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Nein, es gibt keinen Tod! Es gibt das Leben – sowohl hier als auch dort!

27. Januar 2015
Erzpriester Pavel Velikanov, Hauptredakteur des Portals „Bogoslov.Ru“ und Vorsteher der Kirche zu Ehren der hl. Paraskewi von Ikonium in Sergijew Possad, beantwortet die Fragen von Anna Danilowa, Redakteurin des Portals „Orthodoxe Welt“ (www.pravmir.ru), über das Leben, den Tod und ihren Sinn.

Gott legt niemanden herein – niemals!

Der Sinn des Todes

— Vater Pavel, was ist der Tod überhaupt? Ein Mensch, der gerade eben noch neben uns war, ist nun fort; wir schauen uns seine Fotos und Videoaufnahmen an, er ist so lebendig, uns so nahe, wie konnte es denn überhaupt passieren, dass er nicht mehr da ist? Es scheint unmöglich, zu glauben, dass es ihn überhaupt nicht mehr gibt. Aber es ist eben so, dass er in dieser Welt nicht mehr existiert. Und was dort im Jenseits geschieht – wer weißt das denn schon hundertprozentig?

— Hier liegt eben die Grenze zwischen Glauben und Nichtgläubigkeit, zwischen der Offenheit gegenüber Gott und der eingebildeten Selbstgenügsamkeit. Der religiöse Glauben, insbesondere das Christentum, ist seinem Wesen nach ein Ausweg aus der Sackgasse des Todes.

Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist euer Glaube eitel[1], sagt der Apostel Paulus. Liegen alle unseren „Aktiva“ nur hier, in dieser materiellen Welt, sind wir bereits bankrott – der Tod wird unsere Konten auf Null setzen, wie riesig oder nichtig sie auch sein mögen. Deshalb ist der Tod gewissermaßen die „Stunde der Wahrheit“ für das Leben, in der dessen Bedeutsamkeit und seine Werke festgelegt werden, wie paradox sich das auch immer anhören mag.

„Selig ist der Weg, den du, oh Seele, heute gehst, denn dir ist ein Ort der Ruhe bereitet“[2] – oder umgekehrt: „Grausam ist der Tod des Gesetzlosen“[3]. Es wäre richtiger zu sagen, dass der Tod die Krönung des ganzen Lebens ist. Eben deshalb erflehen wir in jedem Gottesdienst mehrmals um ein friedliches Ende unseres Lebens, ohne Schande, ohne Schmerz und um eine gute Rechenschaft vor dem furchtbaren Richterstuhle Christi.

Dabei gibt es im Christentum, im Gegensatz zu diversen Subkulturen und Sekten, überhaupt keinen „Todeskult“.  Es gibt keine „Romantisierung“ des Todes, denn dieser ist der menschliche Natur zutiefst widernatürlich, er ist immer Schmerz, Weinen und menschliches Leiden, das von Christus in Seiner Kirche aber wieder und wieder besiegt wird. So wie auch die Entbindung ist dieser Vorgang nie angenehm und bequem, aber sein Ergebnis ist mit dem Leiden und dem Schmerz unvergleichbar, denn ein neuer Mensch wird auf die Welt geboren!

Dieses Gefühl der Geburtsstunde, wenn ein Sterbender ins neue Leben geboren wird, wurde durch Boris Pasternak sehr gut beschrieben: „Während ich im Krankenhausbett dahinscheide, spüre ich die Wärme Deiner Hände: Du hältst mich wie ein Erzeugnis und verbirgst mich in einem Kästchen wie einen Ring“.

Der Tod ist wirklich ein Mysterium des Übergangs, der Geburt in die Ewigkeit. In unserem Leben gibt es nur wenige Augenblicke, in denen ein Mensch, unabhängig von seiner Weltanschauung, seinem Glauben und seiner Rechtschaffenheit, die Berührung der Ewigkeit und den Übergang über die Grenzen des Sichtbaren hinaus verspürt. Ich denke, das Sterben und der Tod belegen hier den ersten Platz. Besonders scharf wird dies von den nächsten Verwandten verspürt: wenn deutlich verstanden wird, dass es unseren geliebten Menschen in diesem Leib nicht mehr gibt und dass er zugleich lebt, existiert, da ist, im gewissen Sinne seinen Angehörigen sogar viel näher gerückt ist als zu der Zeit, als er noch in seinem Leib lebte. Die Ahnenverehrung, die in diesem oder jenem Ausmaß fast allen religiösen Kulturen zu eigen ist, spiegelt die offensichtliche Wahrheit wider: unsere Geliebten gehen von uns, aus unserer Welt, doch verschwinden sie nicht im Nirgendwo.

Zu ihrer Frage: „Wer weiß denn hundertprozentig, was dort im Jenseits geschieht“ – gibt es denn in dieser Welt etwas, das wir hundertprozentig wissen? Wir können uns nicht einmal klarmachen, was in unserer Seele geschieht, ganz zu schweigen von all dem Rest.

 Und doch verwirrt uns diese Unwissenheit nicht – die Lebenserfahrung stellt alles an die richtige Stelle, und wir lernen ständig, diese Unvollständigkeit des Wissens auf unterschiedlichen Weisen zu überwinden – manchmal durch die Intuition, manchmal durch den Glauben an das Glück, und manchmal gehen wir einfach darüber hinweg, ohne uns Gedanken zu machen. Der religiöse Glaube macht den Menschen aber sensibler und empfänglicher für Manifestationen der spirituellen Welt – und eben hier, in diesen himmlischen Bezeugungen, schöpfen wir die Hoffnung auf ein seliges Los unserer Verstorbenen. 

– Wie sollen wir überhaupt leben, wenn es den Tod gibt? Wie sollen wir uns über das Leben freuen, wie sollen wir fröhlich leben, wenn es morgen unsere meistgeliebten Menschen, die für uns am wertvollsten sind, eventuell nicht mehr gibt? Ein Kind wird geboren und hat eine unheilbare genetische Krankheit. Oder es wird vom Auto überfahren. Oder eine Frau heiratet, und ihr Ehemann bekommt Krebs. Wozu das Ganze? Wozu sollen wir uns an jemanden binden und lieben, wenn wir alles im Nu verlieren könnten? Ist es vielleicht besser, es so zu sehen, wie in einem bekannten Lied gesungen wird: „Wenn Sie keine Tante haben, können Sie die auch nicht verlieren“?

