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Goldener Fonds

Das Christentum als eine Religion der politischen Korrektheit im modernen Europa: Illusionen und realistische Perspektiven

12. März 2009
Dieser polemische Artikel von Dr.Phil. W. K. Schokhin, dem Leiter der Abteilung für Religionsphilosophie des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAW), ist der Zukunft des Christentums in Westeuropa gewidmet. Der Autor beschäftigt sich mit der Frage, ob das Christentum es schaffen könne, unter den Bedingungen totaler politischer Korrektheit zu überleben, und beantwortet diese Frage positiv.

Diese Publikation ist polemisch. Die Polemik richtet sich nicht auf das konkrete Konzept irgendeines Autoren, sondern auf eine weit verbreitete Vorstellung oder eher Stimmung: ungeachtet der offensichtlichen Krise, in der sich die gesellschaftliche Autorität des Christentums in Europa befindet, wird angenommen, dass es nicht aus dem Zentrum der Weltzivilisation verloren gehen kann, da Europa immer christlich war und es quasi seinem Sein nach ist,  egal, welche vorübergehende Erscheinungen einen gegenteiligen Eindruck erwecken mögen. Das ist ganz wie in der „Bhagavadgita", in der Krischna sich Mühe gab, Arjuna von folgendem zu überzeugen: „es gibt kein Werden aus dem Nichts, noch wird zu Nichts das Seiende, und die Grenze beider ist erschaut von denen, die die Wahrheit schauen"(II.16)[1]. Diese eternalistische Sichtweise leistet zwar die uneingeschränkte Garantie darauf, was es bereits gibt, widerspricht aber dem, was in der Geschichte zu beobachten ist.

Im ersten Teil dieser Schrift gebe ich meinen bereits veröffentlichen Vortrag „Der interreligiöse Dialog, oder: Verschwindet das Christentum aus Europa?", der auf der internationalen wissenschaftlichen Konferenz der RAW „Christentum, Kultur und moralische Werte" gehalten wurde. Diese Konferenz, die vom 19. bis zum 21. Juni 2007 im Institut für Allgemeine Geschichte in Moskau stattfand, wurde durch das Institut für Allgemeine Geschichte, das Auswärtige Amt der Russischen Orthodoxen Kirche und den Päpstlichen Ausschuss für Kultur (Vatikan) organisiert.

Im zweiten Teil berichte ich über die thematische Fortsetzung dieses Vortrages und teile den Lesern die Eindrücke mit, die ich bei der Beschäftigung mit einigen Internetseiten  (vorwiegend interfax-religion.ru) gewonnen habe. Chronologisch folgen die einbezogenen Materialien dem Vortrag und stammen hauptsächlich aus der Jahreshälfte, die dem Schreiben dieses Textes vorausging.

 

Ι 

Die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen den verschiedenen religiösen Führern und Einrichtungen wird heute in Europa immer mehr bewusst und deutlich. Die Ursachen dafür sind naheliegend: Europa ist längst nicht mehr monokulturell und monoreligiös. Die Anzahl der vielen verschiedenen Religionen angehörenden Einwanderer aus Ländern der Dritten Welt und ihrer Nachkommen wächst in geometrischer Progression, im Gegensatz zur eher abnehmenden einheimischen Bevölkerung. Die finanzielle und zivilisatorische Ungleichheit in dieser multiethnischen und multikulturellen weltweiten Megalopolis führt zu Konfliktsituationen, die durch die religiöse Selbstbehauptung sowohl verschleiert, als auch provoziert werden. Daher ist es ganz normal, dass die interreligiösen Kontakte, die vorher nur mit Unterstützung der politischen Eliten gepflegt wurden, seit Anbruch des neuen Jahrtausends unmittelbar durch den Europarat koordiniert werden.

Die kürzlich stattgefundene Konferenz „Die religiöse Dimension des interkulturellen Dialogs" (San Marino, 23. und 24. April 2007) war nach der Einrichtung von regelmäßigen Begegnungen zur gemeinsamen Arbeit an der praktischen Verwirklichung dessen, was nun als „europäische Grundwerte" bezeichnet wird, bereits das siebte Treffen von säkularen Organisationen und Vertretern der drei traditionellen monotheistischen Religionen Europas. Die Begegnungen wurden durch die UN-Menschenrechtskommission im Jahr 2000 zuwege gebracht. Der genannten Konferenz gingen Tagungen in Syrakus (Dezember 2000), Strasbourg (Dezember 2001), Louvain la Neuve (Dezember 2002), Malta (Mai 2004), Kazan (Februar 2006) und Nischni Nowgorod (September 2008) voraus. Sie haben die Aufgabe, für interreligiöse Konflikte, Extremismus und Terrorismus sowie die multivektoriellen Folgen der Globalisierung, Lösungen zu finden.  Diese sollen mittels der Ressourcen der religiösen Gemeinden umgesetzt werden, die in die Zusammenarbeit einbezogen wurden. Diese Aufgabe als solche ist sicherlich gerechtfertigt und konstruktiv. Nicht weniger Sympathie verdient auch die Hauptidee, die in den interreligiösen Foren und Beratungsstellen, zumindest offiziell, angelegt ist und besagt: auch in der sich globalisierenden Welt verfügt jeder über das Recht auf die eigene Identität, sowie die Pflicht, den Anderen eben als Anderen zu akzeptieren. Ein weiteres wertvolles Ziel dieser Begegnungen, ist die als notwendig erkannte Unterrichtung der Jugend über die Religionen - sowohl die jeweils „eigenen", als auch die „benachbarten".

Allerdings kann ein Dialog - ebenso wie alles andere - seinen Zweck nur dann erfüllen, wenn er (wie Hegel es nennt) seinem Begriff entspricht. Die notwendige Voraussetzung dieser Entsprechung im Falle eines beliebigen Dialogs ist die Gleichberechtigung. Im Falle eines religiösen Dialogs ist es die geistlich-gesellschaftliche Gleichberechtigung der Beteiligten. Diese ist aber nicht gegeben, denn unter den drei monotheistischen Religionen, die stets als gleichberechtigt bezeichnet werden, hat das sich vereinigende Europa (in genauer Übereinstimmung mit dem letzten Gebot der bekannten Parabel von George Orwell) es geschafft, das Christentum als eine eindeutig „weniger gleiche" Religion zu positionieren, die zwei anderen Religionen dagegen als „wesentlich gleichere" (wobei der  Judaismus etwas „gleicher" als der Islam steht, und die ehemaligen Christen, die zum Islam bekehren, etwas „gleicher" als die Juden eingeschätzt werden können [2]). Ich vermute, dass diese Tendenz sich  auch weiter entwickeln wird.

Außer diesen Religionen sind in Europa, dank allseitiger Unterstützung der Rechte der Minderheiten, auch andere nicht-monotheistische östliche Religionen (vor allem Buddhismus und Hinduismus) sich auf dem Wege zur „größeren Gleichheit" gegenüber dem Christentum befinden. Was das Christentum betrifft, stellt es weiterhin die Mehrheit auf dem Europäischen Kontinent dar, doch ist diese Mehrheit in den Worten von P. Buchanan „verängstigt" (in Europa noch mehr als in Amerika)[3].

Um diese These zu untermauern, nenne ich einige Fakten, die meines Erachtens aussagekräftig genug sind. Das sind vorwiegend solche, die auch in den Massenmedien dargestellt wurden, aber auch solche, die ich während der oben genannten San-Marino-Konferenz persönlich beobachten konnte. Dabei möchte ich um Entschuldigung bitten, denn heutzutage wird in der zivilisierten Welt allein deren Erwähnung als unangebracht, taktlos und sogar politisch fehlerhaft angesehen - nicht nur von den Säkularisierten, sondern auch von denen, die sich für Christen halten, aber vor dem „Fundamentalismus" mehr, als vor allem anderen Angst haben. Genauso, wie es zu Zeiten des Autors der „Farm der Tiere" als höchst unanständig galt, die Methoden der Erziehung und der Umerziehung des Volkes im Lande des siegreichen Sozialismus unter der fehlerlosen Leitung „des genialen Führers" objektiv zu bewerten[4].

So steht zurzeit in Deutschland die Veröffentlichung des vielbändigen Opus K. Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums" immer noch weit von ihrer Vollendung (Ende der 1990er Jahre wurde erst der Band für das 11. und 12. Jh. veröffentlicht). Dabei stünde der Autor, hätte er eine ähnliche Darstellung der Geschichte anderer Religionen veröffentlicht (die alle ohne Ausnahme kriminelle Komponenten beinhalten), schon längst wegen Menschenhass und Rassismus vor Gericht (es sei denn, man hätte sein kreatives Schreiben mit anderen, einfacheren Mitteln verhindern können[5]). Jüngst ist in einigen Ländern des Kontinents eine Aufführung der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail" wegen dem Respekt gegenüber den Moslems abgesetzt worden (anscheinend wegen der Darstellung des Osmin, des Hüters des Harems von Selim Pascha). Dagegen hat die Vorführung der Filme „Die letzte Versuchung Christi" oder „Der Da-Vinci-Code" in ganz Europa den Behördenvorstellungen über die Rechte der Regisseure auf künstlerische Selbstdarstellung gar nicht widersprochen.

