Функционирует при финансовой поддержке Федерального агентства по печати и массовым коммуникациям
Goldener Fonds

Kirchenverfolgung in den Fünfziger und Sechziger Jahren

18. Oktober 2009
Diakon Wladimir Wasilik schreibt über die wichtigsten Fragen und Geschehnisse der Verfolgung der Russischen Orthodoxen Kirche in den 1950er und 1960er Jahren.
Das Phänomen der Kirchenverfolgung unter Chruschtschow macht viele stutzig. In den Augen der westlichen Öffentlichkeit und der progressiven inländischen Intelligenz erwarb er sich den Ruf eines Liberalen und Befreiers der Gefangenen, der die Wahrheit über die Gräueltaten des stalinistischen Regimes (allerdings nicht über alle) sagte und die Bauernschaft von den Kolchosen befreite - kurz gesagt, als Urheber der Tauwetter-Periode. Wie passt all das mit der Kirchenverfolgung, mit der Schließung der Hälfte der Gemeinden und der Dreiviertel der Klöster, mit den Verhaftungen der Priester und sogar der Bischöfe, mit der Schikane und dem Gemetzel der Gläubige zusammen? Diejenigen, die darüber staunen, vergessen, dass N. S. Chruschtschow die grausame kommunistischen Schule hinter sich hatte. Er hatte persönlich an den Repressionen der Jahre 1932 bis 1939 in der Ukraine teilgenommen und war als Stalins Intimus an allen Übeltaten des Regimes beteiligt. Subjektiv wurde Chruschtschow offensichtlich von blindem Hass auf Stalin getrieben, der ihn oftmals erniedrigt hatte. Dieser Hass wurde konsequent auf alles übertragen, was mit dem dahingeschiedenen Diktator verbunden war, einschließlich dessen toleranter Einstellung zur Kirche während und nach dem Krieg bzw. seiner Genehmigung, Kirchen, Klöster und geistliche Schulen zu eröffnen. Im Bewusstsein Chruschtschows war die Kirche mit dem ehemaligen georgischen Seminaristen Stalin verbunden. Stalin hatte die Wiedererrichtung der Kirche nicht verhindert, und zwar aus pragmatischen Interessen: er hatte den „religiösen Faktor" genutzt, um den „Patriotismus" zu verstärken. Im Laufe des Aufbaus des sozialistischen Russlands war dies für ihn notwendig gewesen, denn sonst hätte er weder den Krieg gewinnen noch die Wirtschaft nach dem Krieg wiederherstellen können. Für die Widerstandsfähigkeit im „kalten Krieg", die Aufrechterhaltung des eurasischen Imperiums (sowie auch für die Koexistenz mit dem sozialistischem China, einem traditionalistischen Land und unzuverlässigen Freund) waren für ihn die traditionellen imperialen Strukturen notwendig gewesen; der „russische Faktor", der russische Patriotismus, die „russische Großmachtstellung". Doch  waren diese, wie das Leben gezeigt hatte, ohne den „religiösen Faktor" und ohne die Russische Orthodoxe Kirche, die für den Wohlstand des Staates während und nach dem Krieg ruhmvoll beigetragen hatte, unmöglich. In den letzten Jahre seines Lebens hatte Stalin weder vorgehabt, den „Kommunismus aufzubauen", noch das sozialistische Lager auf den ganzen Planeten auszuweiten; seine Ziel war es, die Union und den Warschauer Pakt zu erhalten. Was aber das Chruschtschowsche Modell angeht, war es im gewissen Sinne eine Rückkehr zum „Leninschen Erbe", also zu Internationalismus, Kosmopolitisierung, dem Bau des Kommunismus auf der ganzen Welt, dem Schritt über die natürlichen geopolitischen Grenzen Russlands hinaus. „1980 werden wir unter dem Kommunismus leben, das sozialistische System wird seine Vorteile der ganzen Welt zeigen", usw. In der Lage der „Auferweckung Asiens", des Sturzes der kolonialen Reiche, der national-befreienden pro-sozialistischen Revolutionen in den Ländern der dritten Welt und der kräftigen pro-kommunistischen Bewegungen im Westen kam ihm der russische bzw. der patriotische Faktor (sowie im gewissen Sinne auch das ganze russische Volk) bereits unnütz vor. Die Erwartung des baldigen Triumphes des Kommunismus im Land implizierte, nach Chruschtschows Meinung, dass „der Übergang zu kommunistischen Verhältnissen und die Verbreitung der wissenschaftlichen Kenntnisse keinen Raum für den Glauben an Gott zurücklassen wird". Selbst die Politik der Liberalisierung und Entspannung mit Rücksicht auf die westlichen Werte trieb ihn zum Kampf gegen den Reichsgefühl, den Traditionalismus und, folglich, gegen die Religion.

Objektiv gesehen, erwies sich die Tauwetter-Periode unter Chruschtschow, ebenso wie die Verfolgung der Russischen Orthodoxen Kirche, im gewissen Sinne als der erste Schritt zur Demontage der UdSSR und Vernichtung Russlands. Die Politik Chruschtschows (die Übergabe der Krim an die Ukraine, die Entvölkerung" des russischen Dorfes anfangs der 1960er Jahre, der Kampf gegen die persönliche Nebenwirtschaft usw.) war deutlich antirussisch. Kennzeichnend ist die Wahl der Berater aus der „Komsomolzenavantgarde" der Partei (Semitschastny, Adschubei, Schelepin u.a.), die Toleranz gegenüber der Kirche als stalinistisches Erbe verurteilten, mit dem Schluss gemacht werden müsste[1]. Sie stammten aus den Geheimdiensten (Schelepin und Semitschastny leiteten zu verschiedenen Zeitpunkten das KGB), waren durchaus westlich orientiert und eventuell umworben (bekannterweise [2] ergab es sich, dass sie Kontos bei westlichen Banken hatten) und, wie ihre Tätigkeit zeigte, wahrscheinlich Agenten des westlichen Einflusses, die zur Erfüllung des Dulles-Plans[46] („wir werden ihre Werte durch falsche ersetzen"[3]) objektiv beitrugen. In der Ausübung des Druckes auf Chruschtschow spielte auch die Gruppe der „marxistischen Fundamentalisten" (Michail Suslow, Ekaterina Furzewa, Pospelow, Iljitschow und andere) eine gewissen Rolle. Diese politischen Prominenten waren längst unzufrieden mit der zeitgenössischen Behandlung der Kirche in dem Sinne, dass sie von Stalin zur Bestärkung des „Patriotismus" und der Idee der „russischen Großmachtstellung" im Volk genutzt worden war[4]. Auch die Steigerung der Religiosität im Volke sowie die Einbeziehung von Kindern, Jugendlichen und der Intelligenzija in die Kirche machte ihnen Angst.

Bereits ein Jahr nach dem Tod Stalins erschien am 7. Juli 1954 eine Verordnung des ZK der KPdSU namens „Über die großen Nachteile in der wissenschaftlich-atheistischen Propaganda und die Maßnahmen zu ihrer Verbesserung" (russ.: «О крупных недостатках в научно-атеистической пропаганде и мерах ее улучшения»). Die Autoren dieser Verordnung waren M. A. Suslow, D. T. Schepilow und A. N. Schelepin[5]. Darin wurde behauptet, die Orthodoxe Kirche ziehe durch gekonnte Predigten, Wohlfahrt, persönliche Behandlung der einzelnen Menschen und religiöse Literatur die junge Generation erfolgreich an:[6] „Im Gefolge der  Aktivierung der Kirchenaktivität ist eine Steigerung der Anzahl der Bürger, die religiöse Riten verrichten, zu beobachten."[7] Die Verordnung verpflichtete das Bildungsministerium, den Komsomol und die Gewerkschaften, die antireligiöse Propaganda zu verstärken. Als Ergebnis begann die Hetze gegen die Kirche in der Presse, es gab eine Kaskade atheistischer Artikel und Vorträge. Besonders ereiferte sich der Komsomol mit Schelepin an der Spitze. Am 14. Oktober 1954 wurde die Verordnung des ZK des Komsomol-Verbandes „Über die Errichtung der antireligiösen und naturwissenschaftlichen Propaganda in den Komsomol-Organisationen des Orlower Bezirks" (russ.: «О постановке антирелигиозной и естественнонаучной пропаганды в комсомольских организациях Орловской области») erlassen. Und dann wurde die Kampagne plötzlich beendet. Am 10. November 1954 erschien eine neue Verordnung namens „Über die Fehler bei der Durchführung der wissenschaftlich-atheistischen Kampagne in der Bevölkerung" (russ.: «О ошибках в проведении научно-атеистической кампании среди населения»). Diese Verordnung, die freilich alles auf die örtlichen Mitarbeiter abwälzte und den Atheismus als solchen keineswegs in Frage stellte, war ein Zeichen der Beruhigung. Sie besagte: „Die Fehler in der antireligiösen Propaganda widersprechen dem Programm der Kommunistischen Partei in Bezug auf die Religion und die Gläubigen radikal und sind eine Nichteinhaltung mehrmaliger Anweisungen der Partei über die Unzulässigkeit der Verletzung von Gefühlen der Gläubigen." Heute ist es schwer zu verstehen, was der Grund für diese Verordnung war. Einerseits hatte die Verordnung vom 7. Juli im Westen scharfe Kritik hervorgerufen. Andererseits gab es im Politbüro noch viele Anhänger Stalins, die, auch wenn sie nicht mit der Kirche sympathisierten, deren soziale Rolle und Nutzen wenigstens verstanden; unter anderen Woroschilow, Molotow, Bulganin[8] und insbesondere Malenkow (der am Ende seines Lebens noch Kirchenlektor wurde)[9], mit denen Chruschtschow zu rechnen hatte. Jedoch konnte sich Chruschtschow beim Plenum von 1957 sich ihrer fast alle entledigen (Ächtung von Malenkow, Kaganowitsch, Molotow und Schepilow) und gegen Ende 1958 die ganze Machtfülle an sich reißen.

