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[Rezension von:] Patriarch Kyrill - Freiheit und Verantwortung im Einklang. Zeugnisse für den Aufbruch zu einer neuen Weltgemeinschaft

29. Mai 2009
Dieses Buch ist in verschiedener Hinsicht etwas Besonderes, etwas Neues und viel Versprechendes. Freiheit und Verantwortung im Einklang ist der erste Band einer neuen Publikationsreihe, deren Herausgeber Barbara Hallensleben, Guido Vergauwen und Klaus Wyrwoll - alle nicht nur hervorragende Theologen, sondern auch in besonderem Maße für die Ökumene mit der Ostkirche engagiert - eine anspruchsvolle Absicht verfolgen, nämlich „Zeugen und Zeuginnen zu Wort kommen lassen, die für uns zur ‚Erscheinung des Herrn' werden; die Seinem Leib, der Kirche, Gestalt verleihen; die uns helfen, die Zeichen der Zeit zu deuten; die zeigen oder doch erahnen lassen, wie das Evangelium unsere persönliche Lebensform, unsere soziale, politische und wirtschaftliche Welt durchdringt." (S. IV)

Kyrill, Patriarch von Moskau und der ganzen Rus’: Freiheit und Verantwortung im Einklang – Zeugnisse für den Aufbruch zu einer neuen Weltgemeinschaft

Epiphania Verlag, Fribourg (Institut für Ökumenische Studien) 2009

239 Seiten plus Vorwort XIV Seiten, ISBN 978-2-9700643-0-5.  

Zielpublikum dieser neuen Reihe sind „Suchende", die „nicht nur Unterhaltung, Begriffsstreit oder kirchenpolitische Argumente suchen, sondern ein unerwartetes Licht für ihren Weg im Zwielicht dieser Welt."

Angesichts der gegenwärtigen globalen finanziellen, sozialen, ökologischen und politischen Krise und der von ihr verursachten neuen Unübersichtlichkeit sind „unerwartetes Licht" und sichtbare Zeichen der spirituellen Durchdringung aller Aspekte des individuellen und gesellschaftlichen Lebens bitter nötig. Allein schon deshalb ist dieser Publikationsreihe großer und nachhaltiger Erfolg zu wünschen. Krisenzeiten bieten - bei allem Leidensdruck, den sie für die von ihr Betroffenen erzeugen, - immer auch Chancen für Reformen durch Rückbesinnung auf das Wesentliche und Neuorientierung im Lichte veränderter Werteorientierungen. 

 Krisenzeiten eröffnen immer auch die Gelegenheit, dass bisher ignoriertes oder als unzeitgemäß empfundenes Gedankengut neu bewertet wird und Anerkennung findet. Die Chance der Besinnung auf Wesentliches, die Chance des reflexiven Rückbezugs auf einen Wertekanon, der Menschen Orientierung und in unsicheren Situationen Halt gibt, wächst, wenn es Mittlergestalten gibt, die uns - wie das die Herausgeber wünschen - „helfen, die Zeit zu deuten" und die aus dieser Deutung resultierenden Erfordernisse zu erkennen.