Großbritannien hat sich als ein Land erwiesen, in dem solche Ereignisse besonders häufig vorkommen. Bezeichnend ist die Geschichte darüber, wie der Vorsteher einer methodistischen Kirche in Dudley gezwungen wurde, £75 Steuer auf das im Hof seines Gotteshauses stehende Holzkreuz zu zahlen, mit der Begründung, dass das Kreuz „Werbung für den christlichen Glauben" sei. Es steht außer Zweifel, dass, wenn ein Beamter versucht hätte, eine in irgendeinem Juwelierladen stehende Menora als „Werbung für die jüdische Religion" zu besteuern, wäre er wegen Antisemitismus für lange Zeit hinter Gittern gelandet. Nicht weniger bezeichnend war meines Erachtens die neulich erfolgte blitzschnelle Kündigung eines BBC-Journalisten, der sich dazu äußerte, ob man mit Moslems so zimperlich umgehen solle, wie es zurzeit getan wird. Eine ähnliche Äußerung über Christen wäre für mich kaum noch vorstellbar - denn längst denkt keiner mehr daran, mit ihnen zimperlich zu sein, und wenn irgendein Journalist vorschlagen würde, noch weniger zimperlich zu sein, würde er nur als Befürworter des Pluralismus hochgeschätzt (und was könnte schön besser sein?!)  

In diesem Zusammenhang wundert es einen auch nicht mehr, dass mehrere britische Fluggesellschaften vor kurzem beschlossen haben, sowohl den eigenen Angestellten als auch den Passagieren das Tragen von kleinen Kruzifixen zu untersagen, wenn sie in moslemische Länder reisen, deren Einwohner diese Symbolik nicht mögen (Saudi-Arabien und andere). Auch hier würde ich gerne versuchen, mir etwas „symmetrisches" seitens der arabischen Fluggesellschaften vorzustellen, vermag es aber nicht; denn für derartige panische Angst gegenüber einer fremden Religion bei voller Verachtung der „eigenen" gibt es weltweit keine Präzedenzfälle. Vor diesem Hintergrund ist es kaum noch überraschend, dass zu Weihnachten 2006 fast drei Viertel der Unternehmen und Einrichtungen auf „der Insel" weihnachtliche Symbolik in der Arbeitsumgebung verboten haben - aus Furcht vor erfolgreichen Klagen seitens ihrer nicht-christlichen Mitarbeiter. Dabei haben die letzteren keinerlei Gründe, ähnliche Klagen von christlicher Seite zu befürchten (anscheinend war die genannte „Scheu" auch der Grund dafür, dass die Weihnachtsbriefmarken in jenem Jahr nicht Christus und die Heiligen Drei Könige, sondern Schneemänner und Rentiere zeigten).[6] "

Es wäre jedoch unfair zu denken, dass die regierenden britischen Sozialisten die einzigen wären, die ihre Politik unter dem Zeichen der „differenzierten Gleichheit" der Religionen Europas führen. So werden in Italien, dieser eigentlichen Zitadelle des Katholizismus, wenig besuchte Demonstrationen gegen die Islamisierung des Landes mit Polizeiknüppeln niedergeschlagen, wogegen nicht einmal die Abgeordnetenimmunität schützt. Die Vorstellung einer vergleichbaren Reaktion der sozialistischen Regierung Prodis auf irgendeinen moslemischen Aufmarsch gegen irgendwelche „fundamentalistische" Initiativen oder zumindest „Sprachschnitzer" von, sagen wir, Papst Benedikt XVI., fällt mir genauso schwer, wie, in der Sprache der indischen philosophischen Analogien, an die Möglichkeit der Existenz einer himmlischen Blume oder des Sohnes einer unfruchtbaren Frau zu glauben.

Die christlichen Kirchen in Europa kennen den ihnen jeweils zugewiesenen Platz schon lange. Daher haben sie sich in allen oben genannten (und auch den nichtgenannten) Präzedenzfällen praktisch unsichtbar gemacht (die wenigen schwachen Proteste gegen den „Da-Vinci-Code", die auch nicht mit Aktionen einhergingen, kann man ja kaum als Kundgebung ansehen). Deswegen fällt es der  säkularistischen Gesellschaft des modernen Europas nicht schwer, sich der „Umerziehung" der bereits sehr wenig gewordenen Bischöfe zu widmen, die es immer noch wagen, daran zu erinnern, dass das Christentum noch nicht ganz aus Europa verschwunden ist, und außerdem schon vorher da war. Das bezeugen die knallharten Hetzkampagnen, die neulich in den Massenmedien gegen den Bischof von Verona geführt worden sind, der seine Glaubensgenossen dazu aufgerufen hatte, ihre Töchter nicht allzuschnell an einen Moslem zu geben, wenn sie nicht auf die Möglichkeit verzichten wollen, ihre Enkel christlich erziehen zu können. Ein anderes Beispiel ist der schottische Bischof Joseph Devine, der es gewagt hatte, seinen Mitbürgern darauf hinzuweisen, dass ihr Land nicht immer moslemisch oder hinduistisch war.

Auch in San Marino schien das Reich solcher Doppelstandards vor mir auf. Am beeindruckendsten äußerte es sich im Vortrag des PACE-Vertreters L.-M. de Puig, der es innerhalb eines Satzes fertig brachte, zu den positiven Entwicklungen der modernen Zeit sowohl die Trennung von Kirchen und Staat als auch die zunehmende Bedeutung jüdischer Einrichtungen zu zählen. In einem anderen Vortrag wurde durchaus mitfühlend über die Tragödie der Moslems in Bosnien berichtet, dabei die Tragödie der Christen im Kosovo aber nicht einmal kurz erwähnt. Die in einem dritten offiziellen Vortrag geäußerte Überzeugung, dass die odiöse Geschichte mit den Karikaturen vom Winter 2006 die Gefühle der Moslems gekränkt habe, ging in keinster Weise mit Trauer darüber einher, dass diese äußerst verletzlichen Gefühle ihren Ausdruck gar nicht nur in Demonstrationen gefunden haben, sondern auch in dem Mord eines italienischen Priesters in der „progressiven" Türkei, Brandstiftungen an einigen Botschaften, der Zerstörung einiger Gotteshäuser und Geiselnahmen (was gar nicht selten mit „moslemischer Verletzlichkeit" einhergeht). Während die Unzulässigkeit aller Formen von Juden- und Islamophobie immer wieder konstatiert wurde, gab es kein einziges Wort über die Christenphobie, die in Europa immer mehr zu Mode wird[7].

Zum Helden des ersten Tages des San-Marino-Gipfels wurde schließlich der ethnische Christ Pallavicini, der zum Islam übergetreten war und als neu bekehrter Moslem (und als Haupt der kürzlich gegründeten italienisch-moslemischen Gemeinde) am Dialog mit der jüdischen Gemeinde teilnahm. Seinem Vortrag ging die Vorführung eines Filmes über diese Ereignisse voraus, in dem ein katholischer Priester das „Benefiz" seines ehemaligen Glaubensgenossen mit rührseligen Augen beschaut. Obwohl die Anzahl ethnischer Moslems, die zum Christentum übertreten, immer noch größer ist (entgegen anders lautender Behauptungen), ist es absolut undenkbar, sich vorzustellen, dass ihre Konversion auf einem interreligiösen Forum erwähnt, geschweige denn „verfilmt" würden.

Gegen die Tatsache, dass sowohl die Juden, als auch die Moslems in Europa mit Erfolg ihre Aufgaben realisieren, „die gleichsten zu sein" (jede Religion mit ihren jeweils eigenen Mitteln), soll keinerlei Einwand erhoben werden - diese Bestrebungen sind ganz normal und natürlich[8]. Größere Einwände wären sehr wohl gegen die doppelten Standards in der Religionspolitik angebracht, denen die Gestalter des modernen Europas nachfolgen; aber die Herrschenden hielten sich ja schon immer für berechtigt, darüber zu entscheiden, welche von ihren gleichberechtigten Untergebenen „gleicher" seien. Die größten Einwände werden dabei gegen die Christen selbst vorgebracht, die freiwillig der eigenen „Ungleichheit" zustimmen.

