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Der geistliche Kampf in Russland

16. Oktober 2009
Vortrag von Igumen Pjotr Meschtscherinow auf der Internationalen Ökumenischen Tagung in Bose über den nationenübergreifenden Charakter des Christentums, das heute fehlende Verständnis für das Wesen des geistlichen Kampfs und die Lösungen dieses Problem in Russland und im Ausland, sowie über die heidnische und die alttestamentarisch-magische Wahrnehmung des Christentums, dessen Säkularisierung und darüber, wie es für einen modernen russischen Mensch möglich ist, sich den religiösen Sinn des kirchlichen Lebens anzueignen.
Christliches Leben ist nicht möglich ohne geistlichen Kampf. Sein Vorhandensein zeigt an, ob ein Christ wahrlich ein geistliches Leben führt oder sich dies nur einbildet bzw. nur davon träumt. Das Wesen dieses Kampfs wurde durch den großen russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski wie folgt ausgedrückt: „Da kämpft der Teufel mit Gott, und das Schlachtfeld ist das Herz der Menschen."[1] Der Mensch, der frei ist, die heiligenden Gaben Christi anzunehmen oder auch zu verleugnen, wird durch die Vorsehung Gottes vor Bedingungen gestellt, unter denen diese Wahl im Innersten unseres Wesens vollzogen wird und alle Sphären des menschlichen Lebens beeinflusst. „Niedriger als der Verstand, tiefer als die Gedanken, im innersten Windungen unserer Seele nistet sich die Schlange ein, die die Hauptglieder unserer Seele tödlich angreift" - schrieb Makarios der Große, einer der größten Kirchenlehrer der geistlichen Kampfes. „Diese Schlange zu töten und die volle Reinheit zu erreichen ist nur durch den einen Jesus Christus möglich... Sobald Du beginnst, Gott zu suchen, wirst du mit deiner Natur, mit deinen alten Sitten und angeborenen Gewohnheiten kämpfen müssen. Und während des Kampfes mit diesen Gewohnheiten wirst Du die Dir trotzenden Gedanken finden, die mit deinem Verstand kämpfen; und diese Gedanken werden dich mitnehmen und in der sichtbaren [Welt], die du vermeiden wolltest, kreisen. Erst dann wirst Du den Streit und den Kampf  beginnen, indem du Gedanken gegen Gedanken stellst, Verstand gegen Verstand, Geist gegen Geist."[2] Theophan der Klausner, ein anderer großer geistlicher Schriftsteller, sagte: „Unsere Natur ist durch den Sündenfall beschädigt worden. Das Christentum ist, in seiner ganzen Ordnung, die Wiedererrichtung dieser Natur zu ihrer ursprünglichen Würde. Folglich ist es in seinem Wesen die Gewalt gegen die Natur, so wie sie in uns ist. Der Selbstwiderstand und die Selbstbezwingung sind die ersten Formen der Aktualisierung des christlichen Lebens, das heilsam, rettend und zum Ziel führend ist."[3]

Insofern kann der geistliche Kampf keinen nationalen Unterschieden unterliegen. Für jeden Menschen, der christlich leben möchte, ist es notwendig, sich dem Bösen zu widersetzen und sich zum Guten zu zwingen, und das mit Hilfe des Gebets, der Teilnahme an den Mysterien, der Erbauung durch das Wort Gottes und der Vollbringung der evangelischen Geboten. All dies ist nationenübergreifend. Was die Schwierigkeiten und Hindernisse angeht, mit denen der moderne Christ auf den Wegen des geistlichen Kampfes konfrontiert wird, sind sie ebenfalls im Großen und Ganzen für alle Christen gleich. Die Wahrnehmung des Christentums weist allerdings einige Besonderheiten auf, die von den historischen Lebensbedingungen und der Mentalität der jeweiligen Nation geprägt sind. Auf einige davon möchte ich eingehen.

Das Wichtigste ist das fehlende Verständnis des eigentlichen Wesens des geistlichen Kampfes und seines Stellenwerts im Leben eines Christen. „Alle Anstrengungen (...) und Bemühungen des Feindes sind darauf gerichtet, dass er die Möglichkeit bekommt, den Verstand durch die irdischen Verführungen und Anlockungen vom Gottesgedenken, von der  Gottesfurcht und von der Gottesliebe abzulenken, wodurch er ihn vom wahren Guten ab und  zum angeblichen Guten hinlenkt"[4], schrieb Makarios der Große. Hier sehen wir das wichtigste Problem des heutigen christlichen Lebens, nämlich die Säkularisierung des Christentums, seinen Einbau in die diesseitige Welt und den rein „profanen" Kontext seines heutigen Verständnisses. Damit meine ich weder den Stand der Kirche in der Gesellschaft noch äußere (kulturelle, soziale, historische und andere) Seiten des kirchlich-christlichen Lebens, sondern die innere, persönliche Empfindung der Christen selbst. Und hier gibt es zwei Arten, das Wesen des geistlichen Kampfes misszuverstehen.