Patriarch Alexij I., der neue Verfolgung vorausahnte, bemühte sich um ein Treffen mit Chruschtschow, welches dann im Mai 1958 auch stattfand. Während dieses Treffens stellte Alexij I. die Fragen nach der Übergabe einer Typographie an die Kirche, der Umsiedlung der Einwohner der St.-Sergius-Dreiheitseits-Lavra und der Öffnung von 13 Gotteshäusern. All diese Bitten wurden abgelehnt.[10]

Um dieser Zeit begann die Kirchenkampfkampagne wieder aufzuleben. Am 4. Oktober 1958 erließ das ZK der KPdSU die geheime Verordnung „Über das Merkblatt ‚Nachteile der atheistischen Propaganda' der Abteilung für Propaganda und Agitation des ZK der KPdSU für die Unionsrepubliken" (russ.: «О записке отдела пропаганды и агитации ЦК КПСС по союзным республикам» «О недостатках атеистической пропаганды»»). Darin wurde den öffentlichen Einrichtungen vorgeschrieben, „einen organisierten Aufmarsch gegen die verbliebenen Reste der Religion in der Sowjetbevölkerung zu betreiben."

Neu im Vergleich zur Verordnung von 1954 war, dass den Behörden vorgeschrieben wurde, administrative Maßnahmen durchzuführen, die die Existenz der religiösen Gemeinden erschweren sollten.[11] In Übereinstimmung mit den Buchstaben und dem Geist dieses Dokuments erschienen am 16. Oktober 1958 zwei Verordnungen des Ministerrates der UdSSR, nämlich „Über die Klöster in der UdSSR" (russ.: «О монастырях в СССР») und „Über die Erhöhung der Steuer auf die Einkommen von diözesanen Unternehmen und Klöstern" (russ: «О повышени налогов на доходы епархиальных предприятий и монастырей»). In der ersten Verordnung wurde praktisch die Vernichtung klösterlichen Landbesitzes und die Verringerung der Anzahl der Klöster beschlossen. In der zweiten Verordnung wurde der Kirche verboten, Kerzen gegen Aufpreis zu verkaufen. Für die meisten Gotteshäuser bedeutete dies Insolvenz, Auflösung der bezahlten Chöre, Personalabbau und Schließung von Kerzenwerkstätten. Den Klöstern wurden die lukrativen Grundstücke genommen und nur die weniger lukrativen gelassen, welche die Brüder kaum bearbeiten konnten, da es ihnen sowohl verboten war, Lohnarbeiter anzustellen, als auch, Freiwillige für sich arbeiten zu lassen, und auch, Personen, die jünger als 30 Jahre alt waren, ins Kloster aufzunehmen. Dies war das Ergebnis eines Gesprächs Seiner Heiligkeit des Patriarchen Alexij I. mit G. G. Karpow, dem Vorsitzenden des Rates für die Angelegenheiten der Russischen Orthodoxen Kirche, das 1958 stattfand. Karpow forderte vom Patriarchen die Verringerung der Klöster und das Verbot der Aufnahme von Personen unter 40 Jahren ins Kloster, aber der Patriarch konnte das Mindestalter auf 30 herunterhandeln und stimmte der Schließung von Klöstern nicht zu.

Nach diesen Verordnungen begann eine atheistische Kampagne, die nur mit den Exzessen der 1920er und 1930er Jahre verglichen werden kann. Die Zeitungen waren voll mit blasphemischen Karikaturen und gotteslästerlichen Artikeln und Verunglimpfungen gegen die Religion und die Geistlichen. Auf den Plätzen und Straßen der Städte rollte eine Welle antireligiöser Prozessionen und Maskeraden.[12] Die Komsomolzen begannen gezielt, in Gottesdiensten zu randalieren, wobei Widerstand dagegen zur Schließung der Gotteshäuser führte. Es begann die systematische Schließung von Gotteshäusern und Klöstern. Der erste  Stoß wurde den Kirchen auf dem Lande versetzt, wo 348 Gemeinden aufgelöst wurden - und zwar nicht nur in Orten, deren Einwohner in die Stadt umgezogen waren, sondern auch dort, wo die Gemeindemitglieder sehr wohl in der Lage gewesen waren, das Gotteshaus zu erhalten. Im Laufe des Jahres 1959 wurden 18 Klöster (sechs Mönchs- und zwölf Nonnenklöster) und vier Skiten geschlossen, wobei die Gesamtzahl zuvor 56 Klöster und sieben Skiten betragen hatte. Parallel verlief die Hetze gegen Gläubige. Die Atheisten überwachten die aktiven Gläubigen, forderten sie zur Abkehr von der Kirche auf und, wenn die Gläubigen sich weigerten, organisierten sie öffentliche Versammlungen zur ihrer Verurteilung und Kündigung. Immer mehr Priestern wurde aus den absurdesten Anlässen die Registrierung entzogen.

Bischof Hermogen (Golubew) von Taschkent äußerte in seinen Briefen an den Rat für die Angelegenheiten der Russischen Orthodoxen Kirche seine Empörung über den Druck, den die Lehrer auf gläubige Kinder und deren Eltern ausübten, sowie auch die Drohung, sie in Internate zu schicken.[13] Solche Drohungen wurden in einigen Fällen auch in die Tat umgesetzt.[14]

Eine der Techniken des atheistischen Kampfes war die Suche nach Verrätern und Renegaten unten den Geistlichen. Es wurde versucht, Priester zu kaufen; sie und ihre Verwandten wurden erpresst; sie wurden gezwungen, das Priestertum aufzugeben und atheistische Stellungnahmen abzugeben. Es ist bezeichnend, dass trotz dieses Drucks der Chruschtschowschen Verfolgung sich unter ca. 13.000 Geistlichen nur zweihundert Verräter fanden (der Anteil der Abtrünnigen betrug also etwa 1,5%[15]). Sie gaben das Priestertum auf und begannen, atheistische Vorlesungen zu halten und antireligiöse Broschüren zu verfassen. Ihre Schicksale waren wenig beneidenswert. Die Gemeindemitglieder der älteren Generation erinnern sich an das Schicksal eines Priesters, der in Leningrad[16] in der Kirche zu Ehren der Gottesmutterikone von Smolensk diente. 1959 schwur er seinem Glauben ab und begann, atheistische Vorlesungen im Museum der Geschichte der Religion und des Atheismus (die [für religiöse Zwecke gesperrte und umgerüstete] Kasaner Kathedrale[17]). Nach einigen Monaten wurde er gebeten zu gehen, da man seiner Vorlesungen wegen ihrer Ideenarmut und Blässe schnell überdrüssig geworden war. Er, dieser Apostat,  war unfähig und nahm sich später das Leben; er erhängte sich. Trotz der Konkurrenz seitens der Absolventen der Lehrstühle für wissenschaftlichen Atheismus bekamen die namhaftesten Renegaten als Belohnung bequeme Stellen in diversen atheistischen Strukturen. Zu diesen begabten Apostaten zählte auch Erzpriester Alexander Osipow, Professor der Leningrader Geistlichen Akademie, der am 5. Dezember 1959 in der „Prawda" mit einem Artikel hervortrat, der Gott und der Kirche lästerte. Osipows Motivation dazu war einfach: er wurde wegen der Schließung einer zweiten Ehe suspendiert und entschied sich, eine andere Karriere zu machen. Als hoch ausgebildeter und redegewandter Mensch zog er mit seinen Vorlesungen durch das ganze Land und veröffentlichte auch Bücher und Broschüren, zum Beispiel, „Ein aufrichtiges Gespräch mit Gläubigen und Ungläubigen" («Откровенный разговор с верующими и неверующими»). Die Gläubigen ließen diese Vorlesungen in der Regel kalt. „Er hat uns belogen, jetzt belügt er euch", sagten sie den Atheisten, wenn diese vorhatten, Osipow einzuladen. Der Heiligste Synod, geleitet von Patriarch Alexij, hatte den Mut und die geistliche Würde, um am 20. Dezember 1959 den 1918 gegen die Atheisten verkündeten Kirchenbann in der milderen Form zu wiederholen.[18] Was  Erzpriester Alexander Osipow und andere Lehrer der Geistlichen Akademie (Erzpriester Nikolaj Spasski, Priester Pawel Darmanski und Lehrer J.Duluman) anbetraf, war der Beschluss des Heiligsten Synods folgendermaßen formuliert: „Der ehemalige Erzpriester und ehemalige Professor der Leningrader Geistlichen Akademie, Alexander Osipow, der ehemalige Erzpriester Nikolaj Spasski, der ehemalige Priester Pawel Darmanski und andere Priester, die den Namen Gottes öffentlich gelästert haben, gelten als  laisiert und aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen (...) Gegen Jewgraph Duluman und die anderen ehemaligen orthodoxen Laien, die den Namen Gott gelästert haben, wird der Kirchenbann verhängt"[19].