Allerdings gibt es für das Empfinden dieser Ungleichheit auch objektive Gründe. In Europa stützt sich der Judaismus einerseits auf den Staat Israel und sehr einflussreiche internationale jüdische Einrichtungen, andererseits auf das paneuropäische Schuldgefühl wegen dem Holocaust sowie den Kult der „Minderheiten", der die wichtigste Grundlage der Ideologie der modernen westlichen Demokratie ausmacht. Der Islam stützt sich auf die Ölmacht der arabischen Staaten, den ihm gegenüber empfundenen Respekt wegen seiner konsequenten „mittelalterlichen Mentalität" (die den Trägern der „grundlosen" liberalen Ideologie sicherlich imponiert) sowie seiner Entschlossenheit, sich mit ausnahmslos allen Mitteln durchzusetzen, und wiederum den genannten allgemeinen Kult der Minderheiten, der sich auch auf jene ausweitet, die bereits über alle Chancen verfügen, bald die Mehrheit zu stellen. Was das Christentum betrifft: es gibt keinen europäischen Staat, der seine Politik auf den Schutz christlicher Prioritäten aufbauen würde, wobei selbst die„europäischen Werte" gegen das Christentum arbeiten (vorwiegend die Menschenrechtsideologie, die davon ausgeht, dass die wertvollsten Menschen eben „die Minderheiten" seien). Gegen das Christentum sprechen auch die leerstehenden christlichen Gotteshäuser, die nicht selten zu Spottpreisen als munizipale Immobilienobjekte versteigert werden, um dann zuweilen von nicht-christlichen Gemeinden erworben zu werden[9]. Nichtsdestotrotz haben weder die protestantischen Denominationen noch und schon gar nicht die Katholische Kirche ihren traditionellen Einfluss auf die Bevölkerung in solch einem Maße verloren, dass sie es sich erlauben können, all ihre Stellungen aufzugeben und auf jegliche Gleichberechtigung in den interreligiösen Beziehungen zu verzichten, wie es zur Zeit der Fall ist. 

In der Tat, welche Gleichberechtigung kann es in einem christlich-jüdischen Dialog geben, wenn Christen für sich nur das Recht vorbehalten, sich für den tatsächlichen, historischen Antisemitismus zu rechtfertigen und Anschuldigungen wegen angeblichem Antisemitismus von sich zu weisen (als Beispiel nehme man die absurden Vorwürfe an Pius XI. für die angebliche Förderung des Holocausts[10]) und keiner sich zu erwähnen traut, dass nicht die christliche Seite ursprünglicher historischer Urheber der jüdisch-christlichen Konflikte gewesen war, und dass die direkte Herabwürdigung der Person des Christentumsgründers selbst auch heute noch eine durchaus gängige Komponente der „dialogischen Stellungnahmen" des jüdischen Traditionalismus ist? Werden die Katholiken nicht durch die Tatsache irritiert, dass die Juden sich dermaßen „locker" fühlen, dass sie Benedikt XVI. für die „fakultative" Wiedereinsetzung der tridentischen lateinischen Messe ermahnen, die solch "verbrecherische" Passagen wie ein Gebet für die Bekehrung der Juden zum Lichte der Wahrheit Christi enthält? Wobei die Katholiken selbst so „gehemmt" sind, dass sie durch die uralten talmudischen Verfluchungen gegenüber den Minim[11] (vorwiegend Christen jüdischer Herkunft) sowie andere spezielle anti-christliche Gebete, die niemals abgeschafft wurden, keineswegs irritiert werden?[12]

Oder welche Gleichberechtigung kann es in einem christlich-moslemischen Dialog geben, wenn die christlichen Teilnehmer der interreligiösen Kontakte sich nur dazu berechtigt sehen, Beschuldigungen wegen Islamophobie und den Kreuzzügen widerzulegen[13], ohne es zu wagen, den Genozid an den Armeniern in der Türkei zumindest kurz zu erwähnen, der mit antichristlicher Hetze einherging (Mönche und Priester wurden als erste vernichtet)[14], geschweige denn die totale Ausrottung der Assyrer, den „griechischen Holocaust" in Kleinasien unter Atatürk oder auch die gegenwärtigen Verfolgungen und Morde an Christen in einigen moslemischen Ländern in Asien und in Afrika?

Ist die überempfindliche Reaktion der Moslems darauf, dass Papst Benedikt XVI. vor kurzem einen Satz des Kaisers Manuel Komnenos über den Islam (der übrigens nichts falsches enthielt) zitiert hat, vielleicht dadurch zu erklären, dass sie sich während der Zeit des direkt vorangegangenen Pontifikats Johannes Pauls II. an ständige einseitige Annäherung (bis hin zur Relativierung der Unterschiede zwischen den beiden Religionen) gewöhnt haben?[15]

Schließlich kann ich mich nicht erinnern, dass von den christlichen Klerikern, die auf dem San-Marino-Forum über die Erfolge ihrer Gemeinden in der Ausmerzung von Antisemitismus, Islamophobie und Xenophobie berichtet haben, irgendeiner auch nur ein Wort über die Christenphobie gesprochen hat. Dabei ist die Tatsache, dass die Christenphobie in den Dokumenten der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz nicht erwähnt wird, eine der Bürgschaften dafür, dass antichristliche Aktionen (von den allerdreistesten abgesehen) in Europa nicht verhindert werden, da es an einem entsprechenden Artikel fehlt.

Es ist klar, dass ein wirklicher interreligiöser Dialog der Gleichberechtigung seiner Teilnehmer bedarf. Dabei folgt es aus dem oben gesagten, dass die Zukunft dieses Dialogs davon abhängt, in welchem Ausmaß die christliche Seite sich um die Wiederherstellung ihrer „dialogischen Vollwertigkeit" kümmern wird. Deren Verlust ist das Ergebnis der drei großen Niederlagen in der Geschichte des Christentums, die logisch aufeinander folgten und sich bedingten. Die erste Niederlage war die Spaltung zwischen dem christlichen Osten und Westen mit der weiteren Spaltung des Westens. Die zweite war die erfolgreiche Säkularisierung dieser gespaltenen christlichen Welt mit der Folge, dass die christlichen Staaten irgendwann aufgehört hatten zu existieren. Die dritte bestand in der entschlossenen Orientierung der gespaltenen christlichen Konfessionen darauf, sich an die säkularen „Werte" und Ideologien anzupassen, anstatt umgekehrt die säkularisierte Gesellschaft zu christianisieren.

Die letzte dieser Niederlagen, deren entscheidendes Stadium nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hat, stellt sich als die vernichtendste dar - denn, laut Diktum des Protopresbyters Alexander Schmemann, eines der hellsichtigsten orthodoxen Theologien des 20. Jahrhunderts: die Welt rächt sich am Christentum dafür, dass es sie dazu brachte, von sich selbst enttäuscht zu sein.[16] Das ist auch völlig verständlich, denn in der Welt kann nur das Ansehen oder gar Interesse beanspruchen, was auf der eigenen Unterschiedlichkeit zu ihr besteht, anstatt sich an sie und ihre rein irdischen Interessen anzupassen.

Der Ruf nach „Modernisierung" beabsichtigt in Wirklichkeit die Säkularisierung des Christentums selbst, und kulminiert darin, dass politische Korrektheit als Norm angesehen wird, wodurch die Norm des Glaubenbekenntnisses praktisch beseitigt ist. Aus oben genanntem folgt, dass eben diese Modernisierungsrichtlinie Hauptgrund dafür ist, dass das Christentum sich zunehmend mit einer kulturell-historischen oder gar museal-archäologischen Rolle begnügt (in den Fällen, in denen die leerstehenden christlichen Gotteshäuser noch nicht an die Gemeinde anderer Religionen übergeben wurden) und dabei allmählich aufhört, lebendiger Glaube zu sein.

Daher könnte nur eine Bewegung in die genaue Gegenrichtung, hin zu den ureigen Grundlagen jenes Reiches, das, nach dem Wort des Heilands selbst, nicht von dieser Welt ist (Joh.18, 36), dem Christentum das Wichtigste, nämlich die verlorenen inneren Standpunkte zurückgeben. Es bedarf dabei der Befreiung von der Illusion, dass die säkularisierte Welt mehr Verständnis für Anpassung, als für das Glaubensbekenntnis aufbrächte. So wie jede andere Gesellschaft, kann sie nur Stärke respektieren, nicht aber Kapitulation.

Einen weiterer Schritt könnte die Kompensation der zweiten Niederlage bezwecken - nämlich die Bemühungen, durch die Unterstützung konservativ-nationaler Parteien den Einfluss auf die Gesellschaft wiederherzustellen. Das bedarf auch der Befreiung von anderen Illusionen, z.B., dass das Christentum vieles in dieser Welt habe, was eventuell verloren gehen könnte (und sich daher möglichst „vorsichtig" verhalten sollte). Eine andere Illusion besteht in dem Glauben, dass das Christentum sich infolge seiner „ökumenischen" Natur mit der „Neuen Linken" vertragen könne - diese ist nämlich weniger an seiner „Modernisierung", sondern vielmehr an seiner Abschaffung interessiert.[17]

Schließlich sollte es nicht an der Spaltung der Christen gescheitert werden. Hier wäre ein interkonfessioneller Dialog meist angebracht - in erste Linie ein orthodox-katholischer, also apostolischer Dialog zur Erarbeitung gemeinsamer Aktionen zur Erhaltung der christlichen Rechte.  Als erstes könnte eine Koordination der Einwirkungen auf internationale Menschenrechtsorganisationen zwecks Eintragung eines Artikels über die in diesem Vortrag bereits erwähnte Christenphobie in die juristischen Dokumente des vereinten Europa erfolgen. Erst wenn dieser Dialog für das Überleben des Christentums in der modernen Welt positive Ergebnisse erbringt (dank der Teilnahme der Wenigen, deren Verstand noch fähig ist, die Ernsthaftigkeit der sich ergebenen Lage wahrzunehmen), könnte man mit der Zeit auch die Aufgaben des Christentums in einem interreligiösen Dialog erörtern. Anderenfalls würde dieser Dialog in naher Zukunft (zumindest im europäischen Kontext) möglicherweise ohne den Teilnehmer stattfinden, -  der ihn überhaupt erst angeregt hatte.

