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Die Tugend der Internet-Enthaltsamkeit

21. Mai 2015
In dieser Publikation macht Dr. phil. Archimandrit Simeon (Tomachinsky), Rektor des orthodoxen Seminars zu Kursk, die Leser auf die Gefahren aufmerksam, welche die Menschen im Internet erwarten. Die Lähmung des Willens des Menschen, der internetabhängig geworden ist, ist seiner Meinung nach das Schlimmste, und um dies zu vermeiden, ruft er nicht zur Verzicht auf eine so nützlichen Erfindung, sondern zur deren besonnenen Nutzung auf. Dieses Material wurde als Bericht auf der 1. Internationalen Konferenz „Elektronische Medien und orthodoxe pastorale Seelsorge“ in Athen präsentiert.

Viele christliche Tugenden gehen bekanntlich mit der Enthaltsamkeit einher. Es kann die Enthaltsamkeit von Essen, vom Alkohol, von ehelichem Verkehr, von bösen Gedanken, von unreinen Blicken, von groben Worten oder auch von sündigen Taten sein. Manche Arten der Enthaltsamkeit sind zeitbefristet, so wie beispielsweise in der Fastenzeit, manche sind nur in bestimmten Situationen und für bestimmte Menschen, z.B. Mönche vorgeschrieben, während andere permanent und bedingungslos gelten. Eigentlich sind die meisten Gebote Gottes, die noch der alttestamentlichen Menschheit gegeben wurden, restriktiv bzw. tragen ein Element der Enthaltsamkeit in sich (s. Dtn. 5,6-21).

Im Allgemeinen hat die Enthaltsamkeit als Tugend ihren Ursprung im Paradies, wo der Herr Adam geboten hat, nicht nur den Garten Eden zu  bebauen, sondern auch, sich von der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu enthalten (Gen 2,15-17). In einem Sicheren der ersten Woche des Großen Fastens ist dies folgendermaßen ausgedrückt: „Schenke auch mir, o Wort, so wie Du Adam einst das Paradies geschenkt hatte, das Vergnügen der Enthaltsamkeit, von jedem Deinen Gebot zu essen, o unser Gott, und uns von der Frucht der Sünde immer zu entfernen, der Du widersagtest…".[1] Mit anderen Worten: Das „paradiesische Vergnügen“ ist keine Begünstigung der eigenen Wünsche, wie die Werbung uns einredet, sondern, im Gegenteil, die Enthaltsamkeit von jeder Sünde, von Wehmut, Ärger, Geldgier, Völlerei usw.

Die Entstehung des Internets eröffnete für die Menschheit eine neue Front des spirituellen Kampfs. Das Internet bietet neue effizienten Mittel der Versuchung des Menschen, keine neuen Sünden, aber neue Mittel zur Verführung und zur Manipulation an Menschen und zu einem Leben im Saus und Braus.

Am Anfang schien es so, als ob Computer und das weltweite Netz nie dagewesene Möglichkeiten für die schöpferische Entwicklung des Menschen eröffnen würden. Wohlbekannt wurde die Erzählung von Steve Jobs, wie er auf die Idee zur Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten gekommen sei. Nachdem Jobs in einer wissenschaftlichen Zeitschrift einen Artikel über die Effizienz der Fortbewegung verschiedener Tiere gelesen hatte, hatte er den Rechner mit dem Fahrrad verglichen: „Am effizientesten bewegen sich Kondore fort, indem sie auf einem Flug von mehreren Meilen nur wenige Kalorien verbrauchen. Menschen befinden sich in diesem Rating weit unten. Dennoch: Wenn man das Fahrrad benutzt, ist die Effizienz der menschlichen Fortbewegung doppelt so hoch wie beim Kondor“[2]. Jobs war der Meinung, dass der Rechner eine Art Fahrrad für den menschlichen Intellekt werden sollte. Was kam dabei heraus?

Es kam heraus, dass nicht der Mensch den Rechner gesattelt hat, um seine  Möglichkeiten zu vergrößern, sondern  umgekehrt der Rechner den Menschen, indem er diesem seinen Willen diktiert und unendliche Unterhaltungsmöglichkeiten anbietet. Für den modernen Menschen wurde Multitasking zu der Herausforderung, die am schwersten zu lösen ist.

Im Artikel "How Today's Computers Weaken Our Brain", der in "The New Yorker" publiziert wurde, erforscht Autor Tim Wu dieses Problem von verschiedenen Seiten[3]. Er kommt zu folgendem Schluss: „Moderne Rechner ermöglichen Ablenkung nicht nur, sie provozieren sie. Wie ein Marktschreier ruft uns das Netz permanent herbei, und die Maschinen, die uns doch helfen sollten, uns auf unseren Aufgaben zu konzentrieren, vereinfachen statt dessen die Abkehr davon, und verlocken uns zu amüsanten Nichtigkeiten. Wir haben also eine Generation von „Unterhaltungsmaschinen“ erschaffen, welche die Tugendtaten andächtiger Arbeit nicht erleichtern, sondern komplizierter machen“[4].