– Eben deshalb macht es Sinn zu leben, da es den Tod gibt, der seinerzeit alles an seinen Platz stellt: die Schale fällt ab, und es erscheint eine gereifte Frucht.

Diese Frucht entwickelt sich in erster Linie in unseren Beziehungen miteinander, die über die Grenzen des vorübergehenden Lebens hinausgehen. Mehr noch, nach dem Evangelium sind es eben diese Beziehungen, welche die Beziehung Gottes zu uns selbst bestimmen. Er sieht uns mit den Augen unserer Nächsten.

Sicherlich müssen wir lernen, uns durch Äußerlichkeiten, die oftmals unsere Ansichten bestimmen, hindurchzuarbeiten, manchmal buchstäblich hindurchzubrechen. Bei Iwan Iljin gibt es den ausgezeichneten Essay «Красивая женщина» („Die hübsche Frau“), wo er sehr fein zeigte, wie sehr physikalische Schönheit eine Quelle des Leidens zu sein vermag, und wie häufig sie bewirkt, dass die Trägerin dieses anscheinenden Privilegs missverstanden wird. Wenn wir, obwohl wir uns schon eine Weile kennen, immer noch an der Oberfläche bleiben, indem wir, ohne die Seele eines anderen Menschen zu verstehen, zu spüren, zu lieben, ausschließlich daran gebunden bleiben, worin diese Seele lebte, dann werden wir den Tod sicherlich als Tragödie und unersetzlichen Verlust betrachten. Hat aber denn der Herr sich geirrt, als er sagte: „Ist nicht das Leben mehr als der Leib?

Wir leben in einer Welt, deren Koordinatensystem sich verschoben hat, vor allem, was die Grundbegriffe betrifft. Der Tod ist eine schöne Arznei, die dieses System unserer Werte und Prioritäten jedesmal „revidiert“.

„Bei allem, was du tust, denk an das Ende, so wirst du niemals sündigen.“

Das bedeutet keinesfalls eine Leugnung oder Herabwürdigung des Lebens als solchem, sondern im Gegenteil die Erhöhung seines Wertes und seiner Bedeutsamkeit, d.h., auch der Verantwortlichkeit. Ich erinnere mich an Clive Staples Lewis, der, als er schon im mittleren Alter war, eine krebskranke Frau heiratete. Laut seiner Autobiographie „Überrascht von Freude“ erwies sich seine Ehezeit, die, wie man denken könnte, durch die unheilbare Krankheit verfinstert gewesen wäre, gerade als Zeit der Freude und des Triumphs der Liebe, die den Tod besiegt.

Eben deswegen sollte man sich binden und lieben, da diese Beziehungen mit dem Tod nicht verschwinden werden. Ja, sie werden anders sein; eventuell ganz anders als das, was man sich in Träumen vorstellte. Aber das, was in der Seele eines Liebenden geschieht, der den Anderen für sich entdeckt, der sich dem Anderen hingibt und den Anderen so annimmt, wie er ist – das begleitet uns in die Ewigkeit. Der Tod ist hier kein Hindernis, sondern ein Filter, der das Bedeutsame von dem Sekundären und Aufgeblähten abscheidet.

– Warum ist es aber denn so, dass so viele von den Besten früh dahinscheiden, Kinder und junge Menschen, die noch gar keine Zeit hatten, etwas zu schaffen? Was wäre schlecht daran gewesen, wenn unsere Verstorbenen mit uns gelebt, zu Ehren des Herrn gearbeitet und Kinder geboren und die Welt besser gemacht hätten? Warum nimmt der Herr sie hinfort? Kann man überhaupt davon sprechen, dass der Tod ein Wohl sein kann und dass „der Herr jemanden fortnahm“? Denn Gott hat den Tod nicht erschaffen, der Tod ist ja naturwidrig. Sollen wir den Tod überhaupt akzeptieren und uns damit versöhnen? Ist dies überhaupt möglich?

- Selbstmitleid derer, die hier zurückgeblieben sind, sowie auch Mitleid mit ihnen, sind ganz verständlich und natürlich.

Es gibt eine schöne Agrapha – eine Aufschrift an einer Brücke irgendwo in Indien: „Diese Welt ist eine Brücke: gehe hinüber, aber baue dir kein Zuhause darauf“. Wie endlos weit über den Horizont erstreckend diese Brücke unseres Lebens auch erscheinen mag - es lohnt sich nicht, darauf einen herrschaftlichen Wohnsitz zu errichten und zu denken, dass das echte wahre Leben eben im Diesseits sei, dass wir nur alles fertig bauen und dann schön leben könnten! Würdest du nicht vorbeigehen, würde man dich forttragen und alle deinen Bauten, alles, womit du versucht hast, hier Fuß zu fassen, hinwegschaffen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Denn unser Bürgertum ist in den Himmeln!“

Die Empfindung der Flüchtigkeit, Unzuverlässigkeit, Unrichtigkeit und Untreue dieser schnell vergehenden Welt prägte bereits die Frühchristen. In ihrer Frage über den Zeitpunkt der Ankunft des Himmlischen Reiches ersehe ich eine Ungeduld wie jene von Passagieren, deren Zug in eine lang ersehnte Stadt, z.B. Paris oder Rom einfährt und sich dann aber verlangsamt und fast stehen bleibt. All ihre Gedanken sind schon dort, an ihrem Wunschziel, und es macht ihnen überhaupt nichts aus, ob der Tee heiß oder schon abgekühlt serviert wird, wo ihre Koffer liegen und wie sauber es im Waggon ist. Einen Augenblick später wird all das vergehen, es wird vergessen sein – und so laufen sie  zum Schaffner, um zu erfahren, was los ist und wann der Zug endlich an der Station eintrifft.