Die Kirchenleitung beschäftigte sich nicht nur mit dem Kirchenbann; sie bemühte sich, praktisch zu agieren und die Lage irgendwie zu verbessern. Sie war ein Vorbild für die Laien, welche oft hingebungsvoll das kirchliche Eigentum verfochten, die Behördenvertreter nicht in die Gotteshäuser einließen und die Beschlagnahme der kirchlichen Habe bzw. die Schließung der Gotteshäuser verhinderten. Hier ein Beispiel aus dem Jahre 1959: die Kasaner Kirche im Dorf Wyriza (in der Nähe von Leningrad, wo der Hl.Seraphim von Wyriza begraben ist) hatte keinen Priester, und es fanden keine Gottesdienste statt. Die Behördenvertreter kamen, um das Gotteshaus zu schließen und zu entweihen. Sie gehen zur Ältesten, einer einfachen russischen Frau, Ewdokija Wassiljewna Iwanowa. „Wo sind die Schlüssel?" „Schlüssel gibt es keine, es gab keine und wird auch keine geben". „Na warte - wir werden dich..." „Von mir aus können sie mich ins Gefängnis stecken oder umbringen, egal; ich werden keinen Schlüssel hergeben". Sie gingen um die Türen herum, die Türen waren aus Eichenholz, die Schlösser massiv, so dass man sie nicht aufbrechen konnte. So zogen sie unverrichteter Dinge wieder ab. Dann fanden sich Fürsprecher, die das Gotteshaus verteidigten. Manche Laien sammelten auf eigenes Risiko Informationen über geschlossene Gotteshäuser und versuchten, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Im Archiv des Rates für die Angelegenheiten der Russischen Orthodoxen Kirche gibt es eine Beschwerde „der Initiativgruppe der Gläubigen" der Stadt Moskau, die den Patriarchen aufforderte, „seine angesehene Stimme zu erheben und unsere Regierung zu bitten, alle Gewalten zu unterbinden, die der Beauftragte für die Kirchenangelegenheiten und die anderen frischgebackenen Inquisitoren den Kirchengemeinden antun, deren Gotteshäuser eines nach dem anderen beschlagnahmt und geschlossen werden (...) Wir haben zahlreiche Materialien über bereits geschlossene Gotteshäuser, Klöster und geistliche Schulen gesammelt. Alle Einzelheiten des „Mechanismus" dieser gewaltsamen Schließungen sind von uns bis hin zu den kleinsten Details dokumentiert worden (...)diese Daten können nicht von wertlosen und wahrheitswidrigen offiziellen Verlautbarungen mit ihren von Geistlichen gewaltsam abgepressten Unterschriften widerlegt werden (...) und wenn Sie es nicht schaffen sollten, unsere Kirche vor der Vernichtung zu bewahren, sehen wir uns genötigt, all diese Fakten über die physische Vernichtung unserer Kirche der UNO zu übergeben."

Es wäre ungerecht zu behaupten, dass der Patriarch und die Bischöfe in diesen Jahren geschwiegen hätten; doch, sie handelten. Noch vor dem Beginn der groß angelegten Verfolgung hatte sich der Patriarch bemüht, eine Druckerei zu erwerben und die Rückgabe der Gotteshäuser zu erreichen. In den darauf folgenden Monaten der Jahre 1958 und 1959 drohte er der Regierung mehrmals mit Rücktritt. Im Januar 1958 stellte Nikolaj (Jaruschewitsch), Metropolit von Krutitsy und Kolomna und Vorsitzender des Kirchlichen Außenamtes, an Karpow die Frage, warum die Regierung die Wahl von Geistlichen in die Sowjets, wie sie in den anderen „Volksdemokratien" möglich sei, nicht zulasse. Er sei von Ausländern danach gefragt worden, und es wäre für die sowjetische Regierung durchaus vorteilhaft, wenn die Geistlichkeit von der Tribüne des Obersten Sowjets für Frieden in der Welt und sowjetische Politik auftreten würde. In Wirklichkeit ging es dem weisen und umsichtigen Metropoliten Nikolaj nicht um Vorteile für die sowjetische Außenpolitik, sondern um die Möglichkeit, durch Kirchenvertreter in den gesetzgebenden Organen die Kirche vor Verfolgung zu schützen.

Er rechnete damit, die außenpolitische Loyalität und Gefügigkeit der Kirche[20] gegen eine innenpolitische Vertretung tauschen zu können, die seiner Meinung nach geeignet gewesen wäre, die Verfolgung der Kirche zu vermindern, solange ihre Kleriker im Licht der Öffentlichkeit stünden und in den gesetzgebenden Organen vertreten wären.

Karpow spitzte die Ohren, und dies nicht ohne Grund: wieso wurde plötzlich eine derartige Frage erhoben, die zuvor nie gestellt worden war?[21] Zu diesem Zeitpunkt war der Staat weder zu irgendwelchen Verhandlungen noch zur Zulassung der Kirche in die örtlichen Räte bereit - und schon gar nicht in den Obersten Sowjet.

Ende 1958 (Oktober bis Dezember) unternahm Metropolit Nikolaj eine Reihe diplomatischer Bemühungen, um die Verfolgungen zu beenden. In einem Gespräch mit Karpow protestierte er gegen die Hetze und die Diskreditierung der Geistlichen in der Presse, wobei er androhte, dass er unter derartigen Umständen die Zeitschrift der Moskauer Patriarchie entweder einstellen oder in ein reines Informationsbulletin umwandeln würde, was der Aufmerksamkeit der Ausländer nicht entgehen dürfte, welche sicherlich entsprechende Schlussfolgerungen ziehen würden. Er protestierte auch gegen die Beschlagnahme der Klostergrundstücken und die Steuerbescheide, die das Kirchenbudget zu sprengen drohten. Zu derselben Zeit drohten Bischof Pimen von Dmitrow und Protopresbyter Nikolaj Koltschitski, Leiter der Kanzlei der Moskauer Patriarchie, wenn die Regierung die Steuern nicht vermindern würde, werde die Kirche das Ausland über die Bedrängnisse der Russischen Orthodoxen Kirche informieren müssen. Hier wird dieselbe Logik wie bei der Initiativgruppe sichtbar. Kraft einer Reihe von Ursachen, auf die wir im Weiteren eingehen wollen, wurden diese Drohungen nicht in Taten umgesetzt.

Am 16.Mai 1959 wendeten sich Patriarch Alexij und Metropolit Nikolaj von Krutitsy brieflich an Chruschtschow und beschwerten sich über die gesetzwidrigen Schließungen von Gotteshäusern, die Verletzungen der religiösen Gefühle der Geistlichen und der Gläubigen und die Hetze gegen diese sowie die gesetzeswidrigen administrativen Maßnahmen zur finanziellen Austrocknung der Kirche. Dieser Brief blieb, so wie auch viele andere Appelle, unbeantwortet. Nach einigen Monaten teilte Karpow den Hierarchen zynisch mit, dass die „im Brief geschilderten Fakten sich natürlich nicht bestätigt haben". Nichtsdestotrotz musste Chruschtschow den diffamatorischen Charakter einiger Publikationen indirekt eingestehen: am 21.August 1959 erschien in der Zeitung „Prawda" ein Artikel namens „Gegen die religiösen Vorurteile", in der „auf bestehende Nachteile in der atheistischen Propaganda" hingewiesen wurde.[22]

Gelegentlich schienen die Appelle der Bischöfe ihr Ziel zu erreichen, und die Reaktion des Rates für die Angelegenheiten der ROK war objektiver und versöhnlicher. So versprach der Rat in seiner Antwort auf den oben genannten Brief von Bischof Hermogen (Golubew) von Taschkent über die Drangsalierung gläubiger Kinder durch Pädagogen und die Drohungen, sie in Internate zu schicken, dieser Angelegenheit nachzugehen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und die Schuldirektoren über die Unzulässigkeit solcher Methoden zu informieren. Allerdings blieb es bei solchen Versprechungen.

