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Die modernen Gefahren der geistlich-kulturellen Identität Europas

31. März 2010
Dem eigenständigen Raum der ostslawischen Zivilisation droht eine allmähliche Involvierung in die Einflusssphäre der europäischen Kultur mit ihrer Ideologie der säkularen Weltanschauung. Im Lichte dessen wächst die Aktualität der Konfrontation der liberal-säkularen Ideologie mit der religiösen Weltanschauung, was Priester Sergius Svonarev in seinem Artikel erhellt.
Die moderne Welt erlebt viele Kataklysmen und Erschütterungen, zu denen Militärkonflikte, Konfrontationen von politischen Interessen, globale Wirtschaftskrisen, ethnische Auseinadersetzungen, soziale Unstabilität und Gräben zählen. Doch besteht die größte Herausforderung an die menschliche Gemeinschaft in der liberal-säkularen Ideologie des Daseins, deren Entwicklung auch alle anderen Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens bestimmt.

Diese Ideologie hat ihre Wurzel in der Doktrin des Humanismus der Neuzeit und impliziert als Hauptwert die Rechte und Freiheiten des Menschen, losgelöst von moralischen Dimensionen. Eigentlich entfesselt sie die sündhafte menschliche Natur, die nun durch kein moralisches Gesetz mehr beschränkt ist, das, ihrer Logik nach, keine Konstante, sondern eine bloße Variation menschlichen Verhaltens darstellt.

Die liberale Idee, die sich im Westen verankert hat, beginnt in einer Region hinüberzudriften, die Jahrhunderte lang in Anlehnung an die religiösen Werte und das durch sie gebildete System der moralischen Koordinaten existiert hat und so auch nach wie vor existiert. Mit der Erweiterung der Europäischen Union und der Aufnahme immer neuer europäischer Länder (in erster Linie aus der Reihe der osteuropäischen Staaten) nähern sich die ideologischen und mentalen Brüche immer mehr der ostslawischen Welt. Dem eigenständigen Raum der ostslawischen Zivilisation droht eine allmähliche Involvierung in die Einflusssphäre der europäischen Kultur mit ihrer Ideologie der säkularen Weltanschauung und den Rechten und Freiheiten des Menschen, die als doktrinale Stütze des vereinigten Europas gelten.

Als solche ist die Idee der menschlichen Rechte und Freiheiten eine wichtige Richtschnur der öffentlichen Beziehungen. Sie hütet die Menschenwürde und die unverletzlichen fundamentalen Rechte. Doch transportiert sie auch etwas, was für das im ostslawischen Zivilisationsfeld lebendige religiöse Bewusstsein inakzeptabel ist, nämlich die Relativität der Moral und der sittlichen Koordinaten des menschlichen Daseins, die Durchsetzung der säkularen Weltanschauung und die Leugnung der Sünde. Nach dem Prinzip des international weit verbreiteten Konzepts der Rechte und Freiheiten, das da lautet: „alles ist erlaubt, was gesetzlich nicht verboten ist", wird in der Gesellschaft ein moralischer Relativismus und Nihilismus durchgesetzt. Das moralische Gesetz, einst Grundlage der Gesellschaft, hört auf zu bestehen, da es durch die internationale Gesetzgebung nicht kodifiziert und Teil des Privatlebens des Menschen ist. Wenn es nach wie vor Gesetz bleibt, dann höchstens für den Menschen, der sich ihm unterwirft, aber nicht für die Gesellschaft als Ganze.

Im „alten" Europa sind die religiösen moralischen Werte längst nicht mehr Richtschnüren des öffentlichen Lebens. Dennoch bleiben sie als solche in den Ländern Osteuropas bestehen, wo es nach wie vor Tradition ist, das Dasein und die Entwicklung der Gesellschaft mit christlichen Normen zu messen. Und dieser Tradition, die behauptet, dass eine künstliche Unterbrechung der Schwangerschaft und Euthanasie Mord, Prostitution Sünde und kein Beruf, und Familie ein Bund eines Mannes und einer Frau und keine homosexuelle Beziehung ist, steht die menschenrechtliche Ideologie des ethischen Anything Goes („Alles ist erlaubt") entgegen.

Die Konfrontation der liberal-säkularen Ideologie mit der religiösen Weltanschauung spiegelt sich am häufigsten in der Aktivität internationaler Organisationen und in Gerichtsurteilen wider. So hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte am 3. November 2009 in der Sache „Lautsi gegen Italien" einen Beschluss verabschiedet, der verbietet, in allgemein bildenden Schulen christliche Symbole, unter anderem Kruzifixe, zu platzieren, da dies angeblich den Menschenrechten widersprechen und dem säkularen Charakter der Bildung nicht entsprechen würde. So wird über die Angelegenheiten der kulturell-religiösen und folglich der zivilisationalen Identität ganzer Völker durch ein gerichtliches Verdikt entschieden.