Was meine ich damit? Für die Entschlafenen – wenn sie, nachdem sie ihr Lebenskreuz bis zum Ende getragen haben, in Frieden mit ihren Nächsten und mit der Kirche, im Glauben und in der Hoffnung auf die Auferstehung starben – kann man sich nur freuen. Sie haben das Ziel ja erreicht, während wir immer noch in diesem Lebensstau stecken. Der Zeitpunkt, zu dem der Herr uns zu sich ruft, macht ja keinen großen Unterschied, denn ER handelt ausschließlich aus Seiner unaussprechlichen, von uns unverstandenen Liebe. Wenn jemand unserer Meinung nach „nicht rechtzeitig“, „zu früh“ oder „ohne viel gelebt zu haben“ dahinscheidet, steckt darin mehr Selbstleid als wahre Fürsorge um das Wohl der Nächsten.

 – Für viele Menschen sind Verluste, Tragödien und Leiden ein Weg ins Gotteshaus und zu Gott; für viele aber auch eine Prüfung ihres Glaubens. Wie Priester Georgi Tschistjakow schrieb: „Es ist einfach, ein Gläubiger zu sein, wenn du an einem Sommertag übers Feld gehst, die Glocken zur Liturgie läuten, im Himmel Wolken und die Sonne zu sehen sind und im Leben alles gut und nach den Geboten steht. Wenn du dir aber so lange Mühe gegeben hast, nach den Geboten zu leben, und dann wird dein Glaube plötzlich so geprüft… Der liebende und all-gütige  Gott entzieht uns  unsere Lieben und unseren Genossen und lässt uns allein, und es gibt keine Gewähr mehr, und wir wissen nichts bestimmt, uns bleibt nur die Einsamkeit… Warum ist das denn so? Wo soll man Hoffnung schöpfen? Wir stehen vor einer geschlossenen Tür ins Jenseits, wovon keiner zurückkehrte, und natürlich wollen wir hoffen;  wo sollen wir aber ÜBERZEUGTHEIT und GLAUBEN hernehmen? Wo sollen wir diese frühchristliche Überzeugtheit hernehmen, mit der die ersten Christen „Sie lebt!“ auf die Särge geschrieben hatten?

– Ich habe nur eine Antwort: diese Überzeugtheit müssen wir aus den Mysterien der Kirche schöpfen und natürlich vor allem aus der Göttlichen Eucharistie. Dieses Mysterium des Himmlischen Reiches verwischt die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Entschlafenen, zwischen der Welt der büßenden Sünder und der im Ruhme Gottes leuchtenden Gerechten.

Indem wir, Geistliche und Laien, die Liturgie als gemeinsames Tun zum Erschaffen des Leibes Christi hier und jetzt  zelebrieren, werden wir Teilhaber des Einen Christus – dieses Christus, in dem eben auch die entschlafenen Gläubigen in ewiger Erfüllung im Himmel leben. 

Die Kirche ist ständige Dynamik des Herabkommens des Himmels auf die Erde, der Reinigung des Irdischen, Schwerfälligen, Derben und dessen Hinanführung zu den spirituellen Höhen der Freude in Christo. Im Zusammenhang mit dem Dahinscheiden unserer Nächsten wird besonders gut deutlich, dass die Kommunion keine „Befriedigung eines individuellen Bedürfnisses“ (was eine Art „Gipfel des spirituellen Egoismus“ wäre), sondern etwas viel Größeres ist, nämlich die Erschaffung der Einheit der Lebenden und der Entschlafenen in  Christo.

Indem wir ihrer während der Göttlichen Eucharistie gedenken, holen wir ihren Beistand ein und erspüren ihre wirkliche Nähe und Hilfe – nicht, weil sie sonst unseren Bitten gegenüber taub wären, sondern einfach, weil dadurch die einzige richtige Harmonie menschlicher  Beziehungen –in Gott und durch Christus – erbaut wird. Nur dann wird uns klar, wie und warum wir zu den Verstorbenen beten können und warum darin keine Sünde ist – denn es gibt in der Kirche definitionsgemäß keine Unheiligen.

Die Kirche ist die Versammlung der Heiligen, in denen der Segen des Heiligen Geistes lebt und wirkt. Heilig gesprochen werden „vorbildhafte“ Heilige, die vor Gott spürbar verherrlicht sind; ihre Anzahl ist wesentlich geringer als die der „einfach Heiligen“. Was aber das Gebet betrifft, stellt es die durch den Tod unterbrochene Kommunikation der einander Liebenden Menschen wieder her und erhält damit eine ganz andere Dimension. Das ist kein leidvolles Klagen nach dem Motto „Wieso hast du uns allein gelassen und wie soll es mit uns weiter gehen?“, sondern Freude und Dank an Gott dafür, dass dort im Jenseits nun einer der Unseren ist.

 – Wie sieht der Tod des Gerechten aus?

– Das ist eine schwierige Frage. Es gibt ja zweifellos eine Menge Nachweise dafür, dass viele Heilige und Gerechte den Tag und sogar die Zeit ihres Dahinscheidens kannten, manchmal lange bevor etwas die Nähe ihres Todes verhieß. Neben solchen Fällen haben wir aber auch Berichte von Märtyrertoden, in denen ganz plötzlich, buchstäblich innerhalb von wenigen Minuten, die Entscheidung zwischen Leben und Tod fallen musste. Und es ist durchaus verständlich, dass wir spürbare „Garantien“ dafür haben möchten, dass unsere Entschlafenen zu den Gerechten zählen und sich im Himmelreich befinden.

Hier möchte ist aber vor einer Ersetzung des göttlichen Gerichts durch menschliche Überlegungen warnen. Denn selbst wenn der Mensch vor dem Tod stark leidet oder auch plötzlich stirbt, stehthinter dieser letzten Prüfung jedenfalls allein die Liebe Gottes, nicht irgendeine „Boshaftigkeit“ oder „Rache“. Mit diesen letzten Tropfen, wenn sie auch sehr bitter sein mögen, heilt der Herr auf seine unergründliche Weise die Seele der Dahinscheidenden, wie schmerzhaft dies einem Beobachter auch immer vorkommen mag.

Hier ist eben die Rolle der kirchlichen Wegzehrung äußerst wichtig – jeder Priester kann über viele Fälle berichten, in denen der Zustand des Leidenden nach der Myronsalbung, der Kommunion oder dem Verlesen der Ordnung sich deutlich besserte und der Sterbende sich friedlich von den Fesseln seines Leibes befreite.