In den meisten anderen Fällen war die Reaktion des Rates für die Angelegenheiten der ROK brüsk und teilweise absurd unobjektiv. Hier ein Beispiel: Im April 1959 unterstützte Patriarch Alexij I. die Beschwerde des Bischofs Ioann (Bratoljubow) von Uljanowsk[23] gegen den Bezirksbeauftragten des Rates, der die Priester des Bezirks bedrängte, das Priestertum aufzugeben, und auch die Gläubige unter Druck setzte, die Kirche nicht mehr zu besuchen. Anstatt seinen sich verrennenden Untergebenen zu bändigen, stürzte sich Karpow auf Bischof Ioann, indem er unbewiesene und unhaltbare Beschuldigungen gegen ihn erhob und sich darüber beschwerte, dass dieser sich mit deutlichen Worten an den örtlichen Beauftragten gewandt habe. Des Weiteren empfahl Karpow ausdrücklich, die Diözese von Kujbyschew mit der Diözese von Uljanowsk zusammenzulegen und Bischof Ioann in den Ruhestand zu schicken. Diese harte Reaktion verfolgte mehrere Ziele: jeglichen Widerstand der Kampagne an der Wurzel zu ersticken; den Bischof, der sich zu beschweren gewagt hatte, zu bestrafen; sowie die Diözesen zusammenzulegen, damit es noch einfacher würde, Gotteshäuser zu schließen. Die Tragik der Situation bestand darin, dass Patriarch Alexij gezwungen war, sich der „Empfehlung" des Rates zu beugen und im Mai 1959 Bischof Ioann in den Ruhestand zu versetzen. Wie quälend für den Patriarchen solche Entscheidungen waren, wurde anhand seiner Worte im Gespräch mit dem Beauftragten deutlich, wo er sagte, dass es sehr schwer sei, solche antikirchlichen Entscheidungen zu treffen und dass ihm schon nachgesagt werde, dass er anscheinend der Regierung nach dem Munde rede.[24] Es ist nicht ganz klar, ob der Patriarch  seinen Rücktritt nur androhte, um die Behörden zu beeinflussen, oder ob er sich tatsächlich Gedanken machte, abzutreten. Jedenfalls verkündigte Metropolit Nikolaj in seiner Rede im Rat für die Angelegenheiten der ROK am 24.November 1959, dass der Patriarch gespürt habe, in eine Lage geraten zu sein, in der er als Leiter der Kirche, welcher deren Interessen zu schützen berufen sei, faktisch an ihrem Niedergang mitwirke. Daher glaube er, dass es für ihn zweckmäßiger sei, in den Ruhestand zu treten. „Möge die Kirche von meinem Nachfolger abgeschafft werden." Zu dieser Zeit hoffte der Patriarch immer noch, dass es ihm gelingen werde, sich mit Chruschtschow zu treffen und zu einigen. Er schrieb ihm einen Brief, der ohne Antwort blieb. Nichtsdestotrotz entschloss sich der Patriarch, den Kampf weiterzuführen.

In dieser Entschlossenheit unterstützte ihn auch Metropolit Nikolaj, der zu offener Kritik an der atheistischen Propaganda im Land überging. Auch wenn er sich gezwungen sah, vor der ausländischen Öffentlichkeit die Wahrheit über die wirkliche Lage der Kirche in Russland zu verbergen, entlarvte er vor den einfachen Gemeindemitgliedern die fehlende Logik und Haltlosigkeit des staatlichen Atheismus, berichtete im Rahmen des Möglichen über die Verfolgung und rief die Gläubigen dazu auf, für die Orthodoxie einzustehen[25]. Das Gotteshaus zu Ehren der Heiligen Petrus und Paulus auf der Preobraschenka-Straße [in Moskau], wo er diente, war immer voller Menschen, und Metropolit Nikolaj erwies sich mit seinem Einfluss und seiner Liebe als begabter Prediger[26] und wahrer Hirt.

Anfang der 1960er Jahre entschlossen sich Patriarch Alexij und Metropolit Nikolaj, an die sowjetische Öffentlichkeit zu treten und sie auf das Problem der Verfolgung der Kirche aufmerksam zu machen. Ohne mit den religiösen Gefühlen bzw. dem Gewissen der Öffentlichkeit zu rechnen, entschieden sich Patriarch und Metropolit, an die staatliche, kulturelle und patriotische Bedeutung der Kirche und ihre friedensstiftende Rolle zu erinnern. Einen Anlass gab es bald: am 16. Februar 1960 fand im Kreml eine öffentliche Tagung zur Abrüstung statt. Sie Das nutzte Patriarch Alexij, um sich and die sowjetische Öffentlichkeit zu wenden und sie über die Bedrängnis der russischen Kirche zu informieren. In seinem Vortrag, der von Kraft und großer Würde geprägt war, äußerte der Patriarch folgende Gedanken:

 „Hier stehe ich vor Ihnen als Stimme der Russischen Orthodoxen Kirche, die Millionen Bürger dieses Staates vertritt. Wie die Geschichte bezeugt, war es die Kirche, die bei der Entstehung der russischen Staatlichkeit und der Errichtung der bürgerliche Ordnung in Russland mitgeholfen hatte (...), indem sie die gesetzlichen Grundlagen der Familie geschaffen, die Stellung der Frauen als juristische Personen gefordert, Wucherei und Leibeigenschaft verurteilt, in den Menschen Pflicht- und Verantwortungsgefühl gefördert und häufig mit Hilfe der eigenen Canones die Lücken der staatlichen Gesetzgebung gestopft hatte. Es ist dieselbe Kirche, die die prächtigen Denkmale erschaffen hatte, die die russische Kultur bereicherten und heute noch Gegenstände des Nationalstolzes unseres Volkes sind. Das ist sie, unsere Kirche, die den Geist des Volkes in seinem Glauben (...) an die Freiheit bekräftigte, indem sie im Volk das Gefühl der Nationalwürde und der moralischen Kraft unterstützt hatte. Sie war die Stütze des russischen Staates in seinem Kampf gegen die ausländischen Eroberer sowohl in der Zeit der Wirren als auch im Vaterländischen Krieg von 1812 gewesen. Sie war mit dem Volk auch im letzten Großen Vaterländischen Krieg verbunden geblieben. Dieselbe Kirche hat 1948 die Christen in aller Welt zum Kampf für den Frieden aufgerufen. Und heute verurteilt unsere Kirche alle Formen der Feindseligkeit, alle Arten von Antagonismus und Feindlichkeit zwischen den Völkern; sie steht für Abrüstung und segnet alle diesbezüglichen Bestrebungen der Völker, denn dem Christentum, das die Religion der Liebe und der Gnade ist, sind alle Formen der Gewalt absolut fremd. Die Parole der sowjetischen Regierung, „Schwerter zu Pflugscharen" stammt vom Propheten Jesaja, den wir Christen als alttestamentarischen Evangelisten kennen, der die Geburt des Heilandes lange vorhergesagt hatte. So stellt die Bibel, die eine Sammlung der heiligen Bücher der Christlichen Kirche ist, die Quelle der Idee des Friedens auf der ganzen Welt dar, die angesichts der Entwicklung der gefährlichen Waffenarten wahrscheinlich als die wichtigste Idee für die Menschheit unserer Zeit angesehen werden muss. Dennoch wird die Kirche Christi, die das Allgemeinwohl anstrebt, herabgewürdigt und die Menschen gegen sie aufgehetzt. Aber sie schwört ihren Pflichten nicht ab und ruft die Menschheit dazu auf, in Frieden zu leben und einander zu lieben. In ihrer jetzigen Lage findet die Kirche ihren Trost in den Worten Christi über die Unbesiegbarkeit der Kirche: 'Des Hades Pforten werden die Kirche nicht überwältigen'".[27]

Diese Rede ist wirklich historisch. Erstens war es das erste Mal nach den Einlassungen von Patriarch Tichon, dass seitens der Obersten Kirchenleitung die Wahrheit über die Kirchenverfolgung gesprochen wurde. Zweitens wurde die friedensstiftende Mission der Kirche nicht in abstrakten humanistischen Termini, sondern in klaren biblischen und christologischen Begriffen dargestellt. Diese Rede ist wahrlich katechetisch und missionarisch, da sie den wildesten Volksstamm - die sowjetische Intelligenzija - ansprach. Drittens scheint die soziale, kulturelle und patriotische Bedeutung der Kirche in dieser Rede mit solcher Kraft auf, dass die sowjetische Intelligenzija vor die Gewissensentscheidung gestellt wurde, ob sie dem eigenen Volk, dem eigenen Vaterland und der eigenen russischen Kultur verbunden ist, oder sich doch lieber dagegen wendet? Und es stellte sich heraus, dass jener Teil der sowjetischen Intelligenzija, der für die Besprechung am 16. Februar zuständig war, sich gegen die Kirche, gegen Russland, gegen das russische Volk und gegen die russische Kultur wandte. Als der Patriarch seine Rede beendet hatte, hörten man statt Applaus wütendes Geschrei in der Halle: „Wollen Sie uns weismachen, dass die gesamte russische Kultur von der Kirche erschaffen wurde? Das ist nicht wahr."[28] Der sowjetischen Intelligenzija stand es frei, zwischen religiösem Patriotismus und atheistischem Kosmopolitismus zu wählen, und sie traf ihre Wahl... Ohne zu übertreiben kann behauptet werden, dass sich von jener Kreml-Besprechung 1960 eine direkte Linie zur Abstimmung der Obersten Sowjets 1991 zur Bewilligung der Białowieża-Vereinbarungen[29] zieht.

