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[Rezension von:] Galileo Galilei. Zur Geschichte eines Falles

30. September 2009
So mancher meint heute noch, der Fall Galileo Galilei sei ein systemisches Problem der Kirche: Die Katholische Kirche im Besonderen sei aus sich heraus negativ gegenüber der Naturwissenschaft eingestellt und hätte sie immer schon behindert.
Eine aktuelle Veröffentlichung belegt das Gegenteil: Der Astrophysikerin und Ordensschwester Sr. Lydia la Dous gelingt es, fernab jeder Polemik das historische Geschehen rund um die Forschungen und Erkenntnisse Galileis darzustellen. Sie geht der Entwicklung auf den Grund. Die Ursache für den Konflikt um das wahre Weltbild war ein Streit der Philosophen.

Aristoteles war bis in die Neuzeit eine hochgeachtete und nahezu kritiklos akzeptierte Autorität. Mit den philosophischen Begriffen des heidnischen Aristoteles gelang es Thomas von Aquin, christliche theologische Inhalte plausibel darzustellen. Die aristotelische Philosophie war damit gerade im theologischen Gespräch mit den Reformatoren ein unverzichtbares Werkzeug geworden. Wenn aber, so meinte man, die Philosophie des Aristoteles nützlich war, um die Wahrheit des Glaubens mit der Vernunft nachzuvollziehen, dann konnte wohl seine Erklärung der Natur, sein naturphilosophisches Weltbild, dem Glauben und damit auch dem wichtigsten Glaubensdokument, der Bibel, nicht widersprechen. Aristoteles war sozusagen eine Autorität für alle Wissensgebiete geworden.

Genau das stellte Galilei nun in Frage - und die Aristoteliker, Philosophieprofessoren an den Universitäten, fürchteten, dass zusammen mit dem Weltbild auch sie selbst für die Philosophie obsolet werden könnten. Deshalb konstruierten sie einen künstlichen Widerspruch zwischen den Erkenntnissen Galileis auf der einen Seite und scheinbar naturwissenschaftlichen Aussagen in der Bibel andererseits.

Die Bibel aber ist - und das belegten Galilei und seine Mitstreiter mit theologischen Argumenten - genau betrachtet weder ein Beweis für das geozentrische noch für das heliozentrische Weltbild noch für irgendeine andere naturwissenschaftliche Aussage. In einer jüngst veröffentlichten Bibelbroschüre des Vatikan wurden konsequent die Worte Galileis zitiert: „Die Intention des Heiligen Geistes ist es, uns zu lehren, wie man in den Himmel kommt und nicht wie sich der Himmel bewegt." Abgesehen davon sind aus moderner physikalischer Sicht streng genommen beide Weltbilder gleich falsch ... oder gleich richtig.

Vertreter der Kirche jedoch ließ sich in den Konflikt der Philosophen hineinziehen - so, wie diese es geplant hatten. Diejenigen Schriften Galileis, die das heliozentrische Weltbild nicht als Hypothese, sondern als bewiesene Wahrheit darstellten, durften nicht mehr veröffentlicht werden. Das Verbot sollte solange gelten, bis Galilei den Beweis für die Richtigkeit seiner Hypothese erbringen konnte.

Faszinierend waren die astronomischen Entdeckungen, die Galilei ab 1609 mit dem von ihm zwar nicht erfundenen, jedoch erheblich verbesserten Fernrohr machte. Und überhaupt war Galilei ein ganz wesentlicher Wegbereiter moderner Naturwissenschaft, weil er seine Hypothesen durch gezielte Experimente zu verifizieren suchte und das Erkannte in der 'Sprache der Mathematik' darstellte. Damit ebnete er den Weg zur modernen Technologie. Aus Naturphilosophie wurde Naturwissenschaft. 


Aber Galilei handelte in mancher Hinsicht vorschnell. So hielt er seine Erklärung des Phänomens von Ebbe und Flut für einen Beweis für das heliozentrische Weltbild, was sie tatsächlich nicht war. Die anderen Wissenschaftler, die die kirchlichen Behörden berieten, hatten das sehr wohl verstanden.

Warum aber hielt man so lange am aristotelischen, also geozentrischen Weltbild fest, obwohl schon seit der Antike auch das heliozentrische bekannt war? Wieso hinterfragte man nicht seine Hypothesen, obwohl sie das Verhalten der Natur offenkundig nicht richtig beschrieben?

Der Grund war, dass das aristotelische Weltbild weit über tausend Jahre als einziges einen mathematischen Formalismus bot, die Position der Sterne für Schifffahrt und die immer wieder moderne Astrologie zu berechnen. Erst Nikolaus Kopernikus entwickelte hundert Jahre vor Galilei ein analoges und sogar etwas einfacheres Verfahren auf der Grundlage des heliozentrischen Weltbildes. Nach diesem wurde auch der neuegregorianische Kalender konzipiert und 1582 von Papst Gregor VIII promulgiert. Sein wirkliches Potential als sehr einfache Rechenmethode konnte das mathematische Modell des Kopernikus aber erst in Verbindung mit den Keplerschen Planetengesetzen (also zurzeit Galileis) entfalten.

Wie beeinflusste der Weltbildkonflikt das persönliche Leben des Galileo Galilei? Es hält sich noch immer der Mythos, Galilei sei von der Inquisition gefoltert und seine Bücher seien von der Kirche verbrannt worden. Diese Ansicht ist historisch nachweislich nicht haltbar. Man spricht von zwei Prozessen des Galilei: 1616 und 1633.

