. Selbstenttäuschung sind für einen demütigen Menschen einfach undenkbar. Demut ist weder, wenn man sich etwas vorwirft, noch wenn man sich etwas zuschreibt, was nicht zutrifft. Es gibt auch fingierte Demut, wenn der Mensch eine fromme Maske aufzieht. Wahre Demut entspringt aus einem sehr tiefen Verständnis der eigenen Natur. Deshalb strebt die Kirche es keinesfalls an, den Menschen zu erniedrigen. Sie versucht, dem Menschen zu helfen, sich so zu sehen, wie er ist – und ihm eine starke Hand zu reichen, so dass er, wenn er diese ergreift, sich nicht nur erheben, sondern auch ganz anders werden kann. Denn diese Hand ist Christus.

Wie ist der Bußkanon des Andreas von Kreta zu lesen? Muss man die darin erwähnten Geschichten wirklich auf sich beziehen?

Das Christentum ist kein Theater. Es geht nicht darum, dass der Mensch versuchen sollte, sich durch Schauspieltechniken mit  irgendwelchen Sündern gleichzusetzen, von denen er hört, und sich davon zu überzeugen, dass er auch so ist, oder sich Sünden zuzuschreiben, die er nicht begangen hat. Der Große Bußkanon des Andreas von Kreta ist ein hochkünstlerisches und zutiefst allegorisches Werk. Lesen wir ein schönes Poem über die Liebe, finden in unserer Seele die Erlebnisse Anklang, die der Dichter mit Worten sehr genau auszudrücken vermochte. Es ist eben auch hier so: der Sinn dieser Lektüre besteht darin, die Seele auf ein solches Erlebnis von Gott einzustimmen, das diesen Kanon zur Welt brachte. Wir versuchen, die Innenwelt des Menschen zu berühren, der diese oder jene Sünden begangen hat und, so wie auch er, die Kraft der Göttlichen Barmherzigkeit und Vergebung zu verspüren. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite besteht, meiner Ansicht nach, darin: wir müssen verstehen, dass die Menschheit auch in der Sünde eine gewisse Einheit bildet. Haben denn die Heiligen, die vor Gott die Sünden aufrichtig gebüßt haben, die sie nicht einmal hätten begehen können, etwa gelogen? Nein, weder haben sie gelogen noch geschauspielert, sondern vor ihnen öffnete sich die ganze Fülle der Schwäche der menschlichen Natur, ihre grundlegende Hinfälligkeit. Sie verstanden sehr gut, dass der Mensch, wenn mit sich selbst allein bleibt und die Göttliche Gnade ihn verlässt, zu jedem Absturz fähig ist!

Das sind die Reuetränen der gesamten Kirche über die Sünden, unter denen es einfach solch unheimliche Dinge gibt, über die man nur ungerne laut sprechen würde! Wir Menschen sündigen alle mehr oder weniger gleich, sozusagen standardmäßig. Die Auffaltung einer Persönlichkeit ist nur dann einzigartig, wenn sie den Weg der Annäherung zu Gott geht…

Warum gilt es als unerlässlich, während der Fastenzeit bei der Liturgie der Vorgeweihten Gabenwenigstens einmal die Kommunion erhalten?

Das Große Fasten ist ein sehr gutes Werkzeug,  auch dafür, die Kommunion als Bonus bzw. Belohnung für gutes Verhalten anzusehen. Je mehr Kommunikanten  bei der Liturgie der Vorgeweihten Gaben zu sehen sind, desto mehr erfreut das die Seele! Denn dabei stoßen wir darauf, dass Christus und die Teilhabe am Leib Christi nicht als Belohnung, sondern als Arznei, und nicht als Ergebnis der Buße, sondern als Weg dorthin verstanden werden.

Es ist nicht das, was die Buße vollendet, nachdem der Mensch sich in großer Verlegenheit befindet: „Und was soll ich nun weiter tun? Es sieht so aus, als ob ich alles getan hätte, was Gott von mir verlangte: habe mich würdig vorbereitet und die Kommunion erhalten…“ Und plötzlich ändert sich die Perspektive, und er sieht, dass die Gemeinschaft mit Christus für ihn nicht der Gipfel seines Lebens ist, sondern die Grundlage! Christus ist nicht nur das Leben, sondern auch der Weg zu diesem ewigen Leben mit Gott und in Gott!