Ein großes Mysterium der Kirche besteht darin,  dass wir hier auf Erden uns mit unseren sündigen Händen ins Jenseits, in die unsichtbare Welt ausbreiten und den Zustand der Dahinscheidenden wirklich erleichtern können. Diese Erfahrung der kirchlichen Seelsorge für die Dahinscheidenden ist etwas ganz Besonderes; sie ist sehr wichtig und belehrend nicht nur für den Entschlafenen, sondern auch für alle, die in seiner Nähe waren.

Viele Menschen sehen auf die Kirche von oben herab, als ob sie sagen wollten: „Was kann sie mir denn anbieten?“ Wenn sie aber vor dem Sterbebett ihres Nächsten stehen, nehmen sie die Kirche ganz anders wahr: besonders dann, wenn dieser Mensch ins kirchliche Leben wirklich integriert war, regelmäßig Gottesdienste besuchte, an den Mysterien teilnahm und in der Kirche Lebenskraft schöpfte. Solch einen Menschen führt die irdische Kirche wortwörtlich an den Händen ins Himmelreich hinein. Diese Bestätigung gehört nicht uns, sondern kommt von dort, aus dem Jenseits.

– Nehmen Atheisten den Tod ihrer Nächsten anders wahr als Gläubige? Man sagt ja, dass dies für die Gläubigen einfacher sei, da sie an die Auferstehung glauben. Atheisten dagegen verabschieden sich voneinander für alle Ewigkeit. Mir scheint, dass alle außer absoluten Atheisten hoffen, einander im Jenseits wieder zu treffen.

– Der „absolute Atheist“ ist ein rein theoretisches Konstrukt, das sich nur für apologetische Hypothesen eignet. Im echten Leben erlebt jeder Mensch an der Grenze zum Tod einen starken Bewusstseinsschub. Solche Todeserfahrungen sollten nicht ignoriert werden. Für den Gläubigen werden sie zu einem weiteren Anhaltspunkt zur Berichtigung der Weltanschauung und zur Stärkung des Glaubens. Ein Mensch, der vom Glauben und von der Kirche weit entfernt ist, wird aber verwirrt, er erlebt eine Krise und hat das deutliche Gefühl, dass das Geschehen  irgendwie nicht richtig wäre.

Dieses Gefühl der Unrichtigkeit ist aber nicht durch die Tatsache des Todes selbst bedingt, sondern in der völligen Unvorbereitetheit des Menschen und seiner Unfähigkeit, dieses Lebensereignis richtig zu bewerten und wahrzunehmen.

Der Tod eines unserer Lieben ist immer ein harter Schlag für das so hoch geschätzte Gebäude des „irdischen Glücks“, das lange und sorgfältig zusammengesetzt wurde und im Leben ungläubiger Menschen immer häufiger Gott ersetzt; denn dann wird völlig klar, dass das „Sein“ viel wichtiger ist als das „Haben“ und zwischenmenschliche Beziehungen viel wertvoller sind als materielle Vorteile. Dort, wo wirklich Liebe  war und Menschen einander schätzten, entsteht – sogar im unchristlichen Bewusstsein – die Hoffnung auf eine Begegnung mit den Hingeschiedenen, da sie aus unserem Leben nicht einfach weggestrichen werden können.

– Sollte ein wahrer Christ überhaupt vor seinem Tod Angst haben? Viele heilige Märtyrer erwarteten ihn eher ungeduldig, oder? Aber viele Paterika berichten auch davon, dass sogar Heilige vor dem Sterben Angst hatten, nicht wahr? Im diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: liest man die Paterika, kann man große Angst bekommen, weil das Schicksal der Mönche so traurig war, wenn sie, salopp gesagt, ein Fladenbrot zu viel gegessen oder während des Gebets mit den Gedanken woanders waren. Wenn manso etwas liest, fragt man sich unwillkürlich: „Was soll denn nur aus uns werden?“

– In meinem Leben bin ich mehrmals Menschen begegnet, die des Lebens müde waren und ungeduldig auf den Tod warteten. Oft waren sie weder vom Leben enttäuscht, noch wollten sie ihre Fahrkarte an Gott zurückgeben; ihre Seele war einfach erschöpft davon, sich im engen Kästchen des Leibes und des materiellen Daseins zu befinden.

Allerdings erinnere ich mich an keinen einzigen Fall, in dem der Tod als deutliches Zeichen für die Existenz Gottes und als Erscheinung der jenseitigen, besseren Welt im Diesseits keine Angst erweckt hätte. Eindeutige Bereitschaft zum Tode und fehlende Angst sind wahrscheinlich nur Auserwählten zu eigen, in denen die göttliche Gnade noch während ihrer Lebenszeit in ihrer Fülle wirkt.

Was „ein Fladenbrot zu viel“ betrifft, geht es dabei um eine prinzipielle These des christlichen Glaubens: wir werden nicht durch unsere Taten gerettet, sondern durch unseren Glauben, der durch unsere Handlungen bezeugt wird. Vertrauen wir etwa nicht auf Gott, selbst darin, was den Weg unserer Rettung betrifft? Trauen wir ihm etwa zu, dass er uns dort, auf der Zielgeraden, plötzlich, im unpassendsten Moment, ein Bein stellt? Keinesfalls dürfen wir uns Gott als unserem Leben entfremdeten Richter vorstellen, der auf Vergeltung sinnen würde. Wir glauben an Gott den Erlöser, nicht an einen perfiden bösartigen Rächer.

 

Tod in unserem Leben

– Ist es denn überhaupt möglich, im Leben niemals große Verluste zu erleiden?

– Aber warum denn? Um Christus dazu zu bringen, seine Worte „wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig“ zu revidieren? Erst recht nicht, da Gott, wie die Schrift besagt, uns keine unerträglichen Leiden aufbürdet.