Die erste Variante: wenn das Christentum es in der diesseitigen Welt bequem hat, in dem es nur eine Facette des wohl eingerichteten Lebens ist, dann ist selbst der Gedanke, dass es keine Kompromiss zwischen dem Christen und den gefallenen Wesen der diesseitigen Welt (2 Kor 6, 15) - die im Menschen durch Leidenschaften, Sünden, Laster, Irrtümer und die Weigerung, die Sünde als Sünde zu bezeichnen, wirken - geben könne, für den Christen fremd, unbequem und unpassend. Das hat zur Folge, dass das Christentum seine „nicht von dieser Welt" stammende Kraft und Energie verliert. Diese Säkularisierung ist der heutigen westlichen Zivilisation inhärent.

Die zweite Variante: wenn die Welt um uns herum im Gegenteil gar nicht bequem, sondern ungemütlich und das Leben darin unerträglich ist, dann strebt der Mensch natürlicherweise danach, im Christentum eine Zuflucht zu finden und daraus seine Lebenskräfte zu schöpfen. Aber nicht immer gibt dieser Impuls dem Menschen das richtige Verständnis für den geistlichen Kampf. Häufig führt der Wunsch, sich im äußeren Leben gut einzurichten, dazu, dass unter „geistlichem Kampf" soziale Dinge verstanden werden, die mit der kirchlichen Tradition nur oberflächlich zu tun haben, während das eigentliche Wesen des christlichen Tuns gar nicht gefragt ist. Die Problematik bleibt dieselbe: das kirchliche Leben wird säkulasiert und als Zubehör der diesseitigen Welt verstanden. In dieser Variante (die eben dem heutigen kirchlichen Bewusstsein Russlands innewohnt) böte es sich eher an, die Gesellschaft und die Kultur zu verbessern, als Christ zu werden.

Wie können diese Missverständnisse erkannt und vermieden werden? Darüber, was der Westen tun sollte, kann ich nichts sagen, denn die kompetente Erörterung dieses Themas bedarf einer Kenntnis des westlichen christlichen Lebens von innen. Müsste ich dies allerdings als „Außensteher" beurteilen, scheint mir die Umpflanzung der  „politischen Korrektheit", auf den kirchlichen Boden das wichtigste Problem darzustellen. Ich unterscheide die Begriffe der  „politischen Korrektheit" und der „Toleranz", wobei für mich „Toleranz" eine durchaus christliche Erscheinung ist. Die Duldsamkeit und Akzeptanz anderer Menschen, so wie sie sind, sowie auch die Anerkennung dessen, dass Gott sie genau so liebt wie mich auch - das sind die Grundlagen der Toleranz. Doch die Erscheinung der „politischen Korrektheit" ist ganz anders beschaffen. Sie ist eine ausschließlich ideologische Angelegenheit, die die Menschen daran hindert, die Sachen bei ihren Namen zu nennen. Wenn es aber um religiöse Bedeutungen geht, benötigen sie unerlässliche Wahrheiten. Diese Wahrheiten verletzen nicht das Toleranzprinzip - es geht hier um die Wahrheit vor sich selbst. Im Grunde genommen ist das der Punkt, wo der innere geistliche Kampf beginnt: ein Christ sieht, das dieses oder jenes in ihm, in seiner eigenen Existenz der evangelischen Wahrheit Christi nicht entspricht, und unternimmt daraufhin die nötigen inneren, geistigen, religiösen (und erst dann die äußeren, kulturell-sozialen) Bemühungen, um der evangelischen Wahrheit zu entsprechen. Sprechen wir davon im Kontext des geistlichen Kampfes, wird es ein Kampf um die Wahrheit sein, also dafür, dem menschlichen Leben - sowohl dem eigenen als auch dem gesellschaftlichen - eine evangelische Bedeutung zu geben. Im geistlichen Kampf ist es nicht möglich, politisch korrekt zu sein - gerade weil er ein innerer Kampf ist. Politische Korrektheit in diesem Bereich würde zu einer Vermischung der christlichen und der sozialen Erfordernisse führen, was eben das von mir angesprochene Hauptproblem der Säkularisierung des Christentums darstellt.