II 

Die Reaktionen auf meinen Vortrag waren ganz und gar nicht eindeutig. Die russischen Geisteswissenschaftler und die Vertreter der orthodoxen Öffentlichkeit begrüßten ihn mit großem Enthusiasmus[18], die anwesenden katholischen Tagungsteilnehmer dagegen mit verlegenem Schweigen, was leicht zu erklären ist. Tagungen werden generell zur Beförderung nützlicher Kontakte organisiert, was meist durch beidseitige Komplimente geleistet wird - abgesehen davon, dass es sich gar nicht schickt, auf freundschaftlichen Treffen schwere Krankheiten zur Sprache zu bringen.

Noch größere Meinungsverschiedenheiten und wirksamere Reaktionen verursachte mein Vortrag bei einem internationalen Runden Tisch zum Thema „Interreligiöse und interkonfessionelle Dimensionen im Kontext des Weißbuchs zum interkulturellen Dialog des Europarats", der durch die Föderation für Frieden und Einigkeit mit Unterstützung des Russischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten am 17. Oktober 2007 stattfand. An der Arbeit dieses Runden Tisches nahm eine Delegation des Europarates teil, die von Frau Gabriella Battaini-Dragoni, Koordinatorin der Angelegenheiten des interkulturellen Dialogs, geleitet wurde. Unter den anderen Teilnehmern waren auch Vertreter der christlichen Kirchen, der moslemischen Gemeinden, der in Russland tätigen öffentlichen Einrichtungen sowie einige wissenschaftliche Experten der Ministerien und Ämter. Die Hauptpunkte meines Vortrags waren wie folgt formuliert:

„Der Paragraph >Die religiöse Dimension eines interkulturellen Dialogs< des vorläufigen Textes des Weißbuchs (S.17f) ist in einer Knappheit gehalten, die dem Umfang der Diskussionen zu dieser Frage, die in den vorangegangenen Beratungen geführt wurden, nicht entspricht. Die letzte dieser Beratungen fand im Rahmen der Konferenz mit dem Titel „Die religiöse Dimension des interkulturellen Dialogs" in San Marino am 23. und 24. April 2007 statt. Sie war bereits die siebte, seit die UN-Menschenrechtskommission im Jahr 2000 begann, regelmäßige Begegnungen zwischen den säkularen Organisationen und Vertretern der drei traditionellen monotheistischen Religionen Europas zu organisieren. Dabei fällt auf, dass einige konkrete Formulierungen des erwähnten Paragraphs nicht eindeutig formuliert wurden. Gewiss muss angemerkt werden, dass die Sichtweisen der Beratungsteilnehmer über das Maß der rationalen Einbeziehung des Europarates zur Lösung religiöser Fragen auseinander gingen und dieser Gesichtspunkt daher weiterer Erarbeitung bedarf. Es wird auch angemerkt, dass angesichts des fehlenden Konsenses in religiösen Fragen zwischen den EU-Staaten, z.B. hinsichtlich der Zulässigkeit religiöser Symbole in öffentlichen Einrichtungen, vor allem im Bildungssystem, relativ große Spielräume eingeräumt werden müssen.

Andererseits stehen diesen ausgewogenen Stellungnahmen einige ganz andere Passagen gegenüber, die Ausdruck von Bestrebungen zur Revision der Karte der interreligiösen Beziehungen in Europa und von Eroberungsgelüsten auf die Territorien benachbarter Religionen sind. So ist die Meinung, dass „das Spektrum sowohl der religiösen als auch der profanen Ansichten über den Sinn des Lebens" ein Teil des reichen kulturellen Erbe Europas sei, wohl berechtigt; aber die Zerlegung dieses Spektrums entspricht keinerlei der objektiven Wirklichkeit. So wird in diesem Text nämlich behauptet, dass „Europa nicht das heutige Europa wäre, wenn der Islam, der Judaismus und die anderen Religionen als ihre Elemente neben den verschiedenen Konfessionen des Christentums nicht angesehen würden" (Hervorhebung von mir - W.Sch.). Selbst die Reihenfolge der hier genannten Religionen, die keinesfalls zufällig zu sein scheint, macht deutlich, dass die Verfasser dieses Textes es bewusst wagen, sowohl die kulturelle Geschichte als auch die Gegenwart umzuschreiben. Ob sie es wollen oder nicht: das Christentum, das hier an die letzte Stelle gestellt ist, deutlich nicht nur hinter den Islam und den Judaismus, sondern auch nach „den anderen Religionen", ist vorrangiger Bestandteil der europäischen Zivilisation (wenn man generell anerkennt, dass diese eine religiöse Dimension hat). Zwei Jahrtausende lang wäre es niemanden eingefallen, das zu bezweifeln. Daher würde die vorgeschlagene Reihenfolge der Farben im Spektrum der Religionen Europas eher zum Beispiel zu den Vereinigten Arabischen Emiraten passen, denn Europa besteht ja weiterhin innerhalb seiner bisherigen geographischen Grenzen.

Dabei lassen die Texterfasser bewusst noch eine offensichtliche Unkorrektheit zu, die diesmal schon religionswissenschaftlich ist. Indem sie das Christentum herabsetzen wollen, um einen Grund zu haben, es an die letzte Stelle unter der Religionen Europas zu stellen, schreiben sie über seine „verschiedenen Konfessionen", denen die monolithe Einheitlichkeit vom Islam, Judaismus und anderer Religionen entgegensteht. Aber es ist ja wohlbekannt, dass es unter den Moslems sowohl Sunniten als auch Schiiten gibt, und unter den Juden sowohl Traditionalisten als auch Konservative, Reformer oder Liberale, und bei den „anderen Religionen" Europas gibt es beispielsweise auch nicht einfach Buddhisten (die entweder Theravada-Buddhisten oder Mahajanisten, Vajrayanisten oder Vertreter anderer buddhistischen Richtungen sind) oder Hinduisten usw. Daher würde ich vorschlagen, unter diesem Gesichtspunkt entweder „die Farben" des dargestellten Spektrums der Religionen in eine objektive Ordnung und ohne Doppelstandards zu bringen, oder aber das pluralistische Bild der Religionen im modernen Europa nur erwähnen, ohne auf die konkreten Religionen hinzuweisen, um begründeten Vorwürfen von Inkompetenz und offensichtlicher Voreingenommenheit zu entgehen.

Obwohl in den Antworten von Frau Battaini-Dragoni an die Russischen Teilnehmer des Runden Tischs keine konkrete Kritik an meiner Person zu hören war, wurde ich danach nie wieder zu den Besprechungen des Weißbuchs und auch nicht zu den anderen EU-Aktionen eingeladen. Das erstaunt mich nicht, da das System der „Europäischen Werte" zwei Dimensionen hat: die exoterische (für die Einfältigen), in der Meinungspluralismus gepredigt wird, und die esoterische (die innere), die dem wirklichen Monoideologismus entspricht.[19] Allerdings trug mir die Auseinandersetzung mit der vorläufigen Redaktion dieses Dokuments großen Nutzen ein, da mir endlich klar wurde, welche Stelle die Erbauer des sich vereinigenden Europas dem Christentum auf der „Werteskala" der Religionen, mit denen sie sich befassen, zuweisen. Der Anfang seiner „Viertklassigkeit" geht zweifellos auf die entschlossene Weigerung des sich vereinigenden Europas zurück, das Christentum im Text des Projektes des Europäischen Grundgesetzes wenigstens zu erwähnen (wobei es die Sicherung der Rechte aller möglichen Minderheiten betont). Also gehört es zur Aufgabe der Christen als Subjekten der Europäischen Union, sich einen solchen Status anzueignen[20], und es muss anerkannt werden, dass sie diese Sachlage immer häufiger als ganz normal wahrnehmen. Wenden wir uns nun einigen Internet-Meldungen zu, die mit konkreten Daten verbunden sind.