Die Herausgeber hätten es sich mit dem ersten Band leichter machen und einen Autor wählen können, der dem westlichen Publikum in vielfältiger Hinsicht zugänglicher ist. Jenseits des relativ kleinen Kreises hiesiger Menschen, die sich mit der Ostkirche und ihren Repräsentanten beschäftigen, sind der Patriarch der Russischen Orthodoxen Kirche und seine Schriften kaum bekannt. Aber Barbara Hallensleben, Guido Vergauwen und Klaus Wyrwoll haben sich bewusst entschieden: Der erste Band der Publikationsreihe erschien am 1. Februar 2009, dem Tag der Amtseinsetzung des neuen Patriarchen „von Moskau und der ganzen Rus'", Kyrill. Das Buch macht einem nicht  russisch sprechenden Publikum ausgewählte Beiträge aus der Feder des Patriarchen zugänglich, Beiträge zum Menschenbild der östlichen christlichen Tradition, zur Ambivalenz der säkularen Weltanschauung sowie zur Ökumene.  Das Buch ist eine anspruchsvolle aber lohnende Lektüre, denn es führt den interessierten Leser in eine Gedankenwelt, mit der Menschen westeuropäischer Prägung kaum vertraut sind. Kyrill hält es für die Aufgabe der Russischen Orthodoxen Kirche, eine Soziallehre zu entwickeln, die in ihrer Tradition verankert ist. Der Autor, der in sehr armen Verhältnissen aufwuchs und unter dem atheistischen Wesen des kommunistischen Staates zu leiden hatte, spricht über Menschenrechte und Menschenwürde, über das Verhältnis von Kirche und Nation, über die Grenzen des Liberalismus, über Ökumene und vieles mehr. Im Verlauf der Lektüre erschließt sich dem Leser, dass zentrale Begriffe wie beispielsweise „Menschenrechte", „Menschenwürde", „Liberalismus" und „Säkularismus" inhaltlich anders ausgefüllt werden, als es dem generellen Trend der westlichen Debatte entspricht. Um den Intentionen des Patriarchen gerecht zu werden, und um die Gefahr ungerechtfertigter Kritik zu verringern, weil Kyrill´s Aussagen aus ihrem axiomatischen Kontext genommen werden könnten, ist es ratsam, die Lektüre des Buches mit dem letzten Kapitel zu beginnen: Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über Würde, Freiheit und Rechte des Menschen (S. 220-229).

 In verschiedenen Kapiteln des Buches setzt sich der Patriarch kritisch mit dem „liberalen Modell der (westlichen) Zivilisation" auseinander. Dass Vorsicht mit oberflächlicher „Übersetzung" des Textes angezeigt ist, wo „Übertragung" seiner Inhalte im Lichte von religiös-kulturellen Traditionen erforderlich  wäre, zeigt insbesondere die Lektüre des Aufsatzes „Das liberale Wertesystem als Bedrohung der Freiheit" (S. 64 ff.). Ein wesentlicher Pfeiler der Kritik am Liberalismus ist aus der Sicht der Russischen Orthodoxen Kirche, dass „sündhafte Erscheinungsformen im Menschen zugelassen (werden), solange sie nicht in Widerspruch zum Gesetz geraten und die Freiheit eines anderen Menschen nicht verletzten" (S. 39). Wo „sexuelle Zügellosigkeit und Perversion, Profitgier und Gewalt" sowie „Abtreibung, Euthanasie, die Verwendung menschlicher Embryonen in der Medizin" und andere Handlungsweisen praktiziert werden,  welche „die Moral des Evangeliums und die natürliche Moral" (S. 227) untergraben oder gar aufheben, ist aus orthodoxer Sicht Toleranz unangebracht - im Gegenteil: Gegensteuern durch Ablehnung des universalen Geltungsanspruchs solchen „liberalen Wertsystems" sei notwendig. 

 Solche Passagen werden mit Sicherheit bei vielen Menschen moderner, säkularer Gesellschaften auf Unverständnis, wenn nicht reflexartige Ablehnung stoßen. Auf dem Hintergrund der Russischen Orthodoxen Glaubensnormen und der östlichen christlichen Tradition sind sie eine logische Schlussfolgerung, denn „In der Orthodoxie besteht unverändert die Überzeugung, dass die Gesellschaft bei der Regelung des irdischen Lebens nicht nur die menschlichen Interessen und Würde berücksichtigen soll, sondern auch die göttliche Wahrheit, das vom Schöpfer gegebene ewige Sittengesetz, das in der Welt unabhängig davon herrscht, ob der Wille  einzelner Menschen oder menschlicher Gemeinschaften damit im Einklang steht. Dieses Gesetz, das in der Heiligen Schrift besiegelt ist, steht für einen orthodoxen Christen über allen anderen Regeln" (S. 227).