Dadurch, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die nationale und kulturelle Besonderheit einzelner Länder ignoriert, gründet er eine Norm für die verfügungberechtigte Einmischung internationaler Strukturen in die inneren Angelegenheiten religiöser Organisationen und in konkrete Systeme staatlich-konfessioneller und kirchlich-öffentlicher Beziehungen. Diese Schlussfolgerung entsteht durch die Bewertung der Gerichtsurteile des EGMR, die eine religiöse Komponente beinhalten. Zur Bestätigung dieses Gedankens führe ich einen ausdrucksvollen Beschluss der europäischen Justitia an. Vor einem Jahr hat diese Justizbehörde ein Urteil bezüglich der bulgarischen Schismatiker erlassen, in dem sie die Regierung Bulgariens verpflichtete, der schismatischen Organisation vorher beschlagnahmte Immobilien zurückzugeben. Die Regierung des Landes haben eine Klage in der Großen Kammer des Europäischen Gerichthofes eingereicht, deren Verhandlung jedoch abgelehnt wurde. Die Gefahr der EGMR-Verdikte besteht darin, dass sie Präzedenzcharakter haben und als Muster für juristische Beurteilungen ähnlicher religiöser Situationen dienen könnten. Diese Tatsache veranlasst die Russische Kirche dazu, sich Verbündete in den traditionellen religiösen Gemeinden und bei den mit ihr solidarischen öffentlichen Kräften zu suchen, die in der Lage sind, der europäischen Justiz den Gedanken über die Notwendigkeit der Berücksichtigung der religiösen Traditionen des jeweiligen Landes in Gerichtsurteilen überzeugend darzubringen.

Bisweilen trägt die Politik des EGMR, sowie auch des Europarates als Ganzem, zur Zerstörung der geistlichen Grundlagen der europäischen Welt bei, und zwar mittels der Implementierung konsequent säkularer Prinzipien in die Basis des europäischen öffentlich-politischen Systems. So hätte der Beschluss  № 11757 vom 14. Oktober 2009, der von einigen Parlamentariern der Parlamentarischen Versammlung des Europarates vorbereitet (aber nicht bewilligt) wurde, die Ärzte in der Möglichkeit, die Durchführung von Abtreibungen zu verweigern, wesentlich eingeschränkt. Dieses Dokument postuliert, dass Abtreibungen ein unverzichtbares Menschenrecht seien. Der Beschluss sah auch vor, die Möglichkeit der Verweigerung von Abtreibungen aufgrund entsprechender religiöser Ansichten des Arztes oder der jeweiligen Institution einzuschränken. Angesichts dessen wird deutlich, dass diese angesehene internationale Einrichtung faktisch bereit ist, die Auslöschung schutzlosen menschlichen Lebens zu akzeptieren. Zum Glück hat sich diese Tendenz letztendlich nicht durchgesetzt.

Unter den letzten Dokumenten, die die Parlamentarische Versammlung des Europarates erarbeitet hat und die zur Gefahr für Ethik, Moral und Sittlichkeit der traditionellen Gesellschaften werden können, befindet sich der Entwurf des Beschlusses „Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität" (vorbereitet vom PACE-Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und  Menschenrechte). Dieser Entwurf verkündet die Notwendigkeit der Gleichstellung der herkömmlichen Familie mit der homosexuellen Partnerschaft. Er ruft auch zur Propagierung des Homosexualismus und anderer Formen nicht-traditioneller Sexualität durch Schule und Massenmedien auf. Eine der alarmierenden Thesen, die diesem Entwurf zugrunde liegen, ist die Tatsache, dass öffentliche Aussagen gegen solche Erscheinungen und ihre freie Verbreitung in der Gesellschaft als „Sprache des Hasses" bezeichnet werden.  Dies würde bedeuten, dass jedes offene Nichteinverständnis mit den Bemühungen, nichttraditionelle Sexualverhalten und Lebensarten zur Norm zu erklären, abgelehnt und verfolgt würde.