Ein Beispiel: nachdem der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Or Yehuda in Israel am 20.05.2008 mithilfe der Studenten des jüdischen Seminars (der Jeschiwa) die Konfiszierung und darauf folgende Verbrennung Hunderter Exemplare des Neuen Testaments vor der örtlichen Synagoge organisiert hatte, die vorher von christlichen Missionaren an die Einwohner verteilt worden waren, hatte diese Aktion ein Ermittlungsverfahren in Israel und Kritik in Russland (durch den Kongress der jüdischen Gemeinden und das All-Weltliche Russische Volkskonzil) zur Folge. Es gibt jedoch keine Meldungen, dass die westlichen Christen darauf irgendwie nennenswürdig reagiert hätten. In Wirklichkeit entsprach diese Operation mit den Neutestamentischen Texten genau den traditionellen Einstellungen des talmudischen Judaismus im Bezug auf die Christen[21], aber die westlichen christlichen Führer trauten sich nicht, diese nach ihrem Wesen oder im genannten historischen Kontext zu bewerten - offensichtlich aus Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus (den nicht nur die Juden erhoben hätten) und der mangelhaften Buße wegen dem Holocaust (s. oben)[22]. Sie haben sich gut eingeprägt, dass das, was dem Jupiter erlaubt ist, dem Rindvieh nicht erlaubt ist, sowie dass es ihnen in ihrem „Rindviehstatus" besser zusteht, zu schweigen.

Nicht umsonst war auch die Lehre, die die Moslems Benedikt XVI. erteilt haben. Die Nachrichtendienste berichten darüber, dass er während des Treffens der Vertreter der moslemischen, jüdischen, hinduistischen und buddhistischen Geistlichen in Sydney, das am 21.07.2008 stattfand, ganz entschlossen dazu aufrief, „die mit den Moslems und dem Islam verbundenen Vorurteile" zu verwerfen, aber kein Wort darüber sprach, dass es nicht schlecht wäre, dasselbe mit den Vorurteilen über die Christen und das Christentum zu tun. Von diesen Vorurteilen gibt es jedenfalls kaum weniger, und in ihnen stimmen beispielsweise Juden und Moslems praktisch überein.[23]

Sicherlich könnte nur einer, der über ein reiches Vorstellungsvermögen verfügt, sich vorstellen, dass die panische Angst der Regierungen von Dänemark und Holland vor den Konsequenzen der dänischen Karikaturen und des Films „Fitna"[24] mit irgendeiner möglichen Reaktion Europas auf eine Audioaufnahme vom 20.03.2008 parallelisiert werden könnte, die angeblich vom Al-Qaida Führer stammt. Laut dieser, seien die Karikaturen mit dem Segen des Römischen Papstes nachgedruckt, was ein Teil des von ihm geleiteten „Kreuzzuges" sei, und „die Vergeltung dafür wird hart sein". Dabei wird Bin Laden von 60% der Moslems in Jordanien (das eigentlich als das Land angesehen wird, das dem interreligiösen Dialog am offensten gegenübersteht), 51% in Pakistan, 35% in Indonesien und 26% in Marokko als Führer angesehen. So möge es durchaus plausibel scheinen, dass die Bevölkerung der genannten Länder den internationalen Terrorismus in gewissem Maße unterstützt; jedoch ist mir nicht bekannt, dass deren Botschaften irgendwelche Protestnoten deswegen erhalten hätten.

Die Meldungen von 03.05.2008 berichten über die Beendigung des bereits vierten Gerichtsverfahrens gegen den ehemaligen Filmstar Brigitte Bardot. Sie wurde von französischen Menschenrechtsaktivisten und Tausenden von Moslems wegen ihres übertriebenen Einsatzes zum Schutz der Tierrechte (vor allem im Zusammenhang mit der rituellen Schlachtung von Hammeln zum Kurban-Bairam-Fest) angeklagt. Eine andere Anklage lautete  Xenophobie im Zusammenhang mit der breiten Islamisierung der europäischen Gesellschaft. Die Schauspielerin wurde zu 15.000 € Geldstrafe verurteilt. Der Rechtsanwalt der Liga für Menschenrechte sagte dazu: „nur dank ihrem Alter bleibt ihr das Gefängnis erspart "[25]. Was auch immer in dem von ihr veröffentlichten Buch „Ein Schrei in der Stille" (2004) geschrieben steht - in dem uns interessierenden Kontext ist wesentlich wichtiger, dass es schier unmöglich ist, sich eine Situation vorzustellen, dass in Europa jemand wegen Christenphobie vor Gericht gestellt werden würde. Und wenn wir schon über „Diven" sprechen, sollten wir auch die höchst populäre Madonna erwähnen, die, nachdem sie sich zur Kabbalistin erklärt hat, bei ihren Auftritten für Christen blasphemische Exerzitien einfügt (geschweige ihres Pseudonyms). Würden irgendwelche Christen es wagen, dagegen zu klagen, könnte sie mit allseitiger Unterstützung der „Menschenrechtler" rechnen (für die Einfältigen würde es sofort auf den „Pluralismus" als Grundlage der „Europäischen Werteordnung" hingewiesen). Aber es ist eben unmöglich, sich diese Situation vorzustellen.

Die „Viertklassigkeit" des Christentums in der EU äußert sich auch im Misserfolg der schüchternen Versuche, mit den Moslems eine Vereinbarung über eine Abmilderung der Doppelstandards in den Verhältnissen zwischen diesen zwei Religionen zu treffen. Ein Beispiel dafür sind die mehrmaligen Bemühungen des Vatikans, die Genehmigung für den Bau zumindest eines christlichen Gotteshauses auf dem Territorium von Saudi-Arabien für die fast eine Million der christlichen Einwohner dieses Landes zu erlangen, wobei dort ca. 60.000 Moscheen existieren.[26]  Die genannte „Viertklassigkeit" besteht auch darin, dass selbst die Frage [über eine Abmilderung der Doppelstandards] im interreligiösen Dialog selten gestellt wird.

Davon ist die Antwort des Kardinals Jean-Louis Tauran auf das mitreißende "A Common Word between Us and You" zu nennen, was von über 130 islamischen Prominenten unterschrieben wurde und sich an die christlichen Führer der verschiedenen Konfessionen richtete (dieser Brief wird in liberalen Kreisen durchaus hochgeschätzt). Am 12.10.2007 merkte Kardinal Tauran an, dass die Lage, bei aller Bedeutsamkeit der entsprechenden dialogischen Initiative (er bezeichnete den Appell als „sehr interessant und hoffnungsgebend"), ist, dass Christen in Ländern mit moslemischer Bevölkerungsmehrheit für „Dhimmi" gehalten werden, also in ihren Rechten beeinträchtigt werden, während Moslems in christlichen Ländern über alle Rechte verfügen und nach Belieben predigen können. Als Beispiel nahm er das schon erwähnte Saudi-Arabien, das reichste und einflussreichste Land der arabischen Welt, das den Christen nicht nur alle Arten von Predigten untersagt, sondern sogar, sich zum Gebet zu versammeln, kleine Kruzifixe zu tragen und ein Evangelium zu Hause zu haben. Er hätte aber auch auf das Fehlen jeglicher Garantie [des Rechtes] auf Leben für die Christen im Irak oder, um so mehr, in Afghanistan eingehen können, oder auch auf das Gesetz über Blasphemie in Pakistan, welches die Todesstrafe vorsieht und worunter auch Christen fallen; auf die gerichtlichen Verfolgungen der geringsten Präzedenzfälle und die rasche Schließung und Zerstörung der Kirchen in Indonesien (das der Bevölkerungszahl nach größte moslemische Land der Welt)[27]; auf die Beeinträchtigung der Rechte von Christen in Ägypten und der Türkei; auf die Schließung der christlichen Lehranstalten und die Fälle von Märtyrertum in Palästina[28]; schließlich auf die Fälle, in denen Christen in einigen GUS-Republiken gewaltsam dazu gezwungen wurden, ihrem Glauben abzuschwören, z.B. in Usbekistan. Kardinal Tauran ist aber, wie schon erwähnt, ein „Marginal", denn internationale Symposien sind dazu berufen, überwiegend die vollste Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen Stand des „Dialogs" und einen Wortschwall  hinsichtlich seiner brillianten Zukunft darzustellen.

Man könnte den Kardinal auch ergänzen: die „Zerbrechlichkeit" des Christentums zeigt sich mittlerweile nicht nur in den Ländern mit moslemischer Bevölkerungsmehrheit, sondern auch in traditionell christlichen Ländern. Als eine der ersten Warnglocken wäre hier die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen am Heiligen Abend des letzten Jahres in Brüssel im Zusammenhang mit Drohungen seitens radikal-islamischer Gruppierungen zu nennen. Eine Meldung, die am 21.12.2007 vom staatlichen belgischen Radio übertragen wurde, wies auf die Verstärkung der Polizeieinsätze und der Beobachtungsmaßnahmen an vielfrequentierten öffentlichen Orten hin: Weihnachtsmärkten, U-Bahn-Stationen, Bahnhöfen, Flughäfen sowie Gebäuden der staatlichen und europäischen Behörden. Das Ziel dieser Furchterregung ist durchaus klar: die christliche Bevölkerung davon abzubringen, ihre religiösen Traditionen auch bei sich zu Hause zu pflegen.