 Freiheit ist aus dieser Perspektive „kein Selbstzweck" und kein Vorwand für die Lebensphilosophie „erlaubt ist, was gefällt". Ohne sittliche Werte, so der Patriarch, verlieren Freiheit, Demokratie und Menschenrechte ihren Sinn; sie können nur im Einklang mit Pflichtgefühl und Verantwortung innerhalb eines konkreten Systems sittlicher Werter gedeihen. Die Möglichkeit, dass solche Aussagen manchen aus der Leserschaft nicht gefallen werden, ist kein Grund, Debatten über „die Rolle der Kirchen in modernen Gesellschaften" nicht durch solche Voten zu bereichern - so zum Beispiel Diskurse, die bei uns mit Rückbezug auf den Menschen als „Ebenbild Gottes" zu anderen Ergebnissen kommen als Kyril: „Sterbehilfe" (anstatt „Lebenshilfe" für Demenz- oder unheilbare Krebskranke und deren Familien) oder „Abtreibung" (anstatt „Überlebenshilfe" für unerwünschte Kinder, überforderte Eltern oder sich verweigernde Großeltern).

In diesem Sinne ist zu hoffen, dass solche Textpassagen nicht aus dem Zusammenhang herausgegriffen werden, um sie als hoffnungslos antiquiert zu diffamieren. Auch hier wünschte man sich - wie Papst Benedikt XVI dies im Vorwort zu seinem Buch  Jesus von Nazareth tat - jenen „Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt" (S. 22). Das könnte die Chance für einen unideologischen Diskurs über die destruktiven Konsequenzen eines übersteigerten Individualismus eröffnen. Jedem seinen christlichen Glauben im Alltag praktizierenden Menschen ist die Aufgabe gestellt, seine eigenen Konsequenzen aus der Glaubenswahrheit zu ziehen, dass Gott den Menschen zu seinem Ebenbild erschaffen hat (Gen. 1.27). In dieser Hinsicht haben Menschen Entscheidungsfreiheit - auch dies war der Wille Gottes.

 Auch der Aufsatz „Menschenrechte und sittliche Verantwortung" (S. 88 ff.) verdient sorgfältige Lektüre und unvoreingenommene  vertiefende Reflektion im Kontext der orthodoxen Glaubenstradition. Kyrill legt sich grundsätzlich fest: „Die Orthodoxen sind bereit, die Normen der Menschenrechte zu akzeptieren und  sich für deren Festigung einzusetzen." An dieser Grundaussage ist seine Einstellung zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als dem breitest akzeptierten Katalog der Freiheiten und Rechte der Menschen zu messen. Bei der Abwägung der Interessen der Individuen gegen die Interessen der Gesellschaft argumentiert Kyrill jedoch im Lichte seiner religiösen Tradition anders als idealtypisch „liberale" Denker dies gutheißen mögen: Er sieht in der Verabsolutierung der (fehlbaren!) Einzelperson ein Übel und möchte Freiheiten und Rechte der Einzelnen mit der gesellschaftlichen Solidarität in Einklang bringen, weil das Recht auf individuelle Freiheit dort seine Grenze finden muss, wo die Würde des Menschen verletzt wird. Die „Würde des Menschen" - auf die zur Rechtfertigung von Rechten und Freiheiten Bezug genommen wird - definiert er im Zusammenhang mit der durch christliche Normen charakterisierten Qualität des Handelns. Da Gott dem Menschen die Freiheit gibt, dem Guten zu folgen oder das Böse zu wählen und der Mensch sich als fehlbare  Kreatur allenthalben verirrt, betrachtet die orthodoxe Glaubenstradition die Verabsolutierung des Individualismus losgelöst von der sittlichen Verantwortung des Menschen als inakzeptabel. Aufgeklärte Menschen definieren Freiheit zwar auch immer als rückgebunden an Verantwortung gegenüber der Gesellschaft - aber nicht notwendigerweise als rückgebunden an die Würde des Menschen, die aus seiner Schaffung als Ebenbild Gottes resultiert. Ein breit angelegter und (im Sinne der Religionen und Weltanschauungen) multipolarer Diskurs  über die Menschenrechte und sittliche Verantwortung wäre höchst willkommen - zumindest anspruchsvolle Denker werden keine einfachen Antworten finden.