Der Entwurf dieses PACE-Beschlusses hat eine breite öffentliche Diskussion ausgelöst. Es gab zahlreiche Abänderungsvorschläge, weshalb seine Verhandlung auf die Frühlingssitzung der Versammlung verschoben wurde. Gleichwohl steht er noch auf der Tagesordnung. Die europäischen Beamten neigen zu der Meinung, dass die sexuelle Orientierung nicht zum Bereich von Moral und Sittlichkeit gehöre, und deshalb hätten ihre nicht-traditionellen Formen das volle Recht auf uneingeschränkte Präsenz in der Gesellschaft. Bezüglich religiöser Normen, die das Verbot homosexueller Beziehungen beinhalten, kündigen die Apologeten der sexuellen Minderheiten an, dass diese heutzutage nicht mehr Quelle gesellschaftlicher Moral und Sittlichkeit sein sollten. Darum sei jeder frei, seine sexuellen Vorlieben zu bestimmen und öffentlich zu demonstrieren. Hier trifft der Gedanke von F. M. Dostojewski; „wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt".

Die Autorität der internationalen europäischen Einrichtungen beeinflusst auch die Politik der nationalen Strukturen im Bereich der Gesetzgebung. Zurzeit werden wir Zeugen davon, dass in einzelnen europäischen Ländern die Äußerungen der christlichen Tradition zurückgedrängt werden, um sie dem Toleranzprinzip zu unterwerfen. Unter anderem wird in Großbritannien über die Einführung eines Gleichheitsgesetzes diskutiert (Initiative vom 19. November 2009), laut dem ein Verbot von Feiern zu Weihnachten bzw. Geburt Christi eingeführt werden kann. Vorerst gelten die Empfehlungen an die Bürger, keine Weihnachtslichter anzuzünden, sowie Weihnachtskarten, die Bilder vom Jesuskind, den Heiligen Drei Königen und der Hirten zeigen, zu vermeiden, während das Fest selbst immer häufiger „saisonal"  oder „Winterfest" genannt wird. Nach den Worten der Verfechter dieser Vorgehensweise geschieht all das, um, unter anderem, die muslimische Minderheit nicht zu beleidigen. Dabei bezweifeln selbst die Muslime, dass solche Maßnahmen zu einer friedlichen multikulturellen und multireligiösen Koexistenz in den traditionell christlichen europäischen Ländern führen würden.

In der Gesetzvollzugspraxis einiger Länder Europas ist zu beobachten, dass die jeweilige Regierung die geistlichen Bedürfnisse der Stammbevölkerung missachtet. In diesem Zusammenhang darf die Absicht der spanischen Regierung genannt werden, ab dem 24. November 2009 zu verbieten, christliche Symbole in Schulen, Krankenhäusern, Gefängnissen und Kasernen zu platzieren. Dieses Verbot gilt auch für die Zeremonien der Amtseinführung von Ministern, die bislang auf die Bibel und vor dem Kruzifix ihren Eid ablegten.

Es ist notwendig anzumerken, dass dies nicht der erste Fall dieser Art in Spanien ist. So beschloss 2008 das Gericht der spanischen Stadt Valladolid auf die Klage einer Gruppe Eltern hin, aus den Klassenzimmern einer Privatschule die Kruzifixe zu beseitigen.

Die genannten Beispiel illustrieren, dass der aggressive Liberalismus und Säkularismus nicht nur zur Bedrohung religiöser Traditionen werden , sondern auch dazu führen könnte, dass die Völker Europas ihre christliche Identität verlören und damit auch angesichts der passionär[1] stärkeren Kulturen und Religionen angreifbar würden. Eine Barriere gegen diese Tendenz zur Zivilisationsverrottung könnte ein offener Dialog über die Werte sein, zu dem die Kirchen und andere traditionelle religiöse Gemeinschaften Europas aufrufen müssten.

 

[1] Die vom russischen Historiker Lew Gumiljow (1912-1992) erarbeitete Passionaritätstheorie bezieht sich auf die Entstehung und Evolution von Ethnien. Gumiljow hat eine Theorie der Ethnogenese entwickelt, in der er die Entwicklung von neuen Ethnien mit der Existenz von "passionären" Menschen verbindet. Passionarität kann als Niveau der Lebensenergie und Stärke einer ethnischen Gruppe erklärt werden. Passionäre Individuen legen keinen oder nur geringen Wert auf Selbsterhaltung, sind aber bereit, ihr Leben für abstrakte Werte oder Ziele zu opfern. Im Laufe der Zeit sammeln sie sich zu Gruppen mit eigenen Verhaltensmentalitäten. Auf diese Weise entstehen neue Ethnien, deren Lebensweg bereits festliegt und daher vorherbestimmbar ist. Gumiljow erläuterte, dass Ethnien folgende Stadien durchlaufen: Entstehung, Entwicklung, Höhepunkt, Inertion, Konvolution). Den gegenwärtigen Zustand Europas beschrieb er als „tiefe Inertion" bzw. „Beginn der Verdunkelung, während die Passionarität der arabischen Welt hoch sei.

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