Um die Lage wenigstens irgendwie zu retten und die Strafe auf sich zu nehmen, behauptete Metropolit Nikolaj, er sei der Autor dieser Rede gewesen. Dies verursachte einen heftigen Skandal. Einige Tage später wurde Karpow von der Position des Vorsitzenden des Rates für die Angelegenheiten der Russischen Orthodoxen Kirche abberufen (wahrscheinlich, weil er die Rede des Patriarchen freigegeben und also nicht richtig aufgepasst hatte), und an seine Stelle trat der sehr viel härtere Kurojedow. Er setzte die Linie seines Vorgängers fort, aber eben sehr viel härter und konsequenter. 1960 erfolgte die Schließung der Gotteshäuser sogar in höherem Tempo als im Jahr zuvor. 1.437 Gotteshäuser wurden geschlossen, viele davon zerstört oder gesprengt (in Kharkow wurde die Alexander-Newski-Kathedrale zerstört; in Zlatoust wurde die Kirche vor den Augen der Gläubigen mit allen Kirchengeräten gesprengt usw.). Geschlossen wurden auch elf Klöster und Skiten (eins für Mönche und die restlichen für Nonnen). Die Regierung ließ Geistliche im großen Stil verhaften, die gegen Artikel des Strafgesetzbuches verstoßen haben sollten - meist wegen angeblicher Verstöße gegen finanzielle Vorschriften. Im März 1960 wurde  zum ersten Mal nach 1945 ein Bischof verhaftet, nämlich Erzbischof Iow (Kressowitsch) von Kasan. Er war durch Städte und Dörfer gezogen und hatte seine Herde aufgerufen, fest für ihre Gotteshäuser einzustehen und die Schließung der Gemeinden nicht zuzulassen. Erzbischof Iow wurde wegen der absurden Beschuldigung der  Einkommensverschleierung und Steuerhinterziehung verhaftet. Seine ganze Schuld bestand darin, dass er dem Finanzamt keine Informationen über so genannte „Bewirtungskosten" vorgelegt hatte, wozu er gesetzlich aber gar nicht verpflichtet gewesen wäre. Im Juni 1960 wurde er vom Obergericht der Tatarischen ASSR[30] zu drei Jahren Haft verurteilt und sein Vermögen beschlagnahmt. Der Anlass war wohl allen klar, einschließlich dem Metropoliten Nikolaj (Jaruschewitsch), der zu seiner Eminenz Wassili (Kriwoshein) sagte: „Erzbischof Iow hatte vorgeschlagen, alles zu bezahlen, was von ihm gefordert wurde. Trotzdem wurde er zu drei Jahren verurteilt". Metropolit Nikolaj war einer der wenigen, die seine Eminenz Iow nicht im Stich ließen und sich auch nach dem Gerichturteil nach wie vor um ihn kümmerten, wie Erzbischof Iow selbst Erzbischof Wassili erzählte: „Wissen Sie, als ich im Gefängnis landete, wandten sich alle von mir ab (...) Alle hatten Angst. Metropolit Nikolaj war der einzige, der keine Angst hatte. Er unterstützte mich sowohl vor Gericht als auch nach der Verurteilung, und er schrieb mir Briefe - als Einziger."[31]

Dieser Mut, die Unterstützung der Geächteten, der Widerstand gegen die Schließung der Gotteshäuser und die Entlarvung der Regierung - all das konnten die Kommunisten Metropolit Nikolaj nicht verzeihen. Also begann Kurojedow, die Ablösung des Metropoliten von der Position des Vorsitzenden des Kirchlichen Außenamtes zu betreiben, auch wegen dessen Gegnerschaft zur Ökumene und zum Eintritt in den Ökumenischen Rat der Kirchen. Gebürtig in Weißrussland, wusste er nicht nur vom Hörensagen, was Katholizismus bedeutete; er kannte sehr wohl den nicht-christlichen Geist der Römischen Kirche und des Protestantismus. Zusammen mit Erzbischof Seraphim (Sobolew) hatte er die all-orthodoxe Besprechung vom Jahre 1948 vorbereitet, die die Ökumene als „Versuch des Baus eines neuen Turms von Babel" verurteilte. Und auch wenn er bei seinen Reisen ins Ausland gezeigt hatte, dass er die Interessen des Sowjetischen Staates verfocht, hatte er dennoch dem staatlichen Druck, die Russische Orthodoxe Kirche in den Ökumenischen Rat der Kirchen  einzugliedern, konsequent widerstanden. Um den Preis der Gefügigkeit und zweideutiger Aussagen bemühte sich Metropolit Nikolaj, die Reinheit der Glaubenslehre und der Canones der Orthodoxie zu schützen. Inzwischen war der Eintritt der Russischen Orthodoxen Kirche in den Ökumenischen Rat der Kirchen für die sowjetische Regierung aus folgenden Gründen wichtig:

1.      Die so genannte Politik der „Abrüstung", die von Chruschtschow verfolgt wurde, erforderte gute Beziehungen mit möglichst vielen religiösen Einrichtungen. Der ÖRK entsprach diesem Erfordernis im höchsten Maße.

2.      Die Mitgliedschaft der Russischen Orthodoxen Kirche im ÖRK hätte die Vertiefung des Schismas mit der Russischen Kirche im Ausland objektiv gefördert.

3.      Die sowjetische Regierung, die gegen die Religion ankämpfte, strebte auch eine Diskreditierung der Kirchenleitung der Russischen Orthodoxen Kirche in den Augen der einfachen Gläubigen an, und zwar in punkto Reinheit und Treue der Orthodoxie.

Metropolit Nikolaj stemmte sich dem Eintritt des Moskauer Patriarchats in den ÖRK entgegen. Mehr noch, in seinen außenpolitischen Äußerungen kam er von der ehemaligen Einseitigkeit ab und sprach davon, dass beide Seiten im grausamen Wettrüsten einander anspornten, sowie auch von „irgendwelchen tiefliegenden Grundlagen, die den Westen und den Osten an der Erreichung beidseitigen Vertrauens hindern". In Äsopischer Sprache bedeutete es das, was später prägnant durch Solschenitsin ausgedrückt wurde: „Der Westen und der Osten sind beides atheistische Welten und einander gar nicht so fremd."[32] Die Regierung war sehr unzufrieden. Am 15. Juni 1960 äußerte Kurojedow bei seinem Treffen mit Patriarch Alexij seine tiefe Unzufriedenheit mit den Aktivitäten des Kirchlichen Außenamtes, unter anderem wegen der fehlenden Offensive und „die schwache Bloßstellung der diffamierenden Propaganda über die Lage der Religion und der Kirche in der UdSSR". Kurojedow empfahl - genauer gesagt, verordnete - Metropolit Nikolaj von der Position des Vorsitzenden des  Kirchlichen Außenamtes abzuziehen. Der Patriarch stimmte zu, wobei er noch dazu sagte, dass Metropolit Nikolaj sich durch sein Amt bedrückt fühle, und schlug dessen Stellvertreter, Archimandrit Nikodim (Rotow)[33], als Nachfolger vor. Am 16. Juni 1960 wurde Metropolit Nikolaj von seinen Pflichten als Vorsitzender des Kirchlichen Außenamtes befreit (angeblich auf eigenen Wunsch), wobei ihm allerdings Dank für seine hingebungsvolle und erfolgreiche Arbeit ausgesprochen wurde. Auf seine Stelle wurde der junge Archimandrit Nikodim ernannt, der dabei auch zum Bischof von Podolsk erhoben wurde (am 10. Juli 1960)[34]. 1961 führte dieser Erzbischof Nikodim die Russische Orthodoxe Kirche in den Ökumenischen Rat der Kirchen hinein.

Die weiteren Ereignisse verliefen tragisch. Kurojedow forderte, dass Metropolit Nikolaj aus Moskau zu entfernen sei. Der Patriarch bot Metropolit Nikolaj die Diözese von Leningrad oder von Nowosibirsk zur Wahl an, aber der lehnte ab. Nachdem er aus dem Urlaub zurückkehrt war, wurde ihm verweigert, in Moskauer Kirchen zu dienen. Am 16. September 1960 wurde Metropolit Nikolaj aus dem Amt des Metropoliten von Krutitsy und Kolomna entlassen und in den Ruhestand versetzt (angeblich auf eigenen Wunsch, wegen einer Herzkrankheit)[35]. Metropolit Nikolaj war durch diesen Ausgang sehr erschüttert, denn er hatte nicht geglaubt, dass weder der Synod noch der Patriarch ihn schützen würden. 1961 wurde Metropolit Nikolaj, obwohl ganz gesund, ins Botkin-Krankenhaus gebracht, wo er in vollständiger Isolation lag. Dort starb er am 13. Dezember 1961, angeblich an einem Herzanfall und eventuell infolge der Einnahme einer stark wirksamen und nicht indizierten Arznei. Ausgehend von dem Prinzip cui bono („wem nutzt es?") könnte vermutet werden, dass für seinen Tod der KGB zuständig war. Das Geheimnis des Dahinscheidens des Metropoliten Nikolaj wird sich aufklären, wenn einmal die KGB-Archive geöffnet werden. Aber wie Zeitgenossen sich erinnern[36], zweifelte die kirchlich-öffentliche Meinung sowohl im Westen als auch in Russland nicht daran, dass seine Eminenz Nikolaj vom Geheimdienst vergiftet worden war. Wenn es stimmt, dann war diese Aktion nicht nur die Vernichtung eines unbequemen Hirten, sondern auch eine Warnung an seinen Nachfolger, Erzbischof (später Metropolit) Nikodim, und nicht nur an ihn.