Gewiss darf das Bild der interreligiösen Verhältnisse, wie auch alles Andere, nicht vereinfacht werden. Einerseits waren die dänischen Karikaturen sicherlich primitiv und der Film „Fitna" vereinfacht provokativ[29], Brigitte Bardot erlaubte sich einige offensichtlich unkluge Taktlosigkeiten, und die radikalen islamischen Einrichtungen repräsentieren nicht den ganzen Islam. Andererseits ist auch bekannt, dass Moslems gemeinsam mit Christen solidarisch gegen die Säkularisierung des Weihnachtsfestes eintreten, gegen den „Da Vinci Code" sogar noch viel entschlossener protestiert haben als Letztere und zurzeit gegen Schwulparaden kämpfen. Es geht aber generell um den Vektor in den Verhältnissen zwischen diesen zwei Seiten, von denen eine sich daheim wie zu Besuch fühlt, wobei die andere sich auch auf Besuch nicht weniger sicher fühlt als bei sich zuhause.

Diese Konstellation zeitigt natürlich entsprechende Ergebnisse. So hat der durch seine extrem liberalen Ansichtsweisen bekannte holländische Bischof Martinus Muskens seiner Herde vorgeschlagen, Gott mit dem Namen „Allah" anzusprechen, denn „Gott kümmert sich in Wirklichkeit nicht darum, wie wir Ihn ansprechen", wobei es zur Förderung des interreligiösen Dialogs durchaus nützlich wäre (es wird allerdings nicht darüber nachgedacht, in welchem Ausmaß ein solcher Dialog interreligiös wäre). Muskens, der von vornherein mit dem jetzigen Papst nicht zufrieden war, prognostiziert, dass sein Vorschlag (dem viele „Konservative" noch nicht gewachsen seien) etwa nach zweihundert Jahren verwirklicht sein könnte und die holländischen Christen dann eben zu „Allah" beten würden.[30] Man könnte aber auch vermuten, dass es gar nicht erforderlich sein wird, so lange zu warten, wenn das Werk der Apostasie weiterhin in dieser Geschwindigkeit voranschreitet (was mehr als realistisch ist).

Dass der holländische Bischof nicht allein dasteht, zeigen auch die Aussagen einer noch viel angeseheneren Person - des Erzbischofs von Canterbury Dr. Rowan Williams, des heutigen Primas der Anglikanischen Kirche. Im Februar letzten Jahres sprach er von der Notwendigkeit der Aufnahme einiger Normen der Scharia in die britischen Gesetze. Und nach einer Meldung vom 17.07.2008 (die Epistel richtete sich an die in Canterbury einmal alle zehn Jahre stattfindende Tagung der anglikanischen Geistlichkeit) sprach er auch davon, dass grundlegende Postulate des Christentums für Moslems kränkend sein könnten. So betonte er unter anderem, dass der Glaube an die Heilige Dreifaltigkeit diesen wenig verständlich sei und „manchmal beleidigend" sein könne. Auch wenn er sich nicht direkt dazu äußerte, welche praktischen Folgen diese Vermutung haben solle, ist seine Andeutung leicht zu durchschauen: um nicht an etwas zu glauben, was für Moslems „kränkend" sein könnte, wäre es für Christen das Beste - Moslems zu werden.

Schließlich sollte man unter den einflussreichsten Führern der Apostasie den Ex-Katholiken, schweizerischen Theologen und Autor einer Menge dicker Bücher, Hans Küng, erwähnen. Er hat auch vor langer Zeit postuliert, dass die Lehre über die Göttlichkeit Jesu Christi das erste Hindernis im interreligiösen Dialog sei. Das zweite, so Küng, sei der aggressive Exklusivismus des Christentums, gegen den sogar Einzelfälle von Intoleranz in der Geschichte des Islam zu vernachlässigen seien.[31] Schon seit langem empfiehlt Küng den Christen, geistliche Freiheit bei Trägern fernöstlicher Religionen zu erlernen[32], und Toleranz bei Vertretern aller Religionen insgesamt. Seine öffentlichen Vorträge sind im heutigen Europa ziemlich populär.[33]

Auf die letzten vorgelegten Fakten werden mir die Optimisten wahrscheinlich entgegnen, dass die Lage nicht hoffnungslos sei; dass im meist „politisch korrekten" Großbritannien über 70% der Befragten die christlichen Prioritäten für ihr Land immer noch für wichtig halten (so wie auch die Erziehung der Kinder im christlichen Geist und die Unterrichtung christlicher Disziplinen in den Schulen), dass, unmittelbar nachdem Williams sich zur Scharia äußerte, Tausende Anglikaner Protestbriefe schrieben (die auch die Bewertung seiner Aussagen durch den Premierminister Brown bestimmten), dass die Römischen Katholiken Muskens einfach für einen Exzentriker halten, und dass sie Küng seit Jahrzehnten polemisieren. All das ist richtig. Aber mir macht eine andere Sache mehr Gedanken, und zwar, dass in den anderen Religionen, die jetzt mit dem Christentum in Europa konkurrieren, Apostaten nicht nur keine Ämter bekleiden dürfen (und schon gar keine hohen), sondern direkt verfolgt werden. Nach ihrem Wesen müssten die theologischen Aussagen der genannten Personen mit der Leugnung des Prophetentums Mohammeds durch einen Moslem, der Leugnung der Unvergänglichkeit des Gesetzes Moses'  durch einen Juden oder der Leugnung der vier „Edlen Wahrheiten" Buddhas durch einen Buddhisten verglichen werden. Es ist aber sehr schwer, sich derartige Vertreter anderer Religionen vorzustellen[34], wobei die genannte Stichprobe einflussreicher Quasi-Christen noch wesentlich erweitert werden könnte.[35]

Die Beurteilung dessen, welche Folgen der jetzige Kurs der politischen Korrektheit und die Kapitulation der Christen in Europa bereits in den nächsten Jahrzehnten haben könnte, überlasse ich den Futurologen. Möglicherweise wird die Hauptaufgabe der Christen in Europa sich auf die Bemühung einengen, wenigstens ihre historischen Hauptdenkmäler zu bewahren (was sich auch als schwierig herausstellen könnte, wenn man die rasche Nutzbarmachung des europäischen Raums durch nicht-christliche Religionen bedenkt). Möglicherweise werden die fortschreitende Krise des öffentlichen Ansehens des Christentums und der Zuwachs der Apostasie auch dazu führen, dass die Erbauer des Neuen Europa Geistliche anderer Religionen zur Weihe neuer christlicher Priester und Bischöfe heranziehen werden, beispielsweise bei deren Prüfung auf „Toleranz" und Ablehnung der „traditionellen Vorurteile", welche es, wie es bereits jetzt vielen scheint, in anderen Religionen schon längst nicht bestehen... Da es auf dieser Welt nichts gibt, was auf der Stelle stehen bliebe, könnte der Status einer „tolerierbaren Religion" auch weiter sinken, und es wäre dann durchaus denkbar, dass das Christentum in eine ähnlichen Lage zurückversetzt findet, wie es sie im Römischen Imperium bis Konstantin innehatte - mit dem einzigen Unterschied, dass sein gesellschaftliches Ansehen damals trotz Verfolgung eindeutig hoch gewesen war.

Aus dem Gesagten folgt die Bestätigung des Hauptleitsatzes dieses Artikels: dass die wohlgefällige Stimmung, die auf der Vorstellung beruht, dass eine Religion ihre Position bewahren könne, ohne sich selbst durchzusetzen, also nur, weil sie bereits existiert, vollkommen illusorisch ist. Denjenigen, die glauben, dass Europa ohne besondere Bemühungen trotzdem nicht aufhören würde, christlich zu sein, weil es schon mehrere Jahrhunderte lang christlich gewesen ist, möchte man daran erinnern, dass auch in Russland vor 1917 keiner außer wenigen Hellsehern vermutet hatte, dass das, was geschah, geschehen könnte - und sogar, nachdem es schon geschehen war, glaubten sehr wenige daran, dass es ernsthaft so bleiben könnte.

Gott gibt niemandem ein Mandat auf immer, und von menschlicher Seite sind bestimmte Bemühungen zur Verlängerung der Verhältnisse mit IHM erforderlich. Das Christentum in Europa mag heutzutage ein um nichts geringeres Bedürfnis nach Reconquista verspüren als im 11. und 12. Jahrhundert. Aber auf die Unerstützung solcher Machthaber wie Alfons dem Kämpfer, Ferdinand dem Großen oder Ferdinand dem Heiligen kann es nicht rechnen, denn solche gibt es nicht mehr. Die letzte Hoffnung kann nur die „Zurückeroberung"[36] des Bewusstseins sein, die damit beginnen sollte, dass Christen aller Konfessionen, die dem Schicksal ihrer Religion Bedeutung beimessen, sich vor allem selbst für Christen zu halten beginnen, und erst danach für Orthodoxe, Katholiken, Evangelen, Fundamentalisten usw., und auch die Interessen des Christentums in jedem Teil des heutigen Welt unmittelbar als eigene erkennen. Es sollte nur der Bemerkung eines sehr bekannten amerikanischen orthodoxen Priesters gedacht werden, der bereits vor drei Jahrzehnten über das Schicksal des Christentums in der säkularisierten Welt besorgt war. Der Satz, der auf viele Situationen, darunter auch auf diese, angewendet werden kann, lautet: „It is later than you think!"[37]

Dieses Artikel wurde in der Zeitschrift „Alpha und Omega", 3/2008 (53), S. 216-236 veröffentlicht.