Die Krönung des Tuns der Großen Fastenzeit ist die Kommunion, aber dabei verschwinden weder das Fasten noch die Intensität dieses Tuns. Im Gegenteil wird all das zu Bestandteilen eines komplizierten Vorgangs, dessen Ziel es ist, uns endlich zu ändern!

Wenn abends die Liturgie der Vorgeweihen Gaben zelebriert wird, dann zeigt sich der ganze Tag als Warten auf Christus. Der Mensch isst und trinkt den ganzen Tag lang nichts; dabei geht er zur Arbeit und erfüllt seine normalen alltäglichen Pflichten, aber die ganze Zeit hat er im Gedächtnis: „Am Abend ist der Gottesdienst, am Abend werde ich die Kommunion erhalten.“ In ihm wird eine ganz andere Lebensvorstellung geboren!

Ursprünglich wurde die Liturgie eben abends zelebriert, und darin besteht ein tiefliegender Sinn.

Warum tragen Priester während der Großen Fastengottesdienste schwarze Gewänder?

Schwarz ist die Farbe des Kummers und der Trauer…

Schwarze Gewände sind für orthodoxe Gotteshäuser nicht ganz traditionell. So habe ich bei Griechen diese Farbe so gut wie nie gesehen. Schwarz ist die traditionelle Farbe des Kummers, aber Fasten ist keine Trauer. Eher ist es eine Übung vor der „Hauptprüfung“ – Ostern. Ostern ist nicht einfach eine Episode im Kalender. Bei den Heiligen Väter ist die Aussage zu finden, dass die Auferstehung Christi ein Mysterium der Kirche sei. Jeder Mensch, der ins kirchliche Leben integriert ist, weiß, dass das eine wunderschöne Periode im Leben der Kirche ist – und auch eine Art Prüfung, die regelmäßig durchgeführt wird.

Genauso prüfen wir uns, wenn wir an die Kommunion herantreten, ob wir mit unserem Leben fähig sind, Christus zu beherbergen, oder ob wir eher dabei sind, IHN aus uns herauszuwerfen? Ebenso ist es auch mit Ostern – die maximale Versenkung (so tief, wie es im unserem Leben überhaupt möglich ist) in die Nähe zu Gott, in einen Zustand, in dem die Zeit, der Raum und unser Leben mit Christum gefüllt sind. Deshalb wird das Große Fasten nicht als Trauer erlebt, sondern eben als ein Weg bzw. ein Raum für das Tun, für die Übung und für die Vorbereitung.

Womit ist dies zu vergleichen?

Damit, wie kreative Menschen arbeiten. Wenn Künstler von einer Idee bzw. einem Erlebnis überwältigt sind, dann existiert für sie nichts anderes mehr – sie können so gut wie ohne Essen auskommen und müssen nur ab und zu schlafen… Oft entstehen auf diese Weise Meisterstücke und Kunstwerke, die dann die Menschheit noch nach Jahrhunderten entzücken.

Für den Christen ist das Fasten eine Zeit, in der er sich völlig auslebt, es ist ein Raum für maximale Spannung und die Verwirklichung des kreativen Potentials. Oder, genauer gesagt, die Zeit, in der im Menschen eine spirituelle Frucht reifen soll. Wenn eine Frau schwanger ist, weiß sie, dass der Anfang eines neuen Lebens, einer neuen Persönlichkeit in ihr viel wichtiger ist als all die Dinge, die normalerweise im Vordergrund stehen. Sie weiß nicht, was für ein Kind geboren wird, ob es hübsch oder hässlich, schlau oder einfältig sein wird. Jedoch versteht sie, dass der Wert dessen, was sie in sich trägt, primär ist, und alles andere bloß sekundär.

Um einen ähnlichen Zustand geht es in den Hymnen des Großen Fastens: wir tragen in uns eine spirituelle Frucht und müssen uns Mühe geben, damit sie reifen kann. Dieser Raum des asketischen Vorwärtsbringens und der spirituellen Übung soll aus dem Leben das Sekundäre, das für die Erreichung dieses Zieles nicht essentiell ist, ausschließen.

Schlüsselwörter:
Siehe auch:
добавить на Яндекс добавить на Яндекс