 Dies alles gesagt, wird die westliche Leserschaft dennoch mit einigen (wenigen) ungewohnten Gedankengängen und Argumentationen konfrontiert, deren Andersartigkeit man nur im Lichte einer anderen kirchlichen Tradition akzeptieren kann. Ein solches für mich als Protestanten schwierig zu verstehendes Beispiel ist die Passage, wo „die Zustimmung einiger christlicher Denominationen zum Priestertum der Frau" als „nichts anderes als die praktische Verwirklichung des liberalen Wertsystems  der Menschenrechte im religiösen Bereich" beurteilt wird. Dies mit dem Zusatz „Das ist einer von vielen Fällen einer konsequenten und zielstrebigen Verdrängung der apostolischen Glaubensnorm aus dem Leben der modernen Gesellschaft und deren Ersetzung durch das liberale Wertesystem" (S. 31). Die Verdrängung von Glaubensnormen aus dem Leben der modernen Gesellschaft ist etwas, wogegen sich der Patriarch an verschiedenen Stellen verständlicherweise und mit guten Gründen wehrt - die Ordination von Frauen zu Priesterinnen gehört jedoch aus meiner Sicht nicht in diese Kategorie. Doch solche Passagen sind die Ausnahme.  

Das Buch ist ganz überwiegend durch Aussagen und Argumentationslinien getragen, die zwar aus einer anderen Lebens- und Glaubensperspektive resultieren, aber  zweifellos für alle Menschen guten Willens von größter Bedeutung sind. Aus der Vielfalt solcher von Kyrill angesprochenen Sachverhalte möchte ich einen  herausgreifen, der in seiner Bedeutung weit über das theologische Denken und kirchliche Leben hinausgeht: die gefährliche Unvollständigkeit einer Lebensführung ohne die „Leitplanken" christlicher Werte.   

Im Aufsatz „Die Glaubensnorm als Lebensnorm" wird eine zentrale Frage aufgeworfen (S. 45), von deren Beantwortung nicht „nur" die Zukunft der Russischen Orthodoxen Kirche abhängt: 

 „Gelingt es uns, die aus dem Glauben geborene Vision des Lebens in den gesellschaftlich bedeutenden Angelegenheiten Gestalt werden zu lassen und auch auf die Probleme der Moderne überzeugende Antworten zu geben? Wenn nicht, dann ist alles, was wir von einem angemessenen Verhältnis zwischen Tradition und Liberalismus, von der Lebenskraft unseres Glaubens und unserer Überlieferung gesagt haben, bloß eine Behauptung, eine reine Konstruktion, ein lebloses Skelett ohne Muskeln."

 Nicht nur im Lichte der gegenwärtigen finanzwirtschaftlichen und ordnungspolitischen Krisenerscheinungen, sondern noch mit viel größerer Tragweite angesichts der in sozialer und ökologischer Hinsicht zweifelsfrei nicht zukunftsfähigen globalen Entwicklungstrends der letzten Jahrzehnte, ist jedem vernunftbegabten Menschen offenbar, dass sinnvolles, weil an ganzheitliche Verantwortung rückgebundenes menschliches Dasein durch normative Prämissen geleitet sein muss. In den Worten des Patriarchen Kyrill: durch handlungsleitende Normen, welche „die aus dem Glauben geborene Vision des Lebens" Gestalt werden lassen.

Hier kommt aus der Perspektive der russischen orthodoxen Kirche eine Mahnung, die wir inhaltsgleich auch in Enzykliken (z.B. Veritatis splendor) sowie bei evangelischen Theologen wie Karl Barth (z.B. in seiner Tambacher Rede) oder Helmuth Gollwitzer (z.B. in Krummes Holz - aufrechter Gang) finden. Es geht um gelebte Glaubensinhalte und damit um den Anspruch, Normen höchster Qualität kohärent und konsistent in der sozialen Praxis zu leben.  

Kyrill nahm diesen Sachverhalt schon einmal im Jahre 1987 im Kontext der „Einheit der Kirche und Erneuerung der Menschheit" auf, als er eindrücklich davor warnte, dass dort, wo dauerhafte sittliche Normen fehlen und die Moral als unnötiger Ballast abgeworfen wird, es zu Krisen kommen muss, weil das Verdrängen  der sittlichen Werte zur Beschleunigung der Anhäufung der materiellen Werte ohne Rücksicht auf die Interessen anderer Menschen führt (S. 55). In fast prophetischer Weitsicht argumentierte er damals, die Suche nach „einheitlichen sittlichen Normen, die das Wesen der sittlichen Natur des Menschen zum Ausdruck bringen, sollte Gegenstand eines allgemeinen Dialogs unter Beteiligung der Religionen und Weltanschauungen werden. Mit anderen Worten, die bestehende Vielzahl der Moralkodizes muss in unserem Jahrhundert einem einzigen Moralkodex weichen, der auf absoluten sittlichen Normen beruht" (S. 59). Ebenfalls von Interesse ist die Aussage, dass die allgemeine Annahme eines einheitlichen Komplexes sittlicher Normen keinerlei negative Folgen von der Art einer einheitlichen Standardisierung und Gleichmacherei nach sich ziehen darf.  