[1] Nach der Übersetzung von Leopold von Schröder: http://12koerbe.de/hanumans/gita-2.htm, 30.03.2008 (Anm.d.Ü.)

[2] Vgl.: Оруэлл Дж. Скотское хозяйство. СПб., 2005, с. 129 (George Orwell: Animal Farm [in russischer Übersetzung]. St.Petersburg. 2005. S. 129).

[3] S.: Бьюкенен П. Смерть Запада. М.-СПб., 2004, с. 280 (Buchanan P., „The Death of the West [in russischer Übersetzung]. Moskau-St.Petersburg. 2004. S. 280).

[4] Diesen Gesetzen der politischen Korrektheit der Kriegszeit ist „Die Pressefreiheit", die Einleitung zum genannten brillianten Pamphlet, gewidmet. S.: Оруэлл Дж. Скотское хозяйство, с. 139-156 (George Orwell:. Animal Farm [in russischer Übersetzung]. St.Petersburg. 2005. S. 139-156).

[5] Darauf weist das Schicksal von S. Rushdie hin, der lebenslänglichen zur Fahndung ausgeschrieben ist, sowie das einiger Iraner, die sich ihm neulich angeschlossen haben; auch das Ende der Geschichte mit der Islamophobie des holländischen Regisseurs Theo van Gogh.

[6] Während dieser Text geschrieben wurde, stellte ich fest, dass die britische Post (laut Webseite des Radonezh-Vereins) es zum ersten Mal seit vielen Jahren wagte, zu Weihnachten Briefmarken mit christlicher Thematik zu drucken.

[7] Ganz zu schweigen vom „ultraprogressiven" England, wo Präzedenzfälle juristischer Verfolgung von Christen wegen des Nicht-Respektierens gleichgeschlechtlicher Ehen immer häufiger vorkommen. Sogar in Italien, - mal in der einen Stadt, mal in der anderen, -  gibt es immer wieder Streit um die Beibehaltung christlicher Symbole an munizipalen Gebäuden und sogar in deren Nähe.

[8] Auch die Art, wie die europäischen Buddhisten auf der Einhaltung ihrer Rechte bestehen, kann nicht umhin, Respekt zu erlangen. So reichten die örtlichen Buddhisten in Norwich bei der Polizei eine Klage gegen die Besitzer einer Kunstgalerie wegen der Ausstellung einer Buddha-Statue an einem ungeeigneten Platz ein, - und schafften es, dass die Ordnungshüter deswegen ein Verfahren wegen Anstiftung zum interkonfessionellen Streit eröffneten. Das ist besonders respektheischend, denn die örtlichen Christen wollten es nicht (oder wagten es nicht, was das gleiche ist), wegen der Schaustellung einer blasphemischen Figur Jesu Christi auf der gleichen Ausstellung Ärger zu machen.

[9] Innerhalb der letzten 30 Jahre wurde die Hälfte  der Gemeinden in Frankreich aus Mangel an aktiven Mitgliedern geschlossen. In den Niederlanden vermindert sich die Anzahl der funktionierenden Kirchen jährlich um eintausend. In Großbritannien werden regelmäßig Kirchen verschiedener protestantischer Bekenntnisse geschlossen. Was das Tempo der Entchristianisierung  betrifft, konnte im Jahr 2007 auch Tschechien mit den genannten Ländern (zu denen auch Schweden und Norwegen gezählt werden können) mithalten. Experten sagen voraus, dass in Deutschland zukünftig 30-40% der (protestantischen und katholischen) Gebetshäuser verkauft werden, und zwar aus dem einfachen Grund, dass die Kirchen ihre Kirchgänger verlieren, was auch einen Verlust kirchlicher Einnahmen bedeutet, die für den Unterhalt dieser Gebäude erforderlich sind. Ebenfalls wegen „Personalmangel" werden immer mehr Seminare und Klöster geschlossen. 

[10] Es genügt wenigstens darauf hinzuweisen, dass die diplomatischen Bemühungen des Vatikans während des 2. Weltkriegs mindestens 700.000 Juden vor dem Holocaust retteten.

[11] Minim (Hebr. מינין - Ketzer, Häretiker, Apostaten) - talmudische Bezeichnung für zum Christentum übergetretene Juden. Gegen die Minim richten sich viele talmudische Verbote bzw. Verfluchungen. (Anm.d.Ü.)

[12] Genannt sei hier das im Talmud enthaltene Charakteristikum Jesu als eines Okkultisten, der seine magischen Fähigkeiten und Magie, die er in Ägypten gelernt habe, dazu benutzt habe, das Volk zu verführen, und der zu Recht zum Tode verurteilt worden sei, sowie die durchaus herabwürdigenden Andeutungen im Zusammenhang mit der Gerechtheit seiner Mutter. S. z.B.: Sanh. 107 б, 43 а (Baraita in den uralten Manuskripten), Schab. 104 б (Baraita), Chag. 4 б. Bis jetzt war es nicht der Fall, dass die Juden auf diese „Formeln" offiziell verzichteten oder sich dafür entschuldigten.

[13] Dabei wird selten erwähnt, dass auch die Kreuzzüge, die in der Tat kaum begeistern können, auch nicht vom Himmel gefallen waren. In die zwei ihnen vorhergehenden Jahrhunderte fallen die Zerstörung Roms und die Ausplünderung und Schändung der Basilika von Petrus und Paulus durch die Sarazenen (846); die Eroberung Siziliens (859) samt 40jähriger Ausplünderung der Bevölkerung; die Verwüstung der Provance und Norditaliens (von der „Zentrale" in der Nähe von Toulon), sowie auch (infolge der Kontrolle über die Alpen) die Beraubung und Ermordung der nach Rom ziehenden Pilger (Ende des 9. Jahrhunderts); die Eroberung Genuas (935), die Okkupation von Sardinien (1015) und schließlich die Eroberung Jerusalems durch die Seldschuken 1076.

[14] Soweit ich weiß, war die einzige Ausnahme der Vortrag von Ilarion, Bischof von Wien und Österreich, auf der Tagung des Weltkirchenrates.

[15] Allerdings hatte auch sein Vorgänger, der ebenfalls "weltoffene" Papst Paul VI., darauf hingewiesen, dass Moslems und Katholiken denselben „wahren Gott" verehren. Über konkrete Formulierungen und „super-ökumenische" Initiativen der römischen Pontifices (die Einseitigkeit dieser Initiativen ist auffällig und dadurch zu erklären, dass an einem Dialog die schwächere Seite immer größeres Interesse hat) s. in der Veröffentlichung: Боррманс М. Павел VI и Иоанн Павел II в диалоге с мусульманами // Новая Европа, 2002, № 15, с.4-18 (Borrmans М. Paul VI. und Johannes Paul II. im Dialog mit Moslems / Nowaja Ewropa, 2002, Nr. 15, S. 4-18).

[16] Laut Meinung dieses russischen Theologen, „ist nichts auf dieser „säkularisierten" Welt ihr zuinnerst dermaßen unterworfen, wie die Kirche selbst..." Dabei kann man nicht umhin, ihm zuzustimmen, dass diese „Unterwerfung" ihren prinzipiellen Ausdruck in der vollkommenen Annahme der Gleichheit (als eines „Grundwertes") gefunden hat, die als solche in der geistlichen Perspektive weniger der Ungleichheit entgegensteht, sondern vielmehr der Liebe. Genau dieser „Grundwert, der auf allen Gesetzestafeln der Europäischen Union niedergeschrieben steht", ermöglicht es den Christen nicht, sich gegen die weibliche Priesterschaft und die Rechte der Homosexuellen in der Kirche entschlossen zu stellen, die heutzutage mit gesetzlichen Mittel durchgesetzt werden, jedoch das Ende des Christentums als solches bedeuten. S.: Прот. Александр Шмеман. Дневники 1973-1983. М., 2005 (Protopresbyter Alexander Schmemann. Die Tagebücher 1973-1983. Moskau, 2005) S. 620, 636 usw.