Mit der Beseitigung des Metropoliten Nikolaj war die Sache noch nicht ausgestanden. Am 15. September 1960 wurde auf Forderung des Rates für die Angelegenheiten der Russischen Orthodoxen Kirche auch Bischof Hermogen (Golubew) von Taschkent und Mittelasien von seinem Amt entfernt, welcher gegen die Schließung der Kirchen und die atheistische Kampagne mutig gekämpft und gepredigt und viel für die Konsolidation der Gemeinden sowie auch die Renovierung und Restaurierung der Gotteshäuser getan hatte. Ihm wurde unterstellt, er habe „die Funktionen der religiösen Gesellschaften für die Renovierung und den Schutz von Gebetshäusern an sich gerissen, indem er bei der Diözesenverwaltung eine Sonderstruktur, geleitet von einem Bauingenieur, organisiert" habe.[37] Bemerkenswert ist sein Versuch, Widerstand zu leisten, auch wenn er diesen nicht durchhielt: Erzbischof Hermogen wurde nicht in den Ruhestand entlassen, sondern in den Urlaub geschickt und 1962 an die Diözese von Omsk ordiniert.

Das Jahr 1961 war durch eine weitere Intensivierung der Verfolgung der Orthodoxen Kirche gekennzeichnet. Die neue Etappe begann mit der Verordnung „Über die Verstärkung der Kontrolle über den Vollzug der Gesetzgebung über die Gotteshäuser" (russ.: «Об усилении контроля за выполнением законодательства о храмах») vom 16. März 1961[38]. Diese sah vor, dass nicht nur die Gemeindepriester, sondern alle Kirchendiener mit der Einkommenssteuer belastet werden sollten; es wurde erlaubt, Einschränkungen zum Glockengeläut einzuführen (sprich: das Verbot des Glockengeläutes); und, was am Wichtigsten war, die Entscheidungen über die Entregistrierung und Schließung von Gotteshäusern sollten ab jetzt nicht auf zentraler, sondern auf regionaler Ebene getroffen werden (jedoch in Abstimmung mit dem Rat für die Angelegenheiten der ROK), was also hemmungsloser Willkür Tür und Tor öffnete. Am 31. März 1961 wurden der Patriarch und die ständigen Synodsmitglieder in den Rat für Religionsangelegenheiten vorgeladen. Dessen Vorsitzender Kurojedow forderte die Hierarchen auf, eine Reform der Gemeindenverwaltung durchzuführen. Er verwies darauf, dass es undemokratisch sei, wenn die Macht im Besitz einer einzelnen Person, also einem Priester sei, und verlangte, alle wirtschaftlichen und finanziellen Befugnisse dem Exekutivorgan der Gemeinde, dem so genannten „Zwanzigerrat", zu übergeben. Dieses grobe Eindringen in das innere Leben der Gemeinden und die Aufdrängung „demokratischer Normen" hatte eine eigenartige juristische Begründung, und zwar die Verordnung des All-Russischen Zentralen Exekutivkomitees und des Rates der Volkskommissare der RSFSR[39] „Über die religiösen Vereine" (russ.: «О религиозных объединениях») vom Jahre 1920, in der Priester als Personen, die kein Wahlrecht hatten, auch von wirtschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen worden waren - obwohl das Grundgesetz vom Jahre 1936 allen Bürger ohne Unterschied die gleichen Wahlrechte garantierte.

In seinem Treffen mit Kurojedow, das am 18. April stattfand, versuchten Patriarch Alexij, Metropolit Pitirim von Krytitsy und Erzbischof Pimen von Tula die Frage nach den ungerechten Maßnahmen in Bezug auf die Schließung der Gotteshäuser zu erheben und ihr Projekt des Beschlusses des Synods über die Wiedererrichtung der Rechte der Exekutivorgane im finanziell-wirtschaftlichen Bereich vorzustellen. In diesem Entwurf fehlte jedoch das, was für den Rat entscheidend wichtig war, nämlich der klare Hinweis darauf, dass Vorsteher von Gotteshäusern alle finanziell-wirtschaftlichen Anliegen an die Exekutivorgane der Gemeinden übergeben müssten, worauf der Patriarch auch aufmerksam gemacht wurde. Er verstand, dass Widerstand nutzlos gewesen wäre, und gab nach. Am selben Tag wurde der entsprechende Beschluss des Heiligsten Synods gefasst, laut dem Kleriker keinerlei finanziell-wirtschaftliche Befugnisse haben sollten. Dies alarmierte mehrere Bischöfe: Erzbischof Hermogen (Golubew), Erzbischof Simon (Iwanowski) von Winnitsa, Bischof Donat (Schegolew) von Nowosibirsk und Bischof Andrej (Sukhenko) von Tschernigow. Besonders heftig reagierte Bischof Lukas (Wojno-Jassenetski) von Simferopol. Durchaus zutreffend schrieb er: „Ab jetzt werden die Kirchenräte und Zwanzigerräte, sicherlich im Bündnis mit den Beauftragten [des Staates], die wahren Inhaber der Kirche sein. Die Geistlichen der oberen und mittleren Ränge wären dann nur noch die gemieteten Vollstrecker der Gottesdienste."[40] Der Vorsitzende des Rates für die Angelegenheiten der ROK verlangte, Erzbischof Lukas für derartige Aussagen in den Ruhestand zu schicken, doch der Patriarch stimmte dem nicht zu. Um die Diskussion zu beenden, bedurfte es eines Konzils. Dieses fand am 5. (18) Juli 1961 in der St.-Sergius-Dreiheitslavra unter durchaus seltsamen Bedingungen statt. Die Bischöfe hatten nicht gewusst, dass sie zu einem Konzil gefahren waren, denn sie waren nur auf das Fest des Hl. Sergius eingeladen worden. Diejenigen, die gegen die Gemeindereform hätten protestieren können, waren nicht eingeladen worden. Wer uneingeladen kam (so wie Erzbischof Hermogen), wurde zur Sitzung nicht zugelassen. Patriarch Alexij hielt vor der Versammlung einen Vortrag, der eine Erklärung des Sinnes der Gemeindereform enthielt. Der Patriarch behauptete, dass es für den Hirten, um von Kritik seitens Außenstehender frei zu bleiben, notwendig sei, sich keine „weltlichen Sorgen" machen zu müssen und „im Dienste des Wortes zu verbleiben", der Herde ein gutes Vorbild zu sein und sie ausschließlich geistlich zu beeinflussen. All das hätte sich ziemlich blauäugig und idealistisch-naiv angehört, wäre da nicht die harte Realität der Verfolgung gewesen. Die Zuhörer verstanden, worum es ging, und verurteilten den Patriarchen nicht. In seinem Vortrag setzte der Patriarch auch die ständige Anwesenheit von drei Synodmitgliedern in Moskau durch und begrüßte ferner den Eintritt in den ÖRK. Über die Gemeindereform berichtete Erzbischof Pimen (Izwekow) von Tula, der zukünftige Patriarch. In seinem Vortrag versuchte er, deren Zweckdienlichkeit und Kanonizität zu beweisen. Ein Sondervortrag über den Eintritt in den Ökumenischen Rat der Kirchen und über die Rolle der Russischen Orthodoxen Kirche darin, sowie auch über deren  friedensstiftende Tätigkeiten, wurde von Metropolit Nikodim (Rotow) gehalten. Zu den Vorträgen gab es praktisch keine Diskussionen, lediglich einfache Anträge zur Unterstützung der Änderungen. Die höchst prinzipiellen Entscheidungen, darunter auch der über den Eintritt in den ÖRK, mussten gezwungenermaßen unter dem Druck der Regierung getroffen werden. Allerdings waren das die Realitäten der Zeit.

Die Hoffnungen darauf, dass das Bischofskonzil helfen würde, die Kirchenverfolgung zu mildern, erfüllten sich nicht. Die Verfolgung tobte weiter. Nach Stand vom 1. Januar 1961 gab es in der Orthodoxen Kirche 11.572 Gemeinden, nach Stand vom 1. Januar 1962 nur noch 10.149 (davon 1.489 Gebetshäuser). Der Verlust der Russischen Orthodoxen Kirche betrug also über 1.400 Gemeinden. Einen heftigen Schlag erlitt auch die Georgische Orthodoxe Kirche; ihr blieben nur 40 Gemeinden. Es gab 10.221 registrierte Gemeinden, also verfügten 72 Gemeinden über keine eigene Kirche, trotz des Überflusses an Kirchen, die leer standen oder nicht bestimmungsgemäß benutzt wurden (ca. 10.000 Gebäude).[41]

Allein in Leningrad wurde die Anzahl der aktiven Gotteshäuser von 40 auf 15 verringert. Ein besonders harter Schlag war im Jahr 1961 die Schließung der Kapelle der Seligen Xenia von St.Petersburg, in der eine Werkstatt unterbracht war. Geschlossen und gesprengt wurde auch die großartige Kirche des Hl. Dimitrios von Thessaloniki (19 Jh. Manchmal ließen es die Behörden zu, die Kirchengeräte und -dekorationen in ein anderes Gebäude zu retten (so wie im Falle der Alexander-Newski-Kirche im Dorf Schuwalowo).