Bei dem ersten ging es tatsächlich um die theologische Relevanz des von ihm propagierten heliozentrischen Weltbildes. Aber Galilei war an diesem Prozess gar nicht beteiligt, ja erfuhr davon erst, als schon alles vorbei war. Weder er noch seine Schriften wurden verurteilt. Beim zweiten Prozess stand Galilei selbst vor dem Tribunal der Inquisition. Es ging nicht eigentlich um seine Lehre, sondern darum, dass er aus der Sicht der Kirche diese und besonders den Heiligen Vater schändlich und wissentlich hintergangen hatte. Galilei musste seine Lehre abschwören und wurde verurteilt. Er war nach dem Urteil zwar in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, konnte aber weiter ungehindert forschen, hatte Assistenten und Besucher und erfreute sich der finanziellen Unterstützung des Erzherzogs der Toskana. Während dieser letzen Jahre entstand sein wissenschaftliches Hauptwerk, gewissermaßen das erste moderne Lehrbuch der Physik.
All dies geschah in einer politisch brisanten Zeit, als der Dreißigjährige Krieg sehr viel Leid über Europa brachte. Galilei war von seiner Mission überzeugt, eine vollkommen neue, von der Philosophie des Aristoteles unabhängige Physik konzipieren zu müssen. In seinem Enthusiasmus schreckte er vor Provokationen nicht zurück. Trotzdem blieb Galilei zeit seines Lebens immer gläubiger Katholik, seine zwei Töchter lebten im Kloster, zu seinen besten Freunden zählten Vertreter der hohen Geistlichkeit.

Nach und nach erbrachte die Naturwissenschaft die von der Kirche geforderten Beweise für die Richtigkeit der Ansichten Galileis. Die Kirche tat sich lange schwer, den offenkundig im Zusammenhang mit diesem großen Wissenschaftler angerichteten Schaden zu beheben. Inzwischen ist kirchlicherseits dieser Fall abgeschlossen - vor allem mit der viel beachteten Erklärung Papst Johannes Pauls II aus dem Jahr 1992. Selbstverständlich ist die Kirche seit jeher voll in den Prozess der wissenschaftlichen Forschung und des wissenschaftlichen Diskurses eingebunden, namentlich unterhält sie zwei große Sternwarten auf internationalem Niveau.

Ein ganz anderes und sehr trauriges Kapitel ist es, was im Umfeld der Aufklärung aus den Ereignissen um Galilei gemacht wurde und bis heute von interessierter Seite vehement verbreitet wird: Nach dieser Version war Galilei der besagte, von der Kirche wissentlich und grundlos massiv unterdrückte Vorkämpfer für die Freiheit der Wissenschaft und gegen die Unterdrückung durch den Glauben. Diese These entbehrt erwiesenermaßen jeglicher historischer Grundlage. Trotzdem gelang es, diesen Mythos durch ein populäres Bühnenstück zu verbreiten. Es wurde auch gezielt von der Propaganda eingesetzt: Das fantasievolle, aber schlecht recherchierte Theaterstück Berthold Brechts „Galileo Galilei" musste in der atheistischen Sowjetunion wegen seinerkirchenkritischen Haltung regelmäßig aufgeführt werden.

Die Kirche hat übrigens nie eine naturwissenschaftliche Theorie dogmatisiert, denn sie ist natürlich nur zuständig für Sitten- und Glaubensfragen. Aber jeder Naturwissenschaftler wird früher oder später mit Grenzfragen zwischen Glaube und Naturwissenschaft konfrontiert, wie die Biographien von Einstein, Planck und Braun oder auch moderne gesellschaftspolitische Debatten zeigen.

Die Darstellung des Falls Galileo Galilei von Sr. Lydia la Dous ist sowohl für Fachleute, als auch einfach für naturwissenschaftlich Interessierte lesenswert. Die Autorin selbst war lange Jahre international als Astrophysikerin in Forschung und Lehre tätig und ist jetzt Nonne im kontemplativen (beschaulichen) Dominikanerinnenkloster in Regensburg. Ihr Werk, das 2007 im Matthias-Grünewald-Verlag im überschaubaren Umfang von 120 Seiten als topos-Taschenbuch veröffentlicht wurde, ist besonders für Historiker, Theologen und Physiker empfehlenswert, die an der Universität oder Schule lehren, sowie für den Schulunterricht in den oberen Klassen.

Sr. Lydia la Dous OP, geboren 1956 in Braunschweig. Diplom-Studium der Physik und Promotions-Studium der Astrophysik an der Universität München; Habilitation in Astrophysik an der Universität Tübingen. Forschung und Lehre der Astrophysik. Anstellungen an Universitäten und internationalen Forschungseinrichtungen in Deutschland, England, Italien, USA und Spanien. Im Jahr 2000 Ausscheiden aus der aktiven Forschung; Arbeiten im Schulungsbereich einer Maschinenbau-Firma. 2003 Eintritt in den Dominikanerorden. Derzeit Studium der Theologie am Studium Rudolphinum in Regensburg.

 

Veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Autors

Erstveröffentlichung: http://www.univie.ac.at/ktf/content/site/ok/home/article/3056.html?SWS=6mmqu9cvptamu48b63t8k89qn4

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