Häufig staune ich darüber, dass wir in letzter Zeit immer öfter auf eine neue pseudo-orthodoxe Mythologie stoßen, nach der es demjenigen, der rechtgläubig orthodox lebt, sowohl im Diesseits stets gutgehen würde als auch dort im Himmel, wo ihm ein schönes Plätzchen garantiert und vorbereitet sei. Nehmen Sie dagegen die realen Beschreibungen des Lebens der Heiligen, wie äußerlich „erfolgreich“ diese auch immer in den Vitae dargestellt werden. Da ist immer Leid, Kampf und Überwindung sowohl mit sich selbst als auch von tragischen Lebensumständen, mit der Heuchelei kirchlicher Menschen als auch dämonischen Listen.

Es gibt prinzipiell keine „Rolltreppe“ zur Erlösung. Es wäre auch nicht möglich, in einer Gummizelle einen Sportler zu trainieren. Das verkehrte und schädliche Konzept der Bequemlichkeit übertragen wir unwillkürlich auch ins kirchliche Leben – und werden im Endeffekt entweder von der Kirche enttäuscht („irgendetwas läuft da ja schief!“) oder bemühen uns, die Kirche ausschließlich in ein praktisches Instrument zur Erreichung unserer privaten Ziele zu verwandeln. Beides hängt mit dem wirklichen spirituellen Leben und mit der Kirche als solcher sehr wenig (wenn überhaupt) zusammen.

– Der Mensch schaut in die Zukunft in der Hoffnung, dass es morgen besser wird, finanziell leichter, oder dass die Kinder ein bisschen größer und selbstständiger werden… Wie kann man sich aber damit versöhnen, wenn alles Gute im Leben schon vorbei zu sein scheint, dass es keine Hochzeiten noch Karriere noch Kinder mehr geben wird und keinen Geliebten in der Nähe; wenn all das zu Ende ist und es kein Glück mehr geben wird?

– „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“ – das ist die einzige Antwort auf diese Frage. Was auch immer Unerwartetes und Tragischen im Leben passiert – wir sollten nach vorne schauen und die Realität als von Gott gegebene Wirklichkeit wahrnehmen. Man kann nicht gut geradeaus gehen, wenn der Kopf nach hinten gewandt ist. In dieser Frage gibt es viel zu viel Unmut gegenüber Gott. Wir versuchen, über den Herrn unser eigenes Netz von Vorstellungen über das Glück zu werfen, während ER dieses erfolgreich abstreift und wir dabei immer wieder das Nachsehen haben.

Wäre es vielleicht besser, IHM auch in dieser Hinsicht zu vertrauen? Warum setzen wir uns selbst den Rahmen, an dem wir uns dann wütend den Kopf einschlagen und IHN für all unser Unheil beschuldigen? Erinnern wir uns das Vorbild des gerechten Hiob, der scheinbar Alles und Alle verloren hatte und am Ende Alles und noch mehr zurückbekam, da er den Glauben und das Verständnis behaltenhatte, wo sein Platz und wo Gott war.

- Ein Mensch erfährt, dass er unheilbar krank ist. Ja, eventuell würde er viele von denjenigen, die heute mit ihm fühlen und ihn bemitleiden und heute noch gesund sind, überleben, denn in letzter Zeit sind ja so viele Katastrophen passiert. Aber wie sollen sich dieser Mensch und seine Familie vorbereiten? Was soll man mit der bevorstehenden Trennung umgehen? Wie soll man sich richtig verabschieden?

– Wenn ein Familienmitglied unheilbar krank wird, spricht dies für die Gnade Gottes gegenüber dieses selbst und gegenüber seinen Verwandten. Viele Heilige beteten darum, dass der Herr ihnen vor dem Tod so eine Krankheit schicke, damit es ihnen leicht fiele, von der Bindung an dieses Leben, die uns allen gemeinsam ist, Abstand zu nehmen.

In dieser Situation sollte man vor allem alles tun, was in unserer Macht steht, um das Leben so sehr wie möglich zu verlängern. Außerdem sollte man lernen, angesichts des unvermeidlichen und eventuell sehr nahen Todes die richtigen Akzente zu setzen. Im Grunde genommen erfährt der Mensch, wenn ihm sein bevorstehender  Tod diagnostiziert wird, ja nichts Neues. Gibt es denn jemanden unter uns, der nicht tödlich an der Pest der Sünde erkrankt wäre, die uns ohnehin ins Grab bringen wird?

Eine andere Sache ist die, dass wir uns in der Regel mit allen Mitteln bemühen, dieses offensichtliche Wissen irgendwohin weit weg in die Peripherie des Bewusstseins und des Lebens zu schieben, bis es dann plötzlich zur Kernbotschaft wird. Wenn man in einem lang erwarteten Urlaub ist, beginnt man sich nur in den letzten Tagen, in denen man jede Stunde vor der sich nähernden Abfahrt zu schätzen weiß,  richtig zu erholen.

Ebenso ist es, wenn Verwandte eines Sterbenden die Unvermeidlichkeit und Geschwindigkeit der bevorstehenden Trennung begreifen – dann ist es natürlich, dass sich Dankbarkeit zu Gott dafür einstellt, dass dieser Mensch immer noch mit uns ist und wir noch Zeit haben, ihm Liebe zuzuwenden und es so einzurichten, dass jeder Tag ihm trotz aller Leiden Freude und Trost bringt. Das ist auch eine segensreiche Zeit, um all die unausgesprochenen Worte, geheimen Verdruss und Vorwürfe gegeneinander an die Oberfläche zu bringen – all die Kleinigkeiten, auf die wir so wenig achten, während sie sich wie ein Schneeball ansammeln  und dann auch scheinbar feste Familienbindungen stark  beschädigen können.

Angesichts des Todes stellen sich unsere Ansprüche gegeneinander als wesenlos, dumm und ausgedacht heraus. Dann ist es wichtig, sich nicht nur der Form halber zu versöhnen und um Entschuldigung zu bitten, sondern alle Vorwürfe wirklich auszuräumen, wie gerechtfertigt sie uns auch vorkommen und wie tief sie auch immer in der Seele verborgen sein mögen.