Ein besonders Wort sollte über die Repressionen gegen die Geistlichen, vor allem gegen die Bischöfe, gesagt werden. 1961 wurde Erzbischof Benjamin von Irkutsk angeklagt (er war bereits 1944 zu zwölf Jahren nach Artikel 58 verurteilt worden). Diesmal wurde eine abwegige Anklage wegen  „Kauf von Vaseline auf dem Schwarzmarkt" gegen ihn vorgebracht. Dies war so absurd, dass er freigesprochen wurde. Erzbischof Andrej (Sukhenko) von Tschernigow kämpfte mutig für die Gotteshäuser in seiner Diözese und rief das Volk dazu auf, sich der atheistischen Propaganda entgegenzustellen. 1961 wurde er wegen einer falschen Beschuldigung („wirtschaftlicher Missbrauch und Unsittlichkeit") zu acht Jahren verurteilt.

Nach wie vor wurden Repressionen gegen Priester verhängt. Insgesamt wurden während der Chruschtschow-Verfolgung mindestens einhundert Priester verurteilt. In der Regel bekamen sie drei bis vier Jahre Haft. So wurde Priester Nikolaj Awramenko aus Dniprodserschynsk zu vier Jahren, Hypodiakon Andrej (Schtschur) aus der Potschajew-Lavra zu drei Jahren verurteilt. Während der Chruschtschow-Verfolgung wurde die Anzahl der Lavra-Brüder um ein Drittel verringert (von 101 auf 35), und dem Kloster wurden fast alle Grundstücke enteignet. Mönche und Laien wurden verprügelt und aus dem Kloster verjagt. Die Klostergaststätte wurde ebenfalls enteignet, und Laien wurde es verboten, in Gotteshäusern zu übernachten; dann wurden gut besuchte Pilgerfahrten generell verboten. Wenn sich das  Ausland nicht eingemischt hätten, wäre die Lavra geschlossen worden.

Dieses Schicksal widerfuhr aber dem Kiewer Höhlenkloster, das 1963 geschlossen wurde, angeblich zur Restaurierung und wegen Einsturzgefahr. Es zeigte sich allerdings, dass es erst zu Einstürzen kam, nachdem keine Gottesdienste mehr zelebriert wurden.

In einigen Fällen und Orten gelang es den Erzbischöfen, die Klöster zu retten, indem sie auf diese oder jene Weise die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sie zogen. So gelang es 1961 bis 1964 Bischof Alexij (Ridiger) von Tallinn und Estland (dem zukünftigen Patriarchen), das Puhtitsa-Kloster von der Schließung zu retten. Im April 1962 empfing er dort eine Delegation der Evangelischen Kirche der DDR, geleitet von Präsident Gustav Jakob, was entzückte Artikel in [ost]deutschen Zeitungen zur Folge hatte; danach erschienen dort Delegationen des  Nationalrats der Kirchen Christi, des Ökumenischen Rates der Kirchen u.a. Die Frage nach der Schließung des Puhtitsa-Klosters entfiel von selbst.[42] Doch standen solche Möglichkeiten nicht allen Bischöfen zu Verfügung, denn nicht alle waren Stellvertreter des Vorsitzenden des Kirchlichen Außenamtes.

Wenden wir uns dem Schicksal der Seminare zu. Nach dem Stand von 1959 gab es acht davon (in Leningrad, Moskau, Kiew, Weißrussland, Odessa, Wolhynien, Saratow und Stawropol). 1965 waren nur noch drei davon übrig (in Leningrad, Moskau und Odessa). Die Vernichtung der Seminare verlief unterschiedlich. Das Stawropoler Seminar wurde zunächst mit dem von Saratow fusioniert, indem die von der Kirche gekauften Gebäude beschlagnahmt wurden; danach wurde auch das Saratower Seminar geschlossen. 1960 wurde auch das Kiewer Seminar ohne Begründung geschlossen. Die Seminare von Weißrussland  und Wolhynien wurden zwar nicht geschlossen, aber dort wurden keine neuen Studenten mehr zugelassen, weshalb sie von selbst schließen mussten. Im Ergebnis reichte die Anzahl der Studenten und folglich die der Neugeweihten, nicht mehr aus, um die benötigte Anzahl an Geistlichen aufrechtzuerhalten. Diese verkleinerte sich allerdings durch die Schließung von Gemeinden.[43]

Nach Stand vom 1. Januar 1963 gab es noch 10.100 Gemeinden der Russischen Orthodoxen Kirche, von denen nach Stand vom 21. August nur noch 8.314 orthodoxe Gemeinden registriert waren (davon 44 der Georgischen Kirche). Anders konnte es auch nicht sein, denn die neuen Zwanzigerräte, die ganz unter dem Einfluss der Behörden standen, lösten sich fast ohne Widerstand auf und stellten Anträge auf Entregistrierung.

Wenn es 1966 nur noch 7.525 Gemeinden gab, und in der Breschnew-Ära 50 Gemeinden pro Jahr geschlossen wurden, und die Kirche Ende 1964 noch 7.630 Gemeinden gehabt hatte, ergibt sich, dass im Zeitraum von 1963 bis 1964 ca. 700 Gemeinden geschlossen wurden. Das ist weniger als in den heftigsten Jahren von 1960 bis 1962, aber mehr als 1959. Von den Klöstern blieben achtzehn übrig, zwölf Männer- und sechs Frauenklöster; die Gesamtzahl der Mönche und Nonnen betrug anderthalbtausend.[44]

Chruschtschow kam es gar nicht in den Sinn, die Verfolgung zu stoppen: er hatte ja vor, 1980 „den letzten Pfaffen im Fernsehen zu zeigen".

Die Parteiideologen Suslow und Iljitschow stachelten ihn weiter an: es reiche nicht aus; gutmutig damit zu rechnen, dass die Religion als antiwissenschaftliche Ideologie von selbst aussterben würde[45]. Ende 1963 erließ der Ideologieausschuss der Zentralkomitee den umfassenden Plan „Die Maßnahmen zur Verstärkung der atheistischen Erziehung der Bevölkerung" (russ.: «Мероприятия по укреплению атеистического воспитания населения»). Dieser sah eine strenge Kontrolle der Tätigkeit von religiösen Vereinen und die Erfassung von Taufen, Trauungen und Bestattungen sowie der individuellen Arbeit mit Gläubigen, einschließlich Kindern und Jugendlichen, vor. Die örtlichen Beauftragten befahlen den Priestern, keine Kommunion zu spenden, Kindern keine Beichten abzunehmen und sie nicht einmal ins Gotteshaus einzulassen. Die Zwanzigerräte und die Gemeinden wurden von Vertretern der Geheimdienste infiltriert und bespitzelt, die nach Möglichkeit über alle Gläubige Bericht erstatteten.

Der Kirche drohte der Untergang. Daher war es wahrscheinlich die Vorsehung Gottes, dass Chruschtschow am 14. Oktober 1964, am Tag des Gedenken des Schutzes der Gottesmutter, als Sekretär des ZK der KPdSU entlassen wurde. An die Macht berufen wurde L. I. Breschnew, der volksnäher eingestellt war und realistischer dachte. Die Verfolgung ließ nach, allerdings wegen der natürlichen Trägheit der Dinge vor Ort nicht sofort. Kennzeichnend ist die Geschichte mit Vater Pawel (Edelgejm), der in Kasachstan diente und 1966 ein Gotteshaus errichten wollte. Er wurde wegen „wirtschaftlichen Missbrauchs" verhaftet und verlor im Straflager einen Fuß.

Dennoch ließ die Verfolgung als massenhafter, gezielter Vorgang bis Anfang 1966 nach.

Listen wir die Hauptmerkmale der Chruschtschowschen Verfolgung auf:

1.      Relativ wenig Verhaftungen (einige Hunderte), keine Erschießungen. Nur zwei Verhaftungen unter den Bischöfen.

2.      Bestrebung, die Kirche nicht von außen, sondern von innen zu vernichten (durch das Institut der Zwanzigerräte, die den Behörden untergeordnet waren), sowie auch durch Druck auf den Patriarchen und den Synod.

3.      Schlag auf die Material- und Ausbildungsbasis der Moskauer Patriarchie (Erstickung der Klosterwirtschaft und des Kerzenverkaufs, Schließung der Seminare).

4.      Beseitigung der Kirchenvorsteher in der der Finanzverwaltung und Enteignung des Besitzes der Kirche.

5.      Verbot der Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen im Gotteshaus.

6.      Aktive Suche nach Renegaten unter Geistlichen und Gläubigen.

7.      Ideologischer Überbau mit „wissenschaftlicher antireligiöser Propaganda" und Schaffung der Illusion der freiwilligen Schließung der Gemeinden.

Wie lautete die Antwort der Kirche auf diese Verfolgung?

Anders als allgemein angenommen blieben die Kirchenhierarchen während der Verfolgung weder gleichgültig noch stumm. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten bemühten sie sich um den Erhalt und Schutz der Gemeinden und Klöster. Kennzeichnend sind zwei Phasen des Widerstandes der Hierarchen: die aktive (1958 bis 1960, bis zum Rücktritt des Metropoliten Nikolaj) und die passive (1961). Die Beschlüsse des Bischofskonzils von 1961 waren für die Kirche nachteilig, aber notwenig. Zum Teil war auch der Eintritt in den ÖRK notwendig, der durch den Druck der Regierung provoziert worden war, aber auch dem Bedürfnis der Kirche selbst entsprach, die eigene Autorität außer- und innerhalb des Landes zu erhöhen.