[17] In dieser Hinsicht sollte es für westliche Christen aufschlussreich sein, die Erfahrung der Legalisierung der Kirche unter den Bedingungen kommunistischer Regime zu betrachten. Ebenfalls lehrreich ist der Stand der Verhältnisse zwischen Kirche und Staat nach der Veröffentlichung der bekannten Deklaration des Metropoliten Sergius (Sergij) (Stragorodskij) vom 30.07.1927, in der geschrieben stand, dass es möglich sei, ein orthodoxer Christ zu sein und gleichzeitig „die Sowjetunion als sein bürgerliches Vaterland anzusehen, dessen Freuden und Erfolge auch unsere Freuden und Erfolge, und dessen Misserfolge unsere Misserfolge sind" (erst in einem viel später geschriebenen Brief ergänzte der Autor, dass die Kirche sich immerhin nicht verpflichtet fühlte, sich über ihre Verfolgung zu freuen) [zitiert nach: Поспеловский Д.В. Русская православная церковь в ХХ веке. М., 1995 (Pospelowskij D.W. Russische Orthodoxe Kirche im 20. Jahrhundert. Moskau, 1995) S.117]. Nach dieser Deklaration hörten die Maßnahmen gegen die Kirche nicht auf, sie schwächten sich nicht einmal ab, sondern nahmen neue Formen an (als Maßnahmen gegen diejenigen, die dieser Deklaration nicht befürworteten).

[18] Unter anderem wurden seine Grundeinstellungen und seine Schlussfolgerung publiziert in: Ответственность за «христианофобию» надо внести в общеевропейские документы, считает философ Владимир Шохин // Радонеж, № 6 (180) („Die Verantwortung für die >Christenphobie< sollte in die einheitseuropäischen Dokumente eingefügt werden", sagt der Philosoph Wladimir Schokhin / Radonezh, № 6 (180)), 2007, S.11.

[19] Das ist wenig verwunderlich, wenn man sich daran erinnert, dass die Politik des sich vereinigenden Europas nach wie vor von den so genannten „Neuen Linken" bestimmt wird, derer marxistische Mentalität im Prinzip keinen Pluralismus zulässt.

[20] Darüber, wie unpopulär selbst die Idee der Anerkennung der christlichen Wurzeln Europas ist, spricht schon die Tatsache, dass sogar jene politischen Führerinnen, die noch vor ein Paar Jahren ihre Förderung befürwortet haben (z.B. Angela Merkel), davon jetzt nur noch schweigen. Wahrscheinlich wollen sie nicht als unrealistisch denkende Menschen erscheinen.

[21] So bestand, laut Talmud, Rabbi Tarfon beispielsweise auf der Verbrennung der Bücher der Minim-Christen, obwohl sie „die Namen Gottes" erhielten, denn sie seien viel schlimmer als die Bücher der Heiden (Gojim), weil sie angeblich eine bewusste Verzerrung des Glaubens enthielten (Schab., 116а).

[22] Über die Ungleichberechtigung der modernen Christen und Juden in Europa s. meine Publikation: Шохин В.К. Иудаизм как «контрапозиция» христианству: К.М.Пилкингтон о двух религиях // Философия религии: альманах, 2006-2007. М., 2007, (Schokhin W.K. Judaismus als Gegenposition zum Christentum": K.M. Pilkington über die zwei Religionen // Religionsphilosophie: Almanach, 2006-2007.Moskau,2007), S. 484-493. Ich wage auch zu vermuten, dass die Scheu vor Hinweisen auf den Genozid an den Armeniern (s. oben) auch dadurch bedingt ist, dass Israel mehrmals zu verstehen gab, dass der „Holocaust" als solcher nur als Massenmord an den Juden während des 2. Weltkriegs geschehen konnte, nicht jedoch in Bezug auf die Armenier und andere Völker. Daher wäre es wiederum „politisch unkorrekt", andere Holocausts zu erwähnen.

[23] Das ist die Weigerung, den trinitaren Monotheismus als echten Monotheismus anzusehen, sowie die Vorstellung, dass der Apostel Paulus die ursprüngliche Lehre verzerrt habe, indem er eine neue Religion erschaffen hätte usw.

[24] Dieser Kurzfilm (dessen Name „Hader" bedeutet), der aus Koran-Zitaten bestand, die auf den Hintergrund von Archivaufnahmen des bekannten Terroranschlages vom 11.September 2001 demonstriert werden, wurde als eine Warnung konzipiert, dass „der Islam eine Bedrohung der Freiheit in den Niederlanden sei". Sein Autor, der konservative Politiker Geert Wilders, platzierte ihn am 28.03.2008 auf der LiveLeak-Webseite (da die holländischen TV-Kanäle sich weigerten, ihn zu zeigen). Nach den ersten Reaktionen von Moslems (die heftigsten kamen aus Pakistan) wurde die Seite aus dem Netz genommen.

[25] Aus dem Russischen übersetzt (Anm.d.Ü.)

[26] Noch 2003 erklärte Sultan Ben Abdul Aziz, Verteidigungsminister des Königreiches Saudi-Arabien, in aller Entschiedenheit, dass er den Bau christlicher Kirchen auf dem den Moslems heiligen Land nicht genehmigen werde.

[27] Nach den Daten der religiösen Nachrichtenagentur Blagowest-Info wurden nur im Zeitraum von 2000 bis 2005 allein in der westlichen Provinz Java 100 Kirchen vernichtet. - Отдел Внешних Церковных Связей. Информационный бюллетень (Das Auswärtige Amt der Russischen Orthodoxen Kirche - Informationsbulletin) 2005, № 7, S. 104.

[28] Bei all den Schwierigkeiten, denen Christen in Israel begegnen, sollte der Unterschied betont werden, dass Attentate auf sie nicht verschwiegen werden, während Fälle von Märtyrertum auf palästinischem Territorium meist nicht einmal erwähnt werden - aus „politischer Korrektheit" und vor allem einfach aus Angst. Das den Andersgläubigen gegenüber liberalste moslemische Land sind die Vereinigten Arabischen Emirate, danach kommt Qatar.

[29] Die Haltlosigkeit solcher Proteste gegen die Islamisierung Europas zeigt nur deren Erfolg. In der Tat ist es streng genommen noch nicht geklärt, wer hinter den Anschlägen vom 11. September steckt. Auch wenn es die Islamisten seien, sollte die Angelegenheit nicht so geradlinig mit dem Koran in Verbindung gebracht werden. Die Unzulänglichkeit dieser ganzen Sache fand ihren Höhepunkt eben daran, dass der dänische Karikaturenzeichner Kurt Westergaard, nachdem er „Fitna" gesehen hatte, den Autor des Films unverzüglich wegen Plagiats verklagte. Daran kann man deutlich sehen, wie die Eigeninteressen einiger Islamisierungsgegner über die Treue zur gemeinsamen Sache überwiegen.

[30] Interfax-religion.ru (mit der Referenz auf Catholic World News Site) von 15.08.2007.

[31] S.: Küng H. Projekt Welt-Ethos. München-Zürich, 1990, S. 109-110.

[32] In der auch von ihm geschriebene Reihe spekulativer Dialoge zwischen Christentum und nicht-christlichen Religionen (da bezieht er sich auf namhafte Spezialisten für die anderen Religionen), macht Küng dem Leser weis, dass die empfangende Seite im Dialog mit dem Buddhismus (es geht um die Praktik der Zen-Meditation) die christliche sein müsse, da sie unvergleichbar mangelhafter sei, nämlich infolge dessen, dass „Christen sogar im Gebet durch die kirchliche Dogmatik, die lähmenden Regeln und die geistliche Dressur reglementiert sind" [übersetzt aus dem Russischen]  S.: Küng, Hans und Behert, Heinz. Christentum und Weltreligionen. Buddhismus. München und Zürich, 1999, S. 204.

[33] Der Evolution der Ansichten Küngs ist ein besonderer Artikel von mir gewidmet: Шохин В.К. Ганс Кюнг и предлагаемый им проект глобального этоса // Вопросы философии (Schokhin W.K, Hans Küng und das von ihm vorgeschlagene Projekt des globalen Ethos / Fragen der Philosophie) 2004, № 10, С. 65-73.

[34] Und wenn sie auftauchen (wobei sie keinesfalls die Stellen der religiösen Führer einnehmen), sind ihre Schicksale, im Gegenteil zu denen der Apostaten des Christentums, gar nicht beneidenswert. Es genügt, sich an die Maßnahmen gegen einige ehemalige britische Moslems zu erinnern (s. oben, Anm. 4) bzw. an Mohammed Scharik, den neulich in Pakistan hingerichtet wurde (Meldung von 19.06.2008).

[35] Hier könnte beispielsweise an den bekannten ex-katholischen deutschen Prediger E. Drewermann erinnert werden, oder auch an die britischen Nachfolger des berühmtern J. Hicks (der z.Z. Professor in Kalifornien ist), des Gründers des Konzepts des religiösen Pluralismus (das auf der Leugnung der Göttlichkeit Jesu Christi basiert), der seine Karriere als Priester der Vereinigten Reformatorischen Kirche in England begonnen hat.

[36] Das ist die wörtliche Bedeutung des Wortes reconquista.

[37] Monk Damascene Christenson. Not of This World. The Life and Teaching of Fr. Seraphim Rose, Pathfinder to the Heart of Ancient Christianity. Forestville, CA, 1993, S. 603.

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