– In seinem wunderschönen Buch «Литургия смерти» [„Liturgie des Todes“] schreibt ProtopresbyterAlexander Schmemann, dass unsere ganze Kultur und die ganze moderne Zivilisation vor dem Tod entfliehen. All diese Öko-Programme und dieses ganze „gesunde Essen“ sind eine Flucht von dem Tod und zugleich eine Ankündigung des Todes… Wir denken sehr wenig an den Tod, uns kommt es vor, dass es uns nie oder in der sehr entfernten Zukunft passieren würde; dabei stellen wir (insbesondere relativ gutsituierte und junge Großstädter) uns unbewusst auf ein ewiges, schönes und lustiges Leben ein. Uns ändert nicht mal der Tod von anderen Menschen – wir halten nur kurz inne und laufen dann weiter, um unsere Angelegenheiten zu verfolgen. Ist es überhaupt realistisch,  den Tod im Gedächtnis zu behalten und daran zu denken? Und wie sollen wir uns auf ihn vorbereiten?

– Ja, so ist es wirklich – die moderne Kultur hat panische Angst vor dem Tod, denn der Tod ist es eben, was die Nichtsnutzigkeit und die Künstlichkeit der Werte entlarvt, auf denen die Sünde versucht, ihre Welt, die abseits von der Göttlichen Welt steht, aufzubauen. Man darf und soll sich über den Tod Gedanken machen. Früher besorgten sich viele fromme Menschen noch vor dem Tod einen Sarg, bereiteten alles Notwendige für die Bestattung vor und betrachten dies nicht als Gegenteil des Lebens.

Der christliche Realismus hilft dabei, die richtigen Prioritäten im Leben zu setzen: was die Dinge in Wirklichkeit kosten und was wir ins Jenseits mitnehmen oder unvermeidlich hierlassen müssen.

– Die nächste Frage betrifft den Tod und die seelischen Vorlieben im Jenseits. Gott gibt uns Talente. Das wichtigste, was wir hier auf Erden tun sollen, ist: lernen zu lieben. Was soll aber dort geschehen? Werden unsere Talente, ob in der Musik, der Malerei oder der Kochkunst sich dort als nutzlos erweisen, da es all das dort ja nicht gibt? Und das Wichtigste: was ist mit denen, die wir hier so sehr zu lieben lernten, unsere Eltern, Kinder und Ehegatten – wird unsere Verbindung mit ihnen dort erhalten bleiben, oder werden wir dort über all diese Gefühle hinauswachsen und nur noch Gott lieben?

– Erinnern Sie sich an die bemerkenswerten Worte des Heilands, mit denen er die listige Frage der Schriftgelehrten über eine Frau und ihre sieben Männer erwiderte? Dort im Himmelreich heiraten sie nicht, noch werden sie verheiratet, sondern sie werden sein wie Engel im Himmel.

All unsere Talente und Gaben, die wir während des irdischen Lebens zu entdecken und zu entwickeln vermochten, sind lediglich ein schwacher Widerschein derjenigen Qualitäten des Leben in Gott, in denen die Heiligen in seinem Reich in der ganzen Fülle leben.

Dasselbe betrifft auch die Liebe der Ehegatten. Wie erstaunlich und selten diese hinsichtlich ihrer Stärke und Tiefe der Gefühle auch sein mag, ist dies mit der Liebe Gottes, welche die einzige Quelle und der einzige Inhalt des Lebens im Himmelreich ist, doch nicht zu vergleichen. Denn dort ist das Ganze eben mir dieser mystischen Liebe durchtränkt, die sogar für Engel unbegreiflich ist.

Natürlich ist es angenehm und erfreulich, wenn man in einer dunklen Nacht eine leuchtende Taschenlampe hat – es wäre aber töricht, damit an einem hellen sonnigen Tag zu prahlen, wenn das Licht der Taschenlampe nicht einmal zu sehen ist. Ebenso treten im Himmelreich, wo alles das Göttliche Licht Seiner Liebe ausstrahlt, sogar unsere erhabensten und heiligsten menschlichen Gefühle zurück.

Das bedeutet aber nicht, dass die Beziehungen zwischen Liebenden sich ändern und abschwächen würden. Im Gegenteil, das Problem eines „Liebesdreiecks“, in dem Gott und der geliebte Mensch „Konkurrenten“ wären, verschwindet komplett. In Gott wird die Liebe der Ehegatten nur stärker, erwirbt dann aber eine andere Qualität – es verschwindet alles irdische, momentane und vorübergehende, was mit der irdischen Ehe unvermeidlich einhergeht und selbst dem Wesen dieser ehelichen Liebe häufig gleichgestellt wird.

 

Das Mysterium der Ehe und der Tod

– Was passiert mit dem Mysterium der Ehe nach dem Tod? In dieser Frage geht es um liebende Ehegatten, denen ihre Ehe sehr viel wert ist.

– Hier ist alles nicht so linear, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Der Raum der Ehe als einer bestimmten Form zwischenmenschlicher Beziehungen erstreckt sich in erster Linie in Richtung des irdischen Lebens. In Bezug auf die Ehe ist es angebracht, sich an die Worte des Apostels zu erinnern: „Die Speisen für den Bauch, und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl diesen als jene zunichte machen“ (1 Kor 6,14) und „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geiste“ (Röm 14,17).

Schauen wir uns die Gebete des Trauungsmysteriums genauer an. Dort geht es vor allem darum, dass Gott diesen ehelichen Bund segnet und Kinder, Gesundheit, Langlebigkeit und Wohlergehen schenkt – und dass all diese irdischen Güter der Ehe dazu verhelfen, nicht nur nach menschlichen Vorlieben, sondern auch als „Ehe im Herrn“, um Christi willen und zu Ehren Gottes, zu funktionieren.

Die spirituelle Dimension der Ehe ist Folge einer gelungenen Ehe als Vereinigung von zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlich, manchmal sogar einander entgegengesetzt sind, jedoch den eigenen Egoismus um der Liebe zueinander und um Christi willen immer wieder überwinden. Solch eine Ehe könnte von den klassischen romantischen Vorstellungen über eine glückliche Familie sehr weit entfernt sein; das Wichtigste aber ist, dass sie spirituell und ergebnisreich ist.