 

[1] Виталий Боровой (протопресв,) Воспоминания о митрополите Никодиме//Человек Церкви М. 1999, с. 131

[2] И. Бунич Золото партии. Спб . 1993 с. 223

[3] Митрополит Иоанн. Самодержавие духа. Спб. 1994. с. 320

[4] Виталий Боровой (протопресв,) Воспоминания о митрополите Никодиме//Человек Церкви М. 1999, с. 131.

[5] Владислав Цыпин. История русской Церкви. 1917-1997./История русской Церкви книга IX с. 363. М. 1998

[6] Поспеловский Д.В. Русская православная Церковь в XX веке. М. 1995. С. 280

[7] „Правда",  7. Juli 1954 

[8] Aus dem Vortrag:  прот. Владислава Цыпина "Юридический статус Русской Православной Церкви в советское время" auf der Tagung "200 лет со дня рождения св..Иннокентия Московского" (wird für die Veröffentlichung vorbereitet).

[9] Димитрий Поспеловский. Православная Церковь в истории Руси, России и СССР. Москва. 1996. с. 322.[10] ЦГАОР оп.2, ед хр. 254, л. 1

[11] Владислав Цыпин. История русской Церкви. 1917-1997

[12] Цыпин История русской церкви 1917-90. С. 380.

[13] Поспеловский. Русская православная Церковь в XX веке. С. 286

[14] Шафаревич И.Р. Законодательство о религии в СССР. Париж. 1973. с. 53-56

[15] Струве Н. Из глубины. Париж. 1967. С. 269

[16] Leningrad war 1924 bis 1991 der Name der Stadt St. Petersburg. (Anm.d.Ü.)

[17] Kathedrale zu Ehren der Gottesmutterikone von Kasan (Anm.d.Ü.)

[18] Димитрий Поспеловский. Православная Церковь в истории Руси, России и СССР. Москва. 1996. с. 323

[19] Журнал Московской Патриархии. 1960 N2. c. 27. S. die Monographie Фирсов С.Л. Апостасия. Спб 2003. Es wird erzählt, dass Alexander Osipow kurz vor seinem Krebstod 1980 Reue empfand und sich mit der Kirche versöhnen und die Kommunion empfangen wollte, was ihm jedoch nicht gewährt wurde. Während er am Tropf hing, soll er Psalmen gesungen haben. Ich hatte nicht die Möglichkeit, die Glaubwürdigkeit dieser Berichte, die mir von einem Diakon mitgeteilt wurde, der früher in der Kasaner Kirche des Dorfes Wyriza gedient hatte, zu überprüfen.

[20] Unter Metropolit Nikolaj war die Außenpolitik der Kirche auf allseitige Unterstützung der sowjetischen Regierung und Verschleierung der wahren Lage der Kirche in Russland gerichtet. Bekannterweise wurde gegenüber ausländischen Stellen behauptet, dass die Kirche in Russland keine Verfolgung erlitte. Häufig forderte Metropolit Nikolaj seine Mitarbeiter dazu auf, entsprechende Erklärungen abzugeben. Zu seinen Mitarbeitern zählte auch Archimandrit Nikodim (sein Nachfolger als Metropolit). Als er die routinemäßigen Lügen über „die Freiheit der Kirche in Russland" hörte, sagte er mit einem bitteren Lächeln: „Wäre ich an ihrer Stelle, würde ich vermutlich dasselbe sagen."

[21] ЦГАОР оп.2 ед хр. 227, л.2-4.

[22] Гордун С. Русская Православная Церковь в период с 1943 по 1970 год. ЖМП 1993 N 2. C 12

[23] Metropolit Manuil (Lemeschewski) charakterisiert ihn in seinem Buch „Русские православные иерархи с 1893 по 1965 г. т. III",  S. 282, als einen Menschen mit fundierten theologischen Kenntnissen und großem Verstand. 1939 war er einer der wenigen aktiven Erzbischöfe gewesen, die von Seiner Heiligkeit Patriarch Tichon geweiht worden waren.

[24] Поспеловский . Русская Православная Церковь в ХХ веке с. 287-288.

[25] Vielleicht war diese Stellungnahme des Metropoliten Nikolaj, außer dem Druck seitens der Behörden und der ureigenen russischen Widerwilligkeit, „den Schmutz aus der Stube zu fegen", auch der nüchternen Erkenntnis geschuldet, dass der Westen der Orthodoxen Kirche sowieso nicht hätte helfen können.

[26] S. seine Predigten, die 1947-1952 veröffentlicht und 1997 neu aufgelegt wurden.

[27] Цыпин Владислав (протоиерей) История Русской Православной Церкви. 1917-1990 с. 157.

[28] Поспеловский Д.В. Русская Православная Церковь в ХХ веке. М. 1995 С. 290

[29] Die Białowieża-Vereinbarungen (Russisch: Беловежские соглашения) regelte die Selbstauflösung der Sowjetunion und ihre Überführung in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Sie wurden am 8. Dezember 1991 in der Staats-Datscha im Białowieża-Nationalpark bei Viskuli von den Staatsoberhäuptern Russlands, der Ukraine und Weißrusslands unterzeichnet. Sie wurden allgemein als illegaler Staatsstreich angesehen, der zum Ziel hatte, Gorbatschow zu entmachten. (Anm.d.Ü.)

[30] ASSR: autonome sozialistische Sowjetrepublik. (Anm.d.Ü.)

[31] Aus den Erinnerungen des Erzbischofs Wassili über das Konzil von 1971 года//Вестник Русского Христианского Движения 147. (1986). 219,

[32] А.И.Солженицын. Интервью радиостанции Свобода.//Вестник РХД за 1974 г.

[33] Archimandrit Nikodim war nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land (1959), wo er eine Missionsstation geleitet hatte, direkt Patriarchatskanzleileiter und Stellvertretender Leiter des Kirchlichen Außenamtes worden (Человек Церкви. с. 3).

[34] Русская Православная Церковь в советское время. М. 1995. Книга 2. с. 23.

[35] Цыпин Владислав (прот.) История Русской Церкви. 1917-1997. с. 387

[36] Aus den Erinnerungen des jetzt verstorbenen Vaters Michail Arranz (о. Михаил Арранц).

[37] Гордун Сергий . Русская Православная Церковь в период с 1943 по 1970 год. ЖМП 1993 N 2. с. 25.

[38] Правда за 16 марта 1961 года.

[39] RSFSR: Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik. (Anm.d.Ü.)

[40] Лука (Войно-Ясенецкий), епископ. Я полюбил страдание. М. 1996. С. 199.

[41] Цыпин Владислав (прот) История Русской Церкви. 1917-1997.. с. 397.

[42] Патриарх Алексий II. Я с надеждой смотрю в XXI век.//Церковь и время. N1 (8). 1999. C. 16.

[43] Поспеловский. Русская Православная Церковь в XX веке. С. 300-301.

[44] Цыпин Владислав (прот.) История Русской Церкви. 1917-1997.

[45] Алексеев В. "Штурм небес отменяется". Критические очерки по истории борьбы с религией в СССР. М. 1992.

[46] Der Dulles-Plan (auch: Dulles-Doktrin) ist das zentrale Dokument einer Verschwörungstheorie, nach der CIA-Chef Allen Dulles für die USA einen Plan ausgearbeitet haben soll, die Sowjetunion durch geheime Aushöhlung ihres kulturellen Erbes und ihrer moralischen Werte zu zerstören. In Russland wurde der Plan erstmal kurz nach der Auflösung der UdSSR veröffentlicht und seitdem häufig von russischen Politikern, Journalisten und Schriftstellern zitiert. Zuerst veröffentlicht und Allen Dulles zugeschrieben wurde dieser bestimmte „Plan" 1993 in einem Buch des Metropoliten Ioann von St. Petersburg und Ladoga. Es wird aber auch die Ansicht vertreten, er sei erstmals in einem belletristischen Werk, der Novelle „Der ewige Ruf" von Anatolij Iwanow aus dem Jahre 1971 zitiert worden, wo er einem Nazi-Kollaborateur, zugeschrieben wird. Der Begriff „Dulles-Plan" bezeichnet manchmal auch eine Reihe nicht-zusammenhängender Auszüge aus dem Programm NSC 20/1 („U.S. objectives with respect to Russia"), die Nikolaj Jakowlew 1983 in seinem Buch „CIA gegen UdSSR" vorgestellt hat. Der Plan beschreibt, wie die Vereinigten Staaten die sowjetische bzw. russische Bevölkerung durch gezielte Beschädigung grundlegender kultureller Werte von innen heraus zerstören könnte. Dazu sollten die verschiedenen Kulturträger - Literatur, Theater und Kino - dazu gebracht werden, Gewalt, Verfall und Laster wie Drogen und sexuelle Freiheit zu propagieren. Außerdem sollten diese Institutionen die Verwaltungen in Chaos, Bürokratie und Korruption stürzen und Nationalismus, Rassenhass und Misstrauen in der Bevölkerung sähen.



добавить на Яндекс добавить на Яндекс