In diesem Artikel werden drei Beispiele für erfolgreiche schöpferische Arbeit angeführt. Franz Kafka schrieb innerhalb von acht Stunden „Das Urteil“, ohne dabei vom Tisch aufzustehen oder sich irgendwie ablenken zu lassen. Jack Kerouac schuf innerhalb von vier Tagen seinen berühmten Roman „Unterwegs“. Und Steve Jobs entwickelte zusammen mit Steve Wozniak innerhalb von vier Tagen das Videospiel „Breakout“. (Ich unterlasse es wohlweislich, die so geschaffenen Erzeugnisse als solche zu bewerten – obwohl die Werke von Kafka und Kerouac ohne Zweifel zu den Schätzen der Weltliteratur zählen – um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, welche Bedingungen für kreative Arbeit notwendig sind.)

Kafka hätte sich heute durch das Checken seiner Emails ablenken und so die Inspiration verlieren können, die notwendig war, um seine Geschichte fertig zu stellen. Kerouac hätte über Twitter, Facebook oder WhatsApp kommunizieren können und hätte so „Unterwegs“ vielleicht nie zu Ende geschrieben. 

Psychologen behaupten, dass der Mensch sich in Wirklichkeit nur auf eine Tätigkeit ganz konzentrieren kann. Im Hintergrundmodus kann man sich auch auf mehrere Tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren, was aber meist wenig produktiv ist. Ja, man kann gleichzeitig via Skype reden, Internetseiten durchgucken und sogar einfache Emails schreiben. Eine ernsthafte Arbeit in so einem Modus zu leisten, ist jedoch unmöglich.

Wir leben in einer Epoche, in der mächtige Kräfte um unsere Aufmerksamkeit und unsere Zeit kämpfen. Das Internet ist dabei eines der wichtigsten Kampffelder. Nicht umsonst gibt es in der russischen Sprache solche Neologismen wie Chronozid („Mord der Zeit“), internetsüchtig usw.

Wir sind berufen, wie Alice im Wunderland, uns mit der Zeit anzufreunden. Während man vorher, um auf der Stelle zu bleiben, schnell laufen musste, muss man nun doppelt so schnell laufen. Deshalb installieren viele auf ihre Rechner die Freedom-Software, die alle Signale von Email-Programmen und Sozialnetzwerken sowie Internetwerbung blockiert.

Auch wenn nur von Zeitverlust wegen Internetunterhaltungen die Rede wäre, müsste man laut Alarm schlagen. Jedoch geht es heute um Internet-Abhängigkeit, die mit Drogenabhängigkeit zu vergleichen ist. Viele erleben im wahrsten Sinne Entzugserscheinungen, sobald ihnen das Internet auch nur für die kurze Zeit genommen wird.

Das Internet wird manchmal zum Wij-Monster von Gogol – man wirft einen Blick darauf und ist sofort hinüber, von bösen Kräften zerrissen. Es ist auch dem magischen Stein von Tolkien, dem Palantir, ähnlich – man blickt hinein, um Geheimnisse zu sehen, verwandelt sich allmählich aber zum Sklaven des Schwarzen Herrschers. Das Siegel an der rechten Hand und an der Stirn (Offb 13,16-17) ist unsere PC-Maus und unser stets dem Display zugewandtes Gesicht. Manchmal es ist nur ein Klick, der uns von einer schweren Sünde trennt, mit der unser Wille vom Teufel versklavt wird.

Ihr alle kennt die alte monastische Weisheit aus dem Paterikon ; „Sitze in deiner Zelle, und die Zelle wird dir alles beibringen.“ Das moderne Leben brachte uns einen anderen Aphorismus aus schwarzem Humor: „Bringe das Internet in deine Zelle, und die Zelle wird dir alles beibringen.“ Dies gilt sich nicht nur für Mönche. Es ist so, als ob im Internet alle Verführungen des Menschen verkörpert sind, über die der Apostel Johannes schreibt: d ie Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens (1 Joh 2,16).

Wir sind berufen, Internet-Enthaltsamkeit zu lernen. Enthaltsamkeit bedeutet keinen kompletten Verzicht, denn das Internet hilft tatsächlich, sowohl pastorale und missionarische Arbeit zu leisten. Es geht um ein vernünftiges und schöpferisches Verhalten ihm gegenüber. Die Regel einer solchen Enthaltsamkeit sollten wir schon kleinen Kindern nahebringen, so wie die Vorsicht im Umgang mit heißen Bügeleisen und elektrischem Strom in Steckdosen. Sie sollte in Schulen unterrichtet und in Hochschule studiert werden. Sie sollte sich auch als Sicherheitshinweis an der Vorderseite aller Rechner befinden.

Falls wir unsere Freiheit bewahren wollen; falls wir wollen, dass nicht der Mensch der Maschine dient, sondern umgekehrt die Maschine dem Menschen; falls für uns nicht fruchtlose Zeitvergeudung, sondern kreative schöpferische Arbeit im Mittelpunkt steht; dann soll die Internet-Enthaltsamkeit für uns zu einem neuen christlichen Gebot werden.: denn ihr seid teuer erkauft; darum verherrlicht Gott in eurem Leib und in eurem Geist, die Gott gehören!(1 Kor 6,20)



[1] Das Stichiron   zum Lobgesang "Herr, ich rufe zu Dir, der Vesper der Ersten Woche des Großen Fastens.

[4] Today’s machines don’t just allow distraction; they promote it. The Web calls us constantly, like a carnival barker, and the machines, instead of keeping us on task, make it easy to get drawn in—and even add their own distractions to the mix. In short: we have built a generation of “distraction machines” that make great feats of concentrated effort harder instead of easier.

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