Indem sie sich voneinander abstoßen und auf einer qualitativ neuen Ebene des Verständnisses vereinigen, nähern sich die Ehegatten zusammen Christum an; sie lernen, ineinander Christus zu sehen und einander mit der selbstopfernden Liebe, der Liebe Christi, zu lieben. Die wirkliche Ehe ist ein großartiges Werkzeug der ständigen, täglichen, spirituellen Kultivierung der christlichen Liebe.

Was ist aber, wenn die Ehegatten nicht einmal in einer richtigen Ehe leben, und dann stirbt ein Partner? Offensichtlich wäre es sinnlos, eine Fortsetzung zu erwarten, wenn die Ehegatten sich in völlig verschiedenen Zuständen befinden, die miteinander nicht vergleichbar sind – einer ist mir seiner Seele im Himmel, während der andere sich mit Leib und Seele auf Erden befindet.

Deswegen erlaubt der Apostel den Verwitweten, eine zweite Ehe zu schließen, ohne daran etwas Sündhaftes oder Unwürdiges zu sehen. Wenn allerdings für eine(n) Verwitwete(n) die Bewahrung ihrer Keuschheit wichtiger sei als eine neue eheliche Beziehung, so wäre diese Wahl noch besser. Hier geht es nicht um die Wahl zwischen „gut“ und „schlecht“, sondern um eine Wahl zwischen „gut“ und „besser“.

Es gibt Menschen, deren Eheerfahrungen sich bereits als ausreichend und produktiv erwiesen haben, und sie brauchen sie nichtimmer wieder zu wiederholen. Für Manche war die erste Ehe dagegen nur ein Vorgeschmack, der Beginn des Eintritts in die Sphäre der Ehe, die durch den Tod eines der Ehegatten plötzlich unterbrochen wurde. Natürlich könnte daraus das dringende Bedürfnis entstehen, das Eheleben neu zu beginnen und eine neue Familie zu gründen. In solchen Fällen wäre es sicherlich anmaßend und im Kern falsch, sich schwer zu tragende Lasten aufzuerlegen aufgrund der Vorstellung, dass bedrückende Einsamkeit das wäre, was die verstorbene zweite Hälfte erwarten und worüber sie sich freuen würde.

Wir dürfen unsere irdischen ehelichen Beziehungen – wie fein und sogar spirituell sie auch sein mögen – nicht in das Leben im Himmelreich zu extrapolieren. Dort ist alles anders; die Vorbereitungen finden aber jetzt und hier statt.

– Wie soll Einer sich überhaupt zwingen, nach dem Verlust der liebsten Menschen weiterzuleben, wenn er davon ausgehen muss, selbst vielleicht noch viele Jahre weiterzuleben? In den Vitae gibt es Fälle, in denen Ehefrauen und Mütter direkt nach dem Tod ihrer Ehemänner bzw. Kinder starben – noch auf deren Gräbern (z.B. die heilige Natalia und die heilige Sophia). Heute gehört sich das nicht mehr; statt dessen nehmen die Leute Antidepressiva usw.

Viktor Frankl hinterließ uns eine hervorragende Aussage, die auf seinen grausamen Erfahrungen in den Konzentrationslagern der Nazis basierte: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Jede Erfahrung eines selbst erlebten starken Schmerzes bringt uns „in unsere eigene Haut“, in die Realität zurück; sie reißt uns aus der Welt der Illusionen und Träume, mit deren Hilfe wir oft versuchen, unser anscheinend nicht besonders farbenfrohes Leben zu verdrängen.

Leiden ist die beste „Erdung“ im besten Sinne des Wortes: wir haben diesen Tag durchgestanden; Gott sei Dank. Wir haben zu essen, zu trinken, etwas zum Anziehen, ein wohnliches Eckchen – Gott sei Dank. In so einer Situation schmiedet man zwar keine Pläne für die nächsten Jahrzehnte, lernt dafür aber, diese kleinen Lebensfreuden zu sehen und zu schätzen, welche die Gnade Gottes jeden Tag für jeden von uns bereithält – eben das, was im sorgenfreien Zustand als selbstverständlich oder gar obligatorisch wahrgenommen würde.

Die nackte Realität ist oft nicht angenehm. Wir leben in einer Welt, die bis in ihre Grundfesten verfault und verkrüppelt ist, und wir selbst sind Teil dieses Verfalls. Dennoch ist es eben diese Lage bzw. das Gefühl der äußerlichen Hilflosigkeit, Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit, die den Menschen für die Wirkung der Göttlichen Vorsehung öffnet. Gott beginnt für den Menschen nötig zu sein, denn ohne IHN geht es ja gar nicht.

Wenn wir aber alles bis auf jede Kleinigkeit durchrechnen und dann mit zusammengebissenen Zähnen gegen die Lebenshindernisse kämpfen – wozu sollte dann dieser ganze Kampf dienen? Nur um zu zeigen, wie willensstark, schlau, zielstrebig und entschlossen wir sind? Da lachen ja die Hühner. Es ist hart, wider den Stachel auszuschlagen, aber es finden sich Menschen, die sogar das tun wollen. Eben so entstehen in unserem Leben die „Konjunktive", Hauptquelle unserer seelischen Qualen und Enttäuschungen.

Die Bereitschaft, die Wirklichkeit so, wie sie ist, zu akzeptieren, ist ein Zeichen sich entwickelnder Nüchternheit. Man könnte den Verlust sogar der liebsten Menschen ganz unterschiedlich erleben. Er könnte als Nachweis für den Glauben Gottes an den Menschen, an seine verborgenen Kräfte und seine nicht entfaltete Liebe wahrgenommen werden – oder doch ganz anders, nämlich als harte Strafe Gottes, Bezeugung des Schicksals oder des Siegels der Verdammung. Aber auch in diesem Spielraum bestimmt der Mensch die weitere Richtung seines Lebens selbst, wie er weiter leben wird – preisend oder verdammend.

 

Trösten – aber wie?

– Wie soll man mit einem Menschen reden, der seine(n) Geliebte(n), seine(n) Nächste(n) verloren hat? Was soll man ihm über die Barmherzigkeit Gottes erzählen? Was soll man überhaupt sagen bzw. lieber nicht?