Sprechen wir von den Besonderheiten des geistlichen Lebens in Russland, ist zu berücksichtigen, dass das 20. Jahrhundert für unser Vaterland im vollsten Sinne des Wortes katastrophal war. Die Geschichte Russlands im vorigen Jahrhundert hat zur Entstehung nicht nur des post-sowjetischen, sondern sogar des „post-russischen" Menschen geführt, bei dem die Sittlichkeit und die Traditionen des 900jährigen nationalen Lebens völlig ausgerottet sind. Die Stelle dieser vernichteten Traditionen hat der „sowjetische" Inhalt eingenommen, also der Bruch zwischen Worten und Taten, Verantwortungslosigkeit, Ideologismus, Herdentrieb, Respektlosigkeit, Antisolidarität usw. Dies bewirkt, dass das „Sowjetische" sich ganz bequem und unbemerkt als das „Kirchliche" tarnt: der sowjetische Kollektivismus nistet sich im kirchlichen Leben unter dem Etikett „Katholizismus" ein; gesellschaftliche und bürgerliche Passivität heißt jetzt „Demut", Verantwortungslosigkeit „Gehorsam", das Streben nach Gleichheit „Kampf um die Orthodoxie" usw. All das steuert mit voller Kraft auf die fundamentale Säkularisierung zu, also das fehlende Verständnis und die fehlende Akzeptanz des religiösen Sinnes des Christentums. Und die Bemühungen, diesen religiösen Sinn auszulegen bzw. zu predigen (in anderen Worten: die Probleme der heutigen Missionsarbeit) stellen uns vor eine Art „Vor-Problem" bezeichnet werden darf.

Damit meine ich folgendes: damit der moderne russische Mensch sich den religiösen Sinn des kirchlichen Lebens aneignen kann - unter anderem die richtigen Begriffe für den geistlichen Kampf, wobei in dieser Wendung das Wort „geistlich" entscheidend ist, und nicht „der Kampf" als solcher - muss er vor dem Eintritt ins eigentliche geistliche Leben diese „menschheitlichen" sittlichen Vorbedingungen erfüllen, die von Nöten sind, um sich das Christentum anzueignen, und die wir infolge der sowjetischen Periode unserer Geschichte verloren haben.

Die erste dieser Vorbedingungen ist die Entwicklung der Persönlichkeit. Der geistliche Kampf wird vom Menschen immer „mit der eigenen Persönlichkeit" geführt. Ein kollektivistisches inneres Leben ist undenkbar, obwohl das sicherlich nicht bedeutet, dass das Christentum nur individualistisch sei. Ganz und gar nicht - Gemeinschaftlichkeit und Katholizität gehören zu den wichtigsten Charakteristika des Christentums. Aber sowohl die Gemeinschaftlichkeit als auch die Katholizität bauen auf und entwickeln sich eben auf der Grundlage der reifen christlichen Persönlichkeit. In unserer Zeit ist die Betonung dieses Sachverhalts noch wichtiger als in früheren Zeiten, da die christliche Tradition heute überall beseitigt wird. Die christlichen Glaubenstaten (Podwigen) ist wie noch zu keiner Zeit nach 313 eine persönliche Angelegenheit des „Schwimmens gegen den Strom". Die Entwicklung der Persönlichkeit erfordert Freiheit, Verantwortung, Ehrlichkeit zu sich selbst, ein genaues Verständnis von Gut und Böse und genaue Kenntnisse der christlichen - vor allem der religiösen und moralischen - Lehre. Die Entwicklung der Persönlichkeit durch Erziehung ist im heutigen Russland eben die notwendige Bedingung, das bereits erwähnte „Vor-Problem", das in seiner ganzen Aktualität vor der kirchlichen Pädagogik steht. Diese Erziehung gerät in Konflikt mit dem mentalen Erbe, das wir aus dem 20. Jahrhundert mitbekommen haben. Daher ist der geistliche Kampf im heutigen Russland ein Kampf um die Persönlichkeit, also um die Menschwerdung noch vor der Christwerdung. Erst nachdem wir Menschen bzw. sittliche, reife, verantwortungsbewusste Persönlichkeiten geworden sind, können wir in den Bereich des vollwertigen geistlichen Lebens eintreten. Sind wir nur ein Teil des Kollektivs (und sei es des kirchlichen Kollektivs), bleibt dieser Bereich für uns verschlossen, und die Kirchlichkeit wandelt sich unvermeidlich in eine Ideologie um.