Im Geleitwort der Herausgeber der neuen Publikationsreihe wird der Staatsrechtler und Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde mit der Aussage zitiert, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von (ethischen) Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne. Einer der geistigen Väter der sozialen Marktwirtschaft, Wilhelm Röpke, machte die inhaltlich gleiche Aussage für die ökonomische Sphäre der Gesellschaft: „Markt, Wettbewerb und das Spiel von Angebot und Nachfrage erzeugen jene sittlichen Reserven nicht. Sie setzen sie voraus und verbrauchen sie." Zur Zeit erleben wir, was geschieht, wenn das, was für ein geordnetes Miteinander vorauszusetzen ist, in system-relevanten Teilbereichen der wirtschaftlichen und politischen Praxis nicht in zureichendem Ausmaß vorhanden ist: Es stellen sich Probleme ein, die nicht nur aus Sicht christlich normativer Sicht verheerend sind, sondern die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Grundpfeiler, auf denen freiheitliche Demokratien mit sozialer Marktwirtschaft ruhen, erschüttern. 

 Es ist offensichtlich, dass von Menschen, die ihren Lebensinhalt losgelöst vom Allgemeinwohl in der kurzfristigen Maximierung ihres ökonomischen oder politischen Eigeninteresses begreifen, im Zweifel andere Entscheidungen treffen, als Menschen, die sich vor Gott und vor den Menschen rechenschaftspflichtig fühlen. Glaubensdinge mögen zwar in westlichen Gesellschaften als Privatsache betrachtet  werden - dennoch haben sie konkrete soziale Bedeutung. Nicht, dass die Kirche nun in den Verwaltungs- und Parteiräten aller großen Unternehmen und Parteien vertreten sein müsste - aber, um die Worte des Patriarchen aufzunehmen, wo die aus dem christlichen Glauben geborene Vision der Gerechtigkeit, der Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Nächsten und Fernsten (inklusive zukünftiger Generationen) und der Rechenschaftspflicht vor dem höchsten Richter nicht  auch in wirtschaftlichen, politischen und sozialen Angelegenheiten Gestalt annimmt, lassen sich keine überzeugenden Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart (geschweige denn der Zukunft) geben.

Man stelle sich vor, die Umsetzung solcher normativer Gemeinsamkeiten auf der Individual-, Gemeinde- und Staatsebene stünden im Zentrum der ökumenischen Arbeit, anstatt die oft kleinlichen Auseinandersetzungen über nicht verhandelbaren Unterschiedlichkeiten in den Mittelpunkt zu stellen und theoretische theologische Generaldebatten zu pflegen, die ohnehin schon tausend Mal ohne Ergebnis geführt wurden!

 Am Ende ihres Vorworts schreiben die Herausgeber: „Der Aufbruch ist nicht das Ziel. Viele Fragen bleiben." Eine der Fragen, die weit über die christlichen Kirchen hinaus von Bedeutung ist und auf die Antworten nicht leicht fallen, wird erwähnt: „Wie lässt sich ein Konsens über die öffentlich verbindlichen Werte in einem säkularen Staat herbeiführen und über die Generationen vermitteln und erneuern?" Es ist  zu hoffen, dass die neue Publikationsreihe vielen klugen Autoren aus den verschiedensten religiösen, philosophischen, politischen und sozialen Blickwinkeln die Möglichkeit gibt, Beiträge zu dem großen Antwortmosaik zu liefern.  

Klaus M. Leisinger

Basel, im März 2009

Veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung von Prof. Dr. Barbara Hallensleben 

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