– Der beste und wirksamste Weg, einen Trauernden über seinen Verlust hinwegzutrösten, ist gemeinsam zu beten. Das gemeinsame kirchliche Gebet, insbesondere die göttliche Eucharistie, liefert ein klares Zeugnis dafür, dass die Grenze zwischen uns, die wir noch am Leben sind, und den Entschlafenen nur vorläufig ist. Sie ruhen dort – und warten auf uns. Die Kirche jedoch ist, sowohl hier als auch dort, dieselbe; so wie Christus ein und derselbe ist.

Was man aber lieber nicht sagen soll – das sind Phrasen wie „harter Schlag“, „unersetzbarer Verlust“, „plötzliches Leid“, „möge ihm die Erde leicht sein“ und andere armselige Worte des Unglaubens, die noch aus sowjetischen Zeiten in unserem Lexikon stecken. Heuchelei bei der Bestattungszeremonie ist widerlich – also wenn Menschen sich an das Geschehen „anpassen“ und bemühen, die „passenden“ Gefühle aus sich herauszuquetschen, obwohl in ihren Seelen nur Angst und Verlegenheit ist, gemischt mit der abergläubischen Furcht vor „negativen Energien“.

– Inwiefern richtig sind die weit verbreiteten orthodoxen Tröstungen – „jetzt geht es ihm gut, er ist bei Gott“, „Gott nimmt zu sich entweder im schlimmsten oder im besten Augenblick des Lebens – das war also der beste Augenblick“, „wir werden alle auferstehen, du brauchst nicht zu weinen“ usw.?

– Nur um die Leere zu füllen. Ansonsten, wenn Menschen im Frieden mit der Kirche und Gott sterben, dann spüren ihre Nächsten in der Regel diesen Frieden und diese Ruhe im Herzen. Dieser Trost ist viel ja bedeutsamer als alle Worte. Für die Kirche ist dieses Miterleben des seligen Schicksals im Jenseits normal; ich würde sogar sagen, es ist der Standardfall. Im Gegenfall wären wir eine „ineffiziente Struktur“, welche die Menschen, anstatt sie auf das Himmelreich vorzubereiten, mit Dubiositäten beschäftigen würde.

– Gibt es überhaupt so einen Zustand wie übermäßigen Kummer? Falls ja: ist es möglich, einen Menschen aus diesem Zustand herauszubringen, und ist es überhaupt nötig?

– Es ist sicherlich sowohl möglich als auch nötig. Es geschieht, wenn der Kummer in gewissen Augenblicken mit Selbstleid zusammenfällt und daraus eine besondere bittere Süße entsteht. Der Unglaube gießt in diese seelische Verwesung noch mehr Öl. Es kommt zu einer Art Kurzschluss des Menschen mit sich selbst, seinem Schmerz, seinem Kummer und seinem Verlust. So etwas ist wirklich fürchterlich.

Diese Lage wird im Spielfilm „Leben“ von Wassilij Sigarjow dargestellt, der von drei Fällen schwerer Verluste liebster Menschen erzählt. So ein „Kurzschluss“ kann nicht nur leise und weinerlich, sondern auch durch Aggressivität und eine entschlossene Weigerung, den Tod als Willen Gottes zu akzeptieren, erschreckend sein.

 

Das Leben nach dem Tod

– Was passiert mit der Seele nach dem Tod? Es gibt ja einerseits den „Bericht der seligen Theodora über die Zollübergänge“. Andererseits aber heißt es: „wer Mein Wort hört und glaubt Dem, Der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tode in das Leben übergegangen“ (Joh 5,24).

– Das werden wir erfahren, wenn wir ins Jenseits kommen. Nochmals: Gott tut dem Menschen nie eine Gemeinheit an, weder hier noch dort. So schrieb C.S. Lewis in einem seiner Werke: dort erhalten wir das, wonach wir wirklich gestrebt haben. In der orthodoxen Tradition gibt es sicherlich Zeugnisse über die Zollübergänge; das ist aber nicht mehr als ein Versuch, Erfahrungen, die sich mit Sprache nicht ausdrücken lassen, in unsere irdischen menschlichen Begriffe zu übertragen. Als Instrument zur Erziehung einer aufmerksamen und bewusstlosen Einstellung zum Leben kann dies aber durchaus nützlich sein.

– Wie soll unsere Verbindung mit Verstorbenen beschaffen sein? Warum sehen Einige ihre Entschlafenen oft im Traum, Andere dagegen gar nicht?

– Das ist ein Geheimnis Gottes. Es ist unmöglich, einen universellen Berechnungsalgorithmus zu finden, der erklären würde, warum alles so unterschiedlich geschieht. Ich würde davor warnen, aus unseren Träumen irgendwelche Schlüsse zu ziehen, es sei denn den, dass sie eine klare und deutliche Manifestation der Göttlichen Kraft in unserem Leben darstellen.

 

Was soll man lesen und was soll man tun?

– Welche Bücher über den Tod und über das Leben im Jenseits soll man lesen? Wie soll man eines verstorbenen Menschen gedenken?

– Das beste Gedenken eines Verstorbenen ist das Beten; und das Wichtigste, womit wir denjenigen, die dahingeschieden sind, helfen können, ist jenes, was sie nicht geschafft haben, zu Ende zu bringen und alles Gute, was sie einst begannen, fortzusetzen. Jeder Mensch hinterlässt eine bestimmte Spur, und diese Spur ist natürlich nicht eindeutig. Wenn wir alles Schlechte und Unvollkommene in Vergessenheit geraten lassen und uns auf das Helle, Gute und Schöne konzentrieren, dann treten wir mit der Seele des Verstorbenen zweifellos in eine Gemeinschaft ein und setzen dadurch sein Werk eventuell fort.

Jedenfalls wird die Geschichte hier und jetzt mit unseren Händen erschaffen. Verändert sich der Lauf unseres Lebens in eine bessere Richtung – weil wir uns am Beispiel der Dahingeschiedenen orientieren können  – freuen sie sich und segnen uns.

– Vielen Dank, Vater Pawel!

Quelle: http://www.pravmir.ru/kak-zhit-esli-est-smert/#ixzz3MvlaEFES

 


[1] 1 Kor 15, 17.

[2] Prokimenon zur Bestattung von Laien.

[3] Ps 34,22.

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