Es ist anzumerken, dass nur die Entwicklung der Persönlichkeit dem Menschen die Türen in seine innere Welt öffnet. Sie hilft auch, einen großen Fehler im christlichen Leben zu vermeiden, den heute viele russische Menschen begehen - nämlich alttestamentarische und die heidnische Beziehungen zu Gott. In Europa wird das Christentum häufig durch den Islam und orientalische religiöse Praktiken „verwässert", worin sich das Streben der geistlich suchenden Menschen zeigt, einen religiösen Sinn zu finden, auch wen dieser außerhalb des säkularisierten Christentums liege. Der ungestillte Durst nach dem Religiösen zeigt sich auch in einem so hedonistischen Lebensstil wie er in Europa jetzt vorherrscht. In Russland hat die atheistische Erziehung des vorigen Jahrhunderts zum Verschwinden oder jedenfalls zu einem deutlichen Rückgang des Religiösen geführt. Trotz der Selbstüberzeugung einer „besonderen russischen Spiritualität", trotz der Wiederbelebung der äußeren Kirchlichkeit, sind wir zurzeit gar keine religiöse Nation. Hinzu kommt, dass Russland schon immer durch Zweigläubigkeit und Ritualismus geprägt war, wodurch das Christentum mit der heidnischen Weltanschauung und der alttestamentarisch-magischen Beziehung zu Gott kontaminiert wurde. Diese Erscheinungen sind aber in ihrem Wesen nicht-religiös, sie zielen gar nicht in das Reich Gottes, von dessen Elementen der Christ auf Erden lebt und das die eigentliche Wurzel der christlichen Religiosität ausmacht. Sowohl die heidnische als auch die alttestamentarisch-magische Wahrnehmung des Christentums sind dadurch geprägt, dass sie sich darauf richten, dass es dem Menschen hier und jetzt gut geht, dass er es im Leben bequem hat - nicht nur physisch, sonder auch metaphysisch. Solchem Christentum fehlt der innere religiöse Sinn; ihm ist das Verständnis des wahren geistlichen Kampfes nicht zugänglich.

Daher kann man folgende Schlussfolgerung ziehen: heute muss der geistliche Kampf (wenn wir damit nicht das persönliche, sondern das kirchliche Werk meinen) - sowohl im Westen als auch in Russland - sich hauptsächlich gegen die Säkularisierung des Christentums richten. Wenden wir uns der Tätigkeit zu, die die Kirchen in diese Richtung ausüben, sehen wir, dass diese Richtung im Leben aller heutigen christlichen Konfessionen eine wichtige Rolle spielt. Häufig ist es aber so, dass die Methoden dieses Kampfes auch säkular sind. Durch die Mittel der gefallenen Welt wollen wir darin das Christentum behaupten - also das, was der diesseitigen Welt in seiner eigentlichen Natur, in seinem eigentlichen Wesen widerspricht (Joh. 17, 14; Joh 18, 36). Das Ergebnis ist aber nicht die Christianisierung der Welt, sondern die Gefahr, dass das christliche Bewusstsein bzw. die religiösen Ziele ausgewechselt werden, und zwar gegen soziale, historisch-kulturelle und andere Ziele. Und das bewirkt, dass nicht nur die Welt die religiöse Motivation des Menschen nicht versteht, sondern auch die kirchlichen Menschen sie nicht mehr verstehen, da sie diese Motivation durch verschiedenartige Ideologien ersetzen. Ich möchte nochmals wiederholen, dass dies ein internationaler Prozess ist, der sowohl das westliche als auch das russische Christentum prägt. In den verschiedenen jeweiligen historisch-kulturellen Bedingungen, Mentalitäten und Sozialstrukturen äußert er sich unterschiedlich; sein Wesen jedoch ist dasselbe, nämlich die Säkularisierung des Christentums. Gegen diese Säkularisierung muss der geistliche Kampf gerichtet sein - sowohl in der persönlichen, inneren Aktivität jedes modernen Christen als auch in den Bemühungen der kirchlichen Gemeinden.



[1] Fjodr Michailowitsch Dostojewski. Die Brüder Karamasow. Zitiert nach: http://gutenberg.spiegel.de/?id=12&xid=455&kapitel=17&cHash=8b4b062b532

[2] Преподобный Макарий Египетский. Духовные беседы. ТСЛ, 1994, стр. X-XI.

[3] «Письма к разным лицам о разных предметах веры и жизни». Душеполезное чтение, 1882 г., стр. 173.

[4] Преподобный Макарий Египетский. Духовные беседы. ТСЛ, 1994, стр. 